Part 13
Uncle Jim, ein großer berühmter „Löwentöter“, wurde seinerzeit von der Regierung angestellt und erhielt den Auftrag, zum Schutze der Rehe möglichst viele Raubtiere zu vernichten. Fünfundzwanzig Jahre lang verfolgte er den Puma und erlegte in den Wäldern des Walhallaplateaus 1500 Stück, davon etwa 1100 in der Gegend von Wylie Way Camp. Dabei zog er eine besondere Hunderasse auf, die eigens auf den Puma abgerichtet war, dessen Wegen auf den Felsenhängen und in den Wäldern folgte und ihn auf Bäume hinaufjagte, wo er leicht geschossen werden konnte. Der Hund, der der Stammvater dieses Geschlechts von Pumatötern war, hatte allein 607 Pumas aufgespürt, aber als er der Fährte des 608. folgte, wagte er sich zu weit auf einen vereisten Felsabhang hinaus, verlor den Halt und stürzte in die Tiefe. Doch der Puma, der den Jagdeifer seines Verfolgers zu so verhängnisvoller Unvorsichtigkeit entflammt hatte, mußte auch sein Leben lassen. Einmal kam Präsident Theodor Roosevelt nach dem Walhallaplateau, um unter Uncle Jims Leitung Pumas zu jagen. Der Präsident war von der erfolgreichen Jagd so entzückt, daß er zur Erinnerung daran Uncle Jim ein Jagdgewehr mit goldenem Namensschild schenkte. Der Alte bezog ein Gehalt von der Regierung und erhielt auch von Farmern und Viehbesitzern Bezahlung für seinen Ausrottungskrieg gegen die raubgierigen Katzen.
Ja, McKee konnte Geschichten von Tieren und Menschen erzählen! Eine von ihnen hatte eine Hütte zum Schauplatz, an der ich später auf dem Weg nach Salt Lake City vorüberkam, den V. T. Ranch im V. T. Park. Hier hatte sich achtzehn Monate vor meinem Besuch folgende dramatische Szene abgespielt.
In einer Stadt im südlichen Arizona hatte ein Mann einige Wertpapiere gestohlen und war nach Norden geflohen, um den Gran Cañon zu überschreiten und sich nach Utah zu begeben, wo er allen Spähern und Polizisten entgehen zu können glaubte. Auf dem Weg durch den Cañon gelang es ihm, einen verwilderten Esel zu fangen, der wieder so gut wie zahm geworden war. Auf diesem ritt er zum Nordrand hinauf, wo hoher Schnee lag. Schließlich erreichte er die Hütte des V. T. Ranch und ging mit seinem Esel hinein. Keine Menschenseele war in der Gegend, aber die Farmer hatten bei ihrem Aufbruch einen erheblichen Vorrat an Kartoffeln zurückgelassen.
Nachdem der Flüchtling einige Tage hier zugebracht hatte, erhielt er unerwarteten Besuch. Ein anderer Abenteurer war von Utah aufgebrochen und eines Tages in dem weiter nördlich gelegenen Hof des Pumajägers Uncle Jim aufgetaucht. Er erklärte, er habe die Absicht, nach Süden über den Gran Cañon zu gehen, um in Arizona bessergelohnte Arbeit zu suchen. Uncle Jim warnte ihn und sagte, bis zum nördlichen Cañonrand liege hoher Schnee. Aber der Mann versicherte, er sei an Wald, Wildnis und Schnee gewöhnt und werde auch hier schon durchzukommen wissen.
Er brach also auf und watete durch den Schnee nach Süden. Nachts hatte er keinen Schutz und war dem Erfrieren nahe. Völlig erschöpft erreichte er schließlich den V. T. Ranch und sah aus dem Schornstein der Hütte Rauch aufsteigen. Er ging an die Tür und klopfte an. Der Dieb öffnete die Tür ein wenig, hielt seine Axt drohend erhoben und erklärte, er werde den Ankömmling töten, wenn er sich nicht entferne. „Hier ist nur für einen Nahrung, nicht für zwei!“
Der andere bat und flehte um Einlaß; er war ganz entkräftet vor Kälte, hatte sich mehrere Zehen erfroren, konnte keinen Schritt weiter und hatte es nötig, sich in der warmen Hütte auszuruhen. Der Dieb blieb unerbittlich, kein Mensch dürfe über die Schwelle, erklärte er, und wieder hob er drohend die Axt. Da packte den Ankömmling die Wut, er zog sein Messer, riß die Tür auf und zischte: „Gut, dann soll es wenigstens einen Kampf auf Leben und Tod geben.“
Nun wich der Dieb zurück und wurde kleinlaut. Es hing an einem Haar, daß sie mit ihren Waffen aufeinander losgingen. Eine Zeitlang lebten sie auf Kriegsfuß. Sie mißtrauten und fürchteten einander, beobachteten sich und schielten sich gegenseitig verstohlen an, und keiner wagte, dem andern den Rücken zu kehren. In der Nacht hatte der eine seine Axt, der andere sein Messer zur Hand. Tag und Nacht fiel Schnee, immer höher wurden die Schneewehen. Sie sahen ein, daß es unmöglich war, die Hütte zu verlassen, solange das Schneewetter anhielt, daß die Wartezeit -- es war noch nicht einmal Neujahr -- lang und hart werden konnte und daß sie einander brauchen und helfen konnten; darum schlossen sie Frieden und legten Axt und Messer beiseite.
Als der Kartoffelvorrat zu Ende war, schlachteten sie den Esel und hatten nun für lange Zeit Fleisch. Mitte Dezember 1921 hatten sie sich in der Hütte getroffen und vier Monate mußten sie dort bleiben. Es schneite noch immer, und die Schneewehen türmten sich fast vier Meter hoch.
Im März fertigten sie Schneeschuhe an, dann brachen sie mit ihrem letzten Fleischvorrat nach Norden auf. Der Mann aus Utah, der sich die Füße erfroren und seine Zehen verloren hatte, war schlimm daran, er konnte sich ohne die Hilfe des Diebes nicht vorwärts bewegen. Sie kamen daher durch die ungeheuren Schneewehen nur langsam vorwärts und hatten bald nur noch ein kleines Stück Fleisch übrig. Als sie einmal den losen Schnee weggeschaufelt und sich hingelegt hatten, um zu schlafen, benutzte der Dieb die Gelegenheit, sobald der andere fest eingeschlummert war, und machte sich mit dem Fleisch und den Stücken einer Plane aus der Hütte davon. Er nahm als sicher an, daß sein Gefährte in der Einsamkeit umkommen werde.
Schon am folgenden Tag erreichte er den Hof Uncle Jims und log diesem eine Geschichte vor, die glaubhaft scheinen konnte. Dabei beging er jedoch die eine und andere Unvorsichtigkeit, die Uncle Jim und seine Leute Verdacht schöpfen ließen, daß nicht alles richtig sei und daß ein Mann fehle.
Am Abend trat plötzlich der Gefährte ein, und als er den Dieb erblickte, der ihn so verräterisch im Stich gelassen hatte, zog er das Messer und stürzte sich auf ihn; er hätte ihn getötet, wenn ihn die Anwesenden nicht daran gehindert hätten.
Während der Nacht wurden die beiden in getrennten Räumen untergebracht und bewacht. Am Morgen wollte der Dieb durch den Schnee nach der Stadt Hurricane weiter. Er ließ sich von den andern nicht abschrecken, die ihn vor dem 120 Kilometer langen Weg warnten und ihm rieten, lieber nach Fredonia zu gehen, das nur 22 Kilometer entfernt sei. Er machte sich also auf den Weg nach Hurricane, erreichte aber nie sein Ziel. Obwohl ein Jahr seitdem verflossen ist, hat niemand etwas von ihm vernommen. Wahrscheinlich ist er in der Kälte umgekommen und dann von Heulwölfen aufgefressen worden.
Der andere wurde in das Krankenhaus St. George in der Südwestecke von Utah gebracht, dem nächsten Ort, wo er richtige Hilfe erhalten konnte. Die Füße mußten ihm abgenommen werden, und freundliche Menschen nahmen sich seiner an.
Wir saßen am prasselnden Feuer und plauderten und sahen zu, wie die sprühenden Funken zum mondhellen Himmel emporwirbelten. Mit Herrn Jensen besprach ich den Plan eines zweitägigen Ausfluges nach Cape Royal.
Den ganzen folgenden Tag, 30. Juni, benutzte ich dazu, einige Skizzen und flüchtige Aquarelle hinzuwerfen, von denen ich zwei wiedergebe (S. 128 und S. 144). Auf dem einen sieht man den Deva- und Brahmatempel und einen Schimmer des Zoroastertempels, während das Kap Obi Point, von dem ihr Sockelrücken ausgeht, von Bäumen verdeckt wird. Das zweite Bild zeigt die Aussicht nach Norden und Nordnordosten auf das kleine Seitental und im Hintergrund einen Teil der innersten Regionen des Bright Angel Cañon. Die ganze Landschaft schimmert hier in Grün und Rot. Das Grün der Vegetation herrscht auf den Höhen vor, das Rot breitet sich nach der Tiefe zu aus. Der Kaibabkalkstein bildet senkrechte, ins Violette spielende Wälle. Es ist eine farbensatte, seltsame Landschaft, die recht unwahrscheinlich aussieht.
Am folgenden Morgen weckten mich Autogeratter und Stimmen; es war ungewöhnlich lebhaft am Wylie Way Camp. In dem einen Auto kamen Touristen angefahren, die auf das Kap hinausgingen und die Aussicht bewunderten, um auf dem gleichen Wege zurückzukehren. Die Insassen des zweiten waren drei Männer aus dem Volk, unter ihnen ein älterer Mann, voller Scherze und heiterer Einfälle. Ohne weiteres begann er von der bevorstehenden Präsidentenwahl zu sprechen und war der Überzeugung, daß Ford vom Volk gewählt werden würde. Er selbst wolle ihm gern seine Stimme geben, wenn Ford ihm als Gegengabe ein Auto schenke. „Manche Leute benutzen solche Methoden bei der Präsidentenwahl,“ sagte er, „aber vielleicht ist Ford doch nicht aus +dem+ Holz.“
Mit dem jungen Robert McKee wanderte ich durch den Wald nach dem anderthalb Kilometer entfernten nordöstlichen Rand des tief eingeschnittenen kleinen Seitencañons The Transept. Vom Rand aus kletterten wir eine steile Steinrinne zwischen zwei Kalksteinfelsen hinab und balancierten dann vorsichtig auf einem sehr schmalen Gesims vorwärts, wo wir den Abgrund zur Rechten und die Felswand zur Linken hatten. Zum Glück war dieser schwindlige Steg über die jähe Tiefe nicht lang, und ehe ich mich dessen versah, standen wir am Eingang einer Grotte, in der Höhlenbewohner, „Cliffdweller“, gehaust hatten. Wir traten in die kühle Dämmerung ein. Der Boden stieg recht steil zum innersten, höchsten Teil der Grotte an, der vom äußern Teil durch eine Mauer aus Steinen, Holzstücken und Mörtel abgetrennt war. Es sah aus, als sei der äußere Raum die eigentliche Wohnstätte, der innere vielleicht eine Vorratskammer gewesen. Als der junge McKee vor einiger Zeit diese Höhlenwohnung entdeckte, fand er Scherben von Tongefäßen, die er auflas. Deutlich konnte man noch sehen, wo die Feuerstätte gewesen war; nach den Spuren zu urteilen, kann es nicht besonders lange hergewesen sein, daß die Grotte bewohnt wurde. Von der Plattform vor der Höhle aus zeichnete ich eine Skizze des Ausläufers, der im Süden den Cañon The Transept begrenzt und dessen innerer höchster Teil Oza Butte heißt, während der äußere, eine kegelförmige Höhe, den Namen McClellan Point hat (S. 197). Zwischen Ausläufer und Grotte gähnt der schwindelnde Abgrund.
Im Laufe des Tags segelten weiße Wolken über Arizona hin. Es konnten die ersten Herolde der Regenzeit sein, obwohl diese gewöhnlich erst um den 20. Juli beginnt. Sie bringt einen oder zwei heftige Regenschauer am Tag. Die Luft wird dadurch abgekühlt, und der Regen ist besonders für das Vieh willkommen, das in den dürren Wäldern weidet. Alle Zisternen füllen sich mit Wasser, auf längere Zeit hinaus braucht man nicht zu fürchten, daß die Herden durch Durst gelichtet werden.
Über die Wärme konnte man sich in Wylie Way Camp nicht beklagen. Um Mitternacht sank die Temperatur auf 19,2 Grad. Aber Wylie Way Camp liegt auch bedeutend höher als der Südrand, nämlich 2515 Meter über dem Meer.
[4] Auf meine Frage, was die beiden Buchstaben bedeuteten, erhielt ich die Antwort, sie seien ursprünglich nur ein Brandzeichen gewesen, durch das ein Viehbesitzer seine Tiere von denen seiner Nachbarn unterscheiden wollte; man habe diese beiden Buchstaben gewählt, weil sie leicht einzubrennen seien.
Zwölftes Kapitel.
Ausflug nach Cape Royal.
Der 2. Juli war ein herrlicher Tag. Als wir um ½11 Uhr aufbrachen, stand kein Wölkchen am Himmel, und die Temperatur betrug nur 25 Grad. Es galt, den obersten Teil des Bright Angel Cañon zu umgehen und das ganze Walhallaplateau zu queren, den südöstlichen Block des Kaibabplateaus, mit dem es durch einen schmalen Hals zusammenhängt. Wir mußten also nach Norden, Osten, Südosten und Süden steuern, um unser Ziel zu erreichen, Cape Royal, das südlichste Kap des Walhallaplateaus, nordwestlich von Navaho Point.
Zuerst fuhren wir im Auto. Kurz hinter Jensens Station bestiegen wir einen Herrn Jensen gehörenden „Tallihoe“, einen hohen Holzwagen mit großen Rädern, der von zwei prächtigen Maultieren gezogen wurde. Der Kutscher Ernest Apling und ein Cowboy, Fuller, kutschierten dieses abenteuerliche Gefährt. Beide waren „Breakers“, Bereiter, und gehörten zu jenem frischen Schlag Freiluftmenschen, deren ganzes Leben darin besteht, sich in Wald und Wildnis herumzutummeln. Jetzt sollte auch ich die Waldluft in tiefen Zügen einatmen und dabei dem Gran Cañon neue Bilder abgewinnen.
Anfangs war der Weg leidlich, aber wir hatten von unsern 22 Kilometern erst wenige zurückgelegt, als es auf einem Weg, der aus Erde, Sand und Kalkstein bestand, Hals über Kopf einen greulichen Abhang hinunterging, in tiefen Radspuren, mit schrecklichen Stößen und Sprüngen und jähen Wendungen. Man wurde hin- und hergeschleudert, streifte an Baumstämme, man glaubte, man bleibe in Hohlwegen stecken, und bewunderte die Maultiere, die ihre ganze Kraft aufbieten mußten, damit der schwere, hohe Wagen nicht in die Tiefe rollte. Und dabei bremste Ernest, was er konnte. Doch wir kamen glücklich in eine Bodensenke hinunter und fuhren durch schönen Wald zur Neal-Pferdeweide mit ihrem Wiesenland. Viele Bäume, die von Insekten heimgesucht worden waren, waren ganz abgestorben oder nahe daran. Ein gewaltiger Nadelbaum war umgestürzt und hatte sich quer über den Weg gelegt; als wir ihn umgingen, mußte mancher junge Baum sich unter unserm Wagen beugen. Eine wunderbare Stimmung herrschte in diesem Wald, der der Zerstörungssucht des Menschen trotzt, aber doch wohl einmal seine Kronen wird senken müssen, wenn die Eisenbahn von Norden bis an den Nordrand des Gran Cañon geführt wird. Der Weg, den wir benutzten, war nicht alt. Er war erst im Jahr 1922 angelegt worden. Und weshalb? Der Präsident der Union Pacific Railway Co., Herr Adams, besuchte damals Wylie Way Camp und unternahm einen Ausflug nach Cape Royal, um zu untersuchen, was hier in der Art wie in El Tovar ausgeführt werden könne. Sein Plan war vermutlich, eine Bahn bis an den Nordrand zu legen und in der Nähe des Cape Royal ein Touristenhotel zu errichten. Herr Adams hatte zum Reiten keine Lust. Daher mußte in aller Eile ein Weg gebaut werden; er wurde auch danach. Jetzt hatten auch wir Nutzen davon und konnten bequem Mundvorräte, Wasser und Betten mitnehmen.
Wir sind oben auf dem Kamm des schmalen Halses, der das Walhallaplateau mit dem nördlichen Hochland verbindet. Eine großartige Aussicht öffnet sich nach Osten auf den Teil des Gran Cañon, wo der Colorado im Marble Cañon von Norden nach Süden fließt. Jenseits des Marble Cañon breiten sich die flachen Bodenwellen der Painted Desert bis in die fernste Ferne aus; dort liegt auch das Schutzgebiet der Navaho-Indianer.
Ich war ganz erstaunt, als uns mitten in diesem wilden Wald aus Fichten, Kiefern und vereinzelten Espen ein Zaun mit geschlossenem Gatter aufhielt. Er hat den Zweck, die Pferde am Ausreißen zu hindern.
Ein Stück weiter erreichten wir den Greenland Lake, einen kleinen Tümpel in dem eingezäunten Wald. Hier steht eine Hütte, in der Salz für die Pferde aufbewahrt wird. Auch für die Rehe richtet man im Freien Salzlecken ein. Ein Reh stand gerade da und äugte uns neugierig an, ehe es pfeilschnell zwischen den Bäumen flüchtig wurde.
Bei Broad Hollow befanden wir uns in der Nähe des Randes. Wir rasteten im Schatten, um die Aussicht auf den Gran Cañon und Point Harris in Nordnordwesten zu genießen, den höchsten Punkt des ganzen Randes. Wieder fesseln unsere Aufmerksamkeit die zarten leuchtenden Farbtöne der „Bunten Wüste“. Herr McKee, der diese unvergleichlichen Bilder schon so oft gesehen hat, wird ihrer nicht satt; er sagt, sie zeigten sich fast stets in neuen Farben; jedesmal entdecke man neue Einzelheiten und gewinne sie immer von neuem lieb.
Um ½2 Uhr zeigt mein Thermometer 29,4 Grad. Nördlich von Point Harris werden in einem Tal 85 Bisons gehegt. In der Wildnis gen Westen leben an tausend wilde Pferde, die Nachkommen verwilderter Ausreißer aus der spanischen Zeit. Sie sind sehr scheu und können nur mit Hilfe umfassender Korrale oder Einzäunungen eingefangen werden; man jagt sie in diese hinein, um sie mit dem Lasso zu fesseln. Wie McKee erzählt, sind sie nicht schwer zu zähmen, und wenn man sie gut behandelt, sind sie sehr zutunlich und lenksam. Sie scheinen fast dankbar dafür zu sein, daß man sich ihrer annimmt, und führen jede Arbeit aus, die man von ihnen verlangt.
Nach fünfstündiger Fahrt erreichten wir das Ziel, eine von Cape Royal ein gutes Kilometer entfernte Quelle. Hier schlugen wir ganz in der Nähe des Randes das Lager auf, ließen die Maultiere auf die Weide und machten ein herrliches Feuer an. Die Tiere bekamen Glocken umgehängt, damit wir sie immer hören konnten. Während ich in der Gegend umherstreifte, bereiteten die andern das Essen und machten unsere einfachen Freiluftbetten zurecht -- denn das Zelt, das wir mitgenommen hatten, verschmähten wir; man schläft besser unter freiem Himmel.
Drei Stunden lang saß ich auf einem Kap und malte. Das Farbenspiel war hier anders, als ich es von Süden gesehen hatte. Die Sonne beleuchtete das linke, östliche Ufer des Colorado, und die Bergwände und Böschungen schimmerten in Graugelb, Violett, Lila, Ziegelrot, Rubinrot und wieder Violett, alles in leichten, zarten, traumhaften Farbtönen, nicht sattleuchtend wie vom Südrand aus. Auch hier überwältigt die Landschaft durch ihre Schönheit und ihre unbeschreibliche Erhabenheit, und mein Bild -- wenn ich meinen Versuch so nennen darf -- gibt nur einen flüchtigen Begriff von der Wirklichkeit. Nachdem die Sonne untergegangen ist, verblassen die reinen Farben; senkrechte Felswände und abschüssige Hänge treten in dunkelvioletten, verschwommenen Tönungen hervor, die Einzelheiten verschmelzen, alles liegt im Schatten, und hellviolett steigt die Nacht über den Horizont der Wüste empor.
Als ich in unser Lager zwischen hochstämmigen Kiefern zurückkehrte, brannte das Feuer hellodernd; bei seinem Schein aßen wir und tranken Tee. Bis der Mond um 11 Uhr aufging, waren wir auf und plauderten. Im Geist sah ich wieder einen ganzen Aufzug von Pumas, die sich von den Bäumen auf die Rücken wilder Pferde stürzen und ihnen mit ihren Zähnen die Hälse aufreißen, von Luchsen, Wildkatzen und Rehen, Heulwölfen, Klapperschlangen, Taranteln und Skorpionen. Ernest hatte einen unerschöpflichen Vorrat an Jagdgeschichten. Schließlich hatten wir aber genug, und jeder kroch in sein Nest. Noch lange lag ich wach und sah das Feuer verblassen und den Mond zwischen den Kronen der Nadelbäume dahinsegeln. Das einzige, was die Stille unterbrach, war das Rauschen des Südwestwindes in den Bäumen und das Klingen der Glocken der Maultiere.
Nachdem wir am 3. Juli zeitig gefrühstückt hatten, gingen wir zum nächsten Kap und rollten einige Kalksteinblöcke die Abhänge hinab. Das war knabenhaft und unnötig, aber sehr lustig. Der Block drehte sich ein paarmal und sprang über den Rand, senkrecht fiel er die Felswand hinunter und schlug auf dem nächsten Hangabsatz auf, und aus der Tiefe erklang ein Dröhnen wie von entferntem Donner. Die Pumas in ihren Höhlen dort unten in den unzugänglichen Schluchten wunderten sich wohl, was los sein mochte.
Dann gingen wir auf das lange schmale Vorgebirge hinaus, das wie ein Finger nach Süden zeigt. Seine äußerste Spitze, Cape Royal, ist sicher einer der berühmtesten und großartigsten Punkte des Gran Cañon. Um das Kap zu erreichen, muß man eine ziemlich tiefe Einsenkung überschreiten, einen Graben, der allmählich die mächtige Säule des Cape Royal in eine vom Walhallaplateau abgesonderte Insel verwandelt. Zwischen lichten Bäumen und Büschen steigt man auf Geröll und Gras etwa 200 Meter steil hinab, um dann aus dem tiefsten Teil der Rinne ebenso steil hinaufzuklimmen zu der Zinne dieses kleinen inselartigen Plateaus, das mit harten, hinderlichen Sträuchern und Nußkiefern bewachsen ist. Nach halbstündigem Klettern machten wir ungefähr auf halbem Weg ein Weilchen halt an der Wurzel eines höchst eigenartigen, vom Rand nach Nordnordosten vorspringenden Ausläufers. Er bildete einen Wandschirm aus sehr dünnem Kalkstein, dessen Nordende senkrecht abgeschnitten und dessen oberer Teil mit einem rechteckigen Fenster versehen war (S. 220). Auf dem Steilhang unter dem Fenster wuchsen lichtstehende Nadelbäume von der schönen Pyramidenform der Fichte. Die Mauer war so regelmäßig geformt, daß man glauben konnte, sie sei von Menschenhänden errichtet. Aber sie war zu mächtig, ihre Maße waren ungeheuer. McKee machte den Vorschlag, auf ihren Kamm hinauszugehen, doch ich widerstand hartnäckig seinen Lockungen. Denn an einer Stelle nahe der Wurzel war die ebene Fläche dieses Fußsteigs wenig mehr als ein Meter breit, und zu beiden Seiten gähnten 200 und 250 Meter tiefe, senkrechte Abgründe. Wenn man seiner nicht ganz sicher ist, tut man klug daran, auf einen solchen Spaziergang zu verzichten.
Auf dem äußersten Vorsprung des Cape Royal richteten wir uns so bequem wie möglich ein und blieben dort fast den ganzen Tag. Auch hier erfüllt einen ein Gefühl der Beklemmung angesichts der großartigen Schönheit der Landschaft, und ohne weiteres gesteht man sein Unvermögen ein, diese staunenerregenden Bilder, diese in allen Schattierungen schillernden Farben und diese großartige Architektur im Bild wiederzugeben. Nach Westen ist der Cañon bis Havasupai Point und noch weiter hinaus von der Sonne beleuchtet; die hohe Wand des Südrandes dagegen liegt im Schatten. El Tovar ist leicht zu erkennen an einer Rauchsäule, die von einer Lokomotive aufsteigt. Desert View im Südosten kann man ungefähr bestimmen, und im Osten sieht man wieder in äußerst starker Verkürzung die „Bunte Wüste“, deren berühmtes Farbenspiel zwar entzückend, aber kaum so eigenartig ist, wie das Gerücht behauptet hat. In der Ferne löst sich alles in Dunst und Nebel auf.
Ich nehme meinen Zeichenblock vor und beginne eine Skizze der Aussicht nach Westen, die der Zoroaster- und Brahmatempel beherrschen. Links von ihnen ahnt man die tiefe Riesenfurche des Colorado, während das Felsenkap rechts im Vordergrund unser nächster Nachbar unter den nach Süden vorspringenden Kaps des Walhallaplateaus ist. Wie ganz anders nehmen sich die Tempel von hier, von der Seite gesehen, aus! Aber, ich wiederhole es, in Linien wie in Farben bieten sie einen schönern Anblick, wenn man sie bei Abendbeleuchtung von El Tovar aus betrachtet.
Von seltsamer Schönheit und überwältigender Mächtigkeit ist auch das isolierte massige Felseneiland Wotans Thron. Seine Kaibab-, Coconino- und Supaischichten folgen aufeinander in senkrechten Wällen und steilen Hängen. Hinter dem gewaltigen Block zeigt sich in leichten Farbtönen die Mauer des Südrandes. Wotans Thron gleicht einem Sarkophag auf seinem Katafalk.
In Süd 15° Ost sehen wir den Wischnutempel und einen Teil des Rückens, dessen höchster Punkt er ist (S. 205). Auf der Südseite des Tals zeichnet sich die Grenzmauer zwischen Zuni und Papago Point ab. Über dem Südrand in einer Entfernung von 100 Kilometer ragt der 3887 Meter hohe, gewölbte Gipfel des San-Francisco-Gebirges empor.
Die nächste Skizze zeigt die Landschaft im Südosten mit dem Seitental Unkar Creek im Vordergrund und in der Tiefe eine Biegung des Rio Colorado (S. 209). Die Steilhänge zur Linken sind die letzten Abdachungen des Apollo-, Venus- und Jupitertempels. Dem Beschauer gerade gegenüber, jenseits des Flusses, liegt Navaho Point oder Desert View, wo ich übernachtet hatte.
Cape Royal liegt in gerader Linie nur 13 Kilometer im Südosten von Wylie Way Camp, aber unser Weg war fast 23 Kilometer lang. An dem gewaltigen Bogen, den man machen muß, sind vor allem der Bright Angel Cañon und der Clear Creek schuld, die in Gestalt zweier tiefer, nach Nordosten gerichteter Kerben in den Block des Walhallaplateaus einschneiden.