Gordon, der Held von Khartum

Part 6

Chapter 63,586 wordsPublic domain

Am 29. November schoß Gordons Artillerie die Palissadenverschanzung zusammen und der Angriff erfolgte. Es war eine heiße Arbeit. Gräben voll Wasser mußten durchschwommen und Wälle erstiegen werden. Der Getreue selbst war von Wusieh her zu Hilfe gekommen und verteidigte die Stadt. Da ereignete es sich, daß Gordon, der mit einer Handvoll Leute ungestüm vordrang, plötzlich einen Haufen Taipings im Rücken hatte und so von den Seinen abgeschnitten war. Zurück konnte er nicht, wollte es auch nicht, also vorwärts! Er eroberte eine Redoute und hielt sich, bis Verstärkung sich zu ihm durchschlagen konnte. Die errungene Position, die er fast allein gewonnen, kam einem vollständigen Siege gleich, aber er war teuer erkauft. Neun Offiziere, meist Engländer, waren gefallen, dazu fünfzig Gemeine und es gab viele Verwundete. Aber am folgenden Tag konnte er eine Proklamation an seine Leute erlassen des Inhaltes, daß Sutschau faktisch erobert sei.

Es dauerte nicht lange, so hatten Gordon und der kaiserliche General Tsching eine Zusammenkunft mit den Wangs. Immer noch besorgt, sich den Schein zu wahren, schlugen diese jetzt vor, daß ein Angriff auf die Stadt selbst geschähe, wobei sie versprachen, sich nicht bei der Abwehr zu beteiligen, vorausgesetzt, daß die Kaiserlichen ihnen bei der Einnahme die persönliche Sicherheit garantierten. Selbst unter solchen Umständen war der Angriff mit Schwierigkeiten verbunden; die Stürmenden konnten nicht viel über fünftausend Mann beibringen, ein breiter Graben umgab die Stadt und vom Ostthore hin zog sich eine unabsehbare Reihe von Schanzen. Als der Na Wang Gordon vorschlug, die Stadt im Sturm zu nehmen, erklärte dieser daher rundweg, daß es dann unmöglich sein würde, den Soldaten das Plündern und Brennen zu verbieten, und fügte hinzu, wenn es den Wangs wirklich ernst sei mit ihren Vorschlägen, sie ihre Aufrichtigkeit damit bekunden sollten, daß sie dem Feinde ein Thor überließen; wollten sie das nicht, so sollten sie die Stadt entweder räumen oder um den Besitz fortkämpfen, so lange sie sich würden halten können. Daraufhin erklärten sie sich bereit, die Übergabe der Stadt durch Überlassen eines der Thore ins Werk zu setzen; und während General Tsching die Unterhandlungen zu Ende führte, machte Gordon sich alsbald auf den Weg, um beim Gouverneur die Sicherheit der Besatzung zu beantragen.

Übrigens war die Übergabe noch nicht vollzogen. Als der tapfere Moh Wang erfuhr, was seine Mit-Wangs im Schild führten, erfaßte ihn ein gewaltiger Ingrimm, und er versammelte sie alsbald um sich zum Kriegsrat. Er war der Oberbefehlshaber der Stadt. Es mag eine seltsame Szene gewesen sein, als nach der festlichen Mahlzeit und dem obligatorischen Gottesdienst diese Würdenträger mit ihren Kronen und Königsgewändern sich im Halbkreis um den Moh Wang scharten. Sofort kam es zu einem Wortwechsel. »Übergabe!« schrien die Wangs durcheinander. »Wir halten Sutschau bis zum letzten Mann!« entschied der Moh Wang. Da fuhr der Kong Wang auf, den Königsmantel von sich werfend, und stieß seinen Dolch dem Moh Wang neunmal in den Rücken. Miteinander trugen sie den Gemordeten hinaus und zerstückten seinen Leichnam. Gordon erfuhr diese Mordthat, als er eben von seinem Liebesritt zurückkehrte und das Versprechen von Li mitbrachte, dem Moh Wang und seinen Gefährten solle kein Leids geschehen. Er hatte den Moh Wang um seiner mannhaften Tapferkeit willen hochgeschätzt.

In jener Nacht ergab sich Sutschau.

Um, wenigstens so viel an ihm lag, die Plünderung zu verhüten, zog Gordon sein Korps auf einige Entfernung von der Stadt zurück, verlangte aber in Anerkennung ihrer Leistungen doppelte Löhnung für die Truppen auf zwei Monate. Allein Li handelte die Belohnung auf einen Monat herunter, was die Soldaten so verdroß, daß ihr unzufriedenes Gemurre fast in offene Meuterei überging. Ein paar Stunden Plünderung wäre ihnen lieber gewesen als alle Löhnung. Gordon konnte sich nur damit helfen, daß er seine Siegreichen nach Kuinsan zurück marschieren ließ.

Was die nun folgenden Ereignisse betrifft, so mochte Gordon füglich erwarten, daß er eine Stimme im Rat habe, besonders rücksichtlich des Schicksals der Wangs. Ohne ihn und seine Leute hätten dieselben noch lange stand gehalten; und er, der sein eignes Leben nie der Gefahr entzog, dessen Todesverachtung die Armee mit Siegesmut erfüllte, mochte wohl denken, daß er vor allen das Recht habe, dem überwundenen Feind das Leben zu schenken. Li und Tsching wußten auch recht wohl, daß eine menschliche Behandlung der Überwundenen nach europäischen, bezw. nach christlichen Grundsätzen beobachtet werden müsse, wo Gordon mitzureden hatte. Li hatte es diesem bestimmt zugesagt, daß Gnade vor Recht ergehen solle, hatte ihm sozusagen das Leben der Wangs geschenkt. Wie wurde aber dieses Versprechen gehalten!

Von Kuinsan zurückkehrend, betrat Gordon, nichts ahnend, die gefallene Stadt, von seinem jungen Dolmetscher begleitet. Er begab sich nach des Na Wang Wohnung. Dort fand er sämtliche Wangs im Begriff aufzusitzen. Li erwarte sie außerhalb der Stadt, um die Schlüssel der Thore von ihnen entgegenzunehmen. Es sei alles in Ordnung, versicherte Na Wang, und daraufhin sah Gordon sie ruhig ziehen, um so mehr, als Tsching ihn erst kürzlich versichert hatte, der Gouverneur habe eine allgemeine Amnestie erlassen. In aller Gemütsruhe schlenderte Gordon durch sie Stadt, sorgte für des Moh Wang Begräbnis und erreichte nach einiger Zeit das Ostthor, wo ein Haufe Kaiserlicher ihm lärmend entgegen kam. Er blieb stehen und forderte die Soldaten zu ruhigerem Benehmen auf, damit sie die Einwohner nicht unnötig alarmierten. Während er noch redete, betrat der General Tsching selbst die Stadt und erblaßte, als er Gordon sah. Dieser erkundigte sich alsbald nach den Wangs, die der Zeit nach längst von ihrer Audienz zurück sein mußten, worauf Tsching etwas hervorstotterte und sich in Ausreden verwirrte. Da schöpfte Gordon Verdacht und kehrte eiligst nach des Na Wang Hause zurück. Er fand es zerstört; die Plünderung hatte begonnen. Ein Oheim des Na Wang, der ratlos umherlief, bat ihn inständig, mit ihm in seine Wohnung zu gehen, um ihm behilflich zu sein, die Frauen des Na Wang in Sicherheit zu bringen. Er zögerte einen Augenblick, waffenlos wie er war, allein das Weibervolk erbarmte ihn; er beschloß, der Bitte Folge zu leisten und alsdann mit Hilfe seiner Leute dem Plündern der Kaiserlichen wo möglich zu steuern.

Man sollte denken, daß Li den heldenmütigen Gordon, dem er so viel verdankte, wenigstens vor dem Betreten der Stadt hätte warnen lassen; aber davon war keine Rede. So hatte sich Gordon in der That unwissentlich als Geisel gestellt, während der treubrüchige Futai die Wangs draußen enthaupten ließ. Die lärmenden Kaiserlichen, denen er begegnete, kamen gerade von der Hinrichtung, der Tsching selbst beigewohnt hatte. Gordons Lage war um so bedenklicher, als er sich in völliger Unwissenheit befand. Hätten die Taipings, die alsbald zu Tausenden das Haus umstellten, mehr gewußt als er, er wäre nicht lebendig aus ihren Händen gekommen. So aber betrachteten sie ihn als Geisel, bis sie ihre Anführer wieder sähen. Bis zum folgenden Morgen befand er sich völlig hilflos unter den Taipings, die von der vertragswidrigen Plünderung wohl auf Schlimmeres schließen mochten; aber es geschah ihm kein Leid. Wer weiß, ob die Leute nicht halb unbewußt in ihm den festen Mann erkannten, der ihnen Treue halten würde, wenn alle anderen sie brächen. Jedenfalls hat wohl selten ein Heerführer inmitten seiner geschlagenen Feinde dem Tod näher ins Auge geschaut als er; allein über Gordon wachte ein Höherer, dem er diente und der ihn zu noch Größerem brauchen wollte.

Am nächsten Morgen hatte er die Taipings soweit gebracht, daß sie ihm gestatteten, seinen Dolmetscher mit einem Brief an sein Boot zu entsenden, das vor dem Südthor vor Anker lag. Nichts kann bezeichnender für unsern Helden sein, als die Thatsache, daß das Schreiben auch nicht ein Wort über seine eigene Lage enthielt, wohl aber den Befehl an den Kapitän seiner Flottille, den Gouverneur Li gefangen zu nehmen und ihn festzuhalten, bis die Wangs in Sicherheit wären, ein prächtiger Plan, der aber leider mißlang. Der Taipingführer, der den Dolmetscher begleitete, kam allein mit der Nachricht zurück, die Kaiserlichen hätten dem Jungen den Brief abgenommen und denselben zerrissen. Darauf hin gestatteten die Taipings ihrem Gefangenen, sich selbst auf den Weg zu machen. Unterwegs wurde auch er von Kaiserlichen überfallen, die ihn wohl nicht kannten, aber es gelang ihm von ihnen loszukommen und das Ostthor zu erreichen, wo seine Leibwache lag. Diese entsandte er nun sofort zum Schutze der Taipings, die ihn die Nacht durch festgehalten hatten.

Es war immer noch sein Vorsatz, den Li gefangen zu nehmen. Während er zu diesem Zweck auf seinen Dampfer wartete, stellte Tsching sich zu einer Unterredung ein; aber Gordon weigerte ihm das Wort. Da schickte der General einen seiner Offiziere, aber diesem fehlte der Mut, dem entrüsteten Briten die Wahrheit zu sagen. Auf Gordons Frage nach den Wangs entgegnete er, er wisse nichts, doch sei des Na Wang junger Sohn in der Nähe, der werde wohl Bescheid geben können. Und von dem Sohne eines der Gemordeten erfuhr denn Gordon endlich, daß bei Gelegenheit der Audienz die Hinrichtung stattgefunden hatte. Er ließ sich sofort übers Wasser rudern und fand die kopflosen Leichname der Wangs zerhackt und zerstückt.

»Ich fand sechs Leichen«, schrieb er, »und erkannte des Na Wang Kopf.«

Wohl selten in seinem Leben ist ihm etwas so nahe gegangen. Er vergoß Thränen vor Leid und Entrüstung, vor Scham und Zorn. Überdies erachtete er seine Ehre angegriffen durch die unmenschliche That. Er hatte den Wangs zwar nicht sein Wort gegeben -- das konnte er nicht -- aber er hatte von vornherein mit ihnen in der Voraussetzung verhandelt, daß der Gouverneur sie anständig behandeln werde. Und die Plünderung der Stadt gegen seinen Willen und Wissen war eine weitere Kränkung. Seinem Mut und Kriegsgeschick war's in erster Linie zu verdanken, daß Sutschau gefallen, und nun hatte man ihn einfach beiseite gesetzt, ja ihn selbst in nicht geringe Lebensgefahr gebracht. Diese perfide Handlungsweise der Chinesen, für die er sich aufgeopfert, ergrimmte ihn so sehr, daß sein Zorn keine Grenzen kannte, und wohl zum erstenmal in der ganzen blutigen Kriegszeit nahm er eine Waffe zur Hand. Er steckte seinen Revolver zu sich, entschlossen, an des Gouverneurs eignem Leben Gericht zu üben, mochten die Folgen für ihn selbst sein, welche sie wollten. Tsching aber war ihm zuvorgekommen und hatte Li wissen lassen, daß er wohl daran thun werde, dem zornmütigen Engländer aus dem Weg zu gehen. Als Gordon das Boot des Li bestieg, fand er daher, daß dieser sich in die Stadt geflüchtet hatte. Gordon verfolgte ihn dort und versuchte während mehrerer Tage vergeblich, zuerst allein und dann mit Hilfe seiner Garde, des flüchtigen Gouverneurs habhaft zu werden. In bitterm Mißmut kehrte er nach Kuinsan zurück. Dort verlas er seinem versammelten Korps einen Bericht über das Geschehene mit dem Anfügen, daß ein britischer Offizier unter dem Gouverneur Li nicht länger dienen könne, es sei denn, daß dieser vom Kaiser zur verdienten Strafe gezogen werde.

Gordon schrieb an seine Angehörigen:

»Ihr werdet froh sein zu erfahren, daß wir wieder zu Kuinsan im Quartier sind und es wohl so bald nicht wieder verlassen werden. Ich habe weder Zeit noch Lust, Euch von dem Kampf am Ostthor zu berichten, noch von dem kaiserlichen Verrat in Sutschau -- die Zeitungen werden genug darüber melden. Des Na Wang Sohn habe ich bei mir. Er ist ein gescheiter junger Mensch und sehr lebhaft, etwa achtzehnjährig. Sein armer Vater war ein recht guter Wang, besser als die meisten Kaiserlichen, mit denen ich noch zu thun hatte. Ich kann Euch nicht sagen, wie tief ich die neuesten Ereignisse beklage und zwar um verschiedener Ursachen willen. Hätte man dem Feind, der sich ergeben, Treue gehalten, so wäre es mit dem Aufstand wohl zu Ende, und die anderen Städte, die noch aushalten, wären ohne Zweifel dem Beispiel Sutschaus gefolgt. Wir hätten uns dann rühmen können, den Aufruhr mit geringem, nicht zu umgehendem Blutvergießen unterdrückt zu haben. Wenn ~ich~ nicht mit dem Na Wang unterhandelt hätte, wäre die Übergabe wohl so bald nicht erfolgt, und ich halte jetzt all meine Mühe für verloren. Ich kann mich nur damit trösten, daß ~alles~ zum besten dienen muß! Unverständlich ist und bleibt mir die Handlungsweise des Li; er kennt mich hinreichend um zu wissen, daß ein solches Verfahren mich aufbringen muß, und er handelte mit nicht geringem persönlichem Risiko, denn meine Truppen waren in der Nähe ....«

Während von Regierungs wegen eine Untersuchung eingeleitet wurde, verhielt sich Gordon völlig unthätig in seinem Quartier, -- keine leichte Sache bei der Stimmung seines Korps. Li aber hatte sich weiß zu brennen gewußt; überhaupt wähnte man in Peking, das Hauptlob bei der Einnahme von Sutschau gebühre ihm. Gordon hatte allerdings eine Position nach der andern, die er mit seinen Siegreichen eroberte, mit Kaiserlichen besetzt. In Anerkennung dieser Thatsache erhielt Li mit der »gelben Jacke« die höchste militärische Auszeichnung. Doch erinnerte man sich auch des englischen Anführers. Ein kaiserlicher Erlaß bestimmte eine Medaille für den tapfern Tsung-Ping und außerdem ein Geschenk von siebzigtausend Mark.

Diese Summe mit vielen andern Geschenken und der Versicherung der kaiserlichen Anerkennung wurde Gordon von Li übersandt, außerdem eine erhebliche Extra-Löhnung für seine Truppen und eine besondere Summe für die Verwundeten. Diese beiden letzten Beträge nahm Gordon an; die für ihn bestimmte Summe aber wies er mit Entrüstung zurück. Ja, als die buchstäblich mit Gold beladenen Schatzträger vor ihn traten, kommandierte er: rechts umkehrt mit seinem spanischen Röhrchen. Wahrlich keine schönere That läßt sich von dem »Zauberstab« berichten. Die Chinesen wußten sich nicht zu fassen vor Verwunderung. Wo war's erhört, daß einer solche Schätze von sich wies, und wer durfte es wagen, den kaiserlichen Gesandten mit dem Kommandostab zu begegnen! Der mit der Sendung betraute Mandarin brachte ihm außerdem vier seidene Fähnchen als Ehrengabe, zwei von Li und zwei von Wang-tetai, einem die Kanonenboote der Provinz befehligenden Mandarin. Li's Ehrengabe schickte Gordon zurück, die Fähnchen des Wang-tetai nahm er an, da derselbe nicht bei jenem Treubruch beteiligt war. Der kaiserliche Erlaß wurde auf gelbem Atlas feierlich auf einen mit zwei brennenden Kerzen versehenen Tisch gelegt und so zu Gordons Kenntnis gebracht. Eine Übersetzung war dem Schriftstück beigegeben. Auf die Rückseite derselben schrieb der uneigennützige Held stehenden Fußes folgende Antwort:

»Major Gordon nimmt Sr. Majestät des Kaisers huldvolle Billigung mit Befriedigung entgegen, aber er kann es nur aufrichtig bedauern, daß nach dem, was seit der Einnahme von Sutschau vorgefallen ist, es nicht in seiner Macht steht, irgend welche Geschenke kaiserlicher Gnade anzunehmen. Er entbietet kaiserlicher Majestät seinen unterthänigsten Dank für die ihm zugedachte Belohnung, welche abzulehnen man ihm gnädigst verstatten wolle.«

In einem Brief an die Seinen spricht er sich so aus:

»Um die Wahrheit zu sagen, begehre ich weder Lohn noch Ehre, weder von den Chinesen, noch von unserer Regierung. Auszeichnung habe ich nie gesucht. Ich habe das Bewußtsein, ein gutes Werk zu vollbringen, und fürs übrige gewährt mir mein Beruf an sich Befriedigung ... Ich würde das kaiserliche Geschenk auch dann zurückgewiesen haben, wenn es mit Sutschau anders gegangen wäre ... Ich weiß, daß ihr Verständnis habt für meine Lage, die keine leichte ist, und daß meine Erfolge Euch freuen. Die Rebellen sind ein grausames Volk. Der Tschung Wang hat zweitausend hilflose Menschen umbringen lassen, die nach der Ermordung der Wangs zu ihm flüchteten. Dem Li habe ich übrigens einen Denkzettel angehängt, den er so bald nicht vergessen wird.«

4. Weitere Siege und das Ende des Aufstands.

Die Enthauptung der Wangs hatte Gordons Lage in der That zu einer schwierigen gemacht. Seinen Kriegs- und Siegeszug nach der Gewaltthat zu Ende führen, hieß den Treubruch seiner Kollegen billigen, während andererseits seine bisherigen Erfolge vergeblich gewesen wären, wenn er alles weitere den Kaiserlichen allein überlassen hätte. Im Korps der Siegreichen gab es durch das zeitweilige Einstellen des Kampfes bereits bedenkliche Unruhen. Sechzehn Offiziere hatten kassiert werden müssen, während den Taipings offenbar der Mut wuchs. Gordon sah ein, daß er jetzt nicht mit seinen Gefühlen zu Rate gehen durfte, und beschloß deshalb, dem Gouverneur Li behufs weiterer gemeinschaftlicher Arbeit die Hand der Versöhnung zu reichen.

In den Augen chinesischer Machthaber war die Hinrichtung der Wangs ein notwendiges Übel, und als Gordon bei ruhigerer Stimmung anhörte, was Li zu seiner Entschuldigung beibringen konnte, erschien ihm die That, wenn auch immerhin verabscheuungswürdig, doch minder ruchlos. Nach chinesischen Begriffen hätten die kapitulierenden Wangs sich nämlich alsbald wieder als Kaiserliche gebärden sollen; sie aber erschienen vor dem Gouverneur mit vollem Haarwuchs anstatt mit rasiertem Kopfe, sie kamen auch bewehrt, und ihre Haltung war die von Männern, die auch künftig noch zu herrschen gedachten. Das kam dem Li unerwartet. Die Unterhandlungen aber aus diesem Grund abbrechen, war keineswegs thunlich, ohne eine Katastrophe herbeizuführen. General Tsching, selbst ein Ex-Rebell, kannte seine Leute und hatte dem Li dringend zur Hinrichtung geraten. »Macht die Anführer unschädlich«, sagte er, »und die Hunderttausende ihrer Anhänger gelten für nichts; so allein ist Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.« Und so erfolgte die Hinrichtung.

Um aber ehrlich und aufrichtig seinen Gang gehen zu können, machte sich nun Gordon auf den Weg zu Li und forderte ihn auf, eine Proklamation zu erlassen, die ihn von aller Teilnahme und Mitwissenschaft der Hinrichtung losspräche; alsdann wolle er den Kampf wieder aufnehmen. Es geschah, doch erst nachdem durch Hin- und Herschreiben zwischen dem englischen Bevollmächtigten und den chinesischen Behörden kostbare Zeit verloren gegangen war.

»Wenn ich meiner Neigung folgte,« schrieb Gordon damals an den englischen Gesandten, »so würde ich das Kommando jetzt niederlegen. Ich bin aus allen Gefahren unverletzt hervorgegangen, und schöne Erfolge sind mein Lohn; aber das zusammengelaufene Volk, das unter dem Namen der »stets siegreichen Armee« bekannt ist, ist eine gefährliche Rotte, und ich halte es für meine Pflicht, das Korps mit aller Vorsicht aufzulösen; so lange es aber besteht, soll es der kaiserlichen Sache dienen ... Übrigens bin ich mir bewußt, daß keinerlei persönliche Interessen mich bestimmen ....«

Die Proklamation des Li war eine umfangreiche Darstellung der Dinge, die Gordon volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Am 19. Februar 1864 zog dieser abermals ins Feld.

Die westlichen Distrikte waren noch immer in den Händen der Taipings und von desperaten Rotten überlaufen. Eine von Sutschau durch Jesing, Lijang und Kintang westwärts gezogene Linie durchschneidet das Rebellenland in zwei Teile, mit Nanking am obern Ende und Hangtschau am untern. Gordon beschloß auf dieser Linie zu operieren, indem er Hangtschau einem französisch-chinesischen Heeresteil unter einem Offizier Namens d'Aiguibelle überließ, während einem Mandarin mit den Kaiserlichen die Belagerung von Nanking oblag.

Strategisch war dies sehr wohl geplant, aber die Ausführung war mit Schwierigkeiten verbunden. Er verließ Kuinsan in Schnee und Hagelwetter. Bisher war Schanghai sein Proviantmagazin gewesen, jetzt in Feindesland war er lediglich auf sich selbst angewiesen, auch konnten seine Schiffe ihm nicht überall hin folgen. Überdies bestanden seine Truppen jetzt größtenteils aus Überläufern, die von Mannszucht nichts wußten.

Über Wusieh am großen Kanal ging es zuerst nach Jesing, ein trostloser Zug durch Ländereien, welche die Taipings seit Jahren innegehabt und verwüstet hatten. Der Einwohner waren nur wenige übrig geblieben -- ausgehungerte Skelette, die oft froh gewesen waren, an den Leichen Verhungerter ihren eigenen Hunger zu stillen. Jesing wurde eingenommen und Lijang, das nächste Ziel, ergab sich ohne Widerstand. An tausend Mann der Garnison wurden dem Korps einverleibt. Glücklicherweise war dieser Ort wohl verproviantiert, und Gordon that sein Möglichstes, es den ausgehungerten Landleuten zu gute kommen zu lassen. Von Lijang ging es nach Kintang. Hier schienen die Taipings entschlossen standzuhalten. Gordon traf seine Vorbereitungen zur Eröffnung einer Kanonade; als diese aber eben beginnen sollte, kam schlimme Kunde. Siebentausend Taipings aus Tschantschufu, einer Stadt nordwestlich von Sutschau, also in seinem Rücken, hatten die Kaiserlichen überflügelt, Fusan überrumpelt, bedrohten Wusieh und belagerten Tschanzu, wo Gordon seinen ersten Erfolg errungen hatte. Die Rebellen hatten somit wieder im Dreißig-Meilen-Umkreis Fuß gefaßt. Gordon beschloß aber, sich vor allen Dingen Kintangs zu versichern, wo eine ebenso grausame als hartnäckige Garnison zu überwältigen war.

Eine dreistündige Beschießung erzielte eine Bresche und Gordon ließ stürmen. Aber der erste und zweite Angriff wurde zurückgeworfen. Und hier ereignete sich das in den Augen des Korps Unglaubliche: der »unverwundbare« Anführer erhielt einen Schuß in die Wade. Es war seine erste und einzige Verwundung. Einen seiner Gardisten, der neben ihm stand, hieß er schweigen und fuhr fort, seine Befehle zu erteilen, bis er vor Blutverlust fast ohnmächtig wurde. Daß auch der dritte Anlauf mißlang, war ohne Zweifel eine Folge von Gordons Verwundung, die ihre Rückwirkung nicht verfehlte. Nach einem Verlust von etwa hundert Toten und Verwundeten mußte sich das Korps nach Lijang zurückziehen!

Hier gab es eine neue Unglückspost; kein anderer als der Getreue in Person hatte Fusan erobert. Nun hinderte zwar Gordon seine Verwundung am Stehen, aber er konnte auch liegend Krieg führen, und die Zeit drängte. Die Taipings erließen eine Proklamation um die andere, daß Schanghai ihr Ziel wäre, und daß sie Sutschau auf dem Wege dahin zu überfallen gedächten. Waren sie doch in Wusieh, keine drei Stunden von Sutschau entfernt! Trotz seiner Verwundung machte Gordon sich alsbald auf mit vierhundert Mann Artillerie und etwa sechshundert Mann Infanterie, welch letztere samt und sonders nur wenige Tage zuvor noch Rebellen gewesen, jetzt aber bereit waren, ihm überallhin zu folgen. »Man weiß nicht, was das Erstaunlichere ist,« ruft hier mit Recht ein englischer Berichterstatter aus, »ob der Mut, oder das Vertrauen des verwundeten Anführers!«

Das überall zu Tag tretende Elend aber war über alle Beschreibung grauenhaft -- ausgehungertes Landvolk auf allen Seiten; die noch Lebenden hatten keine Kraft mehr, die Toten zu begraben, die überall die Luft verpesteten. »Es ist entsetzlich!« schreibt ein Augenzeuge, »von Kannibalen zu ~hören~ ist schlimm genug, aber mit eigenen Augen Tote zu ~sehen~, denen das Fleisch von den Knochen abgenagt ist, das übersteigt die menschliche Kraft. Man kann hier vor Ekel kaum mehr daran denken, seinen Hunger zu stillen. Die abgezehrten Leute machen Augen wie Wölfe und laufen den Booten nach in der Hoffnung, einigen Abfall zu finden.

Die Taipings haben das Land rein ausgeplündert und alles Eßbare mit fortgeschleppt.«

Mit unglaublicher Geschwindigkeit drängte Gordon indessen weiter, und aufs neue wurde nun Sieg um Sieg erfochten.