Part 7
Der letzte Schlag gegen die Rebellen geschah von Waisso aus. Die Taipings zogen sich auf Tschantschufu zurück, allerorts aber erhob sich das Landvolk in verzweifelter Rache, ihrer hunderte und tausende erschlagend. Tschantschufu wurde von Li belagert, und Gordon zog ihm mit dreitausend Mann zu Hilfe. Zwanzigtausend Taipings unter dem Hu Wang oder Schutzkönig, gemeinhin auch »Scheel-Auge« genannt, verteidigten die Stadt bis aufs Blut, sich tagelang wehrend. Aber Li hatte eine Proklamation erlassen, in welcher er allen, welche die Stadt verlassen würden, Pardon verhieß, den Hu Wang selbst ausgenommen, und siehe da -- die Überläufer kamen massenhaft. Schließlich erstürmte Gordon die Stadt; etwa fünfzehnhundert Taipings fielen, aber auch das siegreiche Korps litt große Verluste. Es war die letzte Kriegsthat desselben. Kurz vor der Einnahme der Stadt hatte Gordon an seine Mutter geschrieben:
»Ich werde mich natürlich versichern, daß der Aufstand wirklich unterdrückt ist, ehe ich meine Leute heimschicke, da ich sonst eine große Verantwortlichkeit auf mich laden würde .... Auf Weihnachten hoffe ich bei Euch zu sein. Unsere Verluste innerhalb dieser sechzehn Monate waren doch bedeutend: von hundert Offizieren sind achtundvierzig tot oder verwundet, von dreitausendfünfhundert Gemeinen an eintausend tot oder verwundet; aber ich habe die große Befriedigung zu wissen, daß, soweit es in menschlicher Berechnung liegt, es wohl keine sechs Monate mehr dauert, bis auch die letzte Handbreit Erde den Rebellen unter den Füßen weggezogen sein wird, während der Aufruhr sonst leicht noch sechs Jahre hätte dauern können. Meine Beförderung und das Lob der Leute ist mir sehr gleichgültig, und im übrigen werde ich China so arm verlassen als ich es betreten habe, doch darf ich das Bewußtsein mit mir nehmen, daß ich als schwaches Werkzeug dazu dienen durfte, achtzig- bis hunderttausend Menschenleben zu erhalten. Ich brauche keinen anderen Lohn. Die Rebellen von Tschantschufu gehören zu den ursprünglichen Anstiftern, und obgleich manch Unschuldiger mit dabei sein mag, so verdienen sie doch im allgemeinen das Los, das ihrer harrt. Hättest Du eine Vorstellung von den haarsträubenden Grausamkeiten, die sie verübten, so würdest Du wohl auch mit mir sagen: Strafe muß sein. Es sind meist Ausreißer von Sutschau, Kuinsan, Taisan, Wusieh, Jefing u. s. w., die sich hier schließlich zur Wehre setzen; sie halten täglich mehrere Dutzend Hinrichtungen ab, um die mit ihnen in der Stadt Eingeschlossenen an der Flucht zu hindern.«
Am 11. Mai, zwei Stunden nach der Einnahme von Tschantschufu, sandte er in aller Eile folgenden mit Bleistift geschriebenen Brief ab:
»Liebste Mutter! Tschantschufu wurde um zwei Uhr heute von meinen Truppen und den Kaiserlichen erstürmt. Übermorgen kehre ich nach Kuinsan zurück und werde nicht mehr zu Feld ziehen. Die Rebellen sind jetzt geliefert; sie haben nur noch Tajan und Nanking. Tajan wird wohl in diesen Tagen fallen und Nanking kann sich höchstens noch zwei Monate halten. Es freut mich, Dir zu sagen, daß ich wohlbehalten aus dem Kampfe gekommen bin.
Dein treuer Sohn
C. G. G.«
Nach Kuinsan zurückgekehrt, fand er daselbst die Nachricht vor, daß die Kabinetsordre, die es einem britischen Offizier verstattete, unter der chinesischen Regierung zu dienen, aufgehoben war. Es war ein Glück für China, daß Gordons rasche Züge das Werk in der kurzen Zeit vollbrachten; die letzte morsche Stütze des Taipingtums konnte ohne ihn zusammenbrechen. Mehrere feste Plätze der Rebellen ergaben sich ohne weiteres auf die Kunde hin, daß Tschantschufu gefallen sei. Nanking allein hielt noch aus, trotz Hungersnot. Aber Gordon konnte dem endlichen Sieg dort nicht ohne Besorgnis entgegensehen, galt es doch den Bestand seiner errungenen Erfolge. Er machte sich daher selbst nach Nanking auf den Weg, wo Tseng Kwo-fan kommandierte. Von einer Anhöhe oberhalb des Porzellanturmes besichtigte er die Stadt. Die Mauer war vierzig Fuß hoch und dreißig Fuß breit. Er sah, wie einige Taipings sich an Stricken herunterließen, um außerhalb Linsen zu sammeln; man wehrte es ihnen nicht. Innerhalb der Stadt waren große leere Plätze, und an vielen Stellen waren die Wälle ganz verlassen. Die kaiserliche Belagerungslinie erstreckte sich weithin mit einer doppelten Reihe von Schanzen und einhundertvierzig Lehmforts, je achtzehnhundert Fuß von einander entfernt und mit je fünfhundert Mann Besatzung.
Seine »stets siegreiche Armee« verabschiedete nun Gordon auf eigene Verantwortung, jedoch im Einverständnis mit Li. Er entledigte sich dieser seiner letzten Pflicht mit derselben Festigkeit und Selbstlosigkeit, die ihn durchweg gekennzeichnet hat. Er behielt sich vor, Offiziere wie Gemeine nach Verdienst zu belohnen, und die chinesische Regierung gestattete ihm dies um so bereitwilliger, als er für sich selbst auf allen Lohn verzichtete. Jeder Offizier, der eine Verwundung davongetragen hatte, erhielt die Summe von achtzehntausend Mark; die andern je nach Verhältnis. Ein Preuße, Namens Schamroffel, der bei Sutschau um beide Augen kam, erhielt zweiunddreißigtausend Mark. Die nicht verwundeten Gemeinen erhielten je einen Monat Löhnung und Reisegeld in ihre Heimat. So wurde die stets siegreiche Armee aufgelöst, die während der sechzehn Monate unter Gordons Oberbefehl vier Hauptfestungen und ein Dutzend befestigte Plätze eingenommen und in einer Reihe von Gefechten eine Anzahl von Feinden außer Kampf gesetzt hatte, die, gering gerechnet, fünfzehnmal ihre eigene Streitkraft überstieg. Und der Aufruhr, dem sie in voller Blüte entgegengetreten, lag nun in den letzten Zügen: die hungernde Hauptstadt des Usurpators konnte sich nicht mehr lange halten.
Die kaiserliche Regierung hatte Gordon eine stattliche Belohnung zugedacht -- zweimalhunderttausend Mark; allein er wies sie zurück wie vorher die siebzigtausend Mark. Und selbst von seiner während der 16 Monate bezogenen Besoldung hatte er den größten Teil nicht für sich, sondern für seine Soldaten ausgegeben. Mit Recht konnte er sagen: ich verlasse China so arm wie ich es betreten!
Li that was er konnte, seinem scheidenden Freunde mit Auszeichnung zu begegnen. Nie war ihm ein solcher Mann in seinem eigenen Volke vorgekommen, und die Ausländer, mit denen er zu thun gehabt, waren immer Leute gewesen, die sich für etwaige Dienste gut hatten bezahlen lassen. Nun lernte er die menschliche Natur von einer ganz neuen Seite kennen -- daß es die vom Christentum durchdrungene, erneute menschliche Natur war, verstand der Chinese nicht -- und eine lebenslängliche Bewunderung und Liebe für unseren Helden war das Ergebnis. Li hat es bis heute nicht vergessen, daß Gordon ihn einst im höchsten Zorn mit der Pistole verfolgte, weil er sich durch Wortbrüchigkeit eine That hatte zu Schulden kommen lassen, die der edle Sinn des Briten nicht verwinden konnte.
Es bereitete der kaiserlichen Regierung einen ordentlichen Kummer, daß Gordon sich nicht lohnen lassen wollte; ihn nach Möglichkeit zu ehren, war ihr deshalb ein Anliegen. Er wurde zum Range eines Ti-tu erhoben, d. h. zur obersten Mandarinenwürde, auch erhielt er die gelbe Jacke mit der Pfauenfeder, was den höchsten Orden im europäischen Sinne gleichkommt. »Mir liegt nichts an diesen Dingen,« schreibt er an seine Eltern, »aber ich weiß, daß sie Euch Freude machen,« und er nahm sie an, wie auch eine goldene Kette, die Prinz Kung von seinem eigenen Halse löste mit den Worten: »Dies wenigstens sollen Sie mir nicht abschlagen!« Gordon ließ sich die Kette umhängen, aber es erging dieser Kostbarkeit nicht besser als manchen anderen, die er erhalten hat. Auf der Heimreise nämlich begab es sich, daß für eine arme Soldatenwitwe gesammelt wurde. Gordon ging in seine Kajüte, und da er fand, daß seine Barschaft ihm nur eben bis in die Heimat reichen würde, kam er mit jener Ehrenkette zurück und legte sie stillschweigend auf den Teller der Witwe. Ja, selbst eine Medaille, welche die Kaiserin-Mutter von China ihm mit ihrem besonderen Dank übersandte und die er werthielt, verschwand nach einiger Zeit aus seinem Besitz. Nicht einmal seine nächsten Angehörigen wußten, was daraus geworden. Nach Jahren verriet es ein Zufall. Bei einer Hungersnot unter den Fabrikarbeitern in Manchester, welche infolge der Baumwollenkrisis während des amerikanischen Krieges ausgebrochen war, hatte Gordon, dessen Kasse oft durch Liebeswerke erschöpft war, sich seiner Medaille erinnert. Er vertilgte die Inschrift und sandte die schwere Goldmünze als Beitrag an einen Geistlichen jener Stadt. Einer, der ihn persönlich kannte, sagt von ihm, daß er sich stets grundsätzlich von Dingen trennte, die ihm wert waren oder die irgendwie der Eigenliebe Vorschub leisten konnten. »Man muß sich auch von seinen Medaillen trennen können,« war späterhin in Freundeskreisen eine Redensart von ihm. In einem seiner Sudanbriefe aus dem Jahr 1874 findet sich folgende Stelle: »Wie ist mir's gelohnt worden, daß ich damals die Inschrift (jener Medaille) vertilgte, tausendfältig gelohnt! Es giebt jetzt nichts mehr auf der Welt, woran mein Herz hängt. Ihre Ehren? sie sind hohl. Ihr sonstiger Tand? mir ganz gleichgültig. So lang ich lebe, schätze ich die Gottesgabe Gesundheit, das ist Reichtum genug.«
Prinz Kung ließ Gordon nicht ziehen, ohne ein chinesisches Zeugnis seiner Tüchtigkeit an die englische Regierung zu senden. »Wir wissen uns nicht zu helfen,« sagte dieser Fürst zum britischen Botschafter, »er nimmt kein Geld an, und was wir an Ehren ihm verleihen können, ist geschehen; aber auch dies schlägt er gering an, und deshalb habe ich Ihnen dies Schreiben an die Königin von England gebracht, damit sie ihm einen Lohn gebe, der vielleicht mehr gilt in seinen Augen.« Des Lobes und der Dankbarkeit in diesem Schreiben war in der That kein Ende, und die Zuschrift an die britische Majestät schloß mit den Worten: »Der Titel Ti-tu verleiht ihm den höchsten Rang in der chinesischen Armee; der Prinz möchte aber hiermit die Hoffnung aussprechen, daß wenn die englische Regierung dem Heimkehrenden irgend welche Ehrenbeförderung kann zukommen lassen, der britische Minister es nicht unterlassen möge, solche zu befürworten, damit alle Welt erkenne, daß seine Heldenthaten und seine persönlichen Eigenschaften nicht hoch genug zu schätzen sind.«
Der chinesische Brief soll irgendwo »zu den Akten« gelegt worden sein, ohne seine Bestimmung zu erreichen. Die Anerkennung seitens der englischen Regierung war jedenfalls eine sehr langsame. Dem damaligen Kriegsminister soll sogar der Name des Oberstleutnant Gordon ganz unbekannt gewesen sein! Dafür ließ die Stimme des Volkes sich hören, und »Chinesen-Gordon« lautet der aus jener Zeit stammende Ehrentitel, der unserem Helden im Volksmund noch immer anhängt. »Nie,« sagte die Times in jenen Tagen, »hat ein sogenannter Glückssoldat[4] ein feineres Verständnis für die militärische Ehre an den Tag gelegt, als der Mann, der nach einer Reihe von glänzenden Siegen soeben sein Schwert niedergelegt hat. Sein Heldenmut gegenüber den Widerstandleistenden, seine Barmherzigkeit gegen die Überwundenen werden nur durch sein selbstloses Außerachtlassen alles dessen überboten, was ihm persönlichen Gewinn hätte bringen können ... Das Ergebnis seines chinesischen Feldzugs läßt sich kurz dahin zusammenfassen: er fand die fruchtbarsten Distrikte Chinas verwüstet und in den Händen von räuberischen Rebellen. Die reichen Gegenden der Seidenzucht waren eine Stätte barbarischer Greuel; den altberühmten Städten Hangtschau und Sutschau drohte das Los Nankings, sie waren nahe daran, im Besitze der Rebellen zu Grunde zu gehen. Gordon hat den Aufstand mitten entzweigeschnitten, die Städte erobert, die Räuberhorden aufgelöst; und all dies nicht nur durch die Macht seines Schwertes, sondern vielfach durch die bloße Wirkung seines Namens.«
Sein Tagebuch hatte er vor seiner Abreise nach Hause gesandt.
»Ich wünsche aber keine Veröffentlichung,« schreibt er dazu, »je bälder diese Geschichte vergessen ist, desto besser; ich weiß nämlich durchaus nicht, ob wir (die Engländer) ein Recht hatten uns einzumischen. Meinesteils bin ich ruhig im Gedanken, ein Werk der Menschlichkeit vollbracht zu haben, doch kann ich nicht erwarten, daß Fernstehende es eben so ansehen und billigen.« --
Gordon war dringend nach Peking eingeladen worden, aber er lehnte die Aufforderung ab, wohl wissend, daß man ihn dort mit fürstlichen Ehren empfangen würde. In Schanghai aber hielt er sich vor der Abreise noch eine Zeit lang auf, um den Chinesen einigermaßen zu einer Armee nach europäischem Begriff zu verhelfen.
»Ich mache hübsche Fortschritte, die chinesischen Offiziere einzuüben,« heißt es in seinem letzten Brief aus China, »es geht leichter, als ich dachte!«
Und in eben jenen Tagen, während er als einfacher Exerziermeister sich bestrebte, Nützliches zu hinterlassen, fiel Nanking. Jeden Fuß breit, bis in den Palast des himmlischen Königs, verteidigten die Taipings mit verzweifeltem Mut. Hung hatte seit Monaten in seiner Teilnahmlosigkeit verharrt, die man nur als eine Phase seines Wahnsinns betrachten kann. Es durfte ihm niemand sagen, daß die Stadt sich nicht werde halten können; und bis zuletzt bestand er auf seiner göttlichen Herkunft. »Ich bin der Herr von zehntausend Völkern, wen sollte ich fürchten?« rief er. »Ich habe Befehl von Schang-ti (Gott) und von Jesus selbst, dies Reich zu regieren.« Als der Getreue ihm einst dringend zur Flucht riet, entgegnete er: »Fürchtest du den Tod? Ich, der wahre Herr, kann ohne Truppen bestimmen, daß das Reich des großen Friedens sich bis an die äußersten Grenzen erstrecke.« Die Berge, die Ströme, die Völker seien sein, sagte er; und ließ die andern Wangs für sich kämpfen und seine Minister schalten und walten, wie sie wollten. Nur in ~einem~ war er unerbittlich: nie durfte man ihn anders als in religiösen Phrasen und mit kriechender Unterwürfigkeit anreden. Einem die Haut bei lebendigem Körper abziehen, war von Anfang an seine Lieblingsstrafe gewesen; jetzt wollte er jeden dazu noch gevierteilt sehen, der es unterließ, von ihm anders als von dem »Himmlischen« zu reden. Die letzten Monate seines unglücklichen Daseins verbrachte er unter seinen Weibern mit religiösen Andachten. Als man ihm mitteilte, daß nur die allerwohlhabendsten Leute der Stadt noch zu essen hätten, erließ er eine Verordnung, daß die anderen sich von »duftenden Kräutern« nähren sollten, wozu er selbst ein gutes Beispiel zu geben wähnte, indem er Gemüse aus dem königlichen Garten zur Tafel befahl.
Der getreue Wang wußte wohl, wie es stand, aber Untreue gegen seinen Herrn scheint ihm nie als eine Möglichkeit vorgeschwebt zu haben. Nach dem Fall von Sutschau war er zum letztenmal nach Nanking zurückgekehrt in der Hoffnung, diese Stadt abermals zu entsetzen. Ihm selbst gelang es, Eingang zu finden, aber seine Truppen hatte er eingebüßt, weil es weithin an allem Proviant gebrach. Zu Ehren dieses Mannes sei's gesagt, daß er sich mit Aufbietung all seiner Kräfte und Mittel nun bestrebte, die Eingeschlossenen vor dem Verhungern zu schützen. Er erzählt in seinem Tagebuch, daß man sich täglich dem Himmlischen zu Füßen werfe, aber dieser gestattete keinem, das Wort Übergabe auch nur in den Mund zu nehmen. Den Rat des Getreuen, die Weiber und Kinder fortzulassen, verachtete er und wandte sich dem Schildkönig zu. Der Getreue aber that heimlich was er konnte, und zu tausenden verließen Weiber und Kinder die Stadt. Der kaiserliche General Tseng nahm alle auf und ließ ihnen Nahrung reichen. Der Schildkönig war ein Banditenanführer, und täglich gab es Mord und Totschlag unter den unglücklichen Taipings.
Die Tage des großen Friedens waren gezählt. Ob der tolle Schulmeister wohl je an seine Jugend zurückdachte, da er noch von keinem anderen Ehrgeiz beseelt war, als im Examen zu bestehen? Ob er sich sein bisheriges Leben vergegenwärtigte? Ströme von Blut bezeichneten seine Laufbahn durch die Länge und Breite des blumigen Landes. Friedliche Städte hatte er in Räuberhöhlen verwandelt, fruchttragende Felder in Wüsteneien. Und nun das Maß voll war und er inmitten seiner wilden Horden dem sicheren Tod ins Auge sah, krönte er sein entsetzliches Leben damit, daß er eigenhändig seine Weiber aufhängte und dann Gift nahm.
Nach seinem Tod bestieg sein ältester Sohn, Hung Fu-tien, als der »junge Herr« den angeblichen Thron; der aber war ein sechzehnjähriger Jüngling, in vollständiger Unwissenheit aufgewachsen. Die Belagerer bedrängten die Stadt mehr und mehr. Am 8. Juli wagte der Getreue einen Ausfall, wurde aber zurückgeschlagen; am 19. gelang es den Belagerern, mittelst einer Riesenmine, die vierzigtausend Pfund Pulver enthalten haben soll, die Mauer zu sprengen; sie drangen unaufhaltsam in die Stadt. Der Getreue leistete zum letztenmal Widerstand, aber die Stunde der Taipings war gekommen; bis Mitternacht hatte er noch den Palast des Tien Wang verteidigt, um den »jungen Herrn« und seine weinenden Angehörigen zu schützen, und als alles zu Ende ging, hatte er den Palast und seine eigene stattliche Wohnung in Brand gesteckt. In der allgemeinen Verwirrung, zwischen Feuer, Totschlag und Fluchtversuchen, legte er eine letzte Probe seiner seltenen Treue ab, indem er den »jungen Herrn«, der mit zwei seiner Geschwister ihn flehentlich um Rettung bat, auf sein eigenes tüchtiges Pferd setzte, während er selbst auf einem ausgehungerten Klepper zu entfliehen versuchte. »Obgleich der Tien Wang dahin war und alles verloren,« heißt's in seinem Tagebuch, »so konnte ich doch als einer, dem er einst wohlwollte, nicht anders, als wenigstens den Versuch machen, seinen Sohn zu retten.« Daß der Tien Wang ihm schließlich nur mit Undank gelohnt hatte, schien dieser Edelste der Taipings in seiner schönen Hingabe vergessen zu haben.
Es gelang dem »jungen Herrn« sowie auch dem Getreuen und dem Schildkönig, mit etwa tausend anderen zu entkommen; sie wurden aber bald von einander getrennt. Als der Getreue fand, daß sein Tier ihn nicht mehr tragen konnte, suchte er Schutz in einem Tempel; dort wurde er von Landleuten erkannt, die ihn knieend baten, sich den Kopf rasieren zu lassen und verkleidet zu entfliehen. »Ich bin der Diener eines Königs, der nicht mehr ist,« entgegnete er, »es wäre ein Unrecht an den Gefallenen, ließe ich mir das Haar scheren.« Er fiel in die Gefangenschaft der Kaiserlichen und wurde samt dem Schildkönig enthauptet. Während der letzten Tage seines Lebens schrieb er seine Erinnerungen, die in gedrängter, klarer und durchaus glaubhafter Darstellung den ganzen Aufstand schildern.
Was den »jungen Herrn« betrifft, so brachte des Getreuen Pferd ihn in vorläufige Sicherheit. Aber weder seine Erziehung noch sein genußsüchtiges Leben in der Gesellschaft seiner jungen Königinnen hatten ihn dazu geschickt gemacht, mit dem Unglück zu kämpfen. Nachdem er sich etliche Wochen im Gebirg herumgetrieben und angefangen, im Hunger sich den Tod zu wünschen, fiel auch er den Kaiserlichen in die Hände. Trotz seiner inständigen Bitte, ihn am Leben zu lassen, »damit er noch etwas lernen könne und sein Examen mache,« wurde er alsbald hingerichtet.
Im November des Jahres 1864 schickte sich Gordon zur Heimreise an. Die Kaufleute von Schanghai faßten seine Verdienste um China in einer äußerst anerkennenden Denkschrift zusammen, die besonders auch darauf Wert legt, daß seine edle Selbstlosigkeit viel dazu beitragen werde, die Chinesen von ihrem Mißtrauen gegen alle Ausländer zu heilen. Als Gordons Tod bekannt wurde, kamen Zeugnisse aus dem fernen China, daß man seiner dort in Liebe gedenke; und als Gordon in Khartum gefallen war, da schickten der Kaiser und Li und andere, die ihm ihren Dank bewahrt hatten, erhebliche Beiträge zu dem Gedächtnisfonds, damit ein würdiges Denkmal für den Helden erstehe.
Aber das schönste Zeugnis stellt ihm ein Taipingführer aus, der nach dem Fall von Sutschau geschrieben hat: »Fern sei es zu behaupten, daß Gordon um die Greuelthaten wußte. Bei aller Kenntnis des brutalen Verfahrens, dessen mancher, den Namen Engländer entehrend sich schuldig macht, glauben wir doch keinen Augenblick, daß der ehrenwerte Anführer der Armee, die sich die siegreiche nennt, jene mörderischen Greuel guthieß ... Wir wissen, daß Gordon es stets bitter beklagte, wenn Grausamkeiten verübt wurden, die er nicht verhindern konnte, und daß in seinem Herzen der Gedanke brennen muß, wie in seinem Heimatland solche Greuel vielleicht ihm zur Last gelegt werden. Möge es ihm eine Genugthuung sein zu wissen, daß unter seinen Feinden, die lieber seine Freunde wären, jene Thaten ihm nicht zugerechnet werden. Gefiele es doch dem Himmel, daß irgend ein unwürdiger Abenteurer seine Stelle einnähme, einer, den man nicht betrauern müßte, wenn er erschlagen würde! Statt dessen kann ich es bezeugen und habe es mehrmals mit eigenen Augen gesehen, wie im Schlachtgetümmel einem niederträchtigen Engländer, den Geldgier in unsere Reihen führte, die Flinte aus der Hand geschlagen wurde, wenn er von gedecktem Standpunkt aus auf den stets furchtlos sich bloßstellenden Gordon zu zielen sich unterstand. Und der solchem Meuchelmord wehrte, war immer einer unserer Anführer, ja einmal kein anderer als der Schildkönig selbst!«
Drittes Buch.
In der Stille.
»Es ist einer auf dem Heimweg,« schreibt Gordon an seine Mutter im November 1864, »aber es ist ihm nicht darum zu thun, daß es bekannt werde.« Gefeiert zu werden war, wie wir wissen, nicht nach seinem Geschmack; wozu auch? meinte er, er habe nur seine Pflicht gethan. Der Geschichtschreiber der stets siegreichen Armee sagt, daß er über die Persönlichkeit Gordons von ihm selbst wenig Auskunft erhalten und daß der Leser, in dem die Berichte von Krieg und Sieg mit der Verherrlichung Gordons unwillkürlich zusammenfließen, sich ohne Zweifel wundern würde, wenn er den jungen Mann und seine ruhige, zurückgezogene Art sehen könnte. Freude an energischer Thätigkeit, Selbstaufopferung und Pflichtbewußtsein seien offenbar die Triebfedern seines Wesens. Äußerlich aber habe der tief fromme Soldat nichts von all dem an sich, was sonst den kühnen Anführer einer irregulären Soldateska kennzeichne.
Kaum war Gordon im Kreise der Seinigen in Southampton angelangt, da regnete es auch schon Einladungen aus der vornehmen Welt. Er hatte den Mut, sie alle abzulehnen. Im engen Familienkreise nur ließ er sich herbei, seine chinesischen Erlebnisse zu beschreiben; und die so glücklich waren, es mit anzuhören, fanden die Berichte fast märchenhaft, fast wie eine Heldensage aus vergangener Zeit. Mit Ingrimm konnte er da wohl die Greuel des Rebellentums beschreiben, aber seine Stimme wurde stets leise, wenn von Sieg die Rede war, denn dann gewann neben der Bescheidenheit des Erzählers Mitleid mit den Überwundenen die Oberhand. Niedergeschrieben wurde nichts von all dem, außer was bewunderndes Interesse in die Herzen der Hörer eingrub. Selbst das Tagebuch, das Gordon aus China nach Hause gesandt hatte, fiel seiner Demut zum Opfer. Er wünschte keine Veröffentlichung, wie er bei der Übersendung schrieb. Leihweise fand es indessen seinen Weg in die Hände eines der Minister, und dieser war daran, es privatim drucken zu lassen, damit seine Kollegen es auch lesen könnten. Eines Abends hörte Gordon zufällig davon und begab sich stehenden Fußes nach der Wohnung des betreffenden Herrn, traf ihn aber nicht zu Hause; doch erfuhr er den Namen des Druckers, eilte zu diesem und verlangte sein Manuskript zurück mit dem Befehl, das bereits Gesetzte zu zerstören. Was jenes Tagebuch betrifft, so hat es niemand je wieder gesehen. »Ich besitze wenig auf der Welt,« pflegte er zu sagen, »meinen Namen könnten die Leute mir jedoch als Privateigentum lassen«. Von wie viel tausend Zungen ist der Name Gordon seither mit Bewunderung genannt worden!