Gordon, der Held von Khartum

Part 5

Chapter 53,553 wordsPublic domain

Die Pagodenstadt Sutschau liegt am großen Kanal und ist von Wasserwegen umgeben. Gordon beschloß, sie allmählich abzuschneiden, indem er zu Wasser von allen Seiten näher rückte. Etwa fünfzehn Kilometer südlich von Sutschau liegt Kahpu am Thaihusee, wo die Rebellen zwei starke Forts innehatten, nicht weit davon die Stadt Wokong. Als Schlüssel zu dem etwa achtzig Quadratkilometer großen Thaihusee waren beide Orte von Wichtigkeit, außerdem beherrschten sie die Verbindung zwischen Sutschau und den Taiping-Städten im Süden. Dahin richtete Gordon deshalb seinen ersten Angriff und eroberte beide Orte mit etwa zweitausendzweihundert Mann Infanterie und Artillerie, sowie mit Hilfe zweier Kriegsboote, der »Feuerfliege« und dem »Heimchen«. Auch hier zeigte es sich wieder, daß rasche Bewegung Gordons Stärke war; so gab es z. B. einen ordentlichen Wettlauf nach einer Verschanzung außerhalb Wokongs, welche die Rebellen vergessen hatten zu besetzen. Als sie merkten, daß der Feind sich seine Gelegenheit ersah, wollten sie das Versäumte geschwind noch nachholen und machten sich kopfüber auf den Weg. Zwei Regimenter Gordons aber waren hinter ihnen her, so daß die Taipings eigentlich nur sozusagen zu einer Thür hinein und zur andern wieder hinausgejagt wurden, den Siegreichen den Posten überlassend.

Viertausend Rebellen kapitulierten; fünfzehnhundert derselben sollte Tsching unter seine Kaiserlichen aufnehmen, nachdem er sein Wort gegeben hatte, sie gut zu behandeln. Es dauerte aber nicht lange, da hörte Gordon, Tsching habe trotz seinem Versprechen etliche derselben enthauptet, eine Wortbrüchigkeit, welche Gordons ganzen Zorn herausforderte. Überdies war er unzufrieden, weil der Sold seiner Truppen seit einiger Zeit im Rückstande war. Er hatte ihnen das Plündern verwehrt mit dem Versprechen einer regelmäßigen Löhnung; nun entbehrten sie beides, und allgemeines Murren wurde laut. Es ist bezeichnend, daß nach der Einnahme von Kuinsan, einem Erfolg, der europäische Truppen mit flammender Begeisterung erfüllt hätte, die Siegreichen in ziemlicher Anzahl davonliefen! Auch hierin liegt ein Grund, warum Gordon nicht anders konnte, als Taiping-Überläufer zu Rekruten zu machen! Durch Tschings zwecklose Grausamkeit wurde das Maß seines Unmuts voll; er beschloß sein Kommando niederzulegen, und ritt in dieser Absicht nach Schanghai. Als er am dritten August dort ankam, fand er indessen eine Nachricht vor, die ihn alsbald umstimmte.

Burgevine mit etwa dreihundert Mann europäischen Pöbels und einem kleinen Dampfer hatte eben die Stadt verlassen, um sich den Rebellen anzuschließen. Burgevine ein Wang! das war allerdings eine Neuigkeit, die den Leuten von Schanghai nicht ganz einerlei war, und Gordon sah, daß er der kaiserlichen Sache nicht den Rücken wenden durfte, wenn er es nicht riskieren wollte, daß die »stets siegreiche Armee« sich ihrem alten Anführer zuwenden und mit ihm zu den Taipings übergehen sollte.

Sofort kehrte er nach Kuinsan zurück, und ernste Gedanken mochten ihn auf seinem einsamen Ritte begleiten. Wie viel hing von der Stimmung seines Korps ab! Die Leute konnten es nicht vergessen haben, wie Burgevine seiner Zeit den kaiserlichen Zahlmeister prügelte, weil er im Rückstande war, und wie er nie Anstand nahm selbst Tempelraub zu begehen, wenn sich's darum handelte, die Siegreichen zu löhnen. Kein Wunder, daß Gordon bei seiner Rückkehr großer Aufregung begegnete; seine Macht über die Geister machte sich aber auch jetzt wieder geltend. Er schickte sich alsbald an, seine Stellung bei Kahpu zu verstärken, und nicht zu früh, denn die mutig gewordenen Taipings machten einen Überfall, wurden aber zurückgeschlagen; doch verlor Gordon ein Kanonenboot. Burgevine war übrigens nicht bei diesem Angriff; es hieß, er bilde eine Fremdenlegion in Sutschau. Gordon hielt sich fürs nächste auf der Defensive.

»Daß Burgevine sich den Rebellen angeschlossen hat, wird den Aufstand ohne Zweifel verlängern, der sonst, nach menschlichem Ermessen, wohl noch in diesem Jahr unterdrückt worden wäre, oder doch spätestens im Laufe des Winters. Ich habe zu wenig Leute, um überall sein zu können, auch ist bei der gegenwärtigen Sachlage doppelte Vorsicht nötig. Die Kaiserlichen leiden an der Einbildung, daß sie die Rebellen im offenen Felde schlagen können, was nicht der Fall ist ... Man sucht mich zu überreden, alsbald die Offensive zu ergreifen, allein das Leben der Leute ist mir anvertraut, und ich will nichts thun, was ich von vornherein für tollkühn halten muß. So weit sind wir gut weggekommen, wir hatten in all diesen Gefechten nicht mehr als dreißig bis vierzig Tote bei sechzig bis achtzig Verwundeten. Es wäre wohl ein Unternehmen, um von sich reden zu machen, wenn ich Sutschau eroberte ohne Verstärkung abzuwarten; aber ich will nichts derartiges riskieren. Wokong ist unser, damit ist schon viel gewonnen, und wenn ich durch die Einnahme von Wusieh Sutschau von aller Verbindung abschneiden kann, wird es wohl nicht nötig sein, die Stadt zu stürmen. Ich denke, die Taipings werden sie von selbst räumen. Burgevine ist ein Thor und sieht nicht, was für Elend er übers Land bringt ....«

Unterm 11. September heißt es weiter:

»Burgevines kleiner Dolmetscher ist zu uns übergelaufen und sagt, daß sein Herr den Wangs allerlei von uns erzähle, was sie höchlich interessiere. Er sei in guter Gesundheit, aber träge. Seine Anhänger sind größtenteils Gesindel aus Schanghai .... Die Gegenwart von Europäern (bezw. Amerikanern) hat die Rebellen in nichts gebessert; sie sengen und brennen nach wie vor, wo und was sie können, und wir haben eine Menge ausgehungerter Leute hier ....«

Unterm 25. September schreibt er aus dem Lager bei Sutschau:

»Ich habe nun Stellung genommen, um die Kaiserlichen zu decken, die sich in einer Entfernung von etwa fünftausend Fuß vor Sutschau verschanzt haben ... Burgevine ist in Schanghai gewesen« -- nämlich um sich Munition zu verschaffen, bei welch tollkühnem Unterfangen er beinahe in Gefangenschaft geriet.

Am 30. September konnte Gordon bereits von Erfolg berichten:

»Da die Kaiserlichen durch die Patatschau-Schanzen gehindert waren, so beschloß ich, dieselben einzunehmen. Die Verteidigung war schwach und unser Verlust bei der Erstürmung ein kaum nennenswerter -- fünf Verwundete .... Bei Patatschau ist eine merkwürdige Brücke, sie besteht aus dreiundfünfzig Bogen und ist dreihundert Fuß lang. Ich bedaure sagen zu müssen, daß sechsundzwanzig der Bogen gestern zusammenfielen wie ein Kartenhaus, wobei zwei meiner Leute ums Leben kamen, zehn andere retteten sich nur durch schleunige Flucht. Die Bogen stürzten einer nach dem andern mit kolossalem Lärm zusammen, und mein Boot wurde schier mit zertrümmert. Es ist mir sehr leid, denn die Brücke war einzig in ihrer Art und sehr alt, eine wahre Sehenswürdigkeit. Ich fürchte, ich bin am Einsturz schuld; ich wollte nämlich einen Bogen wegnehmen lassen, um Raum für den Durchgang eines Dampfers nach dem Thaihusee zu gewinnen, da brach die ganze Geschichte zusammen, weil ein Bogen vom andern getragen war ... Die Lage der Rebellen wird immer schlimmer; ich denke, es wird nicht lange mehr dauern, bis ich den Fall von Sutschau melden kann. Wir sind hier etwa drei Kilometer davon entfernt, am großen Kanal. Die Dampfer legen den Taipings doch das Handwerk bedeutend.«

Was den Sturz der Brücke betrifft, so bedarf Gordons Bericht der Ergänzung. Er saß eines Abends allein auf der Brüstung jener Brücke und rauchte seine Zigarre, als zwei Kugeln nach einander neben ihm auf den Stein schlugen und abprallten. Diese Flintenschüsse, die ganz »zufällige« waren, kamen aus seinem eigenen Lager, wo man nicht wußte, daß er sich gerade daselbst aufhielt. Nach dem zweiten Schuß erhob er sich und schickte sich an, zurückzurudern, um zu sehen was es gäbe. Er war noch keinen Steinwurf von der Stelle entfernt, als der Teil der Brücke, auf dem er gesessen, mit großem Gekrach einstürzte und sein Boot in nicht geringe Gefahr brachte. Die Hauptgefahr, der er soeben entronnen, war natürlich die gewesen, selbst mit der Brücke zu stürzen. Es ist charakteristisch, daß er die Sache in seinem Briefe mit keinem Wort erwähnt! Diese Begebenheit ist eines jener Ereignisse, die seine Leute auf den Glauben brachten, sein Leben sei gefeit.

Dieser Glaube hatte bei seinen Chinesen in der That tiefe Wurzel gefaßt. In keinem Gefecht sah man ihn selbst Waffen tragen, obschon er es meist nötig fand, den Angriff persönlich zu leiten. Seine Offiziere waren ja im ganzen sehr tapfere Leute, aber nicht immer dazu angethan, dem verzweifelten Feind stand zu halten. Bei solchen Gelegenheiten konnte man Gordon oft sehen, wie er diesen oder jenen Offizier ruhig am Arm nahm und ihn mit sich in den dicksten Kugelregen führte. Er kannte keine Furcht; ihm galt ein Musketenfeuer nicht mehr als ein Hagelwetter. Die einzige »Waffe«, die er im Treffen führte, war sein kleines spanisches Rohr, womit er die Leute dirigierte; seine Soldaten aber, die ihn fast nur als Sieger kannten und ihn mit Staunen immer kaltblütig und unversehrt sahen, meinten, es habe mit dem Röhrchen eine besondere Bewandtnis. Als »Gordons Zauberstab« stand dasselbe denn auch in glänzendem Rufe. Und dieser Ruf war etwas wert.

Die in der Festung eingeschlossenen Europäer fanden sich mittlerweile unter der Herrschaft der Taipings aufs gründlichste enttäuscht; es kam zu Unterhandlungen zwischen Gordon und Burgevine. Eine Brücke bei Patatschau war der neutrale Boden der Zusammenkünfte.

Burgevine war ein amerikanischer Abenteurer vom reinsten Wasser, Sohn eines französischen Offiziers aus der Zeit des ersten Napoleon, in Nord-Karolina geboren. Er war nicht ohne Bildung, und der Traum seines Lebens scheint der gewesen zu sein, ein Kaiserreich zu gründen. Kalifornien, Australien, Hawaii, Indien und schließlich China waren der Schauplatz seiner Unternehmungen. Trunksucht soll ihn schließlich zu Grunde gerichtet haben. Seine Entlassung aus dem Sung-kiang-Corps hatte er nicht verwinden können, und er schloß sich den Taipings an, nur um sich an den Kaiserlichen zu rächen. In seiner ersten Unterredung mit Gordon erklärte er, er sei der Rebellen überdrüssig und wolle sie mit seinem Anhang wieder verlassen, wenn er die Gewißheit erhalten könne, daß die Kaiserlichen ihn für seinen Verrat nicht zur Verantwortung ziehen würden. Gordon übernahm es, die Bürgschaft zu leisten, und war alsbald bereit, sowohl Burgevine als andere Europäer, die dazu Lust hätten, unter seiner Fahne dienen zu lassen. Als aber Gordon und Burgevine das zweitemal zusammenkamen, gab der letztere seine wahre Gesinnung kund. Er und Gordon könnten gemeinschaftliche Sache machen, meinte er, mit einander der Stadt Sutschau habhaft werden, unter Ausschluß beider, der Rebellen und der Kaiserlichen, sich der in dieser Stadt aufgehäuften Schätze versichern, eine größere Armee heranbilden, nach Peking marschieren und das geträumte Kaiserreich gründen. Man kann sich denken, was Gordon dazu wird gesagt haben.

Übrigens desertierten die Europäer in der Stadt einige Wochen später massenweise, und zwar mit Gordons Hilfe. So groß war ihr Vertrauen zu dem feindlichen Landsmann, daß sie ihm sagen ließen, sie gedächten einen Ausfall zu machen in der Absicht, sich seinem Schutz zu ergeben. Auf ein Raketensignal hin wollten sie den Dampfer Hyson entern. Dies geschah denn auch mit solchem Eklat, daß Tausende von Taipings hinter ihnen herstürmten, in der Meinung, es handle sich um einen wirklichen Überfall; der Hyson aber trug die Flüchtlinge davon, deren Abschiedsgrüße der Zweiunddreißig-Pfünder energisch vermittelte. Burgevine mit etlichen anderen war indessen zurückgeblieben; der Moh Wang habe Verdacht geschöpft, hieß es, weshalb sie die Sache beschleunigt hätten, ohne auf die Säumigen zu warten.

Die Mehrzahl dieser Überläufer waren Matrosen, die nach Sutschau gelockt worden waren, ohne zu wissen, wohin sie gingen. Ausgehungert und zerlumpt wie sie waren, wußten sie ihrer Dankbarkeit kein Ende, und fast alle baten um die Erlaubnis, dieselbe dadurch mit der That beweisen zu dürfen, daß sie sich der siegreichen Armee einreihen ließen. Gordon aber, sobald er hörte, daß Burgevine in der Stadt zurückgeblieben und somit der Rache der Taipings hilflos überlassen war, richtete (16. Okt.) folgende Zuschrift an die beiden Haupt-Wangs der Belagerten:

»Es kann Ew. Exzellenzen nicht verborgen geblieben sein, daß ich bei jeder Gelegenheit, wo es in meiner Macht stand, Ihren in unsere Gefangenschaft geratenen Soldaten Barmherzigkeit erwiesen habe und es mir habe angelegen sein lassen, die kaiserlichen Behörden vor Grausamkeiten zurückzuhalten. Die Wahrheit dieser meiner Aussage kann Ihnen von solchen, die persönliche Erfahrung haben, bestätigt werden; denn mancher von Ihren Soldaten muß, nachdem Wokong in unsere Hände gefallen war, wieder nach Sutschau zurückgekehrt sein, ich habe es wenigstens keinem verwehrt, der es wünschte.

»Hierauf Bezug nehmend, erlaube ich mir Ew. Exzellenzen zu ersuchen, die Lage der Europäer in Ihren Diensten wohlwollend zu beurteilen. Ein Soldat, er mag kämpfen für wen er will, muß von loyalen Gedanken getragen werden, wenn er seine Pflicht thun soll. Und wenn einer gegen seinen Willen zu irgend einer Fahne gezwungen wird, so wird er nicht nur ein schlechter Soldat sein, sondern außerdem auch ein Unruhestifter im Regiment, den man nur hüten muß. Sollten nun solche Europäer in Sutschau sein, so erlaube ich mir, an Ew. Exzellenzen die Frage zu richten, ob es nicht viel besser wäre, solche unbehindert ziehen zu lassen, wenn das ihr Wunsch sein sollte. Sie selbst würden damit eine ständige Ursache des Argwohns los werden und sich die Billigung fremder Mächte erwerben; während Sie außerdem die Gewißheit hätten, daß Ihnen nur von außen ein Feind droht und nicht auch im eigenen Lager. Ew. Exzellenzen denken vielleicht, daß durch ein paar Hinrichtungen innere Ruhe bald hergestellt wäre; Sie würden dann aber ein Verbrechen auf sich laden, das sich früher oder später rächen müßte. Bei meinen Truppen steht es den Offizieren wie den Gemeinen frei, zu kommen und zu gehen wie es ihnen beliebt; und obschon das manchmal unbequem ist, so bin ich doch andererseits dadurch vor innerem Verrat sicher. Ew. Exzellenzen wollen sich darauf verlassen, daß Sie es zu bereuen haben werden, wenn Sie den in Ihrem Dienst sich befindenden Europäern ans Leben gehen oder sie wider ihren Willen zurückhalten. Dieselben haben nichts verbrochen, sie haben Ihnen im Gegenteil eine Zeit lang gedient; und wenn sie nun zu entfliehen suchen, so ist das nichts anderes als was jeder Mensch, ja jedes Tier in mißlicher Lage zu thun strebt .... Persönlichen Vorteil habe ich durchaus keinen dabei, ob die betreffenden in der Stadt zurückgehalten werden oder dieselbe verlassen. Wenn ich ihretwegen an Sie appelliere, so geschieht es lediglich aus Gründen der Menschlichkeit .... Daß diese Europäer mir Mitteilungen machen könnten, haben Ew. Exzellenzen durchaus nicht zu fürchten; Ihre Truppenstärke und Kriegsmittel sind mir längst bekannt, ich brauche mich daher nicht erst von ihnen belehren zu lassen.

»Sollte ich hinsichtlich dieser Männer vergeblich an Sie appellieren, so schicken Sie mir wenigstens die Verwundeten unter ihnen und glauben Sie, daß Sie damit eine That thun, die Sie nie bereuen werden.

»Ich schreibe dies eigenhändig, da ich mich nicht auf einen dolmetschenden Schriftführer verlassen will. In der Hoffnung, daß Sie meine Bitte gewähren, schließe ich

Ew. Exzellenzen gehorsamer Diener

~C. G. Gordon~, Major-Kommandant.«

Burgevine, der diese Teilnahme an seinem Schicksal durchaus nicht verdient hatte, wurde freigegeben und verschwand für immer. In einem Brief an die Seinen beschreibt Gordon die Sache und fährt fort:

»Moh Wang fragte den Boten genau aus, u. a. ob es möglich wäre, mich zu bestechen, und mußte sich mit einem Nein begnügen. »Wird Gordon die Stadt einnehmen?« »Jedenfalls«, lautete die Antwort, und er schwieg nachdenklich. Ich höre, daß die Stadt in großer Verwirrung ist; es ist nicht sowohl die Flucht der Europäer, was die Taipings beunruhigt, als vielmehr das Bewußtsein, daß die Europäer die Sache für verloren halten. Burgevine soll gut behandelt werden; ich werde thun, was ich kann, ihn loszubringen, und dann, sobald sich einer findet, der meine Stelle einzunehmen imstande ist, werde ich mich zurückziehen ... an Ruhm und Ehren ist mir nicht gelegen ... Ich hoffe, daß die chinesische Regierung sich hinlänglich davon überzeugt hat, daß ich ehrlich an ihr gehandelt habe und daß nicht alle Engländer von Geldgier beseelt sind. Daß sie diese Überzeugung in der That gewonnen haben, das glaube ich; wenigstens kommen sie mir mit vollem Vertrauen entgegen.«

Die Tage von Sutschau waren gezählt. Die Kaiserlichen hatten südwestlich um die Stadt her feste Stellungen inne, während Gordon mit seinem Belagerungstrain und vor allem mit dem Dampfer Hyson die nördliche und östliche Seite gesperrt hielt. Der Hyson erwies sich stets als vorzügliches Kampfmittel; bei einer Gelegenheit wurden dreizehnhundert Taipings gefangen genommen, und ebensoviel ertranken bei einem Fluchtversuch. Aber die kaiserlichen Verbündeten unter ihrem Anführer Tsching waren es, die durch ungeschickte Taktik Gordon immer wieder an der Ausführung eines umfassenden Planes hinderten. In Schanghai und anderwärts wurden Stimmen laut, daß, wenn Gordon nicht den Gesammtoberbefehl erhalte, man den Fall von Sutschau nie erleben würde. Aber nicht nur hat er diesen Oberbefehl nie erhalten, sondern sein eigenes Korps geriet wieder an den Rand der Meuterei und war außerdem von Krankheit heimgesucht. Aber Gordon hatte in sich die Kraft eines Kriegsheeres.

Zwar wurden die Siegreichen nun mehrmals zurückgeworfen, einmal lediglich infolge einer zur unrechten Zeit geleisteten Hilfe. Bald aber kann Gordon wieder ein Gegenteil berichten.

»Wir mußten die Rebellen aufs neue aus Wokong verjagen, sie hatten trotz ihrer neulichen gründlichen Niederlage daselbst die Kühnheit, diesen Ort abermals zu besetzen. Ich schickte einen Dampfer hin, und der Erfolg war ein glänzender Sieg, fast wie der bei Kuinsan und auch aus ähnlicher Ursache. Die Rebellen waren nämlich genötigt, ihren Rückzug auf einer engen Straße zwischen dem großen Kanal und anderen Gewässern zu nehmen ...«

Es war ein Weg, der oft lange Strecken nur drei bis vier Fuß breit war und dann und wann kamen enge Brücken, die nur ein bis zwei Mann auf einmal durchließen. Auf der ganzen Strecke des Rückzugs, fünfzehn Kilometer weit, waren die Flüchtlinge unter dem Feuer der Dampfer und hatten die verfolgenden Truppen hinter sich. Der Verlust der Taipings war entsprechend.

Am 1. November wurde Fort Liku erstürmt, etwa acht Kilometer nördlich von Sutschau. Dabei ereignete sich folgendes: Einige Tage zuvor hatte Gordon zufällig einen beschriebenen Zettel gefunden. Er erkannte die Handschrift als die eines seiner Offiziere, Namens Perry, der offenbar einem Rebellenfreund in Schanghai über das Korps berichtete. Perry leugnete auch gar nicht, entschuldigte sich aber damit, daß seine Mitteilungen nicht aus böswilliger Absicht stammten, sondern nur vertraulicherweise einem Bekannten gelten sollten. »Gut«, sagte Gordon, »ich nehme Sie für diesmal bei Ihrem Wort und erwarte von Ihnen, daß Sie beim nächsten ›hoffnungslosen‹ Gefecht vorne dran sind.« Er selbst vergaß den Fall alsbald wieder, aber nach wenigen Tagen waren beide nebeneinander vorne dran beim Erstürmen einer Verschanzung. Eine Kugel traf Perry in den Mund, Gordon fing ihn in seinen Armen auf -- er war tot.

»Wir eroberten Liku im Sturmlauf«, berichtet Gordon. »Leutnant Perry ist leider gefallen, er war ein guter Offizier. Sonst nur drei Verwundete. Die Rebellen hielten tapfer Stand, hatten vierzig bis sechzig Tote; wir machten sechzig Gefangene, eroberten drei Kanonenboote und etwa vierzig andere Boote.«

Zehn Tage später wurde ein anderer Ort Namens Wanti angegriffen, der so mit Erdwällen verschanzt war, daß das Beschießen kaum einen Eindruck machte; als Gordon aber den Ort eingeschlossen hatte, stürzten die Taipings wie toll daraus hervor, es gab ein hitziges Handgemenge, und nach einer Stunde war Wanti erobert. Gordon hatte zwanzig Tote, darunter einen Offizier; die Rebellen dreihundertfünfzig -- sie waren nämlich unter das Feuer der Artillerie geraten -- und außerdem gab's sechshundert Gefangene.

So wurde ein immer engerer Kreis um Sutschau gezogen. Die Wangs fingen an, mutlos zu werden.

»Uneinigkeit unter den Belagerten kann die Übergabe herbeiführen«, schreibt Gordon; »sie haben nichts mehr als für zwei Monate Reis ... Mauding am großen Kanal beabsichtigte ich zunächst durch zwei Dampfer angreifen zu lassen; es ist nur eine Stunde von hier und die Rebellen dort haben gar keine andere Wahl als sich zu ergeben. Die Kaiserlichen reden davon, ihnen Garantie anzubieten, daß ihnen das Leben geschenkt werde; die meisten wären ohne weiteres damit einverstanden!«

Wir werden bald sehen, was es mit solchen Versprechungen kaiserlicherseits auf sich hatte, und daß auch in China ein Treubruch Böses nach sich zieht.

3. Der Fall von Sutschau und der Mord der Könige.

Die Belagerung war vollständig; an vierzehntausend Mann umschlossen die Stadt, von denen drei- bis viertausend unter Gordons Befehl standen. Außerdem waren noch etwa fünfundzwanzigtausend Mann kaiserliche Truppen in der Nähe; Fusan war ihr Zentrum. Die Taipings zählten vierzigtausend in der belagerten Stadt, zwanzigtausend in Wusieh und weitere achtzehntausend zu Matantschiao, wo Tschung Wang, der Getreue, den großen Kanal beherrschte.

Gordon wußte all dies, aber er wußte auch, daß der Getreue nur auf die Gefahr hin näher rücken konnte, Nanking bloßzustellen und Hangtschau preiszugeben. Tschung selbst war sich darüber klar, daß Nanking hart bedrängt war und daß der Fall der Hauptstadt dem »großen Frieden« den Todesstoß versetzen würde. Die Außenwerke von Nanking waren zum Teil schon in Feindeshand. Gordon wußte dies, denn die Kaiserlichen hatten eine Staffette abgefangen; und er beschloß, Sutschau auf der Nordseite zu stürmen. Der Angriff geschah nachts, mißlang aber, denn die innere Reihe der Außenwerke war stark befestigt und wohl bemannt. Die Angreifenden trugen weiße Turbane, um sich nächtlicherweile untereinander zu erkennen. Es schien zuerst, als ob der Überfall gelingen sollte. Gordon an der Spitze seiner Vorlinien hatte den Wall schon erstiegen, aber ein mächtiges Feuer der plötzlich in Masse erscheinenden Taipings hinderte seine Unterstützungskolonnen am Vordringen, und so mußte auch er wieder zurückweichen. Ein Kampf bei Nacht mochte den Rebellen übrigens nicht behagen; wirklichen Mut schien nur noch der Moh Wang zu haben, der sich wie ein Löwe in den vordersten Reihen wehrte, ohne Schuhe und ohne Strümpfe mitten unter den Gemeinen kämpfend. Zwanzig Europäer hielten sich zu ihm.

Am andern Morgen hatte General Tsching eine Unterredung mit dem Taiping Kong Wang und erfuhr von diesem, daß unter den Wangs in Sutschau große Uneinigkeit herrsche; außer dem Moh Wang und fünfunddreißig zu ihm haltenden Unterbefehlshabern wären die Anführer bereit, mit dreißigtausend Mann zu kapitulieren. Denn trotz des zurückgeschlagenen nächtlichen Angriffs wüßten die Wangs nur zu gut, daß Sutschau fallen müsse; sie schlügen daher vor, daß Gordon, um ihnen einen gewissen Schein zu retten, einen zweiten Angriff aufs Ostthor mache, wobei sie dem Moh Wang den Rückweg in die Stadt abzuschneiden gedächten, um dann ihrerseits mit dem Feind zu unterhandeln.