Gordon, der Held von Khartum

Part 4

Chapter 43,419 wordsPublic domain

Sämtliche Offiziere waren Ausländer. Amerikaner bildeten die Mehrzahl, dann Engländer, Franzosen, Spanier, Deutsche. Im allgemeinen waren es tapfere Leute, die sich rasch in eine gegebene Lage zu finden wußten, im Feuer meist großen Mut entwickelten, im übrigen aber leicht einander in die Haare gerieten. Die Disziplin war so scharf wie thunlich, doch war es nicht oft nötig, summarisch einzugreifen, Gordons persönlicher Einfluß machte sich bald fühlbar. Das Schlimmste war die Trunksucht; innerhalb eines Monats starben einmal elf Offiziere an +delirium tremens+. »Man mußte froh sein, überhaupt Offiziere zu kriegen«, schrieb einer, der aus Erfahrung reden konnte; »sie schlugen sich gut, und das war schließlich die Hauptsache.« Ein anderer schreibt: »Es waren sogar offenkundige Freunde der Rebellen unter ihnen und solche, die alle Landesgesetze in den Wind schlugen; aber Offiziere wie Gemeine lernten sehr bald einen Anführer respektieren, auf dessen Tapferkeit, Kriegsgeschick, Gerechtigkeitsliebe und persönliche Güte sie alle Ursache hatten sich jederzeit zu verlassen, einen, der sich nie selbst schonte[3], wo es Gefahr gab, und der mit fester Hand alle Privathändel darnieder zu halten wußte, die bislang dem Erfolg oft hinderlich im Wege gestanden.«

Der Kriegsschauplatz, auf welchem Gordon seine Armee innerhalb anderthalb Jahren dreiunddreißigmal ins Gefecht führte, war die von der Jangtsze-Mündung im Norden und von der Bucht von Hangtschau im Süden begrenzte Provinz Kiangsu, eine stumpfe Halbinsel, die von Hangtschau bis Nanking am Jangtsze, der Residenz des Taiping, über zweihundert Kilometer breit ist, während der Querdurchschnitt in der Mitte zwischen diesen beiden Punkten bis zum Meer dreihundert Kilometer beträgt. Am nordöstlichen Ende, etwa vierzig Kilometer vom Ufer entfernt, liegt inmitten zahlloser Buchten die Stadt Schanghai. Das von unzähligen Flüssen, Flüßchen und Kanälen durchzogene Land ist von fast lagunenartigem Charakter und, abgesehen von den einzelnen Hügeln, flach wie Holland, fruchtbar und reich an Dörfern und Städten. Stellenweise liegt das Land tiefer als der Spiegel des Meeres, und lange Strecken erheben sich nur wenige Fuß darüber. Der Verkehr ist größtenteils zu Schiff. Zum Manövrieren in Kriegszeiten ist es daher ein schwieriges Land, und es kam Gordon gut zu statten, daß er sich eine so gründliche Kenntnis desselben verschafft hatte. Ja, er war mit dem gesamten Kriegsschauplatz weit besser vertraut als die Rebellen, die das Land seit zehn Jahren durchstreift hatten. Er wußte genau, welche Kanäle zur Zeit schiffbar waren und welche nicht; er wußte, wo der Boden Artillerie tragen würde und wo er versumpft war. Er ging auch alsbald daran, sich durch eine kleine Flotte von Kanonenbooten zu verstärken, die in dem wasserdurchfurchten Land seiner Infanterie als Bedeckung dienen konnte und die überdies durch rasche Truppenbeförderung seine viertausend Mann in der Meinung des Feindes vervielfachte. Mit Gordons Korps kooperierte eine kaiserliche Armee; der dieselbe befehligende General war Li Adong, ein Mann, vor dessen militärischer Tüchtigkeit Gordon alle Achtung hatte. Gleichwohl hatte sich Gordon völlige Unabhängigkeit vorbehalten, und die wurde ihm auch zugestanden.

Seine »Siegreichen« brannten vor Begier, die Scharte von Taitsan auszuwetzen, er aber ließ nichts übereilen. Er hatte das eine große Ziel im Auge, den Aufruhr schnell und gründlich aufs Haupt zu schlagen, und wußte genug von den bisherigen Ergebnissen, um einzusehen, daß hitziges Scharmützeln hier und dort, oder eine Taktik der Defensive -- wie z. B. das energische Sauberhalten des Dreißig-Meilen-Umkreises -- oder auch wiederholtes Angreifen des Feindes in seinen Verschanzungen wie in Taitsan, durchaus ungenügend sei, wenn es sich darum handle, dem ganzen Aufstand ein Ende zu machen. Ihm erschienen plötzliche Überfälle an Orten, wo man ihn am wenigsten erwartete, der geeignetste Kriegsplan; denn nicht nur gewannen seine Soldaten bei ziemlich sicheren Erfolgen immer mehr an Selbstvertrauen, sondern er zwang die Rebellen sehr bald, sich allerwärts seines Erscheinens gewärtig zu halten, zu einer Stellung der Defensive also, und ließ ihnen weder Zeit noch Mut, Schanghai oder die andern Hafenstädte zu beunruhigen.

Nicht viele Tage gingen ins Land, ehe er mit zweihundert Mann Artillerie und so viel Infanterie, als seine beiden Dampfer tragen konnten, d. h. etwa tausend Mann, den Jangtsze hinaufdampfte. Etwa hundert Kilometer aufwärts, am südlichen Ufer, liegt Fusan, ein Piratennest, wo die Taipings sich befestigt und kurz zuvor einen kaiserlichen Angriff zurückgeschlagen hatten. Die Kaiserlichen waren dort verschanzt und unter ihrer Deckung brachte er seine Leute ruhig ans Land, obgleich die Taipings in ziemlicher Stärke seinen Bewegungen aus nächster Nähe zusahen. Er erreichte Fusan, und es gab eine dreistündige Beschießung; einen Ansturm warteten die Taipings gar nicht ab, sie wandten sich alsbald zurück. Fusan war der Schlüssel zu dem fünfzehn Kilometer südlicher gelegenen Tschanzu, wo eine kaiserliche Besatzung sich bisher tapfer gehalten hatte.

Die Einwohner dieser Stadt waren selbst Rebellen gewesen, hatten sich aber wieder der kaiserlichen Sache zugewandt. Der getreue Wang hatte darauf die Stadt belagert und als Beweis, was er zu thun vermöchte, die Köpfe von drei bei Taitsan erschlagenen europäischen Offizieren über die Mauern werfen lassen; allein die Einwohnerschaft hielt aus. Auf dem Wege dahin fand Gordon die Leichname von fünfunddreißig von den Taipings gekreuzigten Kaiserlichen. Er vertrieb die Rebellen mit einem Verlust von nur zwei Toten und sechs Verwundeten auf seiner Seite. Der Feind zog sich nach Sutschau zurück; ein gut Stück Land war somit den Rebellen abgenommen. Die Leute von Tschanzu empfingen ihren Befreier mit großem Jubel und bedauerten lebhaft, ihm kein Geschenk machen zu können. »Das sei nicht Mode bei ihm«, entgegnete Gordon.

Der Kaiser übrigens lohnte den glänzenden Anfang damit, daß Gordon den Titel Tsung-Ping erhielt, was annähernd durch Brigadegeneral wiederzugeben ist. Eine Besatzung von dreihundert Mann in Tschanzu zurücklassend, kehrten die Siegreichen nach Sung-Kiang zurück.

Nordwestlich von Schanghai liegt Taitsan, von wo in südwestlicher Richtung der Weg durch Kuinsan nach Sutschau führt. Das waren die drei Hauptorte der Rebellen, der letztere als Provinzialhauptstadt der bedeutendste. Die Taipings hatten diese Stadt seit 1860 inne. Gordon machte sich marschfertig. Es war unbekannt, welchen der drei Orte er zuerst angreifen würde; man vermutete, Kuinsan sei das Ziel. Dieser Ort, als Verbindungsglied zwischen den beiden anderen Städten, war strategisch von großer Wichtigkeit; überdies hatten die Rebellen daselbst unter einem hergelaufenen Engländer eine Kugelgießerei in voller Thätigkeit. Auf dem Wege dahin erfuhr Gordon, daß der Kommandant von Taitsan dem Gouverneur Li einen Vorschlag zur Übergabe gemacht habe, daß demzufolge ein kaiserlicher Truppenteil als Besatzung dahin abgezogen sei, daß der Taiping den Kaiserlichen aber damit nur eine Falle gestellt und dreihundert derselben enthauptet habe, deren Köpfe er als Beweis seiner Geschicklichkeit nach Sutschau und Kuinsan sandte. Gordon nahm alsbald die verräterische Stadt aufs Korn.

Kein leichtes Unternehmen! Die feindliche Garnison war zehntausend Mann stark, darunter waren zweitausend auserlesene Truppen mit französischen, amerikanischen und englischen Überläufern bei den Batterien, während er nur dreitausend Mann befehligte. Aber das war ihm einerlei, er belagerte die Stadt sofort. Nach zwei Tagen war Bresche geschossen und die Stürmenden in vollem Anmarsch. Der erste Angriff wurde jedoch zurückgeschlagen. Darauf ließ Gordon seine Artillerie die Bresche über den Köpfen der Stürmenden hinweg beschießen. Dieser zweite Angriff war erfolgreicher; die Flagge der Siegreichen wehte von den erstürmten Zinnen, und die Taipings retteten sich in tollster Flucht. Gordon schreibt darüber an seine Mutter:

»Am 24. April verließ ich Sung-Kiang mit etwa dreitausend Mann, um Kuinsan anzugreifen, eine große Stadt zwischen Taitsan und Sutschau. Ehe ich aber soweit kam, erfuhr ich, daß die Taipings zu Taitsan vorgegeben hatten, mit den Kaiserlichen unterhandeln zu wollen, die abgesandte kaiserliche Besatzung aber verraten und vernichtet hatten. Ich änderte daher alsbald meinen Plan und marschierte nach Taitsan; am ersten Tag wurde die äußere Verschanzung angegriffen, am zweiten Tag die Stadt selbst. Die Rebellen wehrten sich tüchtig, aber es half nichts; die Stadt fiel. Taitsan ist ein wichtiger Ort und die Einnahme nach dem verübten Verrat eine verdiente; der Kommandant hat eine Kopfwunde davongetragen. Diese Stadt erschließt uns ein großes Stück Land. Die chinesischen Behörden sind voll Lobes über meine Leute. Ich bin jetzt ein Tsung-Ping Mandarin (die zweitoberste Würde) und habe viel Einfluß. Nicht daß ich das an sich schätzte, aber ich bin immer gewisser, daß ich recht daran that, das Kommando zu übernehmen. Du würdest mir ebenfalls recht geben, könntest Du Dich mit eigenen Augen von der Niederträchtigkeit der Rebellen überzeugen. Taitsan war stark befestigt, es ist eine Fu oder Hauptstadt.«

Die stets siegreiche Armee hatte ihrem Namen Ehre gemacht und ihr Anführer sich als ein Befehlshaber erwiesen, der das wahre Geheimnis der Kriegskunst kennt -- das Wann, Wie und Wo des Draufschlagens. Zwanzig Jahre später, als die Araber angefangen hatten, seinen Palast in Khartum zu beschießen und er wußte, daß selbst etliche seiner zum Mahdi überlaufenden Sudanesen die feindlichen Kanonen bedienten, schrieb er in sein Tagebuch: »Es ist nicht das erstemal, daß meine eigenen Leute auf mich schießen. In der Bresche vor Taitsan waren zwei Engländer vom 31. Regiment unter den Rebellen. Der eine fiel, der andere wurde verwundet und gefangen genommen. ›Herr Gordon! Herr Gordon! lassen Sie mich nicht totschießen!‹ Lauter Befehl: ›Führt ihn weg und jagt ihm eine Kugel durch den Kopf.‹ Leiser Befehl: ›Bringt ihn in mein Boot, der Doktor soll nach ihm sehen; dann schickt ihn nach Schanghai.‹ Der Mann lebt wohl heute noch.«

Die kaiserlichen Mandarine nahmen ihre Privatrache an einigen der Gefangenen, was zu Gerüchten Anlaß gab, die darauf berechnet waren, Gordon zu verleumden. Dieser schreibt mit Bezugnahme hierauf unterm 15. Juli 1863 an den Herausgeber der Schanghaier Schiffszeitung:

»Ich kann bezeugen, daß die Chinesen meines Korps nicht grausamer sind als die Soldaten irgend einer christlichen Nation; als Beweis erwähne ich die Thatsache, daß siebenhundert der bei Kuinsan gefangen genommenen Taipings bei uns jetzt im Dienst stehen. Sie haben sich freiwillig unsern Fahnen angeschlossen und sich bereits gut gegen die Rebellen geschlagen. Nur ~eine~ Hinrichtung ist nötig gewesen; sie traf einen Rebellen, der es versuchte, seine Kameraden gegen die Wache aufzuhetzen, und sofort erschossen wurde. Es ist ein großer Irrtum, anzunehmen, daß dieses Korps aus lauter gewissenlosen Menschen bestehe. In der Hitze des Gefechts schlagen sie drauf und halten es für tapfer den Feind zu töten, wie andere Soldaten auch; aber nach der Schlacht heißt es gleich wieder gut Freund .... Wenn ein gewisser (ungenannter) »Augenzeuge« und jener »Freund der Barmherzigkeit« ihre beiderseitigen Behauptungen mit wirklichen Beweisen belegen könnten, so wäre es besser, als den Zeitungen Zuschriften zu schicken, wie diejenigen, die den Bischof von Viktoria beschäftigen. Und wenn irgend jemand der Meinung ist, das Volk wäre mit der Rebellenwirtschaft zufrieden, so dürfte er sich vom Augenschein hier leicht eines andern belehren lassen. Ich überschätze die Zahl gewiß nicht, wenn ich sage, daß nach der Einnahme von Kuinsan fünfzehnhundert der flüchtigen Rebellen von den sich massenhaft erhebenden Landleuten erschlagen wurden.«

Wir haben vorgegriffen. Daß die chinesischen Söldner in vollständiger Mannszucht standen, ist kaum anzunehmen; Gordon war ja noch keine zwei Monate im Kommando. Seine Soldaten hatten in Taitsan geplündert, was gegen seine Kriegsverordnung war. Er strafte sie aber damit, daß er ihnen keine Gelegenheit gab, ihre Beute zu verwerten; sie anderweitig zu züchtigen, dafür war es kaum der geeignete Moment, nachdem sie eben einen Sieg errungen, der, so glänzend er war, doch blutige Opfer gekostet hatte. Er überließ es den Mandarinen, die gefallene Stadt zu besetzen, und marschierte mit seinem Korps nach Sung-Kiang zurück. Dort erließ er eine Proklamation, dankte den Truppen für ihre tapfere Haltung, tadelte die Offiziere aber wegen allzu laxer Mannszucht. Um diese zu bessern, ernannte er an der Gefallenen Statt mehrere englische Offiziere aus einem in Schanghai liegenden Regiment, welche Erlaubnis hatten, ihm ihre Dienste anzubieten.

Und nun ging's nach Kuinsan. Eine drohende Unbotmäßigkeit in seinem Korps wich seiner Ruhe und Festigkeit. Kuinsan war nicht nur der Schlüssel zum größeren Sutschau, sondern überhaupt zur Hälfte des rebellischen Territoriums. Die Stadt hatte eine ausgezeichnete Lage; in ihrer Mitte erhob sich inselartig, mit einer Pagode gekrönt, ein Hügel. Der Angriff konnte somit genau beobachtet werden, und zwei oder drei richtig aufgepflanzte Geschütze hätten die Stadt zur beinahe unnahbaren Festung gemacht. Der Graben um die Stadt her war über hundert Fuß breit. Die Garnison bestand aus zwölf- bis fünfzehntausend Taipings unter einem Anführer Namens Moh Wang. Der kaiserliche General Tsching war für einen Angriff von der Ostseite her, aber Gordons Kriegsgenie geriet auf eine andere Taktik, und in der That fiel die Stadt lediglich infolge seiner Manöver mit einem kleinen Flußdampfer.

Er hatte bald entdeckt, daß Kuinsan bei seiner ausgezeichneten Lage doch einen schwachen Punkt hatte, indem die Verbindung mit Sutschau in einer einzigen Straße bestand, die teilweise an einem See hinführte, teilweise zwischen einem Netz von Kanälen lag. Er brachte seinen Dampfer Hyson zur Stelle, und die Verbindung zwischen den beiden Städten war abgeschnitten. Der Hyson trug einen Zweiunddreißigpfünder und einen zwölfpfündigen Mörser. Der Kapitän war ein kühner Amerikaner, und ihm folgte eine Flottille von etwa fünfzig kleinen Segelboten mit Kanonen. Der Hyson that gute Arbeit und säuberte sehr bald die Wasserstraße von allen Taipings, als wäre er ein mächtiges Kriegsschiff gewesen; ja einmal dampfte das kühne Boot mit Gordon an Bord bis unter die Mauern von Sutschau.

Mittlerweile fand im großen Kanal ein hitziges Gefecht statt. Die Besatzung hatte nach Sonnenuntergang einen Ausfall gemacht. So zahlreich und so verzweifelt waren die Taipings, daß sie unter einem tüchtigen Anführer die »stets siegreiche Armee« völlig hätten aufreiben können. Mitten im Getümmel erschien der Hyson mit dem Aufblitzen und Donner seiner Geschütze, und -- was den Taipings offenbar einen tollen Schrecken einjagte -- mit dem schrillen Pfiff seiner Dampfmaschine. Der Feind geriet in verworrene Flucht, und ehe der Morgen tagte, war Kuinsan gefallen, ohne nur ein einzigesmal gestürmt worden zu sein. Von da an hatten die Krieger des großen Friedens eine heilsame Furcht vor dem Namen Gordon. Achthundert Mann der feindlichen Besatzung wurden gefangen genommen, und die meisten von diesen nahmen Dienst bei dem Sieger; doch war dies nicht der zehnte Teil der Mannschaft, und nur wenige Flüchtlinge erreichten Sutschau; der größte Teil muß unterwegs umgekommen sein. Gordon hatte diesen wunderbaren Erfolg fast ohne Opfer erreicht; zwei im Kampf Gefallene und fünf Ertrunkene war der ganze Verlust auf seiner Seite. Gordons Grundsatz, alle Gefangenen, die es begehrten, in seine Reihen aufzunehmen, bewährte sich glänzend. Feinde wurden zu Freunden. Auch gestattete er, so viel an ihm lag, nie, daß die Kaiserlichen Grausamkeiten verübten; Gefangene müßten so behandelt werden, sagte er, wie es Soldaten zukomme, die sich einem britischen Offizier ergeben. Sein eigener Bericht lautet:

»Die Rebellen haben diesmal tüchtig Schläge gekriegt; ich glaube nicht, daß sie sich noch lange zur Wehr setzen werden, da wir ihnen durch unsere Dampfer so weit überlegen sind. Kuinsan ist eine große Stadt, über fünf Kilometer im Umkreis, ihren Mittelpunkt bildet ein sechshundert Fuß hoher Hügel, von dem man die Gegend stundenweit beherrscht. Es ist ein merkwürdiges Land, voller Wasserstraßen und von großem Reichtum. Durch die Eroberung dieser Stadt ist es der kaiserlichen Regierung nun ermöglicht, die reichen Korndistrikte u. s. w. zu beschützen; die Landleute sind so dankbar, daß es eine Freude ist, sie zu sehen. Sie waren in schlimmer Lage vorher, mitten zwischen den Rebellen und den Kaiserlichen; sie waren aber schlau genug, sich einigermaßen dadurch zu helfen, daß jedes Dorf sich zwei Bürgermeister hielt, einen kaiserlichen und einen, der vorgab, es mit den Rebellen zu halten. Auf diese Weise entrichteten sie Steuern an beide. Was ich nun weiter zu sagen habe, könnte für Prahlerei gelten, aber ich weiß, daß Ihr alles hören wollt. Der Gouverneur der Provinz, Prinz Kung, und alle Mandarine sind froh, daß ich die Anführerschaft übernommen habe. Ich bin ein Tsung-Ping, d. h. ein Mandarin zum roten Knopf; wie Ihr Euch denken könnt, trage ich die Kleidung aber nicht. Sie schreiben mir sehr schmeichelhafte Briefe und sind äußerst verbindlich. Ich mag die Chinesen auch gut leiden, aber Takt ist nötig im Umgang mit ihnen, und über ihr Phlegma zornig werden nützt gar nichts; ich lasse es daher bleiben .... Sollten Gerüchte von begangenen Grausamkeiten Euch erreichen, so glaubt sie nicht! Wir haben an achthundert Gefangene gemacht; eine gute Anzahl derselben ist jetzt meiner Garde eingereiht und hat seither gegen ihre alten Freunde, die Rebellen, mitgefochten. Wenn ich Zeit hätte, könnte ich lange Geschichten erzählen, wie Leute aus entfernten Provinzen einander hier treffen, oder wie die Bauern unter meinen Soldaten Rebellen erkennen, die vor noch nicht langer Zeit ihre Dörfer geplündert haben -- aber ich habe keine Zeit! Ich nahm einen Mandarin gefangen, der drei Jahre lang bei den Rebellen war; er hat jetzt eine Kugel in der Wange, die er sich neulich im Gefecht gegen die Taipings geholt hat. Die Ex-Rebellen, die ich in meine Garde aufnahm, waren alle Schlangenträger oder Hauptleute. Sowohl bei den Rebellen als bei den Kaiserlichen sind die Schlangenstandarten nämlich die Abzeichen der Anführer. Wo man eine sieht, ist immer ein Befehlshaber in der Nähe. Ihr Verschwinden bedeutet den Rückzug des Feindes. In Taitsan hielten die Schlangen auch bis zuletzt, das bewies, daß der Kampf ein hartnäckiger war. Die Wangs wußten nach der Einnahme von Fusan, daß ein »neuer Engländer im Kommando war, aber sie erwarteten ihn nicht in Taitsan.« Äußerst seltsame Gerüchte sind im Umlauf, so z. B. sollen die Rebellen mir vierzigtausend Mark geschenkt haben, damit ich Kuinsan in Ruhe lasse. Alle Mandarine hatten davon gehört, und wenn sie es glaubten, so mußte es sie wunder nehmen, daß wir trotzdem vor Kuinsan erschienen. Bu Wang und zehn andere Wangs ertranken auf dem Rückzug; jener war Befehlshaber von Sutschau und schrieb einen großthuenden Brief an General Staveley, wir wären nur ein Krämervolk, und er habe Soldaten wie Sand am Meer. Ich meinesteils hielt die Rebellen nie für so stark als man annahm; es sind nicht viel tüchtige Soldaten unter ihnen. Tschung Wang, der Getreue, ist anderwärts beschäftigt und soll nicht beabsichtigen, wieder nach Sutschau zurückzukehren. Die Einwohner von Sutschau haben ihre Weiber und ihre Habe in die Wassergegend hinter die Stadt geflüchtet. Ich fürchte, die Wangs werden lange Gesichter machen, wenn sie dort auf unsere drei Dampfer stoßen, was ihnen leicht blühen kann.

Eine gründliche Kenntnis des Landes ist unschätzbar, und ich habe die Gegend genau studiert. Tschanzu ist etwa sechzig Kilometer von hier. Ich bin öfters dort gewesen; die Leute fühlen sich jetzt sicher dort, seit Kuinsan gefallen ist. Das Entsetzen der Rebellen über unsere Dampfer ist ein großes, besonders wenn Signal gepfiffen wird, das geht über ihr Fassungsvermögen .... Wir haben mehrere ehemalige Diener des Bu Wang unter den Gefangenen, und ihre Berichte sind ergötzlich. Die Wangs hatten beschlossen, meinen Dampfer in die Luft zu sprengen, und erließen eine Proklamation, daß Pulver gelegt werde; sie vergaßen nur die Hauptsache, nämlich ~wie~ das geschehen könnte -- darüber hat allem nach nichts verlautet ...

Ich habe mehrere englische Offiziere, und wir begnügen uns mit der Montur, die wir auftreiben können; die Soldaten sind in hellen Lumpen ... Ja, es ist wie Du sagst, der Bezahlung wegen bin ich nicht hier. Ich halte es immer mehr für ein gutes Werk, den Aufstand zu unterdrücken, und Du würdest ebenso denken, könntest Du es nur einmal mit ansehen, mit welch dankbarer Freude die Landleute ihre Freiheit hinnehmen; die Rebellen sind ihre Tyrannen ... Die Verlegung des Hauptquartiers war ein großes Stück Arbeit.«

Gordon hatte nämlich beschlossen, Kuinsan jetzt zum Mittelpunkt seines Unternehmens zu machen, und zwar ebensowohl der Lage wegen als mit Rücksicht auf den nicht minder wichtigen Vorteil, daß er sein Korps dort in strammerer Mannszucht würde halten können als in Sung-kiang, wo die Tradition von Ward und Burgevine noch nachwirkte. Seine Leute aber billigten den Beschluß keineswegs. In Sung-kiang konnten sie etwaige Beute besser los werden, während das Plünderungsverbot in Kuinsan überhaupt so leicht nicht mehr umgangen werden konnte. Die Unbotmäßigkeit wuchs zur Meuterei. Die Artillerie weigerte sich anzutreten. Sie würden die Offiziere zusammenschießen, ließen sie Gordon schriftlich androhen. Dieser aber war ihnen gewachsen. Er rief sofort sämtliche Unteroffiziere heraus, indem er nicht zweifelte, daß unter diesen die Rädelsführer und Schreiber des frechen Schriftstücks sich befänden. Wer den Brief geschrieben, verlangte er zu wissen, und warum das Regiment sich dem ergangenen Befehl widersetze. Störriges Schweigen war die Antwort. Darauf erklärte Gordon mit ruhiger Bestimmtheit, er werde je den fünften Mann erschießen lassen, was mit wildem Murren aufgenommen wurde. Ein Korporal zeichnete sich hierbei besonders aus. Mit dem ihm eigenen Scharfblick erkannte Gordon seinen Mann. Mit eigener Hand zog er den Korporal aus der Reihe und ließ ihn von zwei dabeistehenden Infanteriesoldaten ohne weiteres erschießen. Die andern erhielten eine Stunde Arrest mit der Erklärung, daß, wenn alsdann der Antritt nicht erfolge und der Verfasser des Briefes nicht genannt würde, je der fünfte Mann unter ihnen erschossen werden solle. Das wirkte; das Regiment trat an, und als Gordon die verlangte Mitteilung erhielt, ergab sich's, daß der Rädelsführer eben jener Korporal war, dem er die verdiente Strafe hatte werden lassen.

Die Einnahme von Sutschau war das nächste Ziel, aber erst im Dezember wurde es erreicht. Kuinsan war im Mai gefallen.