Part 3
Die kaiserliche Regierung aber, anstatt nun alles aufzubieten, das allmählich verglimmende Feuer des Aufstandes vollends auszutreten, beging den großen Fehler, sich abermals mit den Engländern zu überwerfen. Auf dem Wege nach Peking, wo der Friede unterzeichnet werden sollte, sah sich der britische Gesandte an der Mündung des Peiho-Flusses plötzlich einer chinesischen Streitmacht gegenüber. Die Taku-Forts waren in aller Eile repariert worden, und man wollte die britischen Schiffe nicht durchlassen. Als die Engländer trotzdem vordrangen, erfolgte eine Salve aus verdeckten Feldstücken, und drei Kanonenboote wurden in den Grund geschossen. Natürlich brüllte da der englische Löwe ob dem chinesischen Treubruch und man stand alsbald wieder auf dem Kriegsfuß. Die erneuten Angriffe der verbündeten Engländer und Franzosen im folgenden Jahre übten selbstverständlich ihre Rückwirkung auf den Aufruhr, der aufs neue um sich griff. Ein ganz direktes Resultat war ein Angriff der Taipings auf Schanghai. In dieser Stadt aber sind die englischen, resp. europäischen Handelsinteressen mit den chinesischen verwachsen; daraus ergab sich die Notwendigkeit englischer Intervention, mit andern Worten ein direkter englischer Angriff auf die Rebellen. Auch traten britische Offiziere in kaiserliche Dienste, und so wurde man mit der Zeit der Taipings Herr. Es liegt hier ein Stück historischen Ausgleichs vor: wie wir gesehen haben, wurzelte der Aufstand teilweise im englischen Opiumkrieg, und englische Waffen mußten schließlich dem zerrütteten Lande wieder zum Frieden verhelfen.
Eine solche Verwicklung der Dinge ist übrigens wohl nur in China möglich, daß, während die zornmutigen Verbündeten noch damit beschäftigt waren, ihre Truppenschiffe von Singapore und Hongkong herauf zu bringen, um die Kaiserlichen in Peking zu züchtigen, der General-Gouverneur von Kiangsu in Person in Schanghai eintraf und die britischen und französischen Behörden daselbst um Hilfe gegen die Rebellen anging. Unterm 30. Mai 1860 meldet der englische Bevollmächtigte dem Ministerium Russell: »Ich beschloß im Einvernehmen mit Mr. Bourboulon, daß es sich sowohl in politischer als humaner Hinsicht empfiehlt, solchen Greuelscenen hier zuvorzukommen, wie sie anderwärts stattgefunden haben ... und wir können die Küstenstädte schützen, ohne anderweitig Partei zu nehmen.«
Indessen hatten sich die reichen Kaufleute von Schanghai schon unter der Hand nach Schutz gegen die zu erwartenden Taipings umgesehen. Ein Amerikaner Namens Ward war erbötig, Truppen zu werben. Es war eine Belohnung ausgesetzt, das etwa dreißig Kilometer entfernte Sung-Kiang von den Rebellen zu säubern. Mit einer Bande von Matrosen machte Ward den Anfang, denen sich zusammengelaufenes Volk aus aller Herren Länder anschloß; auch Chinesen waren darunter, und dies war der Ursprung jenes merkwürdigen Söldnerhaufens, der sich in nicht allzuferner Zeit den Namen der »stets siegreichen Armee« erwarb und dann unter Gordon dieser Bezeichnung auch alle Ehre machte. Vorläufig nannten sich Wards Leute nach jener ersten Heldenthat das Sung-Kianger-Corps.
Die Taipings, mittlerweile nicht müßig, unternahmen große Streifzüge in diesem Jahr. Wie bereits erwähnt, hatte der ~getreue Wang~ Nanking zum sechstenmal entsetzt, was ihm übrigens nicht einmal ein billigendes Wort von Hung eintrug, auch durfte der streitbare Minister dem Himmlischen nicht vor die Augen kommen. Es ist kaum faßlich, wie dieser Mensch sich seine Unterkönige botmäßig erhielt; aber die ganze Bewegung ruhte ja eben auf den ~übermenschlichen~ Ansprüchen des wahnsinnigen Hung.
Tschung Wang, der ~Getreue~, und Jing Wang, der Heroische, auch als vieräugiger Hund bekannt, vertrieben nun die Kaiserlichen aus dem ganzen Jangtsze-Thal, Schrecken zog vor ihnen her; in einer Stadt zogen viele Einwohner es vor, ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende zu machen, als es hieß: die Taipings sind wieder da! Ein Distrikt nach dem andern ergab sich, und »der Getreue« beschloß seinen Siegesmarsch in Sutschau, der Hauptstadt der Provinz Kiangsu, einer der reichsten Städte des blumigen Landes, die sich fast widerstandslos ergab.
»Im Himmel ist das Paradies«, sagt ein chinesisches Sprichwort, »aber auf Erden sind Su und Hang.« »Um in der Welt glücklich zu sein«, sagt ein anderes, »muß man in Sutschau geboren sein«; denn die Menschen dort sind vor allem ihrer Schönheit wegen berühmt -- nach chinesischen Begriffen vermutlich. Die Stadtmauern maßen 15 Kilometer im Umkreis und außerhalb derselben erstreckten sich noch vier ansehnliche Vorstädte. Man schätzte die Einwohnerzahl auf zwei Millionen. In ganz China stand Sutschau in fabelhaftem Ruf wegen der Pracht seiner antiken und modernen Marmorbauten, seiner schönen Grabstätten, seiner Granitbrücken. Herrlich seien dort die Straßen, die Gärten, die öffentlichen Plätze; verständiger als anderwärts die Männer und schöner die Frauen. Auch die Handelsprodukte der Stadt waren berühmt, kostbare Seidenstoffe insbesondere. In dieser Stadt hielt der Getreue seinen Einzug, während die Kaiserlichen in heller Flucht sie verließen, und durch die ganze Provinz Kiangsu schien damit die Herrschaft des großen Friedens gesichert.
Der Kan Wang oder Schildkönig war zu dieser Zeit Generalissimus; dieser hatte vier Jahre in Hongkong gelebt und urteilte richtig, wenn er meinte, daß es den Taipings förderlich sein dürfte, mit den Ausländern anzuknüpfen. Wichtiger als der Besitz von Su und Hang erschien es ihm, in der Richtung von Schanghai vorzudringen, um dort europäische Dampfer zu erlangen, die auf dem Jangtsze dienlich sein sollten. Er urteilte praktisch, der Schildkönig, denn die Stimmung unter den Engländern und Amerikanern in den Hafenstädten war selbst zu dieser Zeit noch eine geteilte. Überdies mochten die Taipings wohl auf Beihilfe rechnen, denn die Engländer und Franzosen waren schon unterwegs, um in der Mandschurei ihre Streitkräfte zu vereinigen, von dort aus den chinesischen Kaiser aus der Ruhe seines Palastes aufzuschrecken und ihn für den bei den Taku-Forts erlittenen Schimpf zu züchtigen. In der That war auch etwas wie ein Waffenstillstand zwischen den Rebellen und den Verbündeten zu stande gekommen, wenn von einem Waffenstillstande überhaupt da die Rede sein kann, wo aktive Feindseligkeiten noch nicht ausgebrochen waren. Der englische Admiral Hope war den Jangtsze hinaufgefahren, welcher Fluß durch den Vertrag von Peking europäischen Schiffen zugängig war, und hatte unter den Mauern Nankings mit dem Tien Wang selbst unterhandelt. Das Ergebnis hievon war, daß die Rebellen sich verbindlich machten, Schanghai auf Jahresfrist in Frieden zu lassen. Die Verbündeten konnten ruhig nordwärts ziehen.
Dies ist der Punkt, an welchem das Leben Gordons in den breiten Strom der Weltgeschichte einmündet.
Im Sommer 1860 war er nach China beordert worden und nahm nun teil an der Operation gegen die Kaiserstadt. Er war dabei, als der Sommerpalast in Brand gesteckt wurde. Hören wir darüber seine eigenen Aufzeichnungen:
»Am elften Oktober erhielten wir Befehl, in möglichster Eile Schanzen aufzuwerfen und Batterien gegen die Stadt zu richten. Die Chinesen verweigerten die Übergabe des Thores, und so lang dies der Fall war, wollten wir nicht mit ihnen unterhandeln. Auch die Gefangenen sollten ausgeliefert werden. Diese waren sehr mißhandelt worden, und zwar, wie gesagt wird, im Sommerpalast selbst in Gegenwart des Kaisers ... Wir waren bereit, die vierzig Fuß hohe Mauer zu stürmen; die Chinesen hatten Bedenkzeit bis zum 13. mittags. Um halb zwölf ergaben sie sich, und wir nahmen Besitz von der Stadt. Sie erhielten weitere Frist bis zum 23., während welcher Zeit sie für jeden ihrer Mißhandlung erlegenen Engländer 200000 Mk. beibringen mußten, und 10000 für jeden Eingeborenen. Die Strafgelder wurden auch richtig gezahlt und der Vertrag gestern unterzeichnet.«
Dem englischen General, Lord Elgin, blieb nun die Entscheidung, ein Exempel zu statuieren. Die Stadt in Brand stecken, hätte tausende von Unschuldigen mit den Schuldigen getroffen. Im Sommerpalast aber hatten sich genügende Beweise der daselbst verübten Grausamkeiten vorgefunden; somit sollte der stattliche Palast zerstört werden. Und so wurde der Juen-Ming-Juen (Garten der Gärten) in Brand gesteckt, und der schwarze Rauch hing wie ein Trauermantel über Peking. Gordon beschrieb und beklagte die Zerstörung:
»Unsere Leute plünderten in fast vandalischer Weise, und was ein Raub der Flammen wurde, wäre nicht durch 80 Millionen Mark wieder herzustellen ... Die Pracht und Schönheit des Zerstörten ist kaum zu beschreiben ... Es that einem im Herzen weh, den furchtbaren Brand mit anzusehen ... es war ein entsetzlich entwürdigendes Geschäft für eine Armee, jedermann wollte nur plündern ...«
Die Franzosen hatten schon vorgesorgt mit der Verheerung und die kostbarsten Gegenstände einfach zusammengeschlagen.
Die beiden Armeen verzogen sich allmählich, die Engländer ins Winterquartier nach Tientsin. Gordons Aufenthalt daselbst verlängerte sich weit über sein Erwarten, nämlich bis zum Frühjahr 1862. Er war damit beauftragt, die Umgegend aufzunehmen. Öfters gab's auch einen Ritt nach den 220 Kilometer entfernten Takuforts, und einmal einen beträchtlicheren Ausflug mit seinem Kameraden Cardew nach der großen Mauer -- ein ziemlich kühnes Unternehmen, denn sie durchritten da weite Gegenden, die noch nie von Europäern betreten waren. Einen vierzehnjährigen Jungen, der etwas Englisch verstand, nahmen sie mit als Dolmetscher. Ein Zelt und Kochgerät führten sie auf einem Karren mit sich. Bei Kalgan erreichten sie die 2000 Kilometer lange Mauer des Schi Hoangi, die 240 Jahre älter ist als die christliche Zeitrechnung, zweiundzwanzig Fuß hoch, und sechzehn dick. »Es war wunderschön,« schreibt Gordon, »die endlose Mauerlinie sich über die Hügel hinziehen zu sehen.« Von Kalgan schlugen sie eine westliche Richtung ein nach Taitong, wo die Mauer nicht ganz so hoch ist. Daselbst sahen sie riesige Karawanen von Kamelen, die Thee nach Rußland trugen. In dieser Gegend fanden sie sich genötigt, die Achsen ihres Karrens verlängern zu lassen; denn die Fuhrwerke in jenem Lande laufen breitspuriger als anderswo, und ihre Räder paßten nicht in die ausgefahrenen Geleise der Landstraßen! Der Hauptzweck ihrer Reise war, zu erkunden, ob außer dem Tschatiau-Paß noch ein anderer vom russischen Gebiet nach Peking führe. Auf einem großen Umweg in südwestlicher Richtung suchten sie lange vergeblich die Straße übers Gebirge ostwärts; erst bei Taijuen fanden sie ihren Rückweg nach Peking und Tientsin.
Im Mai 1862 erhielt Gordon Befehl, sich mit einer Abteilung Infanterie nach Schanghai zu werfen, weil dort die Taipings aufs neue die Gegend unsicher machten. Der himmlische König hatte den Engländern sagen lassen, er werde Schanghai angreifen, sobald das Jahr des Waffenstillstandes um sei. Im Januar 1862 hatte er dann auch seinen »Getreuen« in die Gegenden der Konsulatstadt geschickt, und von da an datiert die feindliche Stellung der Engländer gegen die Rebellen.
Mit dem militärischen Oberbefehl innerhalb des Distrikts betraut, marschierte Gordon zuerst nach Singpu, erstürmte die Stadt und vertrieb die Taipings aus verschiedenen Plätzen, wo sie sich festgesetzt hatten. In erster Linie sollte Gordon dafür sorgen, daß der sogenannte »dreißig Meilen Umkreis«[1] um Schanghai her von feindlichen Überfällen gesichert bleibe.
»Wir hatten einen Besuch von den Taipings,« schreibt Gordon. »In einzelnen Haufen kamen sie bis in die nächste Nähe des Stadtgebiets, steckten in Brand was sie konnten und trieben die Landleute zu Tausenden vor sich her. Wir zogen ihnen entgegen, aber ohne viel Erfolg. Gräben und Sümpfe hindern allerwärts ~unser~ Fortkommen, die Rebellen sind uns in dieser Hinsicht weit überlegen ... Es ist unfaßlich, was für Haufen flüchtigen Landvolkes nach Schanghai kommen, sobald die Taipings in der Nähe sind; mindestens fünfzehntausend Flüchtlinge sind eben hier, und keineswegs nur Weiber und Kinder, sondern stämmige Männer, die sich wohl wehren könnten, aber die Angst lähmt ihnen alle Thatkraft. Weiterhin im Land haben die Leute Unglaubliches zu leiden und viele sterben Hungers. Dieser Aufruhr ist eine entsetzliche Landplage, und unsere Regierung sollte alles Ernstes eingreifen, um ihn zu unterdrücken. Worte können nicht das Elend beschreiben, das überall herrscht, wo die Rebellen hinkommen; die reiche Provinz ist zur Wüste geworden.«
Für die Kaiserlichen hatte das Jahr 1861 schon einen Umschwung gebracht. Der Kaiser Hien-Fong war am 21. August auf seinem Jagdschloß in der Tartarei gestorben -- im sechsundzwanzigsten Jahre seines Lebens und im elften seiner unglücklichen Regierung. Unfähig mit den großen Schwierigkeiten einer Übergangsperiode zu kämpfen, hatte er wie manch anderer Fürstenschwächling sich durch Befriedigung seiner Genußsucht zu entschädigen gesucht. Schließlich aber »ergriff seine Krankheit ihn mit erneuter Heftigkeit, und am siebzehnten Tage des Mondes schwang er sich auf mit dem Drachen als Gast der oberen Räume.« Wohl mochte die arme Seele des untauglichen Monarchen, dessen sterbliche Hülle in einem »cedernen Schloß« zur Ruhe gebettet wurde, auf ihrem Drachenritt den vorangegangenen Kaisern manches zu klagen haben. Elend und Aufruhr hatte während der ganzen Regierungszeit dieses Jünglings das himmlische Reich verheert, und Rebellen herrschten an seiner Statt; allerwärts hatte das Volk sich von ihm losgesagt, der kaiserlichen Gewalt Trotz bietend, und zur Vollstreckung der heiligen Befehle fanden sich nur schlechte Statthalter, denen die eigene Größe mehr galt als die Wohlfahrt des Volkes. Jahr um Jahr durchzogen die rebellischen Horden das Land; die Brandfackel nächtlicher Zerstörung kündete ihren Weg, und der Rauch brennender Städte und Dörfer verhüllte der Sonne Licht am hellen Tage. Ein wahnwitziger Usurpator hatte es nicht nur gewagt, den Drachenthron für sich zu begehren, sondern sich außerdem noch göttlicher Ehre vermessen, während kriegerische Heervölker der abendländischen Barbaren das Kaiserreich demütigten, ja die jungfräuliche Kaiserstadt Peking bezwangen, die noch nie einem Fremdling sich erschlossen, und den Palast des himmlischen Sohnes in Brand steckten.
So mochte der arme Kaiserjüngling gedacht haben. Wir aber erkennen in der mancherlei Trübsal die Wehen einer sich neu gestaltenden Zeit. Des Monarchen Tod öffnete Thür und Thor für neue Dinge. Der Thronerbe war ein Kind, und die Regentschaft neben der Kaiserin-Witwe bestand aus Vertretern der fremdenfeindlichen Partei. Als daher der Bruder des verstorbenen Kaisers, ein weitsichtiger Prinz, der die Konvention von Peking unterzeichnet hatte, an den Hof gerufen wurde, war die Hoffnung, daß er lebendig zurückkehren würde, keineswegs stark. Man hielt dafür, daß die Einladung nichts anderes bedeute, als die höfliche Erlaubnis, wie sie einem irrenden Mitglied der kaiserlichen Familie zukommt, sich in der Stille mittelst einer seidenen Schnur aus der Welt zu befördern. Zum Glück fürs Land aber war die Hauptgewalt in den Händen einer Frau von außergewöhnlichem Verstand und männlichem Charakter, nämlich der Kaiserin-Witwe, und diese erkannte alsbald, daß Prinz Kung sich besser auf die wahren Interessen des Landes verstehe, als die Ratgeber des verstorbenen Kaisers. Und während jedermann von seinem demnächstigen Selbstmord zu hören erwartete, griff er plötzlich in den Gang der Dinge ein und stürzte sofort -- gleichzeitig mit dem Einzug des jungen Monarchen in Peking -- durch den berühmten Staatsstreich vom 2. November 1861 die fremdenfeindliche Partei. Ihre Hauptvertreter wurden hingerichtet. Von da an datiert ein freundliches Einvernehmen zwischen den ausländischen Bevollmächtigten und der kaiserlichen Regierung. Die Zeit war in der That gekommen, da die verschiedensten Interessen in natürlicher Weise zusammenwirkten, die Taipings auszurotten und dem himmlischen Reich zu einem neuen besseren Stand der Dinge zu verhelfen.
2. Die stets siegreiche Armee.
Das Jahr 1861 war britischerseits den Rebellen gegenüber eine Zeit des Waffenstillstandes gewesen, in diesem Jahr aber hatten die Taipings ihre erste empfindliche Niederlage erlitten, ja eine Reihe von Niederlagen. Sie hatten versucht, sich des Jangtsze-Thales wieder zu bemächtigen mit besonderen Absichten auf Hangtschau. Aber obgleich dieses Jahr durch Hien-Fongs Tod eine innere Umwälzung der Monarchie mit sich brachte, so hatte die Macht der Kaiserlichen doch stetig gewonnen, und die Rebellen sahen sich mit Ende des Jahres wieder in die Gegend von Schanghai zurückgeworfen. Man darf die Vernichtung der Taipings daher nicht ausschließlich britischen Waffen zuschreiben.
Wie bereits erwähnt, hatten die Handelsherren von Schanghai es schon vorher für geraten gehalten, sich durch ein Privatsöldnerheer gegen Überfälle möglichst zu sichern. Der Amerikaner Ward, ein tüchtiger Soldat, und nach ihm Burgevine, ein weniger tüchtiger Glücksritter, befehligte diesen Truppenhaufen, der sich des hochtrabenden Titels der »stets siegreichen Armee« erfreute.
Die Leute des blumigen Landes haben eine Vorliebe für schöne Redensarten. Ihre Flüsse sind alle wohllautplätschernd, ihre Berge voll himmlischen Weihrauchs; das geringste Dörfchen fühlt sich als eine Pflanzstätte süßduftenden Korns, und jeder gewöhnliche Nachen ist ein Wunder der kristallenen Flut. Der Chinese findet solche Benennungen keineswegs lächerlich, er hält im Gegenteil dafür, daß der pure Wortlaut der Dinge irdisches Geschick beeinfluße. In den chinesischen Klassikern wird nichts so sehr betont als die Thatsache, daß Weisheit eine richtige Benutzung der Worte sei. Es fragte einmal einer den alten Mencius, worin er sich auszeichne; »ich verstehe mit Worten umzugehen«, war die tiefsinnige Antwort. Und anderswo wird darauf hingewiesen, wie selbst tugend- und talentvolle Menschen durch übelgesetzte Rede sich oft ganz in den Schatten stellen. Konfucius erklärte, der erste Schritt zu einer wohlgeordneten Regierung sei, »die Bezeichnung der Dinge zu verbessern«, und fügte bedeutungsvoll hinzu: »einen unpassenden Namen haben heißt in ungünstiger Lage verharren, allem Übel ausgesetzt.« Derlei Ideen sind gang und gäbe in China, und jeder Schwarzhaarige läßt sich's daher angelegen sein, sich und den Seinen schöne Namen zu gewinnen. Selbst die Regierung richtet ihre Erlasse nach dem Geschmack des Volkes ein, ob nun vom Sohne der Erde und des Himmels auf dem Drachenthron die Rede ist, oder vom Büttel des geringsten Mandarins. Daher also die Bezeichnung Tschang Seng Tschiun oder stets siegreiche Armee.
Der General-Gouverneur der Kiang-Provinzen war Li Futai oder Li-Hung-Tschang, ein tüchtiger Soldat und berühmter Staatsmann. Tseng-kwo-fan, (der Vater des kürzlich verstorbenen, bekannten Marquis Tseng), der kaiserliche Generalissimus, hatte ihm den Oberbefehl von Schanghai übertragen. Der englische General Staveley erklärte ihm bei seiner Ankunft, daß, obgleich die Verbündeten den Dreißig-Meilen-Umkreis verteidigen würden, die allgemeine Bekämpfung des Aufstands doch nach wie vor den Chinesen überlassen bleibe. Li machte sich sofort daran, die chinesischen Truppen auf europäische Waffen einzuüben. Wards Söldner waren bislang ihren eigenen Weg gegangen, erst nachdem er gefallen war und sein Nachfolger Burgevine sich mit Li überworfen hatte, verschmolzen die fremden Söldner mit den chinesischen Rekruten, und Li bat den englischen General, einem seiner Offiziere den Oberbefehl zu übertragen.
Der rechte Mann war bald gefunden in Gordon, der zwar noch nie im Oberkommando gestanden, der aber mehr denn irgend ein anderer für den verantwortungsvollen Posten geeignet war. Seinen Ruf von Sebastopol her hatte er in Peking und Schanghai aufrecht erhalten, und es spricht sehr für den Mann, daß er dem ehrenvollen Antrag keineswegs in blinder Aufregung Folge leistete, sondern im Gegenteil den gelassenen Wunsch vortrug, seine Arbeit der militärischen Kenntnisnahme des Terrains innerhalb des Dreißig-Meilen-Umkreises zuerst zu Ende bringen zu können, weil das für eventuelle Operationen jedenfalls von Wert sei. In einem Offizier, Namens Holland, ernannte man darum einen zeitweiligen Ersatzmann, unter dessen Führung die »stets siegreiche Armee« von den Taipings bei Taitsan glänzend geschlagen wurde. Erst im Frühjahr 1863 übernahm Gordon den Oberbefehl. Er schreibt darüber an seine Eltern:
»Ich fürchte, es wird Euch unlieb sein, daß ich das Kommando übernommen habe; es geschah nicht ohne reifliche Überlegung meinerseits. Ich halte dafür, daß es ein gutes Werk ist, diesen Aufstand zu unterdrücken; es ist eine einfache Pflicht der Menschlichkeit und kann außerdem dazu beitragen, dieses Land der Zivilisation zugänglich zu machen. Ich will nicht tollkühn handeln, und ich hoffe, bald nach England zurückkehren zu können -- ich will nicht vergessen, daß das Euer Wunsch ist. Ich kann wohl sagen, daß, wenn ich mich geweigert hätte, den mir übertragenen Posten anzunehmen, die Truppen sich verlaufen hätten und der Aufruhr allem Anschein nach das Land noch Jahre lang im Elend erhalten würde. Ich hoffe, daß das nun nicht der Fall sein wird und daß ich Euch sehr bald Beruhigendes werde schreiben können.[2] Ihr müßt es Euch nicht zu nahe gehen lassen; ich glaube wirklich, daß ich das Rechte thue .... Ihr seid mir stets gegenwärtig und dürft Euch darauf verlassen, daß ich nichts Unbesonnenes thun will.«
Gordon hatte gerade das dreißigste Jahr zurückgelegt. Sein Heer zählte bei der Übernahme zwischen drei- und viertausend Mann mit etwa hundertundfünfzig Offizieren, war aber später erheblich stärker. Die Uniform war eine halb-europäische, aus dunklem Wollenzeug und grünem Turban bestehend; die Soldaten waren anfänglich nichts weniger als mit ihrer Montur einverstanden, denn ihre Landsleute erblickten in ihnen nur »nachgemachte fremde Teufel«; unter der Bezeichnung »fremde Teufel« fasst nämlich der Chinese alle Ausländer zusammen. Später aber, als die Armee anfing, sich wirklich als die »stets siegreiche« zu erweisen, wurden die Leute stolz auf ihre eigenartige Kleidung und hätten sich dieselbe nicht wieder nehmen lassen. Ja, soweit ging die gute Meinung eines chinesischen Statthalters, daß er dafür hielt, schon ihren Fußstapfen folge der Sieg und demgemäß Entmutigung der Rebellen; er ließ daher viele tausend Paare europäischen Schuhwerks unter das Landvolk verteilen, um die Spuren von Gordons Truppen möglichst zu vervielfältigen! Ein Oberst dieses Korps erhielt etwa fünfzehnhundert Mark pro Monat, die Majore, Hauptleute, Adjutanten u. s. w. eine entsprechende Summe in absteigender Linie bis zum Leutnant, der sich auf sechshundert Mark stellte; die Unteroffiziere circa hundert Mark in abnehmendem Verhältnis bis zum Gemeinen, dessen Sold ungefähr vierzig Mark monatlich betrug. Im Feld verabfolgte man außerdem noch Rationen. Der Oberbefehlshaber selbst erhielt eine stattliche Summe -- 5200 Mark monatlich, also 62400 Mark im Jahr; -- »aber das ist sehr gleichgültig«, schreibt Gordon.