Part 22
Ägypten wird nicht in Kairo, sondern in London regiert. Das Kabinet Gladstone hatte sich bis jetzt geweigert, dem Mahdi mit englischer Macht zu begegnen, und als nach Hicks Niederlage der Sudan einem unentwirrbaren Knäuel von Schwierigkeiten glich, erging seitens des britischen Ministeriums der einem Befehl gleichkommende gute Rat nach Kairo, die Sudan-Provinzen fahren zu lassen. Sir Evelyn Baring, der englische Agent in Ägypten, sollte den Khedive dahin beeinflussen, daß eine feste Stellung auf der Suakimlinie vorläufig das Beste wäre. Wenn der Mahdi erst einmal diese Linie überschritten hätte, dann wäre es den Friedensministern an der Themse immerhin noch früh genug gewesen, ihm mit Heeresmacht zu begegnen. Die englischen Interessen in Ägypten freilich mußten sicher gestellt werden; der Kontre-Admiral Hewett im Roten Meer und Baker Pascha zu Land sollten dieselben wahren.
Die Macht des Mahdi wuchs unterdessen lawinenartig, und nicht nur in Ägypten wurde die Meinung laut, daß eine Räumungspolitik nicht das Beste wäre. Daß des Khedive Grenztruppen den fanatischen Horden des falschen Propheten gewachsen sein würden, glaubte niemand; englisches oder türkisches Militär allein konnte sein Vordringen hindern. Aber auf englische Truppen sollte nicht gerechnet werden, und was die Türken beträfe, meinten die Ratgeber, wie sollte man es dem Beherrscher der Gläubigen selbst zumuten, einen heiligen Krieg mit Waffen zu unterdrücken? Denn daß es ein heiliger Krieg sei, das glaubten Tausende; und die Begeisterung in den Sudanländern nahm überhand, nun der längstverheißene Befreier gekommen schien. Die plötzliche Machtentfaltung des Mahdi hatte den Unterdrückten Thür und Thor geöffnet; er sprach von Freiheit und das seufzende Land erhob sich gegen das Joch der verhaßten Ägypter. Gordon hatte dies vorausgesehen. Hatte er nicht vor Jahren gesagt, daß ein beherzter Anführer jederzeit die Sudan-Völker zu einem gewaltigen Aufstand würde vereinigen können? Er hatte damals auch gesagt, daß gewisse Leute schlafen würden, bis es zu spät sei. Es waren nicht nur die Sklavenhändler, sondern vielmehr noch die zahllosen bewaffneten Araberstämme, in denen Gordon das Brandmaterial erblickte. Ein Anführer war erschienen, und allem nach einer, dem es an Mut nicht fehlte.
In England also war beschlossen worden, die Sudan-Provinzen zu räumen; welche Anarchie alsdann daselbst herrschen würde, das fragte man sich vorläufig nicht. Ein lebhafter Depeschen-Wechsel zwischen London und Kairo fand statt. In Ägypten nämlich stieß die Räumungspolitik auf Widerstand. Das Ministerium Cherif erklärte, die Verwaltung des Sudan sei ihnen von der Pforte anvertraut, und die Räumung lasse sich deshalb nicht so ohne weiteres vollziehen. Cherif Pascha fügte seinerseits hinzu: »Wir haben Tausende von getreuen Unterthanen im Sudan, und nichts auf der Welt soll mich dazu bringen, diese Leute dem Mahdi zu überantworten. Ich bin überzeugt, daß ich recht habe; die Zukunft wird zwischen mir und dem Kabinet Gladstone in dieser Sache richten.«
Damit legte das Ministerium Cherif sein Amt nieder und ein neues Kabinet unter Nubar Pascha trat ans Ruder. Als man diesem glückwünschend die Meinung aussprach, daß das neue Ministerium im Hinblick auf die vorhandene Krisis ein von der Klugheit zusammengerufenes zu sein scheine, entgegnete er trocken, dem sei ohne Zweifel so, das Wort Minister werde in Ägypten zur Zeit nur leider von dem lateinischen Wort +minus+ hergeleitet, das weniger als nichts bedeute. So viel war aber sicher, daß, obschon das neue Ministerium bereit war, sich seine Aufgabe von England diktieren zu lassen, damit noch keineswegs Mittel und Wege gefunden waren, die ägyptischen Besatzungen, um die es sich handelte, aus den dem Aufruhr überladenen Sudanländern zurückzuziehen. An Vorschlägen fehlte es nicht, aber der eine war so unausführbar wie der andere.
Zwischen Dongola und Gondokoro standen etwa zwanzigtausend Mann ägyptischer Truppen mit Weib und Kind, und in allen Bezirken gab's Beamte, die das Brot der Regierung aßen und deren Lage täglich kritischer wurde. Unter den verschiedenen Garnisonsplätzen war Khartum selbst der Hauptort, dessen elftausend ägyptische Unterthanen einen Hilferuf nach dem andern ergehen ließen -- inständige Bitten, einen Rückzug ins Werk zu setzen. Khartum war damals schon wie eine von allem Verkehr abgeschnittene Insel; jene elftausend Menschen hätten sich unmöglich selbst nach Ägypten durchschlagen können. Das Land umher war dem Mahdi zugefallen, und fürs übrige benutzten die zum Feind sich schlagenden Stämme gern die Gelegenheit, den Ägyptern alle bisherige Unterdrückung mit Zinsen heimzugeben. Daß damit manchem sein verdienter Lohn geworden, unterliegt keinem Zweifel; aber, wie es immer geht, leiden mit einem Schuldigen zehn Unschuldige.
Übrigens war nicht einmal das Nubar-Ministerium bereit, Khartum ohne weiteres fahren zu lassen; man hoffte diese Stadt für den Khedive halten zu können, selbst wenn man das Land dem Mahdi überließe -- eine thörichte Hoffnung, welche die Schritte für den Rückzug der Besatzungen so lange verzögerte, bis es zu spät war.
Daß England eine Verantwortung in der Sache hatte, liegt auf der Hand; die Räumungspolitik war britischer guter Rat; und es gab in England Leute genug, die sich für die Besatzungen ereiferten und es für schmählich erklärten, diese im Stich zu lassen. In jenen Tagen sprach Gladstone selbst das Wort aus: »Darin sind wir alle einig, daß Maßregeln getroffen werden müssen, um den sichern Rückzug der Besatzungen zu ermöglichen.« Die einzige Maßregel, zu welcher das britische Kabinet sich bis dahin aber verstehen konnte, war die Grenzverteidigung unter Baker Pascha, ein klägliches Auskunftsmittel angesichts der Sachlage. Denn auch im östlichen Sudan griff der Aufruhr mit Riesenschritten um sich. Die Küstendistrikte des Roten Meeres fielen nacheinander der Rebellion anheim, während die Besatzungen von Suakim, Tokar, Trinkitat und Sinkat täglich in schlimmere Not gerieten. Jede Post brachte bedenklichere Nachrichten. Das englische Volk wurde ungeduldig und erklärte, die britische Ehre stehe auf dem Spiel. Da fiel wie ein Blitzstrahl eines Morgens die Nachricht ins Land -- ~Gordon geht nach Khartum~!
2. Der Kriegsheld als Friedensbote.
Noch während Gordon in Jaffa weilte, waren Stimmen in England laut geworden, daß er der Mann sei, der allein im stande wäre, der Lage im Sudan Herr zu werden. Auf Engelrat könne man zwar heutzutage nicht warten, meinte eine dieser Stimmen, allein es wäre wünschenswert, daß die öffentliche Meinung zu Gladstone spreche: »So sende nun hin gen Joppen und laß herrufen einen Gordon, mit dem Zunamen der Chinese; der wird dir sagen, was du thun sollst.« Und als Gordon nach seiner Brüsseler Audienz in der ersten Januarwoche 1884 in England eintraf und es bestimmt schien, daß er nach wenigen Tagen nach dem Kongo abreisen werde, da ging ein Sturm durch die Zeitungen, daß man diesen Mann verlieren könne; er habe sich zwar dem König von Belgien verbindlich gemacht, allein das sei kein Hindernis, König Leopold werde jedenfalls zurücktreten, wenn England seines Sohnes bedürfe. Auf diesen Wink der Presse hin antwortete die Regierung vorläufig damit, daß sie es nicht für nötig fand, Gordon aus dem englischen Dienste zu entlassen, wenn er als Bevollmächtigter des Königs von Belgien an den Kongo gehen sollte; fürs übrige ließ man ihn am 16. Januar nach Brüssel abreisen. Keine zwölf Stunden aber vergingen, da berief man ihn telegraphisch zurück, und frühmorgens am 18. war er wieder in London. Außer den Ministern wußte kein Mensch davon. Nachmittags um 3 Uhr hatte er Audienz, die er selbst folgendermaßen beschrieb:
»Wolseley (der bekannte General) brachte mich ins Ministerium und ließ mich im Vorzimmer warten; dann kam er zurück und sagte: ›Es ist beschlossen, den Sudan zu räumen, und England will für die künftige Regierung der Sudanländer keinerlei Gewähr leisten. Wollen Sie gehen?‹ ›Ja,‹ sagte ich. Da hieß er mich eintreten, und ich sah die Minister. ›Hat Wolseley Ihnen unsere Wünsche mitgeteilt?‹ fragten sie. ›Ja,‹ entgegnete ich, ›England will für die künftige Regierung des Sudans keine Gewähr bieten, und ich soll gehen und das Land räumen.‹ -- ›Das ist's,‹ sagten sie; ›wie bald können Sie gehen?‹ -- ›Sofort,‹ entgegnete ich und reiste am selben Abend ab.«
Das war eine frohe Stunde am andern Morgen, als es hieß: »Gordon ist nach Khartum abgereist!« Die Zeitungen überboten einander mit Glückwünschen, und wie die Times sagte, war es unmöglich, das Gefühl der Erleichterung zu beschreiben, welches das Land auf und nieder bei der Nachricht erfüllte, daß Gordon es übernommen habe, als Friedensbote nach dem Sudan zu gehen. Mit diesen Worten ist auch die diesem übertragene eigenartige Mission charakterisiert. Die englische Regierung, die keine Truppen senden wollte, um dem Mahdi zu begegnen, war wissentlich oder unwissentlich von dem allgemeinen Glauben angesteckt, daß Gordon an sich ein Heer sei, und so schickte man ihn, um durch seinen persönlichen Einfluß ein Ziel zu erreichen, wozu man sonst Armeen und Millionen braucht. Nicht um einen Krieg zu führen, zog der Held aus, sondern um auf seine Weise den Sudan aus dem Aufruhr zu retten; er sollte den ägyptischen Unterthanen den Rückzug ermöglichen, mit dem Mahdi unterhandeln und das Land sozusagen an die Sudanesen zurückgeben. Es lag etwas so Romantisches in diesem Ausziehen eines für viele, daß das Herz des Volkes davon ergriffen wurde und die Wünsche aller ihn begleiteten. Gordon selbst soll gesagt haben: »Ich soll dem Hund den Schwanz abschneiden, und ich will es thun, es mag kosten was es will.« Einen einzigen Kampfgenossen hatte er, Oberst Stewart, den er sich zum Begleiter ausgebeten hatte, derselbe, der früher schon von Regierungswegen im Sudan gewesen war.
Nur wer Gordon nicht kannte, mochte sich wundern, wie er so schnell zur Abreise bereit sein konnte; der Leser aber versteht es wohl jetzt, daß dieser Mann allezeit und in allen Lagen reisefertig war. Auf Erden angewachsen war er nirgend und seine persönliche Ausrüstung kümmerte ihn wenig. Es hat ihn an jenem Nachmittag des 18. Januar einer gefragt: »Haben Sie denn auch alles, was Sie brauchen?« Die Antwort lautete: »Ich habe, was ich immer habe, dieser Anzug ist gut genug. Ich gehe wie ich bin.« »Ja, aber haben Sie auch Reisegeld?« »Das hätte ich beinahe vergessen. Der König von Belgien hat mir vierhundert Mark geliehen; die muß er wieder haben, und ohne Geld kann ich natürlich nicht fort.« Als man ihm aber vierzigtausend Mark mitgeben wollte, meinte er, das brauche er nicht, viertausend thäten es auch.
Daß es keine leichte Mission war, die er übernommen, daß Gefahren aller Art vor ihm lagen, wußte niemand besser als Gordon selbst, aber das focht ihn nicht an. Sein letztes Wort auf englischer Erde war ein Telegramm an seinen Freund, jenen Geistlichen, welchen er in Lausanne kennen gelernt hatte:
»Ich gehe nach Khartum; wenn er mit mir geht, ist alles wohl.«
Der Telegraphist hatte er und nicht Er gesetzt; aber der Empfänger dieser Botschaft sagte mit Recht, daß in diesen kurzen Worten Gordons Lebensgeschichte niedergelegt sei. Gordon ging allein und nicht allein; »der Herr der Heerscharen geht mit mir,« schrieb er unterwegs.
Unterwegs, an Bord der Tanjore, zwischen Brindisi und Port Said, brachte er den Zweck seiner Sendung im Licht des ministeriellen Auftrags zu Papier, in welchem Schriftstücke er betonte, daß es seitens des englischen Kabinets ausgemacht sei, für die künftige Regierung des Sudan keinerlei Gewähr zu leisten, daß England es aber unternommen habe, dem Land seine Unabhängigkeit zurückzugeben und ägyptische Unterdrückung nicht länger zu dulden; daß bei dieser Absicht sein Auftrag darin bestehe, einen sicheren Rückzug der Garnisonen und anderer ägyptischen Unterthanen zu bewerkstelligen und daß die Art und Weise dieses Rückzuges von den Umständen abhängen werde. Nachdem er damit seine Mission gekennzeichnet hatte, zeigte er weiter, wie sich dieselbe am besten ausführen lasse. Er schlug vor, daß man das Land den Erben der verschiedenen Sultane übergeben könne, die vor der ägyptischen Eroberung die Sudan-Provinzen beherrschten, und daß es diesen überlassen bleiben müsse, den Mahdi anzuerkennen oder nicht. Ferner machte er darauf aufmerksam, daß die Rückzugskolonnen eines Angriffs seitens des Mahdi wohl gewärtig sein müßten, in welchem Fall er voraussetzte, daß die Regierung es billigen würde, wenn er zu den Waffen griffe.
Es war Gordons Absicht, sich direkt durch den Suezkanal nach Suakim zu begeben und von dort durch die Wüste und über Berber nach Khartum zu gelangen. Er glaubte seiner Sendung als Friedensbote an das unglückliche Land besser genügen zu können, wenn er direkt hinkomme, ohne sich erst mit Ägypten ins Einvernehmen zu setzen. Als er aber in Port Said eintraf, war Sir E. Baring mit noch anderen von Kairo gekommen, um ihn aufzufordern, sich dahin zu begeben. Auch war die Nachricht angelangt, daß die Suakim-Route nun vollständig in den Händen der Rebellen und somit abgeschnitten sei. Er fügte sich den Umständen und hielt sich zwei Tage in Kairo auf. Großer Freundlichkeit seitens des Khedive hatte er sich nicht versehen, denn mit seiner Meinung über dessen Politik hatte er nie und nirgend hinter dem Berg gehalten; trotzdem sprach jener ihm seine volle Befriedigung darüber aus, daß er die Beruhigung des Sudan übernommen habe, und verlieh ihm zu diesem Zweck seine alte Oberstatthalterwürde. Allerdings war dies unter den vorliegenden Umständen mehr Form als Inhalt; des Khedive Firman aber beauftragte ihn nicht nur mit der Räumung des Landes, sondern mit der Reorganisation desselben, wenn es möglich wäre, die Provinzen der Anarchie zu entreißen. Gordon ging also einerseits als englischer Friedensbote nach Khartum, andererseits aber kehrte er in diese Hauptstadt als der Generalgouverneur der Provinz zurück, um sie so lange zu halten, bis man den Sudan sich selbst überlassen könne. Es lag kein Widerspruch in dieser doppelten Sendung, war doch der Zweck beider derselbe. Die englische Regierung billigte die Haltung des Khedive, und Sir E. Baring versicherte Gordon, daß der völlige Beistand beider, der englischen wie der ägyptischen, Behörden zu Kairo ihm gewiß sei.
Ehe Gordon die ägyptische Hauptstadt verließ, empfahl er die Wiederernennung eines Sultans von Darfur als ein Stück richtiger Taktik gegenüber dem Mahdi. Infolge dieses Rates wurde Emir Abdel Schakur, der rechtmäßige Erbe, vom Khedive als Beherrscher der Provinz anerkannt, die seinem Vater vor Jahren entrissen worden war. Der junge in Ägypten aufgewachsene Sultan verließ Kairo unter Gordons Schutz, entpuppte sich unterwegs aber als ein unfähiger Weichling. Am 26. Januar wurde die Reise nach Khartum angetreten. Der Weg sollte über Assuan nach Wady Halfa gehen, von wo aus Gordon durch die nubische Wüste nach Abu Hamed zu ziehen gedachte, um von da aus Khartum mit einem Nilboot zu erreichen.
Ob Gordon aber die bedrängte Stadt je sehen werde, das wurde nicht nur in England, sondern alsbald durch die ganze Welt zur Tagesfrage; der Held auf seinem Ritt durch die Wüste war ein Gegenstand der lebhafteren Teilnahme. Wußte man doch, daß der Feind in allen Richtungen streifte, daß aufrührerische Scheiks mit ihren Stämmen den Friedensboten stündlich überfallen konnten. Es war eine Wüstenstrecke von vierhundert Kilometer, die der furchtlose Gordon mit seinem Geleitsmann Stewart und einem geringen Gefolge von nicht zehn Mann auf raschen Kamelen zu durcheilen gedachte. Khartum war von Kairo aus benachrichtigt worden, daß Gordon in drei Wochen daselbst einzutreffen gedenke. »Es ist erstaunlich,« rief der junge Power, der ihn dort sehnlichst erwartete; »es hat noch nie einer diese Reise unter einem Monat gemacht. Gordon aber mit Schwert und Bibel fährt wie ein Wirbel durchs Land.«
Kein Feind belästigte ihn, der alte Zauber zog vor ihm her, oder wie er es nannte, ihn geleitete die Wolke bei Tag, die Feuersäule bei Nacht, und er war sicher in Feindesland. Eine friedliche Begegnung hatte er auf dem halben Wege, nämlich den letzten Flüchtling von Khartum, dem es gelang Kairo zu erreichen; es war dies ein Deutscher, Namens Bohndorff, der mit +Dr.+ Junker im Njamnjamlande wissenschaftliches Forschungen obgelegen hatte, bis es fast zu spät war zu entkommen. Sie waren alte Bekannte; Gordon hatte mit diesem Deutschen früher schon am Weißen Nil verkehrt. Bohndorff beschrieb die Begegnung: eine Staubwolke am Horizont und ein sich daraus loslösender Reitertrupp, der Anführer voraus, und man erkannte von weitem den ernsten Eifer, der ihn seinem Ziele entgegentrug. Von Bohndorff erfuhr Gordon, wie es in Khartum stehe, daß außer den beiden Engländern Power und Coëtlogon nur ein Europäer noch dort sei, nämlich der österreichische Konsul Hansal, welche Bemerkung übrigens eine Anzahl ansässiger Griechen außer acht ließ. An sechzigtausend Seelen, worunter zahlreiche Flüchtlinge aus der Umgegend, wären in der Stadt -- ein Bild der Sorge und Niedergeschlagenheit -- doch werde die Ruhe aufrecht erhalten, und Oberst Coëtlogon lasse sich die Befestigung angelegen sein.
Wenn man in England und anderwärts um Gordon sorgte, so war dies nicht ohne Grund, denn die Nachrichten aus dem östlichen Sudan waren nichts weniger als beruhigend. Am 4. Februar erlitt Baker Pascha mit seinen vierthalbtausend Ägyptern und etlichen englischen Offizieren eine gründliche Niederlage bei Trinkitat, als er einen Versuch machte, Tokar und Sinkat zu entsetzen. Er hatte sein Bestes gethan, die erbärmliche Mannschaft, welche ihm zu Gebote stand, einen zusammengeworfenen Haufen ägyptischer Gendarmerie, türkischer Baschi-Bosuks und Schwarzer aus dem Sudan, annähernd kriegstüchtig zu machen; aber gleich beim ersten Zusammenstoß mit des Mahdi Heerführer, Osman Digna, überfiel die Helden eine Todesangst, und sie machten nicht einmal den Versuch Stand zu halten. Die einen schossen ihre Flinten ab und schrieen um Gnade, während die anderen ihre Waffen von sich warfen und in wilder Flucht davon stürzten. An hundert Offiziere, darunter die Mehrzahl der englischen Offiziere, kamen um, und nur ein kleiner Teil der Truppen gelangte nach der Uferstadt Trinkitat zurück, von wo sie ausgezogen waren. Baker selbst kam nur wie durch ein Wunder davon, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, seine flüchtigen Helden zum Stehen zu bringen.
Osman Digna war der Mann, diesen Sieg auszubeuten. Man erwartete, daß er sich auf Suakim werfen werde. Ringsumher hatte er die Stämme gewonnen, und selbst in dieser Hafenstadt brachte der Schrecken viele dazu, sich für den Mahdi zu erklären. Sinkat fiel; die Besatzung hatte sich gehalten, bis der letzte Hund verzehrt war. Man schlachtete die Pferde; noch ein Sack voll Korn war übrig, und der tapfere Kommandant Thewsik Bey hatte erklärt, daß wenn bis zum achten Februar keine Hilfe komme, er den letzten verzweifelten Ausfall machen müsse, um einen besseren Tod zu finden, als das Verhungern innerhalb der Mauern. Er erfuhr nichts von Baker Paschas Niederlage, und nachdem auch sein letzter Hilferuf ungehört verhallt war, vernahm die Welt, daß die Belagerung von Sinkat mit einem todesmutigen Ausfall der Besatzung geendet habe, der ägyptischen Truppen ein weit rühmlicheres Zeugnis ausstellte, als man seither zu hören gewohnt war.
Das war Wasser auf die Mühle der Opposition in England; es gab eine heiße Debatte im Parlament. Gladstone erklärte, man sei deshalb der Besatzung von Sinkat nicht zu Hilfe gekommen, weil man nichts thun wolle, was irgendwie von Folgen für jene anderen Besatzungen sein könne, die Gordon zu retten versuche. Es sei geboten, sich ruhig zu verhalten. Angesichts dieser Erklärung jedoch und unter dem Drucke der öffentlichen Meinung wurde der britische General Graham, zur Zeit in Kairo, damit beauftragt, Tokar zu entsetzen. Noch ehe derselbe aber mit seiner Mannschaft in Trinkitat gelandet war, hatte Tokar sich ergeben, und die Besatzung war zum Feind übergegangen. Der Fall von Kassala wurde als das nächste erwartet, und auch die Ufer-Distrikte um Massaua her schienen dem Mahdi zuzufallen; es blieb nichts übrig, als die Araber unter Osman Digna bei Suakim zu erwarten und von dort zurückzuwerfen.
Osman Digna war ein tüchtiger Soldat; er war Sklavenhändler gewesen und jetzt die rechte Hand des falschen Propheten. Dieser hatte ihn auf dem Sklavenmarkt zu Obeid kennen gelernt und mit großem Scharfblick seine Brauchbarkeit erkannt; er hatte ihn für seine Pläne gewonnen, worauf er ihm den Ost-Sudan übertrug, damit er dort Land und Leute für seine angebliche Mission gewinne. Mit siegreichen Waffen hatte Osman Digna des Propheten Werk seither ausgerichtet; jetzt aber galt es einem englischen General und englischen Linientruppen stand zu halten; er erlitt seine erste Niederlage und wurde ins Innere des Landes zurückgeworfen. Keineswegs aber streckte er die Waffen, und so spann sich ein englischer Separatkrieg im Ost-Sudan hin, während die Räumung des Landes auf friedlichem Weg ins Werk gesetzt werden sollte! Osman Digna bekämpfte man, den Mahdi wollte man nicht bekämpfen, und die Parteien stritten sich im Parlament.
Und Gordon? Er wußte von all dem nichts. In felsenfestem Vertrauen eilte er durch die Wüste, unbesorgt um seine eigene Sicherheit, während man auf Kanzeln und Rednerbühnen seiner gedachte, während viel tausend Herzen ihm ein Engelgeleit in den Gefahren wünschten, die ihn umgaben. Gefahren? Er sah sie nicht! Einem Scheik, der ihm quer kam, sagte er: »Wenn ihr Frieden wollt, ich bringe ihn; sucht ihr Krieg, so bin ich bereit.« Und der verzagenden Khartumer Garnison meldete er telegraphisch seine Nähe mit den Worten: »Ihr seid Männer und nicht Weiber. Seid guten Muts, ich komme.«
3. Gordon im Land.
War schon in England die Befriedigung eine allgemeine gewesen, als Gordon nach Khartum sich auf den Weg machte, so war's noch ein anderes in Ägypten. Eine Begeisterung sondergleichen erfüllte Land und Leute bei seinem Kommen. Man wußte dort ungleich besser, was man an ihm hatte, als daheim in England. Die Thaten seiner früheren Statthalterschaft waren auf aller Lippen; man sprach von ihm als einem Unüberwindlichen, dessen bloße Gegenwart Wunder wirken werde in dem zerrütteten Land. Des Mahdi Kriegsheer werde in nichts zerstieben wie Dunst vor der Sonne, rief das Volk, und des guten Pascha feste Hand werde alle Wunden heilen, die jener geschlagen. »Ich gehe, um die Ehre Ägyptens zu retten,« war Gordons letztes Wort an Nubar; daß er Englands Ehre in seiner Hand trug, wußte er nicht minder. Auf jenem Wüstenritt nach Abu Hamed durchstritt er im Geist die Kämpfe, die es zu liefern geben würde, und hätte er nur verwirklichen können, was sein hoher Sinn und sein unbefangenes Auge als das richtige erkannten, hätte man ihm nur freie Hand gelassen, es ließe sich wohl ein anderes Lied singen von der Heldenzeit in Khartum. Als die glitzernde Sandwüste hinter ihm lag, wußte er, was er zu thun habe, und stand gegürtet zur Schlacht.