Part 23
Er brauchte nicht weit vorzudringen, um Beweise zu finden, daß ägyptische Beamtenwirtschaft des Mahdi Handlangerin war; diesen hielt er übrigens für weniger stark als die Sage ging. So fand er die Eisenbahnarbeiter zu Assuan in größter Armut, weil ihre Löhnung seit Monaten im Rückstand blieb; der Hunger hatte da dem Propheten Glauben verschafft, und Gordon telegraphierte alsbald an Sir E. Baring, er solle den Leuten ohne weiteren Verzug ihr Geld schicken. Ebenso entdeckte er, daß der Aufstand zwischen Suakim und Kassala lediglich der Habsucht zweier Paschas zuzuschreiben war. Diese waren mit den Scheiks des Hadendoa-Stammes eins geworden, ihnen für Truppentransporte sieben Thaler für jedes Kamel zu geben; als die Hadendoas aber etwa zehntausend Mann durch die Wüste befördert hatten, erhielten sie je einen Thaler, während die übrigen sechs ganz ohne Zweifel im Privatbeutel der Pascha stecken blieben. Da erhob sich der Stamm, schloß sich Osman Digna an, und das Resultat war Bakers Niederlage.
Als erste Abschlagszahlung in der Räumungspolitik hatte Gordon schon von Korosko aus an Nubar Pascha telegraphiert:
»Eine Anzahl Weiber und Kinder sind nach Ägypten auf dem Weg; suchen Sie einen menschenfreundlichen Mann, daß er sich ihrer annehme.«
Und nachdem er in Abu Hamed an die englische Regierung berichtet und darauf hingewiesen hatte, daß es so unpraktisch wie unrecht wäre, den Sudan sich selbst zu überlassen, ehe man von geordneten Verhältnissen daselbst reden könne, bestieg er ein Nilboot und erreichte Berber am 11. Februar.
Hier erließ er seine Proklamationen. Den Einwohnern der Stadt Berber sagte er, daß er gekommen sei, Frieden zu bringen, ja Freiheit von aller Unterdrückung, daß er bereit sei ihnen zu helfen, Ruhe und Ordnung herzustellen, und daß er ihnen zeigen wolle, wie das Land sich künftighin selber regieren könne. Alle vorenthaltenen Rechte sollten ihnen wieder werden; er habe nur den einen Wunsch, Gerechtigkeit walten zu lassen und Blutvergießen zu verhindern. Alle rückständigen Steuern bis zum Ende des Jahres 1883 seien gestrichen und alle Steuern des laufenden Jahres auf die Hälfte reduziert. Der Sudan gehörte nicht fremden Erpressern, sondern von jetzt ab den Kindern des Landes. Der beste Beweis, daß man ihm glaubte, liegt wohl darin, daß etliche hundert Leute sich um Ämter bei ihm meldeten; von großer Freude erfüllt illuminierten sie ihm zu Ehren ihre Stadt. Der englischen Regierung, die ihn gewarnt hatte, sich ja nicht in unnötige Gefahr zu begeben, konnte er hierauf erwidern, es habe keine Not, die Leute wären im Gegenteil froh und dankbar, von einer Oberherrschaft befreit zu werden, die ihnen nur Elend gebracht habe. Er hielt sich nur wenige Tage in Berber auf, aber es genügte, um seinen alten Einfluß geltend zu machen und ihm das volle Vertrauen der Stadt zu sichern. Und nun gar die Weiterreise nach Khartum! In englischen Zeitungen war die Besorgnis oben auf, wie sich Gordon durch die aufrührerischen Stämme durchschlagen werde; der Weg durch die Wüste sei nichts gewesen gegen die weit größere Gefahr der Nilreise, lägen doch die schwarzbraunen Feinde im Hinterhalt an beiden Ufern des Flusses, ihre Speere seien lang und ihre Hinterlist groß. Nichts dergleichen! Sie bildeten Spalier am Fluß hin für den Befreier des Landes, der sich auch gar nicht scheute, unter ihnen umher zu gehen. Sie kannten ihn alle. Und je weiter er vordrang, um so größer die Begeisterung; das Volk empfing seinen Retter mit Frohlocken, gleich einem Schutzengel, der eine Weile entschwunden war und nun zurückkommt aus der unbekannten Welt des Friedens, nach der man sich sehnt.
Auch in Khartum wußte man, wessen man sich zu ihm zu versehen habe. Sein Manifest war ihm vorausgeeilt. Es lautete folgendermaßen:
»Vernehmet, daß ich gekommen bin, das Land aus der Not zu befreien, in die es geraten ist, Ruhe herzustellen und Blutvergießen der Moslems zu verhindern, den Einwohnern einen geordneten Wohlstand zu sichern, Weib und Kind ihnen zu schützen und all der Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu steuern, die an diesem Aufruhr schuld sind.
»Ich habe aus diesem Grund alle rückständigen Steuern vergangener Jahre erlassen und habe die Steuern des laufenden Jahres, sowie alle unter Rauf Pascha eingeführte Besteuerung auf die Hälfte herabgesetzt. Ich will euch vor Ungerechtigkeit schützen, damit der Ackerbau und Handel erblühe und Wohlstand gedeihe. Ich gebe euch das Recht zurück, die Sklaven, die in eurem Dienste sind, zu behalten, und weder die Regierung noch sonst jemand wird es euch künftighin wehren. Haltet Frieden; gebt euch nicht dem Verderben hin und bleibt fern von des Teufels Weg. Benachrichtigt alle Einwohner von der guten Kunde, auf daß sie den Weg der Gerechtigkeit betreten und vom Bösen sich abwenden.
»Wer mich sehen will, der komme und fürchte nichts.
~Gordon~ Generalgouverneur des Sudan.«
In Khartum herrschte nur Freude, in England aber gab's böses Blut, als diese Proklamation bekannt wurde. Was, der will den Leuten im Sudan erlauben ihre Sklaven zu behalten, anstatt ihnen von der Freiheit der christlichen Zivilisation zu sagen, die alle frei macht! Der Sturm, der bei dieser Erklärung in gewissen Kreisen losbrach, lieferte den ersten Beweis davon, daß England seinen Gordon noch nicht kannte. Unbegreiflicher Mensch dieser Gordon, glaubt der, mit schlechten Mitteln könne man Gutes thun? England, das in aller Welt sich als den Befreier von Sklavenketten rühme, sei durch solche Haltung geschändet. Die wenigsten Leute hatten die kühle Überlegung, Gordons Urteil zu verstehen.
»Was für tolles Zeug!« rief er aus, als ihm die Nachricht von dem Entsetzen kam, das sein Manifest in England hervorgerufen. »Ist es nicht offenkundig erklärt worden, daß der Sudan geräumt werde und die Sudanesen sich selbst überlassen bleiben sollten? Wenn das Volk aber hier seinen Willen hat, so hält es Sklaven. Was hätte es genutzt, die Leute an den kraftlosen Vertrag von 1877 zu erinnern, wenn man sie sich selbst überlassen will? Und ist nicht der ~eine~ Zweck meiner Sendung der, die Garnisonen und andere ägyptische Flüchtlinge womöglich ohne Blutvergießen aus dem Land zu bringen? Was ich den Leuten über die Sklaven gesagt habe, war nicht mehr und nicht weniger als eine Plattheit!«
Und anderswo erinnert er seine Ankläger daran, daß er während der Jahre seiner Kämpfe mit den Sklavenjägern nicht einen Finger geregt habe, die Sklaven im Hausstand, d. h. die ~leibeigenen Dienstboten~, zu befreien, während er doch mehr wie einmal sein Leben einsetzte, der Sklaven~jagd~ das Genick zu brechen. Gordon hat immer dafür gehalten, daß es ein Unrecht an den Leuten wäre, ihnen zwangsweise und ohne Vergütung die hergebrachten Dienstsklaven zu nehmen, und es war ein zu klar denkender Kopf, um sich über die Zukunft des Landes, das er räumen sollte, auch nur einen Augenblick einer Täuschung hinzugeben. Die harmlose Ansicht, daß der sich selbst überlassene Sudanese keine Sklaven halten werde, konnte ihn nicht beeinflussen, und nur ein Fanatiker hätte nach Khartum gehen können und sagen: »Hier bin ich und bringe euch im Namen zweier Nationen eure Unabhängigkeit zurück. Das Land sei künftighin euch überlassen, lebt darin nach eurem herkömmlichen Brauch. Haltet Frieden miteinander und Gott schenke euch Gedeihen, aber daß ihr euch nicht untersteht, eure Dienstboten als Sklaven zu betrachten« -- wenn doch der altherkömmliche Brauch den dienenden Stand leibeigen macht! Der bemittelte Sudanese hält Sklaven wie die Juden und Römer im Altertum. Gordon wußte das; vielleicht dachte er auch daran, daß Paulus dem Philemon seinen entlaufenen Sklaven zurückschickte. Hoffentlich denkt niemand, man wolle hiermit der Sklaverei das Wort reden; es soll nur der sentimentale Eifer damit ins Licht gestellt werden, der sich berufen fand, Gordon unbesehen zu verdammen.
Am 18. Februar erreichte er Khartum. Als er durch die Straßen ging, drängten sich die Leute zu Hunderten um ihn; alle wollten ihm die Hand küssen. Einige freudetolle Weiber gingen so weit, ihm die Füße küssen zu wollen, und zweimal lag der Generalgouverneur am Boden, ehe er sich's versah. Er hatte nur wenige Worte gesprochen, aber es waren Worte voll goldener Hoffnung: »Ich bin ohne Soldaten, aber mit Gott zu euch gekommen, um der Not dieses Landes zu steuern,« sagte er. »Ich will nicht mit Waffen, sondern durch Gerechtigkeit hier kämpfen. Die Zeit der Baschi-Bosuks ist vorüber.«
Das war ein Jubel! Kein Wunder, daß Power schon nach wenig Tagen schreiben konnte: »Gordon hat aller Herzen gewonnen. Er ist Diktator hier; der Mahdi gilt nichts mehr. Es ist erstaunlich, den Einfluß dieses einen Mannes über Tausende zu sehen. Mütter bringen ihm ihre kranken Kinder, daß er sie anrühre.« Wo er sich blicken ließ, rief das Volk: Sultan! Vater! Retter! und wer etwas zu klagen hatte, dem lieh er sein Ohr. Noch ehe die Sonne unterging, die seinen Einzug beleuchtete, ließ er alle Rechnungsbücher der ägyptischen Regierung, alle Peitschen und Marterwerkzeuge auf dem freien Platz vor seinem Palast aufhäufen und anzünden; es war das Autodafé der Unterdrückung, lachend und weinend tanzten die Leute um dasselbe her. Er besuchte das Gefängnis und ließ alle Ketten fallen; Hunderte schmachteten da, Männer, Weiber und Kinder, Schuldige und Unschuldige -- er gab ihnen allen die Freiheit. Ein alter Scheik wurde aus einem Tragbett vor ihn gebracht; der Ex-Statthalter Hussein Pascha Cherif hatte den Ärmsten bastonnieren lassen, bis seine Füße nur noch unförmliche Massen blutenden Fleisches waren. Gordon sagte nicht viel, aber er telegraphierte alsbald nach Kairo und forderte, daß jenem Hussein tausend Mark von seinem Gehalt abgezogen würden, die dem Opfer seiner Grausamkeit zu gut kommen sollten. Dann ließ er das Gefängnis anzünden, und weit in die Nacht hinein verkündeten die Flammen, daß es mit solcher Tyrannei auf immer vorbei sei.
So that der weise Mann was er konnte, um die Mithilfe des Volkes für die große Arbeit zu gewinnen, die er übernommen hatte. Er öffnete die Thore der Stadt und erklärte den Markt frei, der bisher nur durch »Bakschisch« den Händlern offen stand. Und gleich vom ersten Tag an sahen die Leute die ihnen von früher in angenehmer Erinnerung stehende Brieflade wieder, welche an der Hauptthüre des Regierungspalastes zu dem Zweck angebracht war, daß jeder, auch der geringste, mit dem Oberstatthalter verkehren könne, so er es begehre. Als nach einiger Zeit Oberst Coëtlogon Khartum verließ, um seinen Weg nach Ägypten und England zurückzufinden, gab Gordon ihm die Versicherung mit, daß die Zurückbleibenden in der Stadt so sicher wären wie ein Spaziergänger im Kensington Park. Was den jungen Power betrifft, so hat sich dieser so für Gordon begeistert, daß er sich für Khartum entschied, so lang Gordon bleibe. »Er vollbringt Wunder hier,« meldete er der Times.
Militärische Änderungen anlangend, so hatte Gordon bestimmt, daß die eingeborenen Truppen in Khartum verbleiben, während die weiße Mannschaft nach Fort Omderman auf der anderen Seite des Weißen Nils sich zurückziehen sollte, wo sie mit ihren Familien und den andern auf »Reisegelegenheit« wartenden Ägyptern bleiben würden, bis man sie nilabwärts schaffen könnte. Einen Neger, der sich unter Bazaine in Mexiko das Kreuz der Ehrenlegion erworben hatte, ernannte er zum Truppenbefehlshaber, was allgemeine Befriedigung hervorrief. Seinen Geleitsmann, den Oberst Stewart, ließ er den Weißen Nil hinauf dampfen, damit er rekognosziere und Gordons Proklamation auch dort bekannt mache. Auf der ersten Strecke, etwa sieben Stunden weit, schien das Land ruhig; dann erreichte er ein aufrührerisches Dorf, wo die Leute übrigens froh waren zu hören, daß er Frieden bringe. Es lagen etwa fünfhundert Mann bewaffnete Rebellen in demselben. In einem Dorf weiterhin fand sich ein Scheik, der kurz zuvor vom Mahdi zum Bezirksstatthalter ernannt worden war, damit er die Gegend für den Propheten gewinne. Andere Scheiks, mit denen Stewart verkehrte, erklärten ihm, daß ihnen nichts übrig bleibe, als sich dem Mahdi anzuschließen, wenn ihnen nicht von einer tüchtigen Regierung Schutz würde. Ganz Gordons Ansicht, die er bis zuletzt festhielt; den Sudan sich selbst überlassen, ehe der Mahdi aufs Haupt geschlagen ist, heißt nichts anders, als die Leute zwingen, ihn anzuerkennen.
Der Mahdi saß zur Zeit noch in Obeid, etwa dreihundert Kilometer von Khartum entfernt. Dort hingen ihm die Araberstämme an, deren jeder sechs- bis achttausend Berittene ins Feld bringen konnte. Seine Macht war zwar allem nach überschätzt worden, aber Gordon verlor keine Zeit, es der englischen Regierung nahe zu legen, daß sein Einfluß, oder vielmehr die Furcht vor ihm, das Land regiere, und daß es dringend geboten sei, ihm entgegenzutreten; eine geringe Abteilung indischer Truppen nach Wady Halfa zu beordern, würde vorläufig genügen. Man nahm seinen Rat nicht an!
Gordons Friedensbotschaft war nun allerdings von bester Wirkung gewesen, allein diese Wirkung erstreckte sich nicht weit über Khartum hinaus, und selbst in dieser Stadt wurde ein Nachlassen der guten Stimmung fühlbar, wie aus einer Proklamation hervorgeht, die Gordon schon Ende Februar erließ, worin er strengere Maßregeln ankündigte und solchen, die im geheimen die Rebellen begünstigten, anzeigte, daß er ein Auge auf sie habe. Viele Stämme um Khartum her, und wiederum zwischen dieser Stadt und Berber und Dongola, waren aufrührerisch und mehr oder weniger eine wachsende Quelle der Sorge für ihn; während die Bevölkerung zwischen Suakim und Kassala teils in offenem Aufruhr war, teils den Lauf der Dinge abwartete, um an den Sieger sich zu halten. Es war ihm klar, daß Khartum selber früher oder später keine andere Wahl haben würde. Khartum würde sich halten, so lange er dort sei, was aber, wenn er die Besatzungen zurückgezogen und das Land geräumt habe? Er würde die Anarchie zurücklassen und nichts würde dem Volk übrig bleiben, als den Mahdi anzuerkennen. Er betonte es in seinen Depeschen immer schärfer, daß England die Verpflichtung obliege, dem Volk die Möglichkeit einer Regierung an die Hand zu geben, die sich werde behaupten können; es müsse dies ein Mann sein, der dem falschen Propheten gewachsen sei, einer der Einfluß im Land habe, der die persönliche Macht besäße, sich als Herrscher geltend zu machen, der das Volk zusammenhalten würde, selbst wenn er es durch Furcht regiere. Es galt zwischen zwei Übeln zu wählen, und der Mahdi war für das Land von zwei Machthabern weitaus der schlimmere. In der Art und Weise, wie das Volk ihm selber zugefallen war, hatte Gordon erkannt, daß es sich nach einem kraftvollen Herrscher sehne und einem solchen sich mit Freuden ergeben würde; er sah sich vergebens nach einem solchen um, unter den Scheiks und kleinen Sultanen war keiner, der Manns genug gewesen wäre, sich nur einen Tag zu halten. Er blickte weiter und sah nur einen, der im stande wäre in die Bresche zu treten, und Gordon schlug ihn vor -- ~es war sein Todfeind Sebehr Rachama~.
4. Im Stich gelassen.
Wenn eine Bombe aus blauem Himmel in die englische Welt gefallen wäre, es hätte kein größeres Erstaunen verursacht, als die über Kairo in London eingelaufene Nachricht, daß Gordon als beste Lösung der Frage, wie der Sudan zu Ruhe und Ordnung zurückzubringen sei, der britischen Regierung vorgeschlagen habe, den alten Sklavenhändler Sebehr ins Land zu setzen, damit er es gegen den Mahdi halte. Gordons Rat, dessen Ausführung er bis zuletzt für den richtigen, weil einzig möglichen Ausweg hielt, ging dahin, daß England dem schwarzen Pascha einen moralischen Halt gewähren sollte -- wie es beim Amir von Afghanistan geschieht -- und dazu auf zwei Jahre einen jährlichen Beitrag von zwei Millionen Mark. Zwar könne man den Türken das Land überlassen, aber diese müßten dann noch ganz anders unterstützt werden, abgesehen davon, daß man damit wieder eine Fremdherrschaft aufrichte. Sebehr sei der eine Mann aus den Sudanländern selbst, der dem Mahdi gewachsen sei; dieser könne dann immerhin als »Papst« sich geltend machen, wenn jener als Sultan die weltliche Herrschaft in fester Hand halte. Die Sudanesen würden ihn als ihren Landsmann mit Freuden anerkennen und seiner Überlegenheit sich fügen, wodurch eine einigermaßen ordnungsmäßige Regierung möglich werde, während sonst alles in Anarchie versinke. Was die Sklavenjagd betreffe, so sei sie einst schlimm genug unter dem schwarzen Pascha gewesen, sie würde aber zehnmal schlimmer werden unter dem Mahdi; Sebehr sei also auch in diesem Stück das geringere Übel von zweien. Fürs übrige wollte Gordon den Sebehr teilweise durch Vertrauen gewonnen haben. Sebehr sollte die ihm zugedachte Würde unter der Bedingung annehmen, daß er als Beherrscher des Sudans kein Sklavenjäger sein werde, und Gordon wollte es selbst übernehmen, daß diese Bedingung darum jenem nicht allzuviel freie Wahl ließe, weil er, Gordon, die eigentlichen Jagdreviere am Äquator seine eigene Sorge hätte sein lassen, indem er dort im Auftrag des Königs von Belgien den Kongostaat weiter ausgestaltet und die hilflosen Negerstämme um sich gesammelt hätte. Es war die alte Politik Gordons, wo anderes fehlschlug, durch seine Feinde selbst das gesteckte Ziel zu erreichen; diese Politik mag den wenigsten Leuten einleuchten, man kann aber nur daran erinnern, daß es in Gordons Leben an Belegen nicht fehlt, wie gerade diese Taktik zu glänzenden Erfolgen geführt hat. Gordon war der letzte, der Sebehrs früheres Leben guthieß, und besser als sonst jemand kannte er die Geschichte verübter Greuel, die dieser zu verantworten hatte, ja, die er durch den Tod seines Sohnes und seine eigene zehnjährige Gefangenschaft hatte büßen müssen; dies aber hinderte ihn nicht, die politische Tüchtigkeit des Mannes anzuerkennen, und da seine Energie, seine Umsicht und sein Organisationsvermögen jetzt zu Besserem zu gebrauchen waren als zu Aufwiegelungen und Sklavenrazzien, so riet er, diese Eigenschaften zum Besten des Landes zu verwenden. Daß Sebehr ihn als seinen Züchtiger haßte und unter Umständen mit eigener Hand erstochen hätte, das kümmerte ihn keinen Augenblick, ja er ging so weit, den Vorschlag zu machen, er und Sebehr miteinander wollten die gewünschte Ordnung im Sudan aufrichten und miteinander würde es ihnen gelingen. Nur ein Mann wie Gordon konnte auf solche Pläne geraten, und hätte man ihm freie Hand gelassen, er hätte sie sicherlich ausgeführt! Daß die überklugen Diplomaten, die seinen Antrag im Kabinettsrat mit der Lupe der Staatswissenschaft untersuchten, sich nicht mit ihm einigen konnten, ist begreiflich; man kann sie auch aus Gründen der Theorie nicht tadeln, man kann aber darauf hinweisen, daß ihre Klugheit in der Folge zu Schanden geworden ist. Freilich hätte auch Gordon eine Täuschung erleben können, wenn man ihm Sebehr bewilligt haben würde, aber selbst dann hätten die Resultate kaum so sein können, wie sie jetzt geworden sind. Welche Ströme Blutes sind nicht geflossen, seit die staatsmännische Vorsicht ihr Verdikt gesprochen hat, und wie sehr ist der Sudan zur Zeit ein Chaos der Anarchie und Sklavenräuberei!
Der schwarze Pascha war hiernach der Punkt, wo die Meinungen auseinandergingen, und von da ab entwickelte sich die Haltung der englischen Politik, welche Gordon im Stich ließ.
Wie wenig Gordon bei seinen Ratschlägen der Blindheit beschuldigt werden kann, geht aus seinem Hinweis hervor, daß die von ihm befürwortete Ernennung Sebehrs zum Beherrscher des Sudan die reinste Ironie des Schicksals wäre. Hatte doch Sebehr von jeher gegen die ägyptische Regierung agiert und Aufstände angezettelt, um seine Rücksendung zu erzwingen.
In Gordons Tagebüchern vom September und Oktober heißt es:
»Hätte man uns den Sebehr Pascha geschickt, als ich es beantragte, so wäre Berber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gefallen, und man stünde jetzt mit einer Regierung im Sudan dem Mahdi gegenüber. Man hielt für gut, es wegen seiner Vorgeschichte als Sklavenhändler zu verweigern. Angenommen, der Grund sei ein triftiger, so ist er in solange trotzdem ein ganz thörichter, als wir keine Schritte thun, den Sklavenhandel künftighin in diesen Ländern zu hindern. Es kommt einfach darauf hinaus: Ich schicke den A. nicht hin, weil er das und das thun könnte, aber ich lasse den B. dort, der ebenfalls so handelt.«
»Ich bin nicht dafür, den Sudan zu halten, es ist ein ganz nutzloses Land, das wir nicht verwalten könnten, und die Ägypter nach den neuesten Ereignissen noch weniger. Ich suche nur den Weg, ~wie man sich mit Ehren und mit möglichst geringen Unkosten daraus zurückziehen kann~ (wir dürfen nicht vergessen, daß wir an all diesem Wirrsal schuld sind) ... es ist für mich lediglich die Frage, sich mit ~Anstand zurückzuziehen~. Sebehr würde die Schaggyeh (einen Beduinen-Stamm) und die Khartumer beruhigen und er würde mit dem Mahdi ins reine kommen. Dann könnten wir das Land verlassen ... Soviel ist sicher, daß ihr nur mit Hilfe Sebehrs (oder der Türken) vor dem November 85 auf Rückzug rechnen könnt!! Die Türken wären unter den jetzigen Umständen die beste, wenn auch kostspieligste Lösung. ~Die könnten den Sudan halten~; gebt ihnen vierzig Millionen. Nach den Türken ist Sebehr mit zehn Millionen das Beste; er würde den Sudan ~eine Zeit lang~ halten. In beiden Fällen giebt's hier Sklavenhandel. Aber Ägypten wäre gesichert und ihr könntet bis Januar 85 hier fertig sein. Ist euch keiner dieser Auswege recht, dann seid darauf gefaßt, daß es hier noch gerade genug Plackerei geben und euer Feldzug schließlich ~ein völlig zweck- und glanzloser sein wird~.«
Hat je ein Prophet den Ausgang eines Unternehmens bestimmter vorhergesagt?
Unterm 8. November heißt es in dem Tagebuch weiter:
»Es liegt auf der Hand, daß wenn Sebehr mit euch käme und in quasi unabhängiger Stellung zum Regenten ernannt würde ... ihm die Leute massenhaft zufielen, die den Mahdi und seine Derwische herzlich satt haben, sich aber an ihn halten müssen, weil ihr das Land räumen wollt; sogar unsere Anhänger werfen wir dem Mahdi in die Arme. Sebehrs Einsetzung würde euch auch die Arbeit in der Sennar-Gegend sparen ... Mit den Booten, die ihr habt, hätte er die Nil-Verbindung bald hergestellt. Und was den Sklavenhandel betrifft, so ist der Mahdi zehnmal schlimmer als Sebehr, auf den man durch Hilfsgelder einwirken könnte, daß er in Schranken bliebe. Sebehr wäre für uns eine Art Vermittelung zwischen dem Davonlaufen und der fortwährenden Gegenwart von Truppen im Land. Der Mahdi wäre nie im stand, das Volk gegen Sebehr aufzuhetzen. Nur weil man den Leuten keinen Mittelpunkt bietet, ~müssen~ sie sich an jenen halten. Hätte man den Sebehr kommen lassen, der Mahdi hätte lange nicht so viel Anhang; und wäre er hier gewesen, so wäre Berber nicht gefallen.«
Wir haben vorgegriffen, doch ist aus diesen Mitteilungen ersichtlich, daß Gordons Vorschlag keine plötzliche Eingebung, keine Unüberlegtheit war; es war vielmehr ein Gedanke, der durch jede neue Erfahrung bei ihm sich vertiefte. Es folgt hier eine frühere Depesche an Sir E. Baring, den Vertreter Englands in Kairo, die in gedrängten Sätzen Gordons Ansicht in der Sebehrfrage klar und eingehend darlegt.
Khartum, den 8. März 1884.
»Die Ernennung Sebehrs ist gleichbedeutend mit der Möglichkeit des Rückzugs der ägyptischen Angestellten von Khartum, sowie der Besatzungen von Sennar und Kassala.
Ich sehe keine andere Möglichkeit, dies ins Werk zu setzen, als eben durch ihn, der als ein Eingeborner dieses Landes ein Mittelpunkt für die Bessergesinnten werden wird, die sich um so eher ihm anschließen werden, weil sie wissen, daß er sich hier in seiner Heimat niederlassen wird.
Ich bin nicht der Ansicht, daß die Thatsache, dem Sebehr auf zwei Jahre Hilfsgelder zu bewilligen, mit der Räumungspolitik unverträglich wäre.