Gordon, der Held von Khartum

Part 21

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Überall wo Gordon hinkam, dasselbe Urteil über ihn! Er aber sagt: »Wie wenig Christus-ähnliche Menschen giebt es doch -- wer unter uns ist Ihm gleich? Keiner, bis alles von uns genommen ist; dann erst können wir werden wie Er und eins sein mit Ihm. ›Selig sind die geistlich Armen, denn das Himmelreich ist ihr,‹ heißt es; und nur die Armen ohne Geld und ohne Ansehen im vollen Sinne des Wortes können durch die dunkle Grabesthüre zu der Ruhe eingehen, die uns behalten ist .... Ich wollte, daß alle die Gewißheit des ewigen Lebens hätten! Es ist ja gerade, ~weil~ wir arm und unwert sind, daß wir Eingang finden. So lange wir uns für besser halten als andere, sind wir weit vom Himmelreich entfernt. Wir müssen den Gedanken fahren lassen, daß wir im geringsten bei Gott etwas zu gut haben könnten, wir sind ja ~alle und nur~ seine Schuldner. Nach Ephes. 2, 10 sind wir zu guten Werken geschaffen, in denen wir wandeln sollen. Wenn uns Gott also vorher dazu bereitet hat, daß wir dies oder jenes Gute vollbringen, wo bleibt da noch Ehre für uns?« Nicht genug kann er es betonen, daß man alles, im großen wie im kleinen, Gott anheimstellen soll; es gäbe nicht so viel unzufriedene Gesichter in der Welt, meint er, wenn die Leute das lernten. Der Glaube, daß Gott im Regiment sitzt, sei ihm sein lebenlang eine unversiegbare Quelle der Kraft gewesen, die ihn nicht nur für die Gegenwart und Zukunft stark mache, sondern die ihm selbst das Vergangene zurecht bringe. Das sei es ja, was der Herr von uns haben möchte, daß wir ›seine Freunde‹ seien, und nicht seine Knechte. Und wenn Er uns in eine schmerzliche Lage geraten lasse, so geschehe dies darum, damit wir Ihn um so besser kennen lernten und an uns selber erführen, wie stark Er ist, zu helfen. Gordons völlige Gleichgültigkeit gegen das Urteil der Menschen ist die Kehrseite dieser Gotteszuversicht, und Menschenlob nennt er eine Trennungswand zwischen der Seele und ihrem Gott (Joh. 12, 43).

Aus einem Briefe vom 4. Juli 1876:

»Das menschliche Leben ist eine Rückreise zu unserm Urquell, Gott, der sich uns als die ewige Wahrheit, Liebe, Weisheit und Allmacht offenbart hat. Als Begriffe erkennen wir diese seine Eigenschaften bereitwillig an; das ist aber kein Herzensglaube. Wir stoßen auf Widersprüche, wir sind blind. Er öffnet uns die Augen nach und nach, und hilft uns durch manches sogenannte Unglück ihn immer besser kennen lernen. Er offenbart sich verschiedenen Menschen in verschiedener Weise, aber das Endziel aller ist, ~Ihn zu erkennen~. So wie der Mensch in diese Welt geboren ist, hängt ein Schleier vor seinen Augen, der ihm Gott verhüllt. Dem in der Christenheit aufwachsenden Menschen tritt Gott in beidem, im geschriebenen und im Mensch gewordenen Wort nahe, aber wenn er dies auch mit seinem Verstand erfaßt, so ist in diesem Leben doch vieles unverständlich, und der Schleier bleibt. Jede schmerzliche Erfahrung aber und jede Prüfung macht einen Riß in die Hülle und er ~sieht~ dann, was er vorher nur als toten Buchstaben geglaubt hatte ... Ein Samenkorn göttlichen Wesens ist in unser Herz gelegt; und dieses Gottgeborene in uns sollte dem Ausgang des Kampfes zwischen Fleisch und Geist ruhig entgegensehen können. So oft der Geist über das Fleisch Herr wird, so oft giebt es einen weiteren Riß in der Hülle und wir erkennen Gott immer besser. Wenn dem Fleisch der Sieg bleibt, so verdichtet sich der Schleier. Zuletzt aber, wenn das Unausbleibliche, der Tod eintritt, dann reißt der Schleier mitten entzwei und das völlige Schauen beginnt. Das Fleisch ist überwunden, der Geist aber lebt.«

Geben wir noch ein Schlußwort Gordons. Es ist ein Wort, das er vor einer Reihe von Jahren geschrieben hat, er hätte es in jenen letzten Monaten schreiben können, als er von seinem Volk verlassen, mit seinem nie wankenden Heldenmut in Khartum eingeschlossen war:

»Die Welt ist ein weites Gefängnis mit grausamen Hütern. Einsam und verlassen sitzen wir in unseren Zellen und warten auf Erlösung. An den Wassern der irdischen Freude und vollen Genüge weilen wir -- so denkt das Fleisch und der Irdischgesinnte; aber es sind die Wasser zu Babel voll Jammer für unsere Seele, und wir sitzen und weinen, wenn wir der Heimat gedenken, von der ein so schmaler Strom, der Tod, uns trennt.

»Unsere Harfen hängen an den Weiden, und unsere Widersacher heißen uns fröhlich sein, wir sollen ihnen ein Lied singen, als wären wir daheim. Wie aber sollen wir des Lammes Lied singen im fremden Lande, die wir in der Wildnis sind, wo niemand uns kennt?

»O wären wir doch daheim, wo die Gottlosen aufhören mit ihrem Toben, und ~die~ ruhen, die viele Mühe gehabt haben; wo der Kampf zu Ende ist und die heiße Arbeit vorüber, wo die Krone des Lebens uns werden wird; wo wir Ihn schauen werden, der all unsere Not kannte, der unser Elend mit uns trug, der unserer müden Seele Trost gab. Und siehe, es ist kein neuer Freund, es ist der alte!

»Bist du müde? Er war es auch. Bist du betrübt? Er war es auch. Findest du dich in deiner Liebe unverstanden und begegnet man dir mit Kälte? Ihm ging es nicht besser.

»In Seinem großen Erbarmen hat Er sich unter all Seine Brüder erniedrigt. Wie müde, wie einsam, wie betrübt war Er auf dieser Erde; ein Mann der Schmerzen, der Leid trug mit Geschrei und Thränen. Und sollten wir über unser Elend murren, das doch bald vorüber ist? Bringt nicht jeder Tag uns der Heimat näher? Kein dunkler Fluß, sondern zerteilte Wasser liegen vor uns; und der Welt bleibt ihr Lohn. Sie ist Erde, und wir schütteln ihren Staub von den Füßen.

»Ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe, selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Ja der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit -- ruhen von Trübsal, von Mühe und Last, von Herzweh, Thränen, Hunger, von all dem Jammer seufzender Seelen, die hier im Gefängnis, ohne Frieden sind, von Krieg und Kriegsgeschrei und allem Hader.

»Es ist eine lange, mühselige Reise, aber schon sehen wir das Ziel. Die Meilenzeiger unserer Jahre fliegen dahin, und für die Last jedes Tages wird uns die Kraft gegeben, die uns not ist (5 Mos. 33, 25. englische Übersetzung). Wer weiß wie nahe das Ende, wie bald der Pilger daheim sein wird im schönen Lande, wo Ströme lebendigen Wassers fließen, wo keine Not mehr sein wird, noch Leid, noch Schmerzen, und wo er ewig ruhen darf bei seinem himmlischen Freund.

»Der Sand verrinnt -- Tag und Nacht, Nacht und Tag -- schüttle du nicht das Glas. Trage deine Last, leide wie Er litt.«

Neuntes Buch.

Khartum.

1. Der Mahdi.

Während Gordon sein stilles Jahr in Palästina verlebte, gelangte man daheim zur Erkenntnis, daß der Zustand in den Armenquartieren der reichen »City« ein Schandfleck für England sei. Es war das Jahr, in dem »der bittere Notschrei Londons« in allen Ohren wiederklang. Es wurden Untersuchungen eingeleitet, und die Enthüllungen, die es gab, entsetzten die feine Welt. Wohl war es teilweise ein Sensationsinteresse, es lag ein gewisser Kitzel darin, die sogenannten untersten Schichten aufzuwühlen, aber man fing doch ernstlich an, auf Besserung der Zustände zu drängen. Es wurden Komitees ernannt und Sitzungen gehalten, auch in der Folge mancherlei gethan. Ob das Los der Armen seither ein merklich gebessertes ist, bleibe dahingestellt; dergleichen wird wohl weniger durch Komitees, als durch einzelne Menschen erreicht, denen die Liebe gegeben ist, unter den Elenden zu leben. Es giebt solche, aber ihrer sind wenig. Der Notschrei drang bis ins heilige Land, und Gordon lieh ihm ein williges Ohr; ja er fing an, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob es in Whitechapel und Spitalfields nicht eine ähnliche Arbeit für ihn gebe, wie s. Z. zu Gravesend, ob ein Leben der Samariterliebe im Herzen von London nicht die Lösung für seine Zukunft wäre, die ihn nur um so völliger in Anspruch nehmen würde, als der Jammer in jenen Höhlen der krassesten Armut und Verkommenheit weit über dem steht, was in der kleinen Themsestadt zu finden ist, deren Gassenjungen seine »Prinzen« waren.

Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Während Gordon sich in Gedanken mit seinen armen Brüdern und Schwestern in der englischen Hauptstadt beschäftigte und die Aussicht ihm eine liebe wurde, sich dieser »Innern Mission« zu widmen, brachte anderswo ein König ganz andere Pläne zu Papier und versah sich des Träumers in Palästina, als des Mannes, der sie ihm verwirklichen sollte.

Es war der König von Belgien, der in Gordon den Mann erblickte, welcher als Stanleys Nachfolger die Hoffnungen des »freien Kongostaats« ihrem Ziel entgegen führen sollte. Wahrscheinlich hat Stanley selbst auf Gordon hingewiesen; und dieser war zu allem bereit, was dazu dienen konnte, dem Sklavenhandel im Innern von Afrika entgegen zu arbeiten und den umnachteten Weltteil den Einflüssen christlicher Zivilisation zu erschließen. Der Plan war kein geringerer, als vom Kongo aus dem Njamnjamlande und den Gebieten der Rituellen beizukommen und auf diese Weise die verschiedensten Negerstämme zu einem Bund gegen die Sklavenwirtschaft im Sudan zu vereinigen. Es war gegen Ende des Jahres 1883, daß die belgische Aufforderung Gordon erreichte. Schon drei Jahre vorher, als er sein Amt im Sudan niederlegte, hatte er bei Gelegenheit einer Audienz in Brüssel seine Bereitwilligkeit ausgesprochen, dem König in dieser Sache zu dienen, wenn es sich so fügen sollte, daß man seiner bedürfe. Und als dieser ihn nun an sein Versprechen mit dem Bemerken erinnerte, daß der Zeitpunkt gekommen sei, der unter Gordons Leitung zu den schönsten Hoffnungen am Kongo berechtige, war es die gewohnte Schlagfertigkeit des Mannes, die stehenden Fußes die palästinischen Studien abbrach und die Pläne hinsichtlich der Armen Londons auf eine künftige Zeit verschob. Er wartete nicht einmal ein richtiges Passagierboot ab, sondern verließ Jaffa bei erster bester Gelegenheit mit einem Frachtschiff, das ihn um ein kleines mit samt der Ladung auf den Meeresboden gebettet hätte. Am letzten Abend des Jahres 1883 erreichte er Genua und nahm den Schnellzug durch die Neujahrsnacht nach Brüssel. Es war der Anfang des für ihn so verhängnisvollen Jahres 1884, aber noch ahnte er nicht, daß Khartum sein Ziel war. Er gedachte der Kongo-Arbeit, die seiner harrte, und seine Seele war stille zu Gott.

»Ich war allein in meinem Koupé,« schrieb er den Freunden in Jaffa, »und habe auch ~an euch alle gedacht~!«

Und die Freunde in Jaffa wußten, was er damit sagen wollte. Sie gehörten mit zu der Liste von etlichen hundert ihm Nahestehender, deren er vor Gott gedachte. Wer diese Liste hätte durchsehen können -- ein König hier, ein alter Netzstricker dort, die seine Fürbitte brauchten!

Der belgische König war entzückt, einen so trefflichen Bevollmächtigten gewonnen zu haben, und Gordon ging nach England, um sich von den Seinen zu verabschieden. Sein Entlassungsgesuch aus dem englischen Dienst hatte er eingesandt. Noch vor Ende Januar wollte er wieder in Brüssel sein, um von dort die Reise nach dem Kongo anzutreten. Wie ganz anders sollte es kommen!

Daß im Sudan alles drunter und drüber ging, wußte er. Kein Jahr war vergangen, nachdem er seine Statthalterschaft niedergelegt hatte, da kamen Hilferufe genug von Khartum her, welche den guten Pascha zurückverlangten, der allein im stande war, dem geknechteten Volk eine Schutzmauer gegen seine Unterdrücker zu sein. Der Sklavenhandel war neu aufgeblüht und von Ägypten war keine Rettung zu erwarten. Die englische Bevormundung der ägyptischen Frage, die sich kurzer Hand als eine Koupon-Politik bezeichnen läßt, hatte nicht viel Gutes erreicht; und sowohl die englischen als die ägyptischen Minister waren viel zu sehr von dem Arabi-Aufstand in Anspruch genommen, als daß man Zeit gehabt hätte, im Sudan zum Rechten zu sehen. Dort war unter Gordons Nachfolger in der Statthalterschaft, jenem berüchtigten Rauf Pascha, eine böse Zeit angebrochen. Die Erpressung seitens der Beamten war ärger denn je, und als im Mahdi ein angeblicher Befreier sich erhob, war der Zündstoff im Lande in einer Weise angehäuft, daß der Aufruhr wild empor loderte.

Wie es mit der Gelderpressung durch übermäßige Besteuerung aussah, beschrieb der Times-Korrespondent Power, den Gordon in Khartum vorfand, und der einer der drei Engländer war (Gordon und Stewart die beiden andern), die des Landes Märtyrer wurden.

»Wenn die Leute hier ihre Acker bebauen wollen,« lautete der Bericht, »so müssen sie eine Steuer zahlen; und um Wasser aus dem Nil auf ihre Äcker zu leiten, ohne welches das Land nutzlos ist, müssen sie eine zweite Steuer zahlen. Wenn das Korn dann geerntet ist, kommt die dritte Steuer, ehe sie es verkaufen dürfen. Ist die Ernte gut, so wird die Steuer verdoppelt, damit neben der Regierungskasse der Privatbeutel des Pascha nicht zu kurz komme. Lassen die Leute unter diesen Umständen den Ackerbau liegen, dann kriegen sie die Karbatsche aus guter Rhinozeroshaut. Wenn der Bauer für Weib oder Kind ein armseliges Kleidungsstück kauft oder seine Lotterfalle von Haus wetterfest zu machen sich getraut, dann heißt's, er müsse Geld versteckt haben, das noch nicht besteuert sei. Kurz, die Leute müssen zahlen und zahlen und wieder zahlen, ob sie wollen oder nicht, ob sie können oder nicht; und wer nicht arbeitet, wird bis aufs Blut gequält, bis er mithilft, die Beamten zu bereichern. Wer ein Boot auf dem Nil hat, muß achtzig Mark zahlen, wenn er nicht unter ägyptischer Flagge fährt, und die Erlaubnis, die Flagge zu führen, kostet ebenfalls achtzig Mark. Dies ist's, was in erster Linie am Aufruhr schuld ist, nicht der Mahdi; und ich wünsche aus tiefster Seele, daß jeder Ägypter aus dem Land gejagt werde. Die Zustände der Sklavenwirtschaft, so beklagenswert sie sind, sind immerhin noch besser, als solch ein Regiment ägyptischer Blutsauger.«

Zwischen dem Mahdi des Sudan und jenem Schulmeisterkönig des großen Friedens in China ist eine gewisse Ähnlichkeit unverkennbar; der Aufstand war beidemal der eines falschen Propheten, welcher eine himmlische Sendung vorgiebt, um ein im Elend verkommenes Volk für seine Zwecke zu gewinnen. Beiden gelang es in erstaunlicher Weise, mit ihren Horden das Land zu verheeren und Träume einer goldenen Zukunft auszustreuen.

Der Mahdi wollte nichts Geringeres sein, als der Messias der moslemitischen Völker.

Die zum Islam »Bekehrten« sind in Zentral-Afrika nach Millionen zu rechnen, und mit der Lehre Mohammeds hatte sich in jenen Ländern auch die Erwartung verbreitet, daß in der Fülle der Zeit ein Mahdi, d. h. Führer, erscheinen werde, dem es vorbehalten sei, das Werk des Propheten mit Schwerteskraft zu vollenden, um die Gottlosigkeit von der Erde zu vertilgen, das unschuldig vergossene Blut der Imams zu rächen und ein Reich der Gerechtigkeit aufzurichten.

Es hat zu verschiedenen Zeiten Mahdi gegeben, und der, dem es neuerdings gelang, die Messiashoffnungen seiner Glaubensgenossen zu seinen Gunsten auszubeuten und die unterdrückten Stämme bis zu seinem im Sommer 1885 erfolgten Tode um sich zu scharen, war ein Eingeborner der Provinz Dongola, ein noch nicht vierzigjähriger Mann von hoher geschmeidiger Gestalt, schwarzem Bart und hellbrauner Gesichtsfarbe. Er hieß Mohammed Achmet und war der Sohn eines Schiffszimmermanns Namens Abdallah. Mohammed war der jüngere von mehreren Brüdern und wurde in seiner Jugend gleich diesen zum väterlichen Handwerk angehalten. Eine Abneigung dagegen machte sich jedoch früh bei ihm bemerkbar; er zog sich gern von den Menschen zurück und beschäftigte sich stundenlang mit dem Koran. Als junger Mensch entlief er der Heimat infolge einer Tracht Prügel; ging nach Khartum und schloß sich der »Medressu« oder freien Schule eines Fakir an, der zu Hoghali, einem Dorfe östlich von Khartum, dem Lehrwesen oblag. Diese Schule gehörte zum Grab des Scheik Hoghali, des hochverehrten Schutzheiligen von Khartum; und der Hüter des Schreins, obschon er für die freie Schule aufkommt und die Armen speist, erfreut sich einer schönen Einnahme seitens der andächtigen Wallfahrer. Er giebt vor, ein Abkömmling des ursprünglichen Hoghali und durch diesen Mohammeds selbst zu sein. Hier also ließ Mohammed Achmet sich nieder und befleißigte sich des Studiums der Religion. Nach einiger Zeit begab er sich nach Berber und besuchte die Schule des Scheik Ghubusch, der ebenfalls eines Heiligenschreins wartete. Im Jahr 1870 schloß er sich einem andern Fakir an, dem Scheik Nur el Daim (das ewige Licht). Dieser fand ihn soweit vorgerückt in der Religion, daß er ihn selbst zum Scheik oder Fakir bestellte, worauf der neue Lehrer sich auf die Insel Abba im Weißen Nil zurückzog. Dort lebte er eine Zeit lang in beschaulicher Stille, indem er sich in einer Höhle verbarg und stundenlang den Namen Gottes hersagte, viel fastete und Weihrauch verbrannte. Bald stand er im Geruch absonderlicher Heiligkeit; es sammelten sich Derwische um ihn, er wurde reich und heiratete eine Menge Weiber, die er sich umsichtigerweise unter den Töchtern der angesehensten Scheiks erwählte. Allerdings soll der wahre Moslem mit vier Weibern sich begnügen, und der kluge Heilige that dies auch, indem er, so oft er aufs neue Hochzeit hielt, eine der überzähligen älteren Gattinnen der Ehre seines Harems verlustig erklärte.

Im Frühjahr 1881 schrieb er an alle übrigen Fakire und offenbarte sich ihnen als den vom Propheten verheißenen Mahdi: er habe göttlichen Befehl erhalten, den Islam zu erneuern, derselbe müsse die Religion der Welt werden, ~ein~ Gesetz, ~eine~ Freiheit müsse die Gläubigen verbinden, und wer nicht gesonnen sei ihn anzuerkennen, sei er Christ, Heide oder Mohammedaner, müsse von der Erde vertilgt werden. Dieses Manifest richtete er u. a. auch an Mohammed Saleh, den gelehrten und einflußreichen Fakir von Dongola, indem er ihn aufforderte, mit seinen Derwischen in Abba zu ihm zu stoßen. Dieser aber benachrichtigte die Regierung von dem Vorhaben Mohammed Achmets und fügte als sein Privaturteil die Anmerkung bei, der Mensch müsse geistig gestört sein. Auch die Ulema von Khartum erklärten sich gegen ihn, ebenso wurde er in Kairo und Konstantinopel verworfen und als falscher Prophet gebrandmarkt. Gleichwohl fand der Mahdi Anhänger genug; ihm schlossen sich alle an, die das ägyptische Regiment haßten, vorab die Sklavenhändler, die wohl wußten, daß sie unter einem Aufruhrregiment ihr Raubwesen nur um so besser würden treiben können. Ja Gordon war der Ansicht, daß Sebehr von Anfang an die Hand mit im Spiel hatte, daß er den Mahdi, wenn er ihn nicht förmlich anstiftete, so doch jedenfalls bestärkte, alles, um durch Aufruhr und Anarchie in den Sudanländern seine Freilassung und Rücksendung zu erzwingen. Jedenfalls gehörte ein Verwandter Sebehrs von Anfang an zu des Mahdi Helfershelfern.

So viel ist sicher, daß der Glaube an die wahre Mission des Mahdi rasch um sich griff. Rauf Pascha konnte das bedenkliche Wachstum seiner Macht kaum unbeachtet lassen und schickte einen Botschafter nach der Insel Abba. »Als ich dieselbe erreichte,« berichtete dieser, »empfing mich Mohammed Achmet inmitten von mehreren Hunderten seiner Getreuen; in der Rechten hielt jeder ein Schwert. Der Mahdi saß auf einem erhöhten Thron, mit dem Stab des Propheten in der Hand. Auf meine Frage, was er beabsichtige, beschrieb er mir seine angebliche Sendung. Ich erwiderte ihm, daß wir alle so gut Muselmänner wären, als er selber. Das bestritt er, weil wir den Christen gestatteten, auf ihre Weise Gottesdienst zu halten, und weil unsere Regierung Steuern erhebe. Ich riet ihm, seine Pläne ruhen zu lassen, denn er könne doch nichts gegen eine Regierung ausrichten, die über Truppen und Schießbedarf und Dampfer verfüge. Darauf entgegnete er: ›Wenn eure Soldaten auf uns schießen, so werden ihre Kugeln uns nicht treffen; und wenn ihr mit euren Dampfern kommt, so werden diese untergehen.‹«

Die Kriegs- und Eroberungszüge des Mahdi während der Jahre 1881-83 zu verfolgen würde zu weit führen. Es genüge zu sagen, daß eine Provinz nach der andern, eine Stadt nach der andern ihm zufiel. Es war die Zeit der Arabi-Wirren in Ägypten; man war dort kaum in der Lage, sich viel um den Mahdi zu kümmern. Die wichtige Stadt Obeid ergab sich ihm im Anfang des Jahres 1883.

Erst nachdem Arabi mit Hilfe der Engländer nach Ceylon verschifft war, konnte man sich ägyptischerseits gegen den Mahdi wenden. Derselbe hatte verkündigt, daß er mit der Zeit auch berufen sei, Kairo und Konstantinopel zu seiner Sendung zu bekehren. Was die Statthalter im Sudan bisher gegen ihn unternommen hatten, war meist mißglückt und schon im August 1882 hatte Khartum in Belagerungszustand erklärt werden müssen. In diesem Jahr wurde das ägyptische Militär der Provinz unter die Anführerschaft des englischen Obersten Hicks gestellt, der mit noch andern Briten und verschiedenen sonstigen Europäern, darunter auch ein Deutscher, Major von Seckendorff, in des Khedive Dienste trat; denn da der Mahdi an alle wahren Moslemin appellierte, so hielt man es für geraten, ihm mit nichtmohammedanischen Kräften entgegenzutreten. Hicks Pascha war ein tüchtiger Offizier, der in Indien gedient hatte. Nach verschiedenen erfolgreichen Voroperationen verließ Hicks Khartum im September 1883 an der Spitze von zehntausend Mann mit der Absicht, den Mahdi aus Obeid zu vertreiben. Es war der unglücklichste Kriegszug, der je unternommen wurde. Ob und inwieweit Hicks der Unvorsichtigkeit zu beschuldigen war, ist nicht zu sagen, denn die näheren Einzelheiten der furchtbaren Katastrophe werden wohl nie ans Tageslicht treten. Das einzige, was verlautete, waren die Worte eines Zeitungskorrespondenten: »Wir wagen kein Geringes, indem wir unsere Verbindungslinien verlassen und über dreihundert Kilometer weit in ein unbekanntes Land vordringen. Die Brücke hinter uns ist sozusagen abgebrochen. Der Feind zieht sich vor uns zurück und das Land ist ausgeplündert. Wassermangel ist unsere große Sorge; die Kamele halten's nicht aus.« Und Schweigen umhüllte die Unternehmung, bis nach Wochen die Schreckensnachricht in Khartum einlief, daß Hicks Pascha mit seinen Zehntausend bis auf den letzten Mann aufgerieben sei. Der Mahdi hatte sie in eine wasserlose Wüste gelockt. Es soll eine dreitägige Schlacht stattgefunden, Hicks selber, als einer der letzten, seinen Tod gefunden haben. Gordon war der Ansicht, daß die Armee großenteils verdurstet sei. So viel ist sicher, daß nicht ~ein~ Europäer entkam und daß die ägyptischen Truppen bis auf wenige Mann aufgerieben wurden; oder wahrscheinlich richtiger -- denn es war ägyptisches Militär von der »unbeschreiblichen« Sorte -- was von den Truppen überblieb, schloß sich dem Mahdi an. Es war eine Niederlage wie im Teutoburger Wald, und ein Schrei des Entsetzens hallte durch England. Der 1., 2. und 3. November 1883 ist das mutmaßliche Datum der verhängnisvollen Schlacht.

Nach dieser Unglückspost waren noch zwei Engländer im Sudan: der bereits erwähnte Times-Korrespondent Power und Oberst Coëtlogon, der krank in Khartum zurückgeblieben war, als Hicks den unseligen Marsch unternahm. Die Folgen des Sieges für den Mahdi waren kaum zu überschätzen. Darfur war für den Khedive verloren; was an Provinzen oder Stämmen bis jetzt noch loyal war, ging zu den Rebellen über. Ein panischer Schrecken hatte das Land befallen; er machte sich in Kairo geltend, und im fernen England erlitten die ägyptischen Papiere aufs neue eine bedenkliche Baisse.