Part 16
Der Sohn Sebehrs aber hatte sich überraschen lassen; bei dem überschwemmten Lande wähnte er Gessi noch in weiter Ferne und war selbst im Begriff, in seine Höhle zu Schekka zurückzukehren. Als ihm aber die Nachricht von der Nähe des Feindes kam, sammelte er rasch seine Streitkräfte, über zehntausend Mann, und warf sich auf Dem Idris. So sicher war er seiner Sache, daß er schon die Stricke in Bereitschaft hielt, um Gessi und seine Handvoll Leute zu binden. Viermal kam es zum Angriff, und viermal wurde er zurückgeschlagen, das erstemal am 27. Dezember, wobei er tausend Tote und fünf Standarten zurückließ. Aus Mangel an Munition konnte Gessi den zurückgeworfenen Feind nicht verfolgen. Dieser machte vierzehn Tage später einen neuen Angriff und wurde abermals zurückgeschlagen. Soliman und seine Häuptlinge hatten sich vorher im Kriegsrat mit einem Eidschwur auf den Koran zu Sieg oder Tod verbündet. Durch Überläufer wußte Gessi davon und verband sich seinerseits mit seinen Leuten, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen. So wenig Kriegsbedarf hatte Gessi, daß er nach dem ersten Angriff die Kugeln des Feindes sammeln und wieder gießen lassen mußte. Er sah aber, daß den schwarzen Soldaten der Sklavenhändler der Mut gebrach, daß die Araber mit gezückten Schwertern hinter ihnen standen und den Zagenden den Garaus machten. Am folgenden Morgen kam es zum dritten Angriff und sieben Stunden lang wütete der Kampf. Endlich wichen die Horden Solimans. Dieser war in verzweifelter Wut von seinem Pferd gesprungen und weigerte sich zu fliehen; wenn der Tod ihn nicht finde, wolle er ihn suchen, schrie er, aber seine Leute schleppten ihn mit Gewalt davon. Abermals nach vierzehn Tagen, in der Nacht des 28. Januar 1879, stürmte der Feind heran. Eine von Solimans Bomben setzte ein Strohdach in Brand, und das Lager stand in Flammen. Gessi war dadurch gezwungen, den Kampf im offenen Feld zu wagen, aber nach drei Stunden hatte er die Sklavenhändler in die Flucht geschlagen.
Im März erhielt er Zufuhr von Pulver und Blei und konnte es wagen, den Feind in seiner Verschanzung anzugreifen. Solimans Lager bestand aus einem Verhau von Baumstämmen, im Zentrum war eine feste Verschanzung, die sechs- bis achttausend Mann deckte, und darum her standen statt der Zelte Reisighütten. Eine Rakete der Angreifenden fiel ins Lager, und im Augenblick brannte alles lichterloh. Die Rebellen suchten mit verzweifelten Anstrengungen des Feuers Herr zu werden, aber bald stand auch die äußere Einpfählung in Flammen, und den Banditen blieb keine Wahl als einen Ausfall zu machen. Sie wurden auf ihr brennendes Lager zurückgeworfen und retteten sich zuletzt in wilder Flucht. Ihr Verlust war ein beträchtlicher. Die Nacht senkte sich auf Gessis müde Schar, die seit dreizehn Stunden der Nahrung ermangelte. Am andern Morgen bemächtigten sie sich des halbverbrannten Lagers; verkohlte Leichen bedeckten die Stätte und weithin lagen die auf der Flucht Umgekommenen. Mangel an Schießbedarf verhinderte Gessi abermals, seinen Sieg auszubeuten. Der Statthalter von Schekka, als der nächste, der Zufuhr hätte verschaffen können, ließ ihn im Stich, und als die Pocken in Dem Idris ausbrachen, war seine Lage in der That eine traurige.
Während der tapfere Italiener den Sohn Sebehrs auf diese Weise im Schach hielt, war Gordon, wie wir gesehen haben, an der Arbeit in Khartum. Der Anfang 1879 brachte ihm nicht weniger als drei Einladungen nach Kairo; er umging sie mit der Antwort, daß der Zeitpunkt ein kritischer und eine Folgeleistung für ihn mit der Niederlegung seines Amtes gleichbedeutend sei. Während er täglich seine wirkliche Rückberufung erwartete, erhielt er die Nachricht vom Fall seines Gegners, des Nubar Pascha selbst. Gordon hatte dem Gessi deshalb keine Verstärkung schicken können, weil Nubar ihm das Militär verweigert hatte. Es war bei dieser Gelegenheit, daß dieser ihm statt eines dringend nötigen Regiments Soldaten den Sebehr anbot! Gordons Sorge um Gessi nahm täglich zu, und wiederholt telegraphierte er dem Khedive um Genehmigung eines Zuges seinerseits nach Kordofan und Darfur. Mitte März machte er sich dann nach Schekka auf den Weg.
Den Zweck seines die Unterstützung Gessis bezweckenden Unternehmens beschreibt Gordon folgendermaßen:
»Erstens galt es, die Anhänger des Sohnes Sebehrs in Kordofan zu verhindern, den Sklavenhändlern Hilfe zuzuführen; zweitens, dem Feind den Rückzug abzuschneiden und Sebehrs Horden zu verhindern, in Darfur einzufallen und sich daselbst mit dem angeblichen Sultan zu vereinigen, der im Hügelland noch sein aufrührerisches Wesen trieb; und drittens, Gessi moralischen Beistand zu gewähren sowie ihm den nötigen Kriegsbedarf zukommen zu lassen.«
In größter Eile drang Gordon vorwärts nach Schekka. Durch Gluthitze bei Tag und empfindliche Kälte bei Nacht, über sandige Strecken und verdorrtes Gras trug sein Kamel ihn durch die wasserlose Wüste. Der Weg ging über Obeid, wo die Leute »sauer sahen, weil er Handel und Gewerbe durch Unterdrückung der Sklavenjagd beeinträchtigte.« Da und dort faßte er unterwegs Sklavenkarawanen ab, konnte die Händler aber nur durchpeitschen und ihnen die verbotene Ware abnehmen.
Persönlich hatte er »keinen sehnlicheren Wunsch, als sie zu erschießen,« -- es war lediglich das Gesetz,[11] das ihn daran verhinderte.
Auf einem nächtlichen Ritt in jener Zeit aber sah er einen Ausweg, den Greuel besser als bisher zu unterdrücken.
»Von gestern abend halb sieben bis halb vier diesen Morgen habe ich auf meinem Kamel gesessen. Und auf diesem langen Ritt zeigte sich mir eine Möglichkeit den Sklavenhandel zu vernichten, dadurch nämlich: 1) ~wer im Lande Darfur wohnt, muß eine Aufenthaltskarte haben~; 2) ~niemand darf das Land betreten oder es verlassen ohne Paß für sich und sein Gefolge~. Auf diese Weise kann niemand im Land verweilen, ohne seine Erwerbsquelle nachzuweisen, und niemand kann ohne Kenntnisnahme der Regierung darin umherreisen. Ein Zuwiderhandeln dieser Verordnung wird mit Gefängnis oder durch Beschlagnahme des Besitzes der Schuldigen bestraft.«
Er berichtete dies der Schwester als einen guten Nachtgedanken, den er aber nicht seinem eigenen klugen Kopf zuschrieb, denn es steht in Klammern daneben: »So aber jemand unter euch Weisheit mangelt, der bitte von Gott, der da giebt einfältiglich jedermann, und rückt es niemand auf.« Allerdings sieht er nur zu bald ein, daß sein Nachtgedanke zwar theoretisch gut, aber praktisch unausführbar ist; denn wer sollte der Paßanwendung Nachdruck verleihen? Am 8. April erreichte er Schekka, »diese Sündenhöhle.« »Das Entsetzen der Sklavenhändler« -- es waren ihrer mehrere hundert beisammen -- »war groß«.
Am Tage vorher hatte ihn die Nachricht von Gessis Erfolgen erreicht, dem um diese Zeit auch die ersehnte Verstärkung geworden war. Während Gordon in Schekka dem Greuel den Boden sozusagen unter den Füßen wegzog, errang Gessi in der Bahr el Ghasal neue Siege. Die armen Schwarzen wußten sich nicht zu fassen vor Glück! Ein Dorf ums andere wurde ihnen zurückerobert, und ihre grausamen Unterdrücker fanden die verdiente Strafe. Mehr als zehntausend jener Unglücklichen schenkte er ihre Heimat wieder. Einmal brachten seine Späher ihm acht Sklavenjäger ins Lager und mit ihnen achtundzwanzig zusammengekoppelte Kinder. Er ließ die Schurken sofort erschießen. Ein paar Tage später hängte er eine ganze Reihe derselben im Wald auf. Kein Tag verging, daß nicht ein Negerhäuptling kam und sich ihm mit Dankesthränen zu Füßen warf; jetzt endlich konnten sie's glauben, daß es eine Regierung gebe, der es obliege, sie zu schützen.
Am 1. Mai verließ er Dem Idris und suchte den Sohn Sebehrs in seinem eigenen Nest auf, das seinen Namen trug -- Dem (d. h. Stadt) Soliman. Der Überfall war in Plan und Ausführung ein so glänzender, daß der junge Bandit ums Haar in seine Hände gefallen wäre. Die Stadt wurde erobert, und die reichen Vorräte kamen Gessis Truppen sehr zu statten. Der Sohn Sebehrs aber war zu einem andern Sklavenjäger, einem der mächtigsten Rebellen, Namens Rabi, entkommen. Mit sechshundert Mann machte sich Gessi auf den Weg, ihn zu verfolgen. Durch das verwüstete Land, das nach Rache gegen den Feind schrie, drängte der Rächer. Der Hunger folgte ihm auf den Fersen, zog vor ihm her, er achtete es nicht. Er erreichte ein Dorf, das noch die Spuren der vor kurzem verschwundenen Einwohner trug; es war spät am Abend, er fand Obdach vor dem strömenden Regen, aber nicht eine Handvoll Durra. Da ging seinen Leuten der Mut aus. Mit Tagesanbruch rief er sie zusammen und sagte ihnen, daß er keine Nahrung für sie habe, daß aber der Feind nicht weit sei, und was sie ihm abjagen könnten, gehöre ihnen. Da feuerte der Hunger die Mannschaft an und weiter ging's im Sturmschritt. Sie kamen an Gräbern vorüber und scheuchten Raubvögel von ihrem Fraß auf, fanden unbeerdigte Leichen und frische Fußstapfen, dann Häuser und ein ausgestorbenes Dorf. Da stürzte ihnen ein weißes Weib mit aufgelöstem Haar und fast ohne Kleidung entgegen, sie trug ein Kind an der Brust, und ihr abgehärmtes Gesicht sprach von Schrecken und Jammer. Mit strömenden Thränen sank sie dem Anführer zu Füßen. Ihr Mann, ein ägyptischer Offizier, war bei dem Überfall von Dem Idris niedergemetzelt und sie als Beute entführt worden. Von ihr erfuhr Gessi auch, daß der Feind nicht weit war.
In den Häusern gab's wenigstens genug Durra, die ausgehungerten Soldaten zu sättigen. In der folgenden Nacht lagerten sie in einem dichten Wald; Kundschafter wurden ausgeschickt. Die brachten nach zwei Stunden Nachricht von weithin leuchtenden Wachtfeuern. Gessi hielt dafür, daß er auf eine Sklavenkarawane gestoßen sei, denn die Hauptbande vermutete er in einem noch entfernteren Dorfe. Er teilte seine Mannschaft in der Absicht, die Karawane zu umgehen und sich zuerst der Rebellen zu versichern; aber die eine Abteilung verfehlte ihren Weg und kam mit Sklavenhändlern ins Gemenge. Schüsse fielen, und in wenig Augenblicken war die Bande auseinandergesprengt. Einige Händler fielen ihnen in die Hände, und diesen wurden nun dieselben Ketten angelegt, unter denen eben noch ihre Opfer geseufzt hatten. Ihr Anführer war Abu Snep, einer der berüchtigtsten Sklavenhändler in der ganzen Bahr el Ghasal. Aber der Rebellenhaufe hatte die Schüsse vernommen, und plötzlich -- es war noch dunkle Nacht -- erleuchtete eine Feuersbrunst den Himmel; die flüchtigen Banditen hatten das Dorf angezündet, und als Gessi es in der Morgenfrühe erreichte, fand er einen rauchenden Trümmerhaufen. Nirgends eine Menschenseele, nur ein kleines Sklavenbübchen, das sich in der Verwirrung versteckt hatte. Das Kind berichtete, daß Soliman selbst keine vierundzwanzig Stunden vorher im Dorf gelagert hatte.
In der folgenden Nacht stellten sich sieben Männer in Gessis absichtlich nicht erleuchtetem Verhau ein, seine Truppen für die Bande Rabis haltend, die sie in der Nähe wußten; sie sagten, sie seien vom ~Sultan Idris~ entsandt, der alsbald hinterdrein käme und Rabi möchte ihn zum Anschluß erwarten. Gessi schickte durch einen der sieben die Antwort, daß er den Sultan da und da zu sehen hoffe. Die anderen sechs wurden zu Gast gebeten und sahen sich in kurzem als Gefangene.
Gessis Plan war alsbald entworfen; er beabsichtigte sich Rabis zu versichern und dann den nachkommenden Sultan Idris zu empfangen. In größter Eile ging's vorwärts. Mit Tagesanbruch überfiel er jenen in seinem Lager, vernichtete seine Horde, bemächtigte sich aller seiner Vorräte und seiner Flagge, und nur der Häuptling selber entkam durch die Schnelligkeit seines Pferdes. Dann, in der Richtung zurückfallend, wo er seinen »Verbündeten« wußte, ließ er sein Zelt aufschlagen und Rabis Standarte daneben pflanzen. Seine Leute legte er im Umkreis in Hinterhalt; darnach schickte er ein halb Dutzend Schwarzer aus, die wie von ungefähr dem Sultan in die Hände gerieten. Wem sie gehörten? war die Frage. Dem Rabi, lautete die Antwort, und sie wären auf der Jagd. Da sandte Idris sie zurück, um seine Ankunft binnen einer Stunde zu melden. Ein plötzlicher Sturmwind und Regenguß trieb ihn und seine Leute vorwärts, und Schutz suchend, lief die Bande im Durcheinander in die Falle. Da krachte ein Signalschuß und Musketenfeuer knatterte um sie her. So groß war ihre Verwirrung, daß nicht einer die Gegenwehr versuchte. Idris und etliche seiner Araber waren die einzigen, die entkamen, und das nur, weil sie sich im Wetter unter einen Baum geflüchtet hatten und dadurch etwas zurückgeblieben waren. Reiche Beute fiel in Gessis Hand. Er kehrte nach Dem Soliman zurück, das er vor neun Tagen verlassen hatte, seine Rückkehr glich einem Triumphzug. Die Sklavenhändler in der Umgegend schienen in alle Winde zerstreut. Das Volk hatte sich erhoben und die Flüchtigen mit Pfeil und Speer verfolgt. Die gefangenen Anführer brachte Gessi in Ketten mit sich, während die besiegte Mannschaft Lasten von erbeutetem Elfenbein hinter ihm herschleppte. In Dem Soliman fanden die Rächer eine wohlverdiente Ruhe.
Indessen hatte Gordon in Schekka mit den fast unbezwingbaren Schwierigkeiten seiner Verwaltung ritterlich weiter gekämpft. Auch um diese Zeit schrieb man ihm wieder von Kairo und begehrte zweihundertundvierzigtausend Mark aus dem Sudan. Er meldete zurück: »Wenn die zerlumpten Truppen hier Kleidung und Löhnung haben, dann kann man wieder davon reden.«
In Darfur fand er die alte Mißwirtschaft: »Ich verzweifle am ägyptischen Regiment!«[12] Immer wieder ist's ihm sonnenklar, daß das Hauptelend des Landes von der Gewinnsucht der Beamten ausgeht.
»Ich habe dem Khedive telegraphiert, den Sohn des Sultans Ibrahim herzuschicken (der in Kairo festgehalten wurde) und mit ihm die rechtmäßige Sultansfamilie hier wieder einzusetzen, denn mit diesem Diebspersonal von Beamten ist eine gerechte Regierung unmöglich.... Mich kennen die Leute von Darfur und haben Vertrauen zu mir ... ich werde dann dem Harun, der noch immer seine Ansprüche behauptet, schreiben, daß es ihn nichts nützt, länger gegen Ägypten und den rechtmäßigen Sultan aufkommen zu wollen, daß ich ihn angreifen könnte, daß das aber nur neues Elend übers Land bringen würde und ich ihn deshalb auffordere, mir zu helfen, Land und Leute für den jungen Sultan zu gewinnen.«
Es war immer wieder Gordons Politik, mit Großmut den Feind zu gewinnen, dem geschlagenen Feinde voran zum nächsten Siege zu eilen und den noch gegen ihn ankämpfenden aufzufordern, ~ihm zu helfen, zu thun, was recht ist~! Oft ist ihm diese wunderbare Taktik gelungen, manchmal auch nicht. Harun wollte nichts davon wissen. Wir werden später sehen, wie gerade an dieser hochherzigen Gewohnheit Gordons, Feinde zu seinen Mitarbeitern zu machen, die ihm entgegentretende Politik ihre Handhabe fand, ihn dem Verderben zu überlassen. Seine Großmut war oft zu gut für die Welt und darum ihr unverständlich; Krämerseelen nannten ihn einen Enthusiasten. Ja, es war der göttliche Enthusiasmus, der den Sünder für seine Sünde züchtigt, ihn selbst aber wieder aufrichtet, der den Saulus zu Boden schlägt und im Paulus sein Rüstzeug gewinnt.
Und wieder der Sklavenhandel:
»Gott ist mein Zeuge, wenn ich diesen Greuel vernichten könnte, ich ließe mich heute nacht noch erschießen; dies beweist wenigstens mein heißes Verlangen, aber ich mag kämpfen wie ich will, ich sehe wenig Hoffnung, dieses Übel zu bewältigen.«
In Stunden des Kleinmuts war ihm in dieser Zeit der erste Gedanke gekommen, sein Amt als Generalgouverneur niederzulegen, weil er fühlte, daß er das Land nicht so regieren konnte, wie es seinem eigenen Herzen genügte. Daran knüpfte sich für ihn die Frage: soll er, wenn er die glänzendere Würde niederlegt, sich nach Darfur zurückziehen und sein Leben dort opfern? Durch dauernde Anwesenheit in jenem Land, in dem das ganze Greuelwesen wurzelt, könnte er vielleicht das ersehnte Ziel erreichen. Manch einer (besonders wenn die Frage ihm nicht selbst gilt) möchte hier sagen, das ist ja ein schöner Beruf, für den man gern sterben könnte! Es ist auch nicht der Tod, den Gordon fürchtet, sondern die »lange Kreuzigung in diesem fürchterlichen Land.« Seine Körperkräfte sind geschwächt und der physische Mut gebricht ihm, solch ein Kreuz auf sich zu nehmen.
»In den Tod gehen, ja, aber ach! es wäre ein langes, langes Hinsterben, und ich vermag es nicht!«
Mittlerweile ist er rüstig wie immer, wenigstens das Beste zu thun, was in seiner Kraft steht.
»Diesen Abend wurden sieben eingefangene Händler mit dreiundzwanzig Sklaven vor mich gebracht; das Elend dieser letzteren war unsäglich -- es waren Kinder von kaum drei Jahren darunter, die durch diese Wüste hergetrieben worden sind, vor der es mir auf meinem Kamel bangt ... Ich höre, daß andere auf dem Weg sind, und manche von den armen Weibern haben nicht einen Fetzen, um sich zu decken. Wir haben in diesen neun Monaten wenigstens zweitausend abgefangen, und das ist wohl nicht der fünfte Teil der Karawanen, die hier durch sind. Und wie viele sind unterwegs umgekommen? ... Ich habe mit einigen Häuptlingen gesprochen, es ist trostlos zu hören, daß mehr als ein Drittel der Bewohner dieses Landes in die Sklaverei geschleppt worden ist ... Ich höre, daß Kalaka in großer Aufregung ist, seit mein Kommen in Aussicht steht. Ein Sklavenhändler dort soll einen Mann erschossen haben; ich werde ihn dafür erschießen lassen, wenn ich hinkomme. Ich werde wohl eine beträchtliche Anzahl dort wegfangen. Sie wissen sich nicht zu helfen, kein Schlupfwinkel ist mehr übrig, denn die Beduinen helfen mit.«
Diese notgedrungenen Freunde fingen eine Menge Händler weg, und die Sklaven liefen umher wie herrenlose Schafe, wurden auch immer wieder von Händlern aufgeschnappt, die sie gern als ihr Eigentum betrachteten. Die aufgegriffenen Sklavenhändler züchtigte Gordon stets nach dem -- zwar ungenügenden -- Gesetz; er ließ sie durchpeitschen und setzte sie, wo er konnte, hinter Schloß und Riegel.
Ehe er Schekka verließ, um nach Kalaka weiter zu ziehen, hörte er noch von Gessis namhaften Erfolgen. Die Straße nach Kalaka trug überall Spuren, daß die Händler des Weges gezogen waren. An manchen Orten bleichten Schädel und Menschenskelette zu Hunderten; hier und dort lagen die Schädel aufgehäuft, ein grauenhaftes Denkmal des entsetzlichen Handels. Wie viele Tausende von armen Schwarzen mochten da vorbeigetrieben worden sein! Man fragt sich, wohin sie nur alle geschleppt werden? Ein Teil wird als Dienstsklaven verwendet, besonders in den Küstenländern des Roten Meeres; die ganze mohammedanische Welt aber ist, teils offenkundig, teils heimlich, eine Empfangsstätte für Sklaven, meist Weiber und Kinder. Das Haremswesen verschlingt alljährlich eine große Anzahl. Im Blick auf dieses Endziel des schändlichen Handels möchte man fast sagen: es ist ein Glück, daß die meisten unterwegs erliegen! In Kalaka hob er ein ganzes Nest von Händlern aus und wenigstens tausend Sklaven, welch letztere er den eingebornen Stämmen überlassen mußte. Und weiter ging's durch die Wüste nach Darra, nach Fascher und Kobeh an der obersten Grenze des Landes. Was für Reisen! Er sagte einmal in jener Zeit: nur kraft seines Kamels sei er einigermaßen Herr im Land. Auf dem Weg nach Kolkol an der äußersten Nordwestgrenze wurde er mit seiner Schar von etwa hundertundfünfzig Banditen überfallen und mehrere Stunden lang ging es ihm mit seinen Leuten »hinderlich«, wie er sagte; aber schließlich zogen die Räuber, die »seine Kamele und seine Sachen« wollten, den kürzeren. In Kolkol angekommen, hatte er die Länge und Breite der ägyptischen Herrschaft durchreist. Er faßt seine Eindrücke in die Worte zusammen: »Das Elend dieser verkommenen Länder ist unsäglich -- die Regierung selbst hat sie in eine Wüstenei verwandelt.« Kolkol nannte er ein Gefängnis; es hatte seit zwei Jahren niemand den Weg dahin gefunden. Die Garnison war in entsetzlichem Zustand. Aus diesem verlassenen Nest sandte er eine ganze Bande hilfloser Besatzung nach Khartum, vierhundert Araber mit Weibern und Kindern. Von dieser äußersten Grenze des Elends trat er den Rückweg nach Khartum an, zunächst über Fascher, Omschanga und Tuescha. Während seiner kurzen Abwesenheit hatten sich die Banditen wieder in Schekka gesammelt und von dort sich ins Innere des Landes geschlagen. Obschon er auf diesem Zuge mehrere tausend Sklaven weggefangen und viele Händler bestraft hatte, so stand der greuliche Betrieb doch alsbald wieder in Blüte.
»Es ist anzunehmen, daß in diesen zwei Jahren allwöchentlich etwa 600 Sklaven hier durch sind! Während meiner Amtszeit! Habe ich da Ursache stolz zu sein?«
Bei dem vorhandenen Wassermangel war das Elend der Ärmsten oft über alle Beschreibung; und meist konnte er mit den Befreiten nichts anfangen, als sie den Eingebornen überlassen. So ging's auch mit ein paar hundert Sklaven, die er in und um Tuescha aufgegriffen hatte. Er ließ sie vor sich kommen und sagte ihnen, daß er keine Möglichkeit hätte, sie in ihre Heimat zurückzuschaffen, daß sie aber jetzt frei wären. Sie waren alle damit einverstanden, sich den Leuten dort anzuschließen. Drei schwarze Weiber wurden vor ihn gebracht, um über die Händler ausgefragt zu werden, und als Beweis, daß selbst im größten Elend die Eitelkeit oft oben auf ist, erzählt er, daß eine derselben sorgfältig eine Ecke des schmutzigen Fetzens aufknöpfte, den sie als Kleidungsstück um sich gewickelt hatte, und etliche Glasperlen daraus zum Vorschein brachte; die hing sie sich um den Hals und guckte dann um so zufriedener in die Welt. Aber von anderen, besonders von einem kaum vierjährigen Bübchen sagt er, daß das Lachen ein Ding sei, das ihn nie ankäme, die Bitterkeit seines jungen Lebens sei zu groß!
In Tuescha sah er Gessi wieder, der ihm um Jahre gealtert schien; vielleicht konnte Gessi dasselbe von ihm sagen. Wie wir gesehen haben, hatte Gessi dem Räubervolk in der Bahr el Ghasal tüchtige Schläge versetzt und nebenbei reiche Ladungen an Elfenbein erobert. Nur Soliman selbst war ihm bis jetzt noch immer entkommen; doch waren seine Tage gezählt! Gordon belohnte den heldenmütigen Italiener, indem er ihn zum Pascha der Osmanlie zweiter Klasse ernannte und ihm vierzigtausend Mark dazu schenkte. Während er selbst nach Khartum zurückkehrte, wandte sich der neue Pascha wieder seinem Kampfgebiet zu. Schon nach wenigen Tagen brachte ein Überläufer ihm die Nachricht, daß Soliman im Schild führe, sich mit Harun zu vereinigen. Alsbald machte er sich auf, dies zu verhindern. Der Sohn Sebehrs versuchte sein Heil in der Flucht in der Richtung von Gebel Marah, einem schwierigen und wenig bekannten Hügelland. Neunhundert seines Gesindels waren mit ihm: Rabi mit siebenhundert entrann auf andern Wegen. Gessi, der seine Streitkräfte noch nicht zusammengezogen hatte, konnte mit nur zweihundertundneunzig Mann zur Verfolgung sich aufmachen; aber diese waren wohlbewaffnet und durch die unlängst errungenen Siege innerlich gehoben. Durch einen mit bewundernswerter Kühnheit ausgeführten Eilmarsch überraschte er Soliman und die Seinen in einem Dorf Namens Gara zu früher Morgenstunde im Schlaf. Drei Tage und drei Nächte hatte der unaufhaltsame Pascha sich und seiner Schar kaum Ruhe gegönnt und dem Feind auf Querpfaden den Weg abgeschnitten. Wie manches friedliche Dorf hatte die ruchlose Horde Solimans auf ähnliche Weise zur Nachtzeit überfallen! Wie manche Wohnstätte hatten sie mit Feuer verwüstet und die nichts ahnenden Bewohner mit sich geschleppt! Das Blut war in Strömen geflossen, und viele Tausende von Menschen waren durch sie dem Elend der Sklaverei verfallen. Jetzt war die Stunde der Rache gekommen.