Part 17
Mit seiner geringen Streitmacht wagte Gessi es nicht, das Dorf zu umstellen. Er wagte es nicht einmal, sie dem Feind zu zeigen, sondern hielt sie im Wald zurück, um jenen über die Anzahl zu täuschen. Dem Soliman gab er zehn Minuten Bedenkzeit, die Waffen zu strecken; ergebe er sich in der kurzen Frist nicht, so habe er keine Gnade zu erwarten. Die schlaftrunkene Bande glaubte sich von Gessis ganzer Streitkraft umringt und ergab sich im Schrecken der Überraschung. Einige der Sklavenhändler hatten sich beim ersten Alarm in den Wald geflüchtet, die meisten aber, unter ihnen Soliman selbst, gehorchten dem Befehl und legten ihre Waffen nieder. Als der Sohn Sebehrs entdeckte, mit wie wenig Leuten Gessi ihn überwältigt hatte, erfaßte ihn ein wilder Ingrimm. »War das eure ganze Anzahl?« schrie er. »Sie genügte!« entgegnete ihm Gessi kaltblütig. Da brach jener in Zornesthränen aus -- »wäre mein Vater hier gewesen, wir wären nie erlegen! Es sind ihrer nur dreihundert, und ihr (seine Häuptlinge) meintet, es wären dreitausend!«
Den Tag über ließ Gessi sie im Dorf bewachen und sie verhielten sich ruhig; als es aber dunkel wurde, schien Leben über sie zu kommen, und er vermutete, daß Botschaft zwischen ihnen und ihren entlaufenen Gefährten hin- und hergehe. Sie planten ein Entkommen in der Nacht, in der Hoffnung, ihren Verbündeten Abdulgassin zu erreichen, der mit seiner Bande nicht allzuweit entfernt war. Gessi entdeckte die Pferde seiner Gefangenen, die gesattelt bereit standen. »Nun,« schrieb er, »sah ich, daß die Zeit gekommen war, diese Schurken ein für allemal unschädlich zu machen.« Er traf eine Auswahl. Ihren bewaffneten Sklaven war er erbötig Leben und Freiheit zu schenken, wenn sie zu ihren Stämmen zurückkehren wollten. Dazu waren sie mehr als bereit und er ließ sie unter dem Geleite seiner Mannschaft ziehen. Die kleineren Sklavenhändler, etwa hundertfünfzig an der Zahl, machte er zu Gefangenen. Die Haupträdelsführer aber, d. h. Soliman und zehn andere, wurden erschossen. Dazu hatte er Gordons Vollmacht. Zwei Jahre vorher in der »Höhle Adullam« hatte dieser sie gewarnt, daß sie die Sklavenjagd mit ihrem Leben würden büßen müssen, sofern sie nicht davon abließen. Sie hatten die Warnung in den Wind geschlagen, und nun war das Maß ihrer Bosheit voll. Keiner zeigte Reue. Dem Sohn Sebehrs schien der Mut zu entfallen, denn er sank vor dem Schuß zu Boden; ein anderer vergoß Thränen; die übrigen aber gingen ohne Spur von Rührung in den Tod. Auf diese Nachricht versprengte der Schrecken Abdulgassins Horde und auch Rabi mit den Seinen floh.
Damit war der Sklavenhandel für den Augenblick aufs Haupt geschlagen, und da die Eingebornen sich nun auch allerwärts gegen ihre Bedrücker erhoben, so fanden die flüchtigen Händler nirgends einen Schlupfwinkel. Abdulgassin, die Hyäne dieses Landes, der ganze Dörfer entvölkert hatte, wurde später eingefangen und erschossen. Rabi entkam -- wohin wußte niemand. Nun war Friede und eine Zeit der Ruhe kam über die gequälten Neger, die sich in ihren Heimstätten wieder ansiedeln konnten; sie wußten ihrer Freude kein Ende, schrieb Gessi.
So wurde die Macht Sebehrs in seinem Sohne gebrochen, aber noch war er selber unbestraft. Der schwarze Pascha war ein König gewesen, der mächtigste aller Sklavenhändler in der Welt. Weithin, bis ins Innere von Afrika hinein, hatte er seine festen Plätze und Raubhöhlen; ganze Länder hatte er verwüstet, wo vorher die schwarzen Stämme in verhältnismäßigem Wohlstand ihr Naturleben führten. Mit fürstlichem Glanz hatte der greuliche Menschenräuber im Lande geherrscht; aus einem Strom von Thränen und Blut war sein Reichtum gewonnen worden, und nun war der Strom versiegt. Ihm selbst schien der verdiente Lohn zu werden; denn unter dem Nachlaß seines Sohnes fanden sich Briefe von seiner Hand, die ihn als den Anstifter des ganzen Aufstandes verrieten. Er wurde in Kairo vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. »Es wird ihm nichts geschehen,« sagte Gordon, als er's vernahm; und so war es! Er blieb nicht nur am Leben, sondern wurde sogar eines Gnadengehaltes für würdig erachtet. Warum? muß ein Rätsel bleiben. Der abgesetzte König der Sklavenhändler wurde nach wie vor in Kairo festgehalten und hat seine zweitausend Mark monatlich aus der vizeköniglichen Kasse bezogen! Die verkehrte Schwäche, die ihm das Leben schenkte, hat viel dazu beigetragen, daß Gordons und Gessis glänzende Erfolge den greulichen Menschenhandel im Sudan zwar zu unterdrücken, aber nicht auszurotten vermochten. Sebehr war und blieb eine Macht der Finsternis, und die Schlußszene von Gordons Lebensdrama, die tieftragische, ist zweifelsohne mit sein Werk.
4. Als Gesandter in Abessinien.
Auf dem Rückweg nach Khartum erfuhr Gordon in Fodja, daß Gessi den Soliman und seine Genossen überwältigt und erschossen hatte. Er selbst hatte dem Sklavenhandel in Darfur mehr wie einen empfindlichen Schlag versetzt. Zwar war er zu der Überzeugung gekommen, daß eine völlige Vernichtung des Unwesens ein Ding der Unmöglichkeit war, insolange nämlich als die ägyptische Regierung nicht von Grund aus eine andere würde; aber für den Augenblick lag der Greuel am Boden und das gequälte Land atmete auf. In Fodja erreichte ihn auch die zweite Nachricht, daß die seit Monaten drohende Umwälzung in Kairo stattgefunden und daß Ismail zu Gunsten seines Sohnes Thewfik abgedankt hatte. Es lag ihm ob, den Regierungsantritt des neuen Khedive in den Sudanländern zu verkündigen.
»Es ließ mich kühl,« sagte Gordon, »ich telegraphierte an die verschiedenen Unterstatthalter und quittierte dem Cherif Pascha den Empfang der Anzeige -- damit begnügte ich mich.«
Ismails Glückswechsel ließ ihn übrigens nicht kalt, er nahm aufrichtigen Anteil an seiner Demütigung, obschon er seine Politik öfters beklagt, ja getadelt hatte. Die Veränderungen in Kairo, welche mit dem neuen Khedive die dem Sklavenhandel freundlichen Pascha wieder ans Ruder brachten, bestärkten ihn aber ohne Zweifel in seinem bereits gefaßten Vorsatz, sein Amt niederzulegen. Er hatte das übernommene Werk vollbracht, so weit es ihm möglich schien; die Würde an sich hatte keinen Reiz für ihn. Mit diesen Gedanken kehrte er nach Khartum zurück.
Um diese Zeit erhielt er einen Brief von seinem alten Freunde, dem Gouverneur Li in China, folgenden Inhalts:
»Sehr freute es mich von Ihnen zu hören. Es sind vierzehn Jahre, seit wir uns trennten, und wenn ich Ihnen auch bisher nicht geschrieben habe, so spreche ich doch oft von Ihnen und gedenke Ihrer mit großer Teilnahme. Die Wohlthaten, die Sie China erwiesen haben, verschwanden nicht mit Ihrer Person, sondern sind jetzt noch in den Gegenden fühlbar, in denen Sie eine so wichtige und thatkräftige Rolle spielten. Das Volk segnet Sie um des Friedens und des Gedeihens willen, dessen es sich seither erfreute. Ihre Erfolge in Ägypten sind durch die Welt erschollen; ich lese oft in den Zeitungen von Ihrem edlen Werk am obern Nil. Sie sind ein Mann, der sich stets zu helfen weiß, in was für Lagen Sie sich auch befinden. Ich hoffe, daß Ihnen ein langes Leben geschenkt werde, denn Sie verbreiten Segen um sich her, wohin auch immer Ihr Beruf Sie führt. Ich lasse es mir ernstlich angelegen sein, mein Volk auf eine höhere Stufe zu bringen und dieses Land mit andern Ländern innerhalb der »vier Meere« in einem Bruderbündnis zu vereinigen. Ich beantworte Ihre Fragen: -- Kwoh Sung Ling hat sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen und erfreut sich der Ruhe. Jang Ta Jen ist schon lang gestorben. Dem Sohn des Na Wang geht es gut, er ist Regimentsoberst mit fünfhundert Leuten unter ihm. Die Pataschau-Brücke, die Sie teilweise zerstörten, ist bald nach Ihrer Abreise wieder aufgebaut worden und ist in recht gutem Zustand. -- Kwoh Ta Jen, der chinesische Minister, schrieb mir, daß er die Freude hatte, Sie in London zu sehen. Ich wollte, ich wäre auch dabei gewesen; aber die Pflichten dieses Lebens führen die verschiedenen Menschen in verschiedene Teile der Welt und es ist eine weise Einrichtung der Vorsehung, daß wir nicht alle am selben Orte sind. Ihnen Glück und Segen wünschend meinen Gruß.«
An diesem Brief des alten Chinesen kann man nur seine Freude haben; steht es doch nicht bloß ~zwischen~ den Zeilen zu lesen, daß Gordons Werk dort ein bleibendes war.
Gordon verließ Khartum Ende Juli und erreichte Kairo am 23. August. Acht Tage später begab er sich als außerordentlicher Gesandter zum König von Abessinien. Thewfik setzte offenbar Vertrauen in ihn, obschon er halb und halb gefürchtet hatte, daß Gordon beabsichtige, sich als Sultan im Sudan aufzuwerfen. »Das würde unser einem aber doch nicht passen,« meinte Gordon. Seine abessinische Reise bezog sich auf die alten Wirren. Mit ihm ging sein schwarzer Schreiber Berzati Bey, der in seinem Dienst stand seit er jenen anderen der Bestechlichkeit wegen entlassen hatte und dem er nachrühmte, daß er die unschätzbare Eigenschaft besessen habe, es ihn wissen zu lassen, wenn er anderer Meinung war als er. Dieser Berzati stammte aus einer alten muselmännischen, in Khartum ansässigen Familie. Als Schüler eines namhaften Gelehrten dieser Stadt erlangte er eine tüchtige Bildung. Die Geschichte des Landes kannte er von Grund aus und verstand sich auf verschiedene Geheimschriften. »Er war in diesen drei Jahren mein bester Freund,« sagt Gordon, »obwohl wir manchmal hintereinander gerieten. Ich verdanke ihm viel; denn ob er zwar ein guter Patriot und fester Muselman war, riet er mir doch stets ehrlich zum Besten des Volkes .... Er hat übrigens seine Last -- vier Weiber; hat mancher doch an ~einer~ genug. Ein paar Männer wie Berzati Bey könnten Ägypten aufhelfen; aber solche sind selten. Spötter nennen ihn den ›schwarzen Gnomen.‹«
Die Abessinier hatten das Grenzland Bogos inne. Am 11. September 1879 machte sich Gordon von Massaua zu einer Zusammenkunft mit dem in Gura lagernden Alula auf den Weg. Unterwegs schrieb Gordon:
»Wir sind einer Karawane begegnet, die von Gura kommt ... Sie brachte die Bestätigung der Nachricht, daß Alula auf des Königs Befehl den Walad el Michael und alle seine Offiziere gefangen genommen habe, und daß Walads Sohn, Metfin, erschlagen sei. In Massaua traf mich die Kunde, daß Abdulgassin, der letzte der Anführer von Sebehrs Banditen, eingefangen und auf meinen Befehl erschossen worden sei. Er war jener Schurke, der einen Negerknaben umbrachte und in dessen Blut seine Flagge tauchte. (Bei der Einnahme von Dem Idris, um den Himmel günstig zu stimmen!) So giebt's immer mehr Lücken in meiner Fürbitte für die Feinde. Sebehrs Anführer und Walads Sohn, sie waren alle in mein Gebet eingeschlossen. Ich gestehe, ich bin dieses Leben müde, es wäre mir kein Kummer, wenn Walads Bande mir unterwegs auflauerte.«
Wie charakteristisch ist dieser Brief für den Schreiber! Als Soldat giebt er den Schurken ihren verdienten Lohn, er läßt sie erschießen; als Christ hat er es nie unterlassen, sie mit Namen in seiner Fürbitte vor Gott zu bringen!
Gordon litt auf dieser Reise viel von der Hitze. Er nennt sich einen Hiob voll Schwären. Aber wenn auch der Körper schwach ist, seine Aufgabe führt er durch und entwirft sich seine Pläne auf dem Ritt durch die Wüste.
»Ich bin entschlossen, entweder mit oder ohne des Königs Hilfe mit Walad und seinen Leuten fertig zu werden und dann mit Johannes selbst ins reine zu kommen.«
Unter Hilfe verstand er nicht Waffen, sondern ein Versprechen, daß Walads Truppen, wenn sie Bogos räumten, eine Zuflucht gewährt werde. Wo Barmherzigkeit am Platze war, unterließ er es gewiß nicht, darauf hinzuarbeiten! Er erreichte Gura halbtot von seinem Wüstenritt und vernahm, daß Alulas Lager auf einem steilen Berg sich befand, und weil sein Lasttier erschöpft war, so erstieg er die Höhe mühsam zu Fuß. Er fand den abessinischen Befehlshaber in einem niedern, langen Gezelt von Baumzweigen, an dessen oberem Ende Alula auf einem Diwan saß, wie eine Mumie in weiße Tücher gewickelt, die nur die Nase sichtbar ließen.
»Feierliche Stille herrschte; und alle Anwesenden waren gleich ihm vermummt, als ob meine Nähe sie vergiften könnte. Die Figur auf dem Diwan regte sich nicht, und war wirklich so eingewickelt, daß mich ein Verlangen ankam, dem Mann nach dem Puls zu fühlen. Der Mensch muß krank sein, dachte ich. Durchaus nicht -- es war Freund Alula!«
Und Gordon sah, als Alula nach einiger Zeit die weiße Hülle etwas fallen ließ, daß er ein ganz kräftiger, sogar hübscher junger Mann von etwa dreißig Jahren war. Auch den andern schien nach und nach die Furcht vor Gift zu vergehen. Gordon fand die Audienz aber tödlich langweilig, denn Alula schien ihm durch Schweigen imponieren zu wollen. Nach langer Pause gestattete er ihm zu rauchen, was eine besondere Vergünstigung war, indem der König einen Befehl erlassen hatte, allen Rauchern die Nase abzuschneiden. Gordon lehnte es ab und betrachtete sich einstweilen die Priester, die den Hofstaat vervollständigten. Viel erreicht wurde bei dieser Gelegenheit darum nicht, weil Alula vorläufig nur den einen Zweck verfolgte, dem Gesandten mit wenig Höflichkeit zu begegnen. Ägypten hatte Abessinien schlecht behandelt, Gordon wußte sich daher über den unmanierlichen Empfang zu trösten.
»Bei der nächsten Audienz aber werde ich meinen sudanischen Thronsessel mitbringen, sowie einen geeigneten Sitz für den schwarzen Gnomen.«
Als Alula jedoch verlangte, daß der Gesandte am Fuße des Berges kampiere und täglich zu ihm hinaufklettere, schlug ihm Gordon dies rundweg ab; das wisse er im voraus, daß er in diesem Falle dann stets schlechter Laune zur Audienz kommen würde, was den Verhandlungen gewiß schädlich wäre. Alula gab dies zu und ließ ihm ein Zelt neben sich aufschlagen. Als ägyptischer Gesandter war Gordon in der Feldmarschallsuniform. Die Audienzen führten zu dem Beschluß, daß Gordon zum König Johannes selbst reisen sollte und daß Alula bis auf weiteres sich der Feindseligkeiten zu enthalten versprach.
Der König befand sich in Debra Tabor bei Gondar, zwölf Tagereisen von Gura entfernt. Aber geduldig wie immer, wenn's Arbeit gab, machte Gordon sich auf den Weg durch ein entsetzliches Land und über die steilsten Berge »über die Kruste des Erdballs hinschleichend.« Bei Adowa kam er an der Bergeinöde vorüber, in der Walad el Michael festgehalten wurde.
»Die Abessinier setzen ihre Staatsgefangenen nämlich auf unzugängliche Berge, die Amba genannt werden. Es giebt deren drei verschiedene Arten: erstens solche, die so steil sind, daß der Gefangene in einem Korb durch einen Flaschenzug hinaufgeschafft wird; zweitens, andere, die durch einen einzigen Fußweg zugänglich sind; und drittens solche, deren Höhe auf zwei oder drei Wegen erreicht werden kann. Auf diesen Amba befindet sich kultivierbares Feld und auch Wasser. Ein Gefangener kann da existieren und in Vergessenheit seine Sünden bereuen, bis eine neue Revolution ihn vielleicht auf den Thron setzt.«
Unterwegs vernahm Gordon, daß ein aufrührerischer Häuptling ihn zu überfallen gedenke, aber trotzdem gelangte er ungefährdet nach Debra Tabor. Der König selbst gab zu, daß er auf den denkbar schlechtesten Wegen zu ihm geführt worden war. Gordon schloß daraus, daß Alula den Gesandten auf diese liebenswürdige Weise von der Unwegsamkeit des Landes zu überzeugen hoffte, damit dieser Ägypten von etwaigen Kriegsgedanken zu heilen vermöchte.
Als er den abessinischen Hof erreichte, wurde er alsbald vorgelassen. Der König saß auf seinem Thron, neben ihm stand Ras Arya, sein Vater, der Itagé oder Hohepriester, und ein Stuhl war für den Gesandten hingestellt. Da ertönten Kanonenschüsse, »das ist Ihnen zu Ehren,« erklärte der König und bedeutete ihm alsbald, er sei entlassen. Ein paar erbärmliche, halbfertige Hütten waren das Gesandtschaftsquartier. Bei Tagesanbruch erscholl das Psalmensingen, das Gordon in Alulas Lager früher schon vernommen hatte.
Von dieser Audienz hat außerdem folgendes verlautet. Der König saß auf seinem Thronsessel, und der für den Gesandten bestimmte Stuhl stand auf niederer Stufe in ziemlicher Entfernung; Gordon hatte den Stuhl genommen und sich in die Nähe des Königs gesetzt, um ihm begreiflich zu machen, daß er als Ägyptens Vertreter von der abessinischen Majestät nicht allzu geringschätzig zu behandeln sei. Da fuhr der König ihn an: »Wissen Sie nicht, Gordon Pascha, daß ich Sie dafür auf der Stelle hinrichten lassen kann?« »Gewiß,« sagte Gordon, »ich bin auch bereit dazu, wenn es des Königs Wille ist.« »Was -- bereit zu sterben?« rief Johannes entsetzt. »Ich bin immer bereit,« entgegnete der Pascha ruhig; »der König würde mir durch einen gewaltsamen Tod sogar einen Dienst erweisen, den meine Religion mir selbst nicht gestattet, indem ich dadurch von aller Not erlöst würde, welche die Zukunft mir noch bringen kann.« Da erblaßte Johannes vor Entsetzen. »Dann hat meine Gewalt keine Schrecken für Sie?!« stammelte er. »Durchaus keine,« war die kurze Antwort. Worauf der König: »Sie sind entlassen!«
Die Verhandlungen waren ganz unbefriedigender Natur und mitten darin erklärte Johannes, er müsse sie abbrechen und Gesundbrunnen trinken, »ganz +à la mode+,« sagt Gordon; »der Brunnen sprudelt durch ein Bambusrohr in einer alten Hütte.« Auch dort wurde nichts weiter erreicht. Johannes hatte vielerlei Begehren: Bogos, Massaua und andere Städte, dann einen Abuna[13] (Erzbischof) und zwanzig bis vierzig Millionen Mark, wollte aber seinerseits lediglich nichts einräumen. Gordon versprach den Abuna, indem er seinen Privateinfluß geltend machen wolle, aber Bogos und sonstige Ländereien werde Ägypten nicht abtreten. Er wahrte die ihm anvertrauten Interessen und betrachtete sich lediglich als des Khedive Sendboten. Johannes glaubte ihm in persönlicher Weise beikommen zu können. »Sie sind ein Engländer und ein Christ,« sagte er, worauf ihm Gordon rasch entgegnete: »Hier bin ich ein Ägypter und Muselmann.« Als der Gesandte seine Bitten zu Gunsten der Soldaten vorbrachte, wurde Johannes zornig und hieß ihn seiner Wege gehen. Einen Brief an den Khedive werde er ihm nachschicken.
Und so begab sich Gordon auf den Rückweg. Der Brief wurde ihm auch nachgesandt; er lautete folgendermaßen: »Ich habe das Schreiben erhalten, das Sie mir durch ~jenen Menschen~ sandten; ich will keinen geheimen Frieden mit Ihnen schließen. Wollen Sie Frieden, so wenden Sie sich an die Sultane von Europa.« Auf dem Rückweg wurde Gordon, sei es mit, sei es ohne des Königs besonderen Befehl, von dessen Vater mit hundert und zwanzig Abessiniern überfallen und gefangen genommen. Mehrere Tage lang wurde er im Lande hin- und hergeschleppt und mußte sich viel Widerwärtigkeiten gefallen lassen. Geld erwies sich als den Schlüssel, der ihn schließlich durchließ; es kostete ihn achtundzwanzigtausend Mark, Massaua zu erreichen.
»Das durchgemachte Elend lasse ich unbeschrieben,« sagt Gordon, »Gottlob, es ist vorüber. Zwischen zwei Abessiniern zu schlafen, ist kein Vergnügen, und so verbrachte ich meine letzte Nacht in diesem Land.«
Den König Johannes schildert Gordon als einen grausamen, halbverrückten Menschen.
So endete diese ganz nutzlose Mission, und Gordon kehrte nach Ägypten zurück. Auch in diesem Jahre (1879) lagen über dreitausend Kilometer Kamelritt hinter ihm und zwölfhundert hatte er in Abessinien auf Maultieren zurückgelegt. In den drei Jahren seiner Oberstatthalterschaft beliefen sich seine Kamelreisen auf etwa vierzehntausend Kilometer. Abgesehen von den Schwierigkeiten, dem neuen Khedive zu dienen, war es Zeit, daß er sein Amt niederlegte; der britische Konsulatsarzt in Kairo fand seine Nervenkraft erschöpft und ihn auch sonst leidend; die körperliche Übermüdung, die vielen Sorgen und die ungenügende Nahrung der letzten drei Jahre hatten selbst einer eisernen Gesundheit, wie der seinigen zugesetzt. Er sollte nach England zurückkehren und ruhen. Der Abschied von Kairo war kein angenehmer; es gab noch Verhandlungen mit den Pascha, denen er stets die Wahrheit sagte. Aber er konnte Ägypten nicht anders machen als es war; einem der Pascha schickte er zu guterletzt noch telegraphisch das Wort: »Mene Mene Tekel Upharsin«, und dann schiffte er sich nach England ein. Mochten die Pascha denken was sie wollten, die Wünsche von Tausenden geleiteten ihn. Im Sudan blieb er dem Volk in dankbarer Erinnerung als ~der gute~ Pascha. So lang er da war, waltete Gerechtigkeit im Land; als er fort war, wußten es die Unterdrückten nur zu gut, was sie an ihm verloren hatten.
Sechstes Buch.
Zwischenzeit.
Gordon sollte in England der Ruhe pflegen. Das war leichter gesagt, als gethan. Energischen Naturen ist oft nichts eine größere Last als das Nichtsthun. Gordons Erholungszeit war eine kurze. England empfing seinen Helden mit Genugthuung, die Presse sprach von ihm als dem »ungekrönten König«. Man wußte von seinem heroischen Kampf gegen den Sklavenhandel, man bewunderte den unscheinbaren bescheidenen Mann, der waffenlos das Werk einer Armee vollbracht, den Held von Gottes Gnaden; man ärgerte sich über den Khedive, der seinen besten Diener so wenig zu schätzen wußte, und man sagte sich, daß wenn ausländische Einflüsse sich nicht geltend machten, der Sklavenhandel alsbald aufs neue erblühen werde, da Gordon Afrika den Rücken gewandt habe. Daß nicht viele Jahre vergingen, ehe das Land in schlimmerer Lage war als vorher, ist eine bekannte Thatsache.
Im Grunde aber kannte England seinen Helden doch nicht; erst seit es ihn verloren, hat das Land ihn wirklich schätzen lernen. Daß man seiner in englischen Diensten nicht zu bedürfen schien, ist erklärlich, wenn man bedenkt, was für ein Mann er war. Seine Stärke lag in dem Glauben, der Berge versetzt; höheren Orts mochte er als eine Art Fanatiker gelten, der nicht überall zu brauchen war: Paule, du rasest! Auch bei seiner diesmaligen Anwesenheit in England ging Gordon geflissentlich allen Ehren aus dem Wege; mit wahrer Kriegslist soll er die Leute umgangen haben, die ihn gern eingeladen und zum großen Mann gemacht hätten. Er verbrachte mehrere Wochen mit den Seinen und zog sich dann (im Winter 1880) nach Lausanne zurück. Einen Sohn seines kurz vorher verstorbenen Bruders nahm er mit sich.
Ein englischer Geistlicher, der ihn daselbst kennen lernte, beschreibt ihn folgendermaßen: »Der Fremde war von nur mittlerer Größe und wohl gebaut; sein Gesicht von tiefen Linien durchfurcht; seine schöne breite Stirn und ein sehr entschlossener Mund schienen auf ungewöhnlichen Ernst des Denkens, sowie auf praktischen Verstand zu deuten. Er schien beides, sanft und stark; eine gewisse Weichheit lag in seiner wohllautenden kraftvollen Stimme und sprach aus seinen ausdrucksvollen blauen Augen. Nach einiger Zeit redete er mich an, und da ich leidend war, so erbot er sich mir zur Begleitung auf kurzen Spaziergängen. Unsere Unterhaltung wandte sich bald auf Dinge des Glaubens, und die Unmittelbarkeit, die Einfachheit und der tiefe Ernst, mit dem er sich darüber aussprach, machte einen großen Eindruck auf mich.« Mehrere Tage vergingen und sein neuer Freund erfuhr zwar seinen Namen, hatte aber keine Ahnung, daß er es mit dem Gordon Chinas und des Sudans zu thun habe. Weder sein Gespräch, noch sein Aussehen verriet es. Als der Geistliche eines Tages in sein Zimmer trat, fand er ihn über arabischen Dokumenten. »Das sind Todesurteile,« sagte Gordon aufsehend. »Todesurteile! ei, wer sind Sie denn?« rief der Geistliche fast entsetzt. »Wissen Sie das nicht?« entgegnete er ruhig; »ich war Generalgouverneur vom Sudan, und bin es noch dem Namen nach; indem ich nun diese Schriftstücke unterzeichne, ist's damit zu Ende.« Gordon stand damals in seinem achtundvierzigsten Jahr.