Part 15
»Die Leute in Senheit waren so furchtsam, daß ich beschloß, mich in Gottes Hand zu stellen und hierher zu reiten. Der Weg über zwei Berge war über alle Beschreibung; den zweiten zu übersteigen war eine entsetzliche Arbeit. Walad el Michael und seine Banditen lagen auf einem hohen Berg. Er hat volle siebentausend Mann bei sich, die alle bewehrt sind. Sie standen in Reih und Glied, um mich zu empfangen, und sein Sohn kam mir entgegen. Michael, hieß es, sei krank, oder gab vor es zu sein. Darnach begrüßte mich ein Trupp Priester mit heiligen Bildern. Michael empfing mich liegend -- er habe ein böses Knie; aber die Leute zu Senheit sagen, es wäre nicht wahr. Dann führte man mich in mein Zelt, und ich muß sagen, ich gedachte der Löwengrube. Wir waren miteinander in einer zehn Fuß hohen Umzäunung eingesperrt. Ich wurde zornig, denn ich sah wohl, was meine Leute (zehn Soldaten) davon hielten. Ich wandte mich an den Dolmetscher und sagte ihm, daß wenn Michael vorhabe, mich als Gefangenen zu betrachten, es ihm frei stünde, daß er es aber würde büßen müssen. Das war Kleinglaube von mir, dies zu sagen! Der Dolmetscher und Michaels Sohn waren indessen so überaus höflich und voller Entschuldigungen, daß ich vorläufig wohl noch kein Gefangener bin. Ich erläuterte meine Bemerkung dahin, daß wenn es in Senheit bekannt würde, wie man mich hier logiere, man dort allerdings für meine Sicherheit fürchten müßte, und der Telegraph würde solches nach Kairo melden.«
Die Nacht verlief ungestört, abgesehen von quälenden Flöhen, welches Ungeziefer in jenen Himmelsstrichen nur in hoher Bergluft gedeiht. In der Morgenfrühe sammelten sich die Priester um des Gastes Gefängnis her und sangen ihre Hymnen -- »wahrscheinlich um den bösen Geist zu bannen,« meinte Gordon. In einem späteren Brief heißt es übrigens:
»Die Priester (in Abessinien) versammeln sich morgens um drei Uhr und singen eine Stunde lang in eigentümlich melodischer Weise davidische Psalmen. Es hat für den aus dem Schlaf erwachenden Hörer etwas tief Ergreifendes.«
Am folgenden Tag hatte er eine Unterredung mit Walad und machte ihm den Vorschlag, beim König von Abessinien um Pardon einzukommen. Der »Patient« wies dies energisch von sich und meinte im Gegenteil, die ägyptische Regierung thäte wohl daran, ihm weitere Distrikte (zum Plündern) zu überlassen; auch erklärte er sich bereit, die abessinische Stadt Adowa zu überfallen. Zwar wußte Gordon, daß er den listigen Verbündeten auf diese Weise leicht dem Johannes in die Hände spielen könnte, aber Verrat war nicht seine Sache, und er brachte Walad durch eine beträchtliche Geldsumme fürs nächste zur Ruhe.
»Wie verhaßt mir diese Abessinier sind,« schreibt er, »den Walad mitgerechnet; sie haben auch gar nichts Anziehendes. Ihr Christentum ist ein totes; und was ihre Zivilisation betrifft, so sind sie nicht viel besser als die Stämme am Äquator. Wäre es nicht der europäischen Regierungen wegen, ich kümmerte mich nicht um diesen Johannes. Meine Beduinen von Darfur und hier herum sind andere Leute. Manche der jüngeren Leute haben eine Haltung, die man ordentlich beneiden möchte. Ich könnte nie durch mein Äußeres imponieren, aber diese jungen Ismaels sind lauter Prinzen.«
Den König Johannes nennt er anderswo »einen richtigen Pharisäer«, und sagt von ihm, er führe eine Sprache wie das alte Testament, abends betrinke er sich und am frühen Morgen singe er Psalmen; wenn er in England wäre, ginge er zu den Methodisten und hätte eine Bibel so groß wie ein Handkoffer. Gordon war offenbar froh, den Abessiniern den Rücken kehren zu können und begab sich nach Massaua am Roten Meer, um dort eine Antwort von Ras Barin, dem abessinischen Grenzgeneral, abzuwarten. Er hatte nämlich dem Könige den Vorschlag gemacht, wenigstens Walad el Michaels Truppen Pardon zu gewähren, damit sie sich nach Abessinien flüchten könnten, wenn er sich etwa zu einem Angriff genötigt sehen sollte. Die Antwort aber blieb aus. Johannes lag zu Feld gegen Menelek, den König von Schoa, und so wenig umfangreich das Land ist, wußte niemand genau zu sagen, wo das wäre. Gordon wartete eine Zeit lang und trat dann über Suakim und Berber den Rückweg nach Khartum an. Unterwegs erhielt er einen zweiten Befehl vom Khedive, sich in Kairo einzufinden, um an Finanzberatungen teilzunehmen. Der bloße Gedanke daran war ihm verhaßt; überdies meinte er, nach seinem Nomadenleben im Sudan sei er weniger als je dazu geeignet, an höfischem Leben Gefallen zu finden. Es war Ende Dezember; über sechstausend Kilometer Wüstenritt lagen hinter ihm in diesem Jahr, und leider hatte er unterlassen, die Binde um Brust und Hüfte zu tragen, die beim Kamelreiten der fortwährenden Erschütterung wegen nötig ist. Die schlimmen Folgen zeigten sich nun.
»Ich habe mir das Herz oder die Lungen verrüttelt und habe ein Gefühl in der Brust als ob alles verrenkt wäre ... Wahrlich, obwohl ich lieber hier bin, als sonstwo auf der Welt, es wäre besser tot sein, als dies Leben führen. Ich habe meinem Schreiber mit der Bitte Entsetzen verursacht, mich zu begraben wo ich sterbe und jeden Araber einen Stein auf mein Grab werfen zu lassen, damit ich doch auch ein Denkmal hätte. Es ist sonderbar, so gute Fatalisten die Leute hier sind, eine solche Anspielung ist ihnen doch ein Greuel; sie meinen, es hieße den Tod mit Namen rufen, obschon sie zugeben, daß es vorherbestimmt ist, wann einer sterben soll.«
Gordon begab sich nach Kairo. Mit Dampf und Segel ging's nilabwärts und die Residenz wurde anfangs März erreicht. Der Khedive hatte seinem Oberstatthalter eine Aufforderung zur Hoftafel entgegentelegraphiert, aber der Zug hatte Verspätung, und als Gordon den vizeköniglichen Palast erreichte, fand sich's, daß die Hoheit anderthalb Stunden auf ihren Gast gewartet hatte. Staubig wie er war, mußte Gordon sich zu Tisch setzen, und alle Auszeichnung wurde ihm zu teil. Er wurde aufgefordert, als Präsident der Finanzkommission zu figurieren. Sein Platz bei der Tafel war zur Rechten des Khedive, und sein Quartier war ein Palast, in dem sonst nur fürstliche Gäste untergebracht werden. Aber die Pracht seiner Umgebung und die glänzende Bedienung waren für Gordon verlorene Liebesmüh.
»Meine Leute wissen sich nicht zu helfen vor Verwunderung, und ich auch nicht. Ich wollte, ich wäre wieder glücklich auf meinem Kamel.«
Einem Engländer, der ihn besuchte, erklärte er, er komme sich vor wie eine Fliege in diesem großen Haus. Und seiner Schwester schrieb er, es sei die helle Quälerei; er lege sich um acht Uhr schlafen, das sei noch das beste, denn er gehe abends nicht in Gesellschaft. Ismail hoffte, Gordon werde ihm aus seiner bedrängten Lage helfen. »Ich kenne keinen, zu dem ich größeres Vertrauen hätte,« schrieb der Khedive, allein die Geldangelegenheiten Ägyptens sind in den Händen europäischer Kapitalisten; englische und französische Koupon-Abschneider hatten mitzureden; wie hätte der ehrliche Gordon da mit seinem Rat durchdringen können, der kurz und gut der war, die Zinsen der europäischen Anleihen von 7 auf 4 Prozent herabzusetzen!? Kein Wunder, daß er die ganze Bande von Diplomaten und Juden gegen sich hatte, die in Kairo mitregieren. Nein, Gordon war kein Finanzrat[10] und war froh, wieder seine Wege zu gehen.
»Ich verließ Kairo wie ein gewöhnlicher Sterblicher, ohne Extrazug, und bezahlte mein Billet. Die Sonne, die so glanzvoll aufging, hatte einen ganz bescheidenen Untergang ... Die Last ist groß -- ich wünsche, die Zeit der Ruhe wäre da; aber die kommt nicht, bis ich ~sein~ Werk vollbracht habe. Hier bin ich -- sende mich!«
Die Reise ging über Suez, Aden, Zeila nach Harrar; er wollte den Raouf Pascha, der als grausamer Tyrann dort schaltete, abermals seines Amtes entsetzen; es war derselbe, dem er vier Jahre vorher eine Züchtigung hatte zu teil werden lassen. In Harrar blieb er nur so lang als nötig war, um Ordnung zu schaffen; dann kehrte er nach Zeila zurück, wo er nach »achttägigem fürchterlichem Marsch« am 9. Mai 1878 anlangte. Müde wie er war, ging's alsbald weiter nach Massaua und Berber. Ihn verlangte nach Khartum zurück, wo ein Berg von Arbeit seiner harrte. Das Volk freute sich seiner Rückkehr und treulose Beamte zitterten; nicht weniger als acht seiner hochgestellten Untergebenen entsetzte er ihren Würden. Aber nur zu gut wußte er, daß er mit eingefleischter Veruntreuung im ungleichen Kampf stand, weil Ägypten wie die Türkei im Regierungswesen von oben bis unten durch und durch faul ist; und Menschenkraft, selbst die eines Gordon, reicht da nicht aus, auf die Dauer zu bessern.
Die erste Nachricht von außen, die ihn in Khartum erreichte, war die, daß Walad el Michael in Abessinien eingefallen sei und sich des Ras Bariu bemächtigt habe. Somit waren Gordons Briefe an Johannes jetzt in Walads Hand, was dem Schreiber übrigens kein großer Kummer war. Walad wußte nun, wessen er sich zu versehen hatte, und daß Gordon, obschon er sich von ihm lossagte, bei Johannes um sein Leben eingekommen war.
Die zweite ungleich bedenklichere Nachricht war ein erneuter und verstärkter Aufstand der Sklavenjäger. Soliman hatte sich in die Bahr el Ghasal zurückgezogen, wo die ganze Bande der aus ihren Nestern verjagten Sklavenhändler sich zur letzten verzweifelten Gegenwehr um ihn scharte. Während Gordon den Menschenhandel im Norden im Schach hielt und die Verbindungen der Räuber mit ihren Märkten abschnitt, erhob sich Soliman im Süden, und seine Horden überfluteten die Bahr el Ghasal.
»Ich habe den ganzen Besitz der Sebehrfamilie konfisziert,« schrieb Gordon, als er dies vernommen, »und sende eine Truppenabteilung gegen den Sohn.«
Diese Unterwerfung persönlich zu leiten war ihm schon deshalb nicht möglich, weil durch Anhäufung des Ssett in den Flüssen und Seen die Verbindung der Bahr el Ghasal mit Khartum oft monatelang abgeschnitten ist. Der Generalgouverneur durfte seine Provinz auf eine solche Möglichkeit hin nicht verlassen. Aber außerdem war eine Zeit der Schwierigkeiten angebrochen, der selbst seine Energie oft manchmal erliegen wollte. Die Paschas in Ägypten arbeiteten ihm geradezu entgegen.
»Ich stehe so ziemlich mit ganz Kairo auf dem Kriegsfuß, und Dornen sind mein Teil. Aber diese Arbeit ist mir nun einmal übertragen, ich will sie durchführen, und Gott wird mich von allem Übel erlösen. Wenn man sich von den irdischen Dingen nur immer innerlich frei halten und sie dem göttlichen Walten überlassen könnte, wie viel leichter wäre dann alles! Ich verzweifle nicht, aber wenn ich sehe, daß trotz aller Anstrengung kein wirklicher Fortschritt erreicht wird, dann überfällt mich ein Überdruß und ich wollte ich wäre daheim ... Seit die einsamen Kamelritte hinter mir liegen, habe ich keine erquicklichen Gedanken mehr ... Die fortwährenden Händel sind sehr niederdrückend und täglich möchte ich rufen: Wie lang, Herr, wie lang! Ich habe nie einen ruhigen Tag ... Aber so schwer es auf mir liegt, so ist es doch besser hier arbeiten, als anderwärts ein nutzloses Leben führen.«
Man sieht hieraus und aus ähnlichen Stellen, daß selbst ein Glaubensheld wie Gordon seine Stunden hat, wo er innerlich gebrochen ist und wie David und Hiob und andere Gottesknechte zu Zeiten meint, daß das Böse siegen werde. Auch körperlich hatte er zu leiden.
»Ich war mehrere Tage recht unwohl und so allein in meinem großen einsamen Haus. Und dann schleppte ich mich von einem Zimmer ins andere, weil die Gedanken mir keine Ruhe ließen. Bei all dem habe ich den großen Trost, mich nie vor dem Tod zu fürchten.« Und einige Wochen später: »Gottlob ich bin fast wieder wohl, aber ich war zwei Tage recht elend. Die ganze Stadt ist krank dieses Jahr. Aber so krank ich war (und zwar gleichzeitig mit meiner Dienerschaft -- alles lag darnieder), war es mir doch lieb, in meinem großen Haus allein zu sein und niemand zur Last zu fallen ... Ich glaube, mein armer Kopf hat nie mehr nutzlose Arbeit vollbracht als in jenen beiden Nächten. Bittschriften verfolgten mich und wenn ich meinte sie erledigt zu haben, so waren sie von neuem da; es war entsetzlich.« Und hieran knüpft er die nicht leicht zu beantwortende Frage an seine Schwester: »Was möchtest du lieber, nach einem kampflosen Leben die ewige Seligkeit in geringerem Maße erreichen, oder durch ein Heer von Prüfungen hier durch müssen, um die ewige Seligkeit in größerem Umfang zu gewinnen? Merke, die ewige Seligkeit, als eine vollständige, in beiden Fällen! Ich weiß nicht, was ich wählen würde, ich möchte lieber nicht wählen, obschon ich ein abgehärteter Mann bin, denn dies Leben ist eine ~fürchterliche~ Schule.«
Unter den äußeren Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, war der trostlose Zustand der Finanzen nicht die geringste: das Volk war über und über besteuert, aber mehr als zwei Drittel der Schatzung ging nie ein. Die Steuereinnehmer waren wie die weiland römischen Zöllner, die nebenher ihre eigenen Geschäfte machten. Gebt uns ein Sechstel als »Bakschisch«, sagten sie den Leuten, dann stellen wir euch ein Zeugnis aus, daß ihr nicht mehr zahlen könnt. Als Gordon die Verwaltung antrat, fand er, daß es vorher allgemein üblich war, den Gouverneur zu bestechen, um z.B. eine Stelle zu erhalten, und zwar so, daß ein Bewerber zwölftausend Mark »Bakschisch« für eine Anstellung zahlte, die ihm kaum mehr als ein Drittel dieser Summe an Jahresgehalt eintrug. Natürlich lag der Schluß nahe, daß die Beamten auf ganz andere Einkünfte als ihren Gehalt ihr Augenmerk richteten. Gordons Wachsamkeit legte manchem das Handwerk; das System war aber so eingerissen, daß er sich anfänglich der ihm zukommenden »Bakschisch«-Gelder gar nicht erwehren konnte; er legte sie in die Verwaltungskasse. Aber Ägypten selber betrachtete das abhängige Land nur als eine Geldquelle, und nicht zufrieden mit rechtmäßigen Einkünften, wie z. B. dem Ertrag des Elfenbeins, war es unter den ägyptischen Paschas ganz üblich, ihr eigenes Defizit aus dem Sudan zu decken. Selbst der Khedive telegraphierte seinem Statthalter Gordon, so oft er sich in Geldverlegenheit befand.
»Ich bin hinter den Büchern gewesen,« schreibt dieser, »und habe einen guten Streich geführt. Die Finanzverwaltung von Kairo telegraphierte um eine halbe Million Mark, die der Sudan dorthin schulde. Ich habe die (alten) Abrechnungen nachgesehen und finde, das umgekehrt Kairo dem Sudan hundertachtzigtausend Mark schuldet!«
Er ließ sich nie dran kriegen, von keinem Vizekönig und keinem Minister. Im ersten Jahr seiner Verwaltung fand er ein Defizit von über fünf Millionen Mark in seinen Finanzen, im zweiten Jahr hatte er's auf eine Million heruntergebracht, und mit der Zeit hoffte er der Schulden ganz Herr zu werden und rechtmäßige Überschüsse nach Kairo zu schicken. Er hatte oft Ebbe in der Kasse und dabei die fortwährenden Schwierigkeiten mit dem Sklavenhandel -- »wahrlich, man ist hier nicht auf Rosen gebettet!« rief er aus.
Denn bei aller übrigen Not hatte er ein wachsames Auge auf die Sklavenwirtschaft. Im Juli z. B. meldete er:
»Wir haben in diesen zwei Monaten zwölf Sklaventransporte abgefangen; auch ist mir ein Brief von einem Händler in der Bahr el Ghasal in die Hände gefallen, worin dieser seinen Abnehmern schreibt, er habe eine Menge Sklaven bereit, wisse aber nicht, wie sie landabwärts bringen. Er wird sich wundern, die Antwort von ~mir~ zu erhalten ... So weit es in meiner Macht steht, soll dieser Handel aufhören.«
Einige Wochen später wurde von seinen Leuten eine Karawane von neunzig Sklaven aufgefangen, die Überbleibsel von einer viermal größeren Anzahl, die über achthundert Kilometer weit durch die Wüste hergeschleppt worden waren; die wenigsten davon waren über sechzehn Jahre alt, die meisten ganz junge Kinder.
»Es fällt mir schwer, die Händler nicht nach Verdienst zu züchtigen (ihm selbst waren ja die Hände über ein gewisses Maß hinaus gebunden); aber ich darf nicht vergessen, daß Gott es zuläßt, und ich muß nach dem Gesetz handeln. Ich thue mein Bestes, und fürs übrige ist Er Generalgouverneur.«
In der Bahr el Ghasal waren, wie bereits gemeldet, die Sklavenjäger in erneutem Aufstand, und zwar abermals infolge eines geheimen Aufruhrs Sebehrs, jener Geißel Zentral-Afrikas, von welchem der ganze Greuel ausging. Der schwarze Pascha hoffte seiner Gefangenschaft in Kairo dadurch ledig zu werden, daß man ihn als den einen Mann, der die Bahr el Ghasal zu beschwichtigen vermöchte, nach dem Sitz des von ihm selbst hervorgerufenen Aufruhrs schicken würde. Sein Sohn Soliman war sein Stellvertreter. Und daß er so rechnete, war keineswegs weit vom Ziel geschossen; Gordon erlebte es in den nächsten Monaten, daß rücksichtlich des Sudaner Budgets Nubar Pascha ihm von Kairo aus den Vorschlag machte, ihm den Sebehr als eine Art Finanzbeirat zu schicken. Derselbe hoffte den Sudan so zur Blüte zu bringen, daß Ägypten in kurzer Zeit auf eine halbe Million Mark Einkünfte von dorther werde rechnen können. Gordon meldete zurück: ja, eine halbe Million aus Sklaventransporten, er begehre solcher Hilfe nicht.
Der Umfang des Aufstandes war anfänglich weder in Kairo noch in Khartum bekannt; später stellte es sich heraus, daß die Hauptsklavenhändler die Provinzen des Sudan von vornherein unter sich verlost hatten und sich mit der Hoffnung trugen, ihre Fahnen auf den Mauern Kairos wehen zu lassen. Keineswegs ein unmöglicher Traum! Auch als jener Aufstand unterdrückt war, erklärte es Gordon als seine Meinung, daß irgend ein entschlossener Anführer den Sudan gegen Ägypten aufwiegeln könne, wie das ja auch durch den Mahdi seither geschehen ist. Es sind nicht nur die Sklavenjäger, die das Brandmaterial in jenen unglücklichen Ländereien ausmachen, obschon diese an sich zu jener Zeit mächtig genug waren, um Ägypten in Atem zu erhalten, ein weiterer Zündstoff ist in den arabischen Stämmen vorhanden, die vor Hunderten von Jahren übers Rote Meer herüberkamen und sich im Innern von Afrika festsetzten. Diese Araber sind kriegstüchtige Leute, stolz auf ihre Abkunft und nach moslemischen Begriffen von sittlicher Lebensart. Diese sind es hauptsächlich, die sich dem Mahdi anschlossen, um die verhaßten Ägypter zu vertreiben, und sie waren es, die in jenem Aufstand Solimans Horden verdoppelten und verdreifachten. Fürs übrige stehen sie den Negern näher als den Ägyptern; sie selbst aber treiben Sklavenhandel, und Solimans Banditen waren zum Teil Angehörige dieser Stämme. »Unser ist das Land,« war der Schlachtruf jener Araber, »wir brauchen keinen Effendina (Khedive) hier!« »Wären Sebehr und seine Leute nicht so verruchte Sklavenjäger,« schrieb Gordon, »und hätten sie sich nicht solch furchtbare Grausamkeiten zu schulden kommen lassen, es wäre für den Sudan vielleicht besser gewesen, die Aufrührer hätten ihren Zweck erreicht. Und -- fügte er fernsichtig bei, -- wenn England und Frankreich sich nicht besser vorsehen und für eine gerechte Verwaltung sorgen, so ist ein Sichlosreißen des Sudan von Ägypten nur noch eine Frage der Zeit.«
Gordon verlor keinen Augenblick, den Aufruhr zu dämpfen, und da er nicht selbst den Rebellen entgegenziehen konnte, so entsandte er ~Gessi~, seine rechte Hand, einen tüchtigen Soldaten, der uns schon vom Äquator her bekannt ist und den Gordon bei dieser Gelegenheit folgendermaßen beschreibt:
»Romulus Gessi, Italiener, neunundvierzig Jahre alt; kurz, von gedrungener Gestalt; ein kaltblütiger, entschlossener Mann, und in praktischen Dingen ein geborenes Genie.«
Auf seinem Wege nilaufwärts stieß dieser tapfere Soldat auf reichliche Beweise, daß die ägyptischen Beamten eigenen Gewinnes halber mit den Händlern unter ~einer~ Decke steckten. Nicht nur begegneten ihm bei jeder Wendung mit Menschenware beladene Boote, sondern sogar Dampfer, die unter der Flagge der Regierung dem Sklaventransport Vorschub leisteten. Auf einem der Boote fand er an dreihundert Schwarze und unter diesen einige Lastträger, die als freie Menschen mit Ladungen von Elfenbein und Getreide nach Lado gekommen waren. Ibrahim Fansi aber, der dortige Statthalter, bemächtigte sich ihrer und verschiffte sie auf seine Rechnung in die Sklaverei. Zum Glück begegneten sie einem handfesten Befreier. Gessi war auf dem Wege nach den Äquatorialdistrikten, um auf den verschiedenen Stationen seine Streitmacht zu vervollständigen. Auf dem Rückwege landete er seine Mannschaft in Gaba Schambil, aber erst mit Anfang September konnte er durch das überschwemmte Land westwärts ziehen und infolge der Regenzeit mußte er wochenlang in Rumbehk am Bahr el Rohl bleiben. Dort erreichte ihn die Nachricht, daß der Sohn Sebehrs sich zum Herrn der Bahr el Ghasal aufgeworfen habe, daß er in Dem Idris die ägyptische Besatzung überfallen und vernichtet habe, wodurch ein beträchtlicher Vorrat von Kriegsbedarf in seine Hände gefallen sei. Die Häuptlinge der Araber in der Umgegend wandten sich ihm auf diesen Erfolg hin massenweise zu, und solche, die es nicht thaten, metzelte er nieder. Weiber und Kinder erlagen entweder seiner Grausamkeit oder wurden in die Sklaverei geschickt. Rings umher hatte er die Leute ihrer Kornvorräte beraubt, so daß sie zu Hunderten Hungers starben.
Soliman hatte sechstausend Mann, und es verlautete, er beabsichtige einen Überfall auf Rumbehk; Gessi hatte nur dreihundert reguläre Truppen mit zwei Feldstücken und etwa siebenhundert schlechtbewaffnete Irreguläre. Er erwartete noch bis dreihundert Mann Verstärkung und machte sich alsbald daran, Rumbehk zu befestigen. Seine von Gordon erwartete Hilfe blieb aber aus, weil sein Schreiben an den Generalgouverneur fünf Monate lang nach Khartum unterwegs war! Hilfe von den benachbarten Bezirksstatthaltern erhielt er nicht. An Beamten scheint die Provinz keinen Mangel gelitten zu haben. In Dem Idris hatte sich eine »fabelhafte Anzahl« derselben die Langeweile mit Tricktrackspielen vertrieben, während Jussuf Bey, der Bezirksgouverneur, ein ruchloses Leben führte, worin seine Untergebenen, sämtlich seine Neffen und Vettern, ihn nach Kräften unterstützten. Ägyptische Wirtschaft! Am 17. November verließ Gessi seine feste Stellung, und das war der Anfang eines Kriegs- und Siegesmarsches, das Ergebnis einer Energie, wie sie nur aus Gordons Schule hervorgehen konnte. Unaufhaltsam durch das Land der Ströme vorwärtsdringend und auf Flößen übersetzend -- einmal inmitten von Krokodilen -- verschanzte er sich in dem am gleichnamigen Fluß gelegenen Dorfe Wau. Dort kamen ihm die Eingebornen Hilfe suchend von allen Seiten entgegen. Über zehntausend Menschen hatte Soliman aus den Dörfern der Bahr el Ghasal geraubt. Ein Araberhäuptling schloß sich ihm mit siebenhundert Bewaffneten an und nun warf er sich auf Dem Idris, welche Stadt er befestigte, eines Überfalls von Soliman gewärtig.