Gordon, der Held von Khartum

Part 14

Chapter 143,642 wordsPublic domain

»Etwa um vier Uhr nachmittags erreichte ich Darra, lang vor meinem Gefolge, nachdem ich in anderthalb Tagen 140 Kilometer zurückgelegt hatte. Etwa zwei Stunden vor Darra geriet ich in einen Schwarm von Fliegen, die mich und mein Kamel so quälten, daß wir mit immer größerer Eile vorwärts drängten. Ich denke mir, die Königin des Geschmeißes muß darunter gewesen sein. Wenigstens dreihundert umschwärmten den Kopf des Kamels und ich ritt einfach in einer Wolke. So hatte ich doch wenigstens ein Gefolge von Fliegen, wenn sonst keines. Die Leute in Darra waren sprachlos, ich überfiel sie wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Als sie sich erholt hatten, feuerten sie eine Salve ab. Mein armes Gefolge! wo das war, wußte kein Mensch. Denke Dir Deinen Bruder, einen einzelnen, staubigen, sonnverbrannten Menschen auf seinem Kamel und über und über mit Fliegen bedeckt, wie er so ganz unerwartet im Divan erscheint. Die Leute starrten mich an wie gelähmt. Zu essen gab's nicht viel nach meinem langen Ritt, aber eine ruhige Nacht, in der ich alles Elend vergessen konnte. Bei Tagesgrauen stand ich auf, zog die goldene Uniform an, die der Khedive mir geschenkt hatte, und ging hinaus, um meine Truppen zu besichtigen. Darnach bestieg ich mein Pferd, und mit einem Geleit von ~meinen~ Räubern von Baschi-Bosuks ritt ich hinaus in das Lager der anderen Räuber, das ich in einer halben Stunde erreichte. Der Sohn Sebehrs kam mir entgegen -- ein ganz hübscher Junge, etwa zwanzigjährig -- und ich ritt mit ihm durch das Räuberlager. Ich schätzte, es waren ihrer dreitausend, Männer und Burschen, die er bei sich hatte. Ich ritt mit ihm bis an sein Zelt; dort waren die Häuptlinge versammelt und nicht wenig überrascht, mich in ihrer Mitte zu sehen. Ich ließ mir ein Glas Wasser geben und kehrte dann zurück, indem ich den Sohn Sebehrs einlud, mich mit seinen Angehörigen in meinem Divan zu besuchen. Sie kamen denn auch richtig und hockten im Halbkreis um mich her, während ich ihnen in gewähltem Arabisch meine Meinung beibrachte: erstens, daß ich wohl wüßte, daß sie neuen Aufruhr gegen die Regierung im Schild führten, und zweitens, daß sie mir glauben dürften, daß ich lediglich dazu gekommen sei, sie zu entwaffnen und zu vernichten. Diesen Bescheid nahmen sie stillschweigend entgegen und entfernten sich dann, um sich's zu überlegen. Es dauerte nicht lange, so erhielt ich ein Schreiben mit der Zusicherung ihrer Unterwerfung und dankte Gott dafür! Rings umher haben sie das Land verwüstet, und ich konnte es nicht ändern. Mich dauern nur die armen Leute, die es traf, darunter die mir Verbündeten, die mit mir nach Wadar (gegen die Leparden) zogen und ihr Eigentum unbeschützt zurückließen. Was für Jammer überall! Aber der Allerhöchste sieht es, und er kann helfen. Ich kann's nicht. Die verblümten Gesichter der Schurken, als sie meine Anklagen vernahmen, und die merkwürdige Gebärdensprache bei meinem ungenügenden Arabisch hättest Du mit ansehen sollen! Es ist noch keine drei Tage her, daß Sebehrs Sohn seine Pistole dreimal auf meinen Kavaß (eine Art Polizeisoldat) abfeuerte, weil der Ärmste krank war und ihm nicht entgegenkommen konnte ... Du hättest sein Gesicht sehen sollen und seine Versicherungen der Treue mit anhören, als ich ihm dies vorrückte. Schließlich habe ich ihm verziehen. Maduppa Bey hat mir seither erzählt, daß der Sohn Sebehrs sich nach der Unterredung mit mir hingelegt und kein Wort gesprochen hätte, so daß die Araber meinten, ich hätte ihn mit Kaffee vergiftet! ... Man sieht ihm an, daß er ein verwöhntes Kind ist, dem die Rute nicht schaden würde. Ich habe mir Mühe gegeben, freundlich mit ihm zu reden, aber er wirft mir nur wütende Blicke zu. Armer Junge! er wird noch manch bittere Erfahrung machen müssen, ehe er die Nichtigkeit des Irdischen erkennt; bisher war er Herr inmitten einer kriechenden Schar von Sklaven, konnte thun was er wollte, Leute umbringen, wann es ihm einfiel, und soll nun auf einmal ~nichts~ sein! Indessen -- ›fahret mir säuberlich mit dem Knaben Absalom‹ -- ich will suchen, nach diesem Wort zu handeln. Es ist ein zierlicher Bursche in einer Jockei-Jacke von blauem Sammet. Die ganze Sippschaft kam bis an die Zähne bewaffnet, als sie sich in meinem Divan einstellten.«

Nachdem Gordon Soliman und seiner Horde den Standpunkt klargemacht, beschloß er, die »Höhle Adullam« auszufegen, und sandte eine Abteilung seiner Truppen ab, um Schekka zu besetzen. Im feindlichen Lager war man übrigens keineswegs ~einer~ Meinung: ein Teil der Sklavenjäger war für Unterwerfung, der andere für Krieg. Soliman selber war in einem Zustand unbändigster Wut, und wenn er nur die Scheiks zu gemeinsamem Handeln hätte bringen können, so wäre ein neuer Aufstand erfolgt. Die Leute waren aber moralisch überwältigt: einer nach dem andern erklärte dem Generalgouverneur seine Unterwerfung, und dem Sohne Sebehrs blieb zuletzt nichts übrig, als sich Gordons Befehl zu fügen, der ihn nach Schekka zurückkehren hieß. Er wolle das thun, sagte der Bursche, wenn Gordon ihm zuerst Feierkleider schenke nach dem herkömmlichen Brauch und als Beweis, daß er mit ihm zufrieden sei. »Ich habe keine Feierkleider,« erwiderte jener und fügte hinzu, daß sein Betragen ein viel zu anmaßendes sei; er wisse ja nicht einmal, was sich des Khedive Statthalter gegenüber schicke, der ihn -- einen eingebildeten Jungen -- mit ganz unverdienter Milde behandle. Das war dem Sohne Sebehrs eine bittere Pille, aber er mußte sie schlucken. Von Schekka aus sandte er dann einen Brief, in dem er sich Gordons getreuen Sohn nannte und eine Statthalterschaft begehrte. Darauf wurde ihm die Antwort, daß ehe er in Kairo gewesen sei, um sich dem Khedive persönlich zu unterwerfen oder sonst eine nicht mißzuverstehende Probe der Treue abgelegt habe, der General-Gouverneur ihm keinen Posten anvertrauen werde, und wenn es ihn sein Leben koste. Diesen Bescheid schickte ihm Gordon durch die Scheiks. Ehe diese sich verabschiedeten, fragte Gordon einen derselben, ob er Kinder habe; der Mann bejahte es. »Nun,« rief Gordon, »sagen Sie selber, ob eine Tracht Schläge dem Burschen nicht heilsam wäre!« Und der Scheik gab es zu.

Während er so mit den Sklavenhändlern fertig wurde, hörte er, daß sein schwarzer Schreiber, dem er bis dahin vollkommen getraut hatte, ebensowenig »bakschischfest« war, als die meisten seiner Untergebenen: er hatte sechstausend Mark Bestechungsgelder angenommen. Dergleichen Erfahrungen waren Gordon ein wahrer Schmerz. Dann kam ein Eilbote von Fascher, wo er doch über fünftausend Mann Militär wußte, mit der Nachricht, daß ein panischer Schrecken die Stadt befallen habe; Harun hatte nämlich von weither von sich hören lassen. Da verlor Gordon ob solcher bodenloser Feigheit die Geduld. Er ließ ihnen zurücksagen, sie sollten nicht sterben vor Angst, die Sklavenhändler würden ihnen demnächst zu Hilfe kommen.

In der zweiten Septemberwoche machte er sich selber nach Schekka auf den Weg. Als Soliman von seinem Kommen hörte, lud er ihn ein, in seinem Hause abzusteigen, was Gordon auch ohne weiteres annahm. Er und die anderen Raubgesellen empfingen ihn mit aller Unterwürfigkeit, ja sie kamen ihm wie ihrem König entgegen. Sebehrs Sohn war sogar ganz bescheiden und trug diesmal keine Sammetjacke; seinen Wunsch nach einer Statthalterschaft konnte er jedoch nicht unterdrücken. Gordon ließ sich aber nicht durch Unterthänigkeit bestechen, sondern erklärte dem Bittsteller, er müsse vor allen Dingen Vertrauen zu verdienen suchen. Doch war er persönlich freundlich gegen diesen »Absalom«, wie er ihn nannte, und schenkte ihm sogar sein eigenes Gewehr.

Übrigens blieb er nur zwei Tage in dem Räubernest, und das war gut, denn er hatte keine Schutzwache bei sich, und, wie sich später herausstellte, wurde während seiner Anwesenheit Kriegsrat gehalten, ob es thunlich und ratsam sei, sich an ihm zu vergreifen! Daß es nicht geschah, ist ein Wunder, das sich nur damit erklären läßt, daß seine vollständige Gleichgültigkeit gegen persönliche Gefahr wie lähmend auf seine Feinde wirkte; es war die Großartigkeit seines Wesens, die sie entwaffnete. Und wie Daniel aus der Löwengrube, so ging er aus dem Nest der Sklavenräuber hervor.

Es war auf dem Weg nach Schekka, daß er folgenden Brief schrieb:

»Weiterhin im Land hausen noch an sechstausend Sklavenhändler, die sich wohl ergeben werden, nun ich den Sohn Sebehrs und seine Häuptlinge überwältigt habe. Es ist nicht zu sagen, wie groß die Schwierigkeit ist, mit all diesen bewaffneten Horden das Rechte zu treffen. Ich trenne sie in einzelne Haufen und hoffe sie so mit der Zeit zu bewältigen. Man kann sie doch nicht alle totschießen! Haben sie nicht auch ihre Rechte, die man berücksichtigen muß? Hatten die Pflanzer (in Amerika) keine Rechte? Hat nicht selbst unsere Regierung einst Sklavenhandel gestattet? Ich hätte viel darum gegeben, Sie und die Herren von der Gesellschaft zur Unterdrückung des Sklavenhandels in jenen drei Tagen in Darra zu haben, als man nicht wußte, ob die Sklavenhändler sich zur Wehre setzen würden oder nicht. Eine schlechtbefestigte Stadt, eine feige Besatzung, unter der nicht einer war, der nicht vor Angst zitterte; und auf der andern Seite eine handfeste entschlossene Bande, die sich aufs Kriegshandwerk versteht, gut schießen kann und zwei Feldstücke bei sich hat. Ich hätte gern gehört, was Sie und die anderen dazu gesagt hätten! Ich sage dies nicht, um mich zu rühmen, denn Gott weiß, wie groß meine Sorge war -- nicht um ~mein~ Leben, denn ich bin längst dem abgestorben, was einem das Leben lieb macht, den Annehmlichkeiten und der Ehre und Pracht dieser Welt -- sondern meiner armen Schafe wegen hier in Darfur und anderwärts. Ihr sagt dies und das und handelt nicht darnach; ihr gebt Beiträge und meint, ihr habt eure Pflicht gethan; ihr lobt einander u. s. w. Es ist auch natürlich. Gott hat euch Dinge gegeben, die euch an diese Welt binden, ihr habt Frauen und Kinder. Ich habe keine und bin frei -- gottlob. Verstehen Sie mich recht: wo es mir nötig erscheint, da kaufe ich Sklaven und ich hindere es nicht, wenn gefangene Sklaven nach Ägypten verbracht werden; und im Punkte der dienstpflichtigen Sklaven will ich Freiheit haben, das zu thun, was mir recht scheint und was Gott selbst in seiner Barmherzigkeit mir nahe legt; aber den Sklavenjägern will ich das Genick brechen, und wenn es mich mein Leben kostet. Ich kaufe Sklaven für meine Armee und mache sie zu Soldaten gegen ihren Willen, damit sie mir helfen die Sklavenjagd unterdrücken. Ich thue dies am hellen Tag aller Welt gegenüber, und trotz all euren Beschlüssen. Meint ihr, es würde mir das Herz brechen, meiner Würden entsetzt zu werden? ich würde mich zurücksehnen nach der entsetzlichen Ermüdung des ewigen Kamelreitens, nach all dem Elend, das ich mit ansehen muß, nach der Hitze, und nach der Plackerei meines persönlichen Lebens? Stellt euch einmal meine Reisen vor in diesen sieben Monaten! Tausende von Kilometer zu Kamel, und es wird so fortgehen, wenigstens noch ein Jahr lang. Sie finden es nur hie und da nötig, sich auf Gott zu verlassen -- ich fortwährend, Tag und Nacht. Ich will damit sagen, daß Sie nur hie und da eine schwere Prüfung haben -- etwa wenn Ihnen ein Kind krank ist -- die Sie erkennen läßt, wie völlig schwach und hilflos Sie sind. Ich bin fortwährend in solcher Lage. Der Körper lehnt sich dagegen auf -- es ist oft mehr als man tragen kann.

Zeigen Sie mir den Mann -- und ich will mir von ihm helfen lassen -- der Geld, Ruhm, Ehre verachtet, dem es einerlei ist, ob er je seine Heimat wieder sieht, der sich allein auf Gott verläßt als die Quelle alles Guten und den Machthaber über alles Böse, einen, der bei gesundem Körper und mit thatkräftigem Geist dem Tod entgegensieht, der ihn einst von allem erlösen wird. -- Sie sagen, Sie wissen keinen? nun dann lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe wahrlich genug an meinem Leben zu tragen und brauche keine weitere Last.

»Auf einen Unterschied zwischen hier und Amerika muß ich Sie aufmerksam machen: man hört hier nie davon, daß Eigentümer ihre Sklaven zu harter Feldarbeit benutzen. Sie sind entweder Dienstboten oder im Truppendienst der Händler; es sind meist muntere flinke Kerle, gewandt wie Antilopen, auch wieder wild und schonungslos, ein Schrecken dieser Länder, und mit einem Prestige weit über das Militär der Regierung hinaus. Sie sind die Stärke der Sklavenhändler. -- In Kedaref sollen sich ein paar Griechen niedergelassen haben, die eine Menge Sklaven auf Plantagen beschäftigen. Ich habe vor, sie aufzugreifen. Kurz, der Zustand der Neger hier ist weit besser, als er je in Westindien war, und ich behaupte, daß die Leute hier nicht so herzlos sind, als einst die Pflanzer mit all ihrer Bildung und ihrem Christentum.

»Ihre Ansicht über den Mohammedanismus teile ich nicht. Nach meiner Ansicht giebt es Muselmänner, die christlicher sind als manche Christen. Wir alle sind mehr oder weniger Heiden. Haben Sie je das Buch gelesen »Das moderne Christentum ein zivilisiertes Heidentum«? Ich war dieser Ansicht lange, ehe ich es las. Ich mag einen rechten Muselmann wohl leiden; er schämt sich seines Gottes nicht und sein Privatleben ist ein ziemlich reines; allerdings erlaubt er sich viele Weiber, auf der anderen Seite aber begnügt er sich mit seinen eigenen. Kann man das immer von den Christen sagen?

»Was geht mich das Ministerium des Äußeren an, oder ich das Ministerium? Ich brauche seine Hilfe nicht; es wäre unrecht gegen den Khedive, wollte ich sie annehmen. Außerdem »derer ist mehr, die bei mir sind, denn derer, die bei ihnen sind.« Ich brauche keine Helfer außer dem Allmächtigen ... Nein, mein Lieber -- richten Sie Ihr Leben in Wahrheit nach dem Christentum ein, dann erst wird es Sie befriedigen. Das Christentum der meisten Leute ist ein schales, kraftloses Ding und führt zu gar nichts. Ein gutes Mittagessen ist ihnen wichtiger; es giebt nur einige wenige, die Gott dazu antreibt, sich wirklich um ihre schwarzen Brüder zu kümmern. ›Ach die armen Sklaven!‹ und ›darf ich Ihnen noch ein Stückchen Salm anbieten?‹ heißt es da in einem Atem.«

Mitte September zog er nach Obeid, weil sein Diener das feuchte Klima bei Schekka nicht ertragen konnte. Da kam es ihm vor, als erhielte seine Karawane einen ungewöhnlichen Zuwachs und es dauerte nicht lange, so entdeckte er den Sachverhalt -- etwa achtzig Männer und Weiber und Kinder in Ketten. Natürlich packte er den Sklavenhändler; es war einer jener Geier. Und da hieß es denn, es sei dessen eigene Familie! Hätte Gordon sie befreit, so wären sie liegen geblieben und Hungers gestorben. So blieb nichts übrig, als einem Sklaventransport den oberstatthalterlichen Schutz zu gewähren! nur daß den armen Geschöpfen die Ketten abgenommen wurden.

Diese Reise scheint besonders ermüdend gewesen zu sein.

»Keine Sonntage für mich,« schreibt er, »es ist Last und Hitze jeden Tag, ob ich auf meinem Kamel bin oder im Zelt.«

Und überall Sklaven; manche kauft er, andere, die in der Glut fast verdursten, schickt er ans Wasser. Ihr Elend bekümmert ihn, und er hätte sein Leben gelassen, nicht ~einmal~, sondern wieder und wieder, um den Handel mit Menschenware von der Erde zu vertilgen. Und doch weiß es niemand besser als er, daß er nichts thun kann, als neue Einfuhr möglichst verhindern. Daß er mit dem Räubernest in Schekka fertig geworden war, leuchtete wie ein Stern am Horizont seines Lebens und gab ihm die Hoffnung, daß bessere Tage kommen würden.

Ende September gelangte er nach Obeid und war vierzehn Tage später in Khartum. Der Ruhm seines Siegeszugs war vor ihm hergegangen. Die Leute konnten sich nicht genug über seine Kühnheit wundern; solcher Mut, solche Willenskraft, solche unwiderstehliche Energie war den schlaffen Menschen in diesem schlaffen Land unfaßlich. Und die Geschwindigkeit, mit der er seine riesengroße Provinz bereiste, wäre jedem andern als eine Unmöglichkeit erschienen. Seine Beamten fühlten sich ordentlich ihrer Trägheit nicht mehr sicher. »Der Pascha kommt!« war ihnen ein Schreckschuß, der besser wirkte, als Aussicht auf die Peitsche. So beherrschte der freundliche, wohlwollende Mann mit seinem felsenfesten Willen das Land.

3. Weitere Kämpfe und der Aufstand in der Bahr el Ghasal.

Am 14. Oktober 1877 war Gordon nach Khartum zurückgekehrt und schon am 23. begab er sich auf eine neue Reise. Die Arbeitslast, die er vorfand, hatte er in einer Woche bewältigt. Er sei nur noch ein Schatten seiner selbst, schreibt er; und jene Woche nennt sogar er eine harte Zeit. Auf Schritt und Tritt belagerten ihn die Leute mit Bittschriften, ihn mit Geschrei verfolgend. Sich ihrer mit Gewalt entledigen, das brachte er nicht über sich.

»Ich lasse sie eben schreien, denn wie kann ich jedem seinen Willen thun oder jeden Gefangenen frei geben? Hätte ich nicht meinen Gott zum Trost,« fährt er fort, »und das Bewußtsein, daß Er Generalgouverneur ist, wie sollte ich's weiter führen?«

Nachdem er seine Regierungsgeschäfte in Khartum erledigt und einen Mörder hatte hinrichten lassen, machte er sich über Berber nach Hellal auf den Weg, um daselbst mit Walad el Michael zu verhandeln. Die Reise den Nil hinunter war die erste wirkliche Ruhezeit, die ihm seit dem Vorfrühling 1874 im Sudan zu teil wurde. Und während er so mit stillem Gemüt den Nil hinabsegelt, spricht er sich brieflich über seinen Beruf aus. Sein englischer Biograph bemerkt hierzu, man höre da zum erstenmal ein Wort von ihm, das für Selbstüberhebung gelten könnte.

»Wie köstlich war die Ruhe heute auf dem Nilboot. Voriges Jahr um diese Zeit war ich auf meiner Heimreise vom Äquator her. Wieviel ist seither geschehen, bei Dir, bei mir, und in Europa! Mir ist so wohl zu Mut. Wenn ein Stern seine Höhe erreicht, so sagt man: er kulminiert; nun, mir ist auch, als ob ich kulminiert hätte -- ich möchte weiter und höher hinauf. Doch weiß ich, daß ich hier bin, so lange es Gottes Wille ist; mit diesem Bewußtsein fuße ich wie auf einem Felsen und bin zufrieden. Mancher andere möchte wohl auch hoch steigen, aber ohne die damit verbundene Last; mir macht umgekehrt die Last die Ehre lieb und ich danke Gott dafür. Er hat mir's gelingen lassen, und wenn's auch kein sehr glänzender Erfolg ist, so ist's ein handgreiflicher, der bleibenden Wert hat. ~Jene Stelle im Propheten Jesaia habe ich mir zugeeignet, und soweit es in meiner Macht steht, suche ich sie zu bewahrheiten.~«

Er meinte die Stelle Jesaia 19, 20:

»Welcher wird ein Zeichen und Zeugnis sein dem Herrn Zebaoth in Ägyptenland. Denn sie werden zum Herrn schreien vor den Beleidigern; so wird er ihnen senden einen Heiland und Meister, der sie errette.«

Warum aber soll das Selbstüberhebung sein? Ist es nicht vielmehr die Rede eines Menschen, der mit Paulus sagen kann: »Ich habe mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist?«

In Berber wurde zu seiner Ankunft die Stadt festlich erleuchtet, und der Generalgouverneur, »der Beklagenswerte, mußte zwei Stunden umherlaufen und den Leuten zulieb ihre trüb brennenden Ampeln bewundern -- ein wahres Opfer!« Darein fügte er sich, die acht oder zehn Hofschranzen aber, mit denen man ihn umgab, hieß er ihrer Wege gehen. Sich bewachen lassen, war nicht seine Art. Auch in Berber war an Arbeit kein Mangel -- Bittschriften, Briefe, Telegramme zu Dutzenden. Im ganzen Land meinten die Leute, er sei nur dazu da, ihre Privatangelegenheiten zu erledigen. Von fünfzig Stunden her telegraphiert einer, es sei ihm ein Sklave entlaufen; ein anderer, er habe Händel mit seiner Frau und ein Nachbar hätte sich drein gelegt -- als ob es nirgends Bezirksgouverneure gäbe. Jenem flüchtigen Sklaven wird der Generalgouverneur nicht nachgegangen sein, auch jene Ehehändel nicht geschlichtet haben; Spital und Gefängnis aber ließ er nicht unbesucht.

Auf der Weiterreise nach Dongola mußte er sich über schlechte Kamele beklagen, die Ruhe und Stille der Wüste mit ihren klaren taulosen Nächten war ihm indessen eine wahre Erquickung nach der langen Kampfzeit und nach der feuchten Hitze in Darfur. In Meraui, dem angeblich südlichsten Grenzpunkt altägyptischer Zivilisation, erreichte er den Fluß wieder. Hier hatten die Leute seit Jahren keinen Statthalter zu Gesicht bekommen und verfolgten ihn mit Klaggeschrei. In Dongola hörte er, daß Walad el Michael Senheit bedrohe, und Gordon hatte keine Truppen. Auch ein Telegramm vom Khedive fand er vor, in welchem seine Anwesenheit in Kairo begehrt wurde. Er machte sich daher nach Ägypten auf den Weg, aber schon nach einer Tagreise bestürmten ihn Telegramme vom Sudan mit der Nachricht eines abessinischen Einfalls. Ras Arya, ein Heerführer des Johannes, bedrohte Sennaar und Fazolie, südlich von Khartum. Es schien ihm unglaublich; aber in Khartum war auch nicht ein Mensch, auf den er sich nötigenfalls hätte verlassen können; so eilte er denn nach Dongola zurück und von dort durch die Bajuda-Wüste in fünftägigem Ritt nach Khartum. Es war blinder Lärm gewesen; man hatte ein paar abessinische Grenzmänner gesehen und sie auch zurückgeworfen.

Drei Tage hielt er sich in Khartum auf, dann bestieg er abermals sein Kamel, um über Abu Haras, Kedaref und Kassala nun doch erst den Walad el Michael aufzusuchen, ehe er nach Kairo ging. Gordon hätte gewünscht, den König Johannes zu einem Einverständnis mit Walad zu bringen, wonach der König dem unruhigen Häuptling Hamasen überließe, das überdies sein angestammtes Erbe war, allein Johannes war ein Starrkopf. Walad war für die Ägypter ein böser Grenznachbar; man war seiner nie sicher. Das einfachste wäre gewesen, ihn dem abessinischen König in die Hände zu liefern, aber selbst ägyptische Politik hätte nach dem Vorausgegangenen dies für schmählich gehalten. Man hoffte, Gordon würde es zu stande bringen, die ägyptische Ehre mit möglichstem Gewinn zu retten. Somit war er denn auf dem Wege nach Senheit, wo Walad lag.

Unterwegs fand er wie gewöhnlich Ursache, sich über sein Gefolge zu beschweren; er hatte es zu eilig für seine gemächlichen Araber, und wo sie konnten, erwiesen sie sich hinderlich.

In Kassala sah er den Heiligen, Scherief Seid Hakim, einen Abkömmling Mohammeds, mit dem er schon einmal zusammengetroffen war, und der sich damals in seiner Würde verletzt fand, weil sein unwissender europäischer Gast sich neben ihn auf den Ehrendivan setzte. Diesmal war der Heilige etwas herablassender und ließ sich sogar eine Zwanzigpfundnote (400 Mark) schenken. Als Gegengeschenk that er Gordon die Ehre an, ihn zu bitten, sich zum Turban zu bekehren und ein Muselmann zu werden. Er war nicht der erste, der dem Generalgouverneur diese Bitte vortrug!

Als er Senheit erreichte, fand er, daß Walad sich in seinem Lager zu Hellal befand, und mußte zwei hohe Berge übersteigen, um dasselbe zu erreichen. Es war ein ähnliches Unternehmen wie sein Besuch in der Räuberhöhle zu Schekka.