Gordon, der Held von Khartum

Part 13

Chapter 133,227 wordsPublic domain

Ehe Sebehr nämlich mit seinen zwei Millionen »Bakschisch« (Trinkgeld) nach Kairo ging, um die Pascha zu bestechen, hatte er alle sklavenhandeltreibenden Häuptlinge seines Gebietes unter einem großen Baum an der Straße zwischen Schekka und Obeid versammelt und ihnen einen Eid auf den Koran abgenommen, daß sie sich allerorts gegen die Regierung erheben sollten, wenn er ihnen das Wort sende. Als nun Gordon nach seiner Arbeit am Äquator die Statthalterschaft des Sudan übernahm und sich nach kurzem Aufenthalt in Khartum aufmachte, um die Sklavenhändler in ihrem bis jetzt sichersten Schlupfwinkel zu bekämpfen, wo die Bande sich um Soliman geschart hatte, da wußte der alte Menschenräuber, daß es damit seiner Hoffnung ans Leben ging, den Handel, von dem er seine Macht und seinen Reichtum hatte, je wieder zur alten Blüte zu bringen. So erging sein Mandat an die Raubgesellen in Schekka.

El Nur und Idris hatten sich beide mit Hinterlegung einer Strafsumme aus Schekka fortgemacht. Von ihnen erfuhr Gordon, daß Soliman festsäße bis nach der Regenzeit und sich in seiner »Höhle« vor einem Überfall gesichert erachte. Daraus ergab sich indessen keine Ruhezeit für unseren Helden. Er war noch nicht vierzehn Tage in Darra, als er schrieb:

»Heute haben sich sechshundert der Nazagats mit ihrem Scheik zu mir geflüchtet.«

Dieser Stamm hatte seinen Wohnsitz in der Nähe von Schekka und war einer der gewaltigsten im Land, der siebentausend Krieger ins Feld bringen konnte. Aber infolge der fortwährenden Plünderungen von Sebehrs Bande fingen sie an, sich zu Gordon zu schlagen; und er hörte, daß es nur der Anfang einer Einwanderung sei, indem noch andere Stämme ähnliches beabsichtigten. Sie konnten über Nacht kommen, denn »Gepäck haben sie keines und reiten wie der Blitz, ohne Bügel.« Der Vorteil einer solchen Verstärkung war aber ein zweifelhafter -- wo Nahrung hernehmen für so viele in dem ausgeplünderten Land?

Eine weitere Schwierigkeit, die sich ihm um diese Zeit darbot, verstattet einen Einblick in die Ratlosigkeit, die ihn angesichts des von ihm bekämpften Greuelwesens mehr wie einmal befiel. Eine seiner Streifkolonnen hatte ihm zweihundertundzehn Sklaven in die Stadt gebracht, ausgehungerte Menschen, die ihn so flehentlich anblickten, daß ihm die Augen übergingen. Was soll er mit ihnen anfangen? wem soll er sie überlassen? Selber behalten kann er sie nicht und füttern kann er sie auch nicht. Selbstverständlich läßt er ihnen für den Augenblick etwas Durra reichen, denn sie haben seit sechsunddreißig Stunden nichts gegessen. »Ich wollte heute mein Leben hinlegen,« ruft er aus, »um das Elend dieser Menschen zu lindern; wie viel mehr muß Gott sich ihrer erbarmen!« Und immer mehr wird es ihm zur Klarheit, daß das Schwerste des von ihm unternommenen Kampfes nicht sowohl die Unterdrückung der Händler selbst sei, als die Versorgung der hilflosen Sklaven.

Es ist ihm öfters zur Last gelegt worden, daß er selbst Sklaven, als solche, seinen Truppen einverleibe, ja sie gegebenenfalls sogar kaufe. Er, der sein Leben für nichts achtete in dem großen Kampf gegen das Unrecht, konnte es ruhig der Zeit überlassen, sein Thun ins rechte Licht zu setzen. Er braucht Truppen gegen die Sklavenhändler; woher soll er sie nehmen? Wenn er es unterläßt, Sklaven zu nehmen und ihre Eigentümer zu entschädigen, so gehören sie nach wie vor, d. h. vertragsmäßig noch zwölf Jahre lang ihren jeweiligen Herren. Sie mit Gewalt frei machen, hieß den Aufruhr verallgemeinern. Es schien ihm der beste Weg, die Banden bewaffneter Sklaven im Land möglichst unter seine Disziplin zu bringen. Das Urteil der Leute hatte ihn nie viel angefochten. Seiner Schwester formuliert er Anklage und Entschuldigung mit den kurzen Worten:

»Ich möchte, daß Du es richtig verstehst -- ›Oberst Gordon kauft Sklaven an von Regierungs wegen und läßt die Gellaba nach wie vor ihr Wesen treiben‹, heißt's in den Zeitungen. Ja, er thut's, denn nur mit Hilfe von Sklaven kann er die Sklavenhändler bekämpfen und die bewaffneten Banden unter sich bringen. Die Sklaven, die ich kaufe, sind längst ihrer Heimat entrissen, ich kann sie nicht zurückschicken, selbst wenn ich wollte. Es ist nicht, als ob ich dem Handel dadurch Vorschub leistete, nicht einmal indirekt, denn gerade dadurch gewinne ich ein Mittel, ihn zu unterdrücken.«

Die Gellaba -- er nennt sie selbst Geier -- sind die kleinen Händler, welche die Ware im einzelnen den Jägern abkaufen.

»Wenn wir mit Rußland im Krieg sind,« sagt er, »benutzen wir diesen Zeitpunkt nicht, um in Indien Mißstände zu unterdrücken? Ich wäre tollkühn, wollte ich mir die kleinen Leute verfeinden, ehe ich mit den Hauptsündern fertig bin.«

Er weiß, daß in Schekka an viertausend Sklaven liegen, die ihm in die Hände fallen werden, sobald er jenes Nest aushebt.

»Was soll ich mit ihnen anfangen, mit Weibern und Kindern? Ich kann sie nicht in ihre Heimat zurückschicken (weithin ins Innere von Afrika, selbst wenn er im einzelnen Fall immer wüßte, wo die Geraubten zu Hause sind!) ich kann sie nicht erhalten. Ich muß sie entweder den Stämmen überlassen, oder meinen Truppen, oder den kleinen Händlern. Ich habe keine andere Wahl. Wenn ich sie freigebe, so überlaufen sie das Land, und ein herrenloser Sklave ist wie ein verlorenes Schaf -- das Eigentum dessen, der ihn findet. Ich muß suchen den Ausweg zu ergreifen, der für die armen Sklaven der beste ist. Was Europa dazu sagt, ist nicht die Hauptsache: es ist der Sklave, der leidet, nicht der Europäer. Das weiß ich wohl, daß wenn ich jene viertausend Sklaven den Stämmen oder den Gellaba, oder auch meinen Truppen überlasse, man in den nächsten Monaten um so viel mehr von Sklaventransport hören wird; aber dann ist wenigstens das damit gewonnen, daß die Ärmsten auf die beste Art ihre Bestimmung erreichen und nicht hier Hungers sterben.«

Als ihre Bestimmung kann man neben dem Orient überhaupt auch Ägypten betrachten, wo merkwürdigerweise der Ankauf von Sklaven auch dann noch gestattet war, als der Handel im Sudan unterdrückt werden sollte.

»Ich könnte die Verantwortung von mir abwälzen, und die Sache sich selbst überlassen -- das hieße die Sklaven dem sichern Elend und dem Hungerstod preisgeben. Soll ich ein solcher Feigling sein, aus Furcht vor der Meinung des besser unterrichteten Europa? Nein, ich werde dem Transport fürs nächste Vorschub leisten. Die Leute sollen in die Zeitungen schreiben, was sie wollen. Hier sind die Sklaven, um sie her die Geier, und hier bin ich, der eine Mann, der keine Nahrung für sie hat und keine Möglichkeit, sie in ihre Heimat zurückzuschicken. Hätte ich einen tüchtigen Mann mit starkem Arm, der mir helfen könnte, jeden einzelnen Sklaven nach seinem Wunsche zu behandeln -- es wäre mir lieber. Denn merkwürdigerweise haben selbst diese elenden Sklaven noch Wünsche in dieser Hinsicht -- manche vertrauen sich lieber den Gellaba an, manche den Stämmen, manche meinen Truppen; nach ihrer verwüsteten Heimat verlangen sie indessen nicht zurück, denn sie wissen, daß sie dann nur anderen Stämmen zum Opfer fallen und wieder Sklaven werden. Ihre Dörfer sind zerstört; es würde lange dauern, ehe sie nur wieder auf eine Ernte hoffen könnten.... Angesichts dieser Thatsachen steht man hilflos dem Erlaß gegenüber, daß alle Sklaven nach zwölf Jahren frei sein sollen. Wer will sie frei machen? Man könnte gerade so gut erwarten, daß Steine und Bäume das Gesetz erfüllen, als daß die Stämme unter sich ihre Sklaven aufgeben. Man kann lediglich nichts thun, als sie an der Jagd auf neue Sklaven hindern ... Ich habe so wenig Korn hier, daß ich nicht weiß, was anfangen. Bei solcher Sorge vergeht einem der hohe Mut. Aber das weiß ich, daß ich um keinen Gewinn der Welt die übernommene Arbeit jetzt aufgebe; es wäre eine Feigheit ... Ich höre von Fascher, daß nach einem Ausfall auf Harun das Volk zu Hunderten Hungers starb oder den Pocken erlag -- arme Kinder und Weiber, deren jedes sein Leben lieb hat wie wir! Schön war, daß meine Araber ihre Gefangenen freiließen -- es seien ihrer zweihundertfünfunddreißig gewesen, die Arm in Arm in einer langen Kette davonwankten. Es geschah in der Hoffnung, sie vor den Gellabas zu retten, was hoffentlich gelungen ist ...

»Eine Truppe ausgehungerter Menschen ist in meinen Hof eingebrochen, ich habe sie fortschicken müssen bis morgen, in der Hoffnung, bis dahin etwas Durra aufzutreiben.«

Mittlerweile verhielt sich der von Darra abgesandte Offizier ganz unthätig, ja Gordon hörte, daß er sich vom Feind habe bestechen lassen. Kein Wunder, daß Gordon allen Mut verlor, sich auf seine Truppen zu verlassen. Er beugt sich unter diese Thatsache als unter eine Fügung Gottes. Dies hindert ihn aber nicht, sich vorzunehmen, den Mann im Betretungsfalle kriegsrechtlich erschießen zu lassen. Wie seine Truppen sich ferner verhielten, ergiebt sich aus folgendem. Die ~Leparden~, ein zahlreicher Stamm, hatten sich gegen ihn aufgeworfen und die Verbindung zwischen Darra und Tuescha abgeschnitten. Er beschloß daher, seinen Besuch in der Räuberhöhle Schekka noch hinauszuschieben und mit einer Abteilung seiner »Unbeschreiblichen« und einer Anzahl verbündeter Mascharins den Leparden entgegenzuziehen. Es war eine schlimme Nacht, voll Sturm und Regen.

»Ich zog meinen Mantel an und setzte mich unter meinen Schirm und wünschte, es wäre Tag. Angenehm war die Lage nicht, aber ich wickelte mich ein und konnte schlafen.«

Es war ein Regen, der einem die halbe Kraft aus dem Körper spülte, sagt Gordon, aber nichtsdestoweniger führt er seine Leute am folgenden Tage in den Kampf -- den Teil wenigstens, der bei der Hand war, und das waren ~nicht~ seine »Unbeschreiblichen«, die langsam hinterdrein kamen. Seine Verbündeten, die Mascharins, waren es, die, obgleich geringzählig, sich nicht halten ließen und die Leparden, d. h. ihre einhundertsechzig Mann starke Vorhut, gänzlich aufrieben. Als seine Truppen herankamen, besetzten sie das gewonnene Lager des feindlichen Stammes, und während Gordon mit dem Häuptling der Mascharins Kriegsrat hielt, stürmten die Leparden in zwei Abteilungen von je dreihundertfünfzig Mann daher. Sie wurden zurückgeworfen, aber wieder nicht von seinen Truppen, sondern von den tapfern Mascharins, deren Anführer Ahmed Nurra tödlich verwundet wurde. Seine Helden hielten das Palissadenwerk von der sichern Seite! Gordon befand sich in einem Zustand der peinlichsten Entrüstung. Das Einzige, was ihn zurückhielt, sich selbst unter die anstürmenden Leparden zu werfen, war der Gedanke, daß seine elenden Truppen dann gar nicht mehr wüßten, was thun. Aber gründlich verhaßt wurden ihm die Baschi-Bosuks mit ihrem Waffengeklirr, wenn der Feind nicht da war, und ihrer maßlosen Feigheit, wo's Ernst galt.

»Kein Mensch hat eine Vorstellung davon, was meine Offiziere und Soldaten für Kerle sind -- ihr bloßer Anblick regt mir die Galle auf!«

Der kurze Feldzug endete damit, daß er die Leparden von drei Wasserstationen abschnitt, so daß nur eine einzige, vierte Quelle ihnen blieb. Den Feind in jenen Wüstenländern vom Wasser abschneiden, heißt ihn besiegen. Die Brunnen liegen stundenweit auseinander.

»Gern hätte ich's den Frauen und Kindern und dem armen Vieh erspart, aber ich habe keine andere Wahl, wenn ich den Stamm bewältigen will.«

In der glühenden Hitze kamen sie denn auch bald mit hängenden Zungen und verdorrten Lippen und baten um Gnade. Gordon nahm ihnen die Speere ab, ließ sie auf den Koran Treue schwören und schickte sie dann allesamt an die nächste Quelle.

»Sie waren einen Tag ohne Wasser, ich kann's nicht ändern. Der Krieg ist ein grausames brutales Geschäft. Wie oft lesen wir in den Kriegen Israels, dass das Volk ohne Wasser war. Es ging damals nicht anders zu als jetzt.... Meine Berittenen fingen einen Scheik ein, er war über die Maßen durstig; wie gern hab ich ihm Pardon gewährt und ihn mit seinen Leuten ans Wasser geschickt ... er sagte, der Stamm sei auseinandergesprengt. Auch des Häuptlings Sohn war dabei, ein fünfzehnjähriger Junge, und wie sie gebunden in meinem Zelt hockten, sah ich, wie der arme Bursche nach Wasser lechzte. Was für eine Freude war's, ihn sich satt trinken zu lassen!«

Aber auch Streitigkeiten mußte er beilegen. Der Zankapfel war oft nur eine Handvoll Korn, oder ein irdener Topf. Ob solcher Beute gerieten zwei hintereinander, die verschiedenen Stämmen angehörten, und der eine erschoß den andern!

»Ich ließ die Stammesangehörigen des Getöteten vortreten und auch den Gefangenen; und dann fragte ich sie, ob ich ihn erschießen sollte, oder ob sie ihn haben wollten, damit er für die Hinterbliebenen des Ermordeten arbeite. Und ich war froh, zu finden, daß sie auf den letztgenannten Vorschlag eingingen. Der Mann war vorher schon der Sklave eines der Soldaten (das Wort ist mir entschlüpft, ich wollte ihn nicht so nennen!) ich habe ihn daher nur einem andern Herrn gegeben. Das Entsetzen der Leute war unbeschreiblich, als ich mich mit meinem Gewehr vor den schwarzen Mörder stellte und den Hahn spannte -- es war gar nicht geladen. Ich wußte auch, daß sie seinen Tod nicht verlangen würden, denn selbst in diesen armen wilden Menschenherzen wohnt Gutes. Sie glaubten aber fest, ich würde ihn erschießen, wenn sie nicht um sein Leben einkämen, und so thaten sie's einstimmig.«

Die Leparden hielten nicht lange Frieden, kaum länger als bis ihr Durst gestillt war, und dann entführten sie Gordons Verbündeten eine Anzahl Sklaven, wofür er ihnen tausend Stück Vieh wegnahm und einen weiteren Teil des Stammes entwaffnete. Er rückte durchs Lepardenland nach Duggam vor, wo ein Gemisch von Stämmen hauste. Die Leparden gingen nach Gebel Heres zurück; er zog ihnen nach und hörte, daß Harun sie unterstützte, indem er ihnen vierzig Berittene nach Gebel Heres zur Verstärkung geschickt habe, während er selbst das Land weiter nördlich verwüstete. Seinem Truppenteil, den er in jener Gegend vorfand, kann Gordon das gewohnte Lob gänzlicher Untüchtigkeit ausstellen. Eine ganze Menge Fragen hinsichtlich eingebrachter Sklaven harrten seiner Erledigung.

»Ich wollte, die Gesellschaft zur Unterdrückung der Sklaverei wäre hier,« ruft er nicht ohne Ironie, »und sagte mir, was ich thun soll!«

Während er seine erbärmlichen Streitkräfte beklagt, gab's Meuterei; sein Leben war nicht sicher in ihrer Mitte. Fascher war so nahe, daß man seine Wachtfeuer von der Stadt aus sehen mußte; dort waren achttausend Mann ihm dienstpflichtiger Truppen eingesperrt -- oder sollten doch dort sein. Er machte sich auf den Weg, um ihnen das Gewehr zu visitieren, und erreichte mit etlichen hundert Mann die Stadt gegen Abend nach einem »schmählichen Ritt« durch Sumpfland. Man hatte keine Ahnung von seinem Kommen und war »angenehm überrascht«. In der Stadt selbst waren viermal so viel Truppen, als er bei sich hatte, und zehnmal so viel kampierten unter Hassan Pascha Helmi drei Tagmärsche entfernt; aber von diesem Militär war nicht der geringste Versuch gemacht worden, sich nach Darra oder sonst wohin durchzuschlagen, während der Feind noch vor kurzem bis in die Nähe von Fascher Streifzüge unternommen hatte. Hassan Pascha, der die Besatzung befehligte, hatte sich schon vor Wochen in aller Gemütsruhe mit dem Hauptteil der Truppen davon gemacht. Gordon verschrieb sich den Mann. Mittlerweile konnte er von einem anderen seiner Offiziere folgenden Streich erzählen.

»Ein Muezzin oder Gebetsrufer in der Stadt war gewohnt, die Gebetsstunde nah bei der Stelle auszurufen, wo jetzt mein Zelt steht. Mein Oberstlieutenant hieß ihn schweigen, weil es mich störte; zum Glück erfuhr mein schwarzer Schreiber die Sache. Es lag nichts anderes zu Grunde als der Wunsch, den Fanatismus der Leute gegen mich aufzustacheln. Ich schenkte dem Ausrufer 40 Mark, meinen gefälligen Freund, den Oberstlieutenant, aber schickte ich nach Kedaref in die Verbannung, wo er Zeit finden wird, ähnliche Pläne auszuhecken. Ich besinne mich nie einen Augenblick, solche Kerle zu züchtigen. Der Gebetsrufer schreit jetzt noch einmal so laut, eben während ich dies schreibe.... Ich gebe mir alle Mühe, jenen anderen Tapfern, der sich bestechen ließ, um den Feind nicht anzugreifen, und mich neunzehn Tage in Darra hinhielt, seiner Thaten zu überführen; aber die Zeugen sind nicht besser als er selber, so wird mir nichts übrig bleiben, als meine despotische Gewalt in Anwendung zu bringen. Er nahm viertausend Mark in Geld, den Wert von tausend Mark in Straußenfedern und zehn Kamelladungen Durra als Geschenk hin, um den Stamm nicht anzugreifen.... Sebehrs Sohn ist jetzt bereit, sich mir anzuschließen in der Hoffnung, das Land um so besser zu plündern; und Harun plündert auf seine Rechnung im Norden. Ich sitze mitten zwischen diesen beiden, und um mich her sind die Stämme, die jenem feindlich sind und teilweise auch mir feindlich, während sie dem Harun günstig sind und von mir erwarten, daß ich ihnen gegen Sebehrs Sohn beistehe -- das nennt man einen dreiseitigen Zweikampf.«

Es war in der That eine unerquickliche Lage, die täglich schwieriger wurde. Von den drei Feinden, mit denen er im Zweikampf stand, wäre der selbstgekrönte Sultan ohne Zweifel am leichtesten zu unterwerfen gewesen, wenn er ihn nur im offenen Felde hätte stellen können; aber abgesehen von seinem Mangel an tüchtiger Mannschaft, war er anderwärts zu sehr in Anspruch genommen, und Hassan Pascha mit seinen fünftausend Unthätigen hatte nicht den Mut, ohne die Gegenwart Gordons den Angriff zu wagen.

Es waren die eingebornen Stämme, die dem Feldherrn so hinderlich waren. Manche in nächster Nähe verhielten sich noch feindlich, und die entfernteren thaten ihr Bestes, die von ihm zur Ruhe gebrachten wieder aufzustacheln. Außerdem wurde sein Schreiber krank und für alle Einzelheiten der Verwaltung mußte er selbst einstehen. Wegen jeder Kleinigkeit drängten sich die Leute unangemeldet in des Generalgouverneurs Zelt und meinten, er könne sich ihrer nicht schnell genug annehmen. Erteilte er aber einen Befehl, so erfüllte man denselben im Leichenschritt. Seine Diener waren nicht besser als seine Soldaten. »Ich erledige täglich einen Berg von Geschäften,« schreibt er, trotz der furchtbaren Hitze, die so sengt und brennt, daß er »alle vierzehn Tage eine neue Haut im Gesicht hat.« Und wenn er von einem Ausritt müde heimkommt, so findet er Skorpione in seinem Zelt, oder dasselbe von einem Sturmwind umgeblasen, während seine Diener dabei sitzen, als ob es sich von selbst wieder aufrichten müsse. Dann ist er wohl manchmal niedergeschlagen und meint, es helfe alles nichts, er müsse dieses verzweifelte Land sich selbst überlassen, aber sein hoher Mut gewinnt auch in solcher Lage die Oberhand und er sieht durch den Wolkenhimmel doch wieder die Sonne scheinen.

Er hatte sein Hauptaugenmerk zur Zeit auf Harun gerichtet, denn der Verdacht war ihm gekommen, ob Hassan mit seinen fünftausend nicht ähnlichen Verrat treibe, wie jener andere, der sich hatte bestechen lassen. Und obschon es fast täglich Unternehmungen gegen die feindlichen Stämme oder Streifzüge auf höchstnötigen Proviant zu leiten gab, so traf er doch energische Vorbereitungen, einer etwaigen Krisis zuvorzukommen. Da hieß es mit einemmal, der »Sultan« sei verschwunden und niemand wisse wohin. Somit hatte er neben verlorener Mühe vorläufig das Nachsehen.

Während er so sein Bestes thut, der kleinen wie der großen Mühseligkeiten Herr zu werden, kommt ihm die Nachricht, daß sein schlimmster Feind ausgebrochen ist und sich anschickt, Darra zu belagern. Gordon weiß, daß Soliman sechstausend bewaffnete Sklaven mit sich führt, während er selbst zwar seine »unbeschreiblichen« Helden hat, sich aber nicht im geringsten auf sie verlassen kann, -- eine Wendung der Dinge, vor der alle bisherigen Schwierigkeiten erblaßten. Gordons Genie aber erweist sich nie glänzender als in einer Lage, die völlig hilflos erscheint. Da gürtet sich der Held zum Einzelkampf und erringt einen Sieg, der durch Waffen allein nicht zu gewinnen wäre. Schrieben wir einen Roman, es ließe sich nichts Romantischeres denken, als solche Siege über große Bedrängnis; da es sich aber um Thatsachen handelt, so ist es eben die großartige Kindeseinfalt des heroischen Mannes, die stets mitten ins Feuer geht, den Umstand vergessend, daß er einer ist gegen viele. Gordon verlor keinen Augenblick. Seine Armee und alles zurücklassend, bestieg er sein Kamel und ritt allein und unbewaffnet nach Darra. Von diesem gewaltigen Ritt, eine der wunderbarsten Leistungen in seiner ganzen wunderbaren Laufbahn, lassen wir ihn selbst an seine Schwester berichten. Es ist hierbei nur zu bemerken, was übrigens von allen seinen Briefen gilt, daß er stets frisch nach der That schrieb und nicht im entfernteren daran dachte, daß je ein größerer Leserkreis an seinen Berichten sich erfreuen würde.