Goethes Lebenskunst

Part 8

Chapter 83,290 wordsPublic domain

Auch das Zeichnen und Malen wurde im klassischen Weimar zuweilen zum gesellschaftlichen Vergnügen. Wir besitzen ein Bild von Georg Melchior Kraus, wo er im Kreise um die Herzogin Amalie neun Damen und Herren an einem Zeichentische abgebildet hat: Goethe, Einsiedel, Herder usw.; zwei der Damen sticken, Herder macht den Zuschauer, die Übrigen haben alle den Stift oder den Pinsel zur Hand. Als im Oktober 1806 die Frau Schopenhauer trotz ihrer Neuheit in Weimar zweimal in der Woche Tee-Abende geben und dazu namentlich den Geheimen Rat Goethe als regelmäßigen Gast gewinnen wollte, gab ihr sein Freund Heinrich Meyer einen guten Rat. „Goethe fühlt sich recht wohl bei mir“ konnte sie dann sehr bald an ihren Arthur schreiben;

ich habe einen eigenen Tisch mit Zeichenmaterialien für ihn in eine Ecke gestellt. Wenn er dann Lust hat, so setzt er sich hin und tuscht aus dem Kopfe kleine Landschaften: leicht hingeworfen, nur skizziert, aber lebend und wahr, wie er selbst und Alles, was er macht.

Einmal brachte er der Gastgeberin einen schön aus Papier ausgeschnittenen Blumenstrauß von dem Hamburger Maler Philipp Otto Runge mit; da zeigte ihm Frau Schopenhauer, daß sie diese Kunst auch verstand, und legte ihm einen ebensolchen Kastanienzweig vor.

Er freute sich darüber wie ein Kind zum Weihnachten ... Die Übrigen gingen an’s Klavier im Nebenzimmer; ich blieb allein bei Goethe an seinem Zeichentische ... Nun erzählte er mir von einem Ofenschirme, den ich so machen müßte, machte mir mit ein paar Strichen eine Zeichnung dazu und will mir auch beim Aufkleben helfen.

Beide gingen sogleich mit großem Eifer an diese Aufgabe. Die junge Witwe schnitt ihre Blumen, und der berühmte Dichter war „gewaltig beschäftigt“, sie zur Verzierung des Ofenschirmes zu ordnen. Ende Januar 1807 berichtet Johanna wieder darüber.

Es ist eine herrliche Sache um solche gemeinschaftliche Arbeiten, die man mit Lust und Liebe anfängt; es gibt kein schöneres, festeres Band für’s gesellige Leben. Ich habe immer mit meinen Freunden Etwas vor, und Das gibt ein Zusammenkommen, ein Beraten, ein Überlegen, als hinge das Wohl der Welt daran; am Ende wird es ein Ofenschirm ... Klugen, vernünftigen Leuten muß unser Beginnen fast töricht erscheinen. Wenn so ein Senator oder Bürgermeister sähe, wie ich mit Meyer Papierschnitzel zusammenleime, wie Goethe und die Andern dabei stehen und eifrig Rat geben, er würde ein recht christliches Mitleid mit uns armen kindischen Seelen haben ...

Der Ofenschirm ist fertig und die Bewunderung aller Welt; er ist wirklich über Erwarten hübsch! Goethe hat letzt mit dem Lichte in der Hand wohl eine halbe Stunde davor gesessen und ihn besehen, und wer ihm näher kam, Der mußte mit bewundern und besehen.

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[Sidenote: Kartenspiel]

Zu den väterlichen Warnungen, die Goethe auf die Universität mitnahm, gehörte diejenige vor allem Kartenspiel. In Leipzig aber überzeugte ihn eine mütterliche Freundin, die Hofrätin Böhme, daß nur der Mißbrauch gefährlich und schädlich sei, und sie unterwies ihn in Pikett, L’hombre und anderen in Gesellschaft üblichen Spielen. Ein guter Kartenspieler wurde ihr Zögling jedoch nicht. „Ich hatte wohl den Spielsinn, aber nicht den Spielgeist“ so schilderte sich Goethe später:

Ich lernte alle Spiele leicht und geschwind, aber niemals konnte ich die gehörige Aufmerksamkeit einen ganzen Abend zusammenhalten. Wenn ich also recht gut anfing, so verfehlte ich’s doch immer am Ende und machte mich und Andere verlieren, wodurch ich denn jederzeit verdrießlich entweder zur Abendtafel oder aus der Gesellschaft ging. Kaum war Madame Böhme verschieden, die mich ohnedem während ihrer langwierigen Krankheit nicht mehr zum Spiel angehalten hatte, so gewann die Lehre meines Vaters Kraft; ich entschuldigte mich erst von den Partien, und weil man nun nichts mehr mit mir anzufangen wußte, so ward ich mir noch mehr als Andern lästig, schlug die Einladungen aus, die denn sparsamer erfolgten und zuletzt ganz aufhörten.

Diese Erfahrung machte ihn in Straßburg willfährig, als dort ein älterer Freund, Salzmann, die gleiche Forderung an ihn stellte wie einst die Professorin Böhme. Goethe sah ein, daß man sich durch diese kleine Aufopferung -- wenn sie ja als solche gelten dürfe -- manches Vergnügen und „sogar eine größere Freiheit in der Sozietät verschaffen könne, als man sonst genießen würde“; handelte es sich doch damals, wenn vom Kartenspiel die Rede war, in der Regel nicht um einen Wirtshaus-Zeitvertreib unter Männern, sondern um eine häusliche Unterhaltung zwischen Damen und Herren. Die Gefahr, daß Einzelne von der Spielleidenschaft ergriffen wurden, blieb freilich; nicht Wenige brachten sich bei Kunst- und Glückspielen um Wohlstand, Häuslichkeit und Ehre. Aber Goethe fühlte nie eine übermäßige Anziehung vom Spieltisch aus, und wenn er die Karten in der Hand hielt, blieb ihm das Beisammensein mit den Menschen die Hauptsache.

Das alte eingeschlafene Pikett wurde daher hervorgesucht; ich lernte Whist, richtete mir nach Anleitung meines Mentors einen Spielbeutel ein, welcher unter allen Umständen unantastbar sein sollte, und nun fand ich Gelegenheit, mit meinem Freunde die meisten Abende in den besten Zirkeln zuzubringen.

Er war selber noch ein junger Student, als ein noch jüngerer, Augustin Trapp in Worms, ihn um einen Gewissensrat über das Kartenspielen bat; Goethe neigte damals zur herrnhutischen Frömmigkeit und hatte Verständnis für solche Nöte; seine Antwort war vermittelnd:

Wenn Sie es für eine Sünde halten, so spielen Sie nicht! Warum wollen Sie törig sein und Ihr Gewissen, anderen Leuten zu gefallen, beschweren? Aber ich wünschte nicht, daß Sie eine +Religions+sache daraus machten und +sagten+: Ich tu es nicht, weil ich’s für Sünde halte.

Und noch weniger wünschte ich, daß Sie Jemanden, der gerne spielt, abhalten und denen Leuten beweisen wollten, es sei Sünde. Wer spielen will, Den lassen Sie spielen! Aber Sie, lassen Sie’s sein! Wenn man Sie nötigt, so sagen Sie: „Ich spiele nicht.“ Wenn man fragt: „warum?“ so sagen Sie: „Weil ich keinen Gefallen dran habe.“ Sagen die Leute: „Das ist Grille,“ so antworten Sie mit einem großen Philosophen: „Gut, es sei Grille: habt Ihr etwan keine?“ Und wenn man Sie fragt: „Was halten Sie von dem Spiel?“, so können Sie sagen: „Ich spiele nicht; was ich davon halte, kann sehr einerlei sein; meine Meinung wird zur Entscheidung des Streits nichts beitragen.“

Und so helfen Sie sich durch, wenn Sie können! Denn es ist aus tausend Ursachen gut, gewisse Kleinigkeiten nicht nach den Grundsätzen der Religion, besonders öffentlich, zu beurteilen. --

Als Goethe nach Weimar kam, fand er, daß an diesem Hofe, wie an allen deutschen Höfen, das Kartenspiel die tägliche Unterhaltung war, ebenso bei allen adligen und bürgerlichen Gesellschaften. Bei den Redouten fehlte auch die Pharaobank nie. Wir wissen nur wenig von großen Geldverlusten; der Zeitverlust aber war ein ungeheurer. Die Wenigen, die sich ausschlossen oder gar gestanden, sie hätten die Spiele nicht gelernt (L’hombre, Tarock, Whist usw.) wurden von den damaligen Regelrechten wie Meerwunder angestaunt. Goethe und Frau v. Stein gehörten zu diesen Ausnahmemenschen: schon diese Besonderheit führte sie in Gesellschaft zueinander.

Goethe hat von diesem Zeitverderb sein ganzes Leben lang keine gute Meinung gehabt, und in Bausch und Bogen könnte man sagen, er habe keine Karten gespielt. Einige Ausnahmen finden sich jedoch; z. B. spielte er in den Jahren 1811, 12 und 13 ziemlich oft nach Tische oder auch abends mit Christiane, August und den Schauspielerinnen Engels und Lortzing eine Partie Whist. Im Januar 1814 schildert er einem alten Freunde, wie er jetzt den Frauen schön tue: „Mit den bejahrten spiele ich Karte und die jüngeren lehre ich Irgendetwas.“

Danach oder mit Christianens Ausscheiden scheint das Kartenspielen für ihn aufgehört zu haben. Aus seinen letzten Jahren bezeugt einer seiner Freunde, Soret, daß Goethe diese Art, sich in größeren Gesellschaften zu unterhalten, abscheulich fand; er spottete darüber, daß die Schönen in all ihrer Huld und Frische mit jungen, fast unbärtigen Männern die gelehrten Regeln des Whist und Boston ernsthaft besprachen. „Doch laßt’s nur gut sein“ meinte er dann wohl, „in unserer Zeit, wo die Throne gestürzt werden, zeigt man seine natürliche Liebe zur Ordnung und Unterordnung wenigstens durch Anerkennung des Karo-Königs.“

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[Sidenote: Tanzen]

Das Tanzen war in Goethes Zeit und in den Kreisen, wo er sich bewegte, ein sehr häufiges Vergnügen; die Tanzkunst war bei den Vornehmen geradezu eins der ersten und wichtigsten Unterrichtsfächer; es ward noch mehr Zeit darauf verwandt als auf den Katechismus. Unter Goethes Freunden waren denn auch nicht wenige Künstler in diesem Fache; er selber tanzte sehr gern und blieb zeitlebens ein Lobredner dieser Unterhaltung. Auf die Ausschmückung der Redouten hat er sehr viel Zeit verwandt. Zum letzten Male „tanzte“ er am Abend vor seinem 74. Geburtstag; es war in Karlsbad bei einem Tanztee, den Graf Zenigeo gab: „Zu der Schlußpolonaise forderte mich eine polnische Dame zum Tanze auf, den ich mit ihr herumschlich und mir nach und nach beim Damenwechsel die meisten hübschen Kinder in die Hand kamen.“

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Ebenso begünstigte er das gesellschaftliche Theaterspiel zeitlebens, sowohl bei Erwachsenen wie bei Kindern. Als vierjähriger Knabe erlebte Goethe die erste häusliche Schauspiel-Vorstellung durch ein Puppentheater, das er zu Weihnachten bekam; das letzte Theaterstück sah er als zweiundachtzigjähriger Greis, wiederum zu Hause; seine Enkel und ihre jungen Freunde spielten ihm am 6. November 1831 seine eigene ‚Fischerin‘ vor.

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[Sidenote: Klatsch]

Die allergewöhnlichste Unterhaltung, der Klatsch, beschäftigte auch im klassischen Weimar viele Zungen. Goethe stand von jeher abgesondert und hatte den Kopf voll von höheren Dingen; er erfuhr nur selten, was über ihn und die Seinen gesprochen wurde, und nahm auch an dem allgemeinen Hin und Her der höfischen und städtischen Tagesgeschichte nur selten teil. Zuweilen merkte er dann, daß seine „fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen“ für einen Staatsdiener doch nicht ganz ratsam war. „Ich bin nicht zu dieser Welt gemacht“ schrieb er dann in sein Tagebuch; „wie man aus seinem Haus tritt, geht man auf lauter Kot, und weil ich mich nicht um Lumperei kümmere, nicht klatsche und solche Rapporteurs nicht halte, handle ich oft dumm.“

Nun sind hübsche Geschichten nur um so anschaulicher, wenn sie in unserer Nähe spielen und unsere Bekannten betreffen. Solche Geschichten hat auch Goethe gern angehört und selber erzählt. In seinem Alter ließ er sich von dem trocken-witzigen Heinrich Meyer gern Dergleichen mitteilen; namentlich hörte er von seiner Schwiegertochter Ottilie und ihrer Schwester Ulrike gern „neuerliche frauenzimmerliche Vorkommnisse“ oder Nachrichten von den fürstlichen Personen. „Ottilie, von Belvedere kommend, den Hofzustand schildernd, mit Neigung, wie ich’s liebe“; so lesen wir einmal im Tagebuch von 1831, und ein andermal: „Mittag Ottilie, allen Stadtklatsch durchgearbeitet, wobei denn gar hübsche novellenartige Verhältnisse zum Vorschein kamen.“

[Sidenote: Mißreden und Ausfragen]

Ganz anders aber stellte er sich, wenn die Erzähler nicht so gutartig waren, wenn sie ihre Neigung zu Witz und Spott oder gar ihren Haß an den gemeinsamen Bekannten ausließen. Als der Kanzler ihm einmal einen bösen Witz Riemers erzählte, fuhr er auf: „Durch solche böswilligen und indiskreten Dichteleien macht man sich nur Feinde und verbittert Laune und Existenz sich selbst! Ich wollte mich doch lieber aufhängen, als ewig negieren, ewig in der Opposition sein, ewig schußfertig auf die Mängel und Gebrechen meiner Mitlebenden, Nächstlebenden lauern. Ihr seid noch gewaltig jung und leichtsinnig, wenn Ihr so etwas billigen könnt!“ Noch deutlicher wurde er einmal, als Jenny v. Pappenheim bei ihm zu Tische war und eine Klatscherei zum Vorschein kam. „Euren Schmutz kehrt bei Euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir in’s Haus!“ rief er mit dröhnender Stimme. In größerer Gesellschaft sprach er lieber über Menschen früherer Jahrhunderte und ferner Länder als über die Nachbarn und Freunde.

Wir wissen schon, daß sich Goethe nicht ausforschen ließ. Der Alte hat mit Eckermann absichtlich Ausfrage-Gespräche geführt, aber da war er der Herr und Lenker, und der bescheidene Eckermann stellte nur willkommene Fragen. Kam aber Jemand, der ihn überlisten wollte, so fand er in Goethe seinen Meister. Heinrich Luden wollte, als der ‚Faust‘ erst halb fertig vorlag, über den Fortgang und die Grundgedanken des Werkes gern Offenbarungen haben; Goethe sprach auch recht lange und eingehend mit ihm; das Gespräch füllt vierunddreißig Druckseiten, aber wohl offenbart Luden darin Alles, was er über den ‚Faust‘ weiß und denkt, Goethe jedoch sagt so gut wie nichts. Jean Paul wollte einmal hören, was Goethe über ihn selber denke, wie hoch er seine humoristischen Werke bewerte. Er fragte nicht geradezu, sondern redete über seine Berufsverwandten Sterne, Hippel usw., in der Hoffnung, daß Goethe nun sagen sollte, er, Jean Paul, übertreffe sie doch alle. Aber das Gespräch ward ein Schachspiel, in dem Goethe immer Züge tat, die sein Gegner nicht erwartete, bis sich Jean Paul endlich schachmatt nach Hause begeben mußte. „Einen durchtriebeneren Schalk gibt es auf Erden nicht wie den Goethe“ schreibt Karoline Schlegel über dies Gespräch an Wilhelm Schlegel.

Für ungut aber nahm es Goethe, wenn ihn Jemand durch das Gespräch in eine gemütliche, offenherzige +Stimmung+ bringen wollte, wie Mancher wohl fleißig Wein einschenkt, damit der Andere sein Herz offenbare. „Todfeindschaft kann daraus entstehen“ sagte Goethe einmal bei Tische, „wenn man es tut und sich gegen mich berühmt, daß man mich auf meine Schnurre gebracht habe, sobald ich mit Gutmütigkeit mich geäußert und gehen gelassen habe. Weil es eine falsche Superiorität des Andern und eine Gemütlosigkeit verrät!“

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[Sidenote: Liebste Geselligkeit]

Auch insofern verkaufte sich Goethe nicht der Geselligkeit, als er sich seine Arbeitszeit nicht verkürzen ließ. Wohl wissen wir von vergnügten Abenden, die bis in die Nacht reichten; aber es sind für Goethes viele Lebenstage doch nur wenige. Die Regel: „früh zu Bett und früh heraus“ hat er nur selten durchbrochen. Die ihm zusagende Geselligkeit war: nach einem langen, arbeitsreichen Vormittage ein fröhliches Mittagessen mit Gästen, danach Plauderstunden mit Solchen, die sein geistiges Leben teilten oder bereicherten. Der jüngere Voß hat uns die lebendigsten Schilderungen aus jener Zeit um die Jahrhundertwende gegeben, wo die Schauspieler und Schauspielerinnen durch Christiane mehr in’s Haus kamen als früher und später.

Es wurde bei Tisch gescherzt, gelacht, am Ende sogar die bunte Reihe hindurch geküßt, und Goethe war am lustigsten. Ich bat gegen das Ende der Mahlzeit den Hofmeister von Goethes August, mir einen Schlag zu geben mit den Worten: „Schick’s weiter!“ Ich gab ihn meiner Nachbarin Silie, und Diese ihrem Nachbar, und so ging’s weiter bis zur Maaß, die neben Goethe saß. Die Maaß stutzte ein wenig, doch entschloß sie sich endlich, Goethe einen tüchtigen Klaps zu geben. Goethe drehte sich zu ihr und küßte sie und darauf seine andere Nachbarin mit den Worten: „schick’s weiter!“ Die will durchaus nicht, wahrscheinlich, weil ihr der Nachbar nicht anstand. „Nun,“ sagte Goethe, „wenn’s nicht so herum will, muß es retour gehen“, läßt sich wieder küssen, küßt wieder die Maaß und so geht’s fort bis auf die kleine Silie, die mir den letzten Kuß gab. Nun denk Dir den armen Riemer, der neben mir saß und leer ausgehen mußte, weil bei mir die bunte Reihe aufhörte.

Auch Goethes Abende zeichnet uns Heinrich Voß:

Wenn es Sechs schlägt, so versammelt sich ein kleines Häufchen um ihn, außer mir noch Professor Meyer, Fernow und Riemer, und da bleiben wir dann bis Acht, Neun oder auch wohl bis Zehn ...

Weil er nie ernstlich des Abends arbeitet und seine Augen das Lesen bei Licht nicht vertragen, so hat er gerne Jemand bei sich, mit dem er sprechen kann. Nie ist der Mann liebenswürdiger als in solchen Abendstunden. Dann sitzt er im tiefsten Negligee, in einem wollenen Jäckchen, ohne Halstuch, mit bloßer Brust, die Strümpfe über die Hosen gezogen, auf seinem Sofa und unterhält sich oder läßt sich vorlesen. Und diese Bequemlichkeit, die Abendstille und die Ruhe nach schwerem Tagesgeschäft machen ihn so überaus heiter und gesprächig ... Wenn er dann recht lebendig ist, so kann er auf dem Sofa nicht aushalten; dann springt er auf und geht hastig im Zimmer auf und nieder, und jede Gestikulation, ihm selbst unbewußt, wird zur lebendigsten Sprache. Ja, dieser Mann spricht nicht bloß mit dem Organ der Zunge, sondern zugleich mit hundert andern, die bei gewöhnlichen Menschen stumm sind; und aus seinen Augen strahlt das seelenvollste Feuer. Dann hat sein manchmal furchterregender Blick auch alles Schreckhafte verloren. Besonders gern erzählt er dann von seinem Leben, nie aber etwas Anderes als heitere Dinge. So hat er, obgleich ich ihn mehrmals darauf lenkte, nie umständlich von seiner Krankheit vor drei Jahren gesprochen, und was er davon erzählte, waren auch nur die heitern Zeiten der Krankheit.

Ähnlich erzählt die Malerin Luise Seidler von 1810, wo Frau Christiane und ihre Gesellschafterin, Fräulein Ulrich, noch fröhlich das Leben genossen.

Beim Mittagsessen war Goethe mit Riemer, Meyer und anderen Gästen, deren Zahl jedoch niemals acht überstieg, sehr heiter. Man speiste in einem kleinen Zimmer, dessen Wände mit Handzeichnungen berühmter alter Meister geschmückt waren; das Mahl war stets von gediegener Einfachheit, das Getränk trefflicher Burgunder. Beim Dessert entfernten sich die Damen, „die lustigen Weiber von Weimar“, wie Goethe sie scherzend nannte, um spazieren zu fahren ... Die Herren -- denn nur sehr selten wurden Damen zu Tisch geladen -- blieben sitzen; auch ich hatte ein für allemal die Erlaubnis zum Dableiben. Sobald wir allein waren, nahm Goethe jederzeit irgend einen bestimmten Gegenstand, an welchen er seine scharfsinnigen Bemerkungen reihte, z. B. einen bronzenen Moses von Michel Angelo ... Unter diesen interessanten Gesprächen kam unmerklich der Abend herbei, der neue Genüsse brachte, da man gewöhnlich in das Theater fuhr. Der Dichter hatte damals eine geschlossene Parterreloge unterhalb der herrschaftlichen. In den Zwischenakten wurde kalte Küche präsentiert; auch der Burgunder fehlte nicht.

Alle Besucher, die an Goethes Mahlzeiten teilnehmen durften, rühmten noch lange über die guten Speisen die sehr angenehme Unterhaltung; sie empfanden es als ehrende Liebenswürdigkeit, wie Goethe auch um ihr geistiges Genießen bei der Tafel und nach der Tafel besorgt war. „Die Unterhaltung war eine allgemeine, lebendige und nie stockende, Goethe leitete sie meisterhaft“ ist das Zeugnis Zahns (1827), und Ernst Förster berichtet von 1825: „Es schien bei ihm Bedürfnis, dem Besuchenden entweder eine Freude zu machen, oder einen womöglich sichtbaren Stoff der Unterhaltung zu bieten“; in seinem Falle hatte Goethe eine Anzahl sehr kunstreicher Papier-Schattenbilder von der Hand der Adele Schopenhauer bereit gelegt und ging sie einzeln unter Beachtung jeder Kleinigkeit mit ihn durch.

Förster erwähnt auch eine anmutige Tafelsitte, die man an festlichen Tagen der Mitwirkung Eberweins verdankte:

Das Gespräch wurde auf eine überraschende Weise unterbrochen. An dem einen Ende der Tafel wurde es unruhig; man räusperte sich, gab ein leichtes Zeichen am Glas, und ein vierstimmiger Gesang wurde angestimmt. Es gehörte die schöne Sitte, das Mahl mit Gesängen zu würzen, zu Goethes besonderen Tafelfreuden bei festlichen Gelegenheiten, und so folgte auch heute nach jedem Gange ein Gesang ... Nach dem Dessert setzte sich Hummel an’s Instrument und gab dem kleinen Feste mit einer heitern und reichen Phantasie einen glänzenden Schluß.

[14] Basedow war ein Aufklärer, Hasenkamp ein Pietist.

[15] Fr. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede 1832.

VIII.

Freundschaft.

Schon das Wohlgefallen an der äußeren Erscheinung eines neuen Bekannten, an seiner Stimme und Sprache, seinen Gebärden, Bewegungen und Sitten, erweckt in uns eine Zuneigung, die der Liebe zwischen Mann und Weib verwandt ist. Solche Anziehung übten auf den jüngeren Goethe z. B. Fritz Jacobi, Lavater und Herder aus, schöne Männer, die höchst liebenswürdig sein konnten. Und in älteren Jahren wirkte mancher Aristokrat ähnlich, mit dem ihn die Geselligkeit am weimarischen Hofe oder in böhmischen Bädern zusammenführte.

Häufiger vermitteln gleiche Beschäftigung, Neigung zu den gleichen Wissenschaften oder Künsten oder auch nur gleicher Zeitvertreib eine Befreundung; da Goethe nicht wenige Steckenpferde hatte, so gewann er gar viele Freunde und Halbfreunde dieser Art.

Ähnliche Gesinnung in den Hauptpunkten ist stets Voraussetzung eines engeren Verhältnisses, namentlich wenn man am selben Orte wohnt oder sonst häufig zusammenkommt. Ein solcher Hauptpunkt ist immer die Religion; seit Beginn der französischen Umwälzung wurde aber auch in Deutschland die politische Parteinahme eine Ursache vieler Vereinigungen und Trennungen. Goethe zog sich damals von den „Neufranken“ und für alle Zukunft von den Demokratisch-gesinnten zurück oder hielt sie sich doch so fern wie möglich, nicht etwa aus Rücksicht auf seine Stellung zum Hofe oder Staate, denn sein Landesfürst verlangte dergleichen Vorsicht keineswegs und übte sie selber nicht, sondern weil ihm selber die auf Umsturz und Massenherrschaft gerichteten Bestrebungen peinlich waren, so daß er nicht ohne Not daran erinnert werden mochte.