Goethes Lebenskunst

Part 7

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Unter Philipps Nachfolger war Karl Stadelmann aus Jena einer der wichtigsten; er trat am 1. Februar 1817 seine Stelle als Kammerdiener an, und schon im April läßt er von Jena aus an den jüngeren Herrn v. Goethe bestellen, daß er bei seinen mineralogischen Wanderungen in der Gegend glücklich sei und auch schon den Befehl erhalten habe, den Ettersberg auf seine Art zu untersuchen. Und schon vorher, am 30. März, steht in Goethes Tagebuche: „Wunderbarer Fund von Versteinerungen an der alten Löbstädter Straße durch Stadelmann und Barth“ -- Barth war der Kutscher. Nicht lange danach berichtete Stadelmann an den Bibliotheks-Sekretär Kräuter, daß er wegen all des gelehrten Betriebes nicht zum Briefschreiben gekommen sei. „Sehen Sie, hier in Jena, da laufen Unsereinem die Professoren immer vor den Füßen herum: da kommt ein Bergrat, dort ein Chemiker, da wieder ein Künstler, ein Technolog und weiß Gott was alles; ich muß mich den ganzen Tag mit den Leuten so herumbalgen, und da hab’ ich denn Jedem so etwas abgemerkt.“

[Sidenote: Stadelmann und Krause]

Sieben Jahre bewährte sich Stadelmann als gelehrter Kammerdiener. Er suchte in Thüringen und Böhmen die Berge ab nach seltenen Steinen für die Sammlungen seines Herrn und eignete sich auch auf anderen Gebieten viele Kenntnisse an. Soret erzählt, wie Karl einmal mit triumphierender Miene das Gespräch unterbrochen und um die Erlaubnis gebeten habe, Goethen eine neue Entdeckung vorzutragen. Es handelte sich um die geliebte Farbenlehre.

„Ich habe ein Weinglas auf ein weißes Blatt Papier gestellt -- so -- ferner eine Kerze“ begann Karl. „Man sieht, daß das durch die Flüssigkeit dringende Licht auf dem Papier drei Sonnen mit einem Regenbogen hervorbringt, wie wir ihn neulich am Himmel beobachteten. Dreht man es +so+, so sieht man +eine+ Sonne; +so+ werden es +zwei+ und +so drei+. Und hier ist der Regenbogen, hier der helle Kreis und hier der dunkle Kreis.“

Goethe hörte andächtig zu, obwohl er sogleich sah, daß hier wieder einmal der Laie aus richtiger Beobachtung voreilige Schlüsse zog. Und Stadelmann war glücklich. „Jawohl!“ rief er aus, „es ist doch sonderbar, es ist merkwürdig! Ich habe nur eine halbe Stunde zu diesem Experimente gebraucht und würde wohl noch Anderes entdecken, wenn ich nur Zeit hätte!“

Noch in der Nacht vor seinem eigenen Tode zeigte sich Goethes gutes Herz gegen seine Diener. Er sah, daß Friedrich vom vielen Nachtwachen der letzten Wochen sehr müde war; und er mußte ihn doch in seiner Nähe haben. Da ließ er ihn auf seinem eigenen Bett schlafen, während er im Lehnstuhl, wo er leichter Atem bekommen konnte, daneben saß; der Kopist mußte in dieser letzten Nacht aufpassen, daß der Kranke nicht beim Einschlafen vornüber fiel.

[12] So heißt es in einer Variante zur dritten Bearbeitung des ‚Götz‘.

[13] Prolog zum moral.-pol. Puppenspiel 1774.

VII.

Geselligkeit.

Auch wenn wir von Goethes Geselligkeit reden, müssen wir ihm Eigenschaften zuschreiben, die einander widersprechen: er war gewandt und steif, biegsam-schmiegsam und unbeholfen, Zauberer und Pedant, hingebend und unfühlend.

Wir haben also sehr verschiedenartige Urteile über seinen Umgang mit Menschen. Sobald er als Dichter aufgetreten war, bewunderten seine neuen Bekannten auch den Menschen in ihm und rühmten seine Unterhaltung in höchsten Tönen. Wirklich in höchsten, denn ein Schriftsteller und Hofmeister Clemens Werthes verglich ihn geradezu mit Christus und fragte: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete?“ Er war damals aber auch ein recht gutmütiger Gesellschafter, wenigstens wenn er in neue Kreise trat, wie zum Beispiel als Begleiter Lavaters im Sommer 1774. Dieser bezeugte denn auch: „Ich habe ihn neben Basedow und Hasenkamp,[14] bei Herrnhutern und Mystikern, bei Weibchens und Männinnen: allenthalben denselben edeln, Alles durchschauenden, duldenden Mann gesehen.“

[Sidenote: Wielands Lobgesang]

Acht Wochen nach Goethes Erscheinen in Weimar dichtete Wieland die Verse:

Mit einem schwarzen Augenpaar, Zaubernden Auges voll Götterblicken, Gleich mächtig zu töten und zu entzücken, So trat er unter uns, herrlich und hehr, Ein echter Geisterkönig, daher! -- -- -- So hat sich nie in Gottes Welt Ein Menschensohn uns dargestellt, Der alle Güte und alle Gewalt Der Menschheit so in sich vereinigt! So feines Gold, ganz innerer Gehalt, Von fremden Schlacken so ganz gereinigt! -- -- -- Das laß mir einen Zauberer sein! Wie wurden mit ihm die Tage zu Stunden! Die Stunden wie augenblicks verschwunden! Und wieder Augenblicke so reich, An innerem Werte Tagen gleich! Was machte er nicht aus unsern Seelen? Wer schmelzt wie er die Lust in Schmerz? Wer kann so lieblich ängsten und quälen? In süßeren Träumen zerschmelzen das Herz? Wer aus der Seelen innersten Tiefen Mit solch’ entzückendem Ungestüm Gefühle erwecken, die ohne ihn Uns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?

* * * * *

Und wenn wir dachten, wir hätten’s gefunden, Und was er sei, nun ganz empfunden, Wie wurd’ er so schnell uns wieder neu! Entschlüpfte plötzlich dem satten Blick Und kam in andrer Gestalt zurück. Ließ neue Reize sich uns entfalten, Und jede der tausendfachen Gestalten So ungezwungen, so völlig sein, Man mußte sie für die wahre halten! Nahm unsre Herzen in jeder ein, Schien immer nichts davon zu sehen, Und wenn er immer glänzend und groß Rings umher Wärme und Licht ergoß, Sich nur um seine Achse zu drehen.

Später hätte Wieland dies Gedicht als eine allzu enthusiastische Übertreibung gern aus der Welt geschafft; 1797 meinte er einmal, Goethes Kunst habe von jeher darin bestanden, die Konvenienz mit Füßen zu treten und doch dabei immer klug um sich zu sehen, +wie weit+ er’s gerade wagen durfte. Jenes Gedicht bezog sich auf einen Besuch Goethes und Wielands bei der Familie v. Keller in Stetten; hier in Stetten, erzählte nun Wieland, sei Goethe gegen die alte Dame weit respektvoller gewesen als daheim in Weimar gegen die Herzogin-Mutter, in deren Gegenwart er sich oft auf dem Boden im Zimmer herumgewälzt und durch Verdrehung der Hände und Füße Lachen erregt habe.

[Sidenote: Der Hexenmeister]

In jener ersten weimarischen Zeit besuchte einmal der alte Gleim aus Halberstadt seine Freunde Wieland und Bertuch, und ehe er Goethe kannte, nahm er an einer höfischen Gesellschaft teil. Da erbot sich ein feiner Jäger, ihn im Vorlesen aus dem neuesten Musenalmanach abzulösen, und bald las dieser Jäger das tollste, geistvollste, witzigste Zeug, das gar nicht auf den Blättern stand; sogar eine Fabel auf Gleim improvisierte er in Knittelversen. „Das ist entweder Goethe oder der Teufel!“ flüsterte der Halberstädter Gast Wieland zu. „Beides!“ gab Jener zur Antwort.

Dieser Hexenmeister für fröhliche Gesellschaften, dieser liebenswürdigste Kamerad blieb Goethe nicht lange, oder vielmehr: was anfangs die Regel gewesen war, wurde bald zur seltenen Ausnahme. Es erheben sich auch unter den weimarischen Freunden bald Klagen über sein zugeknöpftes, allzu ernstes Wesen. Und als er von der italienischen Reise wiederkam, erschien er vollends als ein Fremder.

Es ist vielen der nähern Freunde und Lebensgenossen Goethes begegnet, daß er ihnen nach seiner italienischen Reise ganz umgewandelt vorkam, ja, daß sie fast irre an ihm wurden, wenn sie jenen freien harmlosen Lebenssinn, jene unbefangene, zutrauliche, hinreißende Lebhaftigkeit, mit der sie ihn früher die verschiedenen Gegenstände ergreifen zu sehen gewohnt waren, nicht mehr an ihm zu gewahren glaubten. So kam er dem Einen erkaltet, dem Andern verschlossen oder selbstsüchtig, rätselhaft den Meisten vor, und noch späterhin haben ähnliche Klagen nachgeklungen.[15]

Goethe versuchte zuweilen, die Tage unbefangener Jugendlust mit Gewalt zurückzurufen; man sah z. B. bald nach seiner Heimkehr aus Italien, wie er auf einem Hofballe nur mit solchen Mädchen und Frauen tanzte und schwätzte, die außer der Jugend und einem hübschen Gesicht nichts zu bieten hatten, während er die Älteren und Verständigeren mied; und später umgab er sich gern mit jungem Schauspielervolk, das denn doch besser zu seiner Christiane als zu ihm paßte. Im Herbst 1801 erschien er plötzlich einmal in einer Damengesellschaft bei dem klugen alten Hoffräulein v. Göchhausen und begann vor den überraschten Damen alsbald eine Strafpredigt über die verderbte Geselligkeit, die jetzt herrsche. Mit den grellsten Farben schilderte er die dermalige Geistesleere und Gemütlosigkeit: wieviel gemütlicher sei es doch früher gewesen! Seinen ganzen Zorn ergoß er über den Teufel der Hoffart, der die Genügsamkeit und den Frohsinn aus der Welt verbannt, dagegen aber die unerträglichste Langeweile eingeschmuggelt habe. Dann schlug er einen Reformverein vor und zwar eine -- ~cour d’amour~. Sein Vorschlag wurde angenommen; die phantastische Gesellschaft bildete sich aus sieben Damen und sieben Herren. Man kam jeden Mittwoch Abend nach dem Theater in Goethes Haus zusammen; die Damen sorgten für das Essen, die Herren für den Wein. Aber der Liebeshof wurde nicht so unterhaltend, wie man gehofft hatte, und man klagte über Goethes Steifheit, Pedanterie und Tyrannei. Schon nach einem halben Jahre bewirkte die erste Meinungsverschiedenheit, daß die Zusammenkünfte aufhörten.

* * * * *

[Sidenote: Klagen Goethes und über ihn]

Auch Goethe selber hat uns bezeugt, daß er in der Geselligkeit bald frei-spielend, bald unfrei und unbeholfen gewesen sei. „Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst, Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen“ so klagt er schon 1783, und: „Mir ist’s nicht gegeben, gegen die Menge und mit der Menge herzlich zu sein“ schreibt er 1785 an Knebel, als er gegen die berühmte Frau v. der Recke so stumm und kalt geblieben war, daß ihre Begleiterin Sophie Becker von ihm niederschrieb: „Er hat etwas entsetzlich Steifes in seinem Betragen und spricht gar wenig; es war mir immer, als ob ihn seine Größe verlegen mache.“ In den ‚Annalen‘ von 1804 fügt Goethe hinzu: auch wenn er sich nicht verstelle, sondern sich gehen lasse, werde er doch immer von den Leuten nicht recht gefaßt. Um so mehr mußte er mit Staunen später bemerken, wie sehr der Stubengelehrte Schiller in jeder Gesellschaft Herr seiner selbst war.

Schiller war ein ganz anderer Geselle als ich und wußte in der Gesellschaft immer bedeutend und anziehend zu sprechen .... Er ist so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, Nichts engt ihn ein, Nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab. Was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein! Wir Andern dagegen fühlen uns immer bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben auf uns ihren Einfluß .. wir sind die Sklaven der Gegenstände.

[Sidenote: In Düsseldorf und Münster]

Ganz anders klingt dann wieder, was Goethe in der ‚Kampagne in Frankreich‘ über sich und seinen Aufenthalt in Düsseldorf und Münster erzählt. Er beginnt auch hier damit, daß er in Jacobis Hause seine optischen Entdeckungen nur „didaktisch und dogmatisch“ vortragen konnte, denn, sagt er, „eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war mir nicht verliehen.“ Dann aber spricht er von einer „bösen Gewohnheit.“

Da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich geführt wird, höchst langweilig war, indem nichts als beschränkte Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den unter Menschen gewöhnlich entspringenden bornierten Streit durch gewaltsame Paradoxen aufzuregen und an’s Äußerste zu führen. Dadurch war die Gesellschaft meist verletzt und in mehr als +einem+ Sinne verdrießlich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, mußte ich das Böse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch mich gut haben wollten, so ließen sie es nicht durchgehen. Als Ernst konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht gründlich, als Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen umgekehrten Heuchler und versöhnten sich bald wieder mit mir. Doch kann ich nicht leugnen, daß ich durch diese böse Manier mir manche Person entfremdet, Andere zu Feinden gemacht habe.

Er fährt fort:

Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing ... Ich konnte beschreiben, als wenn ich’s vor mir sähe; von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war Jedermann von den lebhaft vorbeigeführten Bilderzügen zufrieden, manchmal entzückt.

„Er ist und bleibt der wahre Zauberer“ schrieb damals Helene Jacobi an Gräfin Sophie Stolberg.

Was die Leute Sonderbares von ihm schwatzen und reden, ist, weil sie immer nur die linke Seite sehen, und Dies ist auch das Verkehrteste an ihm, daß er so gern das Verkehrte aus sich herauswendet.

Wenige Tage danach war Goethe in Münster bei der Fürstin Gallitzin in einem Kreise frommer katholischer Laien und Priester. Er fügte sich vollkommen in diesen Kreis.

Hier wählte ich unaufgefordert die römischen Kirchenfeste, Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter Paul, sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus- und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwärtig, denn ich ging darauf aus, ein ‚Römisches Jahr‘ zu schreiben, den Verlauf geistlicher und weltlicher Öffentlichkeiten; daher ich denn auch meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgeführten Bildern ebenso zufrieden sah, als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja, Einer von den Gegenwärtigen, mit den Gesamtverhältnissen nicht genau bekannt, hatte im stillen gefragt, ob ich denn wirklich katholisch sei. Als die Fürstin mir Dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein Anderes; man hatte ihr nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie solle sich vor mir in acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu stellen, daß man mich für religiös, ja für katholisch halten könne. -- „Geben Sie mir zu, verehrte Freundin“ rief ich aus, „ich stelle mich nicht fromm: ich +bin+ es am rechten Orte! Mir fällt nicht schwer, mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafter Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon wende ich den Blick weg; aber Manches, was ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit erkennen. Da zeigt sich dann meist, daß die Andern ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen.“

Ein junger Schweizer, Horner aus Zürich, durfte im Oktober 1794 als Begleiter seines Landsmanns Heinrich Meyer an einer Gesellschaft bei Herder teilnehmen. Er wunderte sich, wie ungeniert die großen Geister miteinander verkehrten. „Jeder sprach und stand oder setzte sich, zu wem er wollte.“ Herder zeigte sich als der Unterhaltsamste und Überlegenste; Goethe blieb stumm. Da brachte ein gewisser Professor Meyer aus Berlin „auf eine infam-witzige Manier die Heirats- und Sterbensgeschichte“ des armen Karl Philipp Moritz vor.

Dies weckte Goethen so nach und nach aus seiner Kälte auf. Er saß neben mir, und wir schenkten uns wechselseitig um die Wette ein. Nun fing auch er an, von Moritz zu erzählen: was er in Rom für dumme Streiche gemacht hatte, und schlug mit seinem Witz, der viel feiner war, den Professor und bisweilen auch Herdern zu Boden.

[Sidenote: Bei Frau Schopenhauer]

Stephan Schütze, der ihn namentlich im geselligen Kreise der Bankierswitwe Johanna Schopenhauer, der Mutter von Adele und Arthur Schopenhauer, beobachtete, schildert ihn uns, wie er in den Notjahren nach dem Oktober 1806 dort erschien.

Das Merkwürdigste war, ihn fast jedesmal in einer anderen Stimmung zu sehen, so daß, wer ihn mit einem Male zu fassen glaubte, sich das nächste Mal gewiß gestehen mußte, daß er ihm wieder entschlüpft sei. Man hatte bald einen sanft-ruhigen, bald einen verdrießlich-abschreckenden -- auch Kummer drückte sich bei ihm gewöhnlich durch Verdrießlichkeit aus -- bald einen sich absondernden, schweigsamen, bald einen beredten, ja redseligen, bald einen episch-ruhigen, bald, wiewohl seltener, einen feurig-aufgeregten, begeisterten, bald einen ironisch-scherzenden, schalkhaft neckenden, bald einen zornig scheltenden, bald sogar einen übermütigen Goethe vor sich .... Goethe übte gewiß eine Herrschaft über sich, wie leicht Niemand; dennoch drang ein Nachhall der letzten Stunde oder die Laune des Augenblicks oftmals durch die feste Haltung hindurch, und als Gast ohne besondere Verpflichtung ließ er sich hier weit freier gehen als zu Hause, wenn er selbst Gäste empfing.

Schütze erzählt weiter:

Gewöhnlicherweise warf er weder mit Witz noch mit Ideen um sich; ja, er vermied diese sogar, sondern er gefiel sich meist im Ton einer heitern Ironie, die etwas zu loben schien, dessen Unhaltbarkeit sich so von selbst ergeben mußte. ... Schnelle Kreuz- und Querzüge konnte er in der Unterhaltung nicht leiden ... Noch mehr liebte er, etwas ruhig durchzusprechen, wobei Andere oft nur beipflichtend und fragend beförderlich waren, während er eigentlich nur das Gespräch führte und fortsetzte.

Höher noch stieg seine Liebenswürdigkeit, wenn er ganz und gar einer epischen Stimmung sich hingab, wenn er z. B. einen römischen Karneval beschrieb oder sonst etwas von Italien erzählte. Hier konnte man stundenlang ihm zuhören und die ganze übrige Gesellschaft darüber vergessen. Die Ruhe, die Klarheit, die Lebendigkeit, der an’s Komische hinstreifende, halb feierliche Ton, womit er schilderte und Alles deutlich vor Augen stellte, flößten mit dem Reize der Unterhaltung zugleich ein großes Behagen, ein großes Wohlgefallen am Leben ein.

So angenehm fesselnd indes auch seine Schilderungen waren, die höchste Glorie umleuchtete ihn erst in Augenblicken der Begeisterung, wenn ein lebhaftes Rot die Wangen überflog, deutlicher der Gedanke auf der erhabenen Stirn hervortrat, himmlischer noch die Strahlen seines Auges glänzten, und sein ganzes Antlitz sich zum Ausdruck einer göttlichen Anschauung verklärte. Es war Dies namentlich der Fall, als er eines Abends [1807] Calderons ‚standhaften Prinzen‘ vorlas. Bei der Szene, wo der Prinz als Geist mit der Fackel in der Nacht dem kommenden Heere voranleuchtet, wurde er so von der Schönheit der Dichtung hingerissen, daß er mit Heftigkeit das Buch auf den Tisch warf.

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Ein abwechselndes Vorlesen und ein Lesen mit verteilten Rollen ward auch in Goethes Hause gepflegt, wenigstens eine Zeit lang. Der junge Heinrich Voß, der Sohn des Homer-Übersetzers, erzählt davon im Januar 1801:

Da sitzt die ganze Gesellschaft um einen langen Tisch, Goethe in der Mitte, und liest abwechselnd. Es traf sich, daß beidemal, als ich zugegen war, aus der ‚Luise‘ gelesen wurde. An Goethe kam die Stelle von der Trauung, die er mit dem tiefsten Gefühle las. Aber seine Stimme ward kleinlaut: er weinte und gab das Buch seinem Nachbar. „Eine heilige Stelle!“ rief er aus mit einer Innigkeit, die uns alle erschütterte.

Nachher traf ihn die Stelle: „den Gesang, den unser Voß in Eutin uns dichtete.“ Aus dem Pathos, mit welchem er diese Worte vortrug, hätte ich schon seine Liebe zu meinem Vater abnehmen können.

Vier Jahre später schilderte Frau Schopenhauer ihrem Sohne einen Abend bei Goethe, „wo es allerliebst war.“

Er hatte einige junge Schauspieler, die er oft bei sich deklamieren läßt, um sie für ihre Kunst zu bilden, eingeladen und las mir mit ihnen einige seiner frühesten Arbeiten, ein Stück von Laune und Humor: ‚Die Mitschuldigen‘, vor. Er hatte selbst die Rolle eines alten Gastwirts darin übernommen ... Ich habe nie was Ähnliches gehört; er ist ganz Feuer und Leben, wenn er deklamiert; Keiner hat das Echtkomische mehr in seiner Gewalt als er.

Zwischendurch meisterte er die jungen Leute. Ein paar waren ihm zu kalt. „Seid ihr denn gar nicht verliebt?“ rief er komisch erzürnt, und doch war es ihm halb ein Ernst. „Seid ihr denn gar nicht verliebt, verdammtes junges Volk! Ich bin sechzig Jahre alt und kann’s besser.“

Wir blieben bis halb Zwölf zusammen, Ich saß bei ihm, und die Bardua auf der andern Seite.

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[Sidenote: Lesen und Singen]

„Wohl perlet im Glase der purpurne Wein“ beginnt Schiller ein Gedicht, „Wohl glänzen die Augen der Gäste: Es zeigt sich der +Sänger+, er tritt herein. Zu dem Guten bringt er das Beste.“ Und ebenso zeichnet uns Goethe den singenden Dichter, den der König herbeirufen läßt, seine Gäste zu erfreuen.

Der Sänger drückt’ die Augen ein Und schlug in vollen Tönen; Die Ritter schauten mutig drein, Und in den Schoß die Schönen.

Diese Erfahrung, daß Dichtung und Musik zum Guten das Beste hinzufügen, hatten beide Dichter oft mit erlebt: bei Hofe, in geselligen Vereinen und im eigenen Hause. Als Fürst Radziwill einmal nach Weimar kam, sein Cello mitbrachte und zum Cello sang, glaubte Goethe einen Troubadour aus alten Zeiten zu sehen. In jüngeren Jahren war Korona Schröter so eine Bringerin der schönsten Freude in Goethes Häuschen an der Ilm; in späteren Zeiten kamen Liedermeister wie Reichardt, Zelter und Methfessel zu ihm und sangen zur Gitarre, zum Klavier oder ohne jedes Instrument. Oder es kamen Sänger und Sängerinnen vom Theater: Ehlers, Strohmeier, Moltke, Ernestine Engels, Henriette Eberwein und von auswärts Henriette Sontag, Wilhelmine Schröder-Devrient. Auch tüchtige Klavierspieler und Geiger erfreuten ihn und seine Gäste nicht selten: Hummel, Organist Schütz aus Berka, Karl Eberwein, Ferdinand Hiller, Felix Mendelssohn, Maria Szymanowska, Klara Wieck, die nachmalige Gattin von Robert Schumann, und Andere mehr.

[Sidenote: Hauskapelle und Zeichentisch]

Eine eigene Hauskapelle hatte er sich schon lange gewünscht; im Herbst 1807 glückte es ihm, sie einzurichten; ein paar Sänger und Sängerinnen vom Theater übten sich bei ihm zweimal die Woche; der Geiger Karl Eberwein warf sich zum Dirigenten auf; im Januar 1808 konnte Goethe schon das erste Konzert seines eigenen Singechors vor geladenen Gästen veranstalten. In den nächsten Wintern waren dann seine Hauskonzerte seine liebste Geselligkeit. Sie fanden an den Sonntagmittagen statt; alle Freunde waren geladen, und einige Male zählte man an die fünfzig Zuhörer. Diese Tonfreuden begannen gewöhnlich mit Werken der ~musica sacra~; dann folgten weltlich-ernste Stücke, und schließlich fehlte auch das Lustige nicht.

Um 1812 und 1813 schlief diese kleine Anstalt ein, besonders infolge von Mißhelligkeiten im Theater. Aber das Ehepaar Eberwein blieb dem alten Dichter treu anhänglich, und wenn nun Goethe in seinem Saale ein Konzert wünschte, so bedurfte es nur einer kurzen Mitteilung: Eberwein brachte die Vortragenden rasch zusammen. Eckermann hat uns solche Abende geschildert, wo Goethe sich mit den Seinen Händels ‚Messias‘ zurückrief oder sich an dem Vortrag seiner eigenen Lieder erfreute, die Henriette Eberwein gar lebendig vortrug, und zwar in Melodien, die teils ihr Mann, teils ihr Schwager, der Rudolstädter Eberwein, gesetzt hatten.

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