Goethes Lebenskunst

Part 2

Chapter 23,426 wordsPublic domain

Während der napoleonischen Kriege mit ihren beständigen Einquartierungen war Goethe erst recht oft in Geldnot. Als sein Sohn in Heidelberg studierte und mit seinem Wechsel nicht ausgekommen war, so daß er 50 Taler Schulden hatte, mußte Christiane den Jüngling und seine Gläubiger hinhalten. „Wegen des Geldes können wir Dir aber jetzt nicht gleich welches schicken“ schrieb sie im Januar 1809, „da wir diese Weihnachten sehr viele Ausgaben gehabt und viel Abzug wegen der Kontribution haben .... Die Ausgaben hier übersteigen meine Einnahmen, so daß mir auch Alles ganz knapp zugeschnitten wird.“ Noch viel übler sah es im Jahre 1812 aus. Nicht ohne Grund schrieb Goethe damals, er müsse auf seinen Vorteil aus dem Buchhandel sehen, „wenn ich nicht nach einem mühsamen und mäßigen Leben verschuldet von der Bühne abtreten will.“ Im Jahre 1815 war man auch noch recht arm. Damals mußte Christiane an die Weinhändler Gebrüder Ramann in Erfurt schreiben: „Wegen der Zahlung tragen Sie keine Sorge, mein Mann ist zwar angekommen, aber wegen Gelde, sagte er mir, müßten Sie noch etwas in Geduld stehen.“

In den nachfolgenden Friedenszeiten verbesserte sich seine Lage allmählich und erheblich. Es ging aber noch lange die Sage, daß der alte Dichter zu viel arbeiten oder auch zu viel Unfertiges und Minderwertiges in die Druckerei geben müsse, weil die Ausgaben des Hauses rasche und große Einnahmen verlangten. Erst von seinem 76. Jahre an konnte sich Goethe in gesicherten Verhältnissen als wohlhabender Mann fühlen.

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[Sidenote: Vermögen, Ordnung, Bürgschaften]

Wie in allen andern Dingen war Goethe auch in Geldsachen für strenge Ordnung. Er führte über seine Einnahmen und Ausgaben sorgfältig Buch; wir können heute noch nachlesen, wieviel er als Junggeselle für Göttinger Wurst ausgegeben hat und daß er z. B. 1778 34 Tischtücher, 267 Servietten, 108 Handtücher, 194 Hemden mit und 82 ohne Manschetten besaß. Von seinem Besuche in Heidelberg im Jahre 1814 erzählt uns Sulpiz Boisserée: Jeden Abend ließ Goethe seinen Bedienten zu sich auf die Stube kommen, um Rechnung mit ihm abzuhalten über alle Ausgaben des Tages, die größten wie die kleinsten, und für den folgenden Tag den vorläufigen Etat im Ausgabebuch festzustellen. Als Boisserées Freund Bertram über diese haushälterische, dem Materiellen zugewendete Sorgfalt des Dichters seine Verwunderung äußerte, sagte Goethe: „Wenn die Prosa abgetan ist, kann die Poesie um so lustiger gedeihen. Man muß sich das Unangenehme vom Halse schaffen, um angenehm leben zu können, und der Schlaf bekommt uns um so besser.“

Aus ähnlicher Gesinnung entsprang der nachfolgende ernste Brief, den Goethe am 19. September 1816 an seinen Sohn August über Borgen und Bürgen schrieb:

Ohne in den besonderen Fall einer zu übernehmenden Bürgschaft, den Du mir, mein lieber Sohn, vorlegtest, einzugehen, muß ich Dir Nachstehendes zu Herzen geben.

Als mich mein seliger Vater einigermaßen ausstattete, war unter andern guten Lehren, die er mir zugleich erteilte, eine, die einem Befehl glich, daß ich bei seinem Leben keine Bürgschaft eingehen und auch nach seinem Tode diese Warnung immer bedenken solle.

Denn, sagte er, wenn du bares Geld hast, so magst du es einem Freunde auch ohne große Sicherheit leihen. Willst du es verschenken, so ist auch nichts dagegen zu sagen. Borgst du, so wirst du dich einrichten, Interessen zu bezahlen und das Kapital abzutragen. Verbürgst du dich aber, so versetzest du dich in einen unruhigen Zustand, der desto peinlicher ist, als du dich untätig, ja leidend verhalten mußt. Niemand verbürgt sich leicht, außer wenn er glaubt, er laufe keine Gefahr; ist aber die Verbürgung geschehen, so fühlt er sich gar bald, besonders in sorglichen Augenblicken, von einem in der Ferne sich zeigenden Übel bedroht, welches um so fürchterlicher erscheint, als er fühlt, daß er ihm nicht gewachsen sei, wenn es näher treten sollte.

Das Leben für einen Freund zu wagen wie für dich selbst ist löblich, denn der Augenblick entscheidet; aber dir auf unbestimmte Zeit oder wohl gar auf’s ganze Leben Sorge zu bereiten und deinen sichern Besitz wenigstens in der Einbildungskraft zu untergraben, ist keineswegs rätlich: denn unsere körperlichen Zustände und der Lauf der Dinge bereiten uns manche hypochondrische Stunde, und die Sorge ruft alsdann alle Gespenster hervor, die ein heiterer Tag verscheucht. -- -- --

So war die Gesinnung meines Vaters und so ist auch die meinige geblieben. Ich habe in meinem Leben viel, vielleicht mehr als billig, für Andere getan und mich und die Meinigen dabei vergessen. Dies kann ich Dir ohne Ruhmredigkeit sagen, da Du Manches weißt. Aber ich habe mich nie verbürgt,[1] und unter meinem Nachlaß findest Du keinen solchen Akt. Habe daher das alte Sprichwort vor Augen und gedenke mein!

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[Sidenote: Entgegengesetzte Eigenschaften]

Wir können nicht lange von Goethe reden, ohne ihm entgegengesetzte Eigenschaften zuzuschreiben; hier müssen wir zusammenfassen: Goethe war sparsam und verschwenderisch.

Sehr sparsam erscheint er z. B. im Gegensatz zu Herder während des Aufenthaltes in Italien; Herder und Schiller lebten stets über ihre Mittel hinaus, wurden die Schulden nicht los und brauchten für die Erziehung ihrer Kinder fremde Hilfe. In Goethes Hause standen die Ausgaben zu seinem Vermögen und seiner Einnahme doch im rechten Verhältnis. In mancher Hinsicht war er recht sparsam. Wir lesen z. B., daß auch in seinen alten Tagen die Besuchsstuben ganze Wintermonate hindurch nicht geheizt wurden, und noch in seinen letzten Jahren wunderten sich Kinder, die seine Enkel besuchten, daß in einem so vornehmen Hause gewöhnliche Talgkerzen gebrannt wurden. „Er hat den Schlüssel des Holzstalles unter seinem Kopfkissen und läßt das Brot abwiegen“ liest man in einem Briefe von 1831 über den Greis: da war er arger Lotterei im Hause auf die Spur gekommen. Zu andern Zeiten war er sehr freigebig und spielte mit dem Gelde. Einmal wagte er etwas ganz Verwegenes: er kaufte für 14000 Taler ein Landgut, ohne es auch nur anzusehen! Und zwar, obwohl er lange darum handelte und obwohl er in zwei Stunden am Platze sein konnte! Im ganzen erscheint er als ein +Herr+ des Geldes, es nie ängstlich festhaltend, es stets gern gegen unmittelbare Güter eintauschend, auch wenn seine Nächsten den Wert dieser Güter nicht erkennen konnten, wie Das bei seinen Sammlungen der Fall war.

Bei seinem Tode hinterließ er 30000 Taler in bar, außer seinen beiden Grundstücken, seinen Sammlungen und seinem literarischen Eigentum. Geerbt hatte er beim Tode seiner Mutter 22252 Gulden.

[1] Zwei kleine Bürgschaften Goethes sind uns jedoch bekannt. Zunächst für Philipp Seidel, als Dieser in den Staatsdienst und zwar in das Steuerfach eintrat. Sodann für seinen anderen ehemaligen Diener Sutor, der ein Kartenfabrikant wurde; hier handelte es sich um ein Darlehen von 300 Talern.

II.

Wohnung.

Wer nach Weimar kommt, sucht bald auch den Park auf, der die liebliche Ilm umsäumt, und wenn er einige Minuten unter den Bäumen dahingeschritten ist, denen Karl August, Goethe und Bertuch einst ihre Stelle anwiesen, so sieht er hinter einer großen grünen Wiese ein weißgetünchtes Häuschen mit hohem, grauem Dache in und vor einem Garten, der sich den Hügel hinaufzieht. In diesem Garten und diesem Hause hat Goethe viele glückliche und viele schmerzlich-erregte Stunden verbracht. Hier überfiel ihn bald sein Herzog, um Staats- oder auch Liebessachen mit ihm zu besprechen; dann kam wohl auch die „schöne Krone“, die Sängerin Korona Schröter, und brachte ein Sträußchen Waldblumen mit, oder es kam die teuerste von Allen, Frau v. Stein, und ihr junger Verehrer schenkte ihr selber den Kaffee ein, über dessen schädliche Wirkung er sonst mit Überzeugung zu schelten liebte. Hier machte er an Sommerabenden zuweilen für die ganze Hofgesellschaft „den Wirt der herzoglichen Promenade“ und suchte „bald durch Tee, bald durch saure Milch die Gemüter der Frauen zu gewinnen,“ während die Männer am Spieltische saßen oder in seiner Kegelbahn ihre Kunstfertigkeit maßen.

[Sidenote: Die Räume des Gartenhauses]

Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter, dem Herrn Geheimden Rat als Wohnung diente. So bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt! Unten ist gar kein bewohnbares Zimmer; höchstens kann man einen Raum, an dessen Wänden Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen. Oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein Empfangszimmer mit harten, steifen Stühlen, dann das Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch, daranschließend ein Bücherzimmer, und zuletzt das Schlafstübchen, in dem noch die Bettstelle aus Holz, Drell und Bindfaden steht, die in drei Teile zusammengeklappt und so als -- Koffer auf die Reise mitgenommen werden konnte. Draußen im Garten kann es uns viel besser gefallen als im engen Häuschen; da sieht man, wie in den Rosen, die seine Fenster umranken, Hänflinge und Grasmücken nisten; da blühen die Malven, Lilien und Kaiserkronen; hohe Bäume stehen in flüsternden Gruppen zusammen, und in ihrem Schatten genießen wir den Blick auf das anmutige Flußtal.

Es ist eine herrliche Empfindung, da haußen im Feld allein zu sitzen. Morgens früh, wie schön! Alles ist so still. Ich höre nur meine Uhr tacken und den Wald und das Wehr von ferne.[2]

Das Schloß und die Stadt waren nahe, aber die Bäume des Parks verdeckten sie. Es war, „als sei man in der Nähe eines Waldes, der sich stundenweit ausdehnt. Man denkt, es müsse jeden Augenblick ein Hirsch, ein Reh auf der Wiesenfläche hervorkommen. Man fühlt sich in den Frieden tiefer Natureinsamkeit versetzt, denn die große Stille ist oft durch nichts unterbrochen als durch die einsamen Töne der Amsel oder durch den pausenweise abwechselnden Gesang einer Walddrossel.“[3] Hier (auf dem Altan, der später abgerissen wurde) liebte der junge Goethe, in seinen Mantel gehüllt, die Sommernacht zu verschlafen oder, wenn der Schlaf ihn floh, zu den Sternen hinaufzuschauen:

Euch bedaur’ ich, unglückselge Sterne, Die ihr schön seid und so herrlich scheinet. Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!

Oder er sprach zu den Zweigen, die ihm entgegenblühten, von seinem Hoffen und Sehnen:

Sag ich’s euch, geliebte Bäume, Die ich ahndevoll gepflanzt. Als die wunderbarsten Träume Morgenrötlich mich umtanzt? Ach, ihr wißt es, wie ich liebe, Die so schön mich wieder liebt -- --

[Sidenote: Im Gartenhause]

Und hier im Grünen vergaß er rasch allen Ärger, den ihm die „Ekelverhältnisse“ mit seinen Neidern in der Stadt bereiteten; in der stillen Natur erfrischte er seine Seele immer wieder, wie den Leib in der Ilm oder im Floßgraben, der seinem Häuschen noch näher war:

Ich gehe meinen alten Gang Meine liebe Wiese lang. Tauche mich in die Sonne früh, Bad’ ab im Monde des Tages Müh’.

„Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume und Knospe“ schreibt er im Frühling 1781 an Lavater; „die stille, reine, immer wiederkehrende Vegetation tröstet mich oft über der Menschen Not, ihre moralischen, noch mehr physischen Übel.“

Hier im grünen Flußtale konnte der junge Mann seinen Naturkultus nach Herzenslust betreiben. Als er zum ersten Male in seinem Garten geschlafen, nannte er sich „Erdkulin“, Erdkühlein nach einem Märchentier, das einsam im Walde haust. Er spricht von seinem „Erdgeruch“ und „Erdgefühl“; ihm war wohl in Klüften, Höhlen und Wäldern. Und seine ganze Umgebung steckte er an. „Sauge den Erdsaft, saug’ Leben dir ein“ riet Karl August in einer poetischen Epistel der Frau v. Stein, und er, der Landesfürst, hauste selber tage- und wochenlang in einer Holzhütte des Parkes, dem Borkenhäuschen, das jetzt nur noch zur Aufbewahrung von Geräten gut genug erscheint. Auch Wieland kaufte einen großen Obstgarten und schrieb: „Mir ist nirgends so wohl, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um unter meinen Bäumen zu leben und den unendlichen Erdgeist einzuziehen.“ „Der Statthalter von Erfurt war einige Tage bei uns und ist auch nicht ohne Erdgeruch entlassen worden“ meldet Goethe vergnüglich dem Freiherrn v. Fritsch. Herzogin Amalie lebte wie eine Gutsbesitzerin im Dörfchen Tiefurt. Schiller, der ein Stubenhocker war, sah auch an Knebel Goethes Wirkung: die Verachtung der „Spekulation“ und „das bis zur Affektation getriebene ~Attachement~ an die Natur.“

Auch für Goethe kam die Zeit, wo ihm der Garten fremder wurde; er mußte zugeben, daß er eines großen Stadthauses bedurfte. Zeitweilig überließ er das Häuschen seinem Freunde Knebel; zwei Sommer vermietete er den Garten an den Herzog, der ihn als Tummelplatz seiner Kinder brauchte; auch Frau v. Heygendorff hatte ihn zwei Sommer. Aber einige Male wohnte Goethe doch auch als alter Herr wieder auf Wochen draußen. Und zuweilen hatte er Lust, im Gartenhäuschen, wo er „so tüchtige Jahre verlebt“ auch zu sterben.[4]

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[Sidenote: Das Stadthaus]

Einen ganz andern Eindruck gewannen die Gäste in Goethes Stadthause am Frauenplan. Nachdem er früher schon zur Miete darin gewohnt hatte, konnte er es sich in den Jahren 1792 und 1793 als eine Art Eigentum einrichten. (Buchmäßig gehörte es zunächst dem Herzoge, der es ihm aber als Geschenk zugedacht hatte.) Goethe suchte bei diesem Umbau Manches, was ihm in Italien gefallen hatte, hier zu wiederholen; es traf sich auch, daß ein Künstler, den er in Rom kennen gelernt und der seinen Geschmack in Italien ausgebildet hatte, jetzt und hier sein Hausgenosse war und sehr oft auch sein Stellvertreter, da Goethe gerade während des Umbaues und der Einrichtung viel abwesend sein mußte. Dieser Künstler, der Schweizer Heinrich Meyer, besaß sein volles Vertrauen, und so ereignete es sich, was bisher noch in keinem deutschen Bürgerhause der Fall gewesen, daß ein Maler den Umbau und die ganze Ausstattung anordnete. So kam es denn auch, daß diese Wohnung des Geheimen Rats Goethe einen ganz andern Eindruck machte, als man sonst gewohnt war; besonders das sehr groß geratene Treppenhaus, die sanft ansteigende breite Treppe und der antike Schmuck ringsum stimmte den Eintretenden feierlich. Man ward dann noch durch ein Gemälde-Zimmer geleitet, ehe sich die Tür öffnete zu dem Raum, in welchem der Fürst des Hauses dem sich verneigenden Besucher entgegentrat. Wer Zeit hatte, sich umzusehen, bemerkte noch ein Zweites, was ihn der gewöhnlichen Welt entrückte: die Zimmer dienten zugleich als eine Galerie für Kunstwerke, Altertümer und Naturschätze. Schon 1794 berichtet ein junger Landsmann Heinrich Meyers, der dem Dichter seine Aufwartung machen durfte, daß er nach der kurzen Audienz noch „sein fürstliches Kabinett von Handzeichnungen berühmter Meister und sein mit dem feinsten epikuräischen Geschmack eingerichtetes Haus“ besehen habe. Wer bei Herder oder Wieland oder sonst einem Gelehrten der Stadt seinen Besuch machte, hatte keine Ursache, über ihre Wohnungen zu reden; bei Goethe aber war schon seine Umgebung ein unvergeßliches Erlebnis.

Gleich beim Eintritt in das mäßig große, in einfach antikem Stil gebaute Haus deuteten die breiten, sehr allmählich sich hebenden Treppen sowie die Verzierung der Treppenruhe mit dem Hunde der Diana und dem jungen Faun von Belvedere die Neigungen des Besitzers an. Weiter oben fiel die Gruppe der Dioskuren angenehm in die Augen, und am Fußboden empfing den in den Vorsaal Eintretenden blau ausgelegt ein einladendes ~SALVE~. Der Vorsaal selbst war mit Büsten und Kupferstichen auf das reichste verziert und öffnete sich gegen die Rückseite des Hauses durch eine zweite Büstenhalle auf den lustig umrankten Altan und auf die zum Garten hinabführende Treppe. In ein anderes Zimmer geführt, sah der Gast sich auf’s neue von Kunstwerken und Altertümern umgeben: schön geschliffene Schalen von Chalcedon standen auf Marmortischen umher; über dem Sofa verdeckten halb und halb grüne Vorhänge eine große Nachbildung des unter dem Namen der Aldobrandinischen Hochzeit bekannten alten Wandgemäldes, und außerdem forderte die Wahl der unter Glas und Rahmen bewahrten Kunstwerke, meistens Gegenstände alter Geschichte nachbildend, zu aufmerksamer Betrachtung auf.

So schildert einer der vielen Gäste, der gelehrte Leibarzt des sächsischen Königs, Gustav Carus, was er sah, ehe der Ersehnte und zugleich Gefürchtete erschien.

Das Museumsartige des Hauses nahm mit jedem Jahre zu. Dafür sorgte Goethes Liebe zur Kunst und zur Natur, seine Lust am Sammeln, sein Bedürfnis, das Schöne, Merkwürdige oder Lehrreiche zu besitzen und es stets zur Hand und oft vor Augen zu haben. Die Altertümer, die Büsten, Statuetten, Denkmünzen, Plaketten, Kameen, Majoliken, Ölgemälde, Kupferstiche, Handzeichnungen, die Steine, Knochen usw. wuchsen allmählich zu Hunderten und Tausenden an. In ihre Betrachtung vertiefte er sich immer wieder, um feinsten Genuß und neue Belehrung davonzutragen; in ihrer Mitte hielt er oft seine Gesellschaften ab, schon dadurch jede Langeweile ausschließend. Hier erlebte mancher Fachkenner, daß für sein Gebiet die gesamten Lehrmittel sofort herbeigeholt werden konnten; hier waren denn auch die gelehrten Freunde und Mitarbeiter aus der Stadt: Meyer, Riemer und Eckermann, oder die noch gelehrteren Gäste von auswärts, Wilhelm und Alexander v. Humboldt, Friedrich August Wolf und Sulpiz Boisserée, an ihrem Platze.

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Wenn wir aber in diesem Stadthause die Räume aufsuchen, die er am meisten benutzte, so haben wir wieder den Eindruck des Gartenhauses. Goethe wohnte gar nicht in seinem vornehmen Vorderhause am Frauenplan, sondern in einem bescheidenen Hinterhause zwischen Hof und Garten. Das Arbeitszimmer und das daneben liegende Schlafzimmer sind sehr einfache, niedrige Räume. Nichts deutet auf einen vornehmen, reichen Besitzer. Die Studierstube würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für „standesgemäß“ würde sie Niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben oder Experimentieren: kein Sofa, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur Rollvorhänge aus dunklem Rasch. Ein Sofa war lange darin, aber noch in hohem Alter ließ Goethe es hinaustragen, um Platz für seine geliebten Sammlungen zu gewinnen. Auch an den Büchern ist keine Pracht; seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden: er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte jahrzehntelang nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen: ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische liegt ein Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenüber sitzenden Schreiber diktierte.

Er war über achtzig Jahre alt, als er zum getreuen Eckermann sagen konnte:

Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen, geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.

[Sidenote: Kein Luxus, aber mehrere Wohnungen]

Die einzige Schönheit dieser „Klosterzelle“, die der alte Herr oft wochenlang nicht verließ, war, daß sie ebenso ruhig und friedlich war, wie wenn sie wirklich zu einem Kloster gehöre; kein Lärm von der Straße drang hierher, und die Fenster gingen in den schlafenden „Klostergarten.“ Hier stand er an frühen Winterabenden und blickte auf die Schneelast der Bäume, während sein geliebter großer Ofen die Eisblumen vom Fenster abwehrte. Am Tage freute er sich dann, wie die im Winter willkommene Mittagssonne sein ganzes Zimmer durchleuchtete. Wenn nun die Tage länger wurden, erschienen „Schneeglöckchen, Krokus und andere niedliche Frühblumen in Büschel und Reihen“ vor seinem Fenster, und bald sah man ihn dann mit dem Gärtner die buchsbaumumsäumten Gartenwege eifrig hin und wieder schreiten, das Säen und Pflanzen anordnend, bei dem er früher so gern selber Hand angelegt.

Noch schlichter als die Studierstube ist sein Schlafzimmer. In dem kleinen Gemache ist außer seinem Bette fast nichts vorhanden als der Lehnstuhl, in dem er starb, und daneben ein kleines Tischchen, auf dem noch heute die letzte Medizin steht. Eine Art Waschtisch sehen wir noch, ein sehr kleines Ding mit einem sehr kleinen Waschbecken, wie wir es jetzt kaum noch in Dorfwirtshäusern vorfinden.

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Eine Eigentümlichkeit Goethes war sein Bedürfnis, mehrere Wohnungen gleichzeitig zu haben und mit ihnen zu wechseln. Diese „etwas breite Existenz“, die er im eigentlichen, räumlichen Sinne führte, erklärt sich nicht völlig aus den verschiedenen Darbietungen und Forderungen der Jahreszeit oder aus seinen verschiedenen Beschäftigungen. Eine Unrast, die ihn sein ganzes Leben zuweilen ergriff, und andere, innerliche Gründe veranlaßten ihn oft, der gewöhnlichen Umgebung zu entfliehen. Schon in seinen ersten weimarischen Jahren hatte er zugleich Stadtwohnungen[5] und sein Häuschen an der Ilm, und dies mehrfache Wohnen behielt er sein Leben lang bei. Im Januar 1794 plante Goethe, obwohl er doch schon zwei Besitzungen hatte, den Ankauf eines großen Landgutes, das 45000 Taler kosten sollte. Einige Jahre (1798-1803) besaß er, wie schon erwähnt, das Freigut in Oberroßla; 1808 hatte er große Lust, sich in Frankfurt eine Wohnung zu längeren Besuchen zu mieten.[6]

Vom Sommer 1794 an wohnte Goethe auf viele Jahre in zwei Städten abwechselnd. Denn er hielt sich nun Monate lang auch in Jena auf, teils aus eigenem Triebe, weil er dort ungestörter arbeiten konnte, teils weil der Herzog und sein Ministerkollege Voigt seinen Einfluß auf die Professoren für zuträglich hielten.

In der ersten Zeit hatte er sein dortiges Quartier im Schlosse. Es scheint aber, daß er in diesem Schlosse nur ein einziges kleines Zimmer zum Wohnen und Schlafen benutzte. Im Mai 1809 richtete er sich im Botanischen Garten „eine Art zweiter Wohnung“ ein. Im Frühjahr und Sommer 1818 schlief er bei Inspektor Bischoff, verbrachte die Tage aber in einer Mansarde des Gasthofs zur Tanne in Kamsdorf, also an der Brücke auf der andern Seite der Saale: es war ihm um den Blick auf den Fluß und die weite Aussicht zu tun. Frau Frommann schilderte dies Mansardenzimmer ihrem Sohne: