Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1919 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Seitenüberschriften aus der gedruckten Fassung wurden als Randnotizen übernommen, dabei wurden wiederholte Überschriften nicht erneut erwähnt.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiquaschrift: ~Tilden~
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Wilhelm Bode
Goethes Lebenskunst
Siebente, neu bearbeitete Auflage
21. bis 25. Tausend
Mit zahlreichen Abbildungen
Verlegt bei Ernst Siegfried Mittler und Sohn Berlin 1919
Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1913 by E. S. Mittler & Sohn, Berlin.
Zur sechsten Auflage.
Vielleicht hätte ich ein Buch, das bereits in 14000 Abzügen verbreitet und überall freundlich aufgenommen wurde, nicht so stark umgestalten sollen, wie bei dieser neuen Ausgabe geschehen. Aber da ich mich beständig mit Goethes Leben, Werken und Umwelt beschäftige, so kann es nicht ausbleiben, daß meine Kenntnisse zunehmen, meine Auffassungen sich ändern, manche neue Erklärungen sich ergeben und manche Zusammenhänge deutlich werden, die ich früher nicht sah.
Als ich vor vierzehn und dreizehn Jahren dies Buch schrieb, hieß die Aufgabe, die ich mir gewählt hatte: ‚+Goethe als Mensch+‘. Mit diesem Titel sandte ich die Handschrift an „E. S. Mittler & Sohn“, d. h. an ~Dr.~ Theodor Toeche-Mittler, der jetzt nach einer sehr fruchtbaren Tätigkeit dem im gleichen Sinne wirkenden Sohne zusieht. Dieser ältere Freund nahm als ein aufrichtigster Verehrer unseres Dichters an meinen ersten Arbeiten auf diesem Gebiete einen herzlichen Anteil und fügte deshalb seinem bereits sehr ausgebreiteten Verlagshause noch ein Angebäude für Goethe-Bücher hinzu. Das neue Buch, meinte er damals, müsse in ‚+Goethes Lebenskunst+‘ umgetauft werden. Ich fügte mich, und der Erfolg hat ihm recht gegeben, denn Niemand hat den Titel beanstandet, und einige Beurteiler haben ihn ausdrücklich als zutreffend gelobt. (Nur Signild Wejdling, die eine schwedische Übersetzung herausgab, hat, ohne von mir zu wissen, die ursprüngliche Überschrift vorgezogen: ‚~Goethe såsom Människa~‘.) So hat also der Verfasser des Buches dem Namengeber zu danken; aber der Leser soll doch wissen, wie die Aufgabe eigentlich gestellt war und daß nicht etwa die Absicht einer Goethe-Verherrlichung zu Grunde lag oder liegt. Es soll durchaus nicht Alles, was hier mitgeteilt wird, als klug und weise gelten; sehr oft tritt eben nur „Goethe als Mensch“ vor uns.
„Wie lange wird es dauern“, sagte er 1809 zu Falk, „so werden sie auch an mich glauben und mir Dies und Jenes nachsprechen. Ich wollte aber, sie behaupteten ihr Recht und öffneten ihre Augen selbst.“
+Weimar+, Neujahr 1913.
Zur siebenten Auflage.
Ein Münchener Nervenarzt schrieb mir einmal, er verordne dies Buch seinen Patienten. Ich weiß nicht, welche Erfolge er damit hat, und wünsche mir mehr gesunde Leser als krankhaft erregte. Aber wahr ist es, daß dies Buch ein ruhiges und beruhigendes ist. Das fällt mir selbst auf, weil ich die neue Auflage in den unruhigsten Zeitläuften, die wir je erlebt haben, abschließe.
+Weimar+, Neujahr 1919.
~Dr.~ Wilhelm Bode.
Inhalt.
Seite
I. Beruf und Erwerb 1
II. Wohnung 17
III. Äußere Erscheinung 35
IV. Verhalten gegen Fremde 44
V. Fürsten und Vornehme 60
VI. Untergebene 77
VII. Geselligkeit 96
VIII. Freundschaft 121
IX. Feinde 136
X. Familienleben 155
XI. Gesundheitspflege 173
XII. Die Mahlzeiten und der Wein 205
XIII. Das Schaffen 221
XIV. Das Lernen 247
XV. Kampf und Glück 279
Abbildungen.
Bildnisse Goethes:
Um 1774 Von Heinrich Lips nach einem Schüler Nahls 176
1774 Von Joh. Peter Melchior n. 176
1779 Von Georg Oswald May n. 176
1789 Büste von Martin Klauer vor dem Titel
1791 Von Heinrich Lips n. 37
1818 Von Ferdinand Jagemann n. 70
1828 Von Josef Stieler n. 298
1829 Büste von Pierre Jean David vor dem Titel
1832 Von C. A. Schwerdgeburth n. 299
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Goethe und Karl August. Von C. A. Schwerdgeburth n. 71
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Erhaltene Kleider n. 36
Wohnungen:
+Gartenhaus+, Grundriß 18
Blick auf Haus und Garten 1826. Von C. A. Schwerdgeburth 16
Hausflur. Aufnahme von Otto Rasch n. 18
Arbeitszimmer. Von Otto Rasch n. 19
+Stadthaus+, Grundriß. Obergeschoß 29
Ansicht vom Frauenplan. Von H. Tessenow 23
Ansicht vom Garten. Aufnahme von L. Held n. 30
Treppe. Aufgang zum Obergeschoß. Aufnahme von Otto Rasch n. 26
Empfangszimmer. Von H. Tessenow 24
Vorzimmer zum Arbeitszimmer. Von Otto Rasch n. 27
Arbeitszimmer. Von H. Tessenow 30
Schlafzimmer. Aufnahme von L. Held n. 31
I.
Beruf und Erwerb.
Die ersten poetischen Werke, die Goethe in die Welt sandte, sein ‚Götz von Berlichingen‘ und erst recht seine ‚Leiden des jungen Werthers‘, erregten großes Aufsehen: sie ergriffen, packten, erschütterten viele Tausende; der Name ihres Verfassers ward bei allen „schönen Geistern“ und „fühlbaren Herzen“ schnell berühmt: nun erwarteten sie neue große Gaben von ihm.
Heute wird ein erfolgreicher junger Dichter, wenn ihm sein Brotberuf so wenig zusagt wie dem Doktor Goethe die Advokatengeschäfte, kurzweg Schriftsteller; er erhält dann vom Publikum durch die Verleger und die Bühnenleiter das Nötige zum Leben, wenn er es sonst versteht, die erlangte Gunst festzuhalten. Zu jener Zeit, um 1774, gab es zwar auch schon einige Literaten, die durch Anfertigung der von den Buchhändlern verlangten Bücher und namentlich durch Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen ein kärgliches Auskommen fanden; aber ein Dichter, ein Originalschriftsteller, konnte die Honorare nur als glückliche Nebengewinne betrachten: sie reichten für einige festliche Tage, aber nicht für die bürgerliche Nahrung eines ganzen Jahres. Die Zahl der deutschen Bühnen war noch gering; die paar seßhaften wie die reisenden Theatergesellschaften kämpften immer um ihren eigenen nötigsten Bedarf; die Buchverleger aber konnten selbst dann, wenn ein Buch viel Beifall fand, keinen großen Gewinn mit dem Verfasser teilen, weil sich gar rasch in irgend einem deutschen Nachbarstaate ein Drucker fand, der dies Buch nachdruckte, und weil die Obrigkeiten dann keineswegs bereit waren, solchen erwerbseifrigen Untertanen um „ausländischer“ Verleger oder Verfasser willen dies Geschäft zu untersagen. „Ich bedauere einen jeden Autor, der Nutzen von seinen Werken ziehen will“ urteilte 1775 Friedrich Nicolai in Berlin, der Schriftsteller und Buchhändler zugleich war, und ein andrer Berliner Buchhändler, Mylius, beschwerte sich im selben Jahre, als Goethe für seine ‚Stella‘ zwanzig Taler Honorar begehrte; er meinte, dann werde er ja wohl für Goethes nächstes Stück 50 Taler und für seinen ‚Doktor Faust‘ gar 100 Louisdor (1820 M.) zahlen sollen: „Das ist aber wider die Natur der Sache und nicht auszuhalten.“ Es war wirklich wider die Natur der Sache, und deshalb war das Dichten für Goethe zunächst noch eine kostspielige Beschäftigung, zumal wenn er es nicht bloß als Spiel der Phantasie in Mußestunden betrieb, sondern Leben und Dichten, Erleben und Schaffen verflocht und verquickte. Noch 1789 fragte und antwortete er mit Recht:
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben? Nichts! ich habe wie schwer! meine Gedichte bezahlt!
[Sidenote: Die Brotgeber des Künstlers]
Aber die Künste gediehen auch zu jener Zeit. In der Wirtschaftsordnung des Feudalstaates gehörte es zu den Pflichten der Landesfürsten, die Gelehrten, Dichter, Musiker, Maler, Bildhauer und Baumeister zu ernähren und ihnen die Aufgaben zu stellen. Zur höfischen Repräsentation, zur Entfaltung von Prunk und Pracht, um des Ansehens und Ruhmes willen bedurfte man solcher Leute, die wegen ihrer Geschicklichkeit in Wissenschaften und Künsten weithin bekannt waren; viele Landesväter aber hatten auch ein eigenes herzliches Verhältnis zu einigen oder vielen Künsten und Wissenschaften und ihren Angehörigen. Im ‚Tasso‘ hat uns Goethe die zarte Fürsorge eines edlen Fürsten für einen empfindlichen Poeten auf das schönste vor Augen gestellt; sein lebendiges Vorbild für Tassos Gönner, den Herzog Alfons von Ferrara, aber war der junge Herzog Karl August von Weimar, den er selber seit 1775 als seinen Ernährer und Freund rühmen mußte:
Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine; Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag. Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte Jeder; da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein!
* * * * *
Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren: Neigung, Muße, Vertrau’n, Felder und Garten und Haus. Niemand braucht’ ich zu danken als ihm, und Manches bedurft’ ich, Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Als Gast des achtzehnjährigen Herzogs kam Goethe 1775 nach Weimar; der Gast wurde ein naher Freund, und der Freund mußte ein Arbeitsgenosse des Fürsten werden, teils weil Dieser in der Verwaltung seines Landes eines solchen Engverbündeten bedurfte, teils weil er nicht die Mittel hatte, Künstlern oder Gelehrten zu einem bloßen freien Dichten, Malen oder Forschen einen Ehrensold zu geben. Goethe war nun gleichzeitig Dichter und Geschäftsmann, wie damals der Beamte genannt wurde; für Beides empfing er seinen Unterhalt, denn beiderlei Tätigkeit begehrte der Landesherr. Ob er die ‚Iphigenie‘ dichtete, oder junge Bursche zum Militär aushob, oder im herzoglichen Liebhabertheater eine Rolle einstudierte, oder eine Feuerlöschordnung ausarbeitete, oder an benachbarten Höfen aufwartete, oder seinen Herzog zu Manöver, Krieg und Belagerung begleitete: immer war es Fürstendienst; Karl August besoldete und beschenkte ihn für das Eine wie das Andere. Alle die sechs Schöpfer unserer neuen deutschen Sprache und Literatur: Klopstock und Herder, Lessing und Wieland, Goethe und Schiller, betrachteten ihr Dichten und Schreiben als Arbeit an der Erleuchtung und Erhöhung des Menschengeschlechts in den deutschen Volksstämmen; edle Fürsten dienten gleichen Aufgaben; deshalb entstanden damals so manche Verbindungen zwischen Fürsten und Dichtern. Die schönste und mannigfaltigste war die durch zweiundfünfzig Jahre dauernde Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft zwischen Goethe und Karl August.
[Sidenote: Dichter und „Geschäftsmann“]
Mit heutigen Amtsbezeichnungen läßt sich Goethes Tätigkeit in Weimar nicht deutlich machen; er besorgte die verschiedenartigsten Aufgaben, wenn unter den übrigen Beamten keiner war, der besser dazu taugte; fand sich ein Brauchbarer, so zog er sich rasch zu seinen poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten zurück. Zumeist bezogen sich seine Aufträge auf die Anstalten für Wissenschaft und Kunst: das Hoftheater leitete er von 1791 bis 1817; außerdem hatte er viele Jahrzehnte die Oberaufsicht über die Bibliotheken zu Weimar und Jena, über die wissenschaftlichen Anstalten der Akademie zu Jena, über die Zeichenschulen zu Weimar und Eisenach, über die Kunstsammlungen und Kunstausstellungen zu Weimar; auch die Veranstaltung und poetische Ausschmückung von Hof- und Volksfesten war lange Zeit hindurch eine häufig wiederkehrende Pflicht, die bald als Lust, bald als Last empfunden wurde. In jüngeren Jahren, als es seinem Fürsten an guten Dienern noch sehr fehlte, bekümmerte sich Goethe aber auch um Landwirtschaft und Industrie, um den Ilmenauer Bergbau, um Wege und Flußläufe, um Verbesserung des Kassenwesens und Mehrung des Landesvermögens.
Diese Kraftzersplitterung wurde oft getadelt. Seine Amtskollegen wünschten, daß er ihnen mehr Arbeit abnehme. Andere erklärten es geradezu für eine Verschwendung, daß der Fürst eines so armen Landes einen Geheimen Rat oder Minister hielt, der sich einen großen Teil des Jahres den Staatsgeschäften entzog, um in Jena oder Karlsbad, einmal sogar fast zwei Jahre in Italien, seiner eigenen Ausbildung oder seinen Dichtungen und Forschungen zu leben. Auf der anderen Seite zürnten alte Freunde Goethes, daß er sein Genie zu höfischen Unterhaltungen und kleinlichen Verwaltungsgeschäften verbrauche, statt jährlich solche Gaben wie ‚Götz‘ und ‚Werther‘ der deutschen Nation auf den Tisch zu legen.
Goethe kannte solche Urteile und durfte sie nicht verachten. Der einen Partei erwiderte er in seinem Innern, daß er nur dem Herzoge für den Gebrauch seiner Zeit und Kraft verantwortlich sei. Dessen Sache war es, ob er einen Beamten von Goethes Art ernähren konnte; wollte der Fürst dies Opfer für die allgemeine Kultur des deutschen Volkes bringen, so konnte Goethe nur herzlich-dankbar zustimmen. In die konstitutionelle Zeit, die er im Alter auch noch erlebte, paßte solche Auffassung, paßte Goethe als Beamter freilich nur schlecht hinein. Seinen alten Freunden dagegen antwortete er, daß er lieber von seinem Herzoge als von der stets unberechenbaren und oft sehr törichten Leserwelt abhängen wolle und aus dem Dichten keinen Broterwerb machen könne. Sodann: daß ein Dichter, der nur Dichter sei, sich bald ausschöpfen und seine Gedanken und Empfindungen allzu oft wiederholen würde und daß ein fleißiger Mensch auch in solchen Tagen und Stunden schaffen wolle, wenn die Musen nicht geneigt sind, ihn zu umschweben. Erst durch Berufsgeschäfte, durch Arbeiten, die uns schwer fallen und zu denen wir keine Neigung haben, erwerben wir ein wertvolles Stück Bildung: und eigener reicher Bildung bedarf doch der Schriftsteller zumeist, der auf seine Volksgenossen Einfluß ausüben zu wollen die Kühnheit hat.
Und zuweilen dachte Goethe: es kommt nicht so sehr darauf an, was wir machen, sondern darauf, daß wir unsere jeweilige Aufgabe so vorzüglich lösen, wie irgend in unseren Kräften steht. Wer als Jurist und Sohn eines Juristen Genauigkeit und Vorsicht im Denken gelernt hat, meinte er einmal, könne davon auch bei der Farbenlehre Gebrauch machen. „Freilich!“ gestand er ein andermal, als von der vielen Zeit die Rede war, die er mit der Theaterleitung verloren hatte, „ich hätte indes manches gute Stück schreiben können! Doch, wenn ich es recht bedenke, gereut es mich nicht. Ich habe all mein Wirken und Leisten immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.“
[Sidenote: Gefahr der Zersplitterung]
Bleibt freilich die Frage, ob solche nach manchen Richtungen verfließende Arbeit höchste Leistungen ergibt. Ein Mittel, die Gefahr des Verrinnens und Versandens aufzuheben, hatte Goethe in seinem gern gepriesenen Grundsatz der „Folge“, d. h. des Immer-wieder-Anknüpfens an alte Fäden. Er schuf zwar immer nur Bruchstücke einer Faust-Dichtung und ward dieser Arbeit immer wieder untreu, aber er kehrte auch immer wieder zu ihr zurück, so daß am Ende seines Lebens das große Werk doch vollendet ward. Wer sich beschränkt und zusammenfaßt, leistet auf seinem engen Gebiete schneller und sicherer etwas von Wert; dagegen gewinnt der Kenner vieler Gedanken, der Sammler vieler Erfahrungen in jedem Gebiete, das er betritt, rasch neue Erkenntnisse, die dem Kleinfachmann verborgen blieben. Bildung von allen Seiten her, Entfaltung nach allen Seiten hin, Erlangung eines vollständigen All-Menschentums ist schließlich doch eine höhere Aufgabe für unsere Kräfte und in einigen Fällen das bessere Mittel, vom eigenen Erwerb Anderen Wertvolles mitzuteilen.
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Die Fürsten zahlten zu Goethes Zeiten ihren Dienern -- so hießen auch die höchsten Beamten -- nur niedrige Gehälter. Goethe bekam anfangs 1200 Taler, von 1781 an 1400, von 1785 an 1600, später 1800 Taler; als 1815 Weimar zu einem Großherzogtum erhoben wurde, erhielt er als ältester Staatsminister 3000 Taler. Aber zum Gehalte kamen manche andere Lieferungen, Geschenke und Vorteile. Die Besoldungen waren damals nicht so genau festgelegt wie heute; die Fürsten übernahmen für ihre Beamten im Grunde die gesamte Fürsorge, auch für ihre Witwen und für die Erziehung ihrer Kinder, die in der Regel recht jung in fürstliche Brotstellen gelangten, so daß die Väter großer Familien mehr empfingen als die kinderlosen und ledigen Männer. Auch Goethe erhielt manche besonderen Zuwendungen: den schönen Garten an der Ilm, das stattliche Haus am Frauenplan, Wagen und Pferde, frühzeitige Anstellung seines einzigen Sohnes und manches Andere.
[Sidenote: Gehalt und Autorgewinn]
Ausreichend waren allerdings alle Gaben Karl Augusts nicht für „die etwas breite Existenz“ Goethes. Er verbrauchte schon 1776 1411 Taler; in den nächsten Jahren waren es rund 1600, 1780: 2249, 1782: 2605 Taler, also stets erheblich mehr, als sein Gehalt einbrachte. Das konnte er zunächst als Sohn eines wohlhabenden Vaters so halten; aber auch sein Wort, daß ihm Europa für seine Gedichte nur Lob und sonst nichts gebe, blieb nicht zutreffend. Seine ersten Werke hatte er vertändelt; zu der Zeit, wo alle Welt seinen ‚Götz‘ bewunderte, mußte er sorgen, woher er das Geld nehme, um das Papier dafür zu bezahlen. Aber bald lernte er recht gut, von den Verlegern die größten Honorare, die sie wagen durften, zu erlangen. Für die erste Sammlung seiner Werke, die 1786 begann, zahlte ihm Göschen 2000 Taler. Für die zweite Sammlung, die bei Unger in Berlin erschien, bekam er 500 Taler den Band und für die zwei Bände ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre‘ 1500 Taler. Für ‚Hermann und Dorothea‘ forderte und erhielt er von Vieweg 1000 Taler in Gold, eine Summe, die selbst die Freunde Schiller und Wilhelm v. Humboldt „ungeheuer“ fanden, denn es machte zwölf Groschen für jeden Vers. Als Cotta 1802 neue Werke von ihm wünschte, obwohl er an den ‚Propyläen‘ schon erheblich zugesetzt hatte, warnte Schiller seinen Landsmann beinahe vor seinem Freunde:
Es ist, um es gerade heraus zu sagen, kein guter Handel mit G. zu treffen, weil er seinen Wert ganz kennt und sich selbst hoch taxiert und auf das Glück des Buchhandels, davon er überhaupt nur eine vage Idee hat, keine Rücksicht nimmt. Es ist noch kein Buchhändler mit ihm in Verbindung geblieben; er war noch mit keinem zufrieden, und mancher mochte mit ihm nicht zufrieden sein. Liberalität gegen seine Verleger ist seine Sache nicht.
Cotta war und blieb dennoch Goethes Verleger; freilich bedurfte es geschickter Vermittler, um sie zusammenzuhalten. Das Mißtrauen der Verfasser gegen die Ehrlichkeit der Verleger war zu jener Zeit ein allgemeines; Goethe aber ärgerte sich nicht selten über die politischen und anderen Schriften, die Cotta gleichfalls verlegte. Über seine Honorare durfte er sich jedoch nicht beklagen. Für die ‚Wahlverwandtschaften‘ bekam er 2500 Taler, für ‚Wahrheit und Dichtung‘ 12000, für die erste zwölfbändige Cottasche Ausgabe der Werke (1805-1808) volle 10000 Taler für das Verlagsrecht auf acht Jahre, für die neue Ausgabe in zwanzig Bänden 1816 auf weitere acht Jahre 16000 Taler, 1824 gab August v. Goethe der Steuerschätzungs-Kommission als das jährliche literarische Einkommen seines Vaters „~in maximo~ 1400 Taler“ an. Das war Steuer-Pessimismus, obwohl das Einkommen im letztvergangenen Jahre nur 500 betragen hatte; denn im Durchschnitt der letzten zehn Jahre hätte man rund 3500 Taler errechnen können. 1826 forderte und erhielt Goethe von Cotta für eine neue, in 20000 Exemplaren zu druckende Ausgabe seiner Werke in vierzig Bänden sogar 60000 Taler. Im ganzen wurden in den Jahren 1795-1832 von Cotta an Goethe 401090 Mark in heutigem Gelde gezahlt und von 1832-1865 an die Erben noch 464474 Mark. Dagegen blieben die Einnahmen des Dichters von den Bühnen gering; von der Berliner Hofbühne erhielt Goethe in zwanzig Jahren nur 319 Taler, während Kotzebue es dort in der gleichen Zeit auf 4579 Taler brachte.
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[Sidenote: Honorare]
Goethe war nie ein Verschwender, aber ängstliche Sparsamkeit war auch nicht seine Sache; wie er sein Leben lang in Lotterien spielte, so wendete er manchmal sein Geld an Hoffnungen und Liebhabereien. Als Privatmann hätte er sich in einfachsten Verhältnissen wohlgefühlt; als erster weimarischer Beamter und als Repräsentant der deutschen Künste und Wissenschaften zog er die „etwas breite Existenz“ vor. „Einen Parvenü wie mich konnte nur die entschiedenste Uneigennützigkeit aufrechterhalten“ sagte er im Alter zu Riemer und Friedrich v. Müller, und zu Eckermann: „Eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen.“ Schon im kleinen Gartenhause an der Ilm hatte er verschiedene Diener: Philipp Seidel, Christoph Sutor, Paul Götze, die Köchin Dorothee. Große Opfer brachte er der Gastfreundlichkeit; große Summen kosteten auch seine Sammlungen, deren Wert damals nur von Wenigen erkannt wurde.
In Geldknappheit befand sich Goethe auch nach den Jugendjahren. 1792 lieh er sich von dem Juristen Hufeland in Jena 1000 Taler, die er viele Jahre verzinste. 1796 wollte er seinen Garten an der Ilm an den Herzog verkaufen, weil er Geld brauchte; aber seine Christiane vermutete, daß dies Geld doch nur wieder für Kunstgegenstände und Mineralien daraufgehen werde, und verlangte einen Umtausch gegen Krautländereien oder andere Grundstücke.