Geschwister Rosenbrock

Part 7

Chapter 73,714 wordsPublic domain

»Unsinn!« knurrte Gerd, »du mußt morgen früh auf deiner Mühle sein.«

»Das ist nicht so ängstlich, zur Freimarktszeit lassen die Leute sich was gefallen. Hab' meine Alten doch lange nicht gesehen. Zum Kuckuck, ich fahr' mit euch!«

»Du weißt ja gar nicht, ob wir dich mitnehmen.«

»Oh, das tut ihr doch wohl sacht. Nicht wahr, Leidchen?«

»Ja, gern.«

»Ha, die Deern kann wohl ja sagen, ich hab' die Quälerei davon. Es geht flußaufwärts.«

»Wenn anders nichts ist ... ich löse dich mal ab. Also abgemacht, ich fahr' mit euch.«

Gerd brummte noch etwas, aber man konnte es schon als Zustimmung nehmen.

»Das wird ein Spaß,« sagte Leidchen und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. -- --

Die Nacht war still, kühl und voll funkelnder Sterne. Das Schiff zog unter leisem Wellengeplätscher seine nebelverschleierte, mattglänzende Bahn, Gerd stand und handhabte das Stangenruder.

Seine Fahrgäste saßen vor ihm auf der Segelbank. Was hatten die beiden in den drei Stunden, seit sie den Torfhafen verlassen, nicht alles zusammengeschwatzt! Es war rein zum Verwundern, wo sie noch immer wieder Stoff hernahmen, und was sie aus den nichtigsten Dingen zu machen wußten. Es hörte sich ganz nett an, und die Stunden waren ihm beim Zuhören kurzweilig hingestrichen. Endlich schien es aber doch, als ob den Plappermühlen der Wind ausgehen wollte. Und seit einigen Sekunden standen sie wirklich still.

Plötzlich richtete Gerd sich auf, um mit angehaltenem Ruder vor sich durch das Dunkel zu horchen und zu spähen. War das da drüben nicht ein Geflüster? Und wo war Hermanns Hand geblieben, die vor kurzem noch auf seinem Knie lag?

»Hermann!«

»Was ist los?«

»Hier hast du das Ruder. Komm und löse mich mal ab.«

»Ach Gerd, ich habe im Staken keine rechte Übung.«

»Was hast du mir versprochen? Oder willst du lieber hier in den Wiesen aussteigen?«

»Man nicht gleich so grob,« brummte der Müller, sich langsam und widerwillig erhebend.

Kaum hatte er den Platz des Schiffers eingenommen, als das Boot seine Richtung verlor, dem Ufer zuschoß und sich in den raschelnden Schilfwald bohrte. Bei den ungeschickten Versuchen, es loszubringen, verfuhr es sich nur noch mehr. Im Schlaf aufgeschrecktes Sumpfgevögel erhob sich mit schrillem Gekreisch und Flügelgeklapper, um klatschend irgendwo wieder einzufallen.

Gerd, der neben seiner Schwester saß, rieb sich voll ingrimmiger Schadenfreude die Hände zwischen den Knien und spottete: »Mich soll bloß wundern, wo dieser Windmüller mit uns hin will.«

Leidchen stieß ihn an und sagte: »Er sitzt fest, hilf ihm doch wieder heraus.«

»So war er schon in der Schule,« fuhr Gerd fort zu höhnen, »immer ein Wort wie'n Bein dick, aber wenn man genauer zusah, nichts als Wind vor der Hoftür.«

Endlich warf Hermann, der vergeblichen Anstrengungen müde, die schwere Eichenstange in das Schiff, daß es dumpf durch die Nacht klang, und setzte sich abgerackert und pustend auf den Bordrand.

»Wie so'n Mutterjunge gleich zusammenklappt!« spottete Gerd.

Leidchen gab ihm einen kräftigeren Stoß mit dem Ellbogen: »Zu! Stak' du doch wieder!«

Da er keine Anstalt machte, stand sie selbst auf, nahm ein kürzeres Handruder und sagte: »Komm, Hermann, ich helf' dir. Ich glaub', wir sitzen auf einem Pfahl. Stemm' die Stange tüchtig ein, so ist's recht. Eins -- zwei -- drei! Es hat sich schon bewegt. Noch einmal, feste. Eins -- zwei --«

Auf drei wurde das Schiff frei, fiel Leidchen auf ihren Bruder, stürzte der Müller über Bord. Es gab einen großen Plumps.

Gerd lachte schallend, dröhnend. »So ist's recht,« rief er, »ein bißchen Abkühlung tut dir gut nach dem Freimarktsdusel.«

Als er seinem prustenden, klatschnassen Fahrgast aus dem sumpfigen Schilfwasser ins Schiff zurückgeholfen hatte, fischte er auch das Stangenruder heraus und brachte das Fahrzeug mit ein paar Stößen wieder auf die Mitte des Flusses.

Leidchen kam mit dem Torflaken, das zum Schutz gegen Regen über die Ladung gebreitet wird, um den Durchnäßten abzutrocknen. Dieser ließ sich solche Fürsorge gern gefallen, gewann seine gute Laune schnell zurück, und bald saß er, von Kopf zu Fuß in das Laken gehüllt, wieder auf der Segelbank neben ihr und machte einen Witz über den anderen.

»Es wird kälter,« sagte Gerd, »leg' dich in die Koje, Leidchen, und schlaf!«

»Mich friert gar nicht.«

»Hast du mich verstanden?«

»Ich lege mir noch ein Tuch um.«

»Du sollst verschwinden, hast du mich verstanden?«

»Aber Gerd,« mischte sich der Dritte ein, »wenn sie lieber ...«

»Wer ist hier Herr im Schiff? Leidchen, wird's bald?«

Er hob drohend das Stangenruder.

Da stand sie auf und ging trotzig aufstampfend nach vorn. Hermann, der sich gleichfalls erhoben hatte, hielt ihr den Kojendeckel, bis sie sich im knisternden Stroh zurecht gelegt hatte, wünschte Gute Nacht und schloß behutsam über ihr. Dann legte er sich, in das Torflaken gehüllt, auf den Boden des Schiffes. Gerd riet ihm, das Segel ein wenig zu lösen und sich hineinzudrehen, was er sich nicht zweimal sagen ließ; denn die nassen Kleider und die Kühle der Herbstnacht machten sich unangenehm genug bemerkbar.

»Endlich Ruhe im Schiff,« murmelte Gerd und gab sich seinerseits dem gewohnten, halbschlafähnlichen Dösen hin, mit dem er die Nachtstunden auf der Hamme zu kürzen pflegte. -- --

»Guten Morgen, Gerd!«

»Guten Morgen. Schön geschlafen?«

»Prrr! Eine schändliche Kälte!«

»Das hast du dafür. Warum bleibst du nicht, wo du hingehörst?«

Nach einer Weile richtete der Fahrgast sich etwas auf und begann, gegen die Segelbank gelehnt, von neuem:

»Gerd, ich möchte wohl mal ein vernünftiges Wort mit dir reden.«

»Da bin ich begierig.«

»Ich kümmere mich nicht gern um anderer Leute Sachen.«

»Mag auch ebensogut sein. Jeder hat genug mit seinen eigenen zu tun.«

»Ja, aber wenn des Nachbars Haus brennt, kann einer das doch nicht ruhig mit ansehen.«

»Aber Mensch, nun sag', was du zu sagen hast!«

»Wenn ich meine ehrliche Meinung sagen soll, du fängst das mit Leidchen nicht richtig an.«

»Nun hör' mal einer an!«

»Wenn du mir nicht zuhören willst, kann ich ja auch den Mund halten.«

Nachdem Gerd eine Strecke schweigend sein Schiff gestakt hatte, sagte er zögernd: »Hermann, meinetwegen sprich dich mal rein aus.«

»Gerd,« begann der Müller, »ich hab' dich gestern immer wieder angucken müssen. Auf dem Freimarkt werden sonst alte Brummpeter sogar wieder lustig, aber du hast den ganzen Tag ein Gesicht gemacht, wie ein Pott Sauermilch ... als ob du Leidchen das bißchen Vergnügen nicht gönntest ... als ob sie dich jedesmal um Erlaubnis fragen müßte, wenn sie mal lachen will. Wenn sie mich nicht gehabt hätte, hätte sie ebensogut zu Hause bleiben können. Und vorhin hast du sie in die Koje geschickt, wie ich unsern Hund nicht in seine Hütte jage. So könnte man's vielleicht mit einer Schlafmütze von Deern machen, die knapp weiß, daß sie lebt. Aber, glaube mir, ein Mädchen wie deine Schwester läßt sich solche Behandlung auf die Dauer nicht gefallen. Wenn der Fuhrmann die Zügel gar zu scharf anzieht, schlägt ein edles Pferd, das Blut und Feuer in sich hat, über die Stränge.«

Gerd schwieg eine Weile, etwas betroffen. Dann sagte er: »Leidchen weiß ganz gut, wie ich's meine.«

»Gewiß meinst du es gut,« fuhr der andere fort, »aber es geht nirgends bunter her, als in der Welt, und die gute Meinung allein tut's da nicht. Sieh, Leidchen hat Temperament und Rasse, und du bist von Natur ruhig und solide. Da kannst du doch unmöglich verlangen, daß sie genau so sein soll wie du bist. Das ist nicht jedem gegeben, mir zum Beispiel auch nicht, aber darum kann unsereins doch ein ordentlicher und anständiger Mensch sein.«

»Wie kommst du dazu, dies alles herzukriegen?«

»Das will ich dir ganz genau sagen: Leidchen ist 'ne kleine nette Deern, die feinste in unserm ganzen Dorf. Es hat mir Spaß gemacht, ihr mal den Freimarkt zu zeigen. Da tut es mir nun weh, daß immer so'n Buhmann und Landgendarm hinter ihr her sitzt.«

»Hoho! Wenn sonst keiner hinter ihr her sitzt, soll's schon gehen.«

»Nichts für ungut, Gerd. Du wolltest ja, ich sollte mich rein aussprechen. Du kannst deshalb doch machen, was du willst. Aber ich wollte dies doch gesagt haben, weil ich es gut mit euch beiden meine.«

»Wir müssen jetzt aussteigen,« sagte Gerd, der inzwischen das Schiff in den Graben gelenkt hatte und vor dem ersten Klappstau anlegte, »du kannst Leidchen auch wecken.«

Hermann öffnete die Koje und rief sie beim Namen. Als sie langsam hochkam, sagte er: »Deern, Deern, du kannst dich freuen, daß du den warmen Unterschlupf gehabt hast. Mich hat jämmerlich gefroren.«

Sie sandte durch das dämmernde Grau der Frühe dem Bruder einen bösen Blick zu, aber der andere fuhr fort: »Ein Bruder, der so fürsorglich ist und an alles denkt, wie Gerd, ist gar nicht mit Geld zu bezahlen.« Dann legte er sich vorne ins Tau und half kräftig, das Schiff die vielen Staue hinaufzubringen.

Als sie bei der Mühle ankamen, legte er Leidchen das Seil über die Schultern, gab den Geschwistern die Hand, man bedankte sich gegenseitig, und er schritt seinem stattlichen Elternhause zu, indes die beiden ihre Fahrt fortsetzten, sie in der Leine und ziehend, er mit dem Ruder das Schiff vom Ufer haltend und schiebend.

Als sie eine Stunde später das Fahrzeug im Schauer geborgen hatten und dem Hause zu gingen, sagte Gerd, mit einiger Überwindung: »Ich glaube, ich bin ein bißchen unfreundlich und verdrießlich gewesen.«

»So? Wenn du das nur einsiehst!«

»Es wär' besser gewesen, wir wären unter uns geblieben.«

»Nun soll natürlich Hermann die Schuld haben!«

»Aber Mädchen, ich hab' ja kein Wort gegen ihn gesagt. Ich glaube jetzt sogar, daß er im Grunde besser ist, als ich früher meinte. Das heißt, so ganz traue ich ihm immer noch nicht ...«

Polli, der gelbe Fixköter, kam aus dem Hühnerloch neben der großen Tür gekrochen und begrüßte die heimkehrenden Freimarktsfahrer mit Gebell, Schwanzwedeln und Anspringen.

6.

An der Peperschen Stelle Nr. 18 haftete seit alten Zeiten die Schankgerechtigkeit.

Klaus Hinrich Peper hatte sich aus dieser all seine Lebtage nicht viel gemacht. Es war oft genug vorgekommen, daß er halbwüchsige Burschen nach dem zweiten Glas heimschickte, weil sie nun genug hätten, und daß die geistigen Getränke ihm gerade dann ausgingen, wenn die Gäste anfingen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Die ungebührlich vorgehende Wanduhr führte die Polizeistunde stets viel zu früh herauf, und doch wurde sie aufs pünktlichste innegehalten.

Dieses Unikum von Wirt war vor zwei Jahren Todes verblichen, und sein Sohn und Erbe Heini hatte mit einem derart rückständigen und unzeitgemäßen Betriebe des Wirtsgewerbes sofort gründlich gebrochen. Es dauerte kein halbes Jahr, so war die große Lehmdiele mit glattem Holzfußboden versehen, und die Polizeibehörde wurde mit Gesuchen um Erlaubnis von Tanzbelustigungen bestürmt.

Aber der Herr Landrat machte neuerdings Schwierigkeiten, nachdem auf der letzten Synode nicht nur die Geistlichkeit über die zunehmende Vergnügungssucht im Bezirk geklagt, sondern auch ein alter Bauer mit mächtiger Hakennase seine derbe, plattdeutsche Rede in den Ruf hatte ausklingen lassen: »Landrat, werde hart!« Um sich an der Kirche zu rächen, beschloß Heini, nicht mehr zum Abendmahl zu gehen, und den Staat, der mit jener unter einer Decke spielte, wollte er sein Mißfallen durch einen roten Stimmzettel bei der nächsten Reichstagswahl fühlen lassen.

Was blieb einem strebsamen Wirt unter diesen Umständen anders übrig, als Vereine zu gründen?

Aber damit bewies Pepers Heini -- der Kindername war ihm bis in sein Mannesalter treugeblieben -- anfangs keine glückliche Hand. Die Mitglieder des Kegelklubs »Gut Holz« waren halbwüchsige Bengels, die viel Radau machten, aber leider sehr wenig verzehrten. Der Radfahrerverein »Pfeil« entführte seine Leute in die Umgegend zur Konkurrenz. Der Patriotismus wollte sich nicht auf Heinis Mühle leiten lassen, weil die Krieger von Brunsode und Umgegend um seiner schönen Augen willen das Miteigentumsrecht an dem Vermögen des Kriegervereins im Kirchdorf nicht aufgeben wollten.

So saß Heini denn eines Abends mit seiner Frau Adeline, die ebensowenig Lust zur Arbeit hatte wie er, aber um so lieber sich putzte und mit den Gästen schön tat, wieder mal beratschlagend in der Gaststube, als er sich plötzlich aufs Knie schlug und rief: »Deern, wir versuchen's mal mit einem Gesangverein!« Sie redeten darüber hin und her, wurden gutes Muts dabei und tranken auf das Wohl des neuen Vereins: Frau Adeline einen Pfeffermünz, Heini zwei Klare und einen Magenbitter.

Zwei Tage später war das Bauernmal vom Gemeindevorsteher entboten, den Damm im unteren Dorf frisch zu besanden, wie es von Zeit zu Zeit nötig ist, wenn Pferdebeine und Wagenräder nicht in dem moorigen Dammkern versinken sollen. Ein Teil der Mannschaften grub den Sand oben auf Stelle Nr. 19, wo er ziemlich hoch unter der Moorschicht saß, andere schafften ihn in Torfbooten an den Damm, woselbst die übrigen ihn auf Karren auseinanderschoben und mit Schaufeln ausbreiteten. Dabei wurde mancher Mundvoll geschnackt, wie es bei Arbeiten für die Gemeinde üblich ist. Harm Mehrtens, der Vorsteher, saß auf dem Geländer einer Hofbrücke, schmökte seine Pfeife und führte die Aufsicht.

Gerd Rosenbrock hatte gerad' seine Karre wieder einmal umgekippt, als August Stelljes, der junge Bauer von Nr. 16, ihn ansprach:

»Gerd, sag' mal: hast du Begabung zum Singen?«

Der Gefragte stellte seine Karre hin: »Oh ... in der Schule hab' ich die zweite Stimme ganz gut halten können.«

»Was meinst du, wenn wir hier auch so 'nen Männergesangverein gründeten, wie sie ihn in Hasenwede und Grünmoor und Meinsdorf schon lange haben?«

»Das wär'!« rief Gerd überrascht und erfreut. »Ich tret' auf der Stelle bei.«

»Die Sache wird sich wohl machen, Pepers Heini hat gestern schon mit dem Schullehrer gesprochen, und der hat auch wohl Lust,« fuhr August fort. »Wer von euch im oberen Dorf mag wohl noch mittun?«

Gerd dachte nach und nannte einige Namen, versprach auch, mit diesem und jenem darüber zu reden. Dabei schnackten sie sich so fest, daß der Gemeindevorsteher zuletzt mit dem Mundstück seiner Pfeife auf ihre Karren deuten mußte, damit sie ihre Arbeitspflicht der Gemeinde gegenüber nicht ganz und gar vergäßen.

Niemand war über Heinis neuesten Plan glücklicher als Gerd Rosenbrock, und er beschloß, alles aufzubieten, daß aus der Sache etwas würde. Es kamen ja nun wieder die langen Winterabende. Für einen, der keine Lust hatte, sich herumzutreiben, waren sie über die Maßen langweilig. Da hockten sie in der Stube beieinander: Jan lag mit dem Kopf auf dem Tisch und schlief, Trina flickte Kinderzeug, Leidchen spann, und er selbst, Gerd, strickte Strümpfe oder schnitzte Wurststicken. Gegähnt wurde viel, gesagt wenig und meist nur solches, was ebensogut ungesagt hätte bleiben können. Jeder freute sich, wenn die Uhr endlich so weit war, daß man mit Anstand ins Bett steigen konnte. Wenn da nun jede Woche mal so einen Singeabend brächte ... Junge, Junge, das wäre fein! Und sofort begann er zu werben, und alle, die er haben wollte, gewann er auch für die Sache. Denn was er einmal betrieb, das betrieb er mit einem Nachdruck, dem der Erfolg nicht leicht fehlen konnte.

Drei Tage später wurden von Nr. 18 aus Laufzettel die Dorfreihe hinauf- und hinabgeschickt, die zur Gründungsversammlung eines Männergesangvereins einluden und unterzeichnet waren: »Der Einberufer.« Solche meist in köstlicher Orthographie abgefaßte Oktavblättchen, die der Nachbar zum Nachbarn weiterzubefördern gehalten ist, sind in Brunsode die ortsübliche Bekanntmachung.

Zu der auf dem Laufzettel angegebenen Stunde füllten an die dreißig Stellbesitzer, Haussöhne und Knechte -- trennende soziale Unterschiede kennt das Kleinbauerntum des Moores kaum -- Heini Pepers Gaststube bis auf den letzten Platz und qualmten, priemten, spuckten für Gewalt. Frau Adeline, hochbusig, von einem ölig glänzenden Haartempel überragt, ein kokettes Lächeln im Gesicht, bediente den kürzlich angeschafften Kohlensäureapparat, während ihr Heini, der sich so recht in seinem Elemente fühlte, mit den Biergläsern sprang.

Endlich erscheint auch Herr Timmermann, bei dessen Eintritt die ohnehin nicht sehr lebhafte Unterhaltung plötzlich wie abgeschnitten ist. Er hat nämlich mit den Brunsodern noch keinen Scheffel Salz gegessen. Nachdem man sich daran gewöhnt hat, daß er Urlaub nur in Notfällen gibt und auf ruhm- und trostreiche Leichenpredigten als nicht zu seinem Amt gehörig sich überhaupt nicht einläßt, gilt er der Mehrheit aber doch schon als ein »anständiger Junge«, und einige, denen es lieb ist, daß er die Jugend »schärfer lernt« als der selige Lenz, halten ihn bereits gar für einen »alten ehrlichen Burschen«. Und mehr kann einer wirklich nicht verlangen, der erst vor vier Jahren von der Wasserkante her als Fremdling ins Land kam.

Auf Heini Pepers Ersuchen nimmt Herr Timmermann bald das Wort. Indem er mit der langen, schmalen Hand die auf ihn zuwogenden braungelben Tabakswolken zur Seite lenkt, spricht er seine Freude darüber aus, daß der edle deutsche Volksgesang, diese wunderbare Blüte, aus der Tiefe der deutschen Volksseele emporgeblüht, nun auch in Brunsode eine Pflegstätte finden soll. Als ganz junger Lehrer würde er das noch viel schöner und poetischer gesagt haben; die vier Jahre unter den Bauern hatten ihn doch schon ein gut Teil sachlich schlichter gemacht und seine Ausdrucksweise dem höheren Aufsatzstil entfremdet. Er schloß seine Ausführungen damit, daß er sich bereit erklärte, die musikalische Leitung des zu gründenden Vereins zu übernehmen, allerdings unter der Voraussetzung und Bedingung, daß die regelmäßigen Übungen in der Schule stattfänden.

Heini, der vorhin mehrere Male Bravo gerufen hatte, machte ein langes Gesicht und sah seine Frau an, die ein dummes zur Schau trug. Dann zwinkerte er mit seinen Fuchsaugen Freund August Stelljes zu. Aber der war kein Redner und getraute sich nicht. Es blieb ihm also nichts übrig, als selbst das Wort zu ergreifen. Was so die echte, rechte deutsche Gemütlichkeit wäre, begann er, die käme in so einem Schulzimmer mit seinen peinlichen Erinnerungen nicht auf, womit er natürlich nichts gegen die Schule an sich oder den Herrn Lehrer gesagt haben wolle. Aber die alten Deutschen hätten immer noch eins getrunken, und die jungen Deutschen liebten einen guten Tropfen frisch vom Faß ebenfalls, und das brauche er wohl kaum zu erwähnen, wie leicht gerade beim Singen die Leber trocken würde.

August Stelljes und noch einige lachten, nickten und riefen Bravo, Herr Timmermann zuckte die Achseln.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas, nur im Flüsterton wurde hier und da an den Tischen beraten, bis endlich Wilhelm Behnken Nr. 22, den das Vertrauen des Dorfes zum Schulvorsteher, Beigeordneten des Gemeindevorstehers und Kanalgeschworenen gemacht hatte, sich räusperte und trocken erklärte, er stimme auch für die Schulstube; denn in einem Gesangverein wäre nach seiner Ansicht das Singen die Hauptsache.

Jetzt war die Zeit gekommen, das Eisen zu schmieden, fiel es wie eine Erleuchtung über Herrn Timmermann, er schnellte in die Höhe und fragte: »Ist jemand gegen den Antrag des Herrn Schulvorstehers Behnken?« Es erhob sich wohl ein Brummen, aber kein Finger. »Also einstimmig angenommen. Wie wollen wir uns nennen? Ich schlage vor: Männergesangverein Feierabend. Das klingt bescheiden und traulich zugleich. Ich sehe, daß alle einverstanden sind. Wir schreiten nunmehr zur Vorstandswahl. Ich erlaube mir vorzuschlagen: Herrn Wilhelm Behnken als Präsidenten, Herrn Heini, pardon, Heinrich Peper als Vizepräsidenten, meine Wenigkeit zum Dirigenten und Schriftführer. Ferner Herrn Johann Segelken als Kassenwart, und endlich, damit auch die jüngere Generation vertreten ist, was ich für wünschenswert halte, Herrn Gerd Rosenbrock als Beigeordneten. Ist jemand gegen diese Liste? ... Ich stelle fest, daß dies nicht der Fall ist und frage die genannten Herren, ob sie die Wahl annehmen.«

»Zur Geschäftsordnung!« rief Heini Peper, mit ausgestrecktem Finger vorspringend.

»Bedaure sehr, Herr Peper, eine Geschäftsordnung besitzen wir noch nicht, können aber im Vorstand mal eine machen. Ich darf wohl die Erklärung abgeben, daß der gesamte Vorstand, für das ihm bewiesene Vertrauen dankend, die Wahl annimmt, und lasse jetzt die Mitgliederliste herumgehen, in die ich Namen und Hausnummer einzutragen bitte.«

Neunzehn der Anwesenden zeichneten sich sofort ein. Einige, denen als Leuten mit etwas langer Leitung die Sache gar zu fix gegangen war, wollten sich noch besinnen, andere hielten es für besser, erst ihre Frauen zu fragen.

Die Ansichten über Lehrer Timmermann gingen diesen Abend auseinander. Heini Peper meinte, er hätte die Leute wie Schulkinder behandelt, und man wäre dumm genug, daß man sich so was gefallen ließe. Karsten Brammer, der Dorfpolitikus, kratzte sich hinterm Ohr und sagte: »Donnerschlag! Wenn der Reichstag solchen Präsidenten hätte, könnte er was beschicken.« Gerd Rosenbrock war dem Lehrer für die ihm so unerwartet zugeschanzte Ehre dankbar und mußte sich die nächsten Tage öfter selbst warnen, daß er den Kopf nicht zu hoch trug. -- --

Einmal hatte Herr Timmermann den Vorstand zu einer Sitzung eingeladen, und während die übrigen auf sich warten ließen, war Gerd auf die Minute pünktlich erschienen. Da kamen die beiden ins Gespräch, und es machte sich so, daß der Lehrer seinen Gast fragte, wie er seine Abende zubrächte. Darauf konnte dieser nichts Rechtes sagen. Ob er nicht Lust hätte, mal ein gutes Buch zu lesen, fragte der andere weiter. Och ja, meinte Gerd, wenn er eins für ihn wüßte. Herr Timmermann langte nach seinem Bücherbord und nahm einen Band heraus, den er in ein Zeitungsblatt wickelte und, um freundliche Schonung bittend, für den jungen Sangesbruder bereit legte. Gerd wunderte sich wieder einmal über das Interesse, das der Lehrer seiner Person entgegenbrachte, zumal er sich nie um den Mann gekümmert hatte und ihm seit der Schulzeit eigentlich ganz aus der Kunde gewachsen war.

Das Buch, das er mit nach Hause trug und gleich nach Feierabend des nächsten Tages zu lesen begann, hieß »Uli der Knecht«. Es machte ihm anfangs einige Schwierigkeit, hineinzukommen. Aber bald schlug die Geschichte des jungen Bauernknechts, der aus dumpfem, liederlichem Leben sich langsam heraufgearbeitet, ihn in Bann. Und es dauerte nicht lange, so fing er von vorne an und las das Buch seiner Schwester vor. Auch Jan und Trina fanden bald am Zuhören Freude. Man hörte auf, nach dem Bett zu gähnen, und blieb manchmal bis gegen halb zehn beisammen. Und es waren schöne Abendstunden, wenn der Bauernfamilie des niederdeutschen Moores sich das Bild oberdeutschen Bauernlebens entrollte, wie der Pfarrer von Lützelflüh es in seinem Buche so wundervoll farbig und kraftvoll gemalt hat. Man las und hörte die Geschichte nicht bloß, man lebte sie mit, und jeder wählte sich einen Helden, für den er gegen die anderen Partei ergriff. Jan hielt es als Stellbesitzer mit seinem Namensvetter, dem Meister Johannes, während er über Joggeli, den Bauern der Glungge, oftmals den Kopf schüttelte. Trina trat für die gute Meisterin ein. Gerd stand natürlich auf seiten seines Mitknechts Uli, dessen Torheiten er schmerzlich empfand, indes sein langsames Aufsteigen ihn mit frohester Teilnahme erfüllte. Leidchen paßten alle die Trinis, Ürsis, Stinis, Käthis, Elisis gar nicht. Als aber das liebe Vreneli auf der Bildfläche erschien, fühlte sie sich mit ihrer Heldin der ganzen Tischrunde überlegen und lachte ihren Bruder aus oder machte Ätsch, wenn es sich wieder einmal zeigte, daß Vreneli seinem Uli über war.

Und als sie mit »Uli dem Knecht« fertig waren, lieh Herr Timmermann auch »Uli den Pächter« her.

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