Geschwister Rosenbrock

Part 6

Chapter 63,734 wordsPublic domain

Es war der bösartigste aller Leierkasten, der Brunsode beglückte. Als Herr Timmermann mitten in der Weltgeschichtsstunde seine Klänge vernahm, legte er das Gesicht in Leidensfalten; die Kinder aber reckten die Hälse, horchten mit leuchtenden Augen und hatten für die unerhörtesten Weltbegebenheiten kein Ohr. Tönnjes Miesner, der älteste Altenteiler des Dorfes, der vor seiner Haustür in der Herbstsonne saß, winkte den Orgelmann heran, hielt sich die großen zitterigen Hände als Schalltrichter vor die torfverstaubten Ohren und dachte voll Wehmut daran, wie er einst mit den Genossen seiner Jugend, die jetzt alle dahin waren, im Freimarktsübermut fünf solcher verwegenen Kerls gemietet und hinter der tollen Musik her, mit ein paar hundert Kindern im Gefolge, das Torfhafenviertel durchzogen hatte. Damals konnte einer, der schlau und flink war und Glück hatte, noch mal schnell mit Schmuggelei ein gutes Stück Geld verdienen und etwas draufgehen lassen. Dem Alten fielen ein paar große blanke Tränen wehmütiger Erinnerung aus den Augen, indem er in der Tiefe seiner Hosentasche nach dem Groschen Spielmannslohn grub. -- Die Schmuggelzeit ist das romantische Mittelalter in der Geschichte der Moorkolonien, und wenn winterabends um den Herd oder in der Stube um den warmen Ofen das Erzählen beginnt, fängt es bei den Alten gar oft an: »Damals, als die Schmuggelei noch im Gang war ...«

Leidchen Rosenbrock saß gerade, den Melkeimer zwischen den Knien, unter der Rotbunten, als es draußen auf dem Hof erklang: »Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion.« Sie hielt, die weichen Euterstriche zwischen den Fingern, im Melken inne, lauschte, trällerte die Weise mit, rückte unruhig auf dem Schemel, und ließ dann hurtiger und lustiger als zuvor die weißen Quellen in den Eimer strullen. Noch drei Stunden, und es ging nach Bremen zum Freimarkt! Den ganzen Sommer hatte sie sich darauf gefreut, seit Wochen zählte sie die Tage, und seit gestern in jugendlicher Ungeduld sogar die Stunden.

Aber noch stand vor dem Vergnügen ein tüchtiges Stück Arbeit. Leidchen mußte hinten im Moor auf der Karre einen Korb Backtorf nach dem anderen an den Grabenrand schieben, und Gerd stand unten im Schiff, ihn kunstgerecht zu verpacken, bis er die volle Ladung, einen halben Hunt, d. i. sechs Kubikmeter, beieinander hatte. Ein Viertel des Erlöses war ihnen von Jan als Marktgroschen zugestanden.

Nachdem sie sich gründlich von der staubigen Arbeit gewaschen und die eingepackte Festkleidung verstaut hatten, brachen sie in später Nachmittagsstunde auf.

Als sie die Hamme erreichten und das Schiff, das sie bis dahin vom Leinpfad aus geschleppt und geschoben hatten, bestiegen, war die Sonne bereits hinter eine breite Wolkenbank gesunken, deren Ränder in allen Farbentönen, vom tiefsten Violett bis zum zartesten Rosa, spielten. Der Duft und Glanz eines schönen Herbstabends füllte das weite Wiesental. Der durch herbstlich raschelnde Schilfwälder sich hinschlängelnde Fluß schimmerte weithin wie Perlmutter. Wo sein Lauf sich dem Auge entzog, bezeichneten ihn bis zur Horizontlinie die schwarz gegen den Himmel stehenden Rechtecke der heraufkommenden Segel. Die ein gutes Dutzend Moorkolonien mit der Welt verbindende Wasserstraße war zur Zeit des Torfverschiffens und des Freimarktes sehr belebt. Die Schiffer kannten sich fast alle, wenn auch meist nur nach Gesicht und Vornamen, und die üblichen Zurufe flogen zwischen den einander Begegnenden hin und her: »Geht's 'nauf, Gerd?« »Ja, Jan.« -- »Geht's 'nunter, August?« »Ja, Gerd.« -- »Na, wie war's auf'm Freimarkt, Meta?« »Wunderschön, Gerd. Ist recht, daß du Leidchen auch mal mitnimmst. Deern was wirst du für Augen machen!«

Als sie an einer Reihe von Schiffen vorüber waren und die glänzende Bahn auf eine gute Strecke frei vor ihnen lag, hub Leidchen, die vorn auf der mit braunem Laken bedeckten Ladung saß, an zu singen. Gerd, der hinten im Schiff stand und die schwere eisenbewehrte Eichenstange gleichmäßig einstemmte und nachzog, fiel sogleich mit der zweiten Stimme ein, auf dem träge ziehenden Moorfluß deutsche Rheinromantik aufleben zu lassen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin,« klang es rein und getragen über die herbstabendstillen Wasser.

Als ein kälterer Hauch durch das Tal wehte, vor dem Leidchen fröstelnd die Schultern zusammenzog, stieg Gerd über die Torfladung nach vorn, hob den Deckel der Koje und sagte mit einladender Handbewegung: »So, lüttje Maus, nun wühl' dich hier warm ins frische Stroh und schlaf süß, daß du mir morgen früh hübsch munter bist.« Sie hob das rechte Füßchen, zog das linke nach, sank in die Knie und ließ sich in das knisternde Stroh sinken. Noch einen lächelnden Blick tauschten sie, dann schloß er behutsam über der Schwester das wellengewiegte Schlafkämmerchen.

Auch der Wind legte sich allgemach schlafen. Nur leichte Wellen kamen noch den Fluß herauf und schlugen leise an die Wände des kleinen Schiffes, auf dessen mattglänzende Bahn sich leichte Nebelschleier legten. Am Himmel zogen sterndurchfunkelte grauweiße Wolken.

Vom Ufer her warf ein ruhig brennendes Licht seinen zitternden Widerschein über das Wasser. Es kam aus Cord Rugens Hammehütte, die hart am Flusse auf einer Wurt lag, und in der während der Monate regeren Wasserverkehrs eine Wirtschaft für Schiffer gehalten wurde. Gerd, der eigentlich vorüberfahren wollte, entschloß sich im letzten Augenblick doch zum Einkehren. Wenn er ein Stündchen schlief, war er am nächsten Tage frischer.

Er legte sein Boot nicht in die Reihe der übrigen, da die vor ihm aufbrechenden Schiffer seinen Fahrgast dann leicht hätten stören und erschrecken können, sondern ließ es ein wenig flußabwärts sacht ins Uferschilf gleiten. Nachdem er, über die Koje gebeugt, durch die ruhigen und tiefen, aus dem Stroh heraufkommenden Atemzüge sich hatte sagen lassen, daß seine Schwester fest schlief, stieg er ans Land.

Die kümmerlich erleuchtete, aber gut durchwärmte Hütte füllte ein reichliches Dutzend Torfschiffer, die sich hier von den Anstrengungen der nächtlichen Fahrt erholten, die einen schlafend und schnarchend, die anderen trinkend und Solo spielend.

Gerd ließ sich einen Klaren geben, schob das Gläschen, nachdem er es bis zur Hälfte geleert, zurück, legte die Arme auf dem Tisch ineinander und barg den Kopf hinein. Eine halbe Minute lang hörte er noch das Gesäge eines Nachbarn und die auftrumpfenden Fäuste der Spieler, dann nichts mehr. Auf solche Weise sich ein wenig nächtlichen Schlafes zu stehlen, war er seit Jahren gewöhnt.

Zweimal hatte der große Zeiger der Wanduhr die sein Zifferblatt umrankenden grellbunten Blumen umwandelt, da hob der junge Schiffer den Kopf, trank seinen Klaren vollends aus, legte die Zeche von einem halben Groschen daneben und trat gähnend in die Nacht hinaus, die Fahrt fortzusetzen. --

Die Wiesen des Blocklandes deckt das graue Meer der Oktobernebel, aus dem hier und da der Kopf oder die Rückenlinie einer Kuh wunderlich gespenstig hervorragt. Auf dem schnurgeraden Kanal gleitet ein Torfschiff durch den feuchten Dunst, von dem auf den Leinpfad vornübergebeugt nebenhergehenden Schiffer mit dem eingestemmten Stangenruder geschoben. Plötzlich umfließt diesen silbernes Licht, er richtet sich auf und erblickt über die Nebelmassen weg den im letzten Herbst- und ersten Morgengold leuchtenden Bürgerpark, und dahinter die Stadt mit ihren Türmen, im Glanz des schönsten Herbstmorgens.

Da hebt er die Stange und stößt mit ihrer eisenbeschlagenen Spitze gegen die Koje vorn im Schiff.

Der Deckel hebt sich. Helles Haar schimmert im Silberlicht der Frühe, zwei junge Augen zwinkern verschlafen, ein rosiger kleiner Mund gähnt mit ansteckender Herzhaftigkeit, und aus dem engen dumpfen Kasten steigt das schönste Kind des Moores, sich schüttelnd und Strohteilchen mit der Hand von Haar und Kleidung streifend, schlägt den Deckel krachend zu, springt leichtfüßig hinauf, reckt die schlanken Glieder in der Sonne und schaut mit großen, glänzenden Augen verwundert und inbrünstig in den strahlenden jungen Tag. Zugleich schüttelt auch der junge Schiffersmann die letzte Dumpfheit der Nacht von sich und schreitet wacker aus, das Ziel zu erreichen.

Als das Schiff im Torfhafen sich in die Reihe der anderen legte, die in den Morgenstunden auf den verschiedenen Wasserwegen angelangt waren, fand sich schnell ein Händler herzu, der Gerds Ware auf Schwere und Trockenheit untersuchte und ein Gebot abgab. Gerd nannte gelassen, beide Hände tief in die Hosentaschen vergraben, seinen Preis, der den Mann veranlaßte, ein Schiff weiter zu gehen. Auch mit einem zweiten und dritten wurde er nicht handelseins. Leidchen, die auf dem groben Kaipflaster hin und her ging, wollte schon ungeduldig werden und drängte ihn, die Ladung loszuschlagen. Aber ohne auf sie zu hören, steckte er sich die Pfeife an und wartete ruhig, bis jemand ihm auf eine halbe Mark entgegen kam. Dem verkaufte er seinen Torf. Während dessen Kumpwagen vorfuhr und die herandrängenden Brockelweiber mit dem Umladen begannen, zählte er mit großer Sorgfalt sein Geld, um dann noch jedes einzelne Stück auf seine Echtheit zu prüfen. Dies hatte er sich zur Gewohnheit gemacht, seit er einmal mit einem österreichischen Gulden angeführt war.

Darauf rechnete er aus, was der Schwester und ihm als Marktgeld gehörte. Es ergaben sich sechs Mark und vierzig Pfennig, die er in die linke Hosentasche versenkte, während er die größere Summe in der rechten verstaute.

»Ich will mein Geld selbst tragen,« erklärte Leidchen und streckte die Hand aus.

»Bei mir ist es sicherer,« sagte er. »Auf dem Freimarkt gibt's viele Taschendiebe.«

»Schadet nichts. Gib her, drei Mark und zwanzig Pfennig.« Sie stieß mit dem Hacken des linken Fußes energisch auf das Straßenpflaster und ließ ein billiges Portemonnaie hungrig auf und zu schnappen.

»Du bist wohl albern?« rief Gerd verwundert. »Das Marktgeld richtet sich nach dem Lohn. Da! Hier hast du zwei Mark fufzig, damit kannst du dicke zufrieden sein.«

Sie zog das Mäulchen erst ein wenig schief, wusselte dann aber das geschwollene Geldtäschchen vergnügt in ihre Rocktasche.

Nachdem sie in einer nahen Gastwirtschaft ihren Morgenkaffee getrunken und sich festtäglich gekleidet hatten, machten sie sich auf den Weg in die Stadt.

An der nächsten Straßenecke begann gerade ein junger, tirolermäßig aufgeputzter Orgeldreher sein Tagewerk mit: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht.« Leidchen blieb stehen und hatte ihren Spaß an der lustigen Weise, und an den lustigen Augen des flotten Kerls auch wohl ein wenig. Als er seinen Hahnenfederhut hinhielt, warf sie ihm einen ganzen Groschen hinein, worauf der Leiermann sich ritterlich verbeugte und sagte: »Küss' die Hand, schönes Fräulein.«

Freudig errötend schielte Leidchen nach ihrem Bruder hinüber, um zu sehen, welchen Eindruck diese Anrede auf ihn machte. Der aber lächelte spöttisch und brummte: »Darauf brauchst du dir gar nichts einzubilden. Das sagt so'n Lümmel zu jedem alten Schrubber ... Was ich aber noch sagen wollte, wenn du jedem solchen Tagedieb einen Groschen gibst, bist du blank, ehe wir zum Marktplatz kommen.«

Er begann jetzt, sie auf allerhand Dinge, die es in Brunsode nicht gab, erklärend aufmerksam zu machen, und hatte seine Freude an ihren verwunderten Augen und den Ausrufen des Staunens, die immer wieder über ihre Lippen kamen.

So erreichten sie die Budenstadt, die Marktplatz und Liebfrauenkirchhof, Domshof und Domshaide bedeckte, und durchstreiften ihre Gassen in die Kreuz und Quer. Aber der Freimarkt schlief noch. Die Kuchentanten gähnten und kramten hinter ihren Süßigkeiten, die Schaubuden zeigten nur ihre grellbunten Lockbilder, die Karussellgäule schienen wie im Trab oder Galopp erstarrt. Nur wenig Menschen, meist vom Lande, bewegten sich, dem Anschein nach ohne sonderliches Vergnügen, zwischen den Budenreihen.

Als sie sich die Beine müde gelaufen und die Augen satt gesehen, auch Honigkuchen, warme Würstchen, gefüllte Schokolade, Schmuddaal und andere gute Dinge genug gegessen hatten, stiegen sie, um endlich einmal von den Füßen zu kommen, in einen Keller hinab, in dem es nach Tabak, Bouillon und Harzkäse roch. Gerd bestellte für sich einen Bittern, für die Schwester einen Süßen. Auf dem rissigen Wachstuchsofa eines dämmerigen Winkels hockten sie vor ihren Gläsern, und Leidchen meinte, sie hätte sich den Freimarkt doch etwas anders vorgestellt. Aber Gerd vertröstete sie auf den Nachmittag, wo viel mehr los sein würde. Einstweilen lehnten sie sich in ihre Sofaecken und drusselten ein.

Nach anderthalb Stunden, die sie zwischen Wachen und Schlafen ziemlich unbehaglich zugebracht hatten, erklärte der Wirt, mit der geringen Zeche unzufrieden, sein Lokal wäre kein Asyl für Obdachlose, und sie stiegen wieder zur Oberwelt empor.

Sie waren noch keine hundert Schritt gegangen, als ein quer gehaltener Spazierstock ihnen den Weg versperrte und eine lustige Stimme rief: »Kinder und Leute, nun kuck mal einer an!«

Es war Müllers Hermann, der mit lachenden Augen die Dorfgenossen und Schulkameraden anhielt und begrüßte, und dann umdrehte und sich zwischen sie schob.

»Na, Leidchen, hast du denn schon ordentlich was gesehen?« wandte er sich an das Mädchen, ihr frisches, hübsches Gesicht verwundert betrachtend.

»Och nee,« antwortete sie gelangweilt, »es ist hier nicht ganz viel los. Oder Gerd weiß nicht recht Bescheid.«

»Na, denn muß ich wohl mal die Führung übernehmen,« sagte der Müller großartig.

Sie kamen in eine belebtere Straße, in der nicht drei auf dem Bürgersteig nebeneinander Platz fanden. Da weder Hermann noch Leidchen Anstalt machten, aus der Reihe zu treten, mußte Gerd es tun, und über die ungebetene Gesellschaft nichts weniger als erfreut, trottete er hinter den beiden her.

Auf dem Liebfrauenkirchhof wollte ein prächtiges Riesenkarussell sich soeben in Bewegung setzen. Der Motor arbeitete und das Läutewerk mahnte zu schleunigem Platznehmen. »Schnell, schnell,« rief Hermann, packte seine Begleiterin an der Hand und flog mit ihr die Rampe hinauf. Gerd beschleunigte seinen Schritt zwar auch, erreichte den Anschluß aber nicht mehr. Mit langem Gesicht sah er den unter rauschender Musik ihm Davonfahrenden nach.

Als sie wieder erschienen, galoppierten sie auf zwei Schimmeln nebeneinander vor ihm vorüber. Leidchen, die den Damensitz schnell einem vor ihr dahersprengenden Ladenfräulein abgeguckt hatte, strahlte über das ganze Gesicht und nickte dem Bruder freundlich zu, während Hermann in lässig vornehmer Haltung mit der Hand leichthin und, wie es Gerd wenigstens schien, ein wenig spöttisch grüßte.

Das nächste Mal waren die beiden Reiter so lebhaft miteinander im Gespräch, daß sie für den unten Stehenden kein Auge hatten. Gerd ärgerte sich wie ein Hund und trat einer Töchterschülerin auf die Zehen, die ihn anfauchte wie eine Katze.

Als das Karussell hielt, wandte Leidchen sich glückstrahlend um und rief: »Junge, Junge, das geht aber schön! Komm doch und reit auch'n bißchen mit.«

Er kletterte etwas ungelenk auf den Rappen, der hinter dem Schimmel seiner Schwester lief. Aber rechten Spaß machte ihm die Sache nicht. Die beiden beachteten ihn kaum, nur Leidchen drehte sich einmal um und lachte ihn an. Er kam sich als der Reitknecht des Pärchens vor, und als das Karussell stillstand, trat er zwei Schritt vor und sagte: »So, Leidchen, nun komm' man, jetzt ist's erst mal genug.«

»Genug?« fragte sie erstaunt. »Mensch, wir fangen ja erst an.«

»Du mußt dich noch ein bißchen gedulden,« erklärte ihr Ritter, »ich habe gleich ein Dutzendbillet genommen, daß wir erst mal in Stimmung kommen. Stimmung, weißt du, Gerd, ist auf dem Freimarkt alles. Steig auch man wieder 'rauf!«

»Dafür ist mir mein Geld zu schade,« sagte er, verließ das Karussell und stellte sich unter die Zuschauer an das Geländer der Rampe.

Als die beiden zum erstenmal wieder vorbeiritten, sahen sie ihm ins Gesicht und lachten in einer Weise, die ihm den Verdacht erweckte, der Müller hätte einen Witz über ihn gemacht. Da wandte er sich ab und tauchte in dem Gewühl einer Budengasse unter.

Wie hatte er sich darauf gefreut, Leidchen die Wunder des Freimarktes zu zeigen! Nun kam auf einmal dieser Windmüller und verdarb ihm den ganzen Spaß, ja drängte ihn einfach beiseite.

Er hatte nicht übel Lust, für den Rest des Tages den Gekränkten zu spielen, auf baldige Rückfahrt zu drängen und dem Freimarktsvergnügen ein schnelles Ende zu bereiten.

Aber nein, das durfte er der Schwester doch nicht antun. Sie hatte sich zu lange auf diesen Tag gefreut. Vielleicht war es ja auch möglich, den Müller auf irgendeine Weise loszuwerden.

»Echte Similibrillantringe, von fünfzig Pfennig an,« rief ein Budenfräulein, die Dinger glitzerten ihm in die Augen, und schnell entschlossen trat er heran, der Schwester ein Ringlein zu kaufen. Dann kehrte er langsam zum Karussell zurück.

Er entdeckte Leidchen auf der Rampe, wie sie mit ängstlichen Augen die hin und her wogende Menge absuchte. Als sie seiner ansichtig wurde, kam sie schnell und froh auf ihn zu und rief: »Oh, ich war schon bange, wir hätten uns verloren. Ein Glück, daß du wieder da bist.«

»Ist Hermann weggegangen?« fragte Gerd schnell.

»Er ist hin und sucht dich. Ich sollte hier auf euch warten.«

»Ach so ... Leidchen, ich will dir mal was sagen. Was sollen wir den ganzen Tag den fremden Menschen mit uns herumschleppen? Komm schnell, ich zeige dir alles, was du sehen willst!«

»Och nee, zu dreien macht es mehr Spaß.«

»Deern, ich schenk dir auch was. Guck mal, dies hab' ich für dich gekauft!«

Er ließ seinen Brillanten funkeln und schob ihr den Ring auf den Finger.

»Ei, ei!« rief sie bewundernd.

»Nun komm aber auch!«

»Gerd, ich hab' versprochen ...«

»Ich geb' dir auch noch fünf Groschen von meinem Marktgeld ab. Dann hast du beinah ebensoviel wie ich, und wenn du den Ring mitrechnest, sogar mehr. Komm!«

»Endlich hab' ich euch wieder!« rief der Müller, sich durch das Menschengewühl auf die Geschwister zuschiebend.

Gerd biß sich voll Grimm auf die Unterlippe. Leidchen hielt dem Ankömmling ihre geschmückte Hand vor das Gesicht: »Guck mal, was Gerd mir geschenkt hat!«

»Mädchen, hast du aber Glück!« sagte dieser lachend und wickelte aus einem Stückchen rosa Seidenpapiers ebenfalls einen Ring, den er ihr an den Ringfinger der anderen Hand steckte. Gerd sah zu seinem großen Verdruß, daß er drei Brillanten trug und auch feiner gearbeitet war als der seine.

Und dann wurde er von einer Schaubude zur anderen geschleppt. Ein Jammer war's, wie das schöne Geld in der linken Hosentasche zusammenschmolz. Bald mußte er schweren Herzens gar eine Anleihe in der rechten machen.

Endlich erklärte er, nun wär's aber wirklich genug, und sie müßten nach Hause. Doch die beiden nahmen ihn in die Mitte, Leidchen schmeichelte und streichelte, der Müller bot seine ganze Liebenswürdigkeit auf, und schließlich willigte er noch in einen Besuch des Zirkus auf dem Grünen Kamp. Hermann bezahlte auch für ihn die Eintrittskarte.

Als die Vorstellung aus war, sagte er: »Nun ist's aber allerhöchste Zeit; marsch zum Torfhafen!« Aber Leidchen erklärte, sie wäre sehr hungrig, und da Hermann zu einem Abendimbiß einlud, gab er wieder nach. Vor der anstrengenden nächtlichen Fahrt etwas Solides zu essen, konnte ja nicht schaden.

Sie kamen an mehreren Restaurationen vorüber, aber keine war dem Müller gut genug. Endlich, als sie wieder auf dem Markt angelangt waren, wies er auf eine nach unten führende Treppe, indem er sagte: »Nun man hinein ins Vergnügen!«

»Mensch, das ist ja der Ratskeller!« rief Gerd erschrocken und blieb stehen. »Das ist nichts für unserer Art Leute.«

Aber Leidchen sagte freudig erregt: »Vom Ratskeller hab' ich schon in der Schule gehört,« und stieg munter die Stufen hinab. Ihrem Bruder blieb wieder einmal nichts übrig, als hinterdrein zu trotten.

Sie schoben sich langsam durch das Menschengewühl der von Weindunst, Zigarrenqualm, Stimmengewirr und Konzertmusik erfüllten Säle, Gänge und Kellerräume und fanden endlich ein freies Tischchen, an dem sie sich niederließen. Der Kellner mußte eine Flasche Rüdesheimer bringen.

Als Hermann eingeschenkt hatte, erhob er seinen Römer und sagte: »Auf unsere alte Freundschaft!«

Leidchen ließ hell ihr Glas erklingen, Gerd dagegen kam mit seinem schräg von unten herauf, daß es hart klappte, und brummte: »Die ist nie dick gewesen.«

Hermann schob sein Glas vor und legte sich behaglich über den Tisch: »Na ja, wir haben uns auch wohl mal in den Haaren gelegen, wie sich das bei ein paar richtigen Jungens von selbst versteht, aber schön war's doch, vor allem, als der alte Krischan Lenz noch in seinem Armstuhl saß. Weißt du noch, unsere Schneeballschlachten? Und wenn wir auf dem Schiffgraben Schlittschuh liefen und über die Klappstaue sprangen ... oder durch die Hammewiesen und das St. Jürgensfeld sausten und Schmuggler und Kontrolleur spielten? Aber trinkt auch mal, der Tropfen ist nicht schlecht, prosit! ... Ach ja, die schöne Zeit kommt nicht wieder. Ihr mögt mir's glauben oder nicht, manchmal habe ich ordentlich Sehnsucht nach unserm Moor. Früher haben die Leute es ja verachtet, aber jetzt wird's auf einmal hoch geehrt. Neulich schrieben sie in den ›Nachrichten‹ viel von den Männekens, die seit ein paar Jahren auf dem Weiher Berg sitzen und pinseln. Wir sehen sie ja auch oft genug in unserm Dorf herumstehen und umschichtig zwischen der Natur und ihrem Stück Leinwand hin und her glotzen. Ihre Bilder waren hier in der Ausstellung zu sehen, und als ich zufällig vorbeikam, ging ich eben mal hinein. Da hingen unsere Torfgräben und Moorlöcher und Heuschiffe ganz natürlich abkonterfeit in goldenen Rahmen an der Wand, und die Leute machten ein Leben davon, als ob sie nicht recht klug wären. Auch Möschemeyers Anntrin ihre Erdhütte, die neulich eingefallen ist, war da zu sehen, und das alte Bettelweib guckte mit ihren roten Hexenaugen aus der Türluke, und 'ne feine Dame, ganz in blauer Seide, stand davor, hielt sich 'ne Brille mit'm Stiel über die Nase und schwögte in einem fort: ›Wie malerisch, wie entzückend, wie reizend!‹ Prost, Kinder, unser Düwelsmoor soll leben!«

Sie stießen an, und diesmal gaben alle drei Gläser guten Klang. Dann bestellte Hermann zu essen, und sie ließen es sich schmecken. Leidchen, die mit Freuden bemerkte, daß die Laune ihres Bruders sich verbesserte, erzählte lustige Geschichten aus den Kindertagen, in denen er eine Rolle spielte, und tat alles, was sie konnte, um die beiden alten Gegner voreinander in das beste Licht zu setzen, wobei der Ratskellerwein ihr nicht wenig half.

Als sie gesättigt waren, traten sie einen Rundgang durch die Kellerräume an. Dem Freimarkt zu Ehren waren sie alle geöffnet, auch die, welche sonst der Kellner mit dem Schlüsselbund nur gegen Entgelt zu zeigen pflegt. Leidchen in der Mitte, Arm in Arm, um in dem ausgelassenen weinfröhlichen Treiben einander nicht zu verlieren, schoben sie sich durch das Gedränge.

»Guck an, Jan vom Moor, da bist du ja auch!« rief ein junger Mensch und klopfte Gerd vertraulich auf die Schulter.

»Ich kenn' dich nicht,« brummte er mit finsterm Gesicht.

»Was? Du kennst mich nicht? Ich bin doch der Hinnerk aus der Lammer-Lammerstrat Nr. 13, drei Treppen hoch links um die Eck' herum, grade aus, dritte Tür rechts. Junge, Jan, was hast du da für 'ne hübsche Trina am Arm!«

Ehe Gerd dazu kam, etwas zu entgegnen, hatte das Gedränge ihn von dem Bruder Lustig getrennt. »Wenn Freimarkt ist, sind sie alle verrückt,« sagte Hermann lachend.

Nachdem die drei Bacchus, Frau Rose und den zwölf Aposteln, die auch alle ein sehr vergnügtes Gesicht machten, ihren Besuch abgestattet hatten, kehrten sie an ihren Tisch zurück und begannen mit der zweiten Flasche. »Leidchen, Leidchen,« sagte Gerd mit bösem Gewissen, »wir müssen nach Hause.«

»Wenn wir diesen Buddel leer haben,« antwortete der Müller, »könnt ihr meinetwegen reisen ... Ich beneide euch um die schöne Fahrt.«

»Du kannst ja ein bißchen mitfahren,« rief Leidchen.

»Deern, das ist'n Gedanke ...«