Part 5
Gerd lachte kurz und trocken auf: »Ja, der Müller und sein Packan, die sind einer des andern wert.«
»Stolz, glaub' ich, ist der Mann auch. Er hat uns knapp angekuckt.«
Gerd machte ein Gesicht wie einer, der Welt und Menschen kennt, und sagte: »Die Geldsäcke sind alle so.«
Eine gute Stunde später traten die Geschwister in das Schiff, das jetzt aus dem schmalen Graben in den Hammefluß hinausglitt. Während Leidchen sich vorn auf dem Verdeck der Koje niederließ, legte Gerd, nachdem er den Mast gerichtet und das braune Segel freigemacht hatte, sich hinten an das eingehängte Steuerruder, froh, daß der Wind ihm verstattete, seine Kraft für die Arbeit des Tages zu sparen.
Leidchen hatte bislang während der Heuernte zu Hause Kinder hüten müssen. Zum erstenmal sah sie den glitzernden, flimmernden Wasserspiegel, das weite grüne Wiesental, die wogenden Schilfwälder des Ufers, die Flug- und Kampfspiele des Sumpfgevögels und blickte mit frohen, hellen Augen um sich. Die Fragen, deren sie eine über die andere stellte, beantwortete der Bruder, sein Pfeifchen rauchend, mit der gelassenen Ruhe des in der Welt sich auskennenden Mannes und mit seinem Element vertrauten Schiffers. Das Gefühl der Überlegenheit, das dem lebhaften und geistig regen Mädchen gegenüber zu behaupten ihm nicht immer leicht wurde, konnte er hier einmal nach Herzenslust auskosten, und das versetzte ihn in die allerbeste Laune, so daß er die Rede auch auf die größere Fahrt brachte, die er ihr für den Herbst versprochen hatte. Auf dem Bremer Freimarkt, ja, da würde sie erst Augen machen! Und sie stützte die Arme auf die Knie und das Kinn in die Hände und lauschte wie ein Kind, dem das schönste Märchen erzählt wird, wie er von Puppenspielern, Zirkusreitern, Meerjungfrauen, Riesenweibern, dressierten Flöhen und anderen Weltwundern berichtete, die er ihr dort zeigen würde.
»Nun wollen wir erst mal frühstücken,« sagte er dann, indem er die totgesogene Pfeife weglegte. Leidchen ließ sich neben ihm nieder, hielt den straff gepackten Lederholster, den sie der Koje entnommen hatte, auf dem Schoß und packte aus. Inzwischen hatte Gerd das Steuerruder herumgerissen, und das Schiff lief, während sie wacker schmausten, einen breiteren Wiesengraben aufwärts. Als sie wieder einpackten, waren sie am Ziele.
Und nun machten sie sich hurtig und munter an ihr Tagewerk. Auch Leidchen griff zur Sense, die sie, an das Kuhfuttermähen von früh an gewöhnt, nicht übel handhabte. Jedoch in dem Bestreben, mit dem Bruder Schritt zu halten, ermüdete sie schnell und nahm bald die ihrem Geschlecht und Alter mehr angemessene Harke zur Hand, um aber zwischendurch immer wieder ein paarmal auf und ab zu mähen. Nach dem wochenlangen Wühlen in feuchten, schwarzen Torfgründen machte ihr die Arbeit auf der sonnbeglänzten grünen Blumenwiese mit dem heute so gutgelaunten Bruder und ohne den meist einsilbig mürrischen Halbbruder und Dienstherrn Freude und Spaß.
Der Morgenwind ging bald zur Ruhe, und immer heißer brannte die Sonne auf den grünen Plan. Mehr als einmal wurde die im Uferschilf geborgene Blechkanne herausgezogen und der trockene Gaumen durch einen Schluck kalten Kaffees angefeuchtet. Als die Sonne ihre Mittagshöhe erreichte, stellten sie, da Bäume nicht in der Nähe waren, das braune Segel schräg gegen ihre Glutstrahlen, um im Schatten ihr Mittagbrot verzehren und eine Stunde ruhen zu können.
Am Abend, nachdem sie das welkende Gras in Haufen gemacht hatten, schlenderten sie wohlig müde der sinkenden Sonne nach einem Gehöft zu, das eine tüchtige Viertelstunde entfernt unter hohen Bäumen auf einer Wurt lag. Es gehörte dem Grasbauern Harm Tietjen, von dem die Rosenbrocks seit Jahrzehnten das Wiesenland in Pacht hatten, und bei dem sie während der Heuzeit auf dem Boden oder in der Scheune zu nächtigen pflegten.
Frau Tietjen, die noch auf den altmodischen und aussterbenden Namen Tibcke hörte, empfing die Ankömmlinge freundlicher, als Gerd von ihr gewohnt war. Von der vornehmen Zurückhaltung, die sie als reiche Wiesenbäuerin so kleinen Leuten aus dem Moor gegenüber sonst sich schuldig zu sein glaubte, war diesmal nicht viel zu bemerken. Man wurde in die Wohnstube genötigt und bewirtet, und auf Frau Tibckes breitem, glänzendem Gesicht malte sich immer mehr ein mütterliches Wohlgefallen an dem schönen Kinde, das höflich bescheiden und unbefangen frisch alle Fragen der großen Frau beantwortete. Als Bettgehenszeit wurde, hatte Leidchen deren Herz bereits so umstrickt, daß sie eingeladen wurde, für die Nacht im Anderthalbschläfer ihrer Tochter mit unterzukriechen, wozu diese, nachdem sie die ihr zudiktierte Bettgenossin von Kopf bis zu Fuß gemustert hatte, zögernd und ein wenig säuerlich ihre Einwilligung gab.
Das Dutzend Jahre, das Fräulein Hermine Tietjen vor dem Kind des Moores voraus hatte, war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Einen oberen Vorderzahn hatte es genommen, die ersten Krähenfüßchen um die Augen ihr gebracht. Eine Schönheit war sie mit dem zu breiten Mund, den zu kleinen Augen und den zahllosen Sommersprossen wohl nie gewesen. Aber dem Spiegel an der Wand, wenn er einmal Anwandlungen von Ehrlichkeit hatte, glaubte sie nicht, weil er ein Buckelchen und ein Bläschen hatte. Um nun dem lebendigen Spiegel jungmädchenhafter Lieblichkeit und Frische, den sie bei sich in der Kammer hatte, nicht glauben zu müssen, suchte sie an ihm mit Luchsaugen nach einem Buckelchen oder Bläschen. Aber die jugendlich schlanke Gestalt, die sich vor ihr entkleidete, war leider von herrlichstem Ebenmaß; an Reinheit und Zartheit der rosig durchschimmernden Haut ließ sich mit dem besten Willen nichts tadeln; den Augen, Mund, Nase und Haar, den Ohren, ja sogar den Füßen, mußte auch der Neid lassen, sie konnten gar nicht wohlgebildeter sein, als sie waren. Und schon wollte sie das vergebliche Suchen aufgeben, als plötzlich ihre kleinen grünlichen Augen in der Freude des Findens schillerten.
»Ih! Was hast du denn da?« rief sie, mit spitzem Finger und ebenfalls gespitzter Nase zufahrend.
Leidchen legte harmlos ein Muttermal über dem Ansatz ihrer linken Brust frei, daß die andere es in Ruhe betrachten konnte. Die machte ein Gesicht, als ob ihr eine Kröte in den Schuh gekrochen wäre.
»Igittegitt, wie sieht das aus?«
»Och, das kriegt ja kein Mensch zu sehen.«
»Willst du dir das nicht wegoperieren lassen?«
»Warum? Das hat Zeit genug, da zu sitzen.«
»Aber Deern, schämst du dich denn gar nicht?«
»Weshalb?«
»Daß du da so'n Ding hast!«
Jetzt wurde es Leidchen zu viel. Gutmütig spottend sagte sie: »Meinst du, daß ich mit deinen Sommersprossen tausche?«
Hermine zuckte wie unter einem Nadelstich zusammen. Sie war schon auf mehr als eine Anpreisung in der Zeitung, die sie von diesem Schönheitsfehler zu befreien versprach, hineingefallen.
»Ach ja,« seufzte sie, »es ist ein Leiden, wenn man einen gar zu feinen Teint hat.« Sie sprach das Wort, wie man's schreibt; denn sie war ein Jahr in der Benehmigung gewesen und hielt es so für gebildeter.
Leidchen entgegnete darauf nichts, aber ihr harmloses Lachen klang etwas ungläubig und verwundete die andere noch mehr.
Rachedürstend trat sie an ihre messingbeschlagene Eichenholzkommode und zog die oberste Schublade auf, in der sie eine Anzahl Kästchen und Schächtelchen öffnete.
»Darf ich mich hinlegen?« fragte Leidchen bescheiden, zum Einsteigen bereit vor dem Bett stehend.
»Nein,« sagte Hermine, die gerade dabei war, ein Licht anzuzünden, kurz und schroff, »ich will dir erst noch mal was zeigen. Komm hierher!«
Ein bewunderndes Ah und Oh nach dem anderen sprang von den Lippen des Moorkindes vor all den im Kerzenglanz funkelnden Broschen, Ringen, Ketten und Armbändern.
Die große Bauerntochter nahm die einzelnen Stücke in die Hand, wandte sie im Licht hin und her, daß sie blitzten, hielt sie dorthin, wo sie ihren kargen Reizen zu Hilfe zu kommen pflegten, und nannte mit boshaftem Behagen die stark nach oben abgerundeten Preise. Die kleine Moordeern stand jetzt sprachlos mit gefalteten Händen neben ihr und konnte sich nicht satt sehen. Noch nie waren ihr die Herrlichkeiten der Welt so verlockend gezeigt worden.
Aber die andere war mit diesem Triumph noch nicht zufrieden. Sie schloß einen zweitürigen Schrank in Nußbaumimitation und Muschelstil auf und sagte: »Hier siehst du all meine Kleider. Dies weiße trag' ich auf dem Ball, in diesem schwarzen geh' ich zum Abendmahl, die beiden da sind für die gewöhnlichen Sonn- und Festtage. Und dies himmelblaue hab' ich zur Hochzeit meiner Schwester gekriegt, es ist ganz von prima Seide. Kuck doch bloß mal, wie's glänzt! Und wie es sich anfühlt! Du darfst dreist mal anfassen.«
Leidchen machte von dieser gnädigen Erlaubnis Gebrauch. Scheu liebkosend fuhr ihre Hand an dem schimmernden Stoff hinunter. »Ganz von Seide ...« wiederholte sie, andächtig versunken.
»Ja, und kostet dreißig Taler.«
»Das ist nicht wahr!«
»So gewiß, als ich hier stehe! Soll ich dir die Quittung zeigen?«
»Dreis--sig Ta--ler ...«
»Wenn du dir so'n Kleid kaufen wolltest, müßtest du ein Jahr dafür dienen, nicht wahr?«
»So eins möchte ich nicht geschenkt. So viel Geld für ein einziges Kleid? Das ist, glaub' ich, Sünde.«
»Du liebe Unschuld du,« sagte Fräulein Hermine Tietjen mitleidig lächelnd, indem sie ihren Kleiderschrank abschloß. »So, nun steig' man hinein. Du kriegst den Platz an der Wand.«
»Was ist das?« fragte Leidchen ein wenig erschrocken, als es unter ihrem Gewicht verdächtig krachte und knackte.
»Patentmatratze,« erklärte stolz die ihr nachsteigende Betteigentümerin, »auf Stroh schlafen wir längst nicht mehr. Aber du mußt dich nicht so breit machen, als ob du hier zu Hause wärest. Und nun hör' zu, was ich sonst noch alles habe oder einmal kriege.«
Sie begann mit ihrem Schatz an Leinenzeug. Dann kam die Leibwäsche an die Reihe. Zuletzt verriet sie, was sie an barem Gelde einmal mitbekommen würde. Das war eine Summe, über deren Höhe ihrer gespannt lauschenden Zuhörerin der Mund aufging und der Kopf schwindelte. Zwei Brunsoder Moorstellen hätte man bequem dafür kaufen können.
»Willst du denn noch heiraten?« fragte Leidchen unschuldig.
»Noch? Noch? Was ist das für'n dummer Schnack! Als ob ich nicht schon fünf Männer hätte haben können! Aber wir sind anders als ihr im Moor. Ihr kommt zusammen und wißt manchmal selber nicht wie, und wiegt schon Kinder, wenn ihr hinter den Ohren knapp trocken seid. Wir halten mehr auf uns und sind nicht so'n Prachervolk wie -- na, ich hätte beinah' was gesagt. Nun wollen wir schlafen. Gute Nacht, schlaf süß!«
Sie war schnell eingeschlafen, aber Leidchen, obgleich sie beim Eintreten zum Umfallen müde gewesen war, lag, an ihre Wand gedrückt, noch lange mit wachen Augen.
Zum erstenmal in ihrem jungen Leben war sie mit ihrem Lose unzufrieden.
In Schule und Konfirmandenunterricht, auf der Nachbarschaft und im Dorfe hatte sie immer etwas gegolten, ja, man hatte sie sogar etwas verwöhnt. Jetzt, wo sie zum erstenmal über die Grenzen ihres Kirchspiels hinauskam, bemerkte sie mit Schmerzen, daß sie nichts war als eine arme, kleine, dumme Deern aus dem Torf.
Sie dachte an den Inhalt ihrer Lade daheim. Das meiste davon stammte aus mütterlichem Erbe, allerlei Kleinigkeiten hatten die Brüder, Schwägerin und Patentante ihr im Lauf der Jahre geschenkt. Wie manches liebe Mal hatte sie an diesen Habseligkeiten, die sie in peinlicher Ordnung hielt, ihre Freude gehabt! Jetzt, nachdem sie einen Blick in Hermine Tietjens Kommode und Kleiderschrank geworfen hatte, erschienen sie ihr auf einmal so armselig und nichtig, daß sie überzeugt war, sie würde sich niemals wieder an ihnen freuen können.
Es war in der Welt doch verkehrt eingerichtet. Die einen wühlten ihr lebelang im Moor, die anderen in Gold und Seide, und kein Mensch konnte sagen, womit sie diese Bevorzugung eigentlich verdient hatten.
Aber war denn gar keine Möglichkeit, daß auch sie einmal zu diesen anderen gehörte? War nicht Nachbar Rotermunds jüngerer Bruder als Junge mit nichts nach drüben gegangen, und als er vor Jahren seine alte Heimat wieder besuchte, konnte er mit dem Geld nur so um sich werfen, und gegen seine dicken Ketten und Ringe aus purem Gold war Hermine Tietjens Goldgeschirr nichts als Klöterkram. Aber wenn ein anschlägiger Junge es in Amerika auch zu was Rechtem bringen konnte, was sollte ein armes Mädchen im Torf machen, mit einem Jahreslohn, der für andere kaum zu einem einzigen Kleide reichte?
Das einzige wäre am Ende -- eine reiche Heirat.
Aber wenn nur die reichen Jungens nicht immer gerade die reichen Deerns nähmen, nach dem Wort: Geld muß zu Geld kommen! Zum Beispiel, solange die Mühle in Brunsode stand, war noch keine Tochter des Dorfs als junge Frau auf ihr eingezogen. Hermann holte sich natürlich auch wieder eine mit viel Geld von auswärts, und die armen Mädchen mußten mit einem armen Knecht oder Häusling vorliebnehmen und quälten sich in ein paar Jahren zuschanden.
Todmüde, wie sie war, und doch nicht imstande, einzuschlafen, fühlte sie beinahe etwas wie Haß gegen die vom Glück so verzogene, sanft schnarchende Bettgenossin, bis endlich der Schlaf sich ihrer erbarmte und die junge Seele von allen bösen und bitteren Gedanken erlöste.
Als der Morgen graute, erwachte sie von einem leisen Klopfen gegen die Fensterscheiben. Es war Gerd, der sie für den neuen Arbeitstag weckte. Draußen riefen schon die Kiebitze, und die Hofenten machten ein Heidengeschnatter. Indes sie vorsichtig über die reiche Erbin hinwegstieg, riß sie auf einmal die Augen weit auf. Was? Saßen der die Haare nicht fest am Kopf? Mit spitzen Fingern langte sie zu und hielt den schönsten kastanienbraunen Zopf in der Hand. Sie war über ihren Fund so glücklich, daß sie, ihn um sich schwingend, auf bloßen Füßen und im Hemde ein Solotänzchen durch das dämmerige jungfräuliche Schlafgemach ausführte. Endlich wollte sie das Ding vorsichtig wieder an seinen Platz legen. Aber auf einmal sagte sie sich: Sie hat dich so geärgert, ärgere sie mal ein bißchen wieder, und indem tausend Teufelchen aus ihren Augen sprühten, brachte sie den Zopf hübsch gefällig über dem Spiegel an. Dabei konnte sie es nicht vermeiden, in diesen hineinzublicken, und ihr sagte er trotz Buckel und Bläschen nichts Unangenehmes. Sie wandte sich nach der holden Schläferin um, machte ihr eine allerliebste lange Nase zu und flüsterte: »Mit dir tausch' ich nicht, und wenn du zehn Kommoden voll Gold und hundert Schränke voll Seide hättest.« Dann flog sie hurtig in ihre Kleidung, und nach wenigen Minuten schritt sie mit Gerd, der draußen auf sie gewartet hatte, munter durch die tauglitzernden Wiesen der Sonne entgegen, die auch heute wacker grünes Gras in duftendes Heu zu verwandeln versprach.
Bald kam Jan auf seinem Rad angefahren. Auch Rotermunds begannen mit der Heuernte, und Wellbrocks von Nr. 24. Alle krochen für die Nacht bei Tietjens unter. Leidchen zog es vor, mit den Frauen und Mädchen ihres Dorfes sich in einen Rest vorjährigen Heus zu packen. Die Gastfreundschaft in Hermine Tietjens Anderthalbschläfer wurde ihr übrigens auch nicht wieder angeboten.
Die sengende Gluthitze der nächsten Tage förderte die Arbeit im Hammetal aufs beste, forderte aber auch ein Opfer. Nicht weit von Rosenbrocks Wiesen brach Cord Mehrtens aus Hasenwede beim Mähen lautlos zusammen. Man spannte das Torfsegel über ihn zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen. Nach drei Stunden kam endlich der Arzt, der die Achseln zuckte und keine Hoffnung gab. Eine Stunde nach Sonnenuntergang trugen die beiden Söhne den Entseelten in sein Schiff, deckten ihn mit dem Segel zu und stakten durch die schöne warme Sommernacht heim zu Muttern.
In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag arbeiteten die drei Rosenbrocks sich mit der ersten Ladung Heu den Graben vor Brunsode aufwärts. Das Schiff war so hoch bepackt, daß es, die Hofbrücken anstreifend, nur mit knapper Not passieren konnte. Wenn es ein Klappstau hinaufging, rief Jan, der mit dem Stangenruder schob, »Hei -- djup!« und Gerd und Leidchen, die in quer über die Brust gehenden breiten Seilen liegend das Schiff schleppten, legten sich mit doppelter Kraft ins Zeug, um den Höhenunterschied und den Widerstand des entgegenströmenden Stauwassers zu überwinden. Schwer fielen sie in die lang entbehrten Betten und verschliefen die Nacht und, mit kurzen Unterbrechungen für das Essen und die notwendigsten Arbeiten, den Sonntag und noch eine Nacht. Die Frühsonne des Montags fand sie schon wieder auf dem Wege zu den Hammewiesen.
Dem grünen Erntefeld drängte das goldig gelbe nach. Auf diesem zu arbeiten war dann aber wirklich eine Lust. Es lag so bequem nahe beim Hause, dehnte sich nicht gar zu weit aus, und die schlimmste Hitze des Jahres war vorüber. Als Trina das erste Brot von jungem Roggen herauszog, umstand die ganze Familie den Backofen. Man besah und beroch's, probierte, bedächtig kauend, nickte befriedigt und war fröhlich und guter Dinge.
Das Kartoffelauskriegen war auch mehr Spaß als Arbeit. Man half einander nachbarlich, lag in langen Reihen auf den Feldern, und der gemütliche Klöhnschnack riß den ganzen Tag kaum ab.
Zwischendurch mußten Gerd und Leidchen sich auch mal vor die Egge spannen und sie über das weiche, gepflügte Moorland ziehen, das in der herbstlichen Regenzeit für Pferde nicht recht gangbar war. Das war wohl ein saurer Tag, aber der tiefe, gesunde Schlaf der Jugend machte in einer Nacht alles wieder gut.
* * * * *
Ob irgendwo in deutschen Landen so schwer und anhaltend gearbeitet wird wie in dem Lande, wo dem schwarzbraunen Moor die weiße Birke entsteigt? In den Marschen und auf den Heiden der nordwestdeutschen Tiefebene jedenfalls nicht. Dort haben sie zwischen den Zeiten, wo die Arbeit auf den Nägeln brennt, Wochen oder wohl auch Monate, in denen sie es sachter angehen lassen können. Im Moor werden diese Atempausen durch Backen, Schneiden und Ringeln des Torfs ausgefüllt, und nicht einmal Spätherbst und Winter bringen wirkliche Ruhe. Denn dann muß das Landesprodukt in die Stadt geschafft und in Bargeld umgesetzt werden. Da knarren durch Sturm- und Regennächte die schweren geeichten Kumpwagen die Birkenchausseen entlang, und auf den Wasserwegen ziehen die torfbepackten Schiffe. Das kostet wieder saure Arbeit und bringt schlaflose Nächte ungezählt. Und wer kein Raubbauer auf Torf sein, sondern durch Urbarmachen der abgetorften Flächen das Kulturland ins Moor vorschieben will, muß sich auch in der stilleren Jahreszeit dranhalten. Nur wenn der Frost das Land wie in eiserne Bande geschlagen hat, hat's der Moorbauer kommodiger und kann die harten Arbeitshände mal in den Schoß legen.
Kein Wunder, daß in diesem Lande die schönen Mädchen nicht auf den Bäumen wachsen und jugendliche Frische früh verblüht. Kein Wunder, daß die Königliche Aushebungskommission unter den Söhnen des Moores nicht gar zu viele Rekruten für die Potsdamer Garde findet, ja, daß sie manchen sonst ganz gesunden Jungburschen kaum dem obskursten Regiment an der russischen Grenze zumuten mag. Laßt's nur gut sein! Ihre Urgroßväter, die ersten Ansiedler, erhielten Befreiung vom Militärdienst, um im Frieden, Spaten und Hacke in der Hand, für König und Vaterland eine neue Provinz zu erobern. Dieses Werk setzen die Enkel mit echt niederdeutscher Zähigkeit wacker und unverdrossen fort, und sie und ihre Kinder werden nicht ruhen, bis es zu Ende geführt ist. Der »Jan vom Moor«, den die von der Natur mehr gehätschelten Nachbarn nicht recht für voll nehmen wollen, und über den die Bremer dummen Jungs ihre Witze reißen, wird aussterben, und wo er einst mit schweren Holzstiefeln in der glucksenden, triefenden Torfkuhle stand, da werden seine Urenkel als niederdeutsche Kleinbauern auf freier, grüner Scholle sich eines bescheidenen, aber sicheren Wohlstandes erfreuen.
5.
In den hinterzu gelegenen Moordörfern sitzt manch' brave Ehefrau und Mutter, die das Jahr hindurch kaum je über die Grenzen des Kirchspiels und den engen Kreis ihrer Pflichten hinauskommt. Sie trägt auch gar kein Verlangen danach und überläßt die Strapazen des Reisens gern ihrem Jan. Aber um die Zeit, wenn die Kartoffeln heraus sind, wenn die Ratten das lustige Leben an den Grabenrändern aufgeben und sich auf die Gehöfte zurückziehen, wenn die silbernen Birken ihr herbstliches Gold streuen, packt auch die häuslichste aller Frauen eine merkwürdige Unruhe. Es ist die Zaubermacht des Bremer Freimarkts, die auch die seßhafteste und solideste einmal von Haus und Hof, Kindern und Vieh hinwegzieht.
Wenn drüben in der alten Hansestadt um Sankt Petri ehrwürdigen Dom über Nacht die leichte, luftige Zelt- und Budenstadt aus dem Pflaster geschossen ist und zu Füßen des starr verwundert blickenden Riesen Roland alle Spezialitäten, Raritäten, Abnormitäten des Kontinents sich ein Stelldichein geben, dann sagt Gesche zu ihrem Klaus, und Dele zu ihrem Peter, und Meta zu ihrem Jan: »Du, nach'm Freimarkt möcht' ich auch mal mit.« Und Jan, Peter, Klaus, einerlei, ob er das Recht des Holzpantoffels über sich anerkennt oder ob er die Hosen anbehalten hat, macht keine Sperenzien, »tiert« mit seiner Gesche, Dele, Meta zur Stadt, zeigt ihr die Herrlichkeiten und Wunder des Freimarkts, högt sich, wenn sie Augen macht wie Wagenräder, kauft ihr Honigkuchen, Spielsachen für die Kinder, Geschirr für den Haushalt und wonach sonst ihr Sinn steht, in verschwenderischer Laune, und ist den ganzen Tag der liebenswürdigste, zuvorkommendste Ehemann der Welt. Wenn die beiden dann nach endloser Wasser- oder Wagenfahrt durch die Annehmlichkeiten einer Herbstnacht endlich unter ihr Strohdach treten, sinkt sie auf den ersten besten Stuhl zusammen, läßt die Hände schlaff an den Seiten herunterhängen und verschwört sich stöhnend: »Ich hab'r genug von für mein Leben.« Ist aber ein Jahr herum und das Birkenlaub küselt aufs neue zur Erde, fängt sie doch wieder an: »Och, diesmal möchte ich wohl noch mal mit. Wer weiß, ob ich's nächstes Jahr noch erleb'.«
Wenn in hillster Zeit die Arbeit auf den Nägeln brennt und gar zu viel Überstunden gemacht werden müssen, so daß die Augen verdrossen blicken, und die Kräfte zu versagen drohen, bringt der kluge Bauer die Rede wohl so beiwegelang auf den Freimarkt und läßt durchblicken, daß es ihm auf ein anständiges Marktgeld für den fleißigen Knecht, die unermüdliche Magd nicht ankommen soll, und es müßte schon gar zu schlimm sein, wenn das nicht mehr verfinge.
Sechzig Drehorgeln dudelten und leierten wieder einmal auf den Straßen und Plätzen Bremens den lieben langen Tag ihr Repertoire herunter, von: »Ich bete an die Macht der Liebe« bis »Mutter, der Mann mit dem Koks ist da,« das eben seinen Siegeslauf durch die Welt antrat. Einige dreißig waren von der kunstverständigen Polizeikommission beim Probespielen mit Rücksicht auf die durch höherwertige musikalische Genüsse verwöhnten städtischen Ohren zurückgewiesen worden. Aber sie gingen der guten Sache deshalb nicht verloren. Mit ihrer verstimmten Töne Gewalt erfüllten sie die Umgebung der Stadt und trugen die fröhliche Botschaft vom Freimarkt auf die Dörfer.