Part 8
Als der Verein im nächsten Herbst nach einer langen Sommerpause die Übungen wieder aufnahm, stellte Heini Peper den Dringlichkeitsantrag, schleunigst das erste Stiftungsfest zu feiern und die benachbarten Vereine dazu einzuladen. Aber Herr Timmermann sprach mit Entschiedenheit dagegen. Die Sänger könnten sich vor Fremden noch nicht hören lassen, und ehe er sich mit dem Verein blamiere, würde er lieber austreten. Man solle sich für dieses Jahr lieber mit einer bescheideneren Feier begnügen; eine Christfeier zum Beispiel würde im Dorf gewiß rechten Anklang finden. Die Abstimmung ergab Stimmengleichheit für beide Anträge, so daß satzungsgemäß das Votum des Präsidenten entscheiden mußte, das zugunsten des Lehrers fiel. Zugleich stellte jener seine Diele als die geräumigste am Ort zur Verfügung.
Es wurde nun wacker geübt, und der Eifer und die Begeisterung des Dirigenten riß auch die anfangs Widerwilligen mit fort. Da der Lehrer auch den Schulchor heranziehen wollte, um den Abend reicher zu gestalten, war kaum ein Haus im Dorf, das nicht den einen oder anderen Mitwirkenden stellte, und überall sah man der Feier mit freudiger Erwartung entgegen.
Am Nachmittag des zweiten Advent waren die Töchter und Schwestern der Sangesbrüder ins Schulhaus geladen, um unter Mariechen Timmermanns Leitung Rosen und Lilien für den Christbaum anzufertigen. Als Leidchen am Abend nach Hause kam, glühte sie selbst wie eine dunkelrote Christrose. »Gerd,« rief sie freudig erregt, »ich und der Lehrer wollen Weihnachtsabend ganz allein ein Lied zusammen singen, immer umschichtig, 'n Duett nennt er das,« und sie sang ihm den Anfang ihres Parts vor. »Deern, Deern,« sagte er ängstlich und doch auch erfreut, »das willst du auf dich nehmen?«
Gerd, der es übernommen hatte, den Christbaum zu besorgen, mußte mehrere Stellen, auf denen Sangesbrüder hausten, absuchen, bis er bei der Stütze des zweiten Basses einen fand, der ihm schön und schlank genug war. Wie er ihn die Dorfreihe entlang zu Wilhelm Behnken trug, hatte er bald zwei Dutzend Kinder hinter sich. Auf Bitten des Lehrers halfen er und Leidchen auch beim Schmücken des Baumes, und die beiden Geschwisterpaare waren sehr vergnügt dabei.
Endlich war der von alt und jung ersehnte 24. Dezember da, es schien aber, als hätten die Moorgründe sich gegen das Vorhaben der Brunsoder verschworen. Denn die graugelben Nebel, die sie den ganzen Tag heraufsandten, waren dick und zähe, und legten sich schwer auf das Land und die Lungen. Wer mit Husten zu tun hatte, tat heute ein übriges. Wer nachmittags um drei auf dem Brunsoder Damm ging, sah von der Dorfreihe nichts und entdeckte die ihn säumenden Birken erst, wenn er fast mit der Nase draufstieß. Aber um die Leute im Hause und der Feier fern zu halten, hätten die Moornebel noch dreimal so dick und schwer sein müssen.
Gegen halb vier fingen allerhand wunderliche Gestalten an, sich durch den feuchtkalten grauen Dunst zu arbeiten, mit viel Gestöhne und Gehuste, das zuweilen von einer kurzen Unterhaltung aus zahnlosem Munde unterbrochen wurde. Es waren die Ältesten des Dorfes, gebückte und verkrümmte Männlein und Weiblein, die ihren Torf seit Jahrzehnten heraus hatten und ihre Tage hinter dem Ofen verdämmerten. Viele von ihnen hatten noch nie einen brennenden Christbaum gesehen; denn in die Häuser fand er erst neuerdings Eingang, und eine kirchliche Christvesper, wie sie in den Geestdörfern üblich war, wurde in der über Quadratmeilen zerstreuten Moorgemeinde nicht abgehalten. Da wollten sie nun heute die gute Gelegenheit wahrnehmen, und bereits eine gute Stunde vor Beginn der Feier wankten sie an Stöcken und Krücken, zum Teil auch mit glimmenden Feuerkieken zur Erwärmung der Füße versehen, Behnkens Diele zu, um ihrer hart gewordenen Ohren und schwachen Augen wegen die vordersten Bankreihen zu besetzen.
Bald darauf koppelte sich die Schuljugend auf dem Damm. Die Eltern hatten das unruhige Völkchen gern vor der Zeit hinausgeschickt, um bei dem letzten Rüsten auf die Festtage die Füße frei zu haben. Fröhlich klangen die jungen Stimmen durch den Nebel. Ein paar übermütige Jungens machten sich einen Spaß daraus, plötzlich aus der Dunsthülle hervorzuspringen und die Mädchen zu erschrecken, die dann hell aufkreischten, lachten oder schimpften, je nach Gemütsart.
Was in den rüstigen Arbeitsjahren zwischen goldener Kinderlust und silbernem Greisenschmuck stand, stellte sich erst kurz vor fünf Uhr ein, als schon der Abend die Nebelmassen dunkelte. Väter und Mütter trugen ihre Jüngsten auf dem Arm oder ließen sie neben sich her puddeln. Die Sangesbrüder waren als die Helden des Tages leicht an dem festen, selbstbewußten Schritt zu erkennen.
Vor drei Jahren, als Behnkens Jan einheiratete und über hundert Haus zur Hochzeit geladen waren, hat die große Diele viel Gäste gesehen, aber heute sind's sicher noch weit mehr. Ein paar Bettlägerige und die Allerkleinsten mit ihren Wärtern abgerechnet, ist das ganze Moordorf beieinander und wartet der kommenden Dinge. Man sitzt auf Brettern, die über hochgekippte Torfgleise gelegt sind. Für die Bejahrtesten sind Stühle gestellt, damit sie die schwachen Rücken anlehnen können. Die halbwüchsige männliche Jugend hat die Hillen über den Kuhställen erstiegen und läßt zwischen den Hühnernestern die allzeit unruhigen Beine herunterbaumeln. Die Sänger nehmen das Flett ein: rechts der Verein »Feierabend«, links der Kinderchor. Zwischen ihnen, über der ehemaligen Herdstelle -- vor der letzten Hochzeit ist eine Küche mit Sparherd eingebaut worden -- ragt der Christbaum bis dicht unter die rußgeschwärzte sodglänzende Decke, noch von Dämmerdunkel umwoben, aber mit verheißungsvollem Funkeln im Gezweige. Die Nebelschwaden, die mit den Menschen eindringen, irren umher, ballen sich zusammen und umziehen drohend die paar Hängelampen, die hier und da kläglich durch den Dunst glimmen.
Aber mögen die Moornebel heut' noch so mächtig sein, hier drinnen sollen sie nicht zur Herrschaft gelangen. Ein Licht flammt auf, noch eins, und viele, und mit ihnen erglühen Rosen und Lilien ohne Zahl in den Zweigen des zu seiner vollen Pracht erblühenden Wunderbaumes. Da werden Hunderte von Augen weit und groß, alte und junge, helle und trübe, kalte und warme Augen; Augen, die von nichts wissen als von stumpf machender Mühe und Sorge, und Augen, die einem verborgenen Leben des inwendigen Menschen leise Zeugnis geben und heimlich in eine andere Welt zu schauen gelernt haben. Ein Paar solcher Augen hat die achtzigjährige Anntrin Gerken, vorn rechts im Lehnstuhl. Zum Sehen sind sie nicht mehr viel wert, aber schauen -- das können sie besser denn je, und wohl am besten von all den Augen, in denen sich heut' abend der Lichterbaum spiegelt.
»Tack, tack, tack.« Herr Timmermann, in schwarzem Gehrock und weißer Binde, schlägt mit seinem Stöckchen gegen eine Stuhllehne. Die Männer erheben sich wie ein Mann, mit Räuspern die Liederkehlen nachputzend und Atem auf Vorrat schöpfend. Das Stöckchen wippt, steigt, senkt sich, da bricht es los mit Donnergewalt: »Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.« Herr Timmermann hebt beschwörend die Hände, sendet drohende und flehende Blicke, zischt: +piano!+ -- es hilft alles nichts. Das Lampenfieber vor dem ersten öffentlichen Auftreten weicht nur der Gewalt, und so braust das zarteste aller Weihnachtslieder daher wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall. -- Das Fortissimo hat aber auch sein Gutes. Selbst die Taubsten in den vorderen Reihen, die ihre großen Handmuscheln als Schalltrichter hinter die Ohren gesteckt haben, bekommen etwas zu hören.
Herr Timmermann tritt vor dem Christbaum zu seiner jungen Schar hinüber, die ihn mit hellen, frohen Augen ansieht, und rein und süß erklingt es: »Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all.« -- Der Pastor in Grünmoor kann morgen noch so schön predigen, die Brunsoder Frauen und Mütter wird er doch nicht so erbauen, wie's dieser Gesang ihrer Kinder tut.
So wechselt Lied um Lied aus Männerkehlen und Kindermund, bis Herr Timmermann mit dem Stöckchen klopft und verkündigt: »Keine Weihnachtsfeier ohne die liebe, alte Weihnachtsgeschichte. Hannchen, das jüngste Kind unseres Präsidenten und freundlichen Gastgebers, wird sie uns erzählen.«
Ein Alter auf der ersten Bank faltet die zitterigen Hände und erhebt sich, nach und nach folgt die ganze Versammlung seinem Beispiel. Inzwischen ist Hannchen, eine dralle Dickersche, mit kugelrunden braunroten Backen und geölt glänzendem Blondhaar, auf einen Binsenstuhl geklettert, setzt dem Dorf ein artiges Knickschen hin und beginnt, indes hinten in Vaters Stall eine Kuh brüllt, die Geschichte vom Stall zu Bethlehem. Sie macht ihre Sache sehr brav, und Mutter Behnken wischt sich Freudentränen aus den Augen. Vor zwölf Jahren, als Hannchen so gar spät hinter den Geschwistern ankam, und Jan, auf Weihnachtsurlaub zu Hause erscheinend, beim Anblick dieser unerwarteten Christbescherung sein Gesicht lang zog, hat sie sich ihrer ein wenig geschämt. Aber heute ist sie stolz auf ihr Nesthäkchen, und ihrem Ältesten, der selbst schon ein Kindchen auf dem Arm hat, sieht sie es an, daß er's auch ist.
Als Hannchen vom Stuhl zur Erde gesprungen ist, tritt Vater Behnken vor, einen tuchbedeckten länglichen Gegenstand im Arm, dem sich alle Hälse entgegenrecken. Die Hülle fällt, ein Regulator funkelt im Weihnachtslicht und wird dem verwundert dreinblickenden Lehrer auf die Arme gelegt. Der steht erst einen Augenblick starr, um dann seine Stimme zu erheben: »Meine lieben Sangesbrüder! Ich weiß nicht, was ich sagen soll. So haben Sie mich mit Ihrem prachtvollen Geschenk überrascht und erfreut. Wie soll ich das nur wieder gutmachen? ... Nun, ich verspreche Ihnen hier unter dem brennenden Christbaum, daß ich mit erneuter Freudigkeit meines Amtes als Ihr Dirigent walten werde, und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß unser Männergesangverein ›Feierabend‹ je mehr und mehr sich als eine wirkliche Bereicherung unseres dörflichen Lebens erweisen wird und dem Dorf noch manche schöne Stunden, wie die heutigen, schenken möge. In diesem Sinne nehme ich die Gabe mit herzlichem Danke an. Aber nun fahren wir mit unserer Feier fort. Bitte, der Männerchor!«
Endlich kommt auch die Reihe an Leidchen Rosenbrock. Sie sitzt wohlgeborgen zwischen ihren Freundinnen, aber ums Herz herum ist ihr bänglich und beberig wie nie zuvor, nicht einmal vor der Konfirmandenprüfung vor bald zwei Jahren. Herr Timmermann gibt ihr ein Zeichen mit den Augen, und wie das nicht hilft, mit der Hand. Da rafft sie allen Mut zusammen und tritt vor, verwundert, daß die Beine, die sich wie Stöcker fühlen, sie tragen.
Nun steht sie unter dem Tannenbaum, spürt die würzige Wärme auf ihren glühenden Wangen, läßt ihre flimmernden Augen über das Köpfemeer vor sich irren, fühlt das Herzchen bis in den Hals hinauf klopfen. Wird sie überhaupt einen Ton über die Lippen bringen?
Ihr Partner blickt sie ermutigend an und singt ihr seine Frage zu. Und sie bleibt ihm die Antwort nicht schuldig. Zwar kommt sie ein wenig hastig und stoßweise, aber sie kommt. Das nächste Mal klingt's schon freier. Und im Wechselgesang geht's zwischen den beiden hin und her, immer froher, immer jubelnder, bis auf einmal Herr Timmermann sich herumwirft, beide Hände hoch erhoben, und nun die beiden Chöre mit einem »Ehre sei Gott in der Höhe« einfallen.
Leidchen hat ihren alten Platz wieder eingenommen. Die Nachbarin links krault ihr das Knie, die zur Rechten streichelt ihren Arm, eine Frau klopft ihr von hinten auf die Schulter. Wie sie aufblickt, sind die Augen fast aller Sangesbrüder auf sie gerichtet. Mariechen Timmermann nickt ihr zu. All diese Huldigung geht ihr ein wie feuriger, süßer Wein. Es kommt wie ein Freudenrausch über sie ...
Die letzten Lieder verklingen, indes die Lichter sacht niederbrennen und flackernd erlöschen, und die Türen öffnen sich in die stickdunkle Nebelnacht hinaus.
Leidchen wollte eben das Haus verlassen, als jemand sie am Arm festhielt. Es war Mariechen Timmermann, die ihr zuflüsterte, es wäre mit Gerd abgemacht, daß sie beide noch für eine Viertelstunde mit hinübergingen. Und schon hatte das zierliche Persönchen sich in ihren Arm gehängt und zog sie mit sich fort.
Als Gerd und der Lehrer ihnen nach einer Weile ins Schulhaus folgten, war der Tisch schon gedeckt, und bald saßen die vier beim Abendbrot, das aus mancherlei Wurst vom selbstgemästeten Schwein bestand, wozu eine Kaffeekanne süß duftende Schokolade spendete. Leidchens feine Nasenflügel flogen; denn sie liebte Schokolade sehr, hatte aber noch nie welche in flüssigem Zustande zu sich genommen.
»Genötigt wird bei uns nicht,« erklärte das Hausmütterchen nachdrücklich, aber die Gastgeber mußten sich doch bald zu des Landes Brauch bequemen. Denn wenn Leidchen auch ungebeten ganz wacker zulangte, so machte Gerd um so größere Schwierigkeiten und gab der Schwester mit den Augen heimlich Zeichen, daß sie nicht gar so frei und frech sein sollte. Er schämte sich ihrer fast ein wenig.
Als sie ihre Tasse hinhielt, um sie zum drittenmal füllen zu lassen, griff er kurz entschlossen über den Tisch, stülpte sie um und sagte: »Besten Dank, sie hat nun wohl genug.«
Mariechen sah ihn groß an.
»Kälber und Kinder Maß müssen alte Leute wissen,« erklärte er trocken.
»Hören Sie mal, Rosenbrock,« rief Mariechen verwundert, »Sie treiben Ihre Vormundschaft aber etwas weit.«
»Ja, ja,« stimmte Leidchen aus vollem Herzen zu, »ist gut, daß Sie ihm das auch mal sagen. Mir glaubt er's ja doch nicht.«
»Zur Strafe trinken Sie auch noch eine Tasse,« verfügte Mariechen, und es war schon zu spät, das Unglück noch zu wenden. Arg mußte er sich mit dem für seinen Geschmack viel zu süßen Zeug quälen.
Als die Lehrersleute dann auf einmal verschwunden waren, meinte Gerd, sie müßten nun wohl nach Hause gehen. Aber seine Schwester lachte ihn aus und sagte: »Mensch, es fängt doch erst an! Hör', wie die beiden da nebenan es wichtig haben!«
Er seufzte und wünschte sich lebhaft nach Hause. Das Ungewohnte bedrückte ihn.
Plötzlich erklang im anderen Zimmer ein Klavier, die Tür öffnete sich, und der Lichtglanz eines bunt geschmückten Christbaumes funkelte ihnen entgegen. Und schon hatte Mariechen ihre Gäste am Arm genommen und schob sie vor sich her in die Weihnachtsstube, wo man sich um das Tafelförmige stellte und zu seinem etwas blechernen Klang »O du fröhliche« anstimmte.
Nachdem der Lehrer und seine Schwester die gegenseitigen kleinen Geschenke besehen und bewundert hatten, machten sie sich voll freudiger Erwartung über das Paket aus dem Elternhause her. Da gab's erst lauten Jubel, und dann saßen die beiden eng aneinandergeschmiegt und lasen, sich umschlungen haltend, die Weihnachtsbriefe.
Gerd saß indessen stocksteif und regungslos vor dem Teller, den man für ihn mit Äpfeln und Nüssen gefüllt hatte, und sah ernst vor sich hin. Da nahm Leidchen auf einmal seine Hand, und als er aufblickte, verriet ihm ein feuchtes Schimmern in ihren Augen, daß ihre Gedanken denselben Weg genommen hatten wie die seinen. Darüber war er sehr froh, und drückte mit Wärme ihre Hand, ließ sie dann aber schnell los, um den anderen seine Gefühle nicht zu verraten.
Als diese mit dem Auspacken und Brieflesen fertig waren, wandten sie sich wieder an ihre Gäste, wobei sie eine Liebenswürdigkeit entwickelten, bei der dem jungen Moorbauernknecht schwül und bange wurde. Er wußte nicht, was er sagen und wohin er sehen sollte, während seine Schwester sich schnell in die Situation fand, ihr Silberlachen klingen ließ und durch ihre freudeverklärte, jugendfrische Lieblichkeit immer wieder die Augen auf sich zog. Die echte Herzlichkeit, die man ihnen entgegenbrachte, bewirkte jedoch, daß endlich auch Gerd anfing sich freier zu fühlen, und zuletzt lächelte er gar leise vor sich hin, wie er nur tat, wenn ihm so recht von innen her wohl war.
Mariechen Timmermann war groß in hübschen Einfällen, die ihr plötzlich zu kommen pflegten und dann sofort ausgeführt werden mußten. »Wollen mal einen Weihnachtsreigen machen,« rief sie auf einmal, gab Gerd und Leidchen die Hände, ihr Bruder schloß den Ring, und so umschritten die vier den Tannenbaum, indem sie dazu sangen: »O Tannebaum, o Tannebaum, wie grün sind deine Blätter!« Als das Lied aus war und der Reigen sich auflöste, nahm der Hausherr sein Schwesterchen in den Arm und gab ihm einen schallenden Kuß. Gerd erschrak und sah diskret zur Seite; denn solche Zärtlichkeit berührte sein Empfinden fremd und peinlich. Aber auf einmal drängte ein junges, warmes Ding sich an ihn, und ehe er etwas dagegen tun konnte, hatten ein paar frische rote Lippen sich auch auf seinen Mund gedrückt. »Aber Leidchen!« murmelte er entsetzt und suchte sie beiseite zu schieben, es half ihm alles nichts, sie schmiegte sich um so fester in seine Arme und lächelte übermütig das andere Pärchen an, und Mariechen rief: »Rosenbrock, Sie alter Bär, machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob der Ziegenbock Sie gestoßen hätte, seien Sie mal'n bißchen nett mit Ihrer kleinen Schwester!« Da überwand er sich, zu lächeln.
»Was meinen Sie, Gerd,« fragte Timmermann, »ob wir unsere süßen Deerns noch lange behalten? Oder ob schon bald so'n Schlingel kommt und sie uns aus den Armen wegholt?«
»Das hat wohl noch gute Weile,« meinte er.
»Nee, nee,« rief Mariechen, »er soll bald kommen, ich bin schon vierundzwanzig.«
»Hm, hm. Dann wird's freilich bei kleinem Zeit, ich hab' auch bloß an Leidchen gedacht; denn im Durchschnitt wird hier im Moor viel zu früh geheiratet.«
»Ach was, jung gefreit, hat noch niemand gereut.«
»Das hat schon manchen gereut,« versetzte Gerd ernsthaft und schickte sich an, Beispiele zu bringen.
Aber seine gralläugige Widersacherin lachte ihm ins Gesicht: »Rosenbrock, Sie reden ja genau wie'n Pastor,« und Leidchen klatschte in die Hände und jubelte: »Das ist recht, daß Sie's ihm heut' abend mal ordentlich sagen. Mir glaubt er ja doch nicht.«
»Na, Otto,« rief Mariechen, die sich nicht gern zu lange bei einer Sache aufhielt, »nun spiel' uns mal einen Walzer, ich will mal eben mit Leidchen herumtanzen.« Er setzte sich vor das Klavier und begann zu hämmern, und die beiden Mädchen schwebten zärtlich verschlungen mit lachenden Augen durch den etwas engen Raum, indes die Brüder mit freudigem Stolz ihren Bewegungen folgten und frohe Blicke wechselten. Dann trat Mariechen mit zierlicher Verbeugung vor Gerd hin, ihn zu einem Tänzchen auffordernd. Er schüttelte den Kopf, wurde rot, wollte böse werden, aber sie ließ nicht locker, und so mußte er schließlich mit, und sogar als Dame, wobei er einen Stuhl umriß, während Leidchen, die Hände in den Seiten, über den hölzernen Tänzer, der so verzweifelte Gesichter schnitt, sich totlachen wollte. Darauf drängelte Mariechen ihren Bruder vom Klavierbock, begann selbst auf die Tasten zu trommeln, und er mußte mit Leidchen antreten. Das gab ein schmuckeres Paar, und sie tanzten auch ein Weilchen länger als die vorigen.
Und dann saßen die beiden Geschwisterpaare wieder um den Tisch, knackten Nüsse, aßen Vielliebchen, rieten Scherzrätsel, spielten Dichterquartett, der Hausherr las ein hübsches Weihnachtsgeschichtchen vor, das er irgendwo gefunden hatte, und so enteilten die Stunden aufs angenehmste. Gerd, der nachgerade völlig aufgetaut war, wußte dem kleinen Racker, der es nicht lassen konnte, ihn aufzuziehen, jetzt ganz gut zu dienen und hatte öfters die Lacher auf seiner Seite.
Mitternacht war längst vorüber, als die beiden Gäste endlich losgelassen wurden und den Heimweg antraten. Leidchen hing sich in den Arm des Bruders und sagte, indem sie den Damm dahinschritten: »Junge, Junge, heut' haben wir mal Weihnachten gefeiert! So vergnügt hab' ich dich noch nie gesehen. Von den beiden kannst du lernen, wie Bruder und Schwester miteinander umgehen sollen.«
Gerd antwortete nichts darauf.
Nach einer Weile legte er den Arm fest um sie und sagte: »Leidchen, mit Worten und Zärtlichkeiten kann unsereins nicht so kramen wie solche Leute. Aber nicht wahr? Wir wissen auch so, was wir aneinander haben. Meinst du nicht auch?«
»Ach ja, das wohl ...«
»Und das ist die Hauptsache, Kind. Aber ich will dir gern zugeben, von den beiden kann einer auch in solchen Dingen allerlei lernen. Bloß nachmachen darf unsereins ihre Art nicht. Der Bauer muß Bauer bleiben, sonst ist er überhaupt nichts.«
»Fängst du schon wieder an zu predigen?« rief sie und kniff ihn leicht in den Arm.
Sie schwiegen jetzt beide und schritten, still gewordener Freude voll, Arm in Arm und einer der Nähe des andern in tiefster Seele froh, langsam durch die Stille, in die nur zuweilen das Rieseln des nimmer ruhenden Wassers um ein Klappstau leise hineingluckerte, durch die heilige Weihnacht, die den Atem anzuhalten schien, wie um aus seligen Fernen raunender Botschaft zu lauschen.
7.
Nachdem die Brunsoder wieder einmal Torf, Heu, Roggen und Kartoffeln geerntet, sieben Dorfgenossen zu Grabe und neun zur Taufe geleitet, vier grüne Hochzeiten nebst zwei silbernen und einer goldenen gefeiert hatten, war wieder ein Jahr herum.
Es war ein Abend zwischen Weihnachten und Neujahr, Rosenbrocks saßen in der Stube beieinander, Jan las die neueste Nummer der Hamme-Zeitung, die er soeben dem Kästchen an der Hofbrücke entnommen hatte, in die der Austräger sie zu stecken pflegte. Er begann regelmäßig mit den Ferkeln, Faselschweinen, Quenen, Starken und anderem Hausgetier, das auf den letzten Seiten sein Wesen trieb; auch ins Lokale warf er wohl mal einen Blick, zum Politischen und Allgemeinen drang er selten vor.
Plötzlich fing er an zu knurren und brummte vor sich hin: »Die vermuckten Jungens!«
Die anderen blickten neugierig auf, er aber schob die Zeitung zu Leidchen hinüber, indem er mit dem Finger in die untere Ecke der dritten Seite deutete.
Sie beugte sich hastig über das Blatt, und indem sie las, färbte eine lebhafte Röte ihr die Wangen, und der Atem ging schneller. Gerd, der auf der anderen Seite des Tisches saß und aus Zigarrenholz einen Kammkasten schnitzte, beobachtete sie verwundert, fragte aber in gleichgültigstem Tone: »Was hast du da?« »Rat' mal!«
»Da geb' ich meinen Kopf nicht zu her.«
»Ich steh' hier gedruckt!« rief sie mit glänzenden Augen.
»So? Lies mal vor!«
Sie schob die Ellbogen auf den Tisch, hielt das Blatt unter die Hängelampe und las, langsam, in geziertem, feierlichem Ton:
»Fräulein Leidchen Rosenbrock, der feinsten Deern im Dorf, zu ihrem am 29. Dezember stattfindenden siebzehnjährigen Wiegenfeste ein donnerndes Lebehoch, daß die Birken sich biegen und die ganze Dorfreihe wackelt. Wir stellen uns alle ein. Ob sie sich wohl was merken läßt? Die böbersten Brunsoder Jungs.«
»Die könnten ihr Geld auch besser anwenden als zu solchem Narrenkram!« brummte Gerd, und der Bauer und die Frau nickten zustimmend. Aber das durch das Inserat geehrte Geburtstagskind zog die schwellenden roten Lippen kraus und sagte schnippisch: »Für'n guten Spaß muß auch mal'n Groschen übrig sein. Morgen geh' ich hin und lad' mir die Spinners ein, bin ja doch an der Reihe. Und was ich für die Jungs brauche, bring' ich gleich mit. Jan, gib mir fünf Mark von meinem Lohn!«
»Aber Deern!« rief Gerd erschrocken.
Sie blickte ihn fest und entschlossen an. »Was sein muß, das muß sein. Die Jungs sollen bei mir ebensogut ihr Recht haben wie anderswo. Ich komm' übermorgen schon in mein achtzehntes und bin kein Kind mehr. Jan, her mit dem Geld!«
Jan zögerte noch.
»Wem gehört das Geld, das ich mir verdient habe?« fragte sie spitz, »mir oder dir?«
Endlich rückte er mit einem Taler heraus, und da auch die anderen erklärten, das wäre überleidig genug, gab sie sich zufrieden.
Das Glückwunschinserat schnitt sie aus und klebte es mit Mehlkleister fein säuberlich in ihr Poesiealbum.
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