Geschwister Plüddekamp

Part 6

Chapter 63,674 wordsPublic domain

Aber Jürgen -- dieser ernste Gewaltmensch, -- mit den Fäusten wie ein Sackträger, dem unbeugsamen Willen, -- der keine Frau an seiner Seite haben wollte, -- das Weib nur als ein notwendiges Übel betrachtete, ihn zu erringen, war eine Aufgabe.

Sie hätte laut aufjauchzen mögen, als sich der Dampfer jetzt in Bewegung setzte, die Pleuelstangen im Maschinenraum dumpf anhoben, die Schraube schlug, die Dampfpfeife weithin heulte und das Eis am Bugspriet krachend brach. Die Schollen glitten knirschend und schlürfend an den Stahlplatten der Schiffswände entlang. Das Wasser rauschte über die Besiegten hinweg.

Der Hafen mit den vielen eingefrorenen Dreimastern, Schonern, Briggs und Fischerschaluppen lag hinter ihnen, sie kamen auf das breite Stromeis hinaus. Es ging vorüber an den verschiedenen Schiffswerften, am Vulkan, auf dessen Hellingen mächtige Dampfer der Vollendung harrten, den gewaltigen Hochöfen der Henckel-Donnersmarkwerke, den Brikett- und Sandsteinfabriken, den chemischen Werken, kurz der gesamten Großindustrie an der Odermündung. Noch sah man den tiefverschneiten Höhenrücken, der sich am linken Oderufer bis in die weite Ferne hinzog. Hie und da schaute ein Dorf mit seinem Kirchturm in der klaren Winterluft fast greifbar herüber. Das Bellen eines Hundes, laute menschliche Stimmen drangen zuweilen durch das stampfende Geräusch des Schiffes, das Bersten des Eises.

Die Wiesen zur Rechten waren eine große weißsamtne Fläche, die weiten Kiefernwaldungen dahinter von Schneemassen überlastet. Tief bogen sich die Äste herab und drohten abzubrechen. Die Kronen einzelner Tannen hingen schwer zur Seite.

Ilse stand neben dem Kapitän, während sich die anderen unter dem Schutz des Windfanges niedergelassen hatten und die Füße auf wollumwickelte Wärmflaschen setzten. Jürgen und Wolf staken in langen Bärenpelzen, die sie sonst für weite Schlittenfahrten brauchten. Konsul Martens hatte eine große Pelzdecke mitgenommen. Gut versorgt waren alle. -- Nur Ilse trug weiter nichts als den von Herta erhaltenen Pelzmantel und Tuchstiefeletten.

Bis hierher war das Eis noch mürbe gewesen, die starke Schiffsmaschine brachte den Dampfer schnell vorwärts. Nun wurden die Ufer an beiden Seiten eintöniger. Zur Linken tauchte in der Ferne die kleine Stadt Pölitz auf, deren Schornsteine bläuliche Rauchwolken hoch emporsandten. Hier begann das breitere Papenwasser.

»Auf dem ›Friedrich Barbarossa‹ war heute alles still, Martens,« wandte sich Jürgen an den Freund.

»Es ist für die meisten Arbeiten zu kalt, Jürgen. Die tragbaren kleinen Kohlenöfen reichen in den größeren inneren Räumen nicht aus.«

»Smiders ist auf keiner guten Bahn --«

»Na,« meinte Martens, »seine Lage wird anders, wenn er den reichen Hamburger in die Firma hineinbekommt, den er neuerdings an der Hand hat.«

»Wolf sagte mir schon davon. Er faßte Smiders in der ›Grünen Schanze‹ ab und horchte ihn aus.« Jürgen neigte sich zu dem Freund und flüsterte ihm etwas zu.

»Ah,« machte dieser, »und Smiders hat nichts gemerkt?«

»Nicht die Bohne! Wir lassen alle Minen springen. Du mußt mithelfen, daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur rechten Zeit fertig wird.«

»Wir haben Sichtwechsel -- damit sitze ich ihm auf dem Nacken, wenn er falsches Spiel treibt.«

Sie verloren sich noch eine Zeitlang in dem Gespräch.

Wolf war mehrmals an Ilse herangetreten, die immer noch schweigsam mit großen glänzenden Augen in die Ferne schaute.

»Sie müssen sich erkälten, Fräulein Ilse,« bat er wiederholt, »setzen Sie sich doch zu uns unter den Schutz des Windfanges und machen Sie von den Fußwärmern Gebrauch.«

»Ich friere nicht, Herr Wolf!«

Sie wollte nicht. Herta rief ihr zu: »Es ist deine Schuld nachher, Ilse, wenn du nicht hörst!«

»Ich sehe nur einmal diese Winterpracht, Tante Herta, sie ist zu schön!« war ihre Antwort.

Der Steward brachte jetzt heiße Bouillon und belegte Brötchen herauf. Er reichte das Tablett herum und trat auch zu Ilse heran. Nun mußte sie schon Platz nehmen, damit sie bequemer zugreifen konnte.

»Endlich gesellen Sie sich zu uns, Fräulein Hergenbach,« sagte Martens. »Sie waren ziemlich lange in eine stumme Bewunderung versunken.«

»Welcher Künstler vermöchte den Eindruck wiederzugeben, wie ich ihn in dieser Stunde gewonnen habe! Das Eisige, Starre der winterlichen Landschaft ist überwältigend schön, und da hinein dringt die Kraftfülle, mit der unser Dampfer spielend den Widerstand zerbricht,« antwortete sie nachdenklich.

»Sie haben etwas von der Schwermut der Norwegerin, Fräulein Hergenbach,« bemerkte Konsul Martens auf ihre Worte hin.

»Fräulein Ilse -- Schwermut! Sie sind auf dem Holzwege, lieber Konsul!« lachte Wolf. »Ich behaupte das Gegenteil.«

»Jürgen mag zwischen uns entscheiden,« meinte Martens.

Ilse hatte durch die kalte Luft leicht gerötete Wangen, die den sonst blassen Gesichtszügen eine anmutige Frische verliehen. Sie richtete jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf Jürgen, was er sagen würde. Er sah sie einen flüchtigen Augenblick hindurch freundlicher als sonst an.

»Ich kann mir nicht denken, daß es Fräulein Hergenbach angenehm ist, von euch beiden umstritten und von mir begutachtet zu werden. Sie kennt jedenfalls ihren Charakter am besten selbst und bedarf keines salomonischen Urteils.«

»Ich danke Ihnen, Herr Plüddekamp,« fiel Ilse ein. »Anstatt mich geistig zu zerlegen, sprechen Sie mir das eigene Recht dafür zu.«

»Wir Frauen bedürfen es dringend,« begann Herta, »um den Launen der Männerwelt gegenüber gewachsen zu sein.«

»Um Gotteswillen, Schwester! Jetzt kommt dein Steckenpferdchen!« rief Wolf mit gutgespieltem Entsetzen aus. »Ich blase schleunigst Frieden.«

»Wie immer, Wölfchen,« scherzte Herta. »Du bist keine Kampfesnatur.«

»Nein!« Es klang ganz leise, kaum verständlich. Ilse mußte es vor sich hingesprochen haben.

Die Sonne war inzwischen emporgestiegen, und ihre Strahlen erwärmten etwas die Luft. Die Kälte ließ bis auf wenige Grade nach. Eine Strecke vor ihnen lag auf dem Eise ein Schwarm Graugänse. Als der Dampfer näher kam, flogen sie mit lautem Geschnatter auf. Sofort sprang Jürgen in die Höhe, legte die Hand über die Augen, um diese gegen das Sonnenlicht zu schützen, und schaute ihnen nach.

»Hätte ich nur meine Büchse mitgenommen, Charles!« rief er Martens zu.

»Auf hundertfünfzig Meter, Jürgen?«

»Ich habe wilde Schwäne noch in größerer Entfernung auf dem Eis getroffen, wenn der schlanke Hals und Kopf unter den Flügeln stak.«

Ilse schaute begeistert zu ihm auf und rief:

»Solch einen Schuß möchte ich sehen, Herr Plüddekamp. -- Einen Wildschwan zu schießen --«

»Ich tue es nicht,« unterbrach sie Wolf. »Der Wildschwan ist ein herrlicher Vogel. Sein schneeweißes Gefieder, der wundervolle Hals, den er beim Fluge geradehin streckt, der weit hörbare hellklingende Ton, den er ausstößt! Warum ihn töten --?«

»Eine interessante Jagdtrophäe -- lieber Wolf,« warf Martens ein. »Sie sind kein rechter Jäger, wie Ihr Bruder.«

»Das kommt darauf an,« erwiderte dieser. »Ich halte auf ein Raubtier, Reh, Karnickel oder Rebhuhn hin, -- schädliche und schmackhafte Geschöpfe, -- aber auf einen Schwan, -- das schöne Geschöpf der sagenhaften Nordlandswelt -- nein! Mir fällt dabei immer das Märchen von den drei Schwanenjungfrauen ein, das mir Herta in der Kinderzeit erzählte.«

»Auch für mich hat der Wildschwan etwas Sympathisches,« sagte diese. »Zu genießen ist er nicht, -- nur die Schwanendaunen geben ein weiches Schlummerkissen ab.«

»Es herrscht ein alter Aberglaube,« begann Wolf und sah, wie Ilse aufhorchte, »daß ein toter Wildschwan Unglück ins Haus bringt. Jochen Hindorf sprach davon, daß unsere schöne Mutter kurz darauf gestorben sei, als mein Vater einen Schwan schoß und ihn heimsandte!«

»Unsinn!« brummte Jürgen. »Der alte Jochen will nur mit solchen Flausen bewirken, daß dir grault. Ich selbst war damals mit dem Vater auf der Jagd, dort vor uns über Stepenitz hinaus, am rechten Haffufer. Wir schlichen durch hohes Rohr, damit uns die Schwäne nicht bemerken konnten. Es gibt sonst keinen scheueren Vogel. Er läßt selten an sich herankommen. Damals glückte es. Als wir am Rande des Rohres anlangten, lagen die Schwäne in Büchsenschußweite vor uns auf dem blanken Eis. Mein Vater stand vorn, er hob rasch das Gewehr, der Schuß krachte und saß. Sechs Schwäne flogen mit schrillen Tönen auf, -- der siebente blieb tot liegen. Ich selbst holte ihn heran und brachte ihn zum Schlitten. Deine Mutter aber, Wolf, war zu der Zeit schon ein Jahr vorher gestorben.«

»Sie werden bald einen Wildschwan schießen, Herr Plüddekamp,« unterbrach Ilse plötzlich die entstandene Stille. Ihre tiefe Altstimme klang dabei fast feierlich.

»Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung über meine Treffsicherheit, Fräulein Hergenbach. Aber so bestimmt ist es wirklich nicht. Vielen Jägern hier im Umkreis ist es während ihres ganzen Lebens nicht gelungen.«

»Vielleicht gerade deshalb, -- sogar noch in diesem Winter, -- ich möchte einmal das schöne weiße Gefieder streicheln.«

»Ilse!« Herta hatte es ausgerufen. »Was hast du für seltsame Wünsche!«

Das junge Mädchen schrak zusammen, stand dann auf, streifte Jürgen mit einem hellen Aufleuchten ihrer Augen und trat zum Kapitän. Sie schaute wieder auf die starre Fläche des Haffes, die sich jetzt weithin öffnete.

Das Eis wurde stärker, der Dampfer arbeitete keuchend dagegen an. Er hob sich vorn hoch empor, traf die hellglitzernde Masse und brach krachend hindurch. Ein paarmal mußte er auch zurückgehen und mit voller Wucht wieder anrennen, bis er eine starke Eiswand durchschnitten hatte. Sie kamen jetzt nur langsam vorwärts. --

X.

In der Kajüte wurde eine wohlvorbereitete Mahlzeit aufgetragen. Konsul Martens war ein Feinschmecker, es gab die ersten Delikatessen der Jahreszeit und edle, feurige Weine. Er brachte nach dem zweiten Gericht einen Trinkspruch auf die Geschwister Plüddekamp aus, der in der seltenen, sie verbindenden Liebe und Treue gipfelte. Als er das Glas zuerst gegen Herta erhob, zeigten ihre blauen Augen einen wärmeren Ausdruck. Jürgen schüttelte ihm derb die Hand und sagte:

»Meine Erwiderung, Charles, nimm als geschehen an -- ich bin kein Redner.«

»Ich trinke auf Ihr Wohl, Fräulein Ilse,« flüsterte Wolf.

Er saß an ihrer Seite und hob das Glas. Sie nickte nur leicht zum Dank, und die grauen leuchtenden Augen irrten über ihn hinweg, um einen flüchtigen Augenblick voll auf den markigen Zügen Jürgens haften zu bleiben. Dieser zuckte mit der Hand, als wolle er nach seinem Glas greifen. Martens kam ihm aber zuvor und stieß mit Ilse an.

Der Aufenthalt in dem stark geheizten Raum und die reichliche Mahlzeit brachten eine gewisse Müdigkeit hervor. Herta setzte sich in eine Diwanecke, um zu schlafen. Jürgen und der Konsul Martens hatten die gleiche Absicht, wollten aber vorher noch eine Flasche Pontak ausproben.

Der Dampfer stöhnte und keuchte, um die Eismassen zu bewältigen. Ilse eilte plötzlich die Treppe zum Deck hinauf, und Wolf folgte ihr sofort nach. Sie gingen ganz nach vorn ans Bugspriet. Dort hielt sich Ilse am Geländer an, weil der starke Anlauf des Dampfers gegen das Eis keinen festen Halt aufkommen ließ. Der Wind wehte schneidend aus Hoch-Nord. Nach der warmen Luft in der Kajüte traf er doppelt scharf das Gesicht und stach wie mit Nadeln in die Haut ein.

Die Sonne stand glutrot im Westen dicht über den fernen tiefverschneiten Forsten und war am Untergehen.

»Stellen Sie sich hinter mich, Fräulein Ilse,« bat Wolf, an sie herantretend. »Der eisige Wind trifft Sie alsdann nicht direkt.«

»Ich finde ihn manchmal wohltuend, Herr Wolf,« erwiderte sie kurz. »Die heiße Kajüte und der starke Wein, -- ich kann Alkohol nicht vertragen, -- das Blut jagt mir durch die Adern.«

Er sah sie an. Ihre Wangen zeigten rote Stellen, nicht eine gleichmäßige Röte. In den Augen, die sich einen flüchtigen Augenblick in die seinen tauchten, lag ein übernatürliches Glänzen.

»Sie dürfen hier nicht bleiben, Ilse,« sagte er mit aller Bestimmtheit. »Sie können sich den Tod in diesem Eiswind holen. Entweder Sie folgen mir nach dem Windfang, -- dort können wir die Pelzdecke des Konsuls benutzen -- oder wir gehen hinunter und setzen uns in eine weniger durchwärmte Kabine.«

»Nein ich will nicht!« rief sie aus. »Hier sehe ich unmittelbar, wie das Eis unter der Gewalt des Dampfers bricht.«

»Ilse!« stieß er heftig aus. »Warum verlangt Sie nach roher Kraftentfaltung? Ist das Ihrer würdig?«

»Ich kann mich nicht ändern! Lassen Sie mich, wie ich bin, Wolf!« entgegnete sie schroff.

»Warum fügen Sie sich stets bei Herta? Wenn ich Sie um etwas bitte, Sie warne, sind Sie gänzlich abwehrend! Sie zeigen zwei Gesichter, -- geben Sie mir eine Erklärung dafür.«

»Nein!« Von nun an schwieg sie beharrlich.

Die Sonne sank hinab. Die Kälte nahm zu. Trotz seines Pelzes begann Wolf nach einiger Zeit zu frieren, er konnte selbst seine Füße durch Hin- und Hertreten nicht warm erhalten. Ilse, die leichter gekleidet war, mußte sich eine schwere Erkrankung zuziehen. Sie gab auf seine wiederholten Fragen keine Antwort. -- Er faßte plötzlich einen raschen Entschluß, umschlang sie mit seinen Armen, fühlte, daß sie halb erstarrt war, und trug sie in eine Kabine hinunter. Dort legte er sie auf den Seitendiwan.

Er zog seinen Pelz aus und deckte sie damit zu. Sie ließ alles willenlos geschehen. Die Kälte hatte ihr die Kraft des Widerstandes geraubt. Als der Steward zufällig vorüberging, bestellte Wolf heißen Tee.

Schon nach einigen Minuten erholte sie sich wieder und wollte den schweren Reisepelz abstreifen.

»Noch nicht,« befahl er. »Sie müssen erst Tee trinken und tüchtig heiß werden, damit das Blut im Körper stärker kreist, sonst sind Sie morgen krank.«

Diesmal folgte sie. Er ließ ihren Gegenwillen nicht aufkommen.

Der Steward brachte den Tee, den er ihr erst löffelweise einflößte, dann mußte sie den Rest auf einmal austrinken.

»Mir ist wirklich ganz wohl, Herr Wolf!« bat sie, »nehmen Sie mir doch das Ungetüm von Pelz fort. Ich ersticke fast darunter.«

Er fühlte mit der Hand an ihre Stirn. Es perlten helle Tropfen darauf.

»So ist es gut! Nur noch zehn Minuten, dann haben Sie es überwunden, Ilse. Herta darf nichts erfahren, sonst wird sie bitterböse über Ihre Hartnäckigkeit.«

»Sie sind eigentlich ein guter Mensch, Herr Wolf, und geben einen vortrefflichen Ehemann ab,« sagte sie mit dem tiefen Wohllaut, den ihre Stimme zuweilen besaß.

»Finden Sie es wirklich, Ilse? Seien Sie endlich offen zu mir! Sie haben oft ein so seltsames Wesen. Nie weiß ich, woran ich bei Ihnen bin.« Er sah in ihre fieberhaft glänzenden Augen und war plötzlich wie verwandelt. Er neigte sich tief zu ihr herab.

»Nein -- nein, Wolf! Ich liege hier wehrlos,« hielt sie sein Gesicht mit beiden Händen zurück. »Erst pflegen Sie mich -- und nun -- ich dulde es nicht, -- wie Sie mich wieder behandeln.«

»Ilse!« brachte er schweratmend hervor. »Ich finde nicht den richtigen Weg zu Ihnen -- daran sind Sie aber schuld, nur Sie selbst. Wenn Ihre Augen mir so leidenschaftlich entgegenschauen, dann vergesse ich alles, -- ein blindes Verlangen kommt über mich, Sie wild an mich zu reißen. Ich leide qualvoll durch Sie, -- Ilse, und ich ertrage es nicht länger!«

Sie zog den rechten Arm unter dem Pelz hervor und reichte ihm die Hand.

»Sie sollen es auch nicht, Wolf! -- Wahrhaftig nicht! -- Nehmen Sie mir doch den schweren Pelz ab, wir wollen ruhig miteinander sprechen.«

Er warf diesen in eine Ecke, und sie richtete sich schnell auf.

»Endlich zeigen Sie ein wenig Herzensgüte, Ilse. Lassen Sie mich einen Einblick in Ihr Inneres tun.«

»Es schreckt Sie nur ab, Wolf. Fragen Sie meine Geschwister, sie nannten mich ›Ilse -- die Hexe‹!«

»Ohne Grund, Sie haben nur noch nicht Ihr eigenes Herz gefunden. Es irrt umher, schenken Sie es mir, ich werde es treu bewahren.«

Bei dem matten Licht der Deckenlampe sah sie ihn lange schmerzlich an.

»Jetzt liegt in Ihren Augen das Klagen des Rehes, wenn es schwer verwundet ist,« flüsterte er, »es gibt mir die Ruhe zurück, -- so liebe ich -- dich -- Ilse!«

»Nein, nein, es geht nicht!« fuhr sie plötzlich auf, als er sie innig an sich ziehen wollte. »Wissen Sie, Wolf, woher die Ilse stammt? Hoch am Brocken -- in der rauhen Schlucht des Schneelochs fangen sich die Wasser aus dem Hexenbrunnen auf -- dann stürzen sie gewaltsam über Rollsteine und Felsblöcke abwärts, bis sie tief unten branden und schäumen. -- Wollen Sie das durchkosten? -- Nein, -- es geht nicht! -- Ich weiß nicht -- wen ich liebe. Sie alle stehen vor mir und krallen mich mit Blicken an, als ob ich mein Blut hergeben sollte. Was habe ich nur an mir, daß man mich so verlangt?« -- Ihr Körper zitterte heftig, sie schluchzte krampfhaft auf. »Ich will nicht mehr mit Ihnen allein sein, Wolf, -- ich komme in Verdacht. Ihre Schwester sucht mich gewiß.« --

»Ilse, ich lasse dich noch nicht gehen, -- erst ein Wort, -- nur ein einziges liebes Wort --«

Sie sprang auf, drängte ihn zurück und hatte plötzlich ihre Ruhe wiedergefunden, -- der innere Sturm war vorübergebraust.

Er ließ sie aber nicht von der Stelle. Der Dampfer hob und senkte sich gewaltig. Die Maschine trieb ihn mit voller Dampfkraft gegen die mächtigen Blöcke. -- Ein Krachen und Bersten der Eiswand erfolgte -- dann kam ein erneuter starker Stoß -- Ilse sank, den Halt verlierend, in Wolfs Arme.

Sie lag an seiner Brust, er küßte sie heiß, verlangend. Ein wildes Stöhnen entrang sich ihr -- sie war widerstandslos, -- hingebend. --

Auf Deck ertönte lautes Gepolter, dazwischen drang ein starkes Zischen des Dampfers hervor, dem hastige Kommandorufe des Kapitäns folgten. Noch schlugen die Pleuelstangen, -- auf einmal ließen sie nach, -- der Dampfer stand still. Die Eisschollen rieben sich knirschend an den stählernen Seitenwänden. Unter dem Kiel gurgelte dumpf das Wasser des Haffes. --

Herta, die fest geschlafen, erwachte und sah Ilse ganz verstört vor sich stehen. Jürgen und Konsul Martens sprangen die Treppe hinauf an Deck. Der Kapitän kam sofort auf sie zu.

»Ein scheußliches Pech, Herr Konsul. Wir haben durch die starken Eiswände vor uns schweren Maschinendefekt und Rohrbrüche erlitten. Die Reparatur wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Wir sind noch gut zwei Stunden von Swinemünde entfernt. In der Nähe ist kein Dorf oder Flecken. Das Eis hält wohl bis zum Ufer, aber in der Dunkelheit sind die eingehauenen Fischwaken nicht zu sehen. Am besten bleiben Sie mit Ihren Gästen an Bord, bis der Morgen anbricht. -- Vielleicht können Sie dann bis zu der allerdings entfernten Bahnstation gelangen.«

»Fatal, -- höchst fatal!« stieß Martens aus. »Ich muß morgen vormittag zu einer wichtigen Besprechung in meiner Bank sein.« --

»Ich kann unmöglich im Kontor fehlen,« setzte Jürgen nachdrücklich hinzu.

Nur Wolf, der ihnen gefolgt war, frohlockte, -- er hoffte auf ein Wiederaufflammen des kurzen Rausches, auf ein Glücksgefühl, das er in seiner Größe kaum erfaßte. -- Er sann über die Möglichkeit nach, wie er mit Ilse allein sein konnte, ohne daß es den anderen auffallen würde.

* * * * *

Eine Nacht an Bord. -- Die Maschine des Dampfers stand. Dieser lag still in der Fahrtrinne des Haffs und fror ein. Die Kälte drang durch alle Fugen. Das Eis hob und preßte die stählernen Platten, daß ein Stöhnen durch den ganzen Schiffsraum ging. Die sternenklare Nacht wurde bitterkalt. Der dichte Reif setzte sich überall fest und wob seine kristallnen Fäden um Maste, Schornstein, Planken und alle Gegenstände an Deck. Das Schlickwasser gefror, es bildeten sich lange Eiszapfen -- langsam entstand ein Märchenbild.

Gegen zehn Uhr kam die bleiche Sichel des zunehmenden Mondes hervor. Nun lag das Eis des Haffes in dem mildfunkelnden Licht hell aufglitzernd da.

Eine wunderbare Stimmung breitete sich über die weite, öde Fläche aus. Kein Laut wurde hörbar, als das Schieben und Pressen der Eisschollen an den Schiffswänden.

Die kleine Gesellschaft ging trotz der Kälte eine Zeitlang auf dem Deck umher, um die unendliche Schönheit der Natur zu genießen. Der Wind hatte sich gelegt, die Kälte war trotz der zehn bis zwölf Grad nicht empfindlich.

Ilse war an Hertas Seite, als sich aber Wolf zu ihnen gesellte, kam sie plötzlich bei einer Wendung neben Jürgen zu stehen und sprach ihn an, dann ging sie mit diesem und Konsul Martens weiter.

Wolf stampfte mit dem Fuße auf.

»Was ist dir, Wölfchen?« fragte Herta und schob ihren Arm unter den seinen.

»Nichts besonderes, Herta! Ich wünschte nur manchmal, daß man nicht so töricht wäre, ein Herz unter den Rippen zu besitzen. Wenn es sich fühlbar macht --«

»Du bist in deinen Gedanken bei Ilse, armer Kerl!« sagte diese tröstend. »Weise sie von dir --«

»Wenn ich es nur könnte, Herta! Es zerreißt mir bald Leib und Seele. -- Sie ist nicht zu verstehen, -- glaub es mir, Schwester. -- Ich bin schon einfach verrückt und sie -- sie wurde von ihren Geschwistern ›Ilse -- die Hexe‹ genannt!«

»Ilse -- die Hexe!« wiederholte Herta langsam. »Merkwürdig, -- Jürgen sagte mir das gleiche.«

»Und jetzt geht sie wieder neben ihm, -- wie sie ihn anschaut, -- ich kann es nicht ertragen, -- Herta, es reizt mich maßlos!«

»Wölfchen -- sei gut,« bat Herta. »Denk an mich und Martens, -- so viel Leidenschaft, wie bei dir, war wohl bei uns nicht dabei, -- aber es saß tief genug! -- Heute bin ich sehr froh, daß es so gekommen ist! -- Du wirst Ilse auch erst erkennen, wenn du deinen Rausch überwunden hast.«

»Ich kann mich nicht zur Ruhe zwingen, wie du es fertig brachtest, Herta! Willst du nicht einmal mit Ilse sprechen?«

»Nein!« Herta stieß es kurz aus. »Es würde nur zu deinem Elend gereichen. Denke daran, sie ist -- die Hexe Ilse! Dafür bist du mir zu lieb, Wölfchen! Du mußt uns Geschwistern erhalten bleiben. Ihr Charakter ist unergründlich, -- sie kann dich vernichten, -- vielleicht ohne daß sie es will.« --

XI.

Nach Mitternacht, als alle in tiefem Schlafe lagen, Herta hatte Ilse mit in ihre Kabine genommen, überwölkte sich der Himmel, und mächtige Schneeflocken fielen langsam rieselnd nieder. Gegen Morgen wurde das Schneetreiben so dicht, daß man vom Dampfer aus keine zehn Schritt weit sehen konnte.

Jürgen kam sehr früh an Deck. Als er die Lage überschaute und mit dem Kapitän in dessen Kajüte Rücksprache genommen hatte, grollte es gewaltig in ihm. Nirgends zeigte sich ein Ausweg aus der mißlichen Lage. Der Maschinendefekt ließ sich im besten Falle erst bis gegen Abend einigermaßen beheben. Ein weiteres Durchbrechen des Eises war unmöglich, der Dampfer mußte nach Stettin zurück. Die Rückfahrt würde schon schwierig genug sein und nur langsam vonstatten gehen.

Bei dem dichten Schneetreiben konnte es niemand wagen, über das Eis ans Land zu gelangen. Also ausharren! Während Jürgen und der Kapitän noch sprachen, kam Konsul Martens hinzu, dem die Unruhe den Schlaf verkürzt hatte. Anstatt des Morgenkaffees wurde gleich ein heißer Tee mit Arrak gebraut. Die Schiffsräume waren stark durchkältet, denn die Dampfheizung war nicht in Ordnung. -- Als die Schiffsmaschine bei dem gewaltigen Anlauf gegen die starken Eiswände versagte, strömte der Dampf zurück. Durch die entstandene hohe Spannung wurden die Rohre undicht und erlitten mehrere Brüche. Die Feuerung mußte aufhören, weil der Dampf an vielen Stellen der Leitung gefahrdrohend herauszischte. Die Maschinisten hatten die ganze Nacht durchgearbeitet, um die Schäden auszubessern, und ermüdeten sichtlich.

»Wann können wir bestimmt darauf rechnen, Fahrt zu haben?« fragte Martens den Kapitän.

»Es kommt darauf an, wie lange die Kraft der Leute aushält, Herr Konsul.«

»Gehen wir in den Maschinenraum hinunter, Charles,« warf Jürgen ein. »Vielleicht lassen sich die Leute durch eine Prämie anfeuern.«

»Die Maschinisten geben ihr Bestes von selbst her,« erwiderte der Kapitän, »es bedarf keiner besonderen Belohnung. Sie können sich davon überzeugen, meine Herren!«