Part 5
Wie die grauen Augen gefährlich aufleuchteten und nicht weichen wollten! Ein bescheidenes Bitten und doch trotziges Verlangen lag in ihnen. Warum widerstehst du so lange? Die anderen sind glücklich, wenn ich ihnen einen Blick schenke. Du bist so hartnäckig, abwehrend -- ich will aber meine Kraft erproben, ich will wissen -- jetzt zeigte sich die volle gefährliche Glut in dem Blicke.
Jürgen stand schweratmend von seinem Schreibsessel auf.
»Nehmen Sie bitte Wolfs Platz ein, Fräulein Hergenbach. Ich bin gewohnt, schnell zu diktieren. Werden Sie mir folgen können?«
»Ich werde es --«
Er ließ sich wieder nieder; schon saß sie ihm gegenüber und hatte Papier und Bleistift zur Hand genommen.
Jetzt konnte er ruhig aufsehen; während er sprach, mußte sie den Blick auf den weißen Bogen vor sich heften.
Bei den ersten Worten zitterte seine Stimme ein wenig, dann gewann sie bald ihren festen Klang zurück. Das Diktat näherte sich bereits seinem Ende, als die Tür hastig geöffnet wurde und Wolf erschien.
»Hier finde ich Sie endlich, Fräulein Ilse!« rief er erregt aus. »Meine Schwester läßt Sie im ganzen Hause suchen. Der Tee hat zu lange gezogen --«
Ilse sah nicht auf, sie erwiderte auch nichts. Sie wußte, daß Jürgen antworten würde.
»Entschuldige Fräulein Hergenbach bei Herta. Sie hat ein eiliges Stenogramm von mir aufgenommen und muß es noch mit der Schreibmaschine übertragen. Wir sind in kurzer Zeit fertig und kommen dann nach oben --«
»Ausgezeichnet -- wirklich ausgezeichnet! Die Erlernung des Haushaltes ist bis zum Kontor hinuntergedrungen. Sie sind in allem eine Meisterin -- Fräulein Ilse! -- Und du -- Jürgen?« Es flammte etwas Unheilvolles in den blauen Augen auf, die sich fest auf den Bruder richteten.
»Kein Zeitverlust, Wolf!« erwiderte Jürgen kalt. -- »Das Diktat ist noch nicht zu Ende -- du störst uns -- bitte --«
Wolf pfiff zwischen den Zähnen hindurch, schloß aber die Tür wieder und stürmte, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, die Treppe hinauf.
»Ilse macht bei Jürgen -- dem Hasser alles Weiblichen im Kontor -- das Tippfräulein! Was sagst du dazu, Herta?« rief er atemlos ins Speisezimmer hinein, in dem diese noch am Teetisch beschäftigt war.
Sie sah den jüngeren Bruder erstaunt an.
»Warum solche Scherze, Wolf!«
»Scherze? -- -- Teure Herta, vollkommener Ernst -- eine unbestreitbare Tatsache. Geh hinunter und überzeuge dich. Die Männertollheit wird größer, immer größer, Herta -- wundere dich über nichts mehr!«
Diese legte die Hand auf den Mund und deutete auf das Nebenzimmer; er sollte sich an die Gegenwart des Gastes erinnern. Sie trat dann dicht an ihn heran und flüsterte:
»Du bleibst bei mir, Wolf! Berleburg ist unausstehlich, er war nahe daran, mir in aller Form einen Antrag zu machen!«
Der junge Mann verzog das Gesicht zu einer tragikomischen Miene.
»Um Gottes willen -- wenn es so fortgeht, ist Haus Plüddekamp eine offene Bühne für Irrungen und Wirrungen. -- Ilse kommandiert den strengen Jürgen, und ich spiele den Anstands-Wauwau bei meinem geliebten Mütterlein --«
»Du bist ungezogen, Wolf; so alt bin ich noch nicht! Meine mütterliche Sorgfalt aber hat dir manchen Dienst erwiesen.«
»Nicht zürnen, Herta,« bat er lächelnd ab. »Kommen Sie, Herr von Berleburg,« rief er darauf in den Salon hinein. -- »Eine Tasse Karawanentee von meiner lieben Schwester Hand ist tipp topp! Ich schenke Ihnen dazu einen Meukow ein, den Sie nirgends so alt getrunken haben. Mein Urahne hat ihn vermutlich 1812 aus der zurückgelassenen Bagage des großen Napoleon erstanden.«
Der hagere Herr schaute verständnislos um sich. Er war aus seinen Gedankenverbindungen und der Nachwirkung des alten Bordeaux jäh erwacht. Die Wirklichkeit trat wieder vor ihn her. Schwerfällig erhob er sich und ging steif nach dem Speisezimmer.
Als Jürgen und Ilse später an den Teetisch traten, sagte Fräulein Plüddekamp zwar kein Wort, aber ihre Blicke gaben deutlich ein Mißbehagen kund.
»Verzeih, Tante Herta, daß ich den Tee im Stich ließ,« bat Ilse, »aber dein Bruder mußte die Angelegenheit sofort brieflich erledigen. Ich kenne die Wichtigkeit der dringenden Telegramme von Papas Geschäft her.«
»Bekümmere dich in erster Linie um deine Obliegenheiten,« erwiderte Herta kurz. Es ärgerte sie, daß Ilse bei Jürgen mehr durchsetzte, als sie es je vermocht hatte. Die Kontorräume wurden nie von ihr betreten.
Berleburg war kein Freund von Tee, wenn ihn auch der alte Meukow etwas entschädigte. Er fühlte, daß sein Plan verunglückt war, und ließ den Wagen anspannen, der bald mit ihm davonrollte.
Als die Geschwister am späten Abend voneinander schieden, sagten sie sich kühl gute Nacht. Eins hegte gegen das andere Mißtrauen; Ilse stand dazwischen mit der siegreichen Macht, die von ihr auf die Brüder ausging. --
Wolf versuchte es auf alle erdenkliche Weise, sie in der nächsten Zeit allein zu sprechen, sie wich ihm aber geflissentlich aus. Er bemerkte deutlich, daß sie sich Jürgen durch kleine harmlose Dienstleistungen fortgesetzt zu nähern versuchte. Dieser wollte Junggeselle bleiben, er hatte es oft genug mit Bestimmtheit ausgesprochen und bereits seine Geschwister in einem Testament als Erben eingesetzt. -- Welche Absicht verfolgte Ilse also? -- --
VIII.
Wolf ging durch die großen Räume des alten Speichers und kontrollierte die Arbeiter, ob sie das Umstechen des Getreides gut ausführten. Auf die Roggensorten, die bis zur Zeit der Sommersaat lagerten, war besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Sackträger standen in einer Reihe und so weit voneinander entfernt, daß sie die große Wurfschaufel bequem handhaben konnten. Die Leute waren derartig eingearbeitet, daß das Schaufeln des Getreides fast im Takte vor sich ging.
Hell aufschimmernd flog der Roggen durch den Raum, sank schwer auf der anderen Seite nieder und türmte sich hoch auf. Der Luftzutritt, den er dadurch erhielt, gab ihm neue Frische.
Als sich Wolf den Leuten näherte, tönte es aus dem Munde der einzelnen Männer, kurz, wie es ihre Art war:
»Guten Tag, Herr Wolf.«
Keiner sagte Herr Plüddekamp. Es war nun einmal gang und gäbe unter den Leuten, nur Jürgen hieß ›Herr Plüddekamp‹. Die meisten hatten Wolf noch als Knaben gekannt, unter ihnen groß geworden, blieb er darum ›Herr Wolf‹.
Dieser trat zu dem Roggenhaufen, griff mit der Hand tief hinein und roch über die Probe hinweg. Er warf sie zurück und schritt zu dem umgeschaufelten Roggen. Hier nahm er die gleiche Probe vor und nickte dann befriedigt.
»Der Roggen ist recht trocken. Er scheint sich gut zu halten,« wandte er sich an einen der breitschultrigen Männer.
»Das will ich meinen, Herr Wolf,« erwiderte der angeredete Mann. »Der ist auch vom Oberamtmann Wichers aus Wershagen.«
»Ja,« nickte Wolf, »ich weiß wohl. Wershagener Roggen ist immer der beste!«
Seine Gedanken glitten in diesem Augenblicke unwillkürlich nach dem schön gelegenen Gute, auf dem er oft und gern geweilt. Das Bild von Lieschen Wichers, dem hübschen, rotwangigen Mädchen, trat vor ihn hin. Ob sie sich wohl wunderte, daß er so lange nicht dort gewesen? Warum darüber nachdenken! Er hatte kein Interesse mehr daran. Mit seinem Spazierstocke schrieb er den Namen Ilse in die glatten Seitenflächen des Roggenhaufens ein. Kaum hatte er aber die Buchstaben gezogen, so fiel das Korn langsam nach und füllte den Raum aus. Rasch, wie der Name geschrieben wurde, verschwand er auch wieder.
»Soll es ein Zeichen für dich sein?« sagte Wolf zu sich. »Entstehen und vergehen Leidenschaften so schnell? Warum müssen wir sie dann erst fühlen? Es wird mir förmlich zur Pein, überall an Ilse zu denken. Die stete Unruhe, das Verlangen nach ihr ist eine Folter.«
Ein polternder Schritt wurde hörbar. Jochen Hindorf keuchte mit der ganzen Schwere seines Körpers die Treppe hinauf. Der mächtige Kopf mit dem struppigen Bart schaute jetzt aus der Luke hervor, die den oberen Treppenraum abschloß, und gleich darauf kam die dicke Flauschjacke zum Vorschein.
»Willst du was von mir, Jochen?« rief ihm Wolf zu.
»Jäh -- woll!« tönte es zurück, und der Alte machte mit der Hand eine Bewegung, daß er seinen jungen Herrn gern allein sprechen möchte.
»Was ist denn los, alter Knabe?« fragte Wolf, auf ihn zugehend.
Der Alte versuchte seinen tiefen Baß möglichst zu dämpfen.
»Smiders ist in der Weinstube. Er sitzt -- fest. Als ich vorbeikam, rief mich die Mamsell heran --«
»Na, ich will nur gleich hingehen,« erwiderte Wolf. »Nette Aussichten für den Abend. Es hilft aber einmal nichts.«
»Die Mamsell muß drei Mark kriegen, Herr Wolf. Ich hab ihr's versprochen.«
»Wie heißt sie denn?« fragte Wolf lächelnd.
»Das weiß ich nicht, Herr Wolf.«
»Ja, den Teufel auch, Jochen! Woher soll ich es denn wissen?«
»I, das macht sich von selbst, wenn Sie man erst dort sind.«
Wolf stieß einen leisen Seufzer aus. Ein unangenehmer Gang lag vor ihm. Er hatte es aber Jürgen versprochen und noch mehr -- das Geschäft verlangte es.
»Du hast deine Sache brav gemacht, Jochen! Hoffentlich treffe ich Smiders in der richtigen Stimmung an.« Mit den Worten ging er zur Treppe.
Jochen Hindorf sah ihm zufrieden nach.
»Heut steht er seinen Mann, das weiß ich!« murmelte er vor sich hin.
Kurz darauf verließ Wolf durch den großen Torweg das Haus. Er sah sich noch einmal um, und sein Blick streifte die Fensterreihen. Wenn Ilse jetzt wüßte, wohin er ging! Würde sie darüber in Erregung geraten? Gleichgültig konnte es ihr doch nicht sein. Er hatte bisher noch keinen tieferen Einblick in ihren Charakter tun können, und doch besaß sie sicher ein starkes inneres Leben. --
Er eilte rasch durch die Große Wollweberstraße, durchquerte die Breitenstraße und kam an die ›Grüne Schanze‹. Die kleine Weinstube lag vor ihm. Sein Fuß zögerte, ehe er die Schwelle zu dieser überschritt. Er hatte die Tür noch nicht geöffnet, als ein junges Mädchen aus dem daneben befindlichen Hausflur hervortrat und ihn anredete:
»Ich habe Sie schon erwartet, Herr Plüddekamp. Ich bin die ›blonde Rieke‹. Der alte Hindorf wird es Ihnen wohl gesagt haben.«
»Ach so,« meinte Wolf, griff in die Tasche und zog ein Dreimarkstück hervor.
»Stimmt,« lachte sie auf. »Ich bringe Sie direkt in die Hinterstube, wo Herr Smiders sitzt. Er hält es mit der ›schwarzen Karli‹. Ich bin erst seit acht Tagen hier und -- noch frei.«
In ihren Zügen zeigte sich ein entgegenkommendes Lächeln, das Wolf nur zu gut kannte. Ein offenes Angebot, das die Annahme erwartete.
»Ich werde mich Ihnen weiter erkenntlich zeigen, Fräulein Rieke,« erwiderte er darauf, »wenn Sie im geeigneten Zeitpunkte Ihre Kollegin Karli mit fortnehmen, damit ich Smiders allein sprechen kann.«
Die blonde Rieke ging jetzt voran und führte Wolf über den dunklen Hof. Dort gab es einen versteckt liegenden Eingang in die sogenannte Kavalierstube.
Als sich die Tür öffnete, sah Wolf über das Mädchen hinweg in den nur wenig erhellten Raum, aus dem der Dunst geleerter Weinflaschen hervordrang. Eine alte verräucherte rotgoldene Tapete bedeckte die Wände. Von der Decke herab hing eine einst vergoldete Gaskrone, die wohl auf einer Auktion erstanden wurde. In dem ganzen Raum befand sich nur ein länglicher Tisch vor einem zerschlissenen Polstersofa, dann einige hochlehnige Stühle, die mit starkem Leder überzogen waren.
Auf dem Sofa saß Alfred Smiders, der elegante junge Reeder, und hielt den Arm um ein derbes Mädchen geschlungen. Das tiefschwarze Haar und die stechend schwarzen Augen hatten ihr den Namen ›die schwarze Karli‹ eingetragen. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein altmodischer Weinkühler mit einer Flasche Sekt.
»Du wirst den Hamburger ausfragen, Karli, sobald er da ist,« ertönte die scharfe Stimme von Smiders. »Sei entgegenkommend und geschickt, er darf nichts merken. Du bringst ihm dann bei --«
Jetzt fiel sein Blick auf den eintretenden Wolf.
»Zum Teufel, Wolf! Wo kommst du her?« rief er lachend. »Ah, ich sehe schon, die blonde Rieke hat dich am Wickel! Ist auch erst seit acht Tagen hier. Frisch aus Danzig importiert. Hast keinen schlechten Geschmack.«
Der junge Plüddekamp trat näher an den Tisch und reichte Alfred Smiders mit anscheinender Vertraulichkeit die Hand. Es war ihm ganz erwünscht, daß die blonde Rieke als Grund seines Kommens galt. So konnte Smiders keinen Argwohn hegen.
»Setz dich, Wölfchen,« sagte er dann, »wir haben lange keinen Sekt zusammen getrunken. Die erste Flasche ist schon angefahren, du gibst die nächste!«
Er schenkte zwei neue Spitzgläser ein, die er Wolf und der blonden Weinkellnerin zuschob.
»Prost, mein Junge, es lebe das Leben! Nämlich, wie wir es haben wollen.« Er stieß mit ihm an. »Keine Duckmäuserei!« Dabei gab er der schwarzen Karli einen starken Schlag auf die Schultern. »Sieh mal, das ist ein prächtiges Mädchen, Wolf! Mit der kann man reden, wie man will, und braucht nicht erst jedes Wort auf die Goldwage zu legen. Du weißt, das war mir immer eklig.«
Wolf hatte seinen Stuhl neben Smiders gezogen, und die blonde Rieke setzte sich dicht neben ihn. Sie betrachtete ein paarmal den jungen Mann. Kein Wunder, daß er ihr gefiel. Wolf Plüddekamp bestach jedes Mädchen, dem er freundlich begegnete. Die blonde Rieke war noch kein Jahr von den Eltern fort und wußte vielleicht selbst nicht, wie sie dazu kam, Weinkellnerin in einer Animierstube zu sein. Nun hatte sie sich hineingefunden und wollte alle Minen springen lassen, um den jungen, reichen Mann in ihrer Weise zu erobern.
Wolf nahm sich vor, wenig zu trinken und scharf aufzupassen. Alles ging nach Wunsch. Es wurde eine Flasche Sekt nach der anderen geleert und Smiders immer redseliger. Plötzlich sprang die blonde Rieke auf und flüsterte der schwarzen Karli etwas zu. Dann wollten sie beide hinausgehen.
»Du, Karli!« rief Alfred Smiders, »bleib nicht lange fort. Hast wohl einen alten Freund im Vorderzimmer sitzen? Der wird abgeschüttelt!«
Die beiden jungen Männer befanden sich allein. Wolf begann vorsichtig einige Fragen zu stellen und kam dabei auf die Reederei von Smiders zu sprechen, als dieser schon einwarf:
»Wolf, ich habe ein feines Geschäft vor! Machst du mit?«
»Warum nicht, Alfred! Wenn es etwas einbringt!«
»Läßt sich hören! Du redest heute anders wie früher. Brauchst wohl auch ab und zu einen braunen Lappen extra? Die blonde Rieke wird dir nicht teuer werden, ist noch nicht ausgetragen. Teufel, wenn ich die schwarze Karli nicht hätte! -- Ich sage dir, Wolf, sie ist ein Staatsweib! Keine zweite gibt es so in Stettin. Ich habe lange gesucht, bis ich das richtige für mich fand. Man muß aber wie das Wetter dahinter sein. Alle laufen ihr nach, mir darf keiner in den Kram kommen, dafür bin ich Alfred Smiders.«
Der viele Alkohol begann bei dem Reeder zu wirken. Wolf ließ den Redeschwall ruhig über sich ergehen und wartete auf den richtigen Zeitpunkt zum Eingreifen.
»Also wie war es mit dem Geschäft?« brachte er ihn wieder aufs Thema zurück.
»Verdammt einfach, Wölfchen! Du schreibst mir einen Brief, daß ihr regelmäßig größere Ladungen ins Ausland vorhabt. Kannst ja vollgültig Jürgen Plüddekamp unterzeichnen. Ich kriege dann einen neuen Dampfer gebaut. Die Gesellschaft zögert noch, sie denkt, ich habe die Guinees nicht in Haufen liegen, wie ihr das Korn. Sobald Jürgen Plüddekamp aber mitmacht, sticht's Martens und den anderen Bonzen gleich in die Nase. Topp, mein Junge! Trinken wir darauf --«
»Wie stellst du mich, Alfred?« fragte Wolf, darauf scheinbar eingehend.
»Na, zehn Mille fallen sicher für dich ab. -- Ich habe einen reichen Hamburger geangelt, der will bei mir mitmachen. Meine alten Kasten aber genieren ihn noch. Die müssen weg, alle weg! Dann kann ich erst antreten und bin der erste Reeder Stettins.«
Er hatte sich in solche Erregung hineingeredet, daß Wolf gespannt aufhorchte.
»Wir wollen sehen, ob es sich machen läßt, Alfred,« erwiderte er. »Hast du noch den ›Friedrich Barbarossa‹ im Dock liegen?«
»Jotte ja! Der alte Kasten wird nur aufgemöbelt. -- Wo bleibt aber Karli? Ob sie sich bei meinem Hamburger vor Anker gelegt hat? Er ist ganz verschossen in sie! Das kann mir nur nützen.«
Smiders erhob sich etwas schwer und ging auf die Verbindungstür zu, welche den allgemeinen Gastraum von der Kavalierstube trennte. Er schlug die vor dem Glasfenster angebrachte Gardine zurück und sah hindurch.
»Nee,« sagte er vor sich hin. »Einfach verduftet! Die Sache stimmt nicht!« Als er sich jedoch umdrehte, traten die beiden Mädchen von der Hofseite in die Stube ein. »Donnerwetter, da seid ihr ja endlich! Hat das lange mit euch gedauert! Wolf, du gibst noch 'ne Flasche! Ich habe einen Durst, sage ich dir, vollkommen göttlich.«
Wolf wurde der Aufenthalt in der kleinen, von Dunst und Rauch erfüllten Stube im hohen Maße lästig. Die fortgesetzten Annäherungsversuche des blonden Mädchens, die er aus Klugheit nicht zurückweisen durfte, behagten ihm ebenfalls nicht. »Ilse!« rief es in ihm, »Ilse! Was müßte sie von mir denken, wenn sie ahnte, wie ich hier --«
Die blonde Rieke schmiegte sich an ihn, und er flüsterte dem drallen Mädchen zu: »Trinken Sie Smiders tüchtig zu, damit ich verschont bleibe.«
»Für Sie alles, Herr Plüddekamp,« klang es leise zurück. Sie zupfte ihn leicht am Rockärmel, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen sollte. »Darf ich Wolf sagen? Was habe ich nur für ein großes Glück, daß ich Sie kennen lernte. Wie Sie mir gut gefallen! Ich Ihnen auch? Ich möcht's gern hören.«
»Na, Kinder, ihr seid ja ganz einig,« sagte Smiders mit schwerwerdender Zunge. Der viele genossene Sekt begann bei ihm zu wirken. »By Jim! Es freut mich, daß wir wieder mal zusammen sind, Wölfchen! Geschäft und Liebe, das macht einem Freude im Leben! Davon kann man nie genug haben.«
Wolf hielt jetzt den geeigneten Augenblick für gekommen. Er neigte sich zu Smiders hinüber und fragte halblaut:
»Mit dem ›Friedrich Barbarossa‹ machst du doch ein gutes Geschäft?«
»Na und ob!« erwiderte Smiders. »Bringt jede Woche zehntausend Emmchen Entschädigung, wenn er nicht fertig wird, und dafür ist gesorgt. Mein Kapitän ist ein verteufelter Kerl! Dreht alles, wie ich will. Eher fährt er nicht ab, als bis jeder vereinbarte Nagel eingeklopft ist.« --
Wolf wußte nun genug. Der Export nach Spanien war nach der langen Unterbrechung im höchsten Grade gefährdet. Der Dampfer ›Friedrich Barbarossa‹ fuhr nicht zur rechten Zeit ab, seine Indienststellung wurde hingehalten.
»Ich muß jetzt gehen, Alfred,« sagte er nach einer Weile, als dessen Augen einen glasigen Ausdruck zu zeigen begannen und die schwarze Karli schon die vollen Gläser in die Weinkühler entleerte, um neu einschenken zu können.
»Bist doch morgen pünktlich da, Wolf? Halt ihn nur fest am Bündel, Riekchen.« Die Worte kamen schwer über Smiders' Lippen.
Wolf war aufgestanden und legte ein paar Goldstücke für seinen Anteil an dem Sekt auf den Tisch.
»Adieu!«
Er mußte Smiders und der schwarzen Karli noch die Hand geben. Dann war er glücklich dem üblen Dunst entronnen und trat auf den Hof hinaus. Die blonde Rieke kam ihm sofort nach.
»Seien Sie doch ein wenig gut zu mir!« bat sie, sich an ihn drängend. »Ich mag die anderen nicht und will für Sie tun, was Sie wollen.«
»Ich muß Smiders noch ein paarmal hier sprechen,« erwiderte er halblaut. »Geben Sie dem alten Hindorf Nachricht, wenn ein günstiger Augenblick dafür da ist. Ich komme dann sofort. Vor allen Dingen müssen Sie reinen Mund halten, es soll ihr Schade nicht sein.«
Er eilte durch den Hausflur nach dem Bürgersteig der ›Grünen Schanze‹. Wie angenehm die kühle Luft seine Stirn umwehte! Er winkte der nächsten herankommenden Droschke und rief dem Kutscher zu: »Haus Plüddekamp!« Es trieb ihn, so rasch wie möglich dorthin zu gelangen. Er wollte Jürgen berichten und die verflossenen Stunden in der reinen Luft seines väterlichen Hauses vergessen.
IX.
Nach einem heftigen Sturm trat starke Kälte ein. Die Oder und das Haff froren fest zu, und die größten Eisbrecher hatten Mühe, eine Fahrtrinne herzustellen. Konsul Martens war Aufsichtsrat bei einer Schiffswerft. Er lud die Geschwister und Fräulein Hergenbach ein, eine Fahrt über das Haff nach Swinemünde auf dem Eisbrecher mitzumachen. Ein tiefgehender Amerikadampfer sollte danach auslaufen.
»Er will nur, daß Ilse bei der Partie ist,« sagte sich Wolf sofort. Es war ihm deshalb nicht viel daran gelegen. »Ich habe keine besondere Lust, man holt sich höchstens einen Katarrh bei dem kalten Wind,« erwiderte er Jürgen, als dieser ihm die telephonische Einladung mitteilte.
Herta mußte eine Sitzung im Frauenverein aufgeben und zögerte deshalb mit der Antwort. Ilse bat, ihr die Fahrt durch die prächtige Winterlandschaft zu gestatten. Nun war Wolf sofort dabei, und Herta ließ sich ebenfalls bestimmen.
»Ich werde dich mit einem Pelzmantel versorgen, Ilse,« sagte sie. »Die Luft auf dem freien Haff ist eisig und du bist sie nicht gewohnt.«
»Sonst hätte ich Ihnen meinen Stadtpelz angeboten, Fräulein Ilse, der ist leicht und mollig,« scherzte Wolf.
»Das sieht dir wieder einmal ähnlich, Wölfchen,« rief Herta darauf. »Du willst Ilse nur in Verlegenheit bringen!«
»I wo,« erwiderte dieser, »was du immer von mir denkst. Ich bin wie ein Lamm --«
»-- im Wolfskleide,« ergänzte Ilse plötzlich.
Herta sah sie erstaunt an. In dem jungen Mädchen ging eine Entwicklung vor sich. -- --
Zur festgesetzten Stunde fanden sie sich beim Dampfer ›Odin‹ ein. Konsul Martens kam in seinem Dogcart an, er hatte sich etwas verspätet.
»Ein prächtiger Wintertag! Wir haben auf der Oder Schutz. Dann wird uns freilich der Wind aus Nord-Nord-Ost stark entgegenpfeifen,« rief er, nähertretend. »Es gibt rote Wangen, Fräulein Hergenbach,« wandte er sich an diese. »Hat Ihnen meine Idee gefallen?«
»Er hat sich richtig den langen Eisrutsch ihretwegen ausgeklügelt,« murmelte Wolf.
»Ich freue mich sehr, die Winterlandschaft des Haffs kennen zu lernen. Der Frost ist ja ein großer Meister in der Kunst,« erwiderte Ilse.
»Gewiß! -- Sie werden heute einen malerischen Anblick haben, Fräulein Hergenbach.«
»Und ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Konsul.«
Dieser betrat schon mit Herta die ausgelegte Schiffsbrücke. Jürgen ergriff Ilses Hand, um sie bei der Glätte der Planken zu führen. Sie sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Was für eine kraftvolle Erscheinung dieser Mann doch besaß! Ein echt germanischer Recke der Vorzeit, wie sie ihn liebte. --
Nun kamen sie an Deck. Auf der Kommandobrücke standen unter dem Schutz des Windfanges einige Sitze. Von dort war die beste Umschau.
Der Kapitän des ›Odin‹, ein älterer, wetterfester Mann, begrüßte die Gäste und sprach dann mit Konsul Martens.
»Wir werden mehr als die doppelte Fahrtzeit brauchen, Herr Konsul! Das Eis hat sich sehr verdickt und wir müssen stark dagegen anlaufen.«
Ilse hörte diese Worte. Es wurde also nacht, bevor sie Swinemünde erreichten. Etwas Ungewisses, Nervenerregendes lag vor ihr. Das gefiel ihr. Nur nicht immer das Alltägliche. Sie nahm sich so sehr zusammen, um Herta zu genügen. Zuweilen aber kam stürmisch das Verlangen, etwas zu erleben. Jetzt kannte sie ihren Wert, weil die Männer um ihre Gunst warben. Sie brauchte eigentlich nur die Hand auszustrecken. Nur war sie sich nicht klar, ob es Liebelei, ein Erhaschen von leidenschaftlichen Augenblicken oder rechtschaffene Bewerbung bedeutete.
»Du wirst mit deinen Blicken noch einmal Unheil anrichten,« warnte ihre Mutter schon, als sie noch jünger war.
Warum nur? Es sagte ihr's keiner! Woher sollte sie es also wissen?
Im Plüddekampschen Hause, in dem sie nun nach der Pensionszeit eine gewisse Stellung einnahm, begann sie viel selbstbewußter zu werden. Wolf Plüddekamp lag in ihrer Macht, sie fühlte es unwillkürlich. -- Er war ein schöner junger Mann, liebenswürdig, feurig, aber er hing zu sehr an ihren Augen. Sie vermißte den Kampf, nach dem sie sich im Sinn der Gleichberechtigung der Geschlechter sehnte.
Kein Sichgehenlassen, -- ein wildes Aufwallen, -- ein gewaltsames Ringen und dann -- ein rascher Sieg. Konsul Martens war ein älterer, vornehmer Mann -- gewiß eine glänzende Partie -- doch fehlte ihm alles, wonach sie unbewußt verlangte. Er besaß nicht die Kraftfülle, der sie unterliegen mußte.