Part 4
Ilse beugte sich tief darüber und war ganz im Anschauen versunken. Wolf stand ein wenig zurück und sah auf die feinen Linien ihres schlanken Halses hin. Bei dem tiefen Ausschnitt des Kleides bot er sich blendend weiß und verlockend seinen Blicken dar. Es reizte ihn, sie dort zu küssen. Je mehr er hinschaute, desto unwiderstehlicher zog es ihn an. Plötzlich ergriff ihn ein Taumel, er wußte nicht mehr, was er tat.
Nun war es geschehen. --
Seine heißen Lippen hatten eine Sekunde lang auf ihrem kühlen weißen Nacken geruht.
Sie kehrte sich blitzschnell um. Ihr Gesicht war wie in Blut getaucht, und die großen Augen flammten empört auf.
»Herr Plüddekamp! Was unterstehen Sie sich!« stieß sie beleidigt aus. »Bin ich ein Mädchen, dem gegenüber Sie es wagen dürfen --«
»Um Gottes willen -- Ilse, sprechen Sie nicht so laut! Herta hört es sonst. Zürnen Sie mir nicht! Ich konnte wahrhaftig nicht widerstehen, -- ich wurde einfach fortgerissen. Es war nur ein Tribut, den ich der Schönheit zollte, der herrlichen Form Ihres Nackens!« Er hielt ihr, um Versöhnung bittend, die Hand hin. Sie nahm diese nicht an, trotzdem er fortfuhr: »Ilse, bei Tag und Nacht erfüllen Sie mein ganzes Denken.«
»Ich weiß es, Herr Wolf!« unterbrach sie ihn, und ihre tiefe Stimme sank zum Flüsterton herab. »Sie zeigen es ja so deutlich, daß alle es sehen müssen! Sie werden mir dadurch den liebgewonnenen Aufenthalt hier sehr bald unmöglich machen.«
»Sagen Sie mir doch, was ich tun soll, Ilse,« sprach er hastig auf sie ein. »Ich will mich sehr in acht nehmen. Nur schenken Sie mir täglich einige Minuten der Aussprache, solange wir nicht Lawn-Tennis spielen können, dann --«
»Nein, nein!« ließ sie ihn nicht ausreden. »Es ist unmöglich! Ihre Geschwister denken darüber sehr streng, und ich möchte nicht falsch beurteilt werden.«
»Ilse!« tönte es jetzt schroff vom Speisezimmer herüber.
Sie erschrak leicht und eilte sofort zu Herta. Wolf blieb allein zurück.
»Ich halte es nicht länger aus,« sagte er zu sich, »es muß zu einer Entscheidung kommen und Jürgen,« -- er dachte nicht weiter. Ein Glockenton zeigte an, daß die Gäste kamen. --
Konsul Martens führte Herta zu Tisch. Er richtete aber seine Worte, so oft es ging, an Ilse. Der ältere Plüddekamp unterhielt sich mit Baron Berleburg, den er aus geschäftlichen Rücksichten zur Tafel zog. Das Konto des Schloßherrn im Hauptbuch zeigte eine ansehnliche Belastung. Berleburg war einmal früher Dragoneroffizier gewesen und hatte das von seinem Vater ererbte Gut ziemlich heruntergewirtschaftet. Er brauchte vielmal die Unterstützung des reichen Kaufmannes.
»Die Aussichten der Wintersaat sind ganz prächtig, Herr Plüddekamp. Sie ist kräftig in den Winter gekommen, und die starke Bodenfeuchtigkeit kann frühzeitig den Wuchs fördern. Berleburg wird lange Jahre keine solche Ernte gesehen haben,« sagte der Schloßherr.
Jürgen lächelte höflich.
»Ich wünsche es Ihnen aufrichtig, Herr Baron. Es vergehen aber noch Monate bis zur Ernte, und der Landwirt ist leider von vielen Zufällen abhängig.« Er ahnte bereits, daß ein neuer Angriff auf seinen Kassenschrank bevorstand. Baron Berleburg wußte diesen stets mit großem Geschick einzuleiten. Seine geschäftliche Taktik ging gern durch gesellschaftliche Beziehungen auf das versteckte Ziel los.
»Ah -- Herr Plüddekamp! Sie sind der vorsichtige Geschäftsmann! Bedenken Sie aber das Berleburgsche Glück, das mich noch nie verlassen hat,« fiel der Baron ein.
»Damit meint er meine Vorschüsse,« dachte Jürgen bei sich, und Wolf sah ihn von der anderen Seite der Tafel her verständnisvoll an.
»Sonnenschein und Regen kommen bestimmt zur rechten Zeit. Hagelwetter kennt Berleburg seit fünfzig Jahren nicht. Kraft ist im Boden -- ganz richtig -- --« fuhr Berleburg fort, »wie sollte es dabei an etwas fehlen!« Er sah triumphierend im Kreise umher. Sein hagerer Oberkörper und das lange Gesicht mit dem scharfkantigen Kopf deuteten auf ein reichlich genossenes Leben hin. Er blinzelte behaglich einen Augenblick, als er den guten alten Rotwein aus dem feingeschliffenen Kristallglas schlürfte. -- »Ein Jahrgang, Herr Plüddekamp, -- ganz riesig, -- lagert sicher lange,« -- wandte er sich an Jürgen.
»Mein verstorbener Vater kaufte das Oxhoft direkt in Bordeaux. Der Wein hat sich auf der Flasche gut entwickelt,« erwiderte dieser.
»Sie sind heute so nachdenklich, Fräulein Hergenbach,« redete Konsul Martens seine Nachbarin zur Linken an. »Unsere alte Pommernstadt läßt Sie das schöne Dresden nicht vergessen, und wir schwerblütigen Nordländer können nicht so gut unterhalten --«
»Sie offenbaren eine viel zu große Bescheidenheit, Konsul Martens,« fiel Wolf Plüddekamp ein. »Wollen Sie von Fräulein Ilse hören, daß Sie ein äußerst amüsanter Plauderer sind?«
»Danke verbindlichst, mein junger Freund,« suchte Martens seine joviale Seite hervorzukehren, »danach gelüstet mich nicht. Fräulein Hergenbach hat aber einen müden, verschleierten Ausdruck in ihren Mienen, den ich mit Bedauern sehe.«
»Ist das Leben nicht ernst genug, Herr Konsul?« erwiderte Ilse darauf.
»Die Jugend muß stets froh sein, Fräulein Hergenbach. Ein Lächeln auf den Zügen ist wie heller Sonnenschein am klaren Wintertag.«
»Heute regnet und schneit es aber durcheinander, Herr Konsul,« spottete Ilse leicht.
»Um so mehr muß die Sonne jugendlicher Schönheit unter uns strahlen,« antwortete er galant.
»Herr Konsul --« stieß das junge Mädchen peinlich berührt hervor, denn Hertas hohe Stirn hatte sich plötzlich verdüstert.
»Von einem Manne in den Jahren unseres lieben Freundes kannst du dir eine solche Schmeichelei ruhig gefallen lassen, Ilse. Da ist sie aufrichtig gedacht,« betonte diese.
Martens fühlte, daß er etwas versehen hatte, und wollte dies wieder gutmachen.
»Schönheit ist nur sieghaft, wenn Gedankenreichtum sie begleitet,« wandte er sich an Herta.
»Nicht immer,« entgegnete sie, »die meisten Männer legen heute bei der Frau weniger Wert auf Gedanken, desto mehr aber auf äußere Vorzüge. Es ist ihnen leider ganz gleich, worin sie bestehen.«
Martens senkte den Blick, während er entgegnete:
»Sie urteilen zu scharf! So tief steht unser innerer Wert doch nicht. Ich könnte dagegenhalten: viele Frauen lenken absichtlich unsere Blicke nur auf ihr Äußeres hin.«
»Schalten Sie ein: viele schöne Frauen! Der größere Teil von uns strebt jetzt danach, sich mit gleichem Geisteswert und starker Tatkraft neben den Mann zu stellen.«
»O armes drittes Geschlecht, das seine Lebensaufgabe vergißt!« rief Wolf dazwischen.
»Ich folge lieber der reinen Vernunft, als daß ich ohne Überlegung mit dem Gefühl davonstürme, Wölfchen,« erwiderte ihm Herta ruhig.
Baron Berleburg war auf die Unterhaltung aufmerksam geworden, kniff das linke Auge leicht zusammen und sah scharf zu Herta hinüber.
»Muß Ihnen beipflichten, gnädiges Fräulein. Habe es in meinem Regiment immer erlebt, daß Kameraden bei Attacke mehr Besonnenheit zeigten, als bei Eingehen der Ehe. Es gibt Beispiele, -- ganz riesig! Bin darum bis jetzt ledig geblieben.« Er erhob das Glas gegen Herta und trank ihr zu.
Wolf ballte Brotkrumen mit den Fingern zusammen und versuchte, ernst zu bleiben, auch um Jürgens' Mund zog sich ein kräftiges Lachen zusammen, das er kaum zurückhalten konnte. Baron Berleburg besaß etwas von dem Ritter Don Quichote.
Es entstand plötzlich eine Stille, und Wolfs Blick streifte zu Ilse hinüber; er sah, wie ihre großen Augen erwartungsvoll an Jürgen hingen. Sie schien lachen zu wollen, wenn dieser lachen würde. Wolf wußte im ersten Augenblick nicht, wie es kam; ein häßliches Gefühl stieg heiß in ihm empor. War es Neid, der in ihm aufkeimte? Er gönnte Jürgen den Blick nicht und trank hastig ein Glas des schweren Bordeauxweines, um sich zu beruhigen.
Rechte, -- er besaß keine und handelte immer auf Grund seines leidenschaftlichen Empfindens. Er war sich in keiner Hinsicht klar, was er eigentlich vorhatte. Nur eins sprach in ihm: der mächtige Drang, fortwährend Ilse nahe zu sein. Er faßte Jürgen, der oben an der Tafel saß, mehrmals länger ins Auge. Es quälte ihn beinahe, daß er keinen Blick von ihm bemerkte, der sie traf. Dann hätte er doch erkannt, -- nein, er mochte nicht weiterdenken, -- es war ja ausgeschlossen.
Martens sprach jetzt eifrig auf Herta ein, er hatte den leisen Vorwurf wohl verstanden. Baron Berleburg versuchte ebenfalls, bei ihr den Liebenswürdigen zu spielen. Es entstand ein belustigendes Rennen zwischen den beiden Herren.
Ilse hörte den Worten des Prokuristen Armin nur mit halbem Ohr zu. Das dunkelblonde, von einem Scheitel nach beiden Seiten liegende, reich gewellte Haar hob ihr Gesicht wirkungsvoll hervor. Der alte Rotwein hatte ihre Wangen leicht gefärbt; die Augen glänzten und verlangten nach Lebenslust.
Wolf, der still geworden und sie unausgesetzt betrachtete, wurde von einer nervösen Unruhe ergriffen. Er wünschte sehnlichst das Ende der Tafel herbei, um sich ihr nähern zu können. Warum hatte er Ilse nicht zur Tischnachbarin erhalten? Herta bestimmte für sie stets einen anderen Herrn. Für das nächstemal wollte er es unbedingt sein. Bruder und Schwester führten ihn noch am Gängelband. Er dankte für diese ewige Bevormundung, die ein- für allemal ihr Ende finden sollte.
Die große Kristallkrone über dem Eßtisch und die Deckenbeleuchtung flammten jetzt auf. Der durch die mattgeschliffenen Glasbirnen und opalfarbenen Deckengläser gedämpfte Schein des elektrischen Lichtes breitete sich geheimnisvoll über die Gesellschaft aus.
Martens schwieg und überließ Berleburg das Feld. Seine Blicke streiften Ilse, während er sich aus dem Silberaufsatz eine Mandarine nahm. Er mußte zu ihr hinsehen, es zwang ihn dazu. Wolf bemerkte es sofort. -- Also auch Martens, der stets glattlächelnde vornehme Bankier, fing Feuer. Nur Jürgen sah nicht zu ihr hin. Keine Miene des starkknochigen Gesichts deutete an, daß er das geringste Interesse für das junge Mädchen hege. --
VII.
Herta erhob sich, -- ihre Brüder zogen sich mit den Gästen in das Rauchzimmer zurück, in dem der Kaffee gereicht wurde.
»Tante Herta,« bat Ilse herantretend, »laß mich das Silber in die Kästen einreihen. Ich habe darauf geachtet, wie du es fortlegst.«
Fräulein Plüddekamp war in der Behandlung des wertvollen alten, aus mehreren Generationen stammenden Familiensilbers sehr peinlich. Sie besorgte das Fortlegen in die hohen, mit dunklem Samt ausgeschlagenen Eichenkästen stets selbst. -- Als sich Ilse nun mit der Bitte an sie wandte, ihr das Amt abzunehmen, war sie davon anfangs unangenehm berührt. Es schien ihr ein Eingriff in ihre Rechte zu sein. Sie sah deshalb das junge Mädchen einen Augenblick unfreundlich an. Dann besann sie sich aber rasch. Ilse sollte doch die Hausfrauenpflichten bei ihr erlernen. Dazu gehörte auch die Ordnung und Aufbewahrung des Silbers. Herta dachte und handelte in allen Dingen gerecht.
»Ich will es dir überlassen, liebe Ilse. Ich erwarte aber die nötige Sorgfalt dabei,« erwiderte sie nach kurzer Überlegung.
Das junge Mädchen sagte einfach: »Ich danke dir, Tante Herta,« und machte sich sofort an die Arbeit.
»Wir können die große Kristallkrone ausdrehen, Ilse,« bemerkte Fräulein Plüddekamp, »die Deckenbeleuchtung genügt vollständig.«
Ilse ging sofort an den Ausschalter, der sich am Eingang in das Speisezimmer befand, und durch einen raschen Griff wurde die Krone dunkel gestellt. Jetzt fiel das elektrische Licht nur noch matt aus den milchichten Gläsern an der Decke herab und hüllte die schlanke Mädchengestalt in eigenartige Beleuchtung ein. Herta hatte sich in der Sofanische niedergelassen und ruhte dort aus. Sie hörte leise Schritte im anstoßenden Salon. Ihre blauen, scharfblickenden Augen sahen sofort dorthin, und sie erkannte Wolf, der Ilse bei ihrer Tätigkeit zuschaute, ohne sich bemerkt zu glauben.
»Er ist ihr ganz verfallen,« dachte Herta. »Was soll nur daraus werden? Schicke ich sie nach Nordhausen zurück, so muß ich einen Grund dafür angeben, und sie hat mir diesen bisher in keiner Weise geboten. Ich werde mit Jürgen reden; Wolf braucht eine Luftveränderung, um auf andere Gedanken zu kommen. Er liebt den Süden, mag er auf einige Zeit dorthin gehen.«
Martens war Wolf Plüddekamp gefolgt und stand plötzlich neben ihm.
»Als Nichtraucher ist es mir hier bei Ihnen angenehmer als dort drinnen, lieber Wolf,« sagte er plötzlich.
Dieser fuhr wie aus Träumen auf. Er hatte den Konsul auf dem weichen Smyrnateppich nicht kommen hören.
»Sie haben einen interessanten Ausblick hier!« fuhr Martens fort. »Fräulein Hergenbach waltet als Hausfrau. Eine brillante Erscheinung. Schlank wie eine Tanne und abgerundete Bewegungen. Sie treibt viel Sport -- nicht wahr?«
»Wir spielen zuweilen Lawn-Tennis, -- wenn die Witterung es erlaubt,« entgegnete Wolf kurz.
»Die junge Dame muß eine gute Figur zu Pferde haben. Sind Sie schon zusammen ausgeritten?« fragte Martens weiter.
»Nein,« stieß Wolf förmlich abwehrend hervor. »Mein Fuchs ist zu unruhig und Jürgens Brauner -- ist ein grobknochiger Geselle, der unter dem Damensattel wie ein Elefant aussehen würde. Herta hat, wie Sie wohl wissen, ihr Reitpferd seit dem letzten Jahre abgeschafft. Sie hegt die Ansicht, bei ihrer Vereinstätigkeit keine Zeit mehr dafür erübrigen zu können.«
»Schade, sehr schade,« fiel der Konsul ein. »Wenn Fräulein Hergenbach ausreiten will, -- ich habe eine ausgezeichnete lichtbraune Stute, die sehr gut zugeritten ist, und stelle sie gern der jungen Dame zur Verfügung.«
Wolf mochte nicht darauf eingehen.
»Ich glaube kaum, daß es Herta willkommen wäre, wenn Fräulein Ilse der Wirtschaft viel entführt wird.«
»O, ich werde bei meiner lieben Freundin ein gutes Wort einlegen. Was bietet Stettin sonst Fräulein Hergenbach?« Er wollte in das Speisezimmer gehen, in dem Herta noch in der Sofanische saß.
»Unterlassen Sie es, Konsul Martens,« sagte Wolf hastig und legte seine Hand fest auf den Arm des älteren Mannes. »Aus Ihrem Munde könnte es Herta leicht kränken.«
Der halb getane Schritt des Konsuls wurde sofort gehemmt. Er seufzte leicht auf. »Sie haben recht, lieber Wolf! Der freieste Mensch hat Rücksichten zu nehmen, die uns gute Sitte auferlegt. Kommen Sie, wir kehren in den Rauch der Exporten zurück.«
Jürgen, Baron Berleburg und der Prokurist Armin hatten sich in das beliebte Geschäftsgespräch über die Kornkonjunktur verwickelt. Dies floß bei den drei Herren am leichtesten.
»Wäre Rußland nicht eine große Kornkammer,« betonte Armin, als Wolf Plüddekamp mit Konsul Martens eintrat, »es wäre um Europa schlecht bestellt.«
»Sie sind unser Gegner, Herr Armin,« ließ sich Baron Berleburg hören. »Schutzzölle, immer höhere Schutzzölle brauchen wir, um die einheimische Landwirtschaft zu kräftigen. Nur darin liegt die Quelle dauernden Wohlstandes, -- die Industrie nimmt uns die Arbeiter fort, -- schadet uns -- ganz riesig.«
»Seit dem Aufschwung der Industrie ist Deutschland erst ein Weltstaat geworden. Seine jetzige Wohlhabenheit kommt von dem Gold, das uns aus anderen Ländern für die versandten Waren zufließt. Auch unser Getreideexport spricht mit,« erwiderte Armin fest.
Baron Berleburg wollte sich mit diesem nicht verfeinden, er brauchte ihn als Fürsprecher bei Jürgen Plüddekamp. Er versuchte darum, einzulenken.
»Sie müssen auf der Seite der Landwirte sein, Herr Armin. Wir machen Ihnen doch die Geschäfte! Durch uns verdienen Sie die Goldbarren, die Haus Plüddekamp birgt --«
»Es war mal,« meinte Jürgen darauf, »heute fällt der Gewinn verteufelt mager aus. Ein paar Prozente nur -- dafür riskiert man ein großes Kapital, das stets in der Schwebe hängt.«
»Aber von sicherer Hand gehalten wird, Freund Jürgen,« sprach Martens dazwischen. »Bisher bist du von größeren Verlusten stets verschont geblieben. In unserer Industrie geht es nicht so sicher zu. Ich besitze als Bankier manche Kenntnis davon. -- Der Eisenmarkt zeigt zuweilen ein höhnisches Gesicht; wer konnte es ahnen, daß die Engländer und ihre Vettern über dem Wasser einen solchen bösen Fischfang vorhatten. Wunden, die ein ungeheurer Weltkrieg schlägt, bedürfen einer langen Heilung.«
»Erst langer Friede schafft neue Werte. Korn ist Volksnahrung, -- Eisen dient zur Herstellung von Gebrauchsartikeln, wenn die Kriegsfurie es nicht fortsaugt, lieber Martens. Korn und Eisen hängt innig zusammen. Die eiserne Pflugschar schält den Boden und regt ihn an, neues Wachstum für die Einsaat hervorzubringen. Die eiserne Walze ebnet, und die eisernen Zinken der Egge lockern die harte Erdrinde auf, daß die Keime besser sprießen. So tut das Eisen seine Schuldigkeit. Ich meine, Industrie und Landwirtschaft ergänzen sich, wie zwei Schwestern, die gemeinsam den Haushalt führen, dabei sparsam und rationell wirtschaften.«
»Gefällt mir -- ganz riesig,« rief Baron Berleburg begeistert aus. »Die Gelder müssen in einen Topp hinein und jeder den Vorteil davon haben.«
Wolf verbiß sich ein Lachen. Der reine Egoismus, der nur nach leichtem Gewinn trachtete, stand auf der Fahne Berleburgs zu deutlich geschrieben. --
Die Stunden verstrichen. Armin war ins Theater gegangen. Konsul Martens wollte ihm folgen.
Ehe er sich verabschiedete, gab er Jürgen einen Wink. Sie traten vor eine große japanische Bronze hin, die ein gewaltiges sagenhaftes Drachentier darstellte. Indem sie dies anscheinend betrachteten, flüsterte Martens Jürgen zu:
»Alfred Smiders war neulich bei mir. Er will schon wieder einen großen Dampfer bauen lassen, und der ›Friedrich Barbarossa‹ ist noch nicht einmal aus dem Dock heraus. Er gab an, daß seine Verbindung mit dir es dringend notwendig mache. Wie steht es damit, Jürgen?«
Dieser hatte aufgehorcht. Er erkannte sofort, daß Smiders ihn nur für seine Zwecke ausspielen wollte, und antwortete:
»Der ›Friedrich Barbarossa‹ genügt mir vollständig, Charles. Ich glaube kaum, daß der Export nach Spanien mehr verlangen wird. Hoffentlich wird er rechtzeitig fertig. Weißt du etwas davon?«
»Nichts Genaues,« klang es leise zurück, »ich werde mich aber informieren. Du kennst doch Alfred Smiders!«
»Stimmt, Charles! Er versucht bereits, uns zu schnellen. Wolf soll ihn in die Schere nehmen.«
»Wolf?« fragte der Konsul zurück. »Ich kann mir's denken. Du bist für solche Nebensprünge in lichtscheue Lokale nicht geeicht. Smiders ist aber sonst nicht zu packen. Ich beneide deinen Bruder nicht um die erhaltene Aufgabe.«
»Geht nicht anders!« fiel Jürgen ein. »Aber Charles, ich bitte dich, -- du schwebst doch über den Wassern, -- warne mich rechtzeitig, falls es dir notwendig erscheint.«
»Natürlich, lieber Jürgen! Alfred Smiders segelt bei allen Banken umher. Ich bin nur insoweit für ihn interessiert, als er unsere Gesellschaft prompt bezahlen muß.«
Sie schüttelten sich die Hände, und Martens ging zu Herta in den Salon. Berleburg hielt noch stand, er wollte einen günstigen Augenblick für seinen Angriff auf Jürgen abpassen. Dieser hatte Wolf ein Zeichen gegeben, daß er bei ihm bleiben sollte. Der junge Mann begann aber bald zu gähnen. Die Unterhaltung der beiden wurde ihm langweilig. Berleburg tat sich wichtig mit alten Garnisongeschichten, die er schon oft genug gehört hatte.
»Martens ist fort und Herta allein im Salon,« sagte Wolf plötzlich. »Wollen wir ihr nicht Gesellschaft leisten?«
Er erhob sich und ging voran. Jürgen war dies recht, darum forderte er den Baron zur Übersiedelung auf. Kaum hatten sie sich aber bei Herta niedergelassen, als Wolf rasch hinauseilte. Ilse war nicht dort; er hoffte, diese irgendwo allein anzutreffen.
Berleburg saß wie auf Kohlen, die Umstände vereitelten sein Vorhaben, und er mußte dabei den Liebenswürdigen spielen. Fräulein Hergenbach erschien plötzlich im Speisezimmer und richtete den Teetisch vor. Das Stubenmädchen brachte auf silberner Platte ein Telegramm herein. Ilse nahm es ab und trat an die Salontür.
»Herr Plüddekamp, einen Augenblick!«
Jürgen erhob sich langsam und kam auf sie zu.
»Sie wünschen, Fräulein Hergenbach?« fragte er mit seiner metallen klingenden Stimme.
»Es ist ein Telegramm für Sie eingegangen.«
Jürgen entzündete eine tief angebrachte elektrische Birne, riß das Telegramm auf und überflog es.
»Entschuldigen Sie mich bitte bei meiner Schwester, und Baron Berleburg, Fräulein Hergenbach. Ich muß sofort ins Kontor, um ein eiliges Schreiben zu erledigen.«
Schon war er hinaus und eilte die Treppe hinab. Ilse stand Minuten regungslos da. Die grauen Augen starrten auf die Tür, die Jürgen soeben rasch hinter sich geschlossen. Es war, als ob sie ein Traum umfing. Die Augenlider sanken ein wenig herab. Sie strich dann mit ihrer schmalen Hand langsam über die Stirn, als wolle sie dahinter eine Flut von Gedanken ordnen.
Dann ging sie zu Herta in den Salon und teilte ihr mit, daß Herr Plüddekamp geschäftlich verhindert sei und erst in einiger Zeit zurückkehren würde. Sie setzte noch hinzu:
»Der Tee wird gleich bereit sein, Tante Herta.« Darauf verschwand sie wieder.
Baron Berleburg streckte sich ein wenig in dem bequemen Polstersessel aus und wurde immer liebenswürdiger. Es schien ein Gedanke in ihm aufgetaucht zu sein, der ihm noch ersprießlicher vorkam, als eine Anbohrung neuen Kredites bei Jürgen Plüddekamp. Glückte es ihm, so war er für immer geborgen. Herta, diese stattliche, vornehme Erscheinung dabei in den Kauf zu nehmen, hielt er für keine üble Aussicht. Ihre erste Jugend mußte vorüber sein. Es schadete auch nichts, um so verständiger würde sie als Frau auftreten und eine Baronin Berleburg auf Schloß Berleburg tadellos darstellen. Teufel -- es galt, nicht zu zögern! Er ging ans Werk.
Herta kam aus dem Erstaunen gar nicht heraus, als jetzt der einstige Dragoneroffizier den Gefühlvollen zeigte und von ganz riesig tiefer Leidenschaft sprach, die er schon jahrelang gehegt und nur verborgen gehalten habe.
»Wo bleibt nur Ilse?« dachte Herta. »Wolf kommt auch nicht wieder!« Sie glaubte anfangs, die lange Rede des Barons wäre eine seiner beliebten Tiraden, bis sie doch schließlich die direkte Absicht merkte und eine törichte Erklärung verhindern wollte.
Er wurde immer deutlicher, und sie stand plötzlich auf.
»Das Teewasser kocht bereits, Herr Baron! Verzeihen Sie -- ich will nur Fräulein Hergenbach rufen! -- Ilse -- Ilse!« rief sie laut auf den Korridor hinaus.
Berleburg zog verdrießlich an seiner Krawatte. Er war so schön im Zuge gewesen, und die ältliche Patriziertochter mußte sich doch höchst geehrt fühlen, wenn er ihre Hand und die große Mitgift begehrte. Sein Konto im Hauptbuch Jürgen Plüddekamps würde dann ein sehr ansehnliches Guthaben aufweisen. Die Hypotheken von Rittergut Berleburg verminderten sich bis auf die Eintragungen der General-Landschaft. War das nicht eine sehr aussichtsvolle Lage? Herta machte sich aber recht lange am Teetisch zu schaffen und überließ den hageren Herrn seiner weiteren Gedankenmalerei. -- -- --
Im Kontor leuchtete das elektrische Licht auf. Jürgen setzte sich an seinen Schreibtisch. Vor ihm lag das offene Telegramm; er schaute darauf hin und begann bereits in Gedanken zu disponieren. Ärgerlich, daß niemand zugegen war, dem er einen Brief diktieren konnte! Das Selbstschreiben war ihm unbequem. Er hatte auch keinen Kopierapparat zur Hand, da alle Briefe auf den Schreibmaschinen durchgeschlagen wurden. Es betraf aber eine Sache von größter Wichtigkeit, und Eile war geboten.
Es klopfte leise an der Tür.
»Herein!« rief er mit starker Stimme.
Ilse Hergenbach trat ein und schlug die großen Augen bescheiden zu ihm auf.
»Sie brauchen eine Stenogrammaufnahme, Herr Plüddekamp, und haben niemand zur Verfügung. Darf ich es ausführen? Ich stelle den Brief auf der Schreibmaschine schnell her. Die letzte Post wird erst in einer Stunde aus dem Briefkasten abgeholt.«
Ihre Blicke trafen sich. Nur ein leises Zucken der harten Mundwinkel verriet, daß in dem überlegenen Geschäftsmann etwas vorging. Er zögerte noch.
»Ich werde meinem Worte untreu, Fräulein Hergenbach --«
»Warum nicht, Herr Plüddekamp! Es ist nur ein Ausnahmefall, und ich tue es gewiß gern für Sie.«