Geschwister Plüddekamp

Part 7

Chapter 73,676 wordsPublic domain

In den unteren Schiffsräumen brannten Lampen, weil die elektrische Leitung durch den Stillstand der Dynamos versagte. Eine Anzahl Männer arbeiteten mit größtem Eifer bei spärlichem Lichte in der kleinen Werkstätte. Es wurde Eisen auf offenem Kohlenfeuer geglüht, das ein Blasebalg anfachte, und dann mit Hämmern bearbeitet. Andere waren dabei, auf einer Drehbank Gewinde zu ziehen und auf Schraubstöcken Eisenstangen passend zu feilen.

Der Schiffsingenieur und der Obermaschinist griffen zu und besserten die Schäden an den Rohren aus. Die gesamte Leitung mußte untersucht werden. Die Männer im unteren Schiffsraum erstarrten fast vor Kälte und mußten fortgesetzt heiße Getränke erhalten.

Die Tatsache lag klar -- unter weiteren zehn bis zwölf Stunden konnte an ein neues Arbeiten der Maschinen nicht gedacht werden, vorausgesetzt, daß die Mannschaften diese Überanstrengung aushielten. --

»Unser Mißgeschick ist mir höchst unangenehm, lieber Jürgen,« sagte Konsul Martens zu dem Freunde. »Namentlich der Damen wegen. Auf dem ›Odin‹, unserem stärksten Eisbrecher, kam noch nie etwas derartiges vor und lag außer der Berechnung. Nun heißt es aushalten.«

An Deck begann jetzt die Schiffsglocke unausgesetzt zu läuten. Der Steuermann trat zum Kapitän und sagte: »Ich habe drei Mann ausgesucht, die sich halbstündlich ablösen!«

»Es können Dampfer ausgelaufen sein. In den Zeitungen stand, daß der ›Odin‹ nach Swinemünde ging. Die Fahrtrinne wird für offen gehalten. Die Dampfsignale gehen nicht, daher muß die Glocke in Bewegung bleiben,« erklärte der Kapitän den Herren die erhaltene Meldung.

Jürgen sah darauf seinen Freund fragend an:

»Ist das Aufrennen eines anderen Dampfers möglich?« fragte er langsam, jedes Wort abwägend.

Martens wechselte mit dem Kapitän einen Blick.

»Ausgeschlossen ist es nicht,« erwiderte dieser zögernd.

Mit einem Ruck straffte sich Jürgens Gestalt.

»Es muß ausgeschlossen sein, Charles! Meine Geschwister sind an Bord.«

»Wir wollen überlegen, was zu tun ist, Jürgen.« Konsul Martens wurde jetzt die große Verantwortung fühlbar, die ihn traf.

Sie kehrten in die obere Kajüte zurück. Herta, Wolf und Ilse hatten sich ebenfalls dort eingefunden. Das junge Mädchen sah bleich und übernächtig aus, sie mußte wenig geschlafen haben. Die gestrige gute Stimmung war verschwunden. Es fröstelte alle trotz der Pelzkleidung.

Konsul Martens versuchte, den Damen die Lage im besten Lichte zu schildern, und machte Aussicht auf ein recht langes Frühstück und bald darauffolgendes Mittagessen.

»Essen und Trinken erhält uns warm, und darin tritt in den nächsten vierundzwanzig Stunden kein Mangel ein,« schloß er.

»Aber die Langeweile, lieber Freund,« sagte Herta, leicht gähnend. »Die Kälte macht uns müde und ungemütlich.«

»Ich weiß eine Abwechslung, Ilse,« flüsterte Wolf dieser zu, als sie in der Kajüte auf und ab ging. »Der einzig warme Raum im Schiff ist die kleine Kambüse. Wir beide wollen uns dorthin flüchten und helfen dem Küchenchef bei der Zubereitung der Speisen, -- für die anderen gehen wir auf Deck.«

Sie gab ihm kein Zeichen des Einverständnisses, sondern stellte sofort ihre Wanderung ein und blieb in Hertas Nähe stehen. Wolf trat heftig mit dem Fuße auf. Was war nun wieder in sie gefahren? Sie wollte anscheinend nichts von ihm wissen, und Herta unterstützte sie dabei.

Konsul Martens ließ seine Pelzdecke holen und hüllte die Damen darin ein, obwohl sich Ilse anfangs gegen das Stillsitzen sträuben wollte. Auf Hertas Wunsch folgte sie jedoch sofort. --

Draußen wurde es etwas heller, nur das Schneegestöber ließ nicht nach. Jürgen, Martens und der Kapitän standen an dem einen Kajütenfenster und beratschlagten.

»In zwei bis drei Stunden kann der Amerikadampfer hier sein,« hörten die anderen des Kapitäns Stimme, »er ist sicher zur festgesetzten Zeit ausgelaufen. Bei langsamer Fahrt wird er unsere Glocke hoffentlich hören. Er versperrt aber die Fahrtrinne -- die Schwierigkeit, fortzukommen, wird bedeutend größer.«

Wolf und Herta sahen sich bei diesen Worten an. Es gab also Gefahren; davon war ihnen bisher noch nichts bewußt gewesen.

Jürgen Plüddekamp zog seine Uhr hervor.

»Ich gehe ans Land, Charles,« sagte er dann kurz.

»Du -- Jürgen?« stieß Martens erschrocken aus.

»Die Gegend kenne ich, und mein Taschenkompaß gibt mir die Richtung an,« antwortete er.

»Bedenke die offenen oder mit Schnee bedeckten Waken. Die Gefahr ist zu groß, Jürgen,« versuchte der Konsul ihm sein Vorhaben auszureden.

»Ich nehme eine Stange mit, Charles! Weiteres Reden hat keinen Zweck -- ich gehe!« Man sah es der mächtigen Mannesgestalt an, daß sie von dem einmal gefaßten Entschluß nicht mehr abwich.

»So laß wenigstens einen Matrosen folgen und dich anseilen, Jürgen,« bat der Konsul.

»Warum? Dadurch kann höchstens Gefahr entstehen, die ich allein vermeide!« erwiderte dieser. »Steward!« rief er diesem zu, der soeben einen neuen Aufguß heißen Tees brachte. »Füllen Sie mir sofort eine Feldflasche mit Rum und Ingwer!«

»Mir auch, Steward!« ertönte es aus Wolfs Munde. »Ich begleite dich, Jürgen!«

»Auf keinen Fall -- mein Junge! Ausgeschlossen. -- Du mußt mit Charles bei Herta und Fräulein Hergenbach bleiben.« Das Gebot Jürgens klang fast schroff, er duldete in solcher Lage keinen Widerspruch.

Kurz darauf verabschiedete er sich und reichte den Geschwistern, sowie Martens die Hand. Herta bat ihn noch: »Jürgen -- denk an uns -- sei vorsichtig!«

»Ich bin es immer, liebe Herta! Soweit es allerdings möglich ist,« setzte er scherzend hinzu.

Er zögerte einen Augenblick, ehe er Ilse die Hand gab. Sie mußte darauf gewartet haben; nun schlossen sich ihre schlanken Finger mit festem Druck um die seinen, als wollten sie ihn nicht fortlassen.

Es war eine heftige Bewegung, mit der sich Jürgen alsdann abwandte und auf Deck eilte, wohin ihm Konsul Martens und Wolf folgten. Nach weiteren zwei Minuten hatte er sich eine kräftige Stange mit Eisenspitze ausgesucht und schwang sich über Bord.

»Achtung!« rief Martens ihm nach. »Es ist noch junges Eis in der Fahrtrinne!«

Die starken Schollen hatten sich aber am Dampfer dicht übereinandergeschoben und waren während der Nacht zusammengefroren, so daß Jürgen auf festem Eisboden dahinschritt. Er sah sich noch einmal um, winkte Bruder und Freund zu und verschwand dann in dem dichten Schneegestöber. Es kam ihm dabei im letzten Augenblick noch so vor, als wenn eine schlanke Frauengestalt auf Deck erschiene. Es mußte wohl Herta sein, die ihm besorgt nachschaute.

Als jedoch Wolf und Konsul Martens in die Kajüte zurückkehrten, saß Herta auf ihrem alten Platz. Ilse war fortgegangen und kam erst nach einer geraumen Zeit wieder.

»War es nicht angenehm in der Kambüse, Ilse?«

»Nein, Tante Herta! Ich habe mich genug erwärmt.«

Dabei strömte ihre Kleidung die frische Kälte vom Deck aus. -- -- --

Jürgen schritt trotz seines schweren Pelzes rasch vorwärts. Er hatte seine Pelzkappe tief über die Ohren herabgezogen, so daß nur sein Gesicht hervorsah. An seinem Bart bildeten sich durch den ausgestoßenen Atem Eiszapfen, doch achtete er nicht darauf. Von Zeit zu Zeit holte er den kleinen Kompaß hervor, um die Richtung zu kontrollieren, in der er ging.

Vom Dampfer mußte er schon ein ganzes Stück fort sein. Das Läuten der Schiffsglocke tönte nur noch schwach zu ihm herüber. In der zurückgelegten Strecke waren keine Waken zu erwarten gewesen. Jetzt aber näherte er sich mehr und mehr dem Ufer, und die Gefahr, in ein Loch zu geraten, das zum Fischen ins Eis geschlagen wurde, trat unmittelbar auf.

Er schob seinen Stock vor sich hin; stieß dieser an eine kranzartige Erhöhung, so blieb er stehen und untersuchte den Umkreis. Mehrmals entdeckte er noch im letzten Augenblick eine Wake. Die Zeit verrann, er strengte sich stärker an. Der Amerikadampfer mußte auf jeden Fall aufgehalten werden, bevor er das Papenwasser verließ und durch Signale schwer erreichbar wurde. Mit Mühe zog er seine Uhr hervor. Über eine halbe Stunde befand er sich unterwegs, und noch spürte er nichts von den Eisschollen, die sich gegen das Ufer zu auftürmten.

Er wollte immer schneller vorwärts kommen, aber der tiefe Schnee, der unaufhörlich weiter fiel, hemmte den Fuß. Schweißperlen traten auf seine Stirn; es war eine außerordentliche Leistung, selbst für den besten Fußgänger.

Wo blieb nur das Ufer? Er mußte es der Zeit nach schon lange erreicht haben. Er stand jetzt still und versuchte, um sich zu schauen. Nichts war zu sehen.

Jürgen lief es kalt über den Rücken. -- Wo befand er sich? War er irre gegangen? Er hatte doch genau auf seinen Kompaß geachtet. Wenn er an anderer Stelle in die Nähe der Fahrtrinne zurückkam und einbrach? Bei dem starken Schneetreiben konnte alles möglich sein.

Warum setzte er sich diesen Gefahren aus? Es gab nur eine Richtschnur in seinem Leben -- Sorge für seine Familie, die aus den Geschwistern bestand. Von dem Tode seines Vaters an hatte er diese Pflicht übernommen und treu erfüllt. Wenn er sich die Abrechnung vorlegte, befand sich kein Fehler darin. Er handelte stets nach Ehre und Gewissen. Einmal ließ er in der Härte seiner Bestimmungen nach, als Ilse Hergenbach vor Monaten aufgenommen wurde.

Ihre Gegenwart wirkte störend auf die Harmonie im alten Plüddekampschen Hause ein. Wolf war gänzlich verändert -- er selbst mußte dagegen ankämpfen, um ihr nicht ein größeres Interesse zu zeigen. Er sah deutlich, wie sie ihm entgegenkam, sich ihm immer mehr nähern wollte. So kalt war seine Natur nicht, aber seine Rauheit half ihm, und seine Charakterstärke schüttelte jede aufflammende Regung ab.

Einige Augenblicke hatte er auf den Kompaß gestarrt, dabei flogen ihm diese Gedanken rasch durch den Kopf. Nun trieb es ihn wieder vorwärts, der Amerikadampfer mußte um jeden Preis ein Signal erhalten. Plötzlich hörte er zur Linken Laute; waren es menschliche Stimmen oder lag dort ein Schwarm Taucherenten? Er horchte aufmerksam hin. Jetzt klang es wie der dumpfe Hufschlag eines Pferdes. Es mußten also Leute aus einem naheliegenden Dorf sein, bei denen er sich Auskunft holen konnte.

Eilig schritt er auf sie zu, und schon nach wenigen Minuten tauchte dicht vor ihm ein Kufenschlitten mit zwei Männern auf.

»Holla!« rief er ihnen entgegen. »Wo seid ihr her? Ich komme von der Swinemünder Fahrt und will rasch ans Ufer.«

Die Leute hielten das Pferd an. Auf dem Schlitten lag ein mächtiges Schleppnetz, wie es unter dem Eis von einer Wake zur anderen gezogen wird. Ein großer mit Fischen angefüllter Kasten stand daneben.

»Wir sind aus Swantewitz,« sagte der eine, »und fahren nach Haus!«

»Aus Swantewitz!« rief Jürgen erstaunt. »Das liegt ja am östlichen Ufer! So weit seid ihr fort.«

»Nein, Herr! Das liegt ja dicht dabei. Wir sind gleich da!«

»Es ist rein unmöglich! Ich habe vor etwa einer Stunde den Eisbrecher ›Odin‹ verlassen und ging in der Richtung auf Neuwarp zu.«

Die Fischer sahen sich verdutzt an.

»Neuwarp? Das liegt ja zwei Meilen von hier, Herr!«

Jürgen faßte sich an die Stirn.

»Sollte ich -- rein unerklärlich! Alle Teufel -- ich werde doch in der Eile nicht steuerbords anstatt Backbord abgesprungen sein! -- Aber der Kompaß?«

Er hatte doch Norden rechts und nicht an der linken Seite gehabt. Freilich war es nur ein kleiner Taschenkompaß, der sonst an seiner Uhrkette hing. Er schaute schnell noch einmal darauf -- die Nadel spielte richtig ein.

»Das ist ja, um verrückt zu werden,« fluchte er ingrimmig. »Der Kompaß lügt nicht -- die Leute lügen nicht! Wer hat nun recht?«

Er hielt den Kompaß mit dem linken Arm vor sich. Plötzlich fiel sein Auge auf das Magnetarmband, das er noch zufällig um das Handgelenk trug. Es diente zur Prüfung von Grassamen, der mit Eisenfeile beschwert schien.

Nun wurde ihm der Vorgang sofort klar. Die Nadel spielte auf den starken Magnet ein und zeigte darum entgegengesetzt. Aus der Richtung des Papenwassers heulte jetzt dumpf ein Signal herüber. Jürgen erschrak.

»Der Dampfer!« rief er aus. »Es ist zu spät, ihn aufzuhalten! Was wird daraus entstehen?«

Die Sorge um die Seinen erfaßte ihn. --

XII.

Alfred Smiders verfolgte einen bestimmten Plan. Nachdem sich sein gelähmter Vater jeder Verfügung begeben hatte, ergriff ihn die Großmannssucht. Er wollte um jeden Preis rasch vorwärtskommen. Das der Firma Smiders & Sohn gehörende Kapital reichte jedoch nicht im entferntesten aus, die sofort in Angriff genommenen Dampferbauten auszugleichen. So blieb er eine große Summe schuldig. Um wieder freie Bewegung zu bekommen, suchte er nach einem Großkapitalisten, der sein Geld zu mäßigem Zinsfuß bei ihm anlegen sollte.

Durch seine Agenten war er auf den reichen Kaufmann Kneis in Hamburg aufmerksam geworden, dem er sich sofort vorstellte. Der Hamburger hatte sein überseeisches Geschäft günstig verkauft und befand sich im Besitz großer flüssiger Mittel, mit denen er sich wieder beteiligen wollte. Das also war sein Mann. Er bewog ihn, mit nach Stettin zu reisen.

Nach Vorlage der letzten Bilanzen verlangte dieser in erster Linie die Dampfer der Reederei Smiders & Sohn zu besichtigen. Die alten Kasten waren glücklicherweise unterwegs, er konnte dafür nur die Angaben, aus dem Schiffsregister erhalten. Dagegen lag einer der neuen Dampfer im Eis des Swinemünder Hafens fest. Die beiden Herren fuhren von Stettin mit dem Schnellzug dorthin und waren eben im Begriff, den ›Triton‹ in Augenschein zu nehmen.

Das starke Schneegestöber hatte aufgehört; die klare, helle Wintersonne schien leuchtend über Stadt und Hafen, sowie die vereisten Schiffe. Überall funkelte und glitzerte es in farbenprächtigem Schimmer.

»Sehen Sie, mir lacht stets die Sonne, Herr Kneis,« sagte Alfred Smiders, als sie über das Deck des Dampfers ›Triton‹ gingen. »Nun kann es Sie nicht gereuen, trotz des Schneefalles von heute morgen, die Fahrt nach Swinemünde angetreten zu haben.«

Der lange bedächtige Hamburger lächelte verbindlich.

»Ich bin sehr zufrieden, Herr Smiders! Wenn es weiterschneien würde, wäre ich auch zufrieden. Wir blieben dann in Swinemünde. Es gibt hier gute Hotels.«

»Gewiß, Herr Kneis! Aber Sie müssen heute abend wieder in Stettin sein« -- der Reeder machte eine bezeichnende Geste. »Sie haben doch fest versprochen --«

Der Überseer lachte gemütlich auf.

»Hm! Eine ganz lustige Bude. Wir gehen zusammen --«

»Aber natürlich, Herr Kneis! Ich möchte nur nicht im Wege sein.«

»Macht mir nichts aus, Herr Smiders. War jahrelang in Buenos Aires mit meinen Freunden stets einig, wenn's eine kleine Sache gab. Denke, es wird hier in Deutschland auch so sein.«

Hätte er den Blick gesehen, der in Smiders' dunklen Augen aufflammte, so würde er wohl eine andere Meinung gehabt haben. Es lag darin so viel Hohn und Gehässigkeit, wie sie nur das Innere des jungen Reeders erfüllte.

Nun ging es auf treppauf und treppab bis in die untersten Schiffsräume, und überall ließ der vorsichtige Hamburger seine Blicke hinschweifen. In aller Ruhe sah er sich um, nichts blieb seinem scharfen Auge verborgen.

»Sehr gutes Schiff, Herr Smiders, sehr gutes Schiff,« wiederholte er alsdann, »wenn die anderen ebenso sind, bin ich bereit, den Vertrag mit Ihnen einzugehen.«

Smiders streckte ihm sofort seine Hand entgegen:

»Topp! Sie schlagen also ein?«

»Noch nicht!« bewahrte der Hamburger eine gewisse Zurückhaltung, »es wäre verfrüht. Ich lasse mich nie vom Augenblick überrumpeln. Eine gute Portion Überlegung ist im Geschäftsleben alles. Dann handle ich aber rasch.«

Alfred Smiders zog seine Hand ärgerlich zurück, als er die gemessene Miene des Hamburgers sah, der in diesem Augenblick zu einem Weitergehen nicht geneigt schien. Sie stiegen jetzt die Schiffstreppe wieder hinauf und wollten ans Land gehen, um in dem nahegelegenen Hotel ›Drei Kronen‹ ein bestelltes Essen einzunehmen. Smiders hatte wohlweislich alles vorbereitet.

Plötzlich erscholl der dumpfe Ton einer Dampfpfeife über die weite Eisfläche des Haffes hinweg.

»Holla, Kapitän! Was gibt's?« rief der Reeder diesem zu.

»Die Eisbrecher kommen herein, Herr Smiders,« tönte es zurück. »Der ›Fritjof‹ ist voran und schleppt den ›Odin‹ an der Stahltrosse.«

»Dann muß dem ›Odin‹ etwas passiert sein,« meinte Smiders. »Er hat doch die stärksten Maschinen.«

Anstatt, daß sich die Herren direkt aufs Bollwerk begaben, stiegen sie zur Kommandobrücke hinauf und wollten warten, bis die Eisbrecher landen würden. Das Eis krachte und barst in langen Spalten vor der Gewalt, mit der der ›Fritjof‹ vorwärtsdrang. Es dauerte nicht lange, so waren die Dampfer mit dem ›Triton‹ in gleicher Höhe, doch ließen sich die Gestalten auf Deck nicht genau erkennen.

»Der ›Odin‹ schwankt wie eine lahme Ente! Er ist nicht unter Dampf, und der›Fritjof‹ bugsiert ihn zur Anlegestelle,« rief Smiders. »Wir sehen es besser vom Lande aus.«

Er schritt, gefolgt von dem Hamburger, zum Bollwerk hinüber und ging auf diesem entlang. Es dauerte noch einige Zeit, bis der ›Fritjof‹ den ›Odin‹ herangebracht hatte und die Stahltrosse löste. Allem Anschein nach wollte er sofort die Rückkehr nach Stettin antreten.

Zwei Herren und zwei Damen kamen über die Schiffsbrücke, die der ›Odin‹ auswarf, ans Land.

Alfred Smiders schaute genauer hin, aber die Sonne blendete ihn. Er hielt deshalb die Hand über die Augen und sagte halblaut:

»Den Teufel auch! Wenn ich recht sehe, ist es Konsul Martens, Wolf und Herta Plüddekamp und noch eine Dame, die ich nicht kenne. Eine vorzügliche Gelegenheit für mich, anzuschwirren!« Er entschuldigte sich rasch bei Kneis und eilte voran, um die Ankommenden zu begrüßen. »Direkt von Stettin, Herr Konsul?« rief er ihm schon von weitem zu. »Nette Spazierfahrt! Wie? Hat der ›Odin‹ Pech gehabt?« Als sie zusammentrafen, schüttelte er den beiden Herren die Hand und verbeugte sich, seinen Hut tief ziehend, vor den Damen. Er blickte erstaunt auf Ilse. Dann sagte er zu Herta: »Wollen Sie mich vorstellen, Fräulein Plüddekamp?«

»Herr Smiders, von Smiders & Sohn -- Fräulein Hergenbach aus Nordhausen,« erledigte diese den Wunsch des Reeders.

Abermals lüftete Smiders seinen Hut, und als sich Ilse leicht verneigte, begegneten sich ihre Blicke. Die dunklen Augen Smiders' ruhten mit einem prüfenden Ausdruck auf den Gesichtszügen des jungen Mädchens. Er warf dann einige nebensächliche Fragen hin, wie die Damen die Fahrt überstanden hätten, und hörte von Konsul Martens, welches Mißgeschick ihnen am verflossenen Tage mitten auf dem Haff begegnete.

»In Gesellschaft so reizender Damen, -- riesig nett,« meinte er mit einem vielsagenden Blick zu Wolf hinüber. »Da aber die Dampfheizung nicht in Ordnung war -- zum mindesten unangenehm kalt.«

»Es war noch ein Glück, daß der amerikanische Dampfer die Vorsicht brauchte, den ›Fritjof‹ vorauszuschicken. Rückte er selbst uns aufs Fell, so war die Durchfahrt versperrt und wir lägen noch im Eise,« flocht Konsul Martens ein.

»Wenn wir nur erst wüßten, was aus Jürgen geworden ist,« sagte Herta mit besorgter Miene. »Sie waren wohl schon im Hotel, Herr Smiders! Haben Sie vielleicht dort etwas gehört?«

»Keinen Ton, Fräulein Plüddekamp,« erwiderte dieser.

Wolf erzählte darauf, wie Jürgen am Morgen in dem tollsten Schneetreiben über Bord aufs Eis gesprungen sei, um nach dem Ufer vorzudringen.

»Na -- ein solcher Bär! -- Verzeihen Sie den Ausdruck, Fräulein Plüddekamp,« unterbrach sich Smiders. »Ihr Herr Bruder hat aber wirklich eine Bärennatur und sitzt jedenfalls in einem Dorfgasthause beim Glase Grog. Wir können ja von den ›Drei Kronen‹ aus -- Sie gehen doch gewiß mit dorthin -- nach allen Richtungen telephonieren.« --

Der Ofen in dem großen Speisezimmer der ›Drei Kronen‹ strahlte eine gemütliche Wärme aus. Man legte Pelze und Mäntel ab und freute sich, wieder in einem behaglichen Raume zu sein. Der Überseer, der vorausgegangen war, wurde von Smiders vorgestellt. Er befand sich alsbald in regem Gespräch mit Konsul Martens, der die Gelegenheit benutzte, den Großkapitalisten näher kennen zu lernen.

»Sie sind überzeugt, Herr Konsul, daß der ›Friedrich Barbarossa‹ zur Frühjahrszeit rechtzeitig ausläuft?«

Wolf, der etwas entfernter stand, horchte bei diesen Worten auf. Es war naheliegend, daß ihn das Gespräch interessierte.

»Ich werde den Dampfer besichtigen,« fuhr Herr Kneis fort, »es liegt mir außerdem viel daran, zu erfahren, ob sich die älteren Dampfer der Reederei in gleicher Weise umbauen lassen.«

»Selbstverständlich,« fiel Smiders jetzt ein. »Sie eignen sich ebenso gut dazu wie der ›Friedrich Barbarossa‹. Herr Konsul Martens kennt ja unsere Dampfer. Er wird es Ihnen sicher bestätigen.« Dabei sah er Martens scharf an.

Dieser war vor eine sehr peinliche Frage gestellt. Natürlich lag es in seinem Interesse, dem Geldmann gegenüber die Reederei Smiders & Sohn so hoch als möglich zu bewerten. Auf der anderen Seite kannte er das Alter der laufenden Schiffe und mußte daraus folgern, daß ein Umbau weggeworfenes Geld bedeuten würde. Er zögerte deshalb mit der Antwort, während ihn der Überseer anscheinend gleichgültig ansah.

Aus den kleinen, scharfen Augen des Herrn Kneis sprach bei aller Ruhe eine hohe Intelligenz, und er schloß aus dem Zögern des Konsuls sofort auf dessen zurückgehaltene Ansicht.

»Ich glaube wohl, Herr Kneis,« antwortete Martens jetzt, »aber bedenken Sie dabei, daß ich Bankier und nicht Schiffsbauer bin.«

Smiders war von der Antwort des Konsuls Martens wenig befriedigt; er hatte sie bestimmter erhofft und fiel darum ein:

»Wir werden morgen den ›Friedrich Barbarossa‹ anlaufen, Herr Kneis. Sie treffen dort seinen Kapitän an. Dieser hat bereits zwei meiner anderen Dampfer gefahren und ist ein anerkannter Fachmann.«

»Es scheint Smiders auf den Nägeln zu brennen,« dachte Wolf bei sich. »Ich werde den Weg nach der ›Grünen Schanze‹ bald wieder einschlagen müssen, um auf dem Laufenden zu bleiben.«

Der Oberkellner kam und forderte die beiden Herren auf, an dem bestellten Tisch Platz zu nehmen. Martens hatte für seine Gäste an der großen Tafel, die mitten im Speisezimmer stand, eine genügende Anzahl Gedecke auflegen lassen. Die Speisen wurden gebracht.

Ilse Hergenbach saß in schräger Richtung von Smiders und bemerkte sehr bald, wie sie von ihm anhaltend beobachtet wurde. Sie wollte nicht hinübersehen. Trotzdem trat aber das Verlangen in ihr auf, die siegreiche Kraft ihres Blickes zu erproben.

Sie hatte keine besondere Absicht dabei. Es war nur ein leichtes Spiel, das ihr Unterhaltung bieten sollte. Was aber alsdann vorging, wußte sie selbst kaum. Nicht ihr Blick siegte, sondern der, der sie jetzt traf. Sie erzitterte darunter, und rasch senkten sich ihre Lider. -- Dabei zwang sie eine unerklärliche Kraft, noch einmal hinüberzuschauen. Es wiederholte sich der gleiche Vorgang.

Smiders trat kurze Zeit darauf, ein volles Weinglas in der Hand haltend, an die große Tafel heran. Er trank auf das angenehme Zusammentreffen in Swinemünde. Sich zu Ilse wendend, sagte er leichthin:

»Ich muß Sie schon einmal gesehen haben. Helfen Sie meiner Erinnerung nach, Fräulein Hergenbach!«

Er wollte nur, daß sie die Augen zu ihm aufschlug. Sie tat es aber nicht und gab kurz zur Antwort:

»Ich wüßte nicht, Herr Smiders!«

»Doch, doch, mein Fräulein,« wiederholte er. »Hoffentlich habe ich bald Gelegenheit, mit Ihnen darüber weiter plaudern zu können.«

Wolf, der vor einiger Zeit ans Telephon gegangen war, kam jetzt zurück. Seine Züge verrieten großen Ernst.

»Jürgen ist noch nirgends aufgetaucht, weder in den Ortschaften an der linken Haffseite, noch zu Hause. Ich habe Armin beauftragt, unausgesetzt nachzuforschen.«

Herta legte sofort Messer und Gabel beiseite.

»Um Gottes willen, Wolf,« sagte sie, »wenn Jürgen ein Unglück zugestoßen wäre! Wie schrecklich! Ich mag es nicht ausdenken.«

»Aber verehrte Freundin,« fiel Martens ein, »unserem Riesen Jürgen geschieht so leicht nichts. Er wird sich in irgendeinem kleinen Dorf aufhalten und kein Telephon zur Verfügung haben. -- Mein Gott, wie bleich Sie plötzlich aussehen, Fräulein Hergenbach,« fuhr er, zu dieser gewandt, fort. »Ist Ihnen etwas?«