Part 14
Da kann sie schon recht haben, dachte der Fleischerknecht. »Pst! Sultan, komm!« Und ging seiner Straße.
Aber als die Sofferl am nächsten Tage wieder zur Schule gegangen war, kam sie nicht mehr nach Hause. Ein Bote brachte das Fleisch und wollte etwaige Sachen fürs Dirndl mitnehmen. Es sei schon daheim geblieben.
Daheim geblieben!
Die Hubsteinerin wickelte ihr kleines Kind dicht in Lappen, denn in den Bäumen rauschte der Wind, nahm es an sich, verließ das Häuslein und ging den zwei Stunden langen Weg nach Pichlern. Es dunkelte schon, als sie vor dem großen Hause des Fleischhauers stand, in den Wolken zuckten Blitze. Im Gemüsegarten waren zwei Mägde tätig, junge Pflanzen durch Überdachen mit Stroh vor etwaigem Hagel zu schützen, und die Sofferl war ihnen dabei behilflich. Als das Dirndl der Mutter ansichtig geworden war, lief es ihr entgegen, klatschte in die Hände und rief: »Das ist gescheit, Mutter, daß du auch da bist! Da ist's lustig. Das ist meine Freundin, die Zilli, und das ist die Theresel. Du, die sind brav!« Und sie lief wieder in den Garten.
Die Hubsteinerin begehrte zum Stadinger. Er kam ihr in Hemdärmeln und mit dem Samtkäppchen auf dem Graukopf entgegen und begrüßte sie freundlich. Ohne seine dargebotene Hand zu fassen, sagte sie, das leise wimmernde Kind immer an der Brust haltend: »Fleischhacker, so ist's nicht gemeint, mit unserem Handel, daß du mir mein Dirndl wie ein Kalb aus dem Haus treiben lassen sollst!«
»Aber Hubsteinerin!« rief er überlaut, »was fällt dir denn ein? Wie ein Kalb! Was das für eine Red' ist! -- Ei, setz' dich doch hier auf die Bank. Der weite Weg. Willst denn du heute noch heim?«
»Mein Kind will ich wieder haben,« sagte sie völlig tonlos. »Mein Kind laß mir, dann wirst mich nicht lang sehen vor deinem Haus.«
Der Stadinger schüttelte den Kopf, dann ließ er aus dem Keller ein halbes Glas Wein bringen.
»Trink, Hubsteinerin! Du bist so viel aufgeregt.«
»Soll das der Kauftrunk sein?« fragte sie ihn. »Du tust nicht allein Vieh einkaufen, auch Leut. Erst nachher ist's mir zu Sinn kommen: verkauft hätt' ich mein Dirndl! Verkauft!«
»Was du aber einfältig bist!« sagte der Fleischhauer. »Wer spricht denn vom Verkaufen! Und ~wenn~ es wär'! Andere arme Leute verschenken ihre Kinder und sind froh, wenn sie wer geschenkt nimmt. Ich hab' die Schuld nachgelassen und versprochen, daß ich mich ganz annehmen will ums Dirndl. Wüßt' nicht, wie der Mensch ein besseres Christenwerk machen kunnt, wüßt' nicht! -- Wenn du mir keinen andern Dank hast, so sollst lieber daheim bleiben. Schau, sie geht dir eh nimmer zu, die Sofferl. Recht gut gefällt's ihr bei uns und wird ihr noch besser gefallen, wenn sie gescheit ist.«
»Du magst sagen, was du willst, Fleischhacker, es ist was Unrechtes geschehen. Gib mir die Schrift.«
»Recht gern, Hubsteinerin. Eine Abschrift sollst haben. Deine Unterschrift geb' ich nicht aus der Hand. Ich weiß schon, was du im Sinn hast. Du wolltest mir das Dirndl jetzt lassen, daß ich's zücht' und anleit'; nachher, wenn sie zu brauchen ist zur Arbeit, möchtest sie mir wegnehmen, und ich wär' der Gefoppte. So macht ihr's gern, ihr Bettelleut'! Da hab' ich mich rechtzeitig sichergestellt mit der Schrift und da hilft dir nichts mehr, Wegmacherin. Kannst fragen, wen du willst. -- Trink jetzt, nachher kriegst eine warme Suppe und ein Bett und morgen schau, daß du weiterkommst.«
Die Einfalt, auf welche gerechnet worden, war wirklich vorhanden. -- »Kannst fragen, wen du willst« -- Ja, das hatte sie freilich immer gehört: was man einmal unterschrieben, daran wäre nichts mehr zu ändern. Verschrieben, verspielt! -- Weh war dem armen Weibe.
»Kaufst nicht auch Wickelkinder?« fragte sie bitter und hob ihr Kleines gegen ihn auf. »Nimmst nicht auch den Buben?«
»Die Buben sind nicht viel wert,« entgegnete er halb scherzend. »Hab' selber einen. Sind sie groß, nimmt sie der Kaiser ohne Vergütung. Ein fleißig Dirndl dient's zehnmal ab, was es kostet. -- Aber trink' doch; ein kräftig Tröpfel sollst nicht verschmähen, das tut dir gut.«
Ähnlich redete er ihr zu, riet ihr Frohsinn an und klopfte ihr leutselig auf die Achsel.
Also geschah es, daß die Hubsteinerin, statt ihr Dirndl von diesem Hause abzuholen, heute selbst in demselben blieb. Beim Nachdenken in der schlaflosen Nacht kam ihr die Sache doch wieder nicht so schlimm vor, und sie hielt sich selber für töricht. Am nächsten Morgen, als sie fortging mit ihrem Säugling, wollte sie noch die Sofferl sehen. Ein hübscher, schlanker Junge war im Hofe just dran, auf ein braunes Pferd zu springen, den rief die Wegmacherin an, ob er nicht wisse, wo die Sofferl wäre?
»Die ist schon fort,« antwortete der Knabe, leicht seine Kappe lüftend. »Sie sind früh aufs Feld. Ich reite auch nach.« Damit war er auf dem Rößl und trabte davon.
»In Gottesnamen!« seufzte das Weib bei sich und ging mit dem einen Kinde, das noch ihr Eigentum war, wegshin der Gegend zu, wo ihre Hütte stand.
* * * * *
Der Jahre sieben oder acht sind vergangen seit jenem Christenwerke, das der Großhofbesitzer, Wirt und Fleischermeister Stadinger an der armen Witwe und ihrem Kinde geübt hatte. Seither hat sich allerlei verändert in der Welt. Die arme Hubsteinerin ist gestorben, ihr Knäbel hatte ein Waldbauer zu einem Hirtenknaben aufgenommen aus Barmherzigkeit und nichts dafür gegeben. Die Sofferl ist im Stadingerhofe groß und hübsch geworden, und sie hat sich nicht zu beklagen. Beklagt sich auch nicht. Aber daß sie eine Stalldirne abgeben muß, das ist ihr für die Länge nicht recht. Sie möchte lieber Leute tränken, als Vieh -- Kellnerin möchte sie sein. Der schlanke Knabe, den wir damals auf dem Pferde aus dem Hofe reiten gesehen, ist ein stattlicher junger Mann geworden, der auch heute noch auf dem Pferde umherreitet, weil er die große Wirtschaft zu leiten und die Arbeiten des Gesindes zu überwachen hat. Die Fleischhauerei überläßt er seinem Vater, ihn freut das rüde Geschäft nicht, er sagt, er tue lieber pflanzen, säen und züchten, als schlagen und totstechen. Und der junge, aufrechte Mann mit den freundlichen Zügen und dem offenen Blick sieht auf seinem Rößlein eher einem Landgrafen ähnlich als einem Fleischhauerssohne. Er hatte ein paar Jahre Landwirtschaft studiert und sich in den Kopf gesetzt, das ausgedehnte Gut seines Vaters zu einer Musterwirtschaft emporzubringen. Es ging auch vorwärts.
Der alte Stadinger ist ein klein wenig gebückt geworden, hat aber sonst noch sein rotes, rundes Gesicht, seine klugen Äuglein und seine verschmitzte Freundlichkeit wie vor und ehe. Zu Fuß ging er nicht mehr viel um in der Gegend, im Steirerwäglein fuhr er, leitete selbst das Pferd und wurde überall mit Achtung gegrüßt, wo er sich zeigte. Sehr gerne fuhr der Stadinger in den Markt Solgenstein hinüber und kehrte dort beim Hammerherrn Kloggenberger ein. Mit dem war er seit einiger Zeit in freundlicher Bekanntschaft, die gelegentlich eines Viehhandels gemacht worden. Der Hammerherr besaß ein großes Sensenwerk, einen Hochofen, mehrere Bauernhuben, ausgedehnte Waldungen und eine erwachsene Tochter. Aber keinen Sohn.
Eines Tages nahm der Stadinger auch seinen Burschen, es war sein einziger, mit nach Solgenstein. Der junge Mann wollte auf dem Bocke sitzen und kutschieren, wenn er schon nicht reiten konnte; der Alte bedeutete, daß im Wagen Platz für beide sei, daß man da bequemer sitze, und daß es mancherlei zu plaudern gebe. Daher setzte der Junge sich zum Alten in den Wagen.
»Wir werden beim Sensenhammer zukehren,« sagte der Vater.
»Nicht nötig. Hab' ihrer erst ein Dutzend aus Sagbach bestellt,« antwortete der Sohn.
»Was hast bestellt?«
»Sensen.«
»Du nimmst die Sensen in Sagbach?«
»Wir haben sie immer von dorther bezogen.«
Der Vater zog den Leitriemen an. »Karl,« sagte er nachher, »von jetzt an nehmen wir Solgensteiner Ware. Ich habe einen Gedanken. Kennst du die Hammerleute dort?«
»Recht gut.«
»Hast du keinen Gedanken, Karl?«
»O, allerhand!« lachte der Bursche auf.
»Nachher mag auch der rechte dabei sein,« sagte der alte Stadinger. »Hast sie dir schon einmal angeschaut?«
»Wen?«
»Sie ist sauber -- und reich. Das wird ein Kapitalshaufen, wenn ihr zwei eure Sachen zusammentut. Mußt ja doch auch ans Heiraten einmal denken. Mein Weib wird mühselig und so viel wunderlich. An ihr hab' ich keine Stütze mehr. Mich verdrießt's auch manchmal und will nach und nach ausspannen. Da brauchst du eine. Spiel' einmal ein wenig an, bei der Sensenhammerischen. Wenn's zustand' käm', 's wär' mir eine rechte Freud'. Ein Rittergut, wenn die zwei großen Wirtschaften zusammenstehen. Das wär' mir schon ein Trumpf!«
»Mir wär's auch nicht zuwider,« meinte Karl.
Also das Gespräch unterwegs zwischen Vater und Sohn.
Beim Hammerherrn wurden sie sehr artig aufgenommen und zum Nachmittagsbrot eingeladen. Fräulein Agnes bediente die Gäste, ein feines zierliches Wesen, das den jungen Grundbesitzer aus Pichlern mit gar schelmischen Augen anguckte. Allerlei wurde gesprochen, und als unsere beiden wieder auf ihrem Wagen heimwärts fuhren, sagte der Alte: »Ich habe gar keine Sorge. Es geht. Ein Jahr mußt halt Geduld haben, weil sie ja, wie du gehört haben wirst, über den nächsten Winter noch einmal ins Institut geht. Du bekommst eine Gebildete. Herrgott, Bub, du hast mehr Glück wie Heu!«
Karl spitzte mit den Finger sein blondes Schnurrbärtchen und schmunzelte vor sich hin.
»Nur eins! Hi, Brauner! -- Nur eins muß ich dir sagen, Karl,« fuhr der Stadinger fort. »Mit der Krämerischen tust nicht mehr weiter. Die dankst gleich ab. Die könnt einen Balawatsch in die Geschichte bringen. Die Mädels wollen alle gleich geheiratet sein. Gib Achtung! -- Kannst's nicht graten, so gibt's andere. -- Bist mit der Sofferl immer noch über quer? Geh, dumm!« --
Diesmal brach er ab. Einige Zeit drauf war's, daß die Sofferl dem Stadinger anzeigte, sie wolle sich um einen anderen Dienstort umsehen. Sie möchte nicht immer beim Vieh bleiben, sondern auch etwas lernen. Daß sie in diesem Hause etwa in die Küche oder in die Gaststube käme, dafür sähe sie keine Wahrscheinlichkeit, also möchte sie fort.
»Schau, schau,« antwortete ihr der Stadinger. »Wie gut ist's, daß ich dieses Kalb am Strickel hab'. Davonlaufen! Nein, mein liebes Sofferl, darauf mache dir keine Hoffnung. Du gehörst mein, bis ich dich freiwillig fortlaß. Und das wird nicht sein, ich habe die jungen starken Leute zu gern in der Wirtschaft. Wegen Essen und Gewand hast wohl keine Klag'?«
»Das nicht, Herr Vater. Freiwillig bliebe ich vielleicht, aber das Müssen ist so viel sauer.«
»Lapperl!« sagte er und versetzte ihr ein artiges Klapschen an die runde Wange, »so bleib halt freiwillig. Und tust es freiwillig nicht, so ~mußt~. Ein bissel Recht habe ich schon auch als Gerhab mit dir. Für alle Fälle ist ein Briefel da. Ja, Dirndl, da hilft dir nichts, je mehr du hinwegzerrst, je schärfer schneidet dir das Strickel in den Hals. Sei nur g'scheit, vielleicht bringst es noch zur Kellnerin, wenn du klug bist, vielleicht. Nur schön folgen dem Karl, wenn er dir was schafft! Und jetzt geh' zu deiner Arbeit.«
Wenige Wochen nach dieser Unterredung standen der Stadinger und sein Sohn in einer Abenddämmerung unter dem Weichselbaum, und der Vater sagte mit halblaut flüsternder Stimme und heftiger Gebärde zum Burschen: »Karl, ich sag' dir's, du wirst dich verbrennen! Hab's wieder wahrgenommen gestern auf dem Abend. Bist ein verfluchter Kerl und wirst noch alles verderben! Soll's mit der Sensenhammerischen Ernst werden, so laß die Krämerische sein. Die legt dir Fallen! Wirst dir doch anderswie zu helfen wissen die paar Monat. -- Eine Knechtin. Schick sie in den Wald hinaus, die Sofferl -- fürs Vieh streurechen. Nachschauen mußt gehen bei der Arbeit. Ach, geht mir weg, ihr jungen Leut' könnt euch nichts anschicken.«
Karl stand stramm da, ließ seine Hände in den Hosentaschen stecken und antwortete jetzt leichthin: »Für so ein Streurechen, wie der Vater meint, ist mir die Sofferl doch zu gut.«
»Wie du glaubst,« sagte der Stadinger, »für wen sparst sie denn auf? Ein dummer Halter oder Holzknecht oder so einer wird nicht lange fragen, oder schon kurz gefragt haben. Und bissel ein Recht werden wir doch noch haben übers Dirndl, das ich von der Straßen hab' aufgehoben ... Nun, wie du glaubst. Aber verpatsch dich nicht. Der Köder von der Krämerischen! Ist eine Angel dran, ich sag' dir's! Wenn du mir die Sensenhammerische verspielst, ich -- ich weiß nicht was ich tät!«
Mit diesen Worten wendete sich der Stadinger und ging in den Hof. Der Karl pfiff ein lustiges Liedl und schlenderte über das Feld hin.
Auf dem Weichselbaum, unter welchem sie gestanden, saß eine, der raste jetzt das Herz und das Blut. Das waren saure Weichseln, die auf diesem Baume wuchsen! Die Sofferl hatte alles gehört. Und jetzt überdachte sie es. Manches fiel ihr ein, wurde ihr jetzt klar. Es fehlte dem Dirndl ja nichts auf dem Stadingerhofe, sie wurde gehalten wie jede andere Magd und arbeitete auch so. Nur daß sie nicht fragen durfte: wofür arbeite ich? Wo ist mein Jahrlohn? In der Schule hatte sie gehört, daß es Leibeigene gegeben, welche ganz dem Willen ihres Herrn unterworfen gewesen wären, daß Länder sind, wo es noch heute Leibeigene gibt. Und der Stadinger hatte den Kaufbrief. Sie hat fleißig gearbeitet, war treu und gewissenhaft gewesen in allem. Nun zur Feierabendzeit auf dem Weichselbaume sitzend, hatte sie gehört, daß solches nicht ihre ganze Aufgabe war in diesem Hause. Ein heißer Aufschrei war zurückzudrängen in ihre Brust. Sie mußte jetzt schweigen, durfte nichts gehört haben. Sie mußte arglos bleiben. Das stand klar in ihr, sie wollte sich rächen. Rächen an dem Alten, dem gewissenlosen Vater und Gerhab. Der Junge? Leise begann ihr das Herz zu zittern. -- »Dafür ist sie mir doch zu gut,« hatte er gesagt. -- Seit langem hatte sie eine stille Neigung zu Karl, dem Haussohn, in sich zu bekämpfen, und war es ihr auch gelungen, die Liebe mit Trotz zu maskieren. War sie doch die Knechtin, die zur Liebe kein Recht hat, die nur Gleichgültigkeit oder gar Verachtung erfährt von Mitgenossen und Herrschaft. Wie aber soll es ~jetzt~ werden? Er hat ein Wort gesagt, in welchem Achtung für sie lag, vielleicht mehr noch ... Soll sie jetzt ihre Karte ausspielen? Soll sie's versuchen? Es war ja nichts für sie zu verlieren. Und gelänge es? Glück und Rache. --
Kurze Zeit darauf war der Karl wieder einmal am Zaun gestanden und hatte Scherzworte hinübergerufen in den Garten, wo die Krämerstochter Blumen jätete. Das Mädchen tat recht anzüglich und meinte, wenn er ein Sträußlein von ihr wolle, so möge er sich einen Sprung über den Zaun nicht verdrießen lassen, nachtrage sie ihm nichts. -- Wenn er mit der zu weit kommt, so ist's mit der Sensenhammerschen vorbei. Man muß ihm aus dem Traume helfen. -- Das war wieder des alten Stadingers Gedanke, als er jetzt vom Fenster heraus rief: »Karl, just denk' ich dran, du wirst müssen nachsehen, ob in der Kornscheune das Dach nicht schadhaft ist für den Winter. Geh' gleich, sonst vergißt's.«
Der Bursche ging in die Kornscheune. Das Dach war ganz gut, und unter dem Dache kroch die Sofferl umher und legte die Garben glatt, die einen Tag früher eingeführt worden waren. Beide erschraken voreinander, als sie sich sahen. Im Augenblick aber fiel es dem Burschen ein, ob er es nicht untersuchen solle, um wieviel das Dirndl besser oder schlechter sei, als die Meinung war.
»Sofferl,« redete er sie ruhig an, »hast nicht Langeweile, allein beim Korngarbenlegen?«
»Bin ja nicht allein!« rief sie, »sind ja die Korngarben da.«
»Zu zweien wäre es vielleicht kurzweiliger,« sagte er.
»Das weiß ich nicht. Unsereins denkt nicht an die Langeweile, denkt an die Arbeit.«
Weil der Raum unter dem Dache zu niedrig war, um aufrecht zu stehen, so mußte er kniend zu ihr hinankriechen.
»Das Nest ist gar nicht schlecht, daheroben,« flüsterte er und legte seine Hand an ihren Arm. Sie schob ihn rasch von sich und sagte: »Karl, du irrst dich!«
Jetzt wußte er einen Augenblick nicht, was er machen sollte.
»Daß du mich aber doch sogleich verstanden hast, Sofferl,« sagte er.
»Es ist keine Kunst, das zu verstehen,« gab sie zurück und legte ununterbrochen die wirr übereinander geworfenen Garben glatt und ordentlich aneinander. »Aber ich will's nicht verstehen. Du bist mir zu gut dafür, Karl.«
Er stutzte. Es fiel ihm auf, was da gesagt wurde, aber auch, wie es gesagt wurde. Schier traurig und innig. Und wie er ihr jetzt ins Auge blicken wollte, wendete sie sich hinweg, trotzdem sah er noch auf ihren Wimpern ein Tröpflein. -- Ohne noch ein Wort zu sagen, stieg er nieder in die Tenne und ging hinaus. Wieder am Gartenzaun kam er vorbei, aber er rief nicht mehr hinüber zur Krämerischen, er ging still vorüber.
Wenige Tage später trafen sie sich im Walde beim Streurechen. Die Sofferl sah ihn schon von weitem kommen und ging ihm entgegen.
»Mir ist's recht, daß du da bist, Karl, oder wie ich sagen soll,« sprach sie ihn an. »Das Dusagen wird sich bald nicht mehr schicken bei uns.«
»Wenn du eine bessere Anred' weißt, so ist es mir auch recht,« sagte der Bursche. »Die liebste Ansprach' zwischen uns wär' mir ~das~!« Einen Kuß wollte er ihr geben.
»Da weiß ich eine andere,« sagte sie entschieden ablehnend. »Wie es sich heute schon das zweitemal zeigt, tut's nicht gut, daß wir zwei nebeneinander in diesem Haus sind. Du der Herr, ich die Knechtin. Sind schon viel zu geschwisterlich worden miteinand. Du wirst es einsehen, und deswegen bitt' ich dich gar schön, laß mich fort.«
»Fort, Sofferl! Ja, wohin willst du denn?«
»Das ist ganz gleich für dich und für mich. Aber um tausend Gottes willen, zwingt mich nicht, daß ich in diesem Hause bleibe«
»Vom Zwingen ist keine Rede.«
»Dein Vater hat mich gekauft!«
»Vom Zwingen ist keine Rede,« wiederholte der Bursche. »Du bleibst freiwillig.«
»Dein Vater laßt mich nicht, er hat mich gekauft!« rief das Dirndl. »Sagt nur, was ich wert bin, ich will mich loskaufen!«
Darauf der Bursche: »Mein Vater hat dich erzogen und soviel ich weiß, deine Mutter ein wenig unterstützt bei ihren Lebzeiten. Er wird's gern sehen, wenn du dankbar dafür bist und noch ein paar Jahre auf dem Hof bleibst, jetzt weil du brav arbeitest. Von mir aus bist gar nichts schuldig, ich zwinge dich nicht zu bleiben, aber du bleibst freiwillig.«
»Es wäre unser Verderben, Karl!« rief das Dirndl scharf. »O, nein. Ich bin nur eine niedrige Knechtin, aber meine Ehr', die hab' ich, und sonst nichts, als wie die, und die will ich mir behalten. Geh' weg von mir!« Sie hob ihren Eisenrechen drohend gegen ihn.
»Du bist ein Kind!« sagte er und ging seines Weges.
An die Sensenhammerische hatte der junge Stadinger zu dieser Zeit seltener gedacht von Tag zu Tag. Als sie in das Institut abgereist war, hatte sie ihm ein Abschiedsbrieflein geschrieben. Karl säumte mit der Antwort so lange, bis er sie als zu spät hielt, dann gab er sie gar nicht. In der Nacht nach dieser Begegnung im Walde nun lag der Bursche schlaflos auf seinem Bette. Sie stand wie ein Lichtbild. Dieses runde, weiße Gesicht mit dem roten Mund! Dieses schwarze, üppige Haar! Diese heißen Augen, die auch so sanft und betrübt sein konnten! Diese ganz ebenmäßig gerundete Gestalt! Ein schönes Weib! Und ein braves!
So lange lag er schlaflos, bis er aufstand und hinausging in die kühle Sternennacht. Da kam er gerade recht, wie jemand mit einem Bündel über den Anger huschte und gegen den Wald hin. Der Bursche eilte dem Diebe nach, es war aber keiner, es war ein Weibsbild, ein junges und hieß Sofferl. Sie versetzte dem Angreifer einen Schlag auf die Hand, doch er hielt sie fest, trotz ihres verzweifelten Losringens. Und er sagte ernsthaft: »Nein, Sofferl, so geht man nicht fort vom Stadingerhof.«
Sie schaute ihm schweigend und zornig ins Gesicht. Endlich hauchte sie schweren Atems: »Also du willst mich nicht lassen?«
»Nein, Sofferl, ~so~ gehst du nicht fort.«
»Gut,« sagte sie schrill und tonlos. »Du hast es zu verantworten. -- Karl! -- Karl!« In rasender Erregung warf sie ihre Arme um seinen Nacken, preßte sein Haupt an das ihre, seinen Mund an den ihren, und gewaltsam, wütend vor Leidenschaft, küßte sie ihn, daß beiden der Atem vergehen wollte ....
Nach dem Sturme stand der Bursche ganz verblüfft da. Aber seine Finger hielten ihren Arm umklammert. Er schämte sich, geküßt worden zu sein und schickte sich nun an, es wett zu machen; daß seine Leidenschaft der ihren mindestens gleichkam, das sollte sie erfahren -- heute noch.
»Jetzt, Karl, gehen wir miteinand'!« sagte sie, hing sich rasch in seinen Arm, und sie schritten aus dem Walde über den Anger dem Gehöfte zu. -- Je näher sie zur Tür kamen, je fester und enger hielt er das Dirndl im Arm. Plötzlich sagte sie: »Nur bis da her, Büberl! Wie es steht, das weißt jetzt. Am Sonntag nachmittag fangen wir an. Jetzt geh' und schlaf' dich aus!« Ein Ruck, und der Bursche stand allein vor der zugeschlagenen Tür.
-- Und das ist die Knechtin! dachte er, das ist das demütige, willige Dirndl, das sich ohne Widerred' alles gefallen läßt, immer geduldig und immer lammfromm! Herrgott, wie die sich jetzt auseinander tut. Das ist keine Knechtin! Die weiß ganz genau, wo ihr Recht und Eigentum anhebt. Das ist eine Kernige! Eine Feurige! Bei der ist einer versorgt! Auf die ist ein Verlaß! Für einen Batschen hab' ich sie nie gehalten, die Sofferl, aber so hab' ich sie nicht gekannt!
Um diese Zeit machte der alte Stadinger seinem Sohn den Vorschlag, wieder einmal nach Solgenstein zu fahren und die Sensenschmiedischen zu besuchen. Da der Karl dafür keine Neigung zeigte, so sagte der Vater: »Du glaubst, weil jetzt das Fräulein nicht daheim ist, so hast nichts zu tun dort. Mußt aber auch auf den Schick nicht vergessen, gegen die Vatersleut'.«
»Sollen herüberkommen, wenn sie mich sehen wollen,« gab der Bursche kurz zurück. Da guckte ihn der Vater so von der Seite an und dachte: Sauber ist er, aber manchmal dumm wie ein Kalb! Na, der Dumme hat's Glück, das tröstet mich wieder. Gefreut mich nur, daß er bei der Krämerischen endlich ausgelassen hat.
Und nun vom Sonntag nachmittag, an dem die Sofferl anfangen wollte. Das Wirtshaus war voller Leut', aber das Dirndl, welches sonst nun schon manchmal Aushilfe in der Kellnerei leistete, war heute nicht zu finden. Der Karl auch nicht. Es hatte auch niemand Zeit, sie zu suchen; die Kammer war verschlossen.
»Mit allem bin ich einverstanden,« flüsterte die Sofferl dem trauten Gaste zu, »nur ein kleines Gebitt hab' ich, und das mußt du mir vorher erfüllen.«
»Könntest schon bitten, was du wolltest!« sagte der Bursche. »Für dich bin ich zu allem aufgelegt!« Sein Antlitz glühte und um seine Mundwinkel zuckte die Freude, bei ihr zu sein.
»Schererei macht's dir keine,« sagte sie. »Schau, da habe ich eine Tinte, und da hab' ich eine Feder, und geschrieben ist's auch schon. Nur deinen Namen drunter.« Sie zog aus dem Busenlatz ein Papier.
»Was hast du denn da?« fragte er.
»'s ist nur brauchshalber,« sagte das Dirndl. »Gegen gute Bekannte muß man artig sein. Ein kleines Briefel an die Sensenhammerischen zu Solgenstein.«
»An die Sensenhammerischen? Laß das jetzt, Sofferl, ~die~ Leut' sind mir zuwider.«
»Kannst sie lesen, meine Schrift?«
Er konnte sie lesen. Auf dem Papier standen etliche ganz zierlich hingemalte Zeilen folgenden Inhaltes:
»An das ehrenwerte Haus Kloppenberger, Hammergewerke zu Solgenstein.
Unterschriebener erlaubt sich die freundliche Mitteilung zu machen, daß er sich am Sonntag den 11. Oktober 1885 mit der Magd Sophie Hubsteinerin auf Ehr' und Treu' verlobet hat.«
»Jetzt da drunter, mein Bübel, schreibst deinen Namen!« bat das Dirndl zärtlich.
Da schaute er einmal drein. Schaute drein und sagte nichts. Endlich schnalzte er mit der Zunge, tauchte die Feder tief in das Tintenglas, und mit fester Hand schrieb er unter die Zeilen seinen Namen.
»Gut ist's!« hauchte sie, sich ihm an die Brust legend, »Karl, jetzt hast mich!«