Geschichten aus Steiermark

Part 13

Chapter 133,807 wordsPublic domain

»Ich geh' hin,« erzählte der Soldat, »klopf höflich an. Bitte gehorsamst, sag' ich, Herr Hochwürden, wir tun schon warten. Sind schon alle beisammen, sag' ich. -- Schön, sagt er, tragt sie nur hinaus, der Totengräber wird's schon machen. -- Wegen der Einsegnung, Hochwürden! sag' ich. Einsegnung? sagt er und macht ein Gesicht, just als hätte er von solchen Sachen noch nie etwas gehört; seit wann werden denn Selbstmörder eingesegnet? sagt er. -- So ein Wort, das stoßt einen nieder. Hochwürden, sag' ich, melde gehorsamst, meine arme Schwester, die immer so heiter und fromm gewesen! Da kann man sich's denken, was für Herzensnot sie hat ausgestanden, bis zu diesem letzten Schritt. -- Herzensnot! Flausen! sagt darauf der Herr Pfarrer, die höllische Lieb', natürlich! nicht so liederlich leben, dann bleiben solche Sachen aus. -- Mir ist jetzt schon der Zorn gekommen,« erzählt der Feldwebel weiter, »aber ich halt' noch die Hände zusammen und bitte ihn: Nur nicht auch noch diese Schande zu der anderen! -- Natürlich, sagt jetzt der Pfarrer, um die Schand' ist Euch, und nicht um den kirchlichen Segen. Soll der Sünderin unbußfertiger Tod noch geehrt werden? Meinetwegen, wer's tun mag! ich gebe mich dazu nicht her. Ich will ein Vaterunser für sie beten, doch sie einsegnen -- nein. Und das ist mein letztes Wort.« -- Jetzt schnauft der Christian sich aus und fährt mit dem Tuch über sein erhitztes Gesicht.

Einige Weiber huben auf diesen Bericht alsbald an zu weinen, der Sandinger war in seinem knochigen Gesicht ganz blaß geworden und ballte eine Faust. Ich befahl den Männern, daß sie den Sarg heben sollten, nachher ging es langsam unter lautem Gebete vorwärts. Die Kirchenglocken schwiegen, als ob Karfreitag gewesen wäre. Aus den Gruppen der Dorfleute, an denen wir vorüber mußten, vernahm ich manches höhnische Wort, suchte es aber mit einem Gebete laut zu überschreien, weil ich befürchtete, daß der Feldwebel, welcher neben mir herging und sehr aufgeregt war, sich mit den herzlosen Spöttern in einen unangenehmen Handel einlassen könnte.

Am unteren Ende des Dorfes zogen wir hinaus. Der Friedhof liegt jenseits des engen Tales, hinter welchem die hohen Berge ansteigen. Er liegt am Fuße eines felsigen Hügels, auf welchem die Ruine einer Kirche steht, die im Revolutionsjahr niedergebrannt worden ist. Der dachlose Turm mit der zu einer Seite abgebröckelten Mauer steht da wie ein hohler Riesenzahn, das Kirchendach ist stellenweise eingebrochen. Wo der Hochaltar gewesen, dort hatte man außerhalb eine hölzerne Kapelle hingebaut, die dem rechten Schächer Dismas geweiht ist. Über dem Eingange derselben stehen die Worte: »Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein.« Doch hat dieser Heilige in der Gegend keine große Anhängerschaft. Nur einmal des Jahres, am ersten Freitage nach Ostern, wird in der Kapelle die Messe, welche der alte, daneben im halbverfallenen Pfarrhause wohnende Benefiziatenpriester liest, von einer größeren Anzahl Andächtiger besucht, weil an diesem Tage auf der angrenzenden Wiese eine Art von Jahrmarkt sich zu entwickeln pflegt. Sensen, Sicheln, Wetzsteine, Futterrechen, Strohhüte, Gartensämereien und dergleichen, was der Frühling und Sommer heischt, gibt es auf diesem Markte. Den Schächer Dismas und seine Messe nimmt man nur so nebenbei mit. Ein alter Schuhflicker, welcher in der Kapelle den Meßnerdienst versieht, wollte dem verkommenden kleinen Orte dadurch aufhelfen, daß er es bei jeder Gelegenheit dartat, wie es im Himmel und auf Erden keinen wirksameren Patron gegen verhexte Wetter gebe, als den heiligen Dismas. Es half aber nicht viel, denn jenseits des Baches im Dorf steht das Schulhaus, und darin ist zu hören, so oft man will, daß es gehexte Wetter gar nicht gebe. Also ist der Dismasstein, wie die felsige Stätte heißt, dem langsamen und sicheren Untergange geweiht. Nur die Toten kommen hinaus zu ihm. Nun trugen wir ihm auch den unsern zu.

Als wir zur Brücke hinabkamen, krachten schon die Pöller, worauf einer der Träger zum anderen murmelte: »So fürnehm wird nicht bald eins begraben, wie jung Katharina.«

Jenseits zwischen Auen und Feldern hinan war ein tiefer enger Hohlweg; und als wir diesen entlang zogen, begegnete uns an der Biegung der Hochzeitszug. Die lustigen Burschen und Mädeln, die Musikanten, der Wagen mit dem Brautpaare von oben herab, wir mit dem Sarge von unten hinauf.

Als wir uns fast plötzlich so gegenüberstanden, sagte der Sandinger zum Brautführer: »Da sind wir!«

Die Hochzeitsleute waren weit erschrockener als wir. Unser Knecht mit dem losen Maul schnob sehr vernehmlich mit der Nase und rief dann: »So geht's, wenn bei einem Begräbnis nicht geläutet wird; können sich die lustigen Leut' nicht vorsehen. Na, Musikanten, aufgespielt!«

Den Hochzeitsleuten war der Witz geradezu vergangen. »Wenn das eine gute Vorbedeutung sein soll!« rief einer laut hin.

»Wer weicht aus?!« fragten unsere Träger.

Aus dem ersten Wagen hatten mehrere Burschen schon die Braut gehoben und an den Weghang gelehnt. Ei ja, die reiche Sewingerin! War aber so kugelrund, daß sie der Brautführer an der Lehne festhalten mußte.

»Das ist er!« knirschte der Feldwebel und legte die Hand an sein Stilett, »dieser Brandschacher Loisl!« und deutete auf den feinen Bräutigam, der rasch aus dem zweiten Wagen sprang und eifrige Anstalten traf, daß die Pferde ausgespannt würden und alle Wägen an die Berglehne gehoben.

»Den will ich fragen, mit welcher er jetzt zu gehen hat!« murmelte mein Feldwebel mit unheimlich wildem Auge.

»Valentin!« schnaufte ich und hielt seinen Arm fest. Er heißt aber Christian. Der Valentin kam mir nur plötzlich aus dem »Faust« durch den Kopf geschossen.

Die Träger standen ein wenig zur Seite, so gut das gehen mochte. Die Hochzeitsleute, auch die Musikanten und die Kranzeljungfrauen darunter, drängten sich vorbei, und unter ihnen duckte sich auch der Bräutigam hastig am Sarge vorüber.

»Stad, stad, Brandschacher, sie tut dir nichts!« also sprach noch der Sandinger; bald hernach waren wir glücklich auseinander. Der Hochzeitszug bewegte sich unter Musikklang und Pöllerknall ins Dorf hinein, wir schritten mit lautem Gebete vollends zum Kirchhof hinauf.

Ich war selbst froh, daß wir so gut auseinander gekommen, und ich dachte: Christian! trotz deiner Anlage zum Zorn! Das Stilett an der Hand, warst du Mannes genug, die Rache dem zu überlassen, dessen sie ist.

Mir war aber nun bange vor dem Augenblick, da wir den Sarg ohne priesterlichen Segen in die Grube senken sollten.

Das Grab war etwas gar zu nahe an der abseitigen Kirchhofmauer. Als wir nach seiner Richtung hin zwischen den wildbewucherten Hügeln und Kreuzen hindurch eingebogen hatten, wehte durch die Luft der Schall eines Glöckleins. In der Kapelle zum heiligen Dismas wurde geläutet. Mehreren der Leidtragenden wurden die Augen feucht darüber, daß der welteinsame mißachtete Heilige der armen Katharina einen Gruß sandte in das Grab. Und da fiel es einem Weibl plötzlich ein, und schrill sagte es zwischen den Worten des Gebetes heraus: »Christ erbarme dich der armen Seelen im Fegefeuer, Leut', vielleicht ist der alte Herr daheim!«

Der alte Herr! Das war der mühselige Benefiziatenpriester, welcher sich den Dismasstein gewählt hatte, um hier still und arm seine Tage zu beschließen. Man sah ihn selten, außer wenn er in der Kapelle die Messe las; seine alte Haushälterin, die manchmal ein bißchen umging, um milde Gaben zu sammeln, erzählte, auch wenn niemand danach gefragt hatte, daß der alte Herr in seinem Lehnstuhle sitze, das Brevier bete und Tabak schnupfe.

»Ja!« sagten wir alle, »wahrlich! vielleicht ist der alte Herr so gut, daß er ihr den letzten Segen gibt ins Grab.« Nicht lange überlegten wir. Der Sarg wurde abgeladen auf grünem Rasen, die Leute stellten sich rings um denselben und beteten und hielten ihre Hände vor die Augen, weil die heiße Sonne niederschien vom Himmel. Der Sandinger und ich stiegen den Steinhügel hinan gegen die ruinenhaften Gebäude. Aus der Kapelle eilte uns der Meßner entgegen und hielt uns den Hut offen, weil er der Meinung sein mochte, wir kämen, um ihn fürs Läuten zu entlohnen. Das geschah auch und dann fragten wir dem alten Herrn nach.

Die Steintreppe, welche wir hinaufgewiesen wurden, war mit Moos und Gras so sehr bewachsen, daß wir gleich merkten, ein großer Ein- und Ausgang fände hier nicht statt. Endlich standen wir in einem gewölbten Zimmer mit tiefen, vergitterten Fensternischen. Ein Tisch, ein Büchergestelle, ein Vogelkäfig mit schreiendem Star, ein Betpult vor dem Bildnisse des Gekreuzigten, und am Fenster ein Ledersessel, in welchem der alte Herr saß. Ich sah von ihm hinter der Lehne anfangs nichts, als ein weißes Haupt. Das richtete sich nun ein wenig auf, um zu erforschen, wer denn so fremd und ungeschlacht in die Stube trete.

»Hochwürden!« redete ich ihn nun an. »Wir bitten tausendmal um Verzeihung, daß wir Sie so in Ihrer Häuslichkeit stören. Wir kommen mit einem Anliegen, mit einer großen Bitte.«

»Nun, nun,« murmelte der Greis mit ganz heiserer Stimme und richtete sich mühsam empor. Sein offenes, glattrasiertes Gesicht hatte freundliche Züge, aber mit seinen grauen Augen schaute er starr vor sich hin. Er tastete nach dem Stock, der am Sessel lehnte.

Ich trug ihm hierauf unser Leid vor, erzählte die traurige Geschichte von der Katharina Radstuberin, wie der Herr Pfarrer von Wenkelbach uns die kirchliche Einsegnung verweigert habe und wir nun auf das inständigste bäten, der hochwürdige Herr wolle an ihrem Grab ein kurzes Gebet sprechen, bevor die Grube zugescharrt würde.

»Pscht!« machte der alte Herr und schlug mit der flachen Hand auf die Kutte, da war der Vogel im Käfig still, und er konnte sprechen.

»Der Herr Pfarrer will sie also nicht einsegnen,« sagte er in sehr mildem Tone. »Es wird ihm gewiß recht schwer ums Herz sein, daß er es nicht tun kann, aber er hält sich halt strenge an die Vorschriften.«

»Mein Gott!« rief der Sandinger, »so soll das unglückliche Wesen wirklich wie ein Hund verscharrt werden!«

»O Narrle, wer sagt denn das?« sprach der alte Herr gegen die Wand hin, ohne sein Haupt auch nur einmal nach uns zu wenden. »Ich tue es ja recht gern. Die Traurigen muß man wohl trösten. Die Welt ist so voller Leid und Schuld, ich weiß es. Nicht noch tiefer in das Elend drücken, neu aufrichten muß uns der heilige Glaube. Ich will schon hinabgehen. Nur daß meine Regerl jetzt nicht da ist, so daß ich euch bitten muß, ihr möchtet mir ein wenig die Hand reichen. Der liebe Gott hat mich recht mit Alter und Mühsal gesegnet.«

Da merkten wir's, er war fast lahm und blind. Der Sandinger zu seiner Rechten, ich zu seiner Linken, so führten oder trugen wir ihn vielmehr die Treppe, den Hügel hinab gegen den Kirchhof. Als die am Grabe uns so kommen sahen, erhob sich unter ihnen eine Bewegung, sie eilten dem alten Herrn entgegen, um ihm ehrerbietig und dankbar die Hände zu küssen. Er ließ es ruhig geschehen. Mittlerweile war auch der Meßner mit Chorhemd, Stola und Weihwassersprengel gekommen. Gestützt auf meinen Arm, hat der ehrwürdige Greis das Grab gesegnet, den Sarg, als er in der Tiefe stand, mit geweihtem Wasser besprengt und für die Seele der Abgeschiedenen ein Gebet verrichtet. Dasselbe schloß mit den Worten, die unser Herr am Kreuze zum bußfertigen Missetäter gesprochen: »Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein, Amen.«

Wir alle waren bewegt. Und zum Priestergreise, der aus dem unerschöpflichen Borne des Christentums so reichen Trost den Trauernden spendete, blickten wir auf wie zu einem Heiligen.

In demselben Augenblicke, als der Totengräber unter raschen Spatenstößen das Grab mit Erde füllte, dröhnten vom Dorfe her rasch hintereinander drei Pöllerschüsse. Das Zeichen der vollzogenen Trauung.

Die Rache der Knechtin.

Die Hubsteinerin saß in ihrer frostigen Kammer auf dem Schemel und wiegte an der Brust ein kleines Kind.

»O Närrlein!« sagte sie zum vergeblich sich mühenden Säugling, »es ist halt noch nichts drinnen. Bei uns geht's zu, wie bei den hohen Herrschaften: um vier Uhr erst Mittag essen. Bis nur die Sofferl heimkommt, die wird schon wieder was bringen. Hab' nur ich erst meine gute Suppe, dann wird's auch dir nicht fehlen. Eio, popeio!«

Der kleine Wurm schien sich denn auch zufrieden zu geben; er war dergleichen Verspätungen schon gewohnt und mochte sich als gescheites Wickelkind denken: Ich hab' auf den Hunger gewartet, ich will auch auf das Essen warten. Warten, das ist ja die Arbeit der kleinen Kinder.

Jetzt kam die Sofferl heim, das rundwangige muntere Schuldirndl. Vom Pfarr- und Schuldorfe Pichlern kam sie. Das Dirndl hatte ein blaues Handbündl, das sich kalt und schwer und schwammig anfühlte. Ein Stück frischen Fleisches war drin.

»Auch einen Brief habe ich mit!« rief das vom Laufen noch frisch gerötete Mädchen fröhlich.

»Einen Brief?« fragte die Mutter, »wer soll denn mir schreiben?« Sie hatte in der weiten Welt keine Bekannten und keine Verwandten. »Hast ihn von der Schul'?«

»Der Herr Stadinger hat mir ihn mitgegeben, und er laßt dich grüßen, und du sollst ihn nur lesen.« So das Dirndel.

Wichtiger als das Briefchen war aber jetzt das Zubereiten des Stückchens Rindfleisch, welches der Arzt dem kränklichen Weibe verordnet hatte, das vor sechs Monaten Witwe und vor drei Monaten zum dritten Male Mutter geworden war. Das Weib eines Wegmachers; den Mann hatte man eines Tages tot am Steinbruche gefunden. Ein herabstürzender Felsblock hatte nicht erst gewartet, bis der Mensch ihn zu Schotter geschlagen, da wollte er lieber einmal der angreifende Teil sein. Als wenige Monate später das Knäblein erschien, kam auch die erste Rate der Jahrespension, die im ganzen hundertvier Gulden betrug nach Abzug der Steuer. Reicht das jährlich für ein krankes Weib und drei Kinder? Der zweijährige Junge gab für seine Person darauf Antwort, er erkrankte an Auszehrung und starb. Für die übrigen wird's doch langen? Ja, meine liebe Hubsteinerin, man erlebt viel in kurzer Zeit, und wir sind noch nicht fertig.

Während die Fleischbrühe kochte, las das Weib den Brief. Der Wirt und Fleischhauer Stadinger schrieb mit eigener und fester Hand folgendes:

»Liebe Hubsteinerin!

Bitt schön um Entschuldigung, dasmal wird's wohl das letzte Mal sein mit dem Fleisch ohne Geld. Jetzt macht's glatt sechzig Gulden, auch das Brot und alles zusammen. Habe lang genug gewartet und muß Dich jetzt wohl bitten um Zahlung, indem ich es sonst dem Notar übergebe. Ich nimm auch die Kuh, wann's Dir lieber ist und das Geld nit hast.

Pichlern, 13. Juni 1876.

Mit Achtung ~Johann Stadinger~, Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«

Der Brief war gelesen, das Fleisch im Topfe hub an zu brodeln. Das Weib seufzte nur, sagte aber nichts.

Bald darauf bekam das Schuldirndl, die Sofferl, ihr Mittagsmahl. Suppe und Brotschnitten; auch vom Fleisch durfte sie heute essen, der Mutter war der Hunger vergangen. Wenn's so stand, wollte es aber auch dem Dirndl nicht recht schmecken. Einstweilen schaukelte es die Wiege mit dem Brüderlein.

Da war jemand draußen. Im Vorgelaß des Häuschens schwerfällige Schritte und im Dunkeln ein Tasten nach der Türklinke. Die Hubsteinerin öffnete von innen, da stand der Herr Stadinger vor ihr. Ein großer breitschulteriger Mann mit rotem Gesicht, kleiner Stumpfnase, Doppelkinn und grauem, kurzgeschnittenem Haar. Der schmalkrempige Hut saß im Nacken. Um den Leib eine weiße Schürze geschlungen, in der fleischigen Hand einen Knorpelstock, hinter sich einen großen zottigen Hund. Mit den klugen Äuglein zwinkerte er, sein Gesicht ging gutmütig in die Breite, der Mann sah ja gar nicht so schlimm aus, als er sich in seinem Briefe gestellt hatte. Er reichte dem Weibe auch gleich die Hand und sagte:

»Schaust noch nicht gut aus, Wegmacherin! Mußt dir besser zuklauben.«

Sie antwortete nicht. Er tat, als wäre er ganz zufällig da, und weil er gerade im Vorübergehen sei, so wolle er ein wenig rasten und sich vom Herde Tabakfeuer nehmen.

Allsogleich nahm die Sofferl mit der Feuerzange eine glühende Kohle, und der Herr Stadinger, welcher schon auf einem umgestülpten Bottich saß, mußte sich beeilen, daß er mit dem Rauchzeug zurecht kam, bevor die Kohle verglost war.

»Ein kreuzbraves Dirndl bist,« lobte er das Schulmädchen.

»Wenn sie nur nicht so arge Briefe heimbringen tät!« meinte die Hubsteinerin einlenkend. »Um Gottes willen, Fleischhacker, du willst dein Geld. Glaub' dir's ja gern, aber wo soll ich jetzt so viel Geld hernehmen? Ich sitz' mitten im Nichtshaben.«

Sehr gutmütig antwortete der Stadinger: »Ich sehe es wohl ein, daß es hart ist für dich. Aber schau, wenn du heute nicht zahlen kannst, wo das Elend erst anhebt, später, wenn es größer ist, wirst noch weniger können.«

»Das ist ein schöner Trost,« sagte sie. »Da wäre es freilich besser, heute verhungern, statt morgen, wenn es doch schon einmal verhungert sein muß.«

»Ich will dich nicht drücken,« sagte der Stadinger. »Es muß nicht Bargeld sein; wie ich dir geschrieben habe, ich nehm' auch die Kuh.«

»Unser Herrgott den Mann und der Fleischhacker die Kuh! Kinder, alsdann sind wir fertig.« Diese Worte richtete das Weib gegen die Wiege hin, dann fuhr sie sich mit dem Schürzenzipf rasch über das Gesicht.

Der Stadinger schwieg. Am Ende war er gerührt! Ein Jammer war es mit diesen Leuten, das sah er freilich. Das kranke Weib und die Kinder, die nichts verdienen können und doch essen möchten!

»Sofferl heißt sie, gelt?« fragte er die Witwe, auf das Dirndl weisend.

»Mein Gott, nur ein paar Jahr noch, und ich hätte an ihr eine Stütze,« sagte das Weib.

»Willst sie bei dir behalten? Hubsteinerin, das täte ich nicht. Daheim bei dir lernt sie nichts, als Notleiden und Kinderlocken. Wäre schad' ums Dirndl. Mußt ihr's besser meinen. Geht's schon dir selber schlecht, so mach's wenigstens deinen Kindern besser. Wie alt ist sie denn?«

»Die Sofferl?« fragte das Weib entgegen, dachte eine Weile nach und sagte dann: »Im zehnten wird sie sein.«

»Ist Zeit, daß sie in ein Haus kommt. Hubsteinerin! Ich rat' dir gut, mir derbarmt das Schluckerl. Mach's deinen Kindern besser, als du's selber hast!«

»Lieber Gott im Himmel!« seufzte das Weib und faltete die Hände über ihre Brust. »Es den Kindern besser machen! Welche Mutter möchte das nicht!«

»Weißt du was, Hubsteinerin,« sagte er und spielte mit dem Knotenstock, als wollte er damit auf dem Fletz etwas hinzeichnen. »Gib mir das Dirndl.«

Sie machte sich abgewandt am Herde zu schaffen.

»Gib mir's!« wiederholte der Fleischhacker. »Bei mir hat sie's gut, ißt sich satt und lernt einen Verdienst. Mir fehlt eh so ein Dirndl. Man braucht's. Kann einmal Kellnerin werden, wenn sie brav ist. Ich nehm's. Gib sie mir!«

»Wäre gut gemeint,« entgegnete das Weib. »Aber was fang' ich an, wenn ich das Dirndl nicht hab'. Ich brauch's ja schon auch fürs Kleine.«

»Das Kleine ist bei dir selber am besten aufgehoben,« wendete er ein. »So lang bis du wieder gesund bist und dir wieder erwerben kannst, sollst von mir das Fleisch haben und die Schuld ist gestrichen von dem Tag an, wo du mir das Dirndl gibst.«

Die Sofferl horchte jetzt ein wenig auf. Die Mutter wendete sich um und sagte: »Du wärest erst gut, Fleischhacker, das kunnt dem armen Wesen ja zum Glück sein.«

»Wenn sie anstellig ist, so weiß man nicht, zu was sie es noch bringen kann. Eine Kellnerin, sagt man, hat allerhand Schlüssel an der Schürze.«

»Du machst mir grad das Herz leicht!« rief das Weib.

»Daß du weißt, ich bin kein Stein. Und bist dem Fortkommen deines Kindes nicht im Weg, so machen wir's richtig. Das Dirndl laß ich holen, und du hast um eine Sorg' weniger. Ich nehm's ganz, brauchst dich gar nicht mehr drum zu bekümmern. Ganz nehm' ich's.«

Jetzt kam das Weib an ihn heran, tastete unsicher nach seiner Hand und sagte mit zitternder Stimme nichts als: »Vergelt dir's Gott, Fleischhacker!«

»Hast Feder und Papier?« fragte er. »Ich verpflichte mich schriftlich.«

»Das hat's nicht not, um Gottes willen!« rief sie. »Daß du's ehrlich meinst, weiß ich wohl eh.«

»Ich verpflichte mich schriftlich,« wiederholte er. »Im Guten wie im Schlimmen, eine Schrift ist allemal gut. Ich kunnt' heut' oder morgen sterben, daß es meine Nachfolger wissen, was ihre Pflicht und Schuldigkeit ist. Richtig ist richtig.«

Nun war in dem armen Häuschen Schreibzeug aber schwer aufzutreiben. Die Hubsteinerin brachte ihren Ehevertrag herbei, der hatte ein leeres Blatt. Wenn der Mann tot ist, hat auch der Vertrag keine Wichtigkeit mehr; dieser hatte eigentlich nie eine gehabt; auf »randlose Gütergemeinschaft« lautete er, hatte der Mann nichts besessen und das Weib nichts. Auf jeden Fall ist das leere Blatt daran überflüssig; der Stadinger riß es herab. Der Tintentiegel wurde auch aufgefunden, in demselben war nichts, als eine schwarze Kruste, der Stadinger goß einige Tropfen Wasser drauf. Eine Feder brachte das Dirndl vom Freien herein. Es war eine Rabenfeder; »aber sie tut's schon,« sagte der Fleischhacker, »zur Not tut sie's schon.« Er schnitt sie, spaltete sie geschickter, als solches seiner plumpen Hand zuzutrauen war, setzte sich an den Schubladkasten, ein Tisch war nicht vorhanden, und begann zu schreiben.

Das Weib säugte ihr Kind; die Sofferl schaute dem Schreiber zu und stellte insgeheim Vergleiche an zwischen diesem und ihrem Schulmeister.

Nach einer Weile war's fertig:

»~Kontrakt!~

Die Maria Hubsteinerin gibt dem Anton Stadinger, Fleischhackermeister und Grundbesitzer zu Pichlern, ihre Tochter Sophie, und Anton Stadinger nimmt zeitlebens alle Pflichten und Rechte auf sich, indem er auch der Hubsteinerin die Schuld von sechzig Gulden nachläßt und sie weiter noch unterstützen wird. Mit freiem Willen unterschrieben von

~Anton Stadinger.~ Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«

»Und dahier,« sagte der Stadinger, nachdem er die Zeilen gelesen, »dahier schreibst du auch deinen Namen: Maria Hubsteinerin.«

Ohne ein Wort zu sagen, ergriff das Weib mit leise zitternder Hand die Feder -- ach, wie sie spröde war! -- und schrieb mit deutlichen Buchstaben langsam ihren Namen hin.

»Alsdann wär's fertig,« sagte der Fleischhacker, legte das Papier in seine bauchige Brieftasche und schob diese in den Sack. »Morgen oder übermorgen kannst sie bereit halten. Das Fleisch laß ich dir später durch einen Kohlenfuhrmann schicken, der ohnehin vorbeifährt. Und jetzt, behüt' Gott! Halt' dich gut, Sofferl, derweil!« Dann pfiff er seinem Hund und ging schwerfällig davon.

Als sie wieder allein waren, versuchte es das Weib mit dem Essen. Das ging aber noch immer nicht. --

Nun strichen mehrere Tage dahin wie gewöhnlich. Es war keine Rede von der Übersiedlung des Dirndls, es kam das halbe Kilo Fleisch wie gewöhnlich, und die Hubsteinerin glaubte schon; es sei alles wieder in Vergessenheit geraten und beim Alten geblieben. Da sprach eines Nachmittags der Kohlenführer zu, der Herr Stadinger zu Pichlern hätte gesagt, er solle das Wegmacher-Dirndl mitbringen.

»Heute ist die Wäsche nicht fertig, es soll morgen oder wann wer anfragen.« So beschied das Weib.

Zwei Tage darauf stand draußen auf der Straße der zottige Hund, bald hernach kehrte der Fleischerknecht des Herrn Stadinger im Häusel ein. Der sei, wie er berichtete, nach Unterdorf um ein Kalb geschickt worden und habe den Auftrag, falls er das Kalb nicht erstünde, die Wegmacher-Sofferl mit nach Pichlern zu bringen.

Als ob der Fleischerknecht ihr das Messer ins Herz gestoßen hätte, so war jetzt dem armen Weibe. Hören und Sehen verging ihr.

Nach einer Weile mußte ihr der Mann den Auftrag nochmals ausrichten. Der Stegbauer zu Unterdorf sei ein Narr, sein Kalb wiege nicht vierzig Kilo, und der Mann wolle zweiundzwanzig Gulden dafür haben. Da soll er sich's selber braten, habe er, der Fleischerknecht, gesagt, der Herr Stadinger wisse billigere und bessere Ware.

So erzählte der geschwätzige Knecht. Die Hubsteinerin blieb jetzt aufrecht und sagte: »Geht Eures Weges, mein Kind ist nicht feil.«