Geschichten aus Steiermark

Part 15

Chapter 153,833 wordsPublic domain

»Eine verdammt Feine bist!« sagte er. »Aber mir ist's schon recht. Eine gescheite Frau zu haben, ist kein Schaden. Das Briefel will ich besorgen.«

»Das tu' ich selber,« sagte das Dirndl. »Es kommt an den rechten Ort, brauchst dich nicht drum zu bekümmern.«

Jetzt war ihm gut, jetzt war ihm leicht. Ach, das war für den jungen Stadinger ein glückseliger Nachmittag. Der alte Fleischhauer fluchte über die Abwesenheit des Jungen. »Gewiß!« so rief er dann angeheitert den Gästen zu, »gewiß steckt er drüben in Solgenstein bei den Sensenhammerischen. Ist ja in die ganze Familie vernarrt. Und ich mach' gleich meine Einladung zur Hochzeit. Ja, ja, wenn wir das Stadingergut und die Hammerherrschaft zusammentun, das gibt einen Eselsfleck auf der Weltkugel. Ein Narrenglück hat er, mein Karl!«

Am Abende sah der Stadinger die Sofferl über den Hof eilen. Na, die bekam es! Heute war er giftig. Wo sie gesteckt habe den langen geschlagenen Nachmittag? Ein Tunichtgut und ein Taugenichts und ein Faultier, und allerlei Donnerwetter und Kreuzsapperments darunter! So stark ging's los, daß das Dirndl sagte:

»Herr Vater! Eine solche Litanei lasse ich mir nicht vorbeten. Wir müssen uns jetzt einmal ein gemütlicheres Reden angewöhnen zueinander.«

»Was sagst? Knechtin, was nimmst dir heraus? Soll ich dir deinen Standpunkt wieder einmal klar machen? Ich habe einen schönen Brief über dich, wenn du ihn sehen willst!«

»Ich habe auch einen schönen Brief!« sagte das Dirndl, das Schreiben in der Luft schwingend. Dann lief sie mit demselben dem Posthause zu. --

Am nächsten Tage ließ der alte Stadinger seinen Sohn in die Stube rufen.

»Gestern hast mich wieder einmal sauber allein gelassen bei den Gästen,« redete er ihn an, »na, sei nur still, ich weiß, wo du gewesen bist. Macht auch nichts. Was anderes wollt' ich sagen. Mit dieser Bettlerdirn! Zum Totärgern ist's, was die mir gestern für Gegenred' gehabt hat. Ich glaub', die wird spießig, ich glaub', die muß man walgen. Schick sie diese Wochen in den Holzschlag hinaus, die hart' Arbeit wird sie schon wieder weicher machen.«

»Wen?«

»Die Sofferl mein' ich!« brummte der Alte.

»Ist mir recht, daß wir von ihr reden,« sagte der Bursche. »Kommt mir aber nicht leicht an, Vater, was ich zu sagen habe. Dem Menschen ist's halt angeboren, man kann nichts dagegen machen, und die Sach' läßt sich nicht zwingen und nicht wehren.«

»Was ist denn das für eine Umrederei?« fragte der Alte scharf.

»Ich denk', wir reden ein andermal davon,« sagte der Bursche. »Auf einmal geht's nicht, und jetzt muß ich auf's Rübenfeld. Das gute Wetter hält nicht an, es sinkt der Barometer.«

Viel mehr wurde nicht gesprochen an diesem Montagmorgen. Als jedoch am Dienstag der Alte schärfer drauf drang, das Dirndl zur Züchtigung in den Holzschlag zu schicken, konnte Karl das, was einzugestehen war, nicht mehr länger verschieben. Auch konnte mit jeder Stunde aus Solgenstein die Rückwirkung der Verlobungsanzeige eintreffen.

»Ich glaube, Vater,« begann er, »Ihr kennt die Sofferl noch nicht gut genug. Ihr behandelt sie immer nur als Knechtin, und das ist ganz natürlich. Aber so einfältig ist sie nicht mehr, daß sie an den dummen Schein noch glaubte. Ist auch Zeit, daß dieser Spaß aufhört. Sie bleibt freiwillig, ich stehe dafür. Die muß man kennen! Daß sie frisch, fleißig, sparsam, treu und gescheit ist, das wisset auch Ihr, ist keine letze Person. Ich kenne sie noch von einer anderen Seite ...«

Der Alte trat einen Schritt zurück, er stolperte dabei über einen Schemel, so daß der Sohn ihn stützen mußte.

»O, ich dank' dir, ich steh' schon, ich fall' nicht!« stieß er heraus. »Also die Sofferl gefällt dir so gut!«

»Ihr habt mir ja selber dazu geraten.«

»Und das --« Der Alte unterbrach sich. »Ja, du hast recht,« sagte er, »ein braver Bursch', der seiner Zuhälterin das Wort redet. Sie soll nicht in den Holzschlag, kann auf dem Rübenfeld bleiben.«

»Das was Ihr genannt habt, ist sie mir nicht, war sie mir nie,« sagte der Bursche.

Der Alte entgegnete mit leiser Stimme: »Brauchst es ja nicht zu leugnen. Ist ja eine natürliche Sach'.«

»Vater,« sagte jetzt Karl mit ruhigem Ernste, »über die Sofferl werden wir jetzt schon in einem anderen Ton reden müssen.«

Nach einem Weilchen, als der alte Stadinger ein paarmal die Stube auf und ab geschritten war, sprach er: »Du tust ja gerade, als ob -- als ob -- Solltest zu weit sein gekommen mit ihr?«

»So weit als man kann,« antwortete der Sohn. »Sie ist meine Braut.«

Hierauf schwieg er und erwartete den Sturm.

Der Sturm kam nicht. Der Alte schritt wieder auf und ab. Einmal war's, als wollte er sprechen und es fehlte dazu der Atem. Endlich nahm er das Sacktuch und trocknete sich die Stirn. Dann begann er zu lachen. »Wenn einer,« stieß er inzwischen hervor, »wenn einer, den man mit Sorgfalt führt zu seinem Wohlergehen, jäh ausreißt und dumm weiter tappt und ins Unglück springt, so ist das zum Lachen! Zum Lachen ist's, ha, ha! Das Weinen wär' er nicht wert. Du bist das Lachen und das Weinen und deinen Vater nicht wert. Wenn ich dich enterben könnte ...«

Der Sohn suchte ihn sanft und kindlich zu beruhigen. Er wies darauf hin, daß der Stadingerhof für sich groß und reich genug wäre, daß man kein fremdes Stück dazu mehr brauche, daß er ordentliche und fleißige Leute reichlich ernähre und in Ansehen erhalte, und daß die Hauptsache in der Ehe die Liebe und das Sichverstehen sei. Er sagte alles, was man in solchem Falle eben zu sagen pflegt, und als er nichts mehr wußte, schwieg er.

Der alte Stadinger schüttelte den Kopf und immer wieder den Kopf. Er war völlig fahl geworden in seinem runden Gesichte. Endlich zuckte er die Achseln und sagte aus gehobener Brust: »Verhext hat sie ihn! -- Aber --« Er stellte sich mit gefalteten Händen hin vor den Sohn, »daß du gerade die beste hättest haben können, und daß du gerade die schlechteste nehmen willst! -- Ah nein, du bist Schelm genug und hast mich brav gefoppt. Hauptspaßvogel du! Die Betteldirn! Die Knechtin! Hi hi!« Er versetzte dem Burschen einen Puff an die Seite, der schalkhaft hätte sein sollen.

Karl hielt es für das klügste, für heute abzubrechen. Die Portion war groß genug gewesen.

Wieder einen Tag später ließ der alte Stadinger das Dirndl zu sich rufen, trug ihr einen Sitz an, den sie nicht nahm, und fragte sie fast demütig, wieviel sie verlange, daß sie den Zauberbann löse, mit dem sein Sohn umgarnt worden sei.

»Um Haus und Hof geht's dir!« rief der Stadinger.

»Um Haus und Hof?« entgegnete sie verblüfft. »Kriegt der Karl Haus und Hof? Ich habe ja gemeint, er wird enterbt, wenn er die Knechtin nimmt. Haus und Hof das behaltet selber, Herr Vater.« Dann richtete sie sich auf: »Ich weiß von Reichtum nichts und von Armut nichts, ~ihn~ will ich haben, sonst will ich nichts, ist mir alles zu schlecht.«

Dem Alten wurde heiß und kalt, als er diese Leidenschaft sah. Nach so einer hatte er auch geplangt in seiner Jugend, aber keine gefunden. War auch ein Glück, der Mann muß seinen Kopf aufrecht halten für die Wirtschaft. Und die Weiber? Liebhaben kann man die armen, heiraten tut man die reichen.

Diesmal war weiter nichts zu machen. Abwarten, bis er ausgebrannt hat, der dumme Junge. Nachher wird er von selber klug. -- Wenn man sich nur darauf verlassen könnte! O verzweifelt, verzweifelt!

Es gibt Versicherungsgesellschaften gegen Feuer, gegen Wasser, gegen Hagel, gegen Seuchen, gegen Diebe, gegen alles Mögliche, dachte der Stadinger, nur gegen das größte Elementarunglück, gegen die Dummheit, gibt es keine. Diese verdammte Liebe, diese vermaledeite! Aber wer gescheit ist, dem macht sie nichts. Nur den Toren! -- Verlobt haben sie sich. Meinetwegen, wenn sie nur nicht heiraten. -- Auf jeden Fall müssen die Sensenhammerischen warm gehalten werden.

Er fuhr auf seinem Wäglein nach Solgenstein, aber die Sensenhammerischen waren schon kalt. Als er sich anmeldete, ließen sie sich verleugnen, es wäre niemand zu Hause. Der Stadinger kehrte beim Hirschenwirt ein, und aus Ärger kam er zu tief ins Glas. Auf der Heimfahrt nächtigte es, das Rössel wurde ungebärdig und warf Wagen und Fuhrmann in den Straßengraben. Wohl packte der Mann mit Mühe und Not sich wieder zusammen, aber als er nach Hause kam, wimmerte er vor Schmerzen. Das rechte Bein war ausgerenkt. Der Kurschmied wurde gerufen, aber darauf wurde es noch schlimmer. Die ganze Nacht lang ächzte und schrie der freilich durch beständiges Wohlergehen wehleidig gewordene Mann; alle Hausleute liefen zusammen, selbst die Gäste aus der Schankstube, jedes wußte einen Rat, aber keiner war etwas nutz. Auch die sieche Frau Stadingerin kam aus ihrem Zimmer, aber nur um ihm heftige Vorwürfe zu machen, daß er umgeschmissen habe; dann siffelte sie wieder in ihr Nest, welches sie fast nie mehr verließ. Sie kümmerte sich um nichts, nur wenn sie Grund zum Keifen witterte, kroch sie hervor. Endlich blieb die Frau ganz liegen, vergraben in ihrer Gicht und Giftigkeit. Als die Sofferl sah, der Stadinger hätte keine Hilfe und keine Labe, streifte sie ihre blauen Ärmlinge auf: Das wolle sie doch sehen, ob dieser ungute Fuß denn nicht ordentlich zu verbinden sein sollte! -- Sie richtete Späne und Binden zusammen, ging frisch an die Arbeit.

Als das Bein gleichgerichtet und gefatscht war, hörte das Wimmern des Kranken auf, und er fragte im Halbtaumel: »Ist es der Doktor?«

Die Sofferl wäre es.

»Vertrakte Dirn! Kann die auch Beine einrichten? Jetzt soll sie aber schauen, daß sie weiterkommt!«

Am nächsten Tage tat's ihm wohl, aber als er aufstehen wollte und einen Fehltritt tat, war der Teufel wieder los. Es kam eine elende Nacht, man löste das kranke Bein und verband es wieder, die Schmerzen steigerten sich so sehr, daß er gegen Morgen nach der Sofferl verlangte. Das Dirndl legte neuerdings den Verband an, da seufzte der Stadinger auf: »Ach, das tut gut!« Jetzt durfte sie nicht mehr von seinem Lager, sie pflegte und begutete ihn Tage und Nächte lang. War er ruhig, so war sie heiter und plauderte über angenehme Dinge; war er mürrisch, so schwieg sie und war geduldig.

»Ich hätt's nicht geglaubt,« sagte er, »ich hätt's nicht geglaubt.«

Sie machte ihm das Kissen recht, legte ihm das Bein recht, stellte ihm den Teller recht, wenn er aß. Anfangs zankte er und ärgerte sich darüber, daß es bei ~der~ eigentlich nichts zu zanken gab. Allmählich, denn sein Fußleiden dauerte wochenlang -- es war noch eine Sehne verrenkt und entzündet -- wurde er freundlich mit ihr, ließ sich von der Wirtschaft erzählen, hielt es nicht unter seiner Würde, mit ihr über Haus und Geschäft zu sprechen. Er hatte es gern, wenn ihre Hände geschickt und zart das Bein betreuten, wenn sie ihm das graue Haar von der Stirn strichen, und einmal faßte er ihre Hand in die seine, hielt sie eine Weile und, um dabei etwas zu sagen, sagte er: »Du bist so schön warm, Sofferl!«

Endlich konnte der alte Stadinger wieder aufrecht stehen. Und eines Morgens, nachdem die Sofferl ihm den Kaffee gebracht und gezuckert hatte, schickte er sie hinaus: Der Karl soll hereinkommen.

Der Bursche, frisch und munter wie immer, trat herein und wollte mit seinem gewohnten Wirtschaftsbericht anheben.

»Das ist ja recht, ist ja recht!« unterbrach ihn der Alte. »Etwas anderes wollte ich sagen. -- Wenn du sie haben willst, so nimm sie bald. Sonst nehm' ich sie.«

Da lachte die Sofferl draußen, denn sie hatte es gehört.

»Das dumme Papier unter meinen Schriften,« fuhr der Stadinger fort. »Sei so gut, Karl, lange mir das Packel aus dem Kasten. So wohl. -- Da ist der Wisch. Zerreiß ihn.«

Stand das Dirndl an der Tür: »Von einer Schrift ist da die Rede, die möchte ich mir ausbitten.«

»Was geht's dich an!« fuhr der Alte empor. »Bist mir eh zum Unheil ins Haus gekommen, du! Geschämt hab' ich mich schon vor mir selber, deinetwegen. Kummer und Ärger hast mir gemacht. Deine verdammte Bravheit! Jetzt bist eingenestelt. Gefangen hast uns! Höllisch aufgebracht bin ich. Da, da hast ihn, deinen Loter! Wenn er dich nimmt! Ich wett', er nimmt dich gar nicht.«

»Nein, er nimmt sie nicht!« rief der Bursche, »er ~hat~ sie schon genommen.« Und halste sie und küßte sie so heftig und schmatzend, daß dem Alten die Zähne wässerten.

Wie dem Dirndl zu Mut war, wir können es uns denken. Sie hatte geschworen, sich zu rächen für die Schmach, mit Geld gekauft worden zu sein. Sie wollte in einem anderen Sinne Stadingers unveräußerliches Eigentum werden, sie hatte es erreicht. Ihre Rache bestand in Liebe, und sie ist gut dabei gefahren.

Noch an demselben Tage wurde die Hochzeit bestimmt und der Ehevertrag aufgesetzt vom Notar. Als der unterfertigt war von allen Seiten, lief die Sofferl hinaus ins Freie, lief den Hügel hinan, von wo aus die weiten Besitzungen des Hofes zu übersehen sind. Dort reckte sie sich empor, daß sie groß wie eine Hünin wurde, dehnte ihre Arme in die Luft und rief: »Knechtin? -- ~Herrin!~ -- Juchhe!«

Das Christkind von Scharau.

Das Frommsein ist süß. Nur schade, daß es bloß alle heiligen Zeiten einmal sein kann. Die übrige Weile muß der Mensch an was anderes denken. Zu viel von der Gattung macht mager, meint der Baumbart-Bauer. Aber wenn eine heilige Zeit kommt -- insonderheit die Weihnachtszeit, da tut er die Bibel herfür. Die Bibel und das Bübel, das letztere ist sein jüngstes Söhnlein und dem legt er die Bibel aus und sagt: »Mein Gott, die Kinder!«

Denn der Knabe brennt durch und durch vor Liebe zum Christkind und die heiligen Flammen schlagen ihm zu den hellen Augen heraus. Und die Fäustlein sind gar fest gekniffen, denn es gibt auch ganz elendlich schlechte Leute in der Bibel.

Es ist der heilige Abend und es geht schon um's Dunkeln. Der Baumbart-Bauer ist eben auch schon in den Jahren, wo man mit der Frömmigkeit nicht mehr viel versäumt. Er hat sich's in der Stube bei der Bibel recht behaglich gemacht, denn das gehört dazu, und er deutet nun dem Kleinen das Weihnachtskapitel:

»Ist selb' Zeit, mußt wissen, im heiligen Land eine Volkszählung gewest, im Vergleich wie bei uns vorigen Sommers, wo der Schulmeister als Umgangssprache die lateinische angegeben hat, was richtig ist, weil beim Fronleichnamsumgang Geistlichkeit und Meßner lateinisch beten.«

»Und die Ministranten auch,« vervollständigte der Knabe, weil er ja selber einer war.

»Gehört nicht her da,« sagte der Baumbart-Bauer. »Und bei der Leutaufschreibung im heiligen Land ist auch unsere liebe Frau von weit her nach Bethlehem kommen, wo sie zuständig gewesen, und daß sie sich angeben wollt'. Ist ein arm' Weib gewesen und wie's finster worden ist, hat sie in der ganzen Stadt Bethlehem keine Nachtherberg' gefunden.«

»Hat sie nicht bei ihren Blutsfreunden anfragen können, wenn sie zuständig ist g'west?« warf der Knabe sehr brav ein.

»Meinen sollt' man's,« sagte der Alte, »aber wer so bettelarm ist, der hat keine Vettern und keine Muhmen. So gern sich die ganze bethlehemitische Freundschaft später bei der Himmelfahrt der Mutter Gottes an ihre Falten angeheftet hätte, so gern hat sie zu Bethlehem dem armen Weib die Tür vor der Nase zugeschlagen. So sind die Leut', mein Bübel, so sind die Leut'!«

»Gelt, wenn sie zu uns wär' kommen, die liebe Frau, wir hätten ihr das hintere Stübel warm heizen lassen?«

»Gehört nicht her da!« sagte der Bauer, »so christlich sind wir gleichwohl in der Scharau, daß wir die Mutter Gottes nicht in einem Ochsenstall übernachten ließen, wie das Judenvolk von Bethlehem so unbarmherzig ist gewest; die armen Hirten haben braver sein müssen. Hör' nur zu!«

Da ist die christliche Unterhaltung plötzlich unterbrochen worden. Die Baumbart-Bäuerin kam eilig in die Stube getreten, aber so leise, als ginge sie in eitel Socken; und halb über den Tisch hingelehnt, lispelte sie dem Ehemann zu: »Du, jetzt ist eine draußen, die will sicher dableiben heut' Nacht.«

»Aha,« meinte er, »für die Festtage sucht sich das Bettelvolk allemal den Großhof. Die Krapfen, die du gebacken hast, riechen halt weitum in der Luft.«

»Ein Bettelweib ist's dieweilen zwar noch nicht, die draußen steht,« sagte die Bäuerin.

»Ist's wer der will, behalt' sie und gib ihr eine Suppe.«

»Und bist gar nicht begierig, wer's sein möcht'?« fragte das Weib. »Raten kannst lang', derraten wirst es nicht.«

»Nachher wird sie von weit her sein.«

»Vom Masenthal herüber.«

»Etwan doch nicht die Plonel?«

»Schau, was du für eine scharfe Nasen hast,« sagte die Bäuerin und indem sie sich weiter über den Tisch bog und noch näher ans Ohr ihres Mannes hin: »Das stinkt aber auch danach. -- Sie laßt den Vetter schön grüßen.«

»Kann mir's denken. Umsonst kommt die nicht zu ihrem Vetter. So Leut' tragen allemal weniger ins Haus herein, als hinaus.«

»Dasmal,« meinte nun die Bäuerin, wies aber, bevor sie weiter sprach, den Knaben davon; die Kinder brauchen nicht alles zu hören. »Dasmal möcht's umgekehrt sein, däucht mich schier --«

»Wie meinst das?« fragte der Bauer und lugte sie schief an.

»Geh' hinaus, in der Küche steht sie, wenn sie sich nicht niedergesetzt hat. Betracht' sie dir einmal, die Plonel, ob sie nicht schwerer aufgefaßt hat, als ein Weibmensch in solchem Alter tragen soll ...«

In der Küche stand sie wirklich, denn sie hatte sich nicht niedergesetzt. Obwohl der größte Teil ihres Gesichtes und Körpers in ein wollenes Umhängtuch eingemummt war und obwohl sie so demütig und armselig dastand, merkte man doch leicht, daß sie jung und hübsch war. Die Augen, die zwischen der Vermummung aus einem vor Kälte und anderem geröteten Gesichte hervorschauten, waren treuherzig und traurig dabei. Die Hände, die in fingerlosen Handschuhen staken, hielt sie vorne unter dem Busen aneinander und in denselben ein Handbündel.

In die Länge war sie seit zwei Jahren nicht gewachsen, das sah der Baumbart-Bauer auf den ersten Blick. Die Plonel war ein armes, fleißiges und gutherziges Ding, eine Waise und zur Zeit, als ihre Dienstherren mit ihr wohl zufrieden, mit dem Baumbart-Bauer weitläufig verwandt gewesen. Aber seit sie vor zwei Jahren aus der Scharau ins Masental hinübergewandert war, wo die Leute um ein gut Stück lustiger sind als da herüben, und wo sie in dieser Sache die Ehre der Scharauer rettete, indem sie tatsächlich dartat, daß Scharauerblut noch viel lustiger sein könne, als welches vom Masental, und seit der Ruf davon ins Heimatsdorf zurückgekehrt war -- fand der Baumbart-Bauer, daß die Verwandtschaft mit ihr eigentlich nur eine »erheiratete« gewesen und dieselbe längst »mit Tod abgegangen«.

Diese erheiratete, aber mit Tod abgegangene Verwandtschaft hatte das Mädchen jetzt mitten im scharfen Winter aus dem fernen Tale herübergeführt, um zu den Weihnachtsfeiertagen ihre Vettern und Muhmen auf dem Baumbarthofe heimzusuchen. Als der »Vetter« in die Küche trat, wollte sie ihm die Hand küssen. Er ließ es nicht angehen, sondern sagte recht gutmütig, das wäre was Neues, daß sich die Plonel auch wieder einmal anschauen ließe. Sie sollt' nur ein wenig abrasten und einen Löffel warmer Suppe essen, auch dürfe sie ein Stück Weihnachtsbrot nicht verschmähen, obwohl er wisse, daß die Masentaler ein besseres hätten. Er täte gern sagen, daß sie in seinem Haus über Nacht bleiben möchte, wenn ein einzig Platzel aufzutreiben wäre; aber es sei über und über alles besetzt; Verwandte, die ihn über die Feiertage besucht, hätte er auch im Haus. -- Na, wie's ihr alleweil ginge? Das Aussehen wär' nicht schlecht.

Der Plonel hatte es die Rede verschlagen. -- Wie es ihr ginge? Daß sie müde ist vom weiten Weg und in einer schweren Bangigkeit! Und daß sie jetzt in der Scharau keine Herberg' hat! -- Sie hat's nicht gesagt. Als sie des Bauers, ihres einzigen Verwandten, Worte gehört hatte, konnte sie weder essen noch trinken. Da müsse sie wohl wieder anrücken, sagte sie kleinlaut und betrübt, sie hätte noch einen weiten Weg. Die Bäuerin suchte ihr etliche Krapfen aufzunötigen; der Bauer sagte ihr noch freundliche Worte, und als das Mädchen das Umhängtuch fester um ihren Körper gebunden hatte und langsam, mit jedem Schritte völlig zögernd, in den dämmernden Winterabend hinausgegangen war, atmeten die guten Baumbartleute auf: »Gott sei Dank, daß wir die fortgebracht haben!«

Der muntere Knabe trachtete den Vater bei den Rockschößen wieder in die feierliche Stube zu zerren und rief: »Jetzt mußt du mir die Geschichte von unserer lieben Frau in Bethlehem weiter erzählen!«

»Gehört nicht her da!« sagte der Bauer etwas unwirsch, wußte aber selbst nicht, warum er unwirsch war.

Als es ganz finster geworden und so recht der Frieden der heiligen Nacht über das Dorf ausgebreitet lag, als auch das Aveläuten verklungen war, die Glocken mit ihren letzten Schlägen aber noch anzudeuten schienen: Heute sagen wir nicht: gute Nacht! heute fangen wir noch einmal an! -- da hieß es im großen Baumbarthofe plötzlich: »Der Kinigl-Peterl ist da!« Das Knäblein schoß wie ein Pfeil zur Tür hinaus und stand auch schon vor dem wunderlichen Mann.

Der Kinigl-Peterl war ein alter, großer, hagerer Patron, der zu jenen bestgesuchten und schlechtest geachteten Leuten gehörte, wovon jedes Dorf die seinen hat, Leute, die alles können und anfassen, wofür zufällig sonst niemand zuwege ist. Sie sind Strohdachdecker und Brunnengräber, Krankenwärter und Rattenfänger, Obstbaumpelzer und Honigausheber, Kapaunzüchter und Ochsenmacher, und noch viel mehr, kurz: nahezu alles -- und darum nichts.

Der Kinigl-Peterl, der mit seinem rechten Namen Peter König hieß, verlegte sich außerdem noch auf die Kaninchenzucht, was ihm allerdings nicht viel zu schaffen machte, denn die Kaninchen züchten sich selber. Er hatte davon manch feines Brätlein und den Namen Kinigl-Peterl. Nebenbei hatte er eine kleine Familie mit einem nicht immer harmonisch gluckenden Weiblein und drei Töchtern, die schon erwachsen waren und zur Sommerszeit vor dem Häusel mitten auf der Straße saßen und mit Sandhäuflein und Steinchen spielten. Es waren die »drei armen Hascher« von Scharau. Ihr Vater hatte denn viel zu schaffen, daß sie zu ihrer geistigen Verkrüppelung nicht auch noch Hunger leiden mußten. Im Häusel sah's wohl arm aus, aber nicht bettelhaft, und der Peterl nahm jede Gelegenheit wahr, sich was zu »verdienen.«

Eine solche Gelegenheit zum »Verdienen« war die heilige Weihnachtszeit, da er von Haus zu Haus ging und den Leuten die »Geburt Christi« sang, wofür er eine kleine Gabe erntete. Denn überall beschloß er seinen Sang mit den Worten: »Glück hinein, Unglück hinaus, Gott besegne dieses Haus!«

So stand der Kinigl-Peterl in seiner langbemantelten, hageren, vorgeneigten Gestalt, mit dem kleinen Gesichtl und den weißen Bartstoppeln dran, mit frommen Gebärden, aber fürwitzigen Äuglein -- so stand er da an der offenen Haustür; der Schein des Herdfeuers fiel auf ihn und er sang die Geschichte der Einkehr zu Bethlehem, wie sie eine Stunde früher der Baumbart-Bauer aus der Bibel dem Knaben erzählt hatte. Nun kam der Bauer und legte sich aus dem Beutel zwei Silberzehner in die hohle Hand zurecht, denn das christliche Singen nach altem Brauch gefiel ihm gar wohl, und das Almosengeben schien ihm heute recht stimmungsvoll; es kam ihm bedeutend leichter an wie sonst: Nur heraus damit, heiliger Abend ist nicht alle Tag'.

Der Peterl hatte die »Geburt« schier zu Ende gesungen; jetzt war er gerade dabei, wie die römischen Beamten zur heiligen Familie in den Stall treten, um von ihr die Beschreibung aufzunehmen. Da spricht

~Der Schreiber~: »Sagt an, sagt an, wie des Kindleins Namen ist?«

~Der Vater Josef~: »Das Kindlein heißt Herr Jesu Christ.«

~Schreiber~: »Sagt an, wie heißt die Mutter fein?«

~Josef~: »Die Mutter heißt Maria rein.«

~Schreiber~: »Und saget, wie der Vater heißt?«

~Josef~: »Der Vater heißt der heilige Geist.«