Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)
Part 17
Klemens war nicht im Reichthum, sondern als ein aussichtsloser Sprosse der gänzlich unbegüterten jüngeren Linie Eberstein geboren worden. Von Kindheit an für die militärische Laufbahn bestimmt, brachte er's bis zum Rittmeister, nach siebenundzwanzig, meist in elenden Garnisonen verlebten Jahren. Im Verlaufe derselben lernte er alles Mißliche des durch »unfreie Associationen« gebildeten Standes aus dem Grunde kennen, setzte dem jedoch den ruhigen Gleichmuth eines aufrechten Mannes entgegen und verstand es, die etwas schiefe Stellung des zugleich vornehmsten und ärmsten Offiziers im Regimente mit würdevollem Takte zu behaupten. Der brave Schwadrons-Commandant stand bereits in reifem Alter, als eine Reihe von unerwarteten Todesfällen, die Verzichtleistung eines näheren Agnaten, die Mißheirath eines anderen, ihn zum Eigenthümer des zweiten Majorats seines Hauses machte. Sofort verließ der Fürst den Militärdienst und widmete sich mit fast jugendlichem Eifer dem Dienste der großen Welt. Die Begeisterung, mit welcher er dort aufgenommen wurde, berauschte ihn anfangs, doch begann er nur allzubald an dem Werthe seiner Erfolge zu zweifeln. Die Frage, die einen geborenen Majoratsherrn, der sich ohne sein Erbgut so wenig denken kann, wie seine Seele ohne seinen Leib, nie beunruhigt, die Frage: »Was gelte ich?« bedrängte ihn und brachte ihn endlich um alle Zuversicht, um all sein unbefangenes Selbstvertrauen.
Da zum ersten Male trat ihm in schwüler Ball-Atmosphäre, umrauscht von den Klängen der Musik, umweht von Blumendüften, umstrahlt von Kerzenschimmer, die glänzende Gräfin Marianne von Neumark entgegen, und er schloß sich sofort der dicht gedrängten Reihe ihrer Bewerber an. Wohl hieß es, Marianne habe kein Herz, ihre Liebeswürdigkeit sei werthlos, denn sie bestehe nur in Worten und werde gleichmäßig an alle, die ihr nahten, verschwendet; aber dennoch vermochte keiner, der einmal von ihrem Zauber berührt worden, sich ganz aus demselben zu lösen. Der Fürst war kaum in den Bereich von Mariannens Anziehungskraft gelangt, als er sich mächtig ergriffen fühlte. Mit geradezu blendender Klarheit leuchtete es ihm ein, er habe das Weib gefunden, das für ihn geschaffen sei, und vierzehn Tage nach ihrer ersten Begegnung stellte er sehr beklommen, sehr bewegt -- wenn auch nicht ohne Siegesgewißheit -- seinen Heirathsantrag.
Er wurde ausgeschlagen, und Eberstein kränkte sich, zürnte, verlangte die Gründe der erlittenen Abweisung zu kennen. Mit sanfter Ruhe setzte Marianne ihm dieselben auseinander, und es waren lauter triftige Gründe: Sie hatte sich an Unabhängigkeit gewöhnt, sie taugte nicht mehr für die Ehe, längst stand bei ihr fest, daß ihr Töchterchen keinen Stiefvater erhalten durfte ... Und so weiter!
Klemens reiste nach England, kehrte von dort erst zur Winterszeit zurück und stürzte sich nach seiner Heimkehr mit erneuerter Unerschrockenheit in die große Welt. Man sah es ihm an den Augen an, es verrieth sich in jedem seiner Worte, daß er entschlossen war, aus diesem Fasching als Bräutigam hervorzugehen. Aber -- wieder erwachten seine Zweifel, wieder stellte die Ernüchterung sich ein. Die Wahl war zu groß um nicht zu schwer zu sein, ein erster Schritt zu bindend, um nicht reiflichste Ueberlegung zu fordern. Die Unternehmungslust des Fürsten sank von Neuem, als er von Neuem inne wurde, daß es sich nicht darum handle zu erobern, sondern erobert zu werden. Marianne traf er oft in Gesellschaft und ging dann mit stummem und feierlichem Gruße an ihr vorüber. Sie gefiel ihm wo möglich noch mehr als im verflossenen Jahre. Was waren Alle, deren Besitz ihm so leicht erreichbar gewesen wäre, im Vergleiche zu der Einen Unerreichbaren? Konnte man einem hübschen Gesichte Aufmerksamkeit schenken, nachdem man diesen klassischen Kopf gesehen, in Haltung und Form, ja in jedem Zuge, dem der Venus von Milo so ähnlich? Konnte man dem Geschwätz eines Backfisches das geringste Interesse abgewinnen, nachdem man die Gräfin einmal sprechen gehört?
Auf einem Balle, dem Klemens und Marianne als Zuschauer beiwohnten, fügte es der Zufall, daß sie im selben Augenblick aus dem Tanzsaale in den luftigeren Raum eines anstoßenden Salons traten. Klemens verneigte sich wie gewöhnlich schweigend, sie dankte freundlich lächelnd, und doch schien ihm, als sei über ihr Gesicht ein Ausdruck leiser Trauer gebreitet, der ihn ergriff und ihm, halb gegen seinen Willen die Frage erpreßte: »Wie geht es Ihnen, Frau Gräfin?«
Sie antwortete unbefangen, und ein Weilchen später saßen sie nebeneinander auf dem Kanapee, in eifriges Gespräch versunken. Klemens wußte nicht mehr, daß sie ihm schweres Unrecht gethan, und als er sich dessen besann, da hatte sie sich soeben erhoben, reichte ihm die Hand und sagte: »Warum besuchen Sie mich nicht mehr? Ich bin zwischen zwei und drei Uhr Nachmittags immer zu Hause.«
Von nun an wäre jeder fehl gegangen, der den Fürsten zu jener Stunde anderswo gesucht hätte als im kleinen braunen Salon Mariannens. Er erschien mit einem Lächeln und entfernte sich mit einem Seufzer auf den Lippen, täglich, den ganzen Winter hindurch. So ging es fort durch zwei, durch -- zehn Jahre. Im Frühling reiste er nach seinen Gütern, sie nach den ihren; man sah einander erst im Herbste wieder, denn auf dem Lande liebte es Gräfin Neumark einsam zu leben und nahm keine anderen als die unentrinnbaren Besuche ihrer Nachbarn an. Von Zeit zu Zeit erneuerte Klemens seine Werbung und machte die Beobachtung, daß jeder ablehnende Bescheid, den er erhielt, ihn weniger schmerzte. Woran sich doch der Mensch gewöhnt! Es kam so weit, daß Marianne ohne grausam zu sein fragen durfte: »Wie ist mir denn? Nun sind anderthalb Jahre vergangen, in denen Sie nicht an meine Versorgung dachten. Ich scheine Ihnen reif geworden zur Selbständigkeit ... O wie muß ich aussehen!«
Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit an ihr vorüber gegangen und hatte ihr kaum Einen Vorzug der Jugend geraubt. Ihr ganzes Wesen athmete die Frische, die nur denjenigen Frauen bewahrt bleibt, die niemals große Leidenschaften empfunden, niemals schwere Seelenkämpfe durchgemacht haben, und die, einem mehr oder minder unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da nachzudenken aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu thun.
»Sie ist gut,« meinte der Fürst, »und doch nicht zu gut, gescheit und doch nicht zu gescheit. -- Mit ihr zu verkehren ist eine Wonne.« Klemens fühlte das heute wie vor zehn Jahren. Und wenn er auch das Ziel seiner Wünsche nicht erreichte -- die besten Stunden seines Lebens hat er hier in diesem kleinen traulichen Gemache, an diesem Kamine zugebracht, an dem er jetzt ihr gegenüber saß und einen Vortrag hielt über seinen Mangel an Beredtsamkeit.
Marianne, die Hände über einander gelegt, hörte ihm scheinbar zu. Sie mußte jedoch einen anderen Gedankengang verfolgt haben, denn plötzlich unterbrach sie seine Rede: »Und Sonnberg?« fragte sie. »Haben Sie ihn heute schon gesehen? Kommt er Abends auf den Ball?«
»Wie sollte er nicht?« antwortete Klemens, »er ist ja sicher, Sie und Thekla dort zu finden.«
»Sie gefällt ihm also, meinen Sie?«
»Gefällt? ... Er ist entzückt von ihr, hingerissen, über und über verliebt! Verlassen Sie sich auf mich, ich wiederhole es: bevor diese Woche zu Ende geht, ist Thekla seine Braut.«
Marianne war nachdenklich geworden; eine Wolke lag auf ihrer Stirn, als sie nach einer Pause erwiderte: »Ich könnte für sie nichts Besseres wünschen.«
»Ja, der ist's,« meinte Klemens, »der ist's! Ein Schwiegersohn, recht nach Ihrem Herzen.«
»Und ein Mann nach Theklas Kopfe,« fügte die Gräfin hinzu.
* * * * *
Marianne war bei der Erziehung ihrer Tochter vornehmlich von der Sorge geleitet gewesen, in dem Kinde keine »Sentimentalitäten« und keine »Exaltationen« aufkommen zu lassen. Theklas Verstand sollte ausgebildet, und ihre Phantasie gezügelt werden. Wohlthätigkeit und Großmuth hatte man ihr als Anforderungen ihres Standes hinzustellen. Sie sollte geben lernen, reichlich, mit vollen Händen, niemals jedoch ohne Ueberlegung, vor Allem nie aus einer flüchtigen Wallung des Mitleids. »Wissen Sie warum, liebe Dumesnil?« sagte die Gräfin zu der Gouvernante ihrer Tochter, »weil jede Wohlthat mit Undank belohnt wird, und weil wir den leichter verschmerzen, wenn unser Gefühl mit der Handlung, die ihn hervorrief, nichts zu thun hatte.«
»_Ah madame, à qui le dites-vous?_« antwortete Madame Zephirine Dumesnil, wie bei jeder Gelegenheit, in welcher ihr der Sinn von Mariannens Reden völlig dunkel blieb.
Madame Dumesnil war eine trockene, auf ihren Vortheil bedachte Französin, die sich gegen Alles in der Welt, sogar gegen ihre Pflegebefohlenen, gleichgültig verhielt. Als aber Thekla heranwuchs, geläufig englisch und französisch sprach, ein brillantes Salonstück mit Sicherheit und Bravour auf dem Klavier vorzutragen verstand, wie ein Dämon zu Pferde saß, wie ein Engel tanzte und »_un port de reine_« bekam, da gerieth ihre Erzieherin zu Zeiten in Ausbrüche einer seltsam kalten, jedes Wort sorgsam abwägenden Bewunderung für die junge Dame.
Plötzlich jedoch wurde sie sparsamer mit ihrem Lobe und dafür verschwenderisch mit leisen Warnungen, die sich sammt und sonders auf die Gefahren des Unbestandes bezogen. Die Comtesse, die bisher so manche Stunde des Tages am Klavier zugebracht, hatte nämlich begonnen, ihr musikalisches Talent zu vernachlässigen und sich mit einer bei ihr ganz unerhörten Leidenschaftlichkeit auf die Malerkunst geworfen. Mit Mühe nur bewog man sie, ihre Staffelei zu verlassen. Freilich bot diese meistens einen interessanten Anblick dar. Da begraste sich eine magere Kuh auf fetter, oder eine fette Kuh auf magerer Weide; da schlich eine Ziege tiefsinnig durch die schauerliche Stille der Einöde, da ragte aus dem Abgrund eine schmale Klippe empor und auf derselben stand eine Gemse, mit Füßen, zusammengeschoben wie die eines in Ruhe gesetzten Feldsessels.
So oft Theklas Zeichenmeister erschien, hatte sie ihm ein eben fertig gewordenes Werk vorzuweisen. Herr Krämer warf sich in einen Fauteuil, der Staffelei gegenüber, spreizte die Beine auseinander, stützte die Ellbogen auf seine Schenkel und verschränkte die Hände. »Damit ich sie nicht über dem Kopf zusammenschlagen kann --,« sagte er, blickte zuerst zu Thekla und dann zu dem neuentstandenen Kunstwerk empor und fuhr fort, während es gar sonderbar in seinem Gesichte zuckte: »Schau, schau unser Comtesserl! ... Aber was macht denn die Bank mitten auf der »Straßen«? Ja so, ein Pferd ist's ... Aha! -- Also nur fort so -- das heißt: ganz anders ... ich mein' halt nur in der Ausdauer. Geduld überwindet Sauerkraut.«
Madame Dumesnil warf ihm einen indignirten Blick zu, Thekla jedoch nahm Palette und Malerstock zur Hand und machte sich mit glühendem Eifer an die Arbeit. Krämer spaßte die ganze Stunde hindurch, ergriff manchmal einen Pinsel, und über die Schulter seiner Jüngerin hinweg verwischte er die Hälfte des Bildes, an dem sie sich mit so großer Emsigkeit abmühte. Sie nahm es nicht übel, erhob keine Einsprache, und Madame Dumesnil, auf solche, ihr von Thekla nie erwiesene Unterwürfigkeit eifersüchtig, nahm den Maler »_en horreur_.«
Da ereignete sich eines schönen Wintermorgens etwas Ungeheures, etwas Unerhörtes. Madame Zephirine stürzte in das Schlafzimmer der Gräfin und legte eine Herrn Krämer gehörende Zeichnungsvorlage auf Mariannens Bett. Sie rief: »_Madame, madame -- voilà!_« und deutete mit »schauderndem Finger« auf eine Zeile, die an den Rand des Blattes hingekritzelt, die Worte enthielt: »Haben Sie mich lieb?« Daneben war von anderer, ach von schwungvoller, kühner, ach, von Theklas Hand, ein deutliches: »Ja!« geschrieben.
Marianne starrte die unheilvollen Züge an, und ihr Gesicht wurde weiß, wie das Kissen, auf dem sie ruhte.
»Dieses Blatt,« keuchte Zephirine; »dieses Blatt war bestimmt, heute dem Unverschämten übergeben zu werden ...«
Marianne hemmte den Ausbruch von Madame Dumesnils Zorn, dankte ihr bestens für die bewiesene Wachsamkeit und äußerte den Wunsch, allein gelassen zu werden.
Als Krämer, wie gewöhnlich zu spät, zur Unterrichtsstunde kam, wurde er an der Hausthür von dem Kammerdiener in Empfang genommen und anstatt nach Theklas Lehrzimmer, nach dem Salon geleitet. Schon das machte ihn stutzen, als er aber die Gräfin erblickte, die ihm mit dem _corpus delicti_ in der Hand entgegen trat, ward ihm recht übel zu Muthe.
»Herr Krämer,« begann Marianne mit gepreßter Stimme -- »es ist unwürdig von Ihnen ...« Ihre hohe Erregung hinderte sie fortzufahren, und der burschikose junge Mann und die ruhige, weltgewandte Frau standen einander fassungslos gegenüber.
Er war's, der seine Geistesgegenwart zuerst wieder gewann.
»Frau Gräfin,« sagte er, auf das Blatt deutend, daß sie früher vor ihm empor gehalten und das jetzt in ihrer herabgesunkenen Rechten zitterte. -- »Nehmen Sie's nicht übel, Frau Gräfin. Das Comtesserl ist immer so schön roth worden, wenn ich gekommen bin, und so hab' ich mir halt einen Spaß gemacht. Einen schlechten Gedanken hab' ich dabei nicht gehabt. Nehmen Sie mir's nicht übel,« wiederholte er treuherzig.
Marianne sah ihn an, und zum ersten Male fiel es ihr auf, daß Herr Krämer ein hübscher Mensch war, mit gewinnenden Augen und mit offenem Gesichte. Das ihre verfinsterte sich immer mehr, und nach einer neuen peinlichen Pause sprach sie: »Meine Tochter nimmt von heute an keinen Unterricht im Malen mehr ...«
Er fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist gescheit! denn, wissen Sie, Frau Gräfin, Talent hat sie gar kein's. Es ist schad' um die Zeit. Ich hätt' Ihnen das eigentlich schon lang' sagen sollen, aber ich hab' mir halt gedacht, bei Ihres Gleichen kommt es ja nicht darauf an.«
So großer Unbefangenheit gegenüber erlangte Marianne, wenigstens scheinbar, ihren Gleichmuth wieder. Mit einigen kalt verabschiedenden Worten reichte sie Herrn Krämer seine Zeichnungsvorlage, von der Theklas »Ja« natürlich weggetilgt worden war, und ein wohlgefülltes Couvert.
Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht; er senkte einige Sekunden lang den Blick auf das inhaltreiche Päckchen in seinen Händen und sagte dann: »Schauen Sie, Frau Gräfin, das kann ich nicht annehmen ... Das hab' ich nicht verdient.« Resolut legte er das Geld auf den Tisch, bat »dem Comtesserl« einen Gruß von ihm auszurichten und ging seiner Wege.
Hätte Herr Krämer nicht so große Eile gehabt, den Platz zu räumen, und sich in der Thür umgewandt, ihm würde ein Anblick zu Theil geworden sein, dessen sich Niemand aus der nächsten Umgebung der Gräfin rühmen konnte. Er hätte die Frau, die man empfindungslos nannte, dastehen gesehen, bebend, gebeugt, das Gesicht von Thränen überströmt. -- --
Abends hatte Madame Dumesnil wie gewöhnlich die aus dem Theater kommenden Damen mit dem Thee erwartet. Marianne trat vor den Pfeilerspiegel um ihre Coiffüre abzunehmen. Sie stand abgewandt von ihrer Tochter, die sich in einem Fauteuil niedergelassen hatte, und auf deren Gesicht das Licht der von einem Schirme halb bedeckten Lampe fiel. Jeden Zug, jede Bewegung desselben konnte Marianne deutlich im Spiegel sehen.
Nach einigen Bemerkungen über die heutige Vorstellung, sprach die Gräfin in gleichgültigem Tone: »Unter anderem: der Zeichenlehrer hat abgedankt. Er gedenkt nicht länger seine Zeit mit unserer Thekla zu verlieren ... Er meint, Du hättest kein Talent, armes Kind.«
Theklas Augen sprühten helle Zornesfunken, die Röthe des Unwillens flammte auf ihren Wangen; ihre zuckenden Lippen öffneten sich wie zu rascher Antwort, aber -- sie schwieg. Sie warf den Kopf mit einer stolzen Bewegung in den Nacken und -- schwieg.
Nach einer kleinen Weile war Marianne mit ihrer Coiffüre zu Stande gekommen, setzte sich an den Tisch und ließ sich mit Madame Dumesnil in eine lebhafte Erörterung der neuen Kleidermoden ein, an welcher Thekla nicht theilnahm.
Das junge Mädchen befand sich zwei Tage lang in empörter Stimmung, dann verfiel sie in Melancholie, die nach abermals zwei Tagen einer unbestimmten Empfindung Platz machte, halb Groll, halb Reue, ganz und gar: Unbehagen. Noch waren nicht vier Wochen ins Land gegangen seit Herrn Krämers improvisirter Liebeswerbung, als die kleine Gräfin sich ihres so rasch ertheilten Jawortes nur noch mit Entsetzen erinnerte, und ein halbes Jahr hindurch konnte sie von ihrem, oder von einem Zeichenlehrer überhaupt nicht sprechen hören, ohne vor Scham an Selbstmord zu denken.
Einen tiefen, ja, wie Madame Dumesnil meinte, unbegreiflich tiefen Eindruck, machte diese Episode im Jugendleben Theklas auf ihre Mutter.
Das kleine Ereigniß, es ist nicht anders möglich, muß die Gräfin zu einem Rückblick in ihre eigene Vergangenheit veranlaßt, muß schmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt haben, dachte die Französin. Sie besann sich jetzt des halb vergessenen Gerüchtes, Marianne habe dereinst einen Menschen geliebt, der ihrer in keiner Weise würdig war; einen Mann von vielem Geiste, scharfem Verstande, aber zweifelhaftem Rufe, der die Phantasie des jungen Mädchens zu fesseln, ihr Herz zu gewinnen wußte und sich plötzlich -- sehr zur Beruhigung ihrer Eltern -- von ihr abwandte, um ein mit Ostentation zur Schau getragenes Verhältniß mit einer stadtkundigen Schönheit einzugehen. Es gab Leute, die behaupteten, vielleicht ohne es selbst zu glauben, die Gräfin habe ihre Neigung für Hans von Rothenburg niemals ganz überwunden. Diese schlecht belohnte Liebe habe Zeit und Entfernung, habe Mariannens Ehe mit einem ehrenwerthen Manne überdauert und den einzigen Schatten geworfen, der jemals in ihr glückliches Dasein fiel. Was an alledem Wahres sei, erfuhr die neugierige Dumesnil nie, und blieb in dieser Sache auf die Gedanken angewiesen, welche sie sich selbst darüber machte. Nahrung gab ihnen allerdings die Unruhe, in die Marianne durch Theklas kindische Herzensverirrung versetzt wurde. So ängstlich behütet man ein geliebtes Haupt nur vor selbst erfahrenem Uebel. Die Gräfin stand Nachts auf und wachte stundenlang am Bette ihrer schlafenden Tochter. Sie führte eine strengere Controle denn je, über die Bücher, die Thekla las, über die Musikstücke, die sie spielte, einen lebhafteren Kampf denn je gegen Ueberspanntheit und Schwärmerei. Und sie mußte sich endlich sagen, daß dieser Kampf siegreich gewesen war.
Mit achtzehn Jahren trat Thekla in die Welt, gefiel außerordentlich, und bewegte sich in der neuen Umgebung wie in ihrem ureigensten Elemente. Nichts blendete, nichts überraschte sie. Ruhig nahm sie die Huldigungen hin, die ihr dargebracht wurden, lächelte über den Neid minder Bevorzugter, und hielt mit kühler Majestät Jeden fern, der sich aus einer weniger glänzenden Sphäre hervor, in die ihre wagte.
* * * * *
Einige »sehr annehmbare« Bewerber waren von Thekla bereits ausgeschlagen worden, als Paul Sonnberg zum ersten Male in der Gesellschaft erschien. Ihm ging der Ruf eines Mannes voran, der zu einer großen Laufbahn bestimmt sei. In seinem Leben war Alles anders gewesen als in dem der meisten seiner Standesgenossen. Eine Jugend voll Arbeit und Mühen lag hinter ihm. Er hatte als Kind die öffentlichen Schulen besucht und dann eine deutsche Universität bezogen.
»Obwohl er Ihr einziger Sohn, der einzige Erbe eines großen Vermögens ist?« sprachen die Leute zu seinem Vater.
»~Weil~ er das ist,« lautete die Antwort. »Vermögen ist Unvermögen in der Hand eines Menschen, der nichts vermag. In meiner Hand zum Beispiel, in der Euren!«
Schwer lastete auf dem alternden Manne das Bewußtsein, den Anforderungen der neuen Zeit, die für ihn unversehens hereingebrochen war, nicht genügen zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, das ihn niederdrückte, sollte sein Sohn niemals kennen lernen; gerüstet sollte der in das streitbare Leben treten, arbeitsgewohnt in die thätigkeitsfrohe Welt. Der Vater meinte, ihn nicht zeitig genug auf eigene Füße stellen, auf eigene Kraft anweisen zu können.
»Es mußte sein! es geschah für ihn!« damit tröstete der Graf sich und seine Frau nach dem Abschied von dem geliebten Kinde, das ihnen -- eine spät erfüllte Hoffnung -- noch im Alter geschenkt worden war.
Paul verstand die Wünsche und Erwartungen der Seinen und übertraf sie alle. Jahr um Jahr kehrte er zurück, reicher an errungenen Ehren. Daheim empfing ihn vergötternde Liebe; die Mutter lebte auf, der Vater vermochte kaum sein Entzücken über den herrlichen Sohn hinter still billigendem Ernste zu verbergen; alle Gesichter verklärten sich, das ganze Haus schimmerte im Freudenglanze. Wie ein verwunschener Prinz in den Tagen der Entzauberung zu seinem Königreiche kommt, so kam auch Paul für kurze Zeit in den Besitz seiner angestammten Rechte. Nach absolvirter Universität ging er nach England, um dort Agronomie zu studiren, und traf endlich, heiß und ungeduldig ersehnt, zu bleibendem Aufenthalte im Elternhause ein. Nun hieß es zeigen, was er gelernt hatte! es hieß Neuerungen einführen, die wirthschaftlichen Zustände seines Erbgutes verbessern, der ganzen Gegend ein Beispiel geben zu heilsamer Nachahmung. Der stumpfe Widerstand, der seinem Eifer, das Mißtrauen, das seinem guten Willen entgegengebracht wurden, entmuthigten ihn nicht -- lange nicht! Als er aber nach Jahren rastlosen Fleißes immer wieder an die eingebildete und doch unübersteigliche Scheidewand zwischen Theorie und Praxis anrannte, als jeder seiner Erfolge mit Spott, jeder seiner Mißerfolge mit Schadenfreude begrüßt wurde, da riß ihm die Geduld, und Ueberdruß stellte sich ein. Dieser wurde noch erhöht durch die Unsicherheit der allgemeinen Lage, durch die trostlosen Verhältnisse des ganzen Landes. Oesterreich stand damals am Abgrund, an den die Sistirungspolitik es geführt; im Innern war der Hader der Nationalitäten entbrannt, von außen drohten Kämpfe auf Leben und Tod.
In der Ehe, die Paul, den heißesten Wunsch seiner Eltern erfüllend, mit ihrer Ziehtochter, einer armen Verwandten geschlossen hatte, fand er kein Glück. Seine junge Frau war von ihm niemals geliebt worden, und er fühlte sich durch ihre Liebe nur gequält. So war ihm der Aufenthalt in der Heimath in jeder Weise vergällt, und freudig beinahe, als die Kriegsanzeichen sich mehrten, eilte er nach Wien und ließ sich als gemeinen Soldaten in ein Regiment anwerben, das eben nach Italien abmarschirte. Auf dem Wege erreichte ihn die Nachricht, daß ein Töchterchen ihm geboren sei, und daß er seine Frau verloren habe.
Nach beendetem Feldzuge quittirte Paul die Officierscharge, zu welcher er auf dem Schlachtfelde von Custozza befördert worden, und nahm im Reichsrathe seinen Platz unter den Männern der Opposition ein. Sein Wissen, die Energie, mit welcher er seine Meinungen vertrat, erregten Aufmerksamkeit. Daß er ideale Zwecke verfolgte, setzte man auf Rechnung seiner Jugend; daß er freisinnige Politik trieb, wurde als eine Art Sport angesehen und dem Edelmanne verziehen, der den Augenblick schon finden werde, in die rechte Bahn einzulenken. In der Gesellschaft sicherten ihm seine Geburt und sein Vermögen eine bevorzugte Stellung. Aber sein Fuß war zu schwer für den parkettirten Boden des Salons. Er hätte die große Welt bald geflohen, wäre nicht Thekla darin zu finden gewesen. Wenn je zwei Menschen, so waren ~die~ für einander geboren, urtheilte ihre Umgebung. Beide zu gleichen Ansprüchen berechtigt, beide jung, schön, hochbegabt, mit Glücksgütern reich gesegnet. Namen, Rang, Verhältnisse in vollkommenster Uebereinstimmung. Mit der Unbefangenheit eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht besorgt, legte Sonnberg seine Bewunderung an den Tag; mit sichtbarem Wohlgefallen wurde sie aufgenommen. Alle anderen Bewerber Theklas traten zurück, und jede leise Hoffnung auf die Gunst der Gefeierten erlosch, als man Paul dem Fürsten Eberstein auf die Frage: »Wie gefällt sie Ihnen?« antworten hörte:
»Wie das Schönste, das ich jemals sah!«
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