Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)

Part 16

Chapter 163,686 wordsPublic domain

Unweit von dem Hause, dem er zuschritt, wurde er von einem Miethwagen überholt, der vor dem Thore desselben anhielt. Langsam öffnete sich der Schlag, eine kleine Greisengestalt entstieg ihm, schwankte, unsicher auf einen Stock gestützt, über das Trottoir und verschwand im Eingang.

Arnold blieb, starr vor Ueberraschung, stehen.

Nach einer Weile bog er dann in die nächste Seitenstraße ein und spähte von dort nach dem Thor hinüber. Kaum eine Viertelstunde verging, und der Greis kehrte zurück, gab dem seiner wartenden Kutscher ein Zeichen und kauerte sich hastig, als fürchte er gesehen zu werden, in eine Ecke des Gefährts, das mit ihm davonrollte.

Arnold aber eilte ins Haus, rannte die Treppe empor, und von der Baronin auf sein Schellen eingelassen, stürmte er ihr nach in das Zimmer.

»Mein Onkel war bei Ihnen. Was hat er hier gewollt?« fragte er, ergriff beide Hände der alten Frau und schüttelte sie heftig, kaum wissend, was er that.

Freundlicher, als es jemals geschehen, blickte ihm Karoline in das glühende Gesicht. »Er hat Ihnen eine unangenehme Erörterung erspart,« sagte sie. »Sie brauchen mir nichts mehr zu erzählen. Hingegen habe ich Ihnen eine Botschaft zu verkündigen, die Sie in Staunen setzen wird. Ihr Onkel -- ja, das Alter zerbröckelt sogar den Stein und erweicht einen Bretfeld -- Ihr Onkel meldet Ihnen durch mich, daß er Ihnen acht Tage Bedenkzeit läßt.«

»Was soll das?« rief Arnold. »In acht Tagen werde ich wollen, was ich heute will!«

»Und in acht Monaten, und vielleicht früher schon, blutig bereuen, so gewollt zu haben. Warum gewollt? Nicht weil eine allmächtige Liebe und Leidenschaft Sie treibt, nein, aus Eitelkeit, aus Trotz, weil Ihnen der Muth fehlt, zu sagen: »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich geirrt.««

»Der Muth? ... das heißt die Schamlosigkeit!«

Die Baronin beantwortete diesen Ausruf mit einer Gebärde unsagbarer Geringschätzung.

»Lauter falsche Empfindungen,« sprach sie, »lauter Hohlheit, lauter Schein. Ein bischen ehrlicher Cynismus wäre mir lieber. Seien Sie doch einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld! Sie haben nachgedacht, ich sehe es Ihnen an; Sie wissen, welche Zukunft mit Ihnen zu theilen Sie Claire einladen. Eine Zukunft voll Mühen, denen Sie nicht gewachsen sind.«

Sie hielt ihm die eindringlichste von allen Reden, eine Rede, die aussprach, was er sich selbst im Stillen schon gesagt, nur klarer, nur schneidiger. Kalt und unerbittlich schilderte sie ihn, wie er war, entkleidete ihn Stück für Stück seiner erborgten Herrlichkeiten und ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrig blieb.

Er suchte sich zu vertheidigen; da hob die alte Frau ihren mächtigen Kopf hoch empor und fragte: »Wenn Sie Alles ungeschehen machen könnten, was sich zwischen dem Tage Ihrer ersten Begegnung mit Claire und dem heutigen begeben hat, würden Sie es thun?«

Arnold erröthete und wandte sich ab. »Ich kann es aber nicht ungeschehen machen.«

Die Baronin lachte triumphirend auf. »Etwas Vergessenes ist so gut wie nie Gewesenes! Vergessen Sie!«

»Vergessen? ein Unrecht, eine Schuld?«

»Pah! Niemand weiß besser als Sie, daß es eine Thorheit wäre, Ihr angenehmes Leben, Ihre schöne Zukunft einer Heirath mit Claire aufzuopfern. Wer sollte Ihnen eine Schuld beimessen, weil Sie eine Thorheit nicht begehen? -- ein Thor höchstens. Nun, Herr, ich kenne wenig Menschen, die darauf bestehen, sich selbst einer Schuld zu zeihen, wo kein Kluger eine Schuld findet. Sie gehören nicht zu diesen Wenigen, Sie werden mit Ihrem ›Gewissen‹ so ins Reine kommen. Ferner Sohn des Reichthums, kehren Sie zurück unter das väterliche Dach! Thun Sie es rasch, nicht mit grausamer Langsamkeit. Je plötzlicher Sie sich von Claire losreißen, desto leichter machen Sie es ihr, ihrem Glückstraum zu entsagen. Ich bitte um Schonung für Diejenige, die Ihnen eine vergängliche Liebe, aber -- nicht wahr? und mich wundert nur, daß Sie es nicht schon ausgesprochen -- eine ewige Freundschaft eingeflößt hat ... Opfern Sie sich; erscheinen Sie roh, um eine Wohlthat zu erweisen! Seien Sie einmal großmüthig -- die letzte Gelegenheit zur Großmuth, Herr -- greifen Sie zu!«

Arnold knirschte und hätte im Zorne über die erfahrene Beleidigung sich fast von Neuem verschworen, sich abermals in das Netz verwickelt, nur um dem bitteren Hohn des Weibes, das er haßte, zu entgehen. Aber er besann sich, er dachte: Durch! diese große Demüthigung ist der Weg zur Freiheit!

»Verleumden Sie mein Herz, soviel Sie wollen,« sprach er, »sagen Sie Claire, was Sie wollen. Ich liebe Claire, und was auch geschehen möge, ich werde nie aufhören, sie zu lieben ... und auf dem Recht, das sie selbst mir eingeräumt, werde ich bestehen ... auf dem Recht, sie für immer zu befreien von jeder materiellen Sorge!«

»Herr!« schrie die Baronin, »Herr!«

Sie erhob sich, ihre lange schmale Gestalt in dem ärmlichen schwarzen Kleide nahm eine unendliche Würde an. Wie eine Königin gegen einen frech gewordenen Unterthan streckte sie die Hand aus und wies dann nach der Thür.

Einen finsteren Blick warf Arnold auf sie und empfand, in welchem Maße er sich selbst in ihren Augen erniedrigt hatte. Sein Hochmuth rang und suchte nach Waffen gegen den Stolz dieser Frau, nach einem Partherpfeil wenigstens, den er ihr zuschnellen könnte, bevor er schied. Umsonst! Nichts gab der Augenblick ihm ein, stumm leistete er ihrer stummen Aufforderung Folge.

Daheim warf er sich auf den Diwan, vergrub den Kopf in die Kissen, ließ den Sturm in seinem Innern austoben und kam allmälig mit einem gewissen Behagen zum Gefühl physischer Müdigkeit, Hungers und Durstes; er aß, trank und schlief. Um zehn Uhr brachte ihm sein Diener ein Telegramm aus Deutschland: »Hoheit lassen Ihr Schweigen als Annahme der an Sie ergangenen Einladung gelten. Sie werden stündlich erwartet.«

* * * * *

Allein in einem Coupé erster Klasse des Schnellzuges der Westbahn befand sich am nächsten Morgen Arnold Bretfeld. Er stand am Fenster und blickte in den jungen Tag hinein. Thaufrisch, üppig und grün wellten die Höhen dem goldschimmernden Horizont zu, in wolkenloser Reinheit blaute der Himmel. Die graue Dunstatmosphäre über der großen Stadt im Osten bildete in all' dem Glanze den einzigen Fleck. Auch der versank in immer weitere Ferne.

Da athmete Arnold auf wie ein Erlöster. Da war der eiserne Ring, den selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten, entzwei gesprungen. »Heil mir!« jauchzte er laut im Gefühl der seligsten Genesung. Abgethan der schnöde Drang, ein Anderer sein zu wollen, als er war; abgethan das kränkliche Mitleid, das ihn irre gemacht an seiner eigenen Empfindung und ihn Liebe hatte nennen lassen, was Erbarmen war. Abgethan Selbsttäuschung und Lüge. Ohne falsche Bescheidenheit nehme jeder den Platz ein, der ihm zukommt am Mahle des Lebens. Ist's ein bevorzugter, um so besser! Was nützt es den Armen, für die der Abhub bestimmt ist, wenn man sich zu ihnen gesellt? Jedem das Seine -- Mühsal und Arbeit denen, die dazu berufen sind; Freude, Genuß, göttliches Otium den Erwählten! ... »Mir!« sagte sich Arnold, und jeder seiner Pulsschläge war Lebenslust, und jeder Herzschlag Verheißung. Weit öffnete die Welt sich wieder vor ihm, die schöne Welt, die ihm gehört und seines Gleichen.

Alles Glück dem Glücklichen. Sogar die leise Wehmuth, die sich bei dem Gedanken an Claire durch seine Seele schlich, war nichts als ein leichter Schatten, der das Licht, das ihn allzu grell überfluthen wollte, mild abdämpfte.

* * * * *

Am Abend zuvor war Claire nach Hause gekommen, hatte das erste Zimmer leer und Karoline im zweiten am Bette ihres Kranken gefunden, der in tiefem Schlafe lag. Das Mädchen näherte sich mit unhörbaren Schritten und fragt sie:

»Ist er dagewesen?«

»Ja.«

»Und --?«

Karoline zuckte die Achseln.

»Die Seinen verwerfen mich ... Ich kann mir's denken ... Rede!«

Aber als die Baronin zu sprechen begann, fiel Claire ihr ins Wort:

»Nicht in diesem Ton! ... Ich ertrag' es nicht ... weiß auch genug.« Ihr ganzer Körper zitterte und bebte. »Was ich erfahren muß, will ich von ~ihm~ erfahren, durch Niemand anders.«

Und dabei blieb sie. »Er soll mir sagen, wie es steht, das zu thun kommt ihm zu, das zu fordern mir. Du,« erklärte sie der Baronin mit einer Festigkeit, die den Widerspruch ausschloß, »hast für ihn kein Verständniß und keine Güte.«

Die Zeit verging.

»Hoffst Du noch?« fragte Karoline.

»Ich bin so thöricht! -- Durch die Dämmerung um mich her dringt ein Sonnenstrahl, nicht stärker als der dünnste Faden,« erwiderte Claire, »an den klammere ich mich und -- gegen alle Voraussicht der Vernunft, gegen alle Gesetze der Physik -- hält er mich -- hält mich aufrecht ... Was ich,« fügte sie herb hinzu, »jedenfalls so lange bleiben muß, bis Meibergs abreisen.«

Unverdrossen ging sie den Anforderungen des Tages nach. In der Nacht aber lag sie schlaflos und bemühte sich, Gründe für Arnolds Ausbleiben zu ersinnen. Sie hatte ihn auf die Probe gestellt; vielleicht verlangte er Genugthuung dafür und stellte nun sie auf die Probe. Und wenn ihre Freundin behauptete, er sei verreist und werde nicht zu ihr zurückkehren, fragte Claire:

»Hat er es Dir gesagt?«

»Das nicht.«

»Siehst Du! Ich setze meinen Glauben gegen Deinen Unglauben und baue auf sein Wiederkommen.«

Still, tapfer und treu kämpfte sie ihren Kampf ums Dasein fort. Sie meinte, es ganz genau so zu thun wie je und immer. Dennoch mußte sich irgend eine Veränderung an ihr wahrnehmbar machen; zu viele Leute fragten, ob sie leidend sei und was ihr fehle. Daß sie versicherte, sich ganz wohl zu fühlen, überzeugte Niemand. Sie dürfe es nicht gelten lassen, daß sie zu kränkeln beginne, meinte man; wer würde denn eine kränkliche Lehrerin behalten?

Wie es aber auch mit ihr stand, der Gräfin Meiberg hatte sie jedenfalls eine Enttäuschung bereitet.

Es war doch zu fatal, daß Claires vielgerühmte gute Laune minder gut geworden, seitdem das Haus Meiberg sich dieselbe hatte nutzbar machen wollen.

»Meibergsches Unglück!« seufzte die Gräfin. »Uns mißräth Alles. Wir engagiren eine heitere Gesellschafterin -- sogleich wird eine melancholische aus ihr.«

»Dann sind wir Ursache, an uns liegt die Schuld!« entgegnete Marie.

»Und ich finde sie auch so zerstreut,« sagte die Gräfin, welche nur ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte. Ihre Tochter jedoch versetzte:

»Was liegt daran, Mama, zerstreut bist auch Du.«

Ihr Vater schmunzelte, bemerkte aber mit obligater Mißbilligung, das sei »ganz etwas Anderes,« und so kühn die junge Dame auch war, den Muth zu fragen: »Warum?« hatte sie nicht.

Eines Abends kam Claire, von Gräfin Meiberg ungewöhnlich früh entlassen, bei einbrechendem Zwielicht nach Hause.

Das Erste, worauf ihr Blick fiel, als sie das Zimmer betrat, war ein Brief mit der Postmarke des Deutschen Reiches. -- ~Seine~ Botschaft! Leben oder Tod!

Da hielt sie ihr verkörpertes Schicksal in den Händen. Ein kleines, lebloses Ding -- wie ihm ähnliche zu Tausenden in der Stunde die Welt durchfliegen -- und birgt das Heil oder Unheil eines Menschenlebens.

Die Kniee Claires versagten; sie ließ sich auf einen Sessel am geöffneten Fenster sinken und las beim letzten Lichtschein des langen Sommertages. Die schönen sympathischen Schriftzüge, die sie so oft bewundert hatte, wurden immer undeutlicher, immer mächtiger brach die Dunkelheit herein -- nun war es Nacht.

Die Bogen lagen auf Claires Schoß, unter ihren gefalteten Händen; sie konnte sie nicht mehr sehen, fühlte sie nur noch, hob sie empor und -- riß sie langsam entzwei.

Die Baronin trat ein, stellte die Lampe auf den Tisch, sah rasch auf denselben nieder und dann forschend hinüber nach Claire. Die Freundinnen tauschten einige Worte, und Karoline wandte sich wieder der Krankenstube zu. »Es giebt heute eine böse Nacht,« sprach sie im Fortgehen; »wirst Du mich ein paar Stunden beim Wachen ablösen können?«

Claire bejahte es, erhob sich und trat zur Lampe, über welche sie den Brief hielt. Die feinen Blätter krümmten sich, qualmten, flammten plötzlich auf und waren bald nichts mehr als schwarze Flocken, die Claire sammelte und hinausflattern ließ in die heiße, schwere Luft; die trug sie davon, in der zerstäubten sie, und mit ihnen zerstob, was das sichtbare Zeichen gewesen einer heftigen Selbstanklage, das Geständniß eines großen Irrthums -- der Ausbruch eines nagenden Schuldbewußtseins.

Getreulich half Claire der Freundin in der Ausübung ihres Samariter-Amtes. Es ging abwärts mit ihrem alten Hausgenossen, und wie sein unbedeutendes Leben kampflos verflossen war, so nahte ihm der Tod ohne Kampf, als ein sanftes langsames Aufhören.

Und Claire beneidete ihn. Nie hat ein Kranker sich heißer nach Genesung gesehnt, als sie sich sehnte zu erkranken, recht schwer, am liebsten rettungslos. Es wäre so gut gewesen, zusammenzubrechen und sich nicht mehr aufraffen zu müssen jeden Morgen zum neuen Gang nach der alten Tretmühle des »Kreises der Pflichten«. Aber ihr Körper widerstand -- sie blieb gesund.

Der Schluß des Schuljahres kam; der junge Graf Meiberg legte seine Prüfung mit noch mehr Ehren ab als im vorigen Jahr, denn dieses Mal bekam er sogar ein Zeugniß, und die Familie reiste auf das Land.

Beim Abschied gab die Gräfin Claire zu verstehen, daß sich Manches ändern müsse, wenn die »neu eingegangenen Beziehungen« zu ihr in der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten. Die Gräfin konnte nicht umhin, das Bekenntniß abzulegen, daß ihr dünke, das Naturell der Lehrerin weise sie entschiedner auf den Umgang mit Kindern, als auf den mit Erwachsenen an.

Einmal wieder nach langer Zeit verirrte sich ein Lächeln auf die Lippen Claires, als sie der Freundin den Ausspruch der Gräfin mittheilte.

Karoline nahm die Sache ernst. »Es wäre bös,« sagte sie, »wenn Du Dir die Stelle verscherzt hättest, um derentwillen Du Deine besten Stunden aufgeben mußtest.«

»Was liegt daran?« lautete Claires Entgegnung, die von der Baronin mit Schweigen aufgenommen wurde.

Sie sprachen überhaupt wenig, die Beiden. Ruhig pflegte Karoline den Sterbenden und fand immer noch Zeit, die ihr anvertrauten Arbeiten richtig abzuliefern. Ihre Kraft wuchs mit den Anforderungen, die an sie gestellt wurden. Die starke Frau hatte ihr Haupt niemals höher getragen als jetzt im Leid um ihr armes, altes Kind, gegen das die Herbe, Unbeugsame immer so mild und liebreich gewesen war, und das sich nun anschickte, sie zu verlassen.

Einmal war Claire später noch als gewöhnlich zur Ruhe gekommen und hatte dann fest und tief geschlafen bis gegen die Mittagszeit. Plötzlich fuhr sie auf und horchte; ihr schien, als sei ihr Name gerufen worden. Doch war es wohl nur Täuschung gewesen -- nebenan herrschte lautlose Stille.

Sie kühlte das brennende Gesicht, die heißen Glieder in frischem Wasser, warf ein leichtes Tuch über die Schultern und trat, um ihr Haar zu ordnen, an den kleinen Spiegel, der auf dem Kasten stand. Seit Wochen hatte sie nur mechanisch hineingeblickt -- geblickt, ohne zu sehen; heute versenkte sie sich in die Betrachtung des traurigen Bildes, das er ihr in dem grellen Sonnenlicht, von dem die Stube erfüllt war, widerstrahlte. O, wie fahl ihre Wangen geworden waren, wie tief die Falten auf der Stirn, wie krankhaft gespannt die Züge! So war's doch möglich? so sollte ihr stiller sehnlicher Wunsch vielleicht doch in Erfüllung gehen? früher vielleicht, als sie zu hoffen gewagt hatte?

»Der Kummer tödtet den Mann und ernährt das Weib.« Dieses Sprüchwort hatte ihre gute Mutter oft im Munde geführt und war doch selbst aus Kummer gestorben. Die Tochter ging denselben Weg. Gewiß, der Gram, der solche Verheerungen anzurichten vermag, der kann auch tödten, der hat die Macht.

Ein Gefühl von düsterer Freude erfüllte sie bei dem Gedanken und zuckte mit unheimlichem Aufleuchten aus ihren Augen.

Nun tauchte hinter ihrem Spiegelbilde ein zweites, ein ruhiges, ernstes empor. Die Baronin war eingetreten. Claire begrüßte sie und sagte:

»Ich habe mich nach langer Zeit einmal wieder in dem Spiegel gesehen und bin erstaunt ... Meine Schülerinnen scheinen recht zu haben -- in bin wohl wirklich krank.«

»Du bist es,« sprach die Baronin, »und tödtlich, denn Du willst Dich sterben lassen. Das kann man ja. Du hast keine Freude mehr am Leben -- Du gehst. Und was treibt Dich aus der Welt? -- Ein Glück, das in Deinem Fall allerdings ein ganz unerhörtes gewesen wäre, ist Dir nicht zu Theil geworden. Aber Du hattest auf das Unerhörte gebaut, es angesehen als ein Dir zukommendes; Du fühlst Dich in Deinem Recht gekränkt und gehst aus dieser ungerechten Welt.«

»Karoline!« beschwor Claire, doch Jene fuhr fort:

»Sieh' Dich um bei Deinen Berufsgenossinnen -- wie viele von ihnen haben ein dem Deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal ~nicht~ gehabt? wie viele haben ein schlimmeres erfahren? -- Nun, sie leben, sie leisten, sie tragen die eigene Last, und wenn es sein muß, wohl auch die Anderer, die minder beladen, aber schwächer sind als sie ... Du wandelst gleichgültig an ihnen vorüber -- ich sage Dir, beuge Dich vor Jeder, Jede von ihnen ist mehr als Du! ... Du lässest die Hände sinken, eh' die Zeit zur Rüste gekommen; Du hättest hier noch Manches zu thun, Deine Aufgabe ist noch nicht erfüllt, ein heiliges Versprechen noch nicht eingelöst; aber gleichviel -- Du gehst ... und -- kannst gehen.«

»Karoline,« rief das Mädchen noch einmal mit inbrünstigem Flehen um Schonung.

»Und ~kannst~ gehen!« wiederholte die alte Frau unerschütterlich. »Ich bin da. Ich habe noch Kraft übrig für Deine Aufgabe, die meine ist gethan. Komm, überzeuge Dich.«

Sie schritt voran und ließ die Thür des Krankenzimmers weit offen stehen. Auf dem Bette lag, mit schneeigem Linnen bedeckt, eine regungslose Gestalt, eine Leiche. Karoline näherte sich ihr, zog das Tuch hinweg und enthüllte ein Antlitz voll Schönheit. Ihr eigenes Gesicht erhellte sich im Widerschein des Friedens auf dem des Entschlafenen. Sie streichelte liebkosend seine langen weißen Haare, die sich weich unter ihre Finger schmiegten, und sprach zu Claire: »Ich hätte Dich eigentlich nicht hierher führen sollen, der Anblick ist nicht angethan, vom Tode abzuschrecken. Aber glaube mir, ~so~ kommt er denen nicht, die sich ihn erzwungen haben. Claire« -- legte den Arm um ihre Schutzbefohlene und zog sie an ihre Brust -- »nicht zu hastig, liebes Kind, warten wir in Geduld, bis sie kommt, die große Stunde, vielleicht tritt sie auch uns so freundlich an, wie den!«

»Was meinst Du?« begann sie von Neuem, als Claire gesenkten Hauptes und thränenlos in Schweigen verharrte. -- »Was meinst Du? Willst Du zu warten nicht wenigstens versuchen?«

Das Mädchen richtete sich an ihrer Freundin empor, und es war etwas von dem heiligen Muth der Märtyrer in dem Tone, in welchem sie sprach: »Ich will's versuchen.«

* * * * *

Dem heißen Sommer folgte ein früher Herbst; die Villenbewohner kehrten aus der Umgegend, die Schloßbewohner aus den Provinzen nach der Stadt zurück. Claire nahm ihre Thätigkeit wieder auf, im Anfang mit einer gewissen Zaghaftigkeit, später mit neuerwachtem Selbstvertrauen und endlich mit gewohnter Lust und Liebe. Karoline findet heute an ihr eine feste Stütze, viele junge Herzen glühen für sie und viele sehr alte weihen ihr die letzte Freundschaft. Sie zieht den Verkehr mit Kindern und Greisen jedem anderen vor. Die einzige Ausnahme darin macht sie für Comtesse Marie-Danton, die sich denn auch berühmt, zwischen ihr und Fräulein Dübois sei es auf Tod und Leben.

Was Gräfin Meiberg betrifft, so versäumt sie es nie, wenn in ihrer Gegenwart von der Lehrerin gesprochen wird, mit tiefer Durchdrungenheit zu sagen: »Unsere gute Claire hat sich eine Zeit lang etwas vernachlässigt, jetzt aber ist sie wieder die Alte.«

Nach dem Tode.

»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie behaupten, das Schönste, das es auf Erden giebt, dann würde es Ihnen in meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich niemals kennen gelernt habe.«

Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte er: »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich darauf gefaßt: dieser Tage -- morgen vielleicht, kommt er, wirbt um Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.«

»Möglich, möglich.«

»Und -- Sie?«

»Und ich fahre nach Wildungen.«

»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief der Fürst triumphirend aus. »Sie werden zum ersten Mal die Langeweile, am Ende sogar die Sehnsucht kennen lernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und --« er richtete sich auf -- »die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft, angeboten habe. Seien Sie aufrichtig -- setzte er hinzu: »Könnten Sie wohl etwas Vernünftigeres thun?«

»Vernünftigeres,« wiederholte die Gräfin langsam -- »schwerlich.«

»Nun denn!«

»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe und jetzt sprechen Sie von Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.«

»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen -- Sie und ich!«

Marianne erhob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken, einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.«

»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter. »Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgend einen undankbaren Phaon, irgend einen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zu Muthe wäre, wenn Sie mich fänden in Verzweiflung wie Sappho, oder -- wie Dido, im Begriffe den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich das vor!«

»Das kann ich mir nicht vorstellen,« sprach der Fürst.

»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal lieben. Im Gegentheil, die wahre, die furchtbare Liebe, gehört zu den größten Seltenheiten und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen, wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleine Leute fähig sind zu fühlen, sind wir kleine Leute, wenn wir nur wollen und bei Zeiten zum Rechten sehen, auch fähig fertig zu werden.«

Der Fürst streckte mit würdevoll ablehnender Gebärde die Hand aus, als wolle er diese Sophismen von sich weisen und antwortete: »Wir werden fertig mit ihr, oder sie wird fertig mit uns.«

Abermals glitt ihr Blick über sein rundes Gesicht, über seine breiten Schultern, die so rüstig die Last eines halben Säculums trugen: »Das hat gute Wege, noch bin ich unbesorgt,« sagte sie.

Der Fürst beendete den Wortstreit mit der Erklärung: zu überreden verstehe er nicht. Und in der That, dazu fehlte ihm das Talent und -- die Gewissenlosigkeit. Ach, es ließ sich nicht leugnen, daß er trotz seiner verzehrenden Leidenschaft, besonders seit einiger Zeit, erstaunlich gedieh; ja, er mußte sich's gestehen, sogar in den Tagen, wo diese Leidenschaft am heftigsten gelodert, hatte sie nicht vermocht, ihm die Freude zu verderben an seinen Jagdpferden, an der zunehmenden Anzahl Hochwildes in seinen Thiergärten, an seinem ganzen fürstlichen Junggesellen-Hausstand auf dem Lande wie in der Stadt.