Part 3
Mit Blitzesschnelle durch das Römerreich Die Kunde flog von Sullas Tod! Der Asche Entglommen neue Brände. In Italien Zog gegen Rom das Heer der Demokraten; Doch ihre Kraft zerschellte an den Mauern Der Stadt. Mit des geschlagnen Heeres Kerne Erschien, um sich Sertorius zu verbünden, Auf Spaniens heißem Boden jetzt -- Perpenna.
Zwei Führern folgte dann das Doppelheer, Zwei Männern, gleich an Rang, doch nicht an Ruhm, Gleich an Gewalt -- in Worten, nicht im Geist. So, als am Fuß der Pyrenäen nun Der glückliche Pompejus stand, ein neuer Und drohenderer Feind der Insurgenten, Erscholl es aus Perpenna’s eignem Heer Mit lautem Ruf: „Nur einer soll fortan Uns Führer sein! In einem Geiste ruht Die sichre Kraft des zielbewußten Tuns! Drum -- weil nur einem Stern wir folgen können, So führe uns der glänzendste fortan Den Weg: Sertorius!“
Da mit glühender Schneide Fuhr durch Perpennas Herz der Dolch des Neides -- Und schweigend wich er seinem Nebenbuhler.
Pompejus zog heran. Ihm stellt’ entgegen Perpenna sich am untern Lauf des Ebro, Den Übergang den römischen Kohorten Zu wehren. Doch mit stürmischer Gewalt Erzwang das Römerheer sich seinen Weg, Und machtlos wich Perpenna. Auch geschlagen Ward bei Valentia ein zweites Heer Der Insurgenten, das Herennius führte. Zeit war’s, daß wieder mit des Blitzes Strahl Des +Helden+ Geist die Macht des Feinds zerschlage. Vom obern Lauf des Ebro kam Sertorius, Und sieh, um Lauro rollten auf dem Plan Des Kampfes Würfel, bis Pompejus’ Heer, Vom schlimmen Feind umstellt, mit Mühe nur Dem Untergang entrann, und bis der Römer Ohnmächtgen Arms zum Himmel lodern sah Die blutgen Flammen, die die Stadt verzehrten, Ein grauser Opferbrand des Überwinders!
Und wieder dann am Sucro unterlag Der Sendling Roms dem Gegner.
Da vom Süden, Sich dem Genossen zu verbünden, rückte Heran mit starker Macht Metellus. Nieder Rannt’ er mit wildem Ungestüm die Streitmacht Des neidischen Perpenna; nahe schon War er dem Freund -- allein Pompejus kargte Mit seinem künftgen Ruhm; mit keinem Zweiten Wollt’ er des Sieges goldnen Lorbeer teilen! Allein, in blinder Eile bot die Schlacht er Dem Gegner an, und dieser ließ frohlockend Den Gimpel in die goldne Falle gehen, Die selbstgestellte, seiner Eitelkeit. Am Turiafluß gab jener Eitelkeit Das siegende Genie die blut’ge Lehre; Denn fast zerschlagen ward das Römerheer.
So häufte Sieg auf Sieg der Einzige, Indes Perpenna schmachvoll wiederum Geschlagen worden durch Metellus’ Schwert, Indes im Süden auch vernichtet ward Ein Heer der Insurgenten und sein Führer, Der tapfre Hirtulejus, sterbend fiel. Gefunden hatten sich Metellus und Pompejus, um vereint fortan zu kämpfen. Da faßte feiges, klägliches Verzagen Die Emigranten, und in alle Winde Zerstreute sich Sertorius’ Heer. Verlassen Nun stand er da; von wenigen Getreuen Begleitet nur, entwich er dem Verderben Und warf sich, ungebrochen, unbezwungen, In Clunias mauerndunkle Felsenveste.
Der Winter kam. Durch seine düstern Wolken Rang sich des Feldherrn mächt’ger Sonnengeist Mit neuem Licht hindurch. In wilder Sturmnacht Entwich er Clunias sicherm Schutz, das wachsam Der Feind besetzt hielt, und als wieder dann In ihrem Laufe sich die Sonne wandte, Stand er an eines neuen Heeres Spitze, Zum Kampf bereit, zum Sieg -- zum Untergange.
Rom sandte neue Legionen. Wieder Verfolgte der verschlagne Feind die Römer Mit den verhaßten, widerwärt’gen Schrecken Des kleinen Kriegs. Und als, gezwungen dann Zur großen, offnen Schlacht, am Calagurris Sertorius der gedoppelten Gewalt Der beiden Heere gegenüberstand -- Warf er Pompejus und Metellus nieder.
Da klang ein Schrei der Wut und der Verzweiflung Durch Rom. Acht Jahre währte schon der Krieg, Der schmachtvoll-blut’ge, und kein Ende war Noch zu ersehn. Die Blüte seiner Jugend Gab Rom dahin; in jedem Jahr verschlang Das Schlachtfeld einen heil’gen Lenz. Versiegt War selbst des Goldes Quell dem reichen Rom. Verödet war schon längst das blühnde Spanien Durch Schwert und Feuer. Nur voll Mißmut folgte, Mit trotzig-düsterm Widerwillen nur Das Römerheer noch den entehrten Fahnen. Ganz Rom erscholl von Angst- und Klagerufen Ob tausendfachen Unglücks. „Unsre Meere“, So hieß es, „tragen nur noch der Flibustier Verwegne Räuberscharen, und seit langem Wagt schon kein friedlich Fahrzeug mehr, den Weg Vom sichern Port ins offne Meer zu nehmen. Italiens Sklaven rotten sich zusammen Mit finstrer Wut, und an der untern Donau Erhebt sich drohend Makedoniens Volk. Loht nur der Westen auf in hellen Flammen? Reicht nicht Sertorius schon die Freundeshand Dem ränkevollen Mithridat nach Osten, Dem Punier gleich, der in Philippos einst Im Osten uns den zweiten Feind erweckte? Weh uns, wenn solch ein Bund das Römerreich Umklammert hält! Die Pyrenäen bald, Die Alpen wird Sertorius überschreiten Und rütteln an den Pforten dieser Stadt -- Ein neuer Hannibal steht vor den Toren!“
Ein neuer Hannibal! Ein treffender Vergleich von vorbedeutungsvoller Tiefe! Dem großen Sohn Karthagos glich der Edle Nur allzu sehr! Darum auch sah er längst Mit unbeirrtem Blick der Dinge Ziel: Vor seiner Seele stand sein Untergang. Vor diesem Geiste hielt kein Schmeichelwahn, Kein eitles Hoffen stand, und diesen Augen Verbarg die Zukunft kein umdüstert Bild.
Wer hemmte noch den feigen Unbestand Ausreißender Soldaten, die berechnend Zur rechten Zeit der Übermacht sich beugten Und die wie Lämmer in die sichre Hürde Sich flüchteten, bevor das Wetter kam! Wer durfte Treue fordern und Gefolgschaft Von den Gemeinden, die sich fromm ergaben, Da Rom mit Mutterarmen sie empfing Als reuevolle Kinder und hingegen Dieselbe Mutter doch ob den Verstockten Im Rachezorn die blutge Geißel schwang? Die besten Kämpfer mit den besten Führern, Sie waren längst dahin -- und wer vermochte Der Überlebenden erhabne Weisheit Samt ihrer eitlen Hoffart zu ermessen? Jetzt war die Zeit gekommen für den Neid, Die giftge Lästerzunge frech zu rühren, Sich groß -- in der Erbärmlichkeit zu zeigen; Denn untreu ward dem Genius -- der Erfolg. Mit ersten Schlägen kam das Unglück. Endlich Ergab sich’s nun, was man zuvor schon lange Sich still gesagt: das Große dieses „Helden“ War nicht sein Geist, es war sein plumpes Glück! Und da es von ihm wich, ergab er sich Fluchwürd’gem Müßiggang, bei Festgelagen Vergeudend Zeit und Geld. War’s noch verlockend, Mit +diesem+ dumm und blind sich ins Verderben Zu stürzen? -- oder winkte jenseits nicht Mit schmeichelnderem Glanz das hohe Blutgeld, Das Rom auf des Verhaßten Kopf gesetzt? -- Da atmeten die Schurken auf! Genommen War ja von ihrer Brust der Bann der Größe, Die zwingend-allgewaltig sich bezeugte Und Stillesein gebot! -- Perpenna’s Auge Hielt lauernd unter den Genossen Umschau Mit giftig-argem Späherblick -- im Dunkeln Wob sich das Netz umgarnender Verschwörung. --
Im Lager lag Sertorius’ Heer zu Osca. Gekommen war Perpenna’s Tag. Mit tückisch Erlogner Botschaft eines frohen Siegs, Den jüngst ein Teil des Insurgentenheeres Erstritten habe, trat er zu dem Feldherrn Ins Zelt. Und dann zum fröhlichen Gelag, Das er zur Feier solch erlesnen Tages Zu geben denke, lud er freundlich ihn. Der Abend kam. In Strömen floß der Wein Beim Gastmahl. Von berauschenden Aromen Erzitterte die Luft im hohen Zelt. Hesperiens Blumen, seine goldnen Früchte Bekränzten leuchtend-schön das Fest. Wie Flammen Erglomm der Rebe Blut in goldnen Schalen. Doch -- wie die Becher -- überfloß die Lippe Der Gäste bald von schamlos-wüster Rede -- Wann litt Sertorius je so niedern Brauch? Ein wilder Geist durchfuhr geheim die Seelen Und zuckte in den Mienen. Sieh, vom Polster Sich halb aufrichtend, griff nach seiner Schale Der freche Mark Anton, und so zum Feldherrn Gewendet, rief er laut: „Ein Sieg! Nun wahrlich, Ein kostbar-seltnes Ding für unser einen! Wer hörte wohl dies Wort seit langen Monden? Ein Sieg! Ich wußt’ es wohl, daß dich, o Feldherr, Die weiße Hirschkuh nicht verlassen werde. Zwar hat ein andrer jetzt das Schwert geführt Als du und den willkommnen Sieg errungen. Gleichviel! Du bist am Ende doch der Sieger; Diana hilft dir durch den Arm der +Freunde+ -- Sieh, diesen Becher bring’ ich deinem +Glück+! -- Du schweigst? Durchfröstelt denn auch dich der Zweifel An dieses Glücks Bestand? Mir freilich schien es Seit langem schon, als hört ich Raben krächzen Ob unserm Haupt; ein Richtbeil sah ich blinken; Und abgeschnittne Demokratenköpfe Auf hohen Stangen winkten mir im Traume. Was tut’s? Wir machen noch ein lustig Ende! Und wenn’s dem Glück nicht gelten soll, so fließe Den Unterird’schen dieser volle Becher! ...“
Erriet Sertorius nicht des Frechen Absicht, Den Streit zu wecken? Wohl erriet er sie! Voll bittern Unmuts warf er schweigend sich Zurück ins Polster.
Klirrend da zu Boden Fällt eine Schale. Von Perpennas Händen Ward sie geschleudert zum verruchten Zeichen. Sieh! jählings schnellt von seinem Ruhebett Der schnöde Mark Anton empor, und wütend Bohrt er in seines Feldherrn edlen Leib Mit wildem Stoß den mörderischen Stahl. Aufspringt der schwer Getroffne. Doch bezwungen Von ihren Armen, bricht er stumm zusammen, Und ganz den unbeschützten Leib durchlöchert Von seiner Feinde gottverfluchten Dolchen, Verröchelt er am Boden ...
Banges Grausen Durchschauerte das Heer am frühen Morgen, Als es des Helden Tod vernahm, und wandeln Durch seine Reihen sah es seinen Schatten Mit Rächermienen. „In die Schlacht mit uns Zieht nun sein Geist nicht mehr!“ so flog es bebend Von Mund zu Mund, und auch des Kühnsten Wange Erblich vorm Hauch geheimer Todesahnung. --
Den Feldherrnstab mit blutbefleckten Händen Ergriff Perpenna. Planlos zum Gefechte Führt’ er Pompejus alsobald entgegen Die zuchtentwöhnten, mutverlassnen Haufen. In wildem Schrecken vor dem Römerschwerte Zerstob der Aufruhrscharen letzter Rest. Gefangen ward Perpenna. -- Da ein Kästchen Mit allen Briefen des Gemordeten, Die angesehne Römer insgeheim An ihn gerichtet, legte unterwürfig In seines Siegers Hände der Gefangne. Den Flammen übergab Pompejus schweigend Die Blätter -- und dem Henker den Verräter. Ein Wink! -- und vor des Mörders Füße rollte Sein blutig Haupt. -- --
Am Boden kriechend, zuckend Erstorben war des Aufruhrs letzte Flamme; Gesunken war der goldne Stern im Westen, Und Spanien lag zu seines Siegers Füßen.
Sibirien.
Wassili Petukoff, was pocht so dreist An deine Tür? Ein Abgesandter ist’s Der Polizei, der liebreich sorgenden. Hast du nicht einen Gast bei dir geduldet, Der liberalen Sinns verdächtig war -- Genug, genug, Wassili! Draußen harrt Der Tarantas schon, der dich schnell entführt. Du +scheinst+ dem Staat gefährlich, und „der Staat“ Gibt dir, auf „unbestimmte Dauer“ nur, Im heil’gen Rußland einen sichren Wohnplatz. Wie? -- Was? -- Gericht verlangst du? Unverschämter, Glaubst du, der Gouverneur und der Minister Und der Isprawnik -- alle miteinander Von Gottes Gnaden! -- wüßten nicht von selber, Was rechtens ist? Frag Wölfe, ob ihr Opfer Nach einem Richterspruche sie zerreißen Und nicht nach Gier und Laune! Rüste dich! In Ohnmacht sinkt dein schönes, junges Weib; Die erste Hoffnung eines jungen Glückes Keimt unter ihrem Herzen -- rüste dich! Nimm Abschied -- tu’s für lange, guter Freund! Dein künft’ger Wohnort liegt ein wenig weit, Und weit ist auch der Zar, der dir nicht hilft, Und hoch der Himmel auch, der dir nicht hilft. Versieh mit einem guten Pelze dich; Denn lange Monde geht durch Sturm und Schnee Die Fahrt ins unermessne Feld des Todes. Zum Teufel, schnell! Man hat nicht Zeit. Zerreiß Dein Glück -- ei was! Zerreiß dein Leben gleich! Du bist von Hunderttausenden nur einer. -- Ein wilder Kuß in krampfender Umarmung -- Ein Schrei, nachgellend -- ein erstarrter Blick -- Der Wagen rast davon. -- „Leb’ wohl, Maria!“ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ein hübscher Weg ist’s von Iwangorod Bis Werchojansk. Er geht durch Sonnenbrand Und Staub, durch Frost und Staub, durch Wind und Staub, Wenn nicht der Schnee in grausenvollen Stürmen Verschüttet Wege, Dörfer, Städte, Menschen. Bei Jekatrinenburg sagt man Europa Ein dankbar Lebewohl, -- der nasse Blick Umirrt den Grenzstein, bis er fern verschwimmt. -- Und rastlos weiter geht’s, bis endlich, endlich Du dorthin kommst, wo einsam durch der Tundras In Ewigkeit vereiste Moore knirschend Die Jana die vereisten Fluten drängt. Dort Werchojansk. Dort endlich darfst du bleiben, Armer Wassili! Nun versuch dein Glück! Warst du daheim nicht Arzt? -- Es tut mir leid: Den Kranken helfen, ist dir streng verboten. Du schlichest dich gar leicht ins Herz der Kranken Und streutest aus den Samen der Empörung. Allein du bist gebildet -- also lehre! Es tut mir leid: Du darfst nicht unterrichten. Das wär’ dir eben recht: den Geist der Schüler Durch deines Geistes Gifte zu entzünden! Jedoch Musik wirst du noch lehren dürfen -- Es tut mir leid, mein Freund; doch die Regierung Hat ein verteufelt schlechtes Ruhekissen. Sie, die dich quälen, die dein Herz zerfleischen, Sie schlafen den verfluchten Schlaf des Mörders Und würden aufgeschreckt von deinen Tönen. Was also bleibt dir? Bau den Acker! Freilich, Hier ist kein Acker. So verdinge dich Als Tagelöhner -- doch wer wird dich nehmen? Gewißlich niemand. Jeden Tag gehörst du, Gehörst jedwede Stunde und Minute Den Schergen, die dich peinigen. Von Strolchen, Die ehedem des Kerkers Eisen trugen, Wirst du bewacht. Gemeinheit ist ihr Atem. Sie fangen deine Briefe auf; sie lesen, Was dir dein Weib, was dir Maria schrieb Im namenlosen, heiligen Schmerz der Liebe. Du aber liest es nicht, wenn’s deinen Wächtern Nicht so beliebt. O heiße du den Hunger Mit Inbrunst doch willkommen, der dich tötet -- Doch nein, nicht so! Die Bestien, die dich martern, Sind Christen ja und lassen zwar dich hungern, Doch nicht verhungern! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Schau, was wälzt sich dort Die Straße her von Tomsk mit schwerem Schritt? Aus Wolken Staubes blitzen die Gewehre -- Kommandoruf ertönt -- ein langer Zug Von groben, grauen, buntbeflickten Mänteln -- Gefangne sind es, Männer, Weiber, Kinder, „Gemeine“ und „Politische“, bestimmt, Im fernen Osten langsam zu verderben. Mit manchem Manne teilen Weib und Kind Die Schrecken der Verbannung, so bezeugend, Daß Liebe größer ist als Erdenelend. Wirr fällt das Haar von halbgeschornen Scheiteln; In allen Mienen Hunger und Ermattung, Verhaltne Wut und stumpfe Höllenangst, Und oft -- o Grauenbild! -- von bleichem Munde Ein grimmer Scherz und ein verzweifelt Lachen. In einem Dorfe macht man Halt. Und gurgelnd, Wie heisres Grollen bald und bald wie Stöhnen Aus rauhen Kehlen tönt der „Bettlersang“. Da fließt aus jedem Haus und jeder Hütte Die Gabe reichlich; selbst die Armut bringt Mit magern Händen ihr erdarbtes Brot. -- Und wieder hallt Kommando. „Bildet Reihen!“ Und weiter schleift auf längst zerfetzten Schuhen, Auf wunden Füßen sich der Trupp dahin. -- Oft bricht ein Kühner wohl aus diesen Reihen Und flieht der Freiheit zu. Doch fährt ihm bald Die Kugel des Soldaten in den Leib -- So besser ihm! Er ist erlöst und frei! Doch still -- wer schreitet dort zuletzt im Zug? Was willst du, armes, unglücksel’ges Weib, So jung und schön und so erbarmenswürdig? Suchst du Wassili Petukoff, den Gatten? O weit noch ist er, weit! Du siehst nicht aus, Als ob du je ihn wiedersähst, Maria! Und -- o laß sehn! -- was birgst du so besorgt, So angstvoll zärtlich dort im Tuch? -- Ein Kindlein, Dein Kindlein und Wassilis. Sieh, es weint Und öffnet durstig dir die trocknen Lippen. Wie drängt dir’s wohl im Herzen nach dem Gatten, Der Liebe Frucht an seine Brust zu legen Und unter hellem Jubel, hellen Tränen In seine Nacht ihm dieses Licht zu bringen! -- Vorüber ist der Zug. Aus Wolken Staubes Zum letzten Male blitzt ein Flintenlauf. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Nach je drei Tagen hält man im Etappen- Gefängnis Rast. O hochwillkommne Ruhe Nach Hunger, Frost und Staub, nach Schmerz und Qual! Nur schade, daß der Andrang gar so groß ist Zu diesen Häusern! Wohl achthundert könnte Man darin bergen; fast zweitausend leben Zur Zeit darin. Nicht Platz ist auf den Pritschen -- Und also lagert man im Kot der Dielen Zur Nachtzeit, ohne Hülle, ohne Pfühl. Schmutz überall! Vom Schmutz die Wände starren, Der Boden und die Decke und die Kleider Der Menschen und sie selbst. Tritt nicht herein, Der du gewohnt, in freier Luft zu atmen. Ein fieberschwangrer Pestgestank benimmt dir Den Atem, ein mephitisch gift’ger Brodem. Ein sinnverworrnes und -verwirrendes Geschrei, Geheul, Gezänk erfüllt den Raum, Und Männer, Weiber, Kinder durcheinander Erstöhnen, weinen, seufzen, lachen, fluchen. Und noch ist des Lebend’gen nicht genug In diesem Stall! Von Ungeziefer wimmelt Jedweder Fetzen der Gefangenen. Der trefflichste Erbarmer ist der Tod; Er hat ein Herz, der Kerl, und sucht sich täglich Die Schmerzenvollsten aus und würgt sie sanft, Wenn sie im Fieber von der Heimat träumen. Hier rast in Phantasie’n ein Fieberkranker, Und dort -- Entsetzen! -- schlug in jenem Winkel Der Wahnsinn nicht ein gellend Lachen auf? Man trennt hier nicht die Irren und Gesunden. Wozu denn auch? Wer will denn unterscheiden, Ob das, was höllisch glimmt in diesen Augen, Sei Wahnsinn oder Wut? Ob dieses Antlitz In Frohsinn oder Stumpfsinn grinst?! -- Und mitten In allem diesem Jammer du, Maria! O sag’, warum dein Blick so starr geworden, Seit ich zuletzt dich sah? -- Ein Blitz, ein Feuer Huscht dir ins Auge oft -- wer weiß, woher? Und irrt ins Ferne hin -- wer weiß, wohin? Wo ist dein Kind, dein lieblich Kind, Maria? Ja, komm heran -- ganz nah heran -- ganz nah, Und sag’ es mir ins Ohr mit leisem Weinen -- Erfroren? Auf dem Weg erfroren? Wie? Dir an der Brust erfroren? O verzeihe, Ich frage schon nicht mehr -- sei still -- und weine. -- --
Ich will indessen in den Winkel kriechen, Das Ohr am Boden, will ich schweigend horchen, Ob ich nicht Donner höre aus den Tiefen, Und ob nicht Feuer bricht aus tausend Schlünden, Und ob nicht die Posaune gellt und klingt, Bis ihr Metall zerbirst vom Hauch der Rache! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Und manchen Tag noch schleppte weiter mit Dem Trupp der Deportierten sich Maria. Sie, die sie welken, schwinden sahn im Elend, Die ihren Geist gemach verglimmen sahn, Vergaßen ihres eignen Grams und weinten. Nur ein Gedanke lebt ihr noch im Hirn: „In Werkholensk werd’ ich Wassili sehn.“ Er war fortan ihr Leben, der Gedanke, Ein dünner Faden nur; doch Tag für Tag Spann ihn die Sehnsucht weiter. Da geschah’s, Daß eines Tags sie hörte: „Wie? Wassili In Werkholensk, dem Dorfe bei Irkutsk? Du irrst Maria: nicht in Werkholensk, In Werchojansk lebt Petukoff!“ Und starren, Verlornen Blickes stammelte Maria: „Und ist -- wie weit -- wie weit -- bis Werchojansk?“ „Sechshundert Meilen noch! Auf Renntierschlitten Kommt man dahin auf endlos öder Fahrt!“ Seit diesem Tage war Maria stumm, Ihr Geist erloschen und ihr Auge tot.
Doch eines Tags, als wieder im Gefängnis Man Rast hielt, schnellte jählings sie empor, Und vorgebeugten Haupts, die Hände krallend Ins Holz der Wände, schien sie mit den Blicken Ein Etwas zu verschlingen. Dann entriß Sich ihrer todeswunden Brust ein Schrei, So wilden Jubels und Triumphes voll, Daß alles rings erstarrte. Rückgesunken, Lag sie am Boden dann, entseelt -- erlöst! --
Man kam und fand, was ihren Geist erleuchtet Zum letztenmal. Gekratzt ins Holz der Wände, War eine Schrift zu lesen, klar und deutlich. Und flüsternd las man: „Lebe wohl, Maria!“
II. Mit der Natur.
Hymnus an die Bäume.
O meine Bäume! Seit meiner Kindheit ahnenden Tagen Sprech’ ich zu euch, ihr edlen Vertrauten, Sprech’ ich in stummer, geheimer Sprache, Und ihr versteht mich Und atmet mir Antwort.
Wenn von euren dunklen Wänden Meine Seele widerhallt -- Wie wehende Andacht Verschwiegener Hallen, Wie heiliges Grauen Verlassener Tempel Faßt es mich an.
In reiner Frühe such ich euch Erquickten Auges, Und sieh: in euren Zweigwinkeln lauschen Tage der Kindheit, Auf euren Wipfeln wiegen sich Tage der Wandrung.
Aber am sinkenden Abend, Wenn silberne Elfenluft durch eure Zweige blickt Und Birkenschleier im Mondlicht hangen, Wenn der leuchtende Himmelswandrer Mondhingewandte Seelen bindet Mit saugendem Licht, Dann hangen an euren Stämmen Schatten der Schwermut, Und im Gewirr eurer Zweige Leuchten und dunkeln Geheimnisse Wie in der Brust erhabener, Gottversunkener Seelen.
Wie oft, wenn drängende Mittagsglut, Mit tausend Pfeilen das Haupt umschwirrend, Zur Qual mir ward, Fand ich zu euren Füßen Hundertjährigen Schatten, Der die Sinne schmeichelnd befängt Wie hundertjähriger Wein. Dann, ihr grünen Himmelsleitern, Lag ich, ein Sohn der Verheißung, Träumend an eurem Fuß, Und an euren Ästen stiegen Auf und nieder Himmlische Hoffnungen.
Euch, ihr Bäume, Acht ich des Schöpfers Göttlichste Kinder. Ihr wart vor uns Lebenden, Und eure Kronen bewahren Vergangenes in rätselvoller Sprache Ihr werdet nach uns sein, Und euer Inn’res Hegt Keime der Zukunft In ernstem Schweigen. Und unbekümmert Um Vergangenes und Künftiges, Spendet ihr, Wissende, Frucht und Schatten, Duft und Schönheit. In schweigender Hoheit Wachst ihr empor Über der Menge Geschrei und Gewühl, Und überhebt euch nicht, Neigt euch milde Zu den Menschen Und blickt fromm Zu nächtlichen Sternen.
Menschen, die ihr mich liebt, Pflanzt Bäume mir auf das Grab, Daß ihre Wurzeln meinen Leib umfangen Wie sorgende Arme, Und ihre Häupter, sich neigend, mir singen Von Lenzen, die ich ersehnt Und nicht mehr gesehn.
Wilde Frühlingsboten.
Nicht nur im lindern Hauche der Lüfte, Nicht nur im wärmern Glanze des Lichtes, Nicht nur im ersten Zagen, süßen Augenaufschlag Des jungen Lebens Fühl’ ich die Bälde Kommenden Frühlings, Ahn’ ich die Nähe Kommender Lust.
Ihr auch Boten Des nahen Lenzes, Ihr auch Künder Des neuen Werdens, Seid mir willkommen, Brausende Winde, Felder und Wälder Durchheulende Stürme, Ihr auch, dunkle, Donnertragende Wetterwolken, Seid mir gegrüßt!