Gedichte

Part 2

Chapter 23,666 wordsPublic domain

Die Glocke schreit wie ein jammerndes Kind: Gebt Antwort, gebt Antwort, wo Menschen sind! --

Nur Nebelschweigen und Todesruh. Dein Volk ist tot. Nur du lebst, du.

Da packt ihn das Grauen; mit tappendem Schritt Steigt er hinab; in die Kirch’ er tritt

Und sinkt in die Bank, und vors Gesicht Ballt er die Fäuste und stöhnt und spricht:

„Ich dank’ dir mein Leben nicht, o Gott! Dein Segen ist Fluch, deine Rettung Spott.

Wo hast du mein Weib? Wo hast du mein Kind? Mein ganzes Volk zerstoben im Wind!

Du hast mich vergessen, ich helfe dir nach --“ Ans Messer im Gürtel greift er jach --

Da hört er ein Schwirren -- er blickt hinauf: Vom Taufstein hob sich ein Schwälbchen auf.

Beschwingtes Leben im finstern Raum! Durchs Fenster entflog es wie ein Traum!

Er raffte sich auf; er schaute sich um -- Da sah er ein Weib, das blickte stumm

Der Schwalbe nach und blickte lang -- Bis Auge still in Auge sank.

* * * * *

Sie schritten schweigend hinaus vor die Tür, Da schwirrten die Schwalben für und für.

Sie fanden ein Grabmal aus bröckelndem Stein, Da flitzten die Flinken aus und ein.

In eines Kranzes moderndem Rest, Da hegten die Segler ein heimlich Nest;

Da fanden die beiden zirpende Brut, Geborgen und froh in des Todes Hut. --

Übers Meer, in die Ferne schauten sie weit. Den Ruf des Lebens hörten sie beid’.

Heut lebt auf Holmö rank und recht Ein todesmutig, ein froh Geschlecht.

Timm Clasen.

Am Fischerewer träumt ein Licht Und nickt, als ob’s im Traume spricht Mit seinem Widerschein -- der blinkt Aus stiller Flut -- und blinkt -- und winkt -- Hoo, Timm Clasen, heut gibt’s einen Fang!

Timm Clasen aber sinnt anderm nach. Was glitscht im Mondschein her gemach? Ei, Jan Frerk -- der kommt mir in’n Griff! Ein dumpfer Ruf -- ein leiser Pfiff -- Hoo, Timm Clasen, das gibt einen Fang!

Jan Frerk, der küßte Trin Antje’s Mund -- Die Krebse sollen dich fressen, du Hund! Und er ruft ihn an und keucht und zischt, Herüber, hinüber fliegt Gall’ und Gischt, Hoo, Timm Clasen, nun gibt’s einen Fang!

Timm langt aus -- und da kentert das Boot; Jan grapst an den Planken in Todesnot; Timms Ruder krachend niederschlug: Da -- der hat für diesmal genug. Hoo, Timm Clasen, das gab einen Fang! -- --

Timm Clasen, wie wird der Fluß nun still, Und der Mond tut, als ob er reden will. -- Timm lichtet den Anker und schwimmt stromab Mit der Ebbe und läßt das Netz hinab -- Hoo, Timm Clasen, nun gibt’s einen Fang!

Teufel, wie schwer -- oha! Er zieht; Er bringt es herauf -- und starrt -- und sieht -- Timm Clasen, wie scheint der Mond heut rot! Da glotzt Jan Frerk; Jan Frerk ist tot -- Hoo, Timm Clasen, das gab einen Fang!

Und das Netz fiel klatschend! Vom Uferrohr Ein schwarzer Vogel stieg steil empor Und schoß ins Land. Über’n Birkenschlag Starrt mit einem Auge der Tag -- Hoo, Timm Clasen, das gibt einen Fang!

Tom Biel.

Das war Tom Biel der Kapitän. Seine Mannschaft die wollte doch mal sehn, Was sie durch Drohung von ihm erreiche, Und ob sie den harten Schädel erweiche. Sie setzten auf hoher See ihm das Messer Glattweg an die Kehle, die braven Erpresser. „Halbe Arbeit und doppelten Lohn!“ Das war die erste Position. Tom bat sie freundlich, weiterzureden. „Ja, hundert Mark Extravergütung für jeden!“ „Un denn?“ fragt Tommy, ohne zu plinken. „Ja, besseres Essen un mehr zu trinken!“ „Un denn?“ fragt Tom und beguckt seine Hosen. „Ja,“ schreien sie da mit wildem Erbosen, „Hier soll nich ümmer bloß einer befehlen! Wir wollen einen Ausschuß wählen, Un der soll das Kommando führen! Wir lassen uns nich mehr terrorisieren!“ „Un denn?“ fragt Tom und fängt eine Motte. „Das is allens“, meint da der Führer der Rotte. „Un wenn Sie das nich bewill’gen, Kaptein, Denn ßtellen wir die Arbeit ein!“ „Un denn?“ fragt Tommy mit Augen wie’n Kind. „Djä, +denn versupt wi, so as wi hier sünd+!“

Stumm langt Tom Biel in seinen Sakko; Da hat er stets einen starken Tobakko. Eine Brasil, schwarz, saftig und dick, Holt er hervor mit liebendem Blick; Der schneidet er sorglich die Spitze ab, Setzt sie mit einem Zündholz in Trab Und achtet darauf, daß sie brennt bis zum Rand; Denn die Hauptsache ist: gleichmäßiger Brand! Fächelt den Duft sich unter die Nase Und sagt mit dem Gegenteil von Ekstase -- -- -- Ja ja, was sagt er?! -- Er sagt nicht viel: „Na, denn versupt wi“, sagt Tom Biel.

+Er+ wollte wohl; aber +sie+ wollten +nicht+. Sie kehrten zurück zu ihrer Pflicht.

Wie Jan Bart die Blockade brach.

Jan Bart fragt den Teufel nach „~dehors~“; Stracks will er hinein zu Louis Quatorze. Aber die Schranzen im Wartezimmer Sperren den Weg dem Genie, wie immer.

Wenn sie dem Tüchtigen freie Bahn Lassen, dann ist’s um sie getan; Das weiß das Pack. Und mit Furcht und Zittern Hält es die Könige hinter Gittern.

Jan Bart ist aber gewohnt zu siegen. Na warte, denkt er, euch will ich schon kriegen, Lehnt sich gemächlich gegen die Wand, Schlägt Feuer und setzt seine Pfeife in Brand.

Erstarrung. Entsetzen. Schauder und Grauen. Ist’s denkbar? Soll man den Augen trauen? Man hätt’ ihn so gern auf den Trab gebracht; Doch wer ihn gesehen -- --, der hat sich bedacht.

„Majestät -- ein Offizier -- der raucht -- Im Vorzimmer -- wünscht Gehör --“, so haucht Der Offizier vom Dienst und harrt. Spricht der König: „So keck ist nur Jan Bart.

Er rauche zu Ende und trete ein.“ Jan aber läßt Pfeife Pfeife sein Und steht alsbald vor dem „Sonnenkönig“. Jan hält sich aber auch nicht für wenig.

Und er hat für einen Matrosen gesprochen, Der einen andern im Zweikampf erstochen. Sie wollte nicht dran, die Majestät; Jan Bart hat aber nicht beigedreht.

Es galt eines teuren Freundes Leben, Und der König hat endlich nachgegeben Und hat gemeint: „Du forderst viel; Ich gewähre dir, was ich abschlug Tourville!“

Und rühmte mit manchem Wort noch das Werk Des Helden von Newcastle und Dunkerque. Die Zwiesprach währte fast einunddreißig Minuten! (Die Schranzen zählten fleißig.)

Und als er nun wieder hervorgekommen, Da hat man ihn gleich in die Mitte genommen. Ei, das hat sich geschwärmt und scharwenzelt! Ei, das hat sich gescharrt und geschwänzelt!

Ein Mann, dem der König aus eigenstem Munde Das Wort gegönnt eine halbe Stunde -- Da mag man nun sagen, was man kann -- Ein solcher Mann, +das+ ist ein Mann!

Sie haben umstellt ihn und eingekreist, Sein Genie gerühmt, seinen Heldengeist; Sie haben ihn förmlich eingeschlossen Und ihn mit Narden und Honig begossen.

„Monsieur, wie kam’s nur, daß Sie den Schlingen Der Briten bei Dunkerque entgingen! Sie waren doch regelrecht blockiert! Wir sind aufs höchste interessiert!“

„Nichts leichter als das!“ ruft unser Jan Maat, Und eh’ sich’s einer versehen hat, Kriegt links ein Gauch und rechts ein Gauch Eins vor die Brust, eins vorn Bauch;

Ein Fußtritt hier, ein Fußtritt da, Knuffpuff, klabautz, Viktoria! Jan Bart steht schon an der Tür und lacht: „Adieu, meine Herren, so hab’ ich’s gemacht!“

Hartnäckige Liebe.

Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht. Er rettete damals die beiden Dänen, Ihr wißt wohl -- es wollte keiner dran -- Er riß sie dem blanken Hans aus den Zähnen.

Nun war da die Antje Nissen -- ei ja, Die mochte dem starken Jan wohl taugen! Schmuck war sie, alles was recht ist -- man bloß: Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.

Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts. Und so freit’ er um Antje. Sie ziert’ sich nicht lange Und sagte Ja und ward seine Braut. Aber als sie’s war, da ward ihm doch bange.

Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg! Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen, Dann ist die Hochzeit. Sie läßt mich nicht los. Aber sie ist ein Stachelrochen.

Da -- denkt euch -- da kommt ihm Hilf’ in der Not! Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen -- Er rennt auf die Klippen -- das Schiff zerkracht -- Eine Planke hat ihn nach England getragen.

Sein erster Gedanke war: „Jung, wat’n Glück, Nu bin ick verschollen! Das ’s Gottes Wille!“ Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.

Sein Ewer freilich war Grus und Mus. „Na ja,“ denkt Jan, „wat is dor Slimm’s bi! Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.“ Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.

Aber die Welt ist ein Rattenloch. Ein Landsmann muß ihn gesehen haben. -- Jan bummelt am Hafen, die Fäust’ in der Tasch’, Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben --

Da hört er plötzlich -- ihm schießt’s in die Knie -- Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme: „Jan Reimers! Jan Reimers!“ Ihm war’s, als rief Des jüngsten Tages Posaun’ ihn mit Grimme!

Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub! Da ruft Antje Nissen: „Du solltest dich schämen! Nun tu’ doch nicht so, als wenn du nicht hörst, Du Feigling, du!“ Da mußt’ er sie nehmen.

Ratbod.

Hat Liebeswort und Glaubensglut Bezwungen Ratbods Heidenmut?

Der Taufe neigt er schon das Haupt -- Ein Friesenheld, der Christum glaubt?

Das Kreuz, das er auf Knien ehrt, Das Kreuz ist König Karols Schwert.

Der Priester sprach: „Dir wird zuteil Durch Christi Huld des Himmels Heil,

Dieweil die trotzigen Magen dein Verzehren wird der Hölle Pein.“

Hei, klirrend auf Herr Ratbod sprang: „So hab’ für Heil und Himmel Dank!

So wär ich wohl ein falscher Hund, Verließ ich sie im Höllengrund.

Ihr Blut ist mein; ihre Not ist mein, Durch Treue will ich selig sein!“

Und stieß der Klinge lachend Erz Mit starker Hand ins starke Herz.

Herr Dagbrand.

Herr Dagbrand kämpfte harten Strauß Mit Ungemach und Erdengraus. Die Pest verschlang ihm Weib und Kind, Der Krieg ihm Hof und Ingesind. Und wie er ganz sich arm vermeint, Stahl ihm Verrat den liebsten Freund. Da packt Herrn Dagbrand wilde Lust, Das Unheil zwang er Brust an Brust -- Und wieder wuchs ihm Gut und Land, Und wieder drückt er Freundeshand, Und wieder trug ihm Reis auf Reis Ein lachend Liebesparadeis. -- Herr Dagbrand ritt durch tiefen Wald, Am Schenkel stramm die Faust geballt, Und lachend sprach er still bei sich: „Du Leben du, ich zwinge dich!“ Und ritt und ritt durch schwarzen Wald, Da ward es eigen stille bald. Die Blätter hingen bang und schwer, Kein Rauschen war und Raunen mehr. Des Rosses Huf gab keinen Klang, Das Reh hielt still auf seinem Gang. Und langsam, sieh! aus Sumpf und Moor Wächst still und stumm ein Weib empor. Ein schweigend Bild, ein ragend Bild Wie Felsenturm im Herbstgefild. Ihr Mantel fließt wie Nebeltau, Vom Scheitel hängt ein Schleier grau; Doch hinterm Schleier, dünn wie Rauch, Kein Aug, kein Mund, kein Atemhauch, Kein Merkmal eines Angesichts -- Der Schleier deckt ein schaurig Nichts. -- Herr Dagbrand wendet scheu sein Roß, Das fand wohl heim nach Dagbrand-Schloß. Sein Wort erstarb wie Abendwehn: „Nun hab ich, Leben, dich gesehn.“

Der fliegende Holländer.

Zwei plaudernde Gesellen Im Kahn, im flügelschnellen. Schon stieg aus sanften Wellen Die Nacht, die milde Fei.

-- Was war’s? -- Was huscht von hinnen? Ein Schiff mit schwarzen Linnen -- Kein Schiffer saß darinnen -- Glitt unserm Boot vorbei.

Vom Schiff her kam ein Singen Auf weichen, dunklen Schwingen, Ein längst vertrautes Klingen, Wie fremd die Weise sei.

Verklingen und Entschwinden --! Wer sucht, um uns zu finden? -- -- Auf Wellen floß und Winden Das Schweigen still herbei.

Der gerechte Gevatter.

Ein Pilger schritt durchs Tal bergan, Zu suchen den Gevattersmann, Dem sich ein Herz vertrauen kann, Weil er gerechten Sinns.

Im Sonnenglast auf hoher Hald’ Ersah er eine Lichtgestalt, Die sprach: „Dein Suchen endet bald, Ich bin der Herre Gott.“

Doch jener rief: „Ach nein, ach nein, Du kannst mir nicht Gevatter sein. Dem schenkst du Lust und jenem Pein, O, du bist nicht gerecht.“

Durch öden Hohlweg klomm er fort, Da saß ein Mann an düst’rem Ort, Der sprach zu ihm mit leisem Wort: „Nimm mich. Ich bin der Tod.“

Der Sucher sprach: „Du bist gerecht, Den Herren schlägst du wie den Knecht, Kein Stand ist dir zu gut und schlecht, Es gilt, Gevattersmann!“

Und plaudernd schritten sie fürbaß. Der Sucher sprach: „Noch künd’ mir das: Warum versinkt ins Grabgelaß Der spät und jener früh?“

Darauf der Tod: „Ein Lämpchen glüht Für jeden, der dem Staub entblüht; Bald früh, bald spät sein Licht versprüht, Allwie das Öl gereicht.“

Und jener: „Sag’ mir dies zuletzt, Wieviel des Öls mein Lämpchen netzt; Sprich, wann ist mir das Ziel gesetzt?“ Da sprach der andre: „Jetzt.“

„So gib mir zu, des hast du G’walt!“ Des Todes Hand erfaßt ihn kalt: „Du stirbst allhier und alsobald, Wie wär’ ich sonst gerecht?“

Der Grenzlauf.

Es hatten die von Uri und die von Glarus Streit. Sie taten der Grenze willen einander Schmach und Leid. Eins mähte des andern Wiese, eins haschte des andern Kuh. Es schauten die Guten im Lande dem Hader mit Unmut zu.

Sie sprachen: „Es laufe von Altdorf, es laufe von Glarus ein Mann; Wo sie einander begegnen, da sei die Grenze fortan. Wenn Tag und Nacht sich gleichen, beim ersten Hahnenschrei, Da sollen die beiden laufen, daß Recht und Friede sei.“

Nun hielten heimlich die Urner den magersten Gockel bereit, Sie ließen ihn fasten und darben und dachten: Wer hungert, der schreit. Es haben derweilen die Glarner den üppigsten Hahn sich erspäht, Sie mästeten ihn und meinten: Wem’s allzuwohl ist, der kräht.

Die Urner waren die Schlauen: Im Traum schon krähte der Hahn; Ihr Bote sprang wie die Gemse dahin die steigende Bahn. Schon glühten breiter die Gipfel in flammender Morgenfrüh’, Da gähnte der Glarner Gockel ein faules „Kükerüküh“.

Nun schwang der Glarner die Fersen als wie ein fliehendes Wild; Er flog wie ein Adler der Berge hinan über Fels und Gefild. Schon sieht er den andern kommen, da wird er zum schwirrenden Pfeil. Ihm braust’s in den Ohren, es hämmert sein Herz in bebender Eil’.

Doch weh, schon hatte der andre des Vorteils gar zu viel! Schon hatte der Urner den Seinen erjagt ein köstlich Ziel. Da bat ihn der Glarner mit Tränen: „Daß Gott dein Herz erbarm’! Gönn’ uns noch diese Weide, mein Land und Volk ist arm.“

Mit Lachen rief der Sieger: „Es werde, wie du sagst, Wenn du mich auf den Schultern hinübertragen magst!“ Da lud der wackre Glarner sich auf den starken Mann Und schritt mit bebenden Knien den grünen Hang hinan.

Er klimmt hinan mit Zittern, ihm schwindelt und ihm graust; Er krallt in Gras und Felsen sich fest mit blutender Faust, Er beißt die Lippen blutig, daß er nicht ächzen will, Dann bricht er stumm zusammen und ist auf ewig still. --

Es stiegen aus beiden Landen zum Schiedsspruch die Männer herauf. Es hoben mit leuchtenden Augen die Glarner den Toten auf. Es schritten die Sieger von Uri gar langsam und stille hindann; Sie hatten die Wiese gar gerne, sie hätten lieber den Mann.

Die Geister von Aenglistal.

Im Aenglistal war Sonn’ und Freud’: Bei Spiel und Arbeit lachten die Leut’; Wenn der Sämann ging, wenn die Sichel klang, Aus Schollen und Schwaden strömte Gesang. O liebe Geister von Aenglistal!

Das macht’: es hausten in Busch und Baum, Am Sagenbrunnen, im Höhlenraum, Auf Birkenhügeln, am Wiesenrain Von Morgenahnen bis Mondenschein Die holden Geister von Aenglistal.

Sie neckten die Mägde mit streichelndem Halm Und pfiffen und geigten Liedel und Psalm; Sie streuten den Knechten Blüten ins Mahl Und sangen dazu den frömmsten Choral, Die lustigen Geister vom Aenglistal.

Die Rößlein gingen mit tanzendem Schritt; Die Pflugschar lachte, wenn sie schnitt; Die Sense sauste mit singendem Klang; +Ein+ Leuchten und Jauchzen das Tal entlang! O gute Geister vom Aenglistal!

Dreimal am Tage milchte die Kuh; Drei Ernten reiften im Jahre zu. Die Zweige brachen von goldner Frucht; Die Scheunen sprengte des Kornes Wucht. Das machten die Geister von Aenglistal.

Einst war ein Herr von Aenglistal, Dem deuchten die Ernten viel zu schmal. „Ihr faules Gesinde! Ihr albernen Gäuch! Das Kichern und Johlen vertreib ich euch!“ O weh, ihr Geister von Aenglistal!

Die Geisterchen sangen im Abendtraum -- Da blinkt ein lauerndes Rohr im Baum -- Ein Schuß! Da schwirrten sie alle fort, Wer weiß, wie weit und an welchen Ort! Ach, liebe Geister von Aenglistal! --

Ein nachtumhangener Felsensaal, Ein Meer von Stein ist Aenglistal, Wo nur der Sturz der Felsen schallt; Sein letztes Lied ist längst verhallt. Wo seid ihr, Geister von Aenglistal?

Hans Holbein und der Lord.

Kam einst zu Meister Holbein zu London in der Stadt Ein stolzer Lord und pochte: „Ich bin des Wartens satt! Was habt ihr unterm Pinsel? Gar Seltnes muß geschehn, Weil ihr euch eingeschlossen. Macht auf! Ich will es sehn.“

Der Meister aber hatte vom Könige Befehl, Geheim ein Werk zu schaffen, das jedem er verhehl’. „Ihr müßt die Neugier zähmen,“ sprach Meister Hans zum Lord Und gab, ihn zu beschwicht’gen, noch manches gute Wort.

Dem aber ward vor Lordschaft die Leber heiß und kalt. Er tobt’ und wollt’ erzwingen den Eingang mit Gewalt. Da packte Zorn den Künstler; er nahm den Lord beim Schopf Und warf ihn stracks die Treppe hinunter über Kopf.

Wehklagend, drohend, fluchend, mit gut verbundnem Kopf, Den Maler zu verpetzen, zum König eilt der Tropf. Allein noch etwas schneller war Meister Hans zur Stell’, Zu melden, wie ihn reizte der adlige Gesell.

Als er sie beid’ vernommen, da sprach der König kurz Zum Edelmann: „Er soll dir genugtun für den Sturz; Abbitte soll er leisten; verwiesen sei ihm auch, Daß er vom Hausrecht machte so gründlichen Gebrauch.“

Die Buße aber dünkte dem Edlen gar gering Für das, was sich ein Künstler, ein frecher, unterfing. „Je nun“, sprach er, „dem Burschen geht’s hier am Ort nicht schlecht: Ich aber, ich verschaffe mir selbst noch bessres Recht!“

Aufsprang im Zorn der König: „Läßt dich mein Spruch nicht ruhn, So höre: mit mir selber hast du’s fortan zu tun! Und was du, ihn zu kränken, dem Meister tust und sagst, Das tust du mir, dem König! -- Bedenk es, eh du’s wagst!

Denn wisse: leichter Mühe -- kaum braucht es eines Worts! -- Mach ich aus sieben Bauern im Husch mir sieben Lords; Doch einen einz’gen Holbein aus einem ganzen Heer Von eitlen Lords zu machen, das glückt mir nimmermehr!“

Gerechtigkeit.

„Siehst du dort, o Janos, den Gehenkten nicht, Wo die Schatten ziehen um das Hochgericht?“

„Seh’ ihn wohl. Fahr hin dort! Sehn wir, wer es sei! Gibt’s ein Abenteuer, bin ich auch dabei!“

Sprachen so zwei Bauern, die zur Nachtzeit spät Heimwärts fuhren von dem Markt zu Keczkemét.

Und zum Galgenhügel rollten sie geschwind, Wo ein Frischgehenkter schaukelte im Wind.

Wie sie ihn betasten nun an Kopf und Arm -- ~Istem teremtete!~ -- ist der Kerl noch warm.

Hören, wie sein Herz noch leis’ im Takte hüpft -- Ist nur ein Zigeuner, den man aufgeknüpft,

Nur ein Hund von „More“, nur ein Dieb -- gleichviel! Die Justiz zu narren, ist ein löblich Spiel.

Also wird durchschnitten schnell der böse Strang, Weggeschnappt dem Teufel der erhoffte Fang.

Schleppen ihn zum Wagen, werfen ihn hinein; Weiter geht’s im Trabe bei der Sterne Schein.

Hei, da winkt die Czarda! Holla Wirt, heraus! ’s gibt zu später Stund’ noch einen lust’gen Schmaus!

Und beim guten Glase -- manchem guten Glas! -- Hundertmal erzählen müssen sie den Spaß. --

Doch im Wagen draußen war vom Hauch der Nacht Längst zu neuem Leben einer schon erwacht.

„Ei, ein gutes Wäglein und der Rößlein zwei! Dünkt mich, daß das Glück mir heute günstig sei.

Gab zurück mir’s Leben dummer Bauersmann, Will ich schnell ihm zeigen, daß ich’s brauchen kann.“

In die weite Pusta jagt er keck hinaus. -- Mit dem Wirt die Bauern schwanken aus dem Haus.

Finden ihren Wagen, ihre Pferde nicht. Da von edlem Zorne leuchtet ihr Gesicht.

„Wirt, aus deinem Stalle schnell der Rößlein zwei! An den Haaren schleppen wir den Hund herbei.“

Und die guten Bauern hatten Bauernglück, Brachten den Gehenkten alsobald zurück.

Ritten immer weiter bis zum Hochgericht, Drauf mit erstem Strahle schien das Morgenlicht.

Henkten dort den Sünder ohne Schimpf und Spaß, Bis er’s Atemholen aus dem Grund vergaß. --

Sind dann heimgefahren, haben viel gelacht, Haben selbst gefunden, daß sie’s gut gemacht.

„Sag dir, teurer Janos: gilt’s Gerechtigkeit, Bauer macht es besser als die Obrigkeit.“

Quintus Sertorius.

+Motto+: Die Geschichte liebt die Coriolane nicht; auch mit diesem hochherzigsten, genialsten, bedauernswertesten unter allen hat sie keine Ausnahme gemacht.

Th. Mommsen. Röm. Gesch. Bd. III.

In hellem Glanze über Spanien stand Sertorius’ Stern. So leuchtete die Freiheit! Das war ein Kämpfer für des Volkes Recht, Das frecher Adel in den Staub getreten: Der blut’ge Sulla hielt in Rom das Szepter, Und Weihrauch streuten ihm die Oligarchen.

Sertorius? War’s der Tapfre nicht, der Große, Der in drei Kriegen sich bedeckt mit Narben, Der in der Brust ein Herz voll Güte trug, An Heldenmut und Edelsinn ein Ritter? Derselbe war’s -- und ins Exil trieb ihn Des Tigers Machtgebot. Nach Afrika Trug ihn sein flieh’nder Fuß; vor Tingis trieb Er in die Flucht die römischen Kohorten; Durch Cottas Kriegsgeschwader schlug er sich Mit eines Löwen Kühnheit, und als Gast Empfing ihn jubelnd Lusitanien. Alsbald gehorchte seinem Wink ein Heer Von Söhnen jenes Lands und von Verbannten. Ein winzig Heer! Zu einem großen schuf’s Der Haß der Emigranten gegen Rom, Der Lusitanier freiheitglühnder Sinn Und seines Feldherrn wunderbare Größe. Den „neuen Hannibal“! so nannten ihn Die Krieger, und er war’s, nicht darum nur, Weil er dem Krieg ein Auge schon geopfert. Jedweder Sieg ward ihm zu größerm Sieg, Und Siege schuf er sich aus Niederlagen. Das Hochland Tarracons war ihm bekannt Wie Baetica’s ergrünende Gelände -- Bekannt war ihm des Unglücks bittrer Kelch Wie des Triumphes süßer Taumelbecher -- Und groß erfand ihn jeder neue Tag.

Wie bald verstummte Romas blöder Spott, Mit dem beworfen sie den Demokraten Samt seinem Heer! Metellus war entsandt, Den Aufruhr zu ersticken; aber schnöde Verließ der Ruhm die römischen Standarten. Im blutigen Guerillakrieg zermürbte Sertorius seinen Feind, ihn oft umstellend, Aus einem Netz ihn in das andre lockend, Bis Überdruß und knirschende Verzweiflung Die Krieger Roms ergriff, und bis der Mangel Die Reihen lichtete mehr als das Schwert. Indessen schlug des Aufruhrs Flamme wild Von einer Stadt zur andern. Immer drohnder Erschwoll die Brandung. Die Gemeinden Spaniens Zujubelten begeistert dem Befreier, Zu dem Diana selbst, des Krieges Göttin, In jeder Nacht die weiße Hindin sandte, Um ihm ein Siegsorakel zu verkünden.