Gedichte

Part 4

Chapter 43,396 wordsPublic domain

Irgend im weiten Endlosen Raume Hebt ihr, Stürme, Die wucht’gen Schwingen, und die Blitze, Den lauten Donner Zu kühnen Gesellen, Singt ihr im Fluge Durch alle Lande Der neuen Schöpfung Heiligen Anfang.

Ihr sprecht die Worte Flammender Sehnsucht, Ihr singt die vollen, Allgewaltigen, Rauschenden Töne Des kühnen Verlangens; Ihr seid der Wille, Der unzerbrechliche, Ihr die entfesselte Helle Begeistrung, Heraufbeschworen Vom Druck der Ketten Aus langer, schrecklicher Winternacht!

Ich möchte werfen Die Brust entgegen Dem wilden Gesange, Dem heiligen Rauschen Und mit dem Herzen, Dem sehnsuchtweiten, Auffangen die Schauer Des Frühlingssturms!

Horch, wie im Krachen Zürnender Donner, Horch, wie im Rasen Heulender Stürme Süße Verkündung Lieblich ertönt:

„Singen bald werden Die Nachtigallen, Duften die Wälder Blühender Rosen, Wogen die Meere Goldener Ähren, Rauschen der Bäche Schäumende Wasser, Strahlen die Augen Glücklicher Menschen, Jubeln die Herzen Alle der Welt!“

Vorfrühling.

Welch goldnes Leuchten fließt so ungeahnt Wie lichter Zauber um die starren Bäume? Was zittert wie geheimer Feierton Mit leisem Klingen durch des Himmels Räume? Die Flut des Lichtes rinnt mit froher Hast Vom Felsenhaupt bis in des Abgrunds Klüfte, Und horch! -- schon ruft ein Fink mit leisem Schlag Zaghaften Jubel in die stillen Lüfte.

Es hat der Lenz in stummer Ungeduld Der Erde schon gestanden seine Liebe, Die Lider ihr mit lindem Strahl geküßt, Daß sie nicht mehr im Schlaf befangen bliebe. Er hat der tief Entschlafnen zugeraunt Der Sehnsucht erste, seligbange Frage Und ihr versprochen, was die Liebe schenkt: Verklärte Nächte, sonnenschöne Tage! --

Und sieh! Von ihrem Antlitz hebt sie leis Den duftgewobnen, zarten Nebelschleier Und schaut mit Augen, die der Traum noch bannt, Wie zweifelnd auf den leuchtenden Befreier. Noch faßt sie nicht die ganze süße Lust, Noch hängt an ihrer Wimper schweres Trauern; Doch mehr und mehr erkennt sie schon den Freund, Und leis erbebt ihr Leib in Wonneschauern. --

Später Schnee.

Wir freuten uns schon des Finkenschlags, Der duftigen Frische, des leuchtenden Tags; Wohl war der Frühling noch nicht gekommen; Doch hatten wir einen Ruf vernommen Vom Grunde des Buchenhags.

Dem Winter gelang’s mit tückischer Hand, Daß er die Hoffnung überwand. Wir müssen’s verwinden und müssen warten: Noch einmal erglänzen Feld und Garten Im schimmernden Schneegewand.

O Anblick, der das Herz versehrt, Das lange nach dem Lenz begehrt! Mir klang’s in gläubig starken Träumen, Nicht länger werde der Frühling säumen, Der Held mit dem Sonnenschwert.

Sein harrte die Seele in seligem Leid; Zum Hochzeitstanz war sie bereit -- Doch in der Nacht vor Spiel und Reigen Hat sie der Tod mit düsterm Schweigen Gehüllt ins Sterbekleid.

Präzeptor Frühling.

Einer kam dahergegangen, Just von meiner Zunft, Alle jauchzten voll Verlangen Seiner Wiederkunft. Neues Lachen, neues Singen Hat er uns gelehrt Und mit Kraft zu neuem Ringen Unser Herz bewehrt.

Lustig in die Staatsperücke Fuhr er jenem Herrn, Der uns mit Tyrannentücke Hielt vom Lichte fern, Der uns kalte, düstre Narrheit Greinend vorerzählt Und uns mit Pedantenstarrheit Ach, so tief gequält,

Zaust’ ihn, bis dem Freiheithasser Schopf und Zopf entfiel, Gab sie dem erweckten Wasser Hin zu tollem Spiel, Trieb ihn mit der eignen Rute Pfeifend vor sich her, Daß er sich von hinnen spute Bis ans Schattenmeer!

Schob zurück vom Himmelsfenster Dann den Wolkengraus, Stoben Eulen und Gespenster Wirr und wild hinaus. Und sogleich durch alle Räume Schwoll ein weicher Glanz, Schwang um Hügel, Busch und Bäume Sich ein Strahlentanz.

In die Schule uns genommen Hat der lichte Mann. „Laßt die Kindlein zu mir kommen!“ Rief’s in Flur und Tann. Und wir alle wurden Kinder, Wollten Kinder sein, Süßer floß uns und gelinder Junges Leben ein.

Und er küßt’ uns auf die Stirnen, Zog uns bei der Hand, Männer, Weiber, Buben, Dirnen, In sein grünes Land, Wo Natur in stillen Wäldern Traum und Ahnung webt Oder über lichten Feldern Mit der Lerche schwebt.

Wies uns einer jungen Blume Leisen Werdegang, Morgenduft der Ackerkrume, Der die Welt durchdrang, Deutete der dunklen Föhren Traum am Hügelhang, Ließ uns einen Atem hören, Der im Winde klang.

Also der Natur aufs neue Eng ans Knie geschmiegt, Sind Verzagen, Angst und Reue Still in uns versiegt. Tageslast und Abendfeier War uns tief verschönt; Leib und Seele wurden freier Und in eins versöhnt.

Ach, da brauste neu im Herzen Unermessne Kraft, Süße Sturmeskraft des Märzen Brach aus dunkler Haft. Neue Lust zu neuem Werden, Alles kam zurück, Was uns blüht im Kranz der Erden: Hoffnung, Friede, Glück. --

* * * * *

Soll uns eure Lehre frommen, Wählt zum Meister ihn, Der der Nacht ihr Reich genommen Und uns Trost verliehn. Seid Erwecker und Erneuer Recht nach seinem Sinn, Und auf eure Wege streu’ er Licht und Blumen hin.

Freistatt.

Was die Flügel regt im Blauen, Was die Füße hebt im Staub, Hat ein Dach und einen Frieden Unter dieses Gartens Laub.

Keines weicht vor meinen Schritten; Jedes weiß: hier ist ein Hort. Zwischen uns ein still gegebnes Und ein still verstandnes Wort.

Was der Welt du gibst an Liebe, Findet holden Widerhall. Horch, o horch: seit gestern abend Wohnt sie hier -- die Nachtigall!

Einem Sommer.

Sommer, eh du nun entwandelst Über sonnenrote Höhn, Soll dir meine Seele sagen, Wie du mir vor allen schön!

Wähne nicht, daß meinem Herzen Sommer so wie Sommer sei; Seltsam wie der Wolken Wandel Ziehn die Zeiten ihm vorbei.

Und wie +du+ hervorgetreten Aus der Zukunft ernstem Tor, Atmete aus dumpfen Qualen, Atmete dies Herz empor ...

Dankbar will ich das nun singen: Wie die Wiese lag im Glanz Und du gingst am Rand im Schatten, Und dein Gehn war Klang und Tanz --

Wie auf Wolken du gefahren, Deren Weg dein Hauch gebeut, Wie du in den hohen Himmel Weiße Rosen hingestreut --

Wie du aus des Nußbaums Wipfel Durchs Gezweige sahst herab -- Wie du rote Blüte gossest Über ein versunknes Grab --

Wie im Wald am schwarzen Stamme Stumm du standest, schwertbereit, Als ein sonnenblanker Ritter Aus verklung’ner Heldenzeit --

Wie du alle Glocken schwangest Im beglühten Turm des Doms -- Wie du rötlich hingewandelt Auf der Wellenflur des Stroms,

Oder wie du braun von Wangen Westlich schrittest durch das Feld Und mit einer Amsel Tönen Leis’ erweckt die Sternenwelt ...

Hoher, ehe du entwandelst In den Saal „Vergangenheit“, Nimm mit dir wie Hauch der Felder Diesen Hauch der Dankbarkeit!

Wo gestorb’ne Sommer wandeln Hinter nachtumraunten Höhn, Wo nur Schatten dich umschweigen, Soll er singend mit dir gehn.

Ausflug.

Heut saß ich wieder an meinem Klavier; Sein blankes Holz war Spiegel mir; Drin sah ich mich und mein stilles Zimmer, Den Garten, die Gasse -- und fern einen Schimmer Des lichten Himmels. Und meine Hand Erging sich spielend im fernsten Land. --

Und hört -- o hört --: da kam ein Klang, Den +sah+ ich, als er durchs Zimmer sich schwang, Als er dahin übern Garten zog, Leise die flimmernden Wipfel bog, Und weiter, weiter, die Straße entlang Schwebte, strebte der heilige Klang.

Rührt’ eines Kindes Scheitel an, Daß gleich sein Haar zu leuchten begann -- Strich über eines Baumes Dach, Darunter hervor ein süßes Ach Aus eines Vögleins Herzen quoll Und jäh zu hellem Jauchzen schwoll. Leis über einen Schmetterling, Der am erglühten Kelche hing, Kam hergeweht das süße Klingen, Da dehnt der Falter die stummen Schwingen, Daß ihre scheu verhohlene Pracht Wie eines Auges Glut erwacht! Und hoch durch eines Waldes Hallen Ging hin der Klang. Das mochte schallen Wie fern erklungener, sehnender Gruß -- Der stumme Wanderer hemmt den Fuß Und staunt hinauf, durchschauert ganz, Im großen Auge geheimen Glanz. Und weiter hinaus über Wiesen und Feld, In eines Tales versunkene Welt Hinschwebte der Hauch und streichelte mild Mit klingendem Flüstern das Ährengefild -- Da glänzt es wie Gold!

Und rührte die Glocken Des ganzen Tals, daß mit Frohlocken Sich jede dem Himmel entgegenschwang Und friedliche Vesper vom Felsen klang. Und wallte, hallte hinaus übers Meer, Der klingende Hauch. Wie staunte so sehr Der junge Schiffer im treibenden Boot, Wie spannt sich die Brust ihm in seligster Not --! Von schimmernden Brüsten blinkte die Flut, Von winkenden Augen voll schillernder Glut! Und seufzend blickt er empor und hinaus: Die Sonne ging heim in ihr goldenes Haus. Zu ihr entschwebte das klingende Wehen -- Zu ihr strebt alles in Kraft und Vergehen!

Und hinter leuchtenden Schleiern verlor Den letzten Ton -- mein dürstendes Ohr.

Und da sah ich mich um -- da fand ich mich hier -- An meinem schweigenden Klavier. -- -- --

Tränende Augen, was habt ihr gesehn? Zitternde Seele, was ist dir geschehn? Du flogst mit einem seligen Klang Die weite Sommerwelt entlang ...!

Im Sommerglanz.

Ich segne mir die klaren Sommerstunden, Da willenlos die Seele sich versenkt Ins weite, warme Meer des goldnen Lichtes, Das ewig-liebevoll die Sonne schenkt.

Dann lieg ich hingestreckt auf stiller Halde, Trunken vom Licht, von seiner Glut betäubt, Und sehe, wie im Blattgewirr der Büsche Zu tausend Funken jeder Strahl zerstäubt.

Ein träger Glast hängt zitternd in den Lüften, Und aus der Erde, aus dem trocknen Laub Hebt sich ein schwerer, heißer Lebensodem Und schwebt in Wolken aufwärts mit dem Staub.

Im halben Schlaf der wonnig müden Seele Taucht mir in den entrückten Sinnen auf Ein lichtes Schauen künftiger Gefilde, Ein leiser Klang von andrer Welten Lauf.

Und mit der fernen, stillen Wolkenherde, Mit jenem Strom, der hoch im Blauen geht, Entsend’ ich in die rätselvolle Ferne Ein selig Ahnen und ein fromm Gebet.

Nur fernher ruft, wie aus der Erde Tiefen, In bangen Tönen noch das Erdenleid; Doch bald verklingt’s -- und alles irdische Fühlen Verschwebt zum Sonnentraum der Ewigkeit. --

Spätsommer.

„Eben noch so klar und glänzend Leuchtete der Himmelsbogen, Und im Nu von grauen Wolken Ist er weithin überzogen!“

Mahnen will es uns, Geliebte: „Trinkt den Duft der letzten Rosen! Draußen über grüne Wipfel Geht der Sturm mit wildem Tosen,

Geht der Sturm mit wildem Tosen, Daß er jene Wolken jage Und mit Dunkel bald bedecke Alles Glück der Sonnentage.“

Auflösung.

In weiter Öde schreit ich längst allein. Kein Ton, kein Hauch. Kein Fünkchen Sonnenschein. Ein dünner, grauer Regen rieselt sacht; Aus feuchtem Boden langt empor die Nacht.

Und in mir schwillt’s wie Riesenschatten auf; Verloren hab ich Welt- und Stundenlauf. Nur selbst ein Schatten noch, ein Nebelhauch, Schweb’ ich vorbei an Sumpf und Heidestrauch.

Und endlich hebt es leise mich empor -- Tief unter mir zerfällt’s wie Spinnenflor -- Und droben schweb’ ich hin, wo ungesehn Ins unbekannte Land die Winde gehn.

Die schlafenden Tage.

Kennst du die schlafenden Tage?

Da kommt die leuchtende Sonne nicht, Verloren hat sie ihr Flammenlicht; Ein träger Schimmer fließt herab; Die Welt ist umschattet wie ein Grab. Über der Dächer, der Türme Bau Schleicht ein ewiges Wolkengrau. Du bist allein -- und die Welt des Lichts Ist versunken ins schweigende Nichts. --

Wohl kenn’ ich die schlafenden Tage!

Da ruht das Herz, und mit leisem Schlag Folgt es dem still verrinnenden Tag; Nur in den Adern rollt das Blut, Verborgen rinnt die Lebensflut. Die Stille, die das All durchfließt, Allmächtig sich ins Herz ergießt -- Kein Glück, kein Schmerz durchglüht die Brust, Vergessen ist alles: Leid und Lust --

Ich liebe die schlafenden Tage.

Die schlummeratmende Seele schafft Für den kommenden Kampf die siegende Kraft, Die Kraft, die das blühende Glück erträgt Und die kein Unglück zu Boden schlägt. Hoch von den ziehenden Wolken auch Weht hernieder ein Geisterhauch: „Not ist Freude, Freude Not, Tod ist Leben und Leben ist Tod.“

Kennst du die schlafenden Tage?

Winternachmittag an der Elbe.

Durch den Schnee, der Schlucht und Gräben füllt, Wandert meine Seele ruhumhüllt. Ach, sie möchte sich Genüge tun, Lebenswarm im weißen Totenlinnen ruhn!

Denn es wacht wie eine Flamme mein Gemüt In der Stille dieser Schlummerzeit. Wie ein einzig Licht in Waldesnächten glüht, Brennt mein Herz in Wintereinsamkeit.

Horch, wer hat den toten Hain erschreckt? Überlast des Schnees fiel von den Zweigen. Einen Laut hat sich Natur erweckt, Weil ihr graute vor dem eignen Schweigen.

Durch beschneite Zweige kann ich ferne sehn, Wo die stillen Segel gehn. Aus dem Reich der stummen Nebelhöhn gesandt, Ziehn sie lautlos in des Traumes Land. --

Holder Tag, der unterm Eis verrinnt, Ewig wirst du mir im Herzen sein! Tief gebettet dort, wirst du noch einst ein Wein, Der die alten Augen mir mit Licht umspinnt.

Wintermorgen.

O sterbensmüder Friede, O düstres Morgengraun! Wie ein Gefild des Todes Ist diese Welt zu schau’n.

Die kahlen Bäume schwanken, Vom Morgenwind umkreist, Als irrte durch die Kronen Ein wahnverstörter Geist.

Darüber drohen Wolken In stummer, dunkler Wut Gleich Wogen einer jählings Im Sturm erstarrten Flut.

Am düstren Morgenhimmel Hängt noch der fahle Mond, Ein kalter, bleicher Herrscher, Der über Schatten thront.

Das wird ein trübes Leuchten, Das dieser Tag uns bringt, Weil solchen Dust der Erde Die Sonne nicht durchdringt!

Dort steigt sie auf am Himmel In lichtdurchsprühtem Dampf; Sie wird das All durchwandeln In ruhelosem Kampf.

So will ich denn erharren Aufgang und Untergang -- Auch mich umwogt das Dunkel; Mein Kampf wird schwer und lang.

Und will von ihr es lernen, Wie man im Kampf besteht Und wie ein Held am Abend Verblutend untergeht.

Winter.

Die Sonne schwimmt in Nebeln rot; Es lockt kein Laut vom dunkeln Walde. Verödet liegt im Schnee die Halde; Die weite Welt ist still und tot.

O Friede wundersam und mild! Ruht nicht das Herz vom hast’gen Schlage? Ist nicht verstummt die laute Klage, Die ehedem kein Trost gestillt?

Mein Auge sah am Frühlingstag Den Tod aus bunten Blumen locken; Am liebsten unter Blütenflocken Er seinen Samen streuen mag.

Mein Auge sah durch Winternacht Den Lichtglanz holder Freude glühen, Auf bleichen Wangen Rosen blühen, Vom Hauch der Liebe schnell erwacht.

Drum, stille Hoffnung, grüne auf! Scheu nicht des Winters Hauch, den kühlen; Das Herz in seinem tiefsten Fühlen Hat seinen eignen Jahreslauf.

Entsagung.

Sonnenschein, du tief geheimes Glück, Kommst du wieder mir zurück?

Schmerzestrunken War ich in mein dunkles Selbst versunken, Und in Nächten, nimmer zu erhellen, Trank ich tief aus meines Kummers Quellen, Sank in Schlaf und Todestraum. -- Letztes, leises Licht erlosch am Erdensaum. --

Über Stirn und Wange rann es leis und warm -- Und ich hob den Blick aus Nacht und Harm:

Sonnenschein, verschwiegener Erbarmer! Großer Weltumarmer! Du, ja du kamst mir zurück, Sonnenschein, du letztes Menschenglück!

Spaziergang.

Der Sturmwind springt mit rasendem Schwung Über leuchtende Wiesen. Er packt die Eichen bei Wurzel und Ast, Die knarrenden Riesen.

Mir zum Triumph bestreut er den Weg Mit breiten Zweigen, Und hoch in Lüften spielt er mir auf Mit juchzenden Geigen.

Die Erde klingt meinem harten Tritt Auf schweigenden Wegen -- Was ist mir noch an der lauen Welt, An mir selber gelegen?

Was ich gewesen, was ich gelebt, War Jammer und Schwäche. Mir spannt sich die Faust, auf daß ich den Tand Mit Fäusten zerbreche.

Ich wachse, ich steige, ich werde frei, Sturm werde mein Wille! -- Mein Denken fliegt wie ein Jubelschrei Durch die Winterstille.

III. Junge Liebe.

Gesicht.

(Das Mädchen spricht:)

Die Glut im Ofen Zerfällt mit Knistern -- Ich bin bei den Eltern, Unter Geschwistern; An jedem Abend In engem Zimmer Sind wir versammelt Beim Lampenschimmer. Sie alle grollend Und finster schweigend -- Ich in Gedanken Zu dir mich neigend.

Du bist geächtet In diesen Räumen -- Du steter Gast mir In stummen Träumen. Ich bin gefangen In dumpfer Klause; Ich bin verlassen Im Elternhause! Und oft doch will mir’s Die Brust zersprengen, Ans Herz der Eltern Mich hinzudrängen -- Ich bin verlassen Unter den Meinen; Ich bin gefangen Und darf nicht weinen.

Da -- welch ein Klingen Durchflog den Raum? Es fiel wie Amen In meinen Traum! Ein helles Jauchzen Und leises Klagen, Ein wehmutbanges Und süßes Fragen! Von ferne hört ich’s Herüberwehen, Wo durch das Dunkel Die Winde gehen. Kaum, daß ich vernommen Den Hauch der Töne -- Da standst du vor mir In aller Schöne, Mit hellen Augen, Mit blühenden Wangen, Als könnt’ ich mit Armen Dich liebend umfangen ...

Du wolltest mich grüßen Aus dunkler Weite Und gabst dem Verlangen Ein Lied zum Geleite. Es hat mich gefunden, Da ich getrauert, Es hat mir selig Das Herz durchschauert! Du hast mich wieder Mit Licht umgeben; In meinem Kerker Blüht neues Leben!

Tödlicher Traum.

Heut nacht im Traum kam Liebe mir vom Himmel: Ja Lieb’ von mehr als irdischer Gewalt! Still wuchs empor aus dunklem Traumgewimmel Ein lichtes Weib von seliger Gestalt.

Wie groß ihr Auge unter langen Brauen! Wie fest und ruhig schlug ihr heilig Herz! Aus Menschenniedrigkeit sie anzuschauen, Erdrückte mich wie der Verbannung Schmerz.

Sie aber -- sie -- aufs Knie sinkt sie zur Erde Und küßt mit Lippen, feucht und rosenweich, Den Fuß mir -- mit verwirrender Geberde -- Erbarmung war’s und süße Glut zugleich.

Und uns umfloß verschwiegenes Genügen, Und meine Brust war erdenfrei und rein, Und nur noch Liebe ging in gleichen Zügen Durch meine offnen Lippen aus und ein. -- --

Nun, harter Tag, erbarmungsloser Scherge Der Wirklichkeit, treibst du mit Grinsen ein, Was wir, von deiner Last erdrückte Zwerge, Im Traum geborgt von einem süßern Sein.

Mit hämisch gleichem, hartem Schritt der Stunden Entrückst du mir das zartgewobne Bild. Jetzt nur ein Schleier noch -- und jetzt entschwunden! Und Sehnsucht irrt im nebelnden Gefild. --

Aus Traumbereichen kommt uns keine Kunde. Nur hier im Herzen blieb ein feiner Stich. Ein leiser Strom aus tiefversteckter Wunde -- Verblutet die Erinn’rung -- oder ich?

Erwartung.

Ob noch kein Strahl der neuen Sonne Ins Herz der bangen Erde traf? Wie lange hältst du schon umfangen Die öde Welt, o tiefer Schlaf! Doch stellt mit jedem düstern Tage Sich glühender das Hoffen ein: Wie herrlich wird nach allem Harren Der erste Tag der Wonne sein!

Wann wirst du dich zum Ende neigen, Du meiner Seele grauer Tag? Fern liegt mein Glück; doch ihm entgegen Drängt sich mein Herz mit jedem Schlag. Nur noch in +einem+ Lichtgedanken Ertrag ich dieser Jahre Pein: Wie herrlich wird nach solchem Harren Der erste Tag der Wonne sein!

Walpurgisnacht.

Zu Roß, mein Lieb, mein süßes Lieb, Wir müssen schnell von dannen, Von dannen durch die tiefe Nacht, Durch Feld und Hag und Tannen! Hinweg von unsrer Feinde Herd, Die uns nur Fluch und Hohn beschert Und uns ins Elend bannen.

Blick’ auf, mein Lieb, mein süßes Lieb, Walpurgisnacht ist heute! Es schwirren um den starren Berg Gar wundersame Leute. Es drehen sich im Hochzeitstanz Und treiben wilden Mummenschanz Die grauen Hexenbräute.

Fürwahr, mein Lieb, mein süßes Lieb, Sie gleichen ganz den Fratzen, Die unser Glück vergifteten Mit Drohn und süßem Schwatzen. Die Augen stieren gläsern kalt; Die Leiber sind verschrumpft und alt; Sie fauchen wie die Katzen.

Hinweg, mein Lieb, mein süßes Lieb, Hier kann das Glück nicht weilen. Umfasse du mich ohne Graun Und laß uns fürder eilen! Wir finden unsre Heimat doch, Und läg sie in der Ferne noch Viel hundert, hundert Meilen! --

O sieh, mein Lieb, mein süßes Lieb, Zerflattert sind die Sorgen! Da steigt die Sonne rot empor, Die sich so lang verborgen. Was ferne glüht in stiller Pracht Und was so hell in uns erwacht: Das ist der Maienmorgen!

Liebesschauer

Von wirbelnder Wonne Zu düsterem Grausen Schwankt die genießende, Bangende Liebe.

Du liegst mir im Arme Mit glühenden Wangen, Geschlossenen Auges, Die schwellenden Lippen Wie träumend erschlossen Vor lechzender Sehnsucht Nach brennenden Küssen. Und immer, immer Mit neuen Flammen Durchjagt’s mir die Seele, Und immer, immer Die zitternden Lippen Von neuem press’ ich Auf Mund dir und Wangen, Als müßt’ ich dir rauben Den süßen Atem, Als müßt’ ich ersticken Dein warmes Leben, Als müßt’ ich dich küssen Unersättlich, Bis tot an die Schulter Dein Haupt mir sänke, Vor Glück entseelt. --

Tot ... entseelt ... Und wenn er erschiene Am andern Tage, Der bleiche Allmächt’ge, Der tags und nächtens Die Erde durchschreitet Und aus den atmenden, Blühenden Leibern Unstillbaren Durstes Das Leben saugt -- Und er +nähme+ mir dich! Und würfe zum Staub Deinen blühenden Leib! -- -- Dann käme ein andrer Als du mir ins Zimmer, Mit kalten, feuchten, Knöchernen Fingern Die Hand mir reichend Zu ewiger Freundschaft, Ein seltsamer Fremdling! Zur Seite mir wär’ er Bei Nacht und am Tage, Bald irre Klagen Ins Ohr mir raunend Vom Glück der Liebe -- Bald gellend und lachend Ins Ohr mir schreiend Verrückte Geschichten Vom Glück der Liebe! -- Das wäre der Wahnsinn. Vorahnend schaut ihn, Entrückt, meine Seele, Und schon in der Ahnung Packt er mein Innres, Als wollt’ er mir Nerven Und Adern zerreißen -- --

* * * * *

Du aber fürchte Dich nicht, Geliebte, Weil wild meine Augen Starren ins Leere; Schon sink ich dir wieder Ans pochende Herz.

Von wirbelnder Wonne Zu düsterem Grausen Schwankt die genießende, Bangende Liebe! --

Auf dem Morgengange.

Laß uns verweilen, du Liebste mein, Schau in den tiefen Wald hinein! Spärlich nur durch die Tannen dicht Irrt hernieder das Sonnenlicht; Nur einen kleinen, stillen Raum Hüllt es in einen goldnen Traum. Vier der Stämme ragen empor, Die sich allein das Licht erkor;