Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie
Part 5
Du wirst dich drein schicken müssen -- wenn nicht heute, dann morgen. Leicht wird es keinem, mit dem Unglück zu diskontieren. Ich werde dir zur Seite stehen, und wenn dein Mut zu erliegen droht, keine Mühe und kein Opfer scheuen, dir das Herz zu entlasten. Ich sehe die Zukunft so grau, so wolkig -- es fehlte nur noch, daß auch du mir noch verloren gingst.
=Frau Gabor=
Ich sehe ihn nicht wieder; ich sehe ihn nicht wieder. Er erträgt das Gemeine nicht. Er findet sich nicht ab mit dem Schmutz. Er zerbricht den Zwang; das entsetzlichste Beispiel schwebt ihm vor Augen! -- Und sehe ich ihn wieder -- Gott, Gott, dieses frühlingsfrohe Herz -- sein helles Lachen -- alles, alles -- seine kindliche Entschlossenheit, mutig zu kämpfen für Gut und Recht -- o dieser Morgenhimmel, wie ich ihn licht und rein in seiner Seele gehegt als mein höchstes Gut..... Halte dich an mich, wenn das Unrecht um Sühne schreit! Halte dich an mich! Verfahre mit mir wie du willst! _Ich_ trage die Schuld. -- Aber laß deine fürchterliche Hand von dem Kind weg.
=Herr Gabor=
_Er_ hat sich vergangen!
=Frau Gabor=
_Er hat sich nicht vergangen!_
=Herr Gabor=
Er hat sich vergangen! -- -- -- Ich hätte alles darum gegeben, es deiner grenzenlosen Liebe ersparen zu dürfen. -- -- Heute morgen kommt eine Frau zu mir, vergeistert, kaum ihrer Sprache mächtig, mit diesem Brief in der Hand -- einem Brief an ihre fünfzehnjährige Tochter. Aus dummer Neugierde habe sie ihn erbrochen; das Mädchen war nicht zu Haus. -- In dem Briefe erklärt Melchior dem fünfzehnjährigen Kind, daß ihm seine Handlungsweise keine Ruhe lasse, er habe sich an ihr versündigt etc. etc., werde indessen natürlich für alles einstehen. Sie möge sich nicht grämen, auch wenn sie Folgen spüre. Er sei bereits auf dem Wege Hilfe zu schaffen; seine Relegation erleichtere ihm das. Der ehemalige Fehltritt könne noch zu ihrem Glücke führen -- und was des unsinnigen Gewäsches mehr ist.
=Frau Gabor=
Unmöglich!!
=Herr Gabor=
Der Brief ist gefälscht. Es liegt Betrug vor. Man sucht sich seine stadtbekannte Relegation nutzbar zu machen. Ich habe mit dem Jungen noch nicht gesprochen -- aber sieh bitte die Hand! Sieh die Schreibweise!
=Frau Gabor=
Ein unerhörtes, schamloses Bubenstück!
=Herr Gabor=
Das fürchte ich!
=Frau Gabor=
Nein, nein -- nie und nimmer!
=Herr Gabor=
Um so besser wird es für uns sein. -- Die Frau fragt mich händeringend, was sie tun solle. Ich sagte ihr, sie solle ihre fünfzehnjährige Tochter nicht auf Heuböden herumklettern lassen. Den Brief hat sie mir glücklicherweise dagelassen. -- Schicken wir Melchior nun auf ein anderes Gymnasium, wo er nicht einmal unter elterlicher Aufsicht steht, so haben wir in drei Wochen den nämlichen Fall -- neue Relegation -- sein frühlingsfreudiges Herz gewöhnt sich nachgerade daran. -- Sag’ mir, Fanny, wo soll ich hin mit dem Jungen?!
=Frau Gabor=
-- In die Korrektionsanstalt --
=Herr Gabor=
In die ...?
=Frau Gabor=
... Korrektionsanstalt!
=Herr Gabor=
Er findet dort in erster Linie, was ihm zu Hause ungerechterweise vorenthalten wurde; eherne Disziplin, Grundsätze, und einen moralischen Zwang, dem er sich unter allen Umständen zu fügen hat. -- Im übrigen ist die Korrektionsanstalt nicht der Ort des Schreckens, den du dir darunter denkst. Das Hauptgewicht legt man in der Anstalt auf Entwicklung einer christlichen Denk- und Empfindungsweise. Der Junge lernt dort endlich, das _Gute_ wollen statt des _Interessanten_, und bei seinen Handlungen nicht sein Naturell, sondern das _Gesetz_ in Frage ziehen. -- -- Vor einer halben Stunde erhalte ich ein Telegramm von meinem Bruder, das mir die Aussagen der Frau bestätigt. Melchior hat sich ihm anvertraut und ihn um 200 Mark zur Flucht nach England gebeten ...
=Frau Gabor=
(bedeckt ihr Gesicht)
Barmherziger Himmel!
Vierte Szene
_Korrektionsanstalt_. -- Ein Korridor. -- _Diethelm_, _Reinhold_, _Ruprecht_, _Helmuth_, _Gaston_ und _Melchior_.
=Diethelm=
Hier ist ein Zwanzigpfennigstück!
=Reinhold=
Was soll’s damit?
=Diethelm=
Ich leg es auf den Boden. Ihr stellt euch drum herum. Wer es trifft, der hat’s.
=Ruprecht=
Machst du nicht mit, Melchior?
=Melchior=
Nein, ich danke.
=Helmuth=
Der Joseph!
=Gaston=
Er kann nicht mehr. Er ist zur Rekreation hier.
=Melchior=
(für sich)
Es ist nicht klug, daß ich mich separiere. Alles hält mich im Auge. Ich muß mitmachen -- oder die Kreatur geht zum Teufel. -- -- Die Gefangenschaft macht sie zu Selbstmördern. -- -- Brech ich den Hals, ist es gut! Komme ich davon, ist es auch gut! Ich kann nur gewinnen. -- Ruprecht wird mein Freund, er besitzt hier Kenntnisse. -- Ich werde ihm die Kapitel von Juda’s Schnur Thamar, von Moab, von Loth und seiner Sippe, von der Königin Vasti und der Abisag von Sunem zum besten geben. -- Er hat die verunglückteste Physiognomie auf der Abteilung.
=Ruprecht=
Ich hab’s!
=Helmuth=
Ich komme noch!
=Gaston=
Übermorgen vielleicht!
=Helmuth=
Gleich! -- Jetzt! -- O Gott, o Gott ...
=Alle=
~Summa -- summa cum laude!!~
=Ruprecht=
(das Stück nehmend)
Danke schön!
=Helmuth=
Her, du Hund!
=Ruprecht=
Du Schweinetier?
=Helmuth=
Galgenvogel!!
=Ruprecht=
(schlägt ihn ins Gesicht)
-- Da! (rennt davon)
=Helmuth=
(ihm nachrennend)
Den schlag ich tot!
=Die Übrigen=
(rennen hinterdrein)
Hetz, Packan! Hetz! Hetz! Hetz!
=Melchior=
(allein, gegen das Fenster gewandt)
-- Da geht der Blitzableiter hinunter. -- Man muß ein Taschentuch drumwickeln. -- Wenn ich an sie denke, schießt mir immer das Blut in den Kopf. Und Moritz liegt mir wie Blei in den Füßen. -- -- -- Ich gehe zur Redaktion. Bezahlen Sie mich per Hundert; ich kolportiere! -- sammle Tagesneuigkeiten -- schreibe -- lokal -- -- ethisch -- -- psychophysisch ... man verhungert nicht mehr so leicht. Volksküche, Café Temperence. -- Das Haus ist sechzig Fuß hoch und der Verputz bröckelt ab ... Sie haßt mich -- sie haßt mich, weil ich sie der Freiheit beraubt. Handle ich, wie ich will, es bleibt Vergewaltigung. -- Ich darf einzig hoffen, im Laufe der Jahre allmählich ... Über acht Tage ist Neumond. Morgen schmiere ich die Angeln. Bis Sonnabend muß ich unter allen Umständen wissen, wer den Schlüssel hat. -- Sonntag Abend in der Andacht kataleptischer Anfall -- will’s Gott, wird sonst niemand krank! -- Alles liegt so klar, als wär’ es geschehen, vor mir. Über das Fenstergesims gelang ich mit Leichtigkeit -- ein Schwung -- ein Griff -- aber man muß ein Taschentuch drumwickeln. -- -- Da kommt der Großinquisitor. (Ab nach links.)
(Dr. _Prokrustes_ mit einem _Schlossermeister_ von rechts.)
=Dr. Prokrustes=
... Die Fenster liegen zwar im dritten Stock und unten sind Brennesseln gepflanzt. Aber was kümmert sich die Entartung um Brennesseln. -- Vergangenen Winter stieg uns einer zur Dachluke hinaus und wir hatten die ganze Schererei mit dem Abholen, Hinbringen und Beisetzen ...
=Der Schlossermeister=
Wünschen Sie die Gitter aus Schmiedeeisen?
=Dr. Prokrustes=
Aus Schmiedeeisen -- und da man sie nicht einlassen kann, vernietet.
Fünfte Szene
Ein _Schlafgemach_. -- _Frau Bergmann_, _Ina Müller_ und Medizinalrat Dr. _v. Brausepulver_. -- _Wendla_ im Bett.
=Dr. von Brausepulver=
Wie alt sind Sie denn eigentlich?
=Wendla=
Vierzehn ein halb.
=Dr. von Brausepulver=
Ich verordne die _Blaud_’schen Pillen seit fünfzehn Jahren und habe in einer großen Anzahl von Fällen die eklatantesten Erfolge beobachtet. Ich ziehe sie dem Lebertran und den Stahlweinen vor. Beginnen sie mit drei bis vier Pillen pro Tag und steigern Sie so rasch Sie es eben vertragen. Dem Fräulein Elfriede Baronesse von Witzleben hatte ich verordnet, jeden dritten Tag um eine Pille zu steigern. Die Baronesse hatte mich mißverstanden und steigerte jeden Tag um drei Pillen. Nach kaum drei Wochen schon konnte sich die Baronesse mit ihrer Frau Mama zur Nachkur nach Pyrmont begeben. -- Von ermüdenden Spaziergängen und Extramahlzeiten dispensiere ich Sie. Dafür versprechen Sie mir, liebes Kind, sich um so fleißiger Bewegung machen zu wollen und ungeniert Nahrung zu fordern, sobald sich die Lust dazu wieder einstellt. Dann werden diese Herzbeklemmungen bald nachlassen -- und der Kopfschmerz, das Frösteln, der Schwindel -- und unsere schrecklichen Verdauungsstörungen. Fräulein Elfriede Baronesse von Witzleben genoß schon acht Tage nach begonnener Kur ein ganzes Brathühnchen mit jungen Pellkartoffeln zum Frühstück.
=Frau Bergmann=
Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, Herr Medizinalrat?
=Dr. von Brausepulver=
Ich danke Ihnen, liebe Frau Bergmann. Mein Wagen wartet. Lassen Sie sich’s nicht so zu Herzen gehen. In wenigen Wochen ist unsere liebe kleine Patientin wieder frisch und munter wie eine Gazelle. Seien Sie getrost. -- Guten Tag, Frau Bergmann. Guten Tag, liebes Kind. Guten Tag, meine Damen. Guten Tag. (Frau Bergmann geleitet ihn vor die Tür.)
=Ina=
(am Fenster)
-- Nun färbt sich eure Platane schon wieder bunt. -- Siehst du’s vom Bett aus? -- Eine kurze Pracht, kaum recht der Freude wert, wie man sie so kommen und gehen sieht. -- Ich muß nun auch bald gehen. Müller erwartet mich vor der Post und ich muß zuvor noch zur Schneiderin. Mucki bekommt seine ersten Höschen, und Karl soll einen neuen Trikotanzug auf den Winter haben.
=Wendla=
Manchmal wird mir so selig -- alles Freude und Sonnenglanz. Hätt’ ich geahnt, daß es einem so wohl um’s Herz werden kann! Ich möchte hinaus, im Abendschein über die Wiesen gehn, Himmelsschlüssel suchen den Fluß entlang und mich an’s Ufer setzen und träumen ... Und dann kommt das _Zahnweh_, und ich meine, daß ich morgen am Tag sterben muß; mir wird heiß und kalt, vor den Augen verdunkelt sich’s, und dann flattert das Untier herein -- -- -- So oft ich aufwache, seh’ ich Mutter weinen. O, das tut mir so weh -- ich kann’s dir nicht sagen, Ina!
=Ina=
-- Soll ich dir nicht das Kopfkissen höher legen?
=Frau Bergmann=
(kommt zurück)
Er meint, das Erbrechen werde sich auch geben; und du sollst dann nur ruhig wieder aufstehn ... Ich glaube auch, es ist besser, wenn du bald wieder aufstehst, Wendla.
=Ina=
Bis ich das nächste Mal vorspreche, springst du vielleicht schon wieder im Haus herum. -- Leb’ wohl, Mutter. Ich muß durchaus noch zur Schneiderin. Behüt’ dich Gott, liebe Wendla. (Küßt sie) Recht, recht baldige Besserung!
=Wendla=
Leb’ wohl, Ina. -- Bring’ mir Himmelsschlüssel mit, wenn du wiederkommst. Adieu. Grüße deine Jungens von mir.
(Ina ab.)
=Wendla=
Was hat er noch gesagt, Mutter, als er draußen war?
=Frau Bergmann=
Er hat nichts gesagt. -- Er sagte, Fräulein von Witzleben habe auch zu Ohnmachten geneigt. Es sei das fast immer so bei der Bleichsucht.
=Wendla=
Hat er gesagt, Mutter, daß ich die Bleichsucht habe?
=Frau Bergmann=
Du sollest Milch trinken und Fleisch und Gemüse essen, wenn der Appetit zurückgekehrt sei.
=Wendla=
O Mutter, Mutter, ich glaube, ich habe nicht die Bleichsucht....
=Frau Bergmann=
Du hast die Bleichsucht, Kind. Sei ruhig, Wendla, sei ruhig; du hast die Bleichsucht.
=Wendla=
Nein, Mutter, nein! Ich weiß es. Ich fühl’ es. Ich habe nicht die Bleichsucht. Ich habe die Wassersucht ...
=Frau Bergmann=
Du hast die Bleichsucht. Er hat ja gesagt, daß du die Bleichsucht hast. Beruhige dich, Mädchen. Es wird besser werden.
=Wendla=
Es wird nicht besser werden. Ich habe die Wassersucht. Ich muß sterben, Mutter. -- O Mutter, ich muß sterben!
=Frau Bergmann=
Du mußt nicht sterben, Kind! Du mußt nicht sterben..... Barmherziger Himmel, du mußt nicht sterben!
=Wendla=
Aber warum weinst du dann so jammervoll?
=Frau Bergmann=
Du mußt nicht sterben -- Kind! Du hast nicht die Wassersucht. Du hast ein Kind, Mädchen! Du hast ein Kind! -- O, warum hast du mir das getan!
=Wendla=
-- ich habe dir nichts getan --
=Frau Bergmann=
O leugne nicht noch, Wendla! -- Ich weiß alles. Sieh’, ich hätt’ es nicht vermocht, dir ein Wort zu sagen. -- Wendla, meine Wendla ...!
=Wendla=
Aber das ist ja nicht möglich, Mutter. Ich bin ja doch nicht verheiratet ...!
=Frau Bergmann=
Großer, gewaltiger Gott --, das ist’s ja, daß du nicht verheiratet bist! Das ist ja das Fürchterliche! -- Wendla, Wendla, Wendla, was hast du getan!!
=Wendla=
Ich weiß es, weiß Gott, nicht mehr! Wir lagen im Heu.... Ich habe keinen Menschen auf dieser Welt geliebt als nur dich, Mutter.
=Frau Bergmann=
Mein Herzblatt --
=Wendla=
O Mutter, warum hast du mir nicht alles gesagt!
=Frau Bergmann=
Kind, Kind, laß uns einander das Herz nicht noch schwerer machen! Fasse dich! Verzweifle mir nicht, mein Kind! Einem vierzehnjährigen Mädchen das sagen! Sieh’, ich wäre eher darauf gefaßt gewesen, daß die Sonne erlischt. Ich habe an dir nicht anders getan, als meine liebe gute Mutter an mir getan hat. -- O laß uns auf den lieben Gott vertrauen, Wendla; laß uns auf Barmherzigkeit hoffen und das unsrige tun! Sieh’, _noch_ ist ja nichts geschehen, Kind. Und wenn nur wir jetzt nicht kleinmütig werden, dann wird uns auch der liebe Gott nicht verlassen. -- Sei _mutig_, Wendla, sei _mutig_! -- -- So sitzt man einmal am Fenster und legt die Hände in den Schoß, weil sich doch noch alles zum Guten gewandt, und da bricht’s dann herein, daß einem gleich das Herz bersten möchte.... Wa -- was zitterst du?
=Wendla=
Es hat jemand geklopft.
=Frau Bergmann=
Ich habe nichts gehört, liebes Herz. -- (Geht an die Türe und öffnet.)
=Wendla=
Ach, ich hörte es ganz deutlich. -- -- Wer ist draußen?
=Frau Bergmann=
-- Niemand -- -- Schmidts Mutter aus der Gartenstraße. -- -- -- Sie kommen eben recht, Mutter Schmidtin.
Sechste Szene
Winzer und Winzerinnen im _Weinberg_. -- Im Westen sinkt die Sonne hinter die Berggipfel. Helles Glockengeläute vom Tal herauf. -- _Hänschen Rilow_ und _Ernst Röbel_ im höchstgelegenen Rebstück sich unter den überhängenden Felsen im welkenden Grase wälzend.
=Ernst=
-- Ich habe mich überarbeitet.
=Hänschen=
Laß uns nicht traurig sein! -- Schade um die Minuten.
=Ernst=
Man sieht sie hängen und kann nicht mehr -- und morgen sind sie gekeltert.
=Hänschen=
Ermüdung ist mir so unerträglich, wie mir’s der Hunger ist.
=Ernst=
Ach, ich kann nicht mehr.
=Hänschen=
Diese leuchtende Muskateller noch!
=Ernst=
Ich bringe die Elastizität nicht mehr auf.
=Hänschen=
Wenn ich die Ranke beuge, baumelt sie uns von Mund zu Mund. Keiner braucht sich zu rühren. Wir beißen die Beeren ab und lassen den Kamm zum Stock zurückschnellen.
=Ernst=
Kaum entschließt man sich, und siehe, so dämmert auch schon die dahingeschwundene Kraft wieder auf.
=Hänschen=
Dazu das flammende Firmament -- und die Abendglocken. -- Ich verspreche mir wenig mehr von der Zukunft.
=Ernst=
-- Ich sehe mich manchmal schon als hochwürdigen Pfarrer -- ein gemütvolles Hausmütterchen, eine reichhaltige Bibliothek und Ämter und Würden in allen Kreisen. Sechs Tage hat man um nachzudenken, und am siebenten tut man den Mund auf. Beim Spazierengehen reichen einem Schüler und Schülerinnen die Hand, und wenn man nach Hause kommt, dampft der Kaffee, der Topfkuchen wird aufgetragen, und durch die Gartentür bringen die Mädchen Äpfel herein. -- Kannst du dir etwas Schöneres denken?
=Hänschen=
Ich denke mir halbgeschlossene Wimpern, halbgeöffnete Lippen und türkische Draperien. -- Ich glaube nicht an das Pathos. Sieh, unsere Alten zeigen uns lange Gesichter, um ihre Dummheiten zu bemänteln. Untereinander nennen sie sich Schafsköpfe wie wir. Ich kenne das. -- Wenn ich Millionär bin, werde ich dem lieben Gott ein Denkmal setzen. -- Denke dir die Zukunft als Milchsette mit Zucker und Zimt. Der eine wirft sie um und heult, der andere rührt alles durcheinander und schwitzt. Warum nicht abschöpfen? -- Oder glaubst du nicht, daß es sich lernen ließe.
=Ernst=
-- Schöpfen wir ab!
=Hänschen=
Was bleibt, fressen die Hühner. -- Ich habe meinen Kopf nun schon aus so mancher Schlinge gezogen....
=Ernst=
Schöpfen wir ab, Hänschen! -- Warum lachst du?
=Hänschen=
Fängst du schon wieder an?
=Ernst=
Einer muß ja doch anfangen.
=Hänschen=
Wenn wir in dreißig Jahren an einen Abend wie heute zurückdenken, erscheint er uns vielleicht unsagbar schön!
=Ernst=
Und wie macht sich jetzt alles so ganz von selbst!
=Hänschen=
Warum also nicht!
=Ernst=
Ist man zufällig allein -- dann weint man vielleicht gar.
=Hänschen=
Laß uns nicht traurig sein! -- (Er küßt ihn auf den Mund.)
=Ernst=
(küßt ihn)
Ich ging von Hause fort mit dem Gedanken, dich nur eben zu sprechen und wieder umzukehren.
=Hänschen=
Ich erwartete dich. -- Die Tugend kleidet nicht schlecht, aber es gehören imposante Figuren hinein.
=Ernst=
Uns schlottert sie noch um die Glieder. -- Ich wäre nicht ruhig geworden, wenn ich dich nicht getroffen hätte. -- Ich liebe dich, Hänschen, wie ich nie eine Seele geliebt habe.
=Hänschen=
Laß uns nicht traurig sein! -- Wenn wir in dreißig Jahren zurückdenken, spotten wir ja vielleicht! -- Und jetzt ist alles so schön. Die Berge glühen; die Trauben hängen uns in den Mund und der Abendwind streicht an den Felsen hin wie ein spielendes Schmeichelkätzchen....
Siebente Szene
_Helle Novembernacht_. An Busch und Bäumen raschelt das dürre Laub. Zerrissene Wolken jagen unter dem Mond hin. -- _Melchior_ klettert über die _Kirchhofmauer_.
=Melchior=
(auf der Innenseite herabspringend)
Hierher folgt mir die Meute nicht. -- Derweil sie Bordelle absuchen, kann ich aufatmen und mir sagen, wie weit ich bin....
Der Rock in Fetzen, die Taschen leer -- vor dem Harmlosesten bin ich nicht sicher. -- Tagsüber muß ich im Walde weiter zu kommen suchen ...
Ein Kreuz habe ich niedergestampft. -- Die Blümchen wären heut’ noch erfroren! -- Ringsum ist die Erde kahl....
Im Totenreich! --
Aus der Dachluke zu klettern war so schwer nicht wie dieser Weg! -- Darauf nur war ich nicht gefaßt gewesen....
Ich hänge über dem Abgrund -- alles versunken, verschwunden -- O wär’ ich dort geblieben!
Warum sie um meinetwillen! -- Warum nicht der Verschuldete! -- Unfaßbare Vorsicht! -- Ich hätte Steine geklopft und gehungert ...!
Was hält mich noch aufrecht? -- Verbrechen folgt auf Verbrechen. Ich bin dem Morast überantwortet. Nicht so viel Kraft mehr, um abzuschließen ...
Ich war nicht schlecht! -- Ich war nicht schlecht! -- Ich war nicht schlecht ...
-- So neiderfüllt ist noch kein Sterblicher über Gräber gewandelt. -- Pah -- ich brächte ja den Mut nicht auf! -- O, wenn mich Wahnsinn umfinge -- in dieser Nacht noch!
Ich muß drüben unter den Letzten suchen! -- Der Wind pfeift auf jedem Stein aus einer anderen Tonart -- eine beklemmende Symphonie! -- Die morschen Kränze reißen entzwei und baumeln an ihren langen Fäden stückweise um die Marmorkreuze -- ein Wald von Vogelscheuchen! -- Vogelscheuchen auf allen Gräbern, eine greulicher als die andere -- haushohe, vor denen die Teufel Reißaus nehmen. -- Die goldenen Lettern blinken so kalt.... Die Trauerweide ächzt auf und fährt mit Riesenfingern über die Inschrift....
-- Ein betendes Engelskind -- Eine Tafel --
Eine Wolke wirft ihren Schatten herab. -- Wie das hastet und heult! -- Wie ein Heereszug jagt es im Osten empor. -- Kein Stern am Himmel --
Immergrün um das Gärtlein? -- Immergrün? -- -- Mädchen ...
Und ich bin ihr Mörder. -- Ich bin ihr Mörder! -- Mir bleibt die Verzweiflung. -- Ich darf hier nicht weinen. -- Fort von hier! -- Fort --
=Moritz Stiefel=
(seinen Kopf unter dem Arm, stapft über die Gräber her)
Einen Augenblick, Melchior! Die Gelegenheit wiederholt sich so bald nicht. Du ahnst nicht, was mit Ort und Stunde zusammenhängt....
=Melchior=
Wo kommst du her?!
=Moritz=
Von drüben -- von der Mauer her. Du hast mein Kreuz umgeworfen. Ich liege an der Mauer. -- Gib mir die Hand, Melchior....
=Melchior=
Du bist _nicht_ Moritz Stiefel!
=Moritz=
Gib mir die Hand. Ich bin überzeugt, du wirst mir Dank wissen. So leicht wird’s dir nicht mehr! Es ist ein seltsam glückliches Zusammentreffen. -- Ich bin extra heraufgekommen....
=Melchior=
Schläfst du denn nicht?
=Moritz=
Nicht was ihr Schlafen nennt. -- Wir sitzen auf Kirchtürmen, auf hohen Dachgiebeln -- wo immer wir wollen....
=Melchior=
Ruhelos?
=Moritz=
Vergnügungshalber. -- Wir streifen um Maibäume, um einsame Waldkapellen. Über Volksversammlungen schweben wir hin, über Unglücksstätten, Gärten, Festplätze. -- In den Wohnhäusern kauern wir im Kamin und hinter den Bettvorhängen. -- Gib mir die Hand. -- Wir verkehren nicht untereinander, aber wir sehen und hören alles, was in der Welt vor sich geht. Wir wissen, daß alles Dummheit ist, was die Menschen tun und erstreben, und lachen darüber.
=Melchior=
Was hilft das?
=Moritz=
Was braucht es zu helfen? -- Wir sind für nichts mehr erreichbar, nicht für Gutes noch Schlechtes. Wir stehen hoch, hoch über dem Irdischen -- jeder für sich allein. Wir verkehren nicht miteinander, weil uns das zu langweilig ist. Keiner von uns hegt noch etwas, das ihm abhanden kommen könnte. Über Jammer oder Jubel sind wir gleich unermeßlich erhaben. Wir sind mit uns zufrieden und das ist alles! -- Die Lebenden verachten wir unsagbar, kaum daß wir sie bemitleiden. Sie erheitern uns mit ihrem Getue, weil sie als Lebende tatsächlich nicht zu bemitleiden sind. Wir lächeln bei ihren Tragödien -- jeder für sich -- und stellen unsere Betrachtungen an. -- Gib mir die Hand! Wenn du mir die Hand gibst, fällst du um vor Lachen über dem Empfinden, mit dem du mir die Hand gibst....
=Melchior=
Ekelt dich das nicht an?
=Moritz=
Dazu stehen wir zu hoch. Wir lächeln! -- An meinem Begräbnis war ich unter den Leidtragenden. Ich habe mich recht gut unterhalten. Das ist Erhabenheit, Melchior! Ich habe geheult wie keiner, und schlich zur Mauer, um mir vor Lachen den Bauch zu halten. Unsere unnahbare Erhabenheit ist tatsächlich der einzige Gesichtspunkt, unter dem der Quark sich verdauen läßt.... Auch über mich will man gelacht haben, eh’ ich mich aufschwang!
=Melchior=
-- Mich lüstet’s nicht, über mich zu lachen.
=Moritz=
... Die Lebenden sind als solche wahrhaftig nicht zu bemitleiden! -- Ich gestehe, ich hätte es auch nie gedacht. Und jetzt ist es mir unfaßbar, wie man so naiv sein kann. Jetzt durchschaue ich den Trug so klar, daß auch nicht ein Wölkchen bleibt. -- Wie magst du nur zaudern, Melchior! Gib mir die Hand! Im Halsumdrehen stehst du himmelhoch über dir. -- Dein Leben ist Unterlassungssünde....
=Melchior=
-- Könnt ihr vergessen?
=Moritz=
Wir können alles. Gib mir die Hand! Wir können die Jugend bedauern, wie sie ihre Bangigkeit für Idealismus hält, und das Alter, wie ihm vor stoischer Überlegenheit das Herz brechen will. Wir sehen den Kaiser vor Gassenhauern und den Lazzaroni vor der jüngsten Posaune beben. Wir ignorieren die Maske des Komödianten und sehen den Dichter im Dunkeln die Maske vornehmen. Wir erblicken den Zufriedenen in seiner Bettelhaftigkeit, im Mühseligen und Beladenen den Kapitalisten. Wir beobachten Verliebte und sehen sie voreinander erröten, ahnend, daß sie betrogene Betrüger sind. Eltern sehen wir Kinder in die Welt setzen, um ihnen zurufen zu können: Wie glücklich ihr seid, solche Eltern zu haben! -- und sehen die Kinder hingehn und desgleichen tun. Wir können die Unschuld in ihren einsamen Liebesnöten, die Fünfgroschendirne über der Lektüre Schillers belauschen.... Gott und den Teufel sehen wir sich voreinander blamieren und hegen in uns das durch nichts zu erschütternde Bewußtsein, daß beide betrunken sind.... Eine Ruhe, eine Zufriedenheit. Melchior --! Du brauchst mir nur den kleinen Finger zu reichen. -- Schneeweiß kannst du werden, eh’ sich dir der Augenblick wieder so günstig zeigt!
=Melchior=