Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie
Part 6
-- Wenn ich einschlage, Moritz, so geschieht es aus Selbstverachtung. -- Ich sehe mich geächtet. Was mir Mut verlieh, liegt im Grabe. Edler Regungen vermag ich mich nicht mehr für würdig zu halten -- und erblicke nichts, nichts, das sich mir auf meinem Niedergang noch entgegenstellen sollte. -- Ich bin mir die verabscheuungswürdigste Kreatur des Weltalls....
=Moritz=
Was zauderst du ...?
(Ein vermummter Herr tritt auf)
=Der vermummte Herr= (zu Melchior)
Du bebst ja vor Hunger. Du bist gar nicht befähigt, zu urteilen. -- (Zu Moritz) Gehen Sie.
=Melchior=
Wer sind Sie?
=Der vermummte Herr=
Das wird sich weisen. -- (Zu Moritz) Verschwinden Sie! -- Was haben Sie hier zu tun! -- Warum haben Sie denn den Kopf nicht auf?
=Moritz=
Ich habe mich erschossen.
=Der vermummte Herr=
Dann bleiben Sie doch, wo Sie hingehören. Dann sind Sie ja vorbei! Belästigen Sie uns hier nicht mit Ihrem Grabgestank. Unbegreiflich -- sehen Sie doch nur Ihre Finger an. Pfui Teufel noch mal! Das zerbröckelt schon.
=Moritz=
Schicken Sie mich bitte nicht fort....
=Melchior=
Wer sind Sie, mein Herr??
=Moritz=
Schicken Sie mich nicht fort! Ich bitte Sie. Lassen Sie mich hier noch ein Weilchen teilnehmen; ich will Ihnen in nichts entgegensein. -- -- Es ist unten so schaurig.
=Der vermummte Herr=
Warum prahlen Sie denn dann mit _Erhabenheit_?! -- Sie wissen doch, daß das Humbug ist -- saure Trauben! Warum _lügen_ Sie geflissentlich, Sie -- Hirngespinst! -- -- Wenn Ihnen eine so schätzenswerte Wohltat damit geschieht, so bleiben Sie meinetwegen. Aber hüten Sie sich vor Windbeuteleien, lieber Freund -- und lassen Sie mir bitte Ihre Leichenhand aus dem Spiel!
=Melchior=
Sagen Sie mir endlich, wer Sie sind, oder nicht?!
=Der vermummte Herr=
Nein. -- Ich mache dir den Vorschlag, dich mir anzuvertrauen. Ich würde fürs erste für dein Fortkommen sorgen.
=Melchior=
Sie sind -- mein Vater?!
=Der vermummte Herr=
Würdest du deinen Herrn Vater nicht an der Stimme erkennen?
=Melchior=
Nein.
=Der vermummte Herr=
-- Dein Herr Vater sucht Trost zur Stunde in den kräftigen Armen deiner Mutter. -- Ich erschließe dir die Welt. Deine momentane Fassungslosigkeit entspringt deiner miserablen Lage. Mit einem warmen Abendessen im Leib spottest du ihrer.
=Melchior= (für sich)
Es kann nur _einer_ der Teufel sein! -- (laut) Nach dem, was ich verschuldet, kann mir ein warmes Abendessen meine Ruhe nicht wiedergeben!
=Der vermummte Herr=
Es kommt auf das Abendessen an! -- So viel kann ich dir sagen, daß die Kleine vorzüglich geboren hätte. Sie war musterhaft gebaut. Sie ist lediglich den Abortivmitteln der Mutter Schmidtin erlegen. -- -- Ich führe dich unter Menschen. Ich gebe dir Gelegenheit, deinen Horizont in der fabelhaftesten Weise zu erweitern. Ich mache dich ausnahmslos mit allem bekannt, was die Welt Interessantes bietet.
=Melchior=
Wer sind Sie? Wer sind Sie? -- Ich kann mich einem Menschen nicht anvertrauen, den ich nicht kenne.
=Der vermummte Herr=
Du lernst mich nicht kennen, ohne dich mir anzuvertrauen.
=Melchior=
Glauben Sie?
=Der vermummte Herr=
Tatsache! -- Übrigens bleibt dir ja keine Wahl.
=Melchior=
Ich kann jeden Moment meinem Freunde hier die Hand reichen.
=Der vermummte Herr=
Dein Freund ist ein Scharlatan. Es lächelt keiner, der noch einen Pfennig in bar besitzt. Der erhabene Humorist ist das erbärmlichste, bedauernswerteste Geschöpf der Schöpfung!
=Melchior=
Sei der Humorist, was er sei; Sie sagen mir, wer Sie sind, oder ich reiche dem Humoristen die Hand!
=Der vermummte Herr=
-- Nun?!
=Moritz=
Er hat recht, Melchior. Ich habe bramarbasiert. Laß dich von ihm traktieren und nütz’ ihn aus. Mag er noch so vermummt sein -- er ist es wenigstens!
=Melchior=
Glauben Sie an Gott?
=Der vermummte Herr=
Je nach Umständen.
=Melchior=
Wollen Sie mir sagen, wer das Pulver erfunden hat?
=Der vermummte Herr=
Berthold Schwarz -- alias Konstantin Anklitzen -- um 1330 Franziskanermönch zu Freiburg im Breisgau.
=Moritz=
Was gäbe ich darum, wenn er es hätte bleiben lassen!
=Der vermummte Herr=
Sie würden sich eben erhängt haben!
=Melchior=
Wie denken Sie über Moral?
=Der vermummte Herr=
Kerl -- bin ich dein Schulknabe?!
=Melchior=
Weiß ich, was Sie sind!!
=Moritz=
Streitet nicht! -- Bitte, streitet nicht. Was kommt dabei heraus! -- Wozu sitzen wir, zwei Lebendige und ein Toter, nachts um zwei Uhr hier auf dem Kirchhof beisammen, wenn wir streiten wollen wie Saufbrüder! -- Es soll mir ein Vergnügen sein, der Verhandlung mit beiwohnen zu dürfen. -- Wenn ihr streiten wollt, nehme ich meinen Kopf unter den Arm und gehe.
=Melchior=
Du bist immer noch derselbe Angstmeier!
=Der vermummte Herr=
Das Gespenst hat nicht Unrecht. Man soll seine Würde nicht außer Acht lassen. -- Unter Moral verstehe ich das reelle Produkt zweier imaginärer Größen. Die imaginären Größen sind _Sollen_ und _Wollen_. Das Produkt heißt Moral und läßt sich in seiner Realität nicht leugnen.
=Moritz=
Hätten Sie mir das doch vorher gesagt! -- Meine Moral hat mich in den Tod gejagt. Um meiner lieben Eltern willen griff ich zum Mordgewehr. „Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest.“ An mir hat sich die Schrift phänomenal blamiert.
=Der vermummte Herr=
Geben Sie sich keinen Illusionen hin, lieber Freund! Ihre lieben Eltern wären so wenig daran gestorben wie Sie. Rigoros beurteilt würden sie ja lediglich aus gesundheitlichem Bedürfnis getobt und gewettert haben.
=Melchior=
Das mag soweit ganz richtig sein. -- Ich kann Ihnen aber mit Bestimmtheit sagen, mein Herr, daß, wenn ich Moritz vorhin ohne weiteres die Hand gereicht hätte, einzig und allein meine Moral die Schuld trüge.
=Der vermummte Herr=
Dafür bist du eben nicht Moritz!
=Moritz=
Ich glaube doch nicht, daß der Unterschied so wesentlich ist -- zum mindesten nicht so zwingend, daß Sie nicht auch mir zufällig hätten begegnen dürfen, verehrter _Unbekannter_, als ich damals, das Pistol in der Tasche, durch die Erlenpflanzungen trabte.
=Der vermummte Herr=
Erinnern Sie sich meiner denn nicht? Sie standen doch wahrlich auch im letzten Augenblick noch zwischen _Tod_ und _Leben_. -- Übrigens ist hier meines Erachtens doch wohl nicht ganz der Ort, eine so tiefgreifende Debatte in die Länge zu ziehen.
=Moritz=
Gewiß, es wird kühl, meine Herren! -- Man hat mir zwar meinen Sonntagsanzug angezogen, aber ich trage weder Hemd noch Unterhosen.
=Melchior=
Leb wohl, lieber Moritz. Wo dieser Mensch mich hinführt, weiß ich nicht. Aber er ist ein Mensch ...
=Moritz=
Laß mich’s nicht entgelten, Melchior, daß ich dich umzubringen suchte! Es war alte Anhänglichkeit. -- Zeitlebens wollte ich nur klagen und jammern dürfen, wenn ich dich nun noch einmal hinausbegleiten könnte!
=Der vermummte Herr=
Schließlich hat Jeder sein Teil -- _Sie_ das beruhigende Bewußtsein, _nichts_ zu haben -- _du_ den enervirenden Zweifel an _allem_. -- Leben Sie wohl.
=Melchior=
Leb wohl, Moritz! Nimm meinen herzlichen Dank dafür, daß du mir noch erschienen. Wie manchen frohen ungetrübten Tag wir nicht miteinander verlebt haben in den vierzehn Jahren! Ich verspreche dir, Moritz, mag nun werden was will, mag ich in den kommenden Jahren zehnmal ein Anderer werden, mag es aufwärts oder abwärts mit mir gehn, dich werde ich nie vergessen ...
=Moritz=
Dank, dank, Geliebter.
=Melchior=
... und wenn ich einmal ein alter Mann in grauen Haaren bin, dann stehst gerade du mir vielleicht wieder näher als alle Mitlebenden.
=Moritz=
Ich danke dir. -- Glück auf den Weg, meine Herren! -- Lassen Sie sich nicht länger aufhalten.
=Der vermummte Herr=
Komm, Kind! -- (Er legt seinen Arm in denjenigen Melchiors und entfernt sich mit ihm über die Gräber hin.)
=Moritz= (allein)
-- Da sitze ich nun mit meinem Kopf im Arm. -- -- Der Mond verhüllt sein Gesicht, entschleiert sich wieder und sieht um kein Haar gescheiter aus. -- -- So kehre ich denn zu meinem Plätzchen zurück, richte mein Kreuz auf, das mir der Tollkopf so rücksichtslos niedergestampft, und wenn alles in Ordnung, leg’ ich mich wieder auf den Rücken, wärme mich an der Verwesung und lächle ...
Albert Langen Verlag für Litteratur u. Kunst München
=Frank Wedekind=
=Der Liebestrank=
Schwank in drei Aufzügen
Geheftet 2 Mark
=Die Nation:=
Der Autor gehört zu den außer der Reihe stehenden, lebhaften und kraftgenialischen Geistern, deren unsere Literatur manche hat, bei keinem kunstverständigen Beurteiler wird er darum als Poseur, bei niemanden seine Art als gemacht, manieriert und eingelernt erscheinen. Vielmehr ist er voll einer absonderlichen, wunderlichen Eigenart, eine _Natur_, wenn man dies Wort auch einmal auf einen Sprung, eine Laune, eine Bizarrerie anwenden darf. Für die Kunst ist er voll Bedeutung, Anregung und Reiz ...
=Frank Wedekind=
=Die junge Welt=
Komödie in drei Aufzügen
Geheftet 2 Mark
=Die Gesellschaft:=
„_Die junge Welt_“ ist das bühnengerechteste von Wedekinds Dramen. Junge Mädchen geben sich in der Pension das Versprechen des Cölibats; natürlich hält es keine. Die Komödie erzählt das mit einem fast liebenswürdigen Humor und mit all der Menschenkenntnis und treffsicheren Charakterkunst dieses eigenartigsten unter den Dichtern von heute. Erzählen läßt sich das nicht, auch nicht beschreiben. Aber es ist sehr lustig. Es ist ein wildes Durcheinander von übermütigen Einfällen, tollen Gliederverrenkungen in der Charakteristik, Karikaturen, die wie Porträts aussehen -- kurz, ein Lachkabinett, aber ganz neuer Art.
=Frank Wedekind=
=Marquis von Keith=
=(Münchener Szenen)=
Schauspiel in fünf Aufzügen
Geheftet 2 Mark 50 Pf.
Elegant gebunden 3 Mark 50 Pf.
=Die Nation:=
Wedekind hat die irdische Unbekümmertheit, das Freisein von zeitlicher Satzung. Er steht außerhalb der Gesellschaft, fast außerhalb der Welt. Ich sagte das hier vor einem Jahr und muß es verstärken. Er ist mit seinen Lebensinhalten einer der tiefsten Humoristen, die sich heut irgendwo betätigen.
=Frank Wedekind=
=Der Kammersänger=
Drei Szenen
=Fünftes Tausend=
Geheftet 1 Mark
Elegant gebunden 2 Mark
=Brünner Sonntagszeitung:=
Von groteskem, überlebensgroßem Humor und geißelnder Satire und Ironie sind die unter dem Titel „_Der Kammersänger_“ (A. Langen) vereinigten Szenen von Frank Wedekind erfüllt. Gut dargestellt müßten diese ohne jedwede Komposition aneinander gereihten Szenen von mächtiger Wirkung sein. Schon in der Lektüre wirkt das Werk ganz eigentümlich. Man empfindet ähnliches wie beim Betrachten der Zeichnungen des dämonischen Th. Th. Heine.
=Frank Wedekind=
=Feuerwerk=
Erzählungen
=Drittes Tausend=
Preis geheftet 3 Mark
Elegant gebunden 4 Mark
=Pfälzische Presse:=
... Dabei ist Wedekind im Unterschied von vielen jener Dekadenten frisch, nicht ohne Humor, und von strotzender Gesundheit in der Art sich zu geben. Meisterstücke in ihrer Art sind einige der kleinen Novellen, wie „Der Brand von Egliswyl“, „Rabbi Esra“, „Der greise Freier“ u. a.
=Frank Wedekind=
=So ist das Leben=
Schauspiel in fünf Akten
Preis geheftet 2 Mark
Elegant gebunden 3 Mark
„_So ist das Leben_“ behandelt die Schicksale eines entthronten Königs, der in die unangenehme Lage kommt, sich vor einem bürgerlichen Gericht wegen _Majestätsbeleidigung_ verantworten zu müssen. =Die aktuelle Frage der Majestätsbeleidigungsprozesse= erfährt auf diese Weise in dem Drama eine _verblüffend vielseitige Beleuchtung_.
Druck von Hesse & Becker in Leipzig