Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie

Part 4

Chapter 43,306 wordsPublic domain

Kuhwarme Ziegenmilch trinken! -- Ich will dir Locken brennen und dir ein Glöcklein um den Hals hängen. -- Wir haben auch noch ein Hü-Pferdchen, mit dem du spielen kannst.

=Moritz=

Ich muß zurück. -- Ich habe noch die Sassaniden, die Bergpredigt und das Parallelepipedon auf dem Gewissen. -- Gute Nacht, Ilse!

=Ilse=

Schlummre süß! ... Geht ihr wohl noch zum _Wigwam_ hinunter, wo _Melchi Gabor_ mein Tomahawk begrub? -- Brrr! Bis es an euch kommt, lieg’ ich im Kehricht. (Eilt davon.)

=Moritz= (allein)

-- -- -- Ein Wort hätte es gekostet. -- (Er ruft) -- Ilse! -- Ilse! -- -- Gottlob sie hört nicht mehr.

-- Ich bin in der Stimmung nicht. -- Dazu bedarf es eines freien Kopfes und eines fröhlichen Herzens. -- Schade, schade um die Gelegenheit!

... ich werde sagen, ich hätte mächtige Kristallspiegel über meinen Betten gehabt -- hätte mir ein unbändiges Füllen gezogen -- hätte es in langen schwarzseidenen Strümpfen und schwarzen Lackstiefeln und schwarzen, langen Glacé-Handschuhen, schwarzen Samt um den Hals, über den Teppich an mir vorbeistolzieren lassen -- hätte es in einem Wahnsinnsanfall in meinen Kissen erwürgt ... ich werde lächeln wenn von Wollust die Rede ist ... ich werde --

_Aufschreien! -- Aufschreien! -- Du sein, Ilse! -- Priapia! -- Besinnungslosigkeit! -- Das nimmt die Kraft mir! -- Dieses Glückskind, dieses Sonnenkind -- dieses Freudenmädchen auf meinem Jammerweg! -- -- O! -- O!_

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

(Im Ufergebüsch)

Hab’ ich sie doch unwillkürlich wiedergefunden -- die Rasenbank. Die Königskerzen scheinen gewachsen seit gestern. Der Ausblick zwischen den Weiden durch ist derselbe noch. -- Der Fluß zieht schwer wie geschmolzenes Blei. Daß ich nicht vergesse ... (er zieht Frau Gabors Brief aus der Tasche und verbrennt ihn) -- Wie die Funken irren -- hin und her, kreuz und quer -- Seelen! -- Sternschnuppen! --

Eh’ ich angezündet, sah man die Gräser noch und einen Streifen am Horizont. -- Jetzt ist es dunkel geworden. Jetzt gehe ich nicht mehr nach Hause.

Dritter Akt

Erste Szene

_Konferenzzimmer_. -- An den Wänden die Bildnisse von Pestalozzi und J. J. Rousseau. Um einen grünen Tisch, über dem mehrere Gasflammen brennen, sitzen die Professoren _Affenschmalz_, _Knüppeldick_, _Hungergurt_, _Knochenbruch_, _Zungenschlag_ und _Fliegentod_. Am oberen Ende auf erhöhtem Sessel Rektor _Sonnenstich_. Pedell _Habebald_ kauert neben der Tür.

=Sonnenstich=

....Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben? -- -- Meine Herren! -- Wenn wir nicht umhin können, bei einem hohen Kultusministerium die Relegation unseres schuldbeladenen Schülers zu beantragen, so können wir das aus den schwerwiegendsten Gründen nicht. Wir können es nicht, um das bereits hereingebrochene Unglück zu sühnen, wir können es eben so wenig, um unsere Anstalt für die Zukunft vor ähnlichen Schlägen sicher zu stellen. Wir können es nicht, um unseren schuldbeladenen Schüler für den demoralisirenden Einfluß, den er auf seinen Klassengenossen ausgeübt, zu züchtigen; wir können es zu allerletzt, um ihn zu verhindern, den nämlichen Einfluß auf seine übrigen Klassengenossen auszuüben. Wir können es -- und der, meine Herren, möchte der schwerwiegendste sein -- aus dem jeden Einwand niederschlagenden Grunde nicht, weil wir unsere Anstalt vor den Verheerungen einer Selbstmord-Epidemie zu schützen haben, wie sie bereits an verschiedenen Gymnasien zum Ausbruch gelangt und bis heute allen Mitteln, den Gymnasiasten an seine durch seine Heranbildung zum Gebildeten gebildeten Existenzbedingungen zu fesseln, gespottet hat. -- -- Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben?

=Knüppeldick=

Ich kann mich nicht länger der Überzeugung verschließen, daß es endlich an der Zeit wäre, irgendwo ein Fenster zu öffnen.

=Zungenschlag=

Es he-herrscht hier eine A-A-Atmosphäre wie in unterirdischen Kata-Katakomben, wie in den A-Aktensälen des weiland Wetzlarer Ka-Ka-Ka-Ka-Kammergerichtes.

=Sonnenstich=

Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Öffnen Sie ein Fenster! Wir haben Gott sei Dank Atmosphäre genug draußen. -- Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben?

=Fliegentod=

Wenn meine Herren Kollegen ein Fenster öffnen lassen wollen, so habe ich meinerseits nichts dagegen einzuwenden. Nur möchte ich bitten, das Fenster nicht gerade hinter meinem Rücken öffnen lassen zu wollen!

=Sonnenstich=

Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Öffnen Sie das andere Fenster! -- -- Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben?

=Hungergurt=

Ohne die Kontroverse meinerseits belasten zu wollen, möchte ich an die Tatsache erinnern, daß das andere Fenster seit den Herbstferien zugemauert ist.

=Sonnenstich=

Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Lassen Sie das andere Fenster geschlossen! -- Ich sehe mich genötigt, meine Herren, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Ich ersuche diejenigen Herren Kollegen, die dafür sind, daß das einzig in Frage kommen könnende Fenster geöffnet werde, sich von ihren Sitzen zu erheben. (Er zählt) -- Eins, zwei, drei. -- Eins, zwei drei. -- Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Lassen Sie das eine Fenster gleichfalls geschlossen! -- Ich meinerseits hege die Überzeugung, daß die Atmosphäre nichts zu wünschen übrig läßt! -- -- Sollte einer der Herren noch etwas zu bemerken haben? -- -- Meine Herren! -- Setzen wir den Fall, daß wir die Relegation unseres schuldbeladenen Schülers bei einem hohen Kultusministerium zu beantragen unterlassen, so wird _uns_ ein hohes Kultusministerium für das hereingebrochene Unglück verantwortlich machen. Von den verschiedenen von der Selbstmord-Epidemie heimgesuchten Gymnasien sind diejenigen, in denen fünfundzwanzig Prozent den Verheerungen der Selbstmord-Epidemie zum Opfer gefallen, von einem hohen Kultusministerium suspendiert worden. Vor diesem erschütterndsten Schlage unsere Anstalt zu wahren, ist unsere Pflicht als Hüter und Bewahrer unserer Anstalt. Es schmerzt uns tief, meine Herren Kollegen, daß wir die sonstige Qualifikation unseres schuldbeladenen Schülers als mildernden Umstand gelten zu lassen nicht in der Lage sind. Ein nachsichtiges Verfahren, das sich unserem schuldbeladenen Schüler gegenüber rechtfertigen ließe, ließe sich der zur Zeit in denkbar bedenklichster Weise gefährdeten Existenz unserer Anstalt gegenüber _nicht_ rechtfertigen. Wir sehen uns in die Notwendigkeit versetzt, den Schuldbeladenen zu richten, um nicht als die Schuldlosen gerichtet zu werden. -- Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Führen Sie ihn herauf!

(Habebald ab.)

=Zungenschlag=

Wenn die he-herrschende A-A-Atmosphäre maßgebenderseits wenig oder nichts zu wünschen übrig läßt, so möchte ich den Antrag stellen, während der So-Sommerferien auch noch das andere Fenster zu-zu-zu-zu-zu-zu-zu-zu-zuzumauern!

=Fliegentod=

Wenn unserem lieben Kollega Zungenschlag unser Lokal nicht genügend ventiliert erscheint, so möchte ich den Auftrag stellen, unserm lieben Herrn Kollega Zungenschlag einen Ventilator in die Stirnhöhle applizieren zu lassen.

=Zungenschlag=

Da-da-das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen! -- Gro-Grobheiten brauche ich mir nicht gefallen zu lassen! -- Ich bin meiner fü-fü-fü-fü-fünf Sinne mächtig ...!

=Sonnenstich=

Ich muß unsere Herren Kollegen Fliegentod und Zungenschlag um einigen Anstand ersuchen. Unser schuldbeladener Schüler scheint mir bereits auf der Treppe zu sein.

(Habebald öffnet die Türe, worauf _Melchior_, bleich aber gefaßt, vor die Versammlung tritt.)

=Sonnenstich=

Treten Sie näher an den Tisch heran! -- Nachdem Herr Rentier Stiefel von dem ruchlosen Frevel seines Sohnes Kenntnis erhalten, durchsuchte der fassungslose Vater, in der Hoffnung, auf diesem Wege möglicherweise dem Anlaß der verabscheuungswürdigen Untat auf die Spur zu kommen, die hinterlassenen Effekten seines Sohnes Moritz und stieß dabei an einem nicht zur Sache gehörigen Orte auf ein Schriftstück, welches uns ohne noch die verabscheuungswürdige Untat an sich verständlich zu machen, für die dabei maßgebend gewesene moralische Zerrüttung des Untäters eine leider nur allzu ausreichende Erklärung liefert. Es handelt sich um eine in Gesprächsform abgefaßte, „_Der Beischlaf_“ betitelte, mit lebensgroßen Abbildungen versehene, von den schamlosesten Unfläthereien strotzende, zwanzig Seiten lange Abhandlung, die den geschraubtesten Anforderungen, die ein verworfener Lüstling an eine unzüchtige Lektüre zu stellen vermöchte, entsprechen dürfte. --

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben sich ruhig zu verhalten! -- Nachdem Herr Rentier Stiefel uns fragliches Schriftstück ausgehändigt und wir dem fassungslosen Vater das Versprechen erteilt, um jeden Preis den Autor zu ermitteln, wurde die uns vorliegende Handschrift mit den Handschriften sämtlicher Mitschüler des weiland Ruchlosen verglichen und ergab nach dem einstimmigen Urteil der gesamten Lehrerschaft, sowie in vollkommenem Einklang mit dem Spezial-Gutachten unseres geschätzten Herrn Kollegen für Kalligraphie die denkbar bedenklichste Ähnlichkeit mit der _Ihrigen_. --

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben sich ruhig zu verhalten! -- Ungeachtet der erdrückenden Tatsache der von Seiten unantastbarer Autoritäten anerkannten Ähnlichkeit glauben wir uns vorderhand noch jeder weiteren Maßnahmen enthalten zu dürfen, um in erster Linie den Schuldigen über das ihm demgemäß zur Last fallende Vergehen wider die Sittlichkeit in Verbindung mit daraus resultierender Veranlassung zur Selbstentleibung ausführlich zu vernehmen. --

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben die genau präzisierten Fragen, die ich Ihnen der Reihe nach vorlege, eine um die andere, mit einem schlichten und bescheidenen „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten. -- Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Die Akten! -- -- Ich ersuche unseren Schriftführer, Herrn Kollega Fliegentod, von nun an möglichst wortgetreu zu protokollieren. -- (Zu Melchior) Kennen Sie dieses Schriftstück?

=Melchior=

Ja.

=Sonnenstich=

Wissen Sie, was dieses Schriftstück enthält?

=Melchior=

Ja.

=Sonnenstich=

Ist die Schrift dieses Schriftstücks die Ihrige?

=Melchior=

Ja.

=Sonnenstich=

Verdankt dieses unflätige Schriftstück Ihnen seine Abfassung?

=Melchior=

Ja. -- Ich ersuche Sie, Herr Rektor, mir _eine_ Unflätigkeit darin nachzuweisen.

=Sonnenstich=

Sie haben die genau präzisierten Fragen, die ich Ihnen vorlege, mit einem schlichten und bescheidenen „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten!

=Melchior=

Ich habe nicht mehr und nicht weniger geschrieben, als was eine Ihnen sehr wohlbekannte Tatsache ist!

=Sonnenstich=

Dieser Schandbube!!

=Melchior=

Ich ersuche Sie, mir einen Verstoß gegen die Sittlichkeit in der Schrift zu zeigen!

=Sonnenstich=

Bilden Sie sich ein, ich hätte Lust, zu Ihrem Hanswurst an Ihnen zu werden?! -- Habebald ...!

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben so wenig Ehrerbietung vor der Würde Ihrer versammelten Lehrerschaft, wie Sie Anstandsgefühl für das dem Menschen eingewurzelte Empfinden für die Diskretion der Verschämtheit einer sittlichen Weltordnung haben! -- Habebald!!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Es ist ja der _Langenscheidt_ zur dreistündigen Erlernung des aggluttierenden Volapük!

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Ich ersuche unseren Schriftführer, Herrn Kollega Fliegentod, das Protokoll zu schließen!

=Melchior=

Ich habe ...

=Sonnenstich=

Sie haben sich ruhig zu verhalten!! -- Habebald!

=Habebald=

Befehlen, Herr Rektor!

=Sonnenstich=

Führen Sie Ihn hinunter!

Zweite Szene

_Friedhof_ in strömendem Regen. -- Vor einem offenen Grabe steht Pastor _Kahlbauch_, den aufgespannten Schirm in der Hand. Zu seiner Rechten Rentier _Stiefel_, dessen Freund _Ziegenmelker_ und Onkel _Probst_. Zur Linken Rektor _Sonnenstich_ mit Professor _Knochenbruch_. Gymnasiasten schließen den Kreis. In einiger Entfernung vor einem halbverfallenen Grabmonument _Martha_ und _Ilse_

=Pastor Kahlbauch=

... Denn wer die Gnade, mit der der ewige Vater den in Sünden Geborenen gesegnet, von sich wies, er wird des _geistigen_ Todes sterben! -- Wer aber in eigenwilliger fleischlicher Verleugnung der Gott gebührenden Ehre dem Bösen gelebt und gedient, er wird des _leiblichen_ Todes sterben! -- Wer jedoch das Kreuz, das der Allerbarmer ihm um der Sünde willen auferlegt, freventlich von sich geworfen, wahrlich, wahrlich, ich sage euch, der wird des _ewigen_ Todes sterben! -- (Er wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft) -- Uns aber, die wir fort und fort wallen den Dornenpfad, lasset den Herrn, den allgütigen, preisen und ihm danken für seine unerforschliche Gnadenwahl. Denn so wahr _dieser_ eines _dreifachen_ Todes starb, so wahr wird Gott der Herr den Gerechten einführen zur Seligkeit und zum ewigen Leben. -- Amen.

=Rentier Stiefel=

(mit tränenerstickter Stimme, wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft)

Der Junge war nicht von mir! -- Der Junge war nicht von mir! -- Der Junge hat mir von kleinauf nicht gefallen!

=Rektor Sonnenstich=

(wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft)

Der Selbstmord als der denkbar bedenklichste Verstoß gegen die sittliche Weltordnung ist der denkbar bedenklichste Beweis für die sittliche Weltordnung, indem der Selbstmörder der sittlichen Weltordnung den Urteilsspruch zu sprechen erspart und ihr Bestehen bestätigt.

=Professor Knochenbruch=

(wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft)

Verbummelt -- versumpft -- verhurt -- verlumpt -- und verludert!

=Onkel Probst=

(wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft)

Meiner eigenen Mutter hätte ich’s nicht geglaubt, daß ein Kind so niederträchtig an seinen Eltern zu handeln vermöchte!

=Freund Ziegenmelker=

(wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft)

An einem Vater zu handeln vermöchte, der nun seit zwanzig Jahren von früh bis spät keinen Gedanken mehr hegt, als das Wohl seines Kindes!

=Pastor Kahlbauch=

(Rentier Stiefel die Hand drückend)

Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen. 1. Korinth. 12, 15. -- Denken Sie der trostlosen Mutter und suchen Sie ihr das Verlorene durch verdoppelte Liebe zu ersetzen!

=Rektor Sonnenstich=

(Rentier Stiefel die Hand drückend)

Wir hätten ihn ja wahrscheinlich doch nicht promovieren können!

=Professor Knochenbruch=

(Rentier Stiefel die Hand drückend)

Und wenn wir ihn promoviert hätten, im nächsten Frühling wäre er des allerbestimmtesten sitzen geblieben!

=Onkel Probst=

(Rentier Stiefel die Hand drückend)

Jetzt hast du vor allem die Pflicht, an dich zu denken. Du bist Familienvater ...!

=Freund Ziegenmelker=

(Rentier Stiefel die Hand drückend)

Vertraue dich meiner Führung! -- Ein Hundewetter, daß einem die Därme schlottern! -- Wer da nicht unverzüglich mit einem Grogg eingreift, hat seine Herzklappenaffektion weg!

=Rentier Stiefel=

(sich die Nase schneuzend)

Der Junge war nicht von mir ... der Junge war nicht von mir ...

(Rentier Stiefel, geleitet von Pastor Kahlbauch, Rektor Sonnenstich, Professor Knochenbruch, Onkel Probst und Freund Ziegenmelker ab. -- Der Regen läßt nach)

=Hänschen Rilow=

(wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft)

Ruhe in Frieden, du ehrliche Haut! -- Grüße mir meine ewigen Bräute, hingeopferten Angedenkens, und empfiehl mich ganz ergebenst zu Gnaden dem lieben Gott -- armer Tollpatsch du! -- Sie werden dir um deiner Engelseinfalt willen noch eine Vogelscheuche aufs Grab setzen ...

=Georg=

Hat sich die Pistole gefunden?

=Robert=

Man braucht keine Pistole zu suchen!

=Ernst=

Hast du ihn gesehen, Robert?

=Robert=

Verfluchter, verdammter Schwindel! -- Wer hat ihn gesehen? -- Wer denn?!

=Otto=

Da steckt’s nämlich! -- Man hatte ihm ein Tuch übergeworfen.

=Georg=

Hing die Zunge heraus?

=Robert=

Die Augen! -- Deshalb hatte man das Tuch drübergeworfen.

=Otto=

Grauenhaft!

=Hänschen Rilow=

Weißt du bestimmt, daß er sich erhängt hat?

=Ernst=

Man sagt, er habe gar keinen Kopf mehr.

=Otto=

Unsinn! -- Gewäsch!

=Robert=

Ich habe ja den Strick in Händen gehabt! -- Ich habe noch keinen Erhängten gesehen, den man nicht zugedeckt hätte.

=Georg=

Auf gemeinere Art hätte er sich nicht empfehlen können!

=Hänschen Rilow=

Was Teufel, das Erhängen soll ganz hübsch sein!

=Otto=

Mir ist er nämlich noch fünf Mark schuldig. Wir hatten gewettet. Er schwor, er werde sich halten.

=Hänschen Rilow=

Du bist schuld, daß er daliegt. Du hast ihn Prahlhans genannt.

=Otto=

Paperlapap, ich muß auch büffeln die Nächte durch. Hätte er die griechische Literaturgeschichte gelernt, er hätte sich nicht zu erhängen brauchen!

=Ernst=

Hast du den Aufsatz, Otto?

=Otto=

Erst die Einleitung.

=Ernst=

Ich weiß gar nicht, was schreiben.

=Georg=

Warst du denn nicht da, als uns Affenschmalz die Disposition gab?

=Hänschen Rilow=

Ich stopsle mir was aus dem _Demokrit_ zusammen.

=Ernst=

Ich will sehen, ob sich im _kleinen Meyer_ was finden läßt.

=Otto=

Hast du den Vergil schon auf morgen? -- -- -- -- --

(Die Gymnasiasten ab. -- Martha und Ilse kommen ans Grab.)

=Ilse=

Rasch, rasch! -- Dort hinten kommen die Totengräber.

=Martha=

Wollen wir nicht lieber warten, Ilse?

=Ilse=

Wozu? -- Wir bringen neue. Immer neue und neue! -- Es wachsen genug.

=Martha=

Du hast recht, Ilse! -- (Sie wirft einen Epheukranz in die Gruft. Ilse öffnet ihre Schürze und läßt eine Fülle frischer Anemonen auf den Sarg regnen.)

=Martha=

Ich grabe unsere Rosen aus. Schläge bekomme ich ja doch! -- Hier werden sie gedeihen.

=Ilse=

Ich will sie begießen, so oft ich vorbeikomme. Ich hole Vergißmeinnicht vom Goldbach herüber und Schwertlilien bringe ich von Hause mit.

=Martha=

Es soll eine Pracht werden! Eine Pracht!

=Ilse=

Ich war schon über der Brücke drüben, da hört’ ich den Knall.

=Martha=

Armes Herz!

=Ilse=

Und ich weiß auch den Grund, Martha.

=Martha=

Hat er dir was gesagt?

=Ilse=

Parallelepipedon! -- Aber sag’ es niemandem.

=Martha=

Meine Hand darauf.

=Ilse=

-- Hier ist die Pistole.

=Martha=

Deshalb hat man sie nicht gefunden!

=Ilse=

Ich nahm sie ihm gleich aus der Hand, als ich am Morgen vorbeikam.

=Martha=

Schenk’ sie mir, Ilse! -- Bitte, schenk’ sie mir!

=Ilse=

Nein, die behalt’ ich zum Andenken.

=Martha=

Ist’s wahr, Ilse, daß er ohne Kopf drinliegt?

=Ilse=

Er muß sie mit Wasser geladen haben! -- Die Königskerzen waren über und über mit Blut besprengt. Sein Hirn hing in den Weiden umher.

Dritte Szene

_Herr und Frau Gabor_.

=Frau Gabor=

... Man hatte einen Sündenbock nötig. Man durfte die überall lautwerdenden Anschuldigungen nicht auf sich beruhen lassen. Und nun mein Kind das Unglück gehabt, den Zöpfen im richtigen Moment in den Schuß zu laufen, nun soll ich, die eigene Mutter, das Werk seiner Henker vollenden helfen? -- Bewahre mich Gott davor!

=Herr Gabor=

-- Ich habe deine geistvolle Erziehungsmethode vierzehn Jahre schweigend mit angeseh’n. Sie widersprach meinen Begriffen. Ich hatte von jeher der Überzeugung gelebt, ein Kind sei kein Spielzeug; ein Kind habe Anspruch auf unsern heiligsten Ernst. Aber ich sagte mir, wenn der Geist und die Grazie des Einen die ernsten Grundsätze eines Andern zu ersetzen im stande sind, so mögen sie den ernsten Grundsätzen vorzuziehen sein. -- -- Ich mache dir keinen Vorwurf, Fanny. Aber vertritt mir den Weg nicht, wenn ich dein und mein Unrecht an dem Jungen gutzumachen suche!

=Frau Gabor=

Ich vertrete dir den Weg, so lange ein Tropfen warmen Blutes in mir wallt! In der Korrektionsanstalt ist mein Kind verloren. Eine Verbrechernatur mag sich in solchen Instituten bessern lassen. Ich weiß es nicht. Ein gutgearteter Mensch wird so gewiß zum Verbrecher darin, wie die Pflanze verkommt, der du Luft und Sonne entziehst. Ich bin mir keines Unrechtes bewußt. Ich danke heute wie immer dem Himmel, daß er mir den Weg gezeigt, in meinem Kinde einen rechtlichen Charakter und eine edle Denkungsweise zu wecken. Was hat er denn so Schreckliches getan? Es soll mir nicht einfallen, ihn entschuldigen zu wollen -- daran, daß man ihn aus der Schule gejagt trägt er keine Schuld! Und wär’ es sein Verschulden, so hat er es ja gebüßt. Du magst das alles besser wissen. Du magst theoretisch vollkommen im Rechte sein. Aber ich kann mir mein einziges Kind nicht gewaltsam in den Tod jagen lassen!

=Herr Gabor=

Das hängt nicht von uns ab, Fanny. -- Das ist ein Risiko, das wir mit unserem Glück auf uns genommen. Wer zu schwach für den Marsch ist, bleibt am Wege. Und es ist schließlich das Schlimmste nicht, wenn das Unausbleibliche zeitig kommt. Möge uns der Himmel davor behüten! Unsere Pflicht ist es, den Wankenden zu festigen, so lange die Vernunft Mittel weiß. -- Daß man ihn aus der Schule gejagt, ist nicht seine Schuld. Wenn man ihn nicht aus der Schule gejagt hätte, es wäre auch seine Schuld nicht! -- Du bist zu leichtherzig. Du erblickst vorwitzige Tändelei, wo es sich um Grundschäden des Charakters handelt. Ihr Frauen seid nicht berufen, über solche Dinge zu urteilen. Wer _das_ schreiben kann, was Melchior schreibt, der muß im innersten Kern seines Wesens angefault sein. Das Mark ist ergriffen. Eine halbwegs gesunde Natur läßt sich zu so etwas nicht herbei. Wir sind alle keine Heiligen; jeder von uns irrt vom schnurgeraden Pfad ab. Seine Schrift hingegen vertritt das _Prinzip_. Seine Schrift entspricht keinem zufälligen gelegentlichen Fehltritt; sie dokumentiert mit schaudererregender Deutlichkeit den aufrichtig gehegten _Vorsatz_, jene natürliche Veranlagung, jenen Hang zum _Unmoralischen_, weil es das Unmoralische ist. Seine Schrift manifestiert jene exzeptionelle geistige Korruption, die wir Juristen mit dem Ausdruck „_moralischer Irrsinn_“ bezeichnen. -- Ob sich gegen seinen Zustand etwas ausrichten läßt, vermag ich nicht zu sagen. _Wenn_ wir uns einen Hoffnungsschimmer bewahren wollen, und in erster Linie unser fleckenloses Gewissen als die Eltern des Betreffenden, so ist es Zeit für uns, mit Entschiedenheit und mit allem Ernste ans Werk zu gehen. -- Laß uns nicht länger streiten, Fanny! Ich fühle, wie schwer es dir wird. Ich weiß, daß du ihn vergötterst, weil er so ganz deinem genialischen Naturell entspricht. Sei stärker als du! Zeig’ dich deinem Sohn gegenüber endlich einmal selbstlos!

=Frau Gabor=

Hilf mir Gott, wie läßt sich dagegen aufkommen! -- Man muß ein _Mann_ sein, um so sprechen zu können! Man muß ein _Mann_ sein, um sich so vom toten Buchstaben verblenden lassen zu können! Man muß ein _Mann_ sein, um so blind das in die Augen Springende nicht zu sehn! -- Ich habe gewissenhaft und besonnen an Melchior gehandelt vom ersten Tag an, da ich ihn für die Eindrücke seiner Umgebung empfänglich fand. Sind wir denn für den _Zufall_ verantwortlich?! Dir kann morgen ein Dachziegel auf den Kopf fallen, und dann kommt dein Freund -- dein Vater, und statt deine Wunde zu pflegen, setzt er den Fuß auf dich! -- Ich lasse mein Kind nicht vor meinen Augen hinmorden. Dafür bin ich seine Mutter. -- Es ist unfaßbar! Es ist gar nicht zu glauben! Was schreibt er denn in aller Welt! Ist’s denn nicht der eklatanteste Beweis für seine Harmlosigkeit, für seine Dummheit, für seine kindliche Unberührtheit, daß er so etwas schreiben kann! -- Man muß keine Ahnung von Menschenkenntnis besitzen -- man muß ein vollständig entseelter Bureaukrat oder ganz nur Beschränktheit sein, um hier moralische Korruption zu wittern! -- -- Sag’ was du willst. Wenn du Melchior in die Korrektionsanstalt bringst, dann sind _wir_ geschieden! Und dann laß mich sehen, ob ich nicht irgendwo in der Welt Hilfe und Mittel finde, mein Kind seinem Untergange zu entreißen.

=Herr Gabor=