Frühlings Erwachen: Eine Kindertragödie

Part 3

Chapter 33,534 wordsPublic domain

Ich auch, Mütterchen, ich auch. -- Um meinen Verstand ist es ein traurig Ding. -- Hab’ ich nun eine Schwester, die ist seit zwei und einem halben Jahre verheiratet, und ich selber bin zum dritten Male Tante geworden, und habe gar keinen Begriff, wie das alles zugeht ... Nicht böse werden, Mütterchen; nicht böse werden! Wen in der Welt soll ich denn fragen als dich! Bitte, liebe Mutter, sag es mir! Sag’s mir, geliebtes Mütterchen! Ich schäme mich vor mir selber. Ich bitte dich, Mutter, sprich! Schilt mich nicht, daß ich so etwas frage. Gib mir Antwort -- wie geht es zu? -- wie kommt das alles? -- Du kannst doch im Ernst nicht verlangen, daß ich bei meinen vierzehn Jahren noch an den Storch glaube.

=Frau Bergmann=

Aber du großer Gott, Kind, wie bist du sonderbar! -- Was du für Einfälle hast! -- Das kann ich ja doch wahrhaftig nicht!

=Wendla=

Warum denn nicht, Mutter! -- Warum denn nicht! -- Es kann ja doch nichts Häßliches sein, wenn sich alles darüber freut!

=Frau Bergmann=

O -- o Gott behüte mich! -- Ich verdiente ja ... Geh, zieh dich an, Mädchen; zieh dich an!

=Wendla=

Ich gehe, ... Und wenn dein Kind nun hingeht und fragt den Schornsteinfeger?

=Frau Bergmann=

Aber das ist ja zum Närrischwerden! -- Komm Kind, komm her, ich sag es dir! Ich sage dir Alles ... O du grundgütige Allmacht! -- nur heute nicht, Wendla! -- Morgen, übermorgen, kommende Woche ... wann du nur immer willst, liebes Herz ...

=Wendla=

Sag es mir heute, Mutter; sag es mir jetzt! Jetzt gleich! -- Nun ich dich so entsetzt gesehen, kann ich erst recht nicht eher wieder ruhig werden.

=Frau Bergmann=

-- Ich kann nicht, Wendla.

=Wendla=

O, warum kannst du nicht, Mütterchen! -- Hier knie ich zu deinen Füßen und lege dir meinen Kopf in den Schoß. Du deckst mir deine Schürze über den Kopf und erzählst und erzählst, als wärst du mutterseelenallein im Zimmer. Ich will nicht zucken; ich will nicht schreien; ich will geduldig ausharren, was immer kommen mag.

=Frau Bergmann=

-- Der Himmel weiß, Wendla, daß ich nicht die Schuld trage! Der Himmel kennt mich! -- Komm in Gottes Namen! -- Ich will dir erzählen, Mädchen, wie du in diese Welt hineingekommen. -- So hör mich an, Wendla ...

=Wendla=

(unter ihrer Schürze)

Ich höre.

=Frau Bergmann= (ekstatisch)

-- Aber es geht ja nicht, Kind! -- Ich kann es ja nicht verantworten. -- Ich verdiene ja, daß man mich ins Gefängnis setzt -- daß man dich von mir nimmt ...

=Wendla=

(unter ihrer Schürze)

Faß dir ein Herz, Mutter!

=Frau Bergmann=

So höre denn ...!

=Wendla=

(unter ihrer Schürze, zitternd)

O Gott, o Gott!

=Frau Bergmann=

Um ein Kind zu bekommen -- du verstehst mich, Wendla?

=Wendla=

Rasch, Mutter -- ich halt’s nicht mehr aus.

=Frau Bergmann=

-- Um ein Kind zu bekommen -- muß man den Mann -- mit dem man verheiratet ist ... _lieben_ -- _lieben_ sag’ ich dir -- wie man nur einen Mann lieben kann! Man muß ihn so sehr _von ganzem Herzen_ lieben, wie -- wie sich’s nicht sagen läßt! Man muß ihn _lieben_, Wendla, wie du in deinen Jahren noch gar nicht lieben kannst ... Jetzt weißt du’s.

=Wendla=

(sich erhebend)

Großer -- Gott -- im Himmel!

=Frau Bergmann=

Jetzt weißt du, welche Prüfungen dir bevorstehen!

=Wendla=

-- Und das ist alles?

=Frau Bergmann=

So wahr mir Gott helfe! -- -- Nimm nun den Korb da und geh zu Ina hinunter. Du bekommst dort Schokolade und Kuchen dazu. -- Komm, laß dich noch einmal betrachten -- die Schnürstiefel, die seidenen Handschuhe, die Matrosentaille, die Rosen im Haar ...... dein Röckchen wird dir aber wahrhaftig nachgerade zu kurz, Wendla!

=Wendla=

Hast du für Mittag schon Fleisch gebracht, Mütterchen?

=Frau Bergmann=

Der liebe Gott behüte dich und segne dich! -- Ich werde dir gelegentlich eine Handbreit Volants unten ansetzen.

Dritte Szene

_Hänschen Rilow_ (ein Licht in der Hand, verriegelt die Tür hinter sich und öffnet den Deckel).

Hast du zu Nacht gebetet, Desdemona?

(Er zieht eine Reproduktion der Venus von Palma Vecchio aus dem Busen.)

-- Du siehst mir nicht nach Vaterunser aus, Holde -- kontemplativ des Kommenden gewärtig, wie in dem süßen Augenblick aufkeimender Glückseligkeit, als ich dich bei Jonathan Schlesinger im Schaufenster liegen sah -- ebenso berückend noch diese geschmeidigen Glieder, diese sanfte Wölbung der Hüften, diese jugendlich straffen Brüste -- o, wie berauscht von Glück muß der große Meister gewesen sein, als das vierzehnjährige Original vor seinen Blicken hingestreckt auf dem Diwan lag!

Wirst du mich auch bisweilen im Traum besuchen? -- Mit ausgebreiteten Armen empfang’ ich dich und will dich küssen, daß dir der Atem ausgeht. Du ziehst bei mir ein wie die angestammte Herrin in ihr verödetes Schloß. Tor und Türen öffnen sich von unsichtbarer Hand, während der Springquell unten im Parke fröhlich zu plätschern beginnt ...

Die Sache will’s! -- Die Sache will’s! -- Daß ich nicht aus frivoler Regung morde, sagt dir das fürchterliche Pochen in meiner Brust. Die Kehle schnürt sich mir zu im Gedanken an meine einsamen Nächte. Ich schwöre dir bei meiner Seele, Kind, daß nicht Überdruß mich beherrscht. Wer wollte sich rühmen, deiner überdrüssig geworden zu sein!

Aber du saugst mir das Mark aus den Knochen, du krümmst mir den Rücken, du raubst meinen jungen Augen den letzten Glanz. -- Du bist mir zu anspruchsvoll in deiner unmenschlichen Bescheidenheit, zu aufreibend mit deinen unbeweglichen Gliedmaßen! -- Du oder ich! -- und ich habe den Sieg davongetragen.

Wenn ich sie herzählen wollte -- all die Entschlafenen, mit denen ich hier den nämlichen Kampf gekämpft! --: Psyche von _Thumann_ -- noch ein Vermächtnis der spindeldürren Mademoiselle _Angelique_, dieser Klapperschlange im Paradies meiner Kinderjahre; Io von _Corregio_; Galathea von _Lossow_; dann ein Amor von _Bouguereau_; Ada von _J. van Beers_ -- diese Ada, die ich Papa aus einem Geheimfach seines Sekretärs entführen mußte, um sie meinem Harem einzuverleiben; eine zitternde, zuckende Leda von _Makart_, die ich zufällig unter den Kollegienheften meines Bruders fand -- _sieben_, du blühende Todeskandidatin, sind dir vorangeeilt auf diesem Pfad in den Tartarus! Laß dir das zum Troste gereichen und suche nicht durch diese flehentlichen Blicke noch meine Qualen ins Ungeheure zu steigern.

Du stirbst nicht um _deiner_, du stirbst um _meiner_ Sünden willen! -- Aus Notwehr gegen mich begehe ich blutenden Herzens den siebenten Gattenmord. Es liegt etwas Tragisches in der Rolle des _Blaubart_. Ich glaube, seine gemordeten Frauen insgesamt litten nicht so viel wie er beim Erwürgen jeder einzelnen.

Aber mein Gewissen wird ruhiger werden, mein Leib wird sich kräftigen, wenn du Teufelin nicht mehr in den rotseidenen Polstern meines Schmuckkästchens residierst. Statt deiner lasse ich dann die Lurlei von _Bodenhausen_ oder die Verlassene von _Linger_ oder die Loni von _Defregger_ in das üppige Lustgemach einziehen -- so werde ich mich um so rascher erholt haben! Noch ein Vierteljährchen vielleicht, und dein entschleiertes Josaphat, süße Seele, hätte an meinem armen Hirn zu zehren begonnen wie die Sonne am Butterkloß. Es war hohe Zeit, die Trennung von Tisch und Bett zu erwirken.

Brrr, ich fühle einen Heliogabalus in mir! ~Moritura me salutat!~ -- Mädchen, Mädchen, warum preßt du deine Kniee zusammen? -- warum auch jetzt noch? -- -- angesichts der unerforschlichen Ewigkeit?? -- _Eine_ Zuckung, und ich gebe dich frei! -- _Eine_ weibliche Regung, _ein_ Zeichen von Lüsternheit, von Sympathie, Mädchen! -- ich will dich in Gold rahmen lassen, dich über meinem Bett aufhängen! -- Ahnst du denn nicht, daß nur deine _Keuschheit_ meine Ausschweifungen gebiert? -- Wehe, wehe über die Unmenschlichen!

... Man merkt eben immer, daß sie eine musterhafte Erziehung genossen hat. -- _Mir geht es ja ebenso._

Hast du zu Nacht gebetet, Desdemona?

Das Herz krampft sich mir zusammen -- -- Unsinn! -- Auch die heilige _Agnes_ starb um ihrer Zurückhaltung willen und war nicht halb so nackt wie du! -- Einen Kuß noch auf deinen blühenden Leib, -- deine kindlich schwellende Brust -- deine süßgerundeten -- deine grausamen Kniee ...

Die Sache will’s, die Sache will’s, mein Herz!

_Laßt sie mich euch nicht nennen, keusche Sterne!_

Die Sache will’s! --

(Das Bild fällt in die Tiefe; er schließt den Deckel)

Vierte Szene

Ein _Heuboden_ -- _Melchior_ liegt auf dem Rücken im frischen Heu. _Wendla_ kommt die Leiter herauf.

=Wendla=

_Hier_ hast du dich verkrochen? -- Alles sucht dich. Der Wagen ist wieder hinaus. Du mußt helfen. Es ist ein Gewitter im Anzug.

=Melchior=

Weg von mir! -- Weg von mir!

=Wendla=

Was ist dir denn? -- Was verbirgst du dein Gesicht?

=Melchior=

Fort, fort! -- Ich werfe dich in die Tenne hinunter.

=Wendla=

Nun geh’ ich erst recht nicht. -- (Kniet neben ihm nieder) Warum kommst du nicht mit auf die Matte hinaus, Melchior? -- Hier ist es schwül und düster. Werden wir auch naß bis auf die Haut, was macht _uns_ das!

=Melchior=

Das Heu duftet so herrlich. -- Der Himmel draußen muß schwarz wie ein Bahrtuch sein. -- Ich sehe nur noch den leuchtenden Mohn an deiner Brust -- und dein Herz hör’ ich schlagen --

=Wendla=

-- -- Nicht küssen, Melchior! -- Nicht küssen!

=Melchior=

-- dein Herz -- hör’ ich schlagen --

=Wendla=

-- Man liebt sich -- wenn man küßt -- -- -- -- Nicht, nicht! -- --

=Melchior=

O glaub mir, es gibt keine _Liebe_! -- Alles Eigennutz, alles Egoismus! -- Ich liebe dich so wenig, wie du mich liebst. --

=Wendla=

-- -- Nicht! -- -- -- -- -- -- -- Nicht, Melchior! -- --

=Melchior=

-- -- -- Wendla!

=Wendla=

O Melchior! -- -- -- -- -- -- -- -- nicht -- -- nicht -- --

Fünfte Szene

=Frau Gabor=

(sitzt, schreibt):

Lieber Herr Stiefel!

Nachdem ich 24 Stunden über alles, was Sie mir schreiben, nachgedacht und wieder nachgedacht, ergreife ich schweren Herzens die Feder. Den Betrag zur Überfahrt nach Amerika kann ich Ihnen -- ich gebe Ihnen meine heiligste Versicherung -- _nicht_ verschaffen. Erstens habe ich so viel nicht zu meiner Verfügung, und zweitens, wenn ich es hätte, wäre es die denkbar größte Sünde, Ihnen die Mittel zur Ausführung einer so folgenschweren Unbedachtsamkeit an die Hand zu geben. Bitter Unrecht würden Sie mir tun, Herr Stiefel, in dieser meiner Weigerung ein Zeichen mangelnder Liebe zu erblicken. Es wäre umgekehrt die gröbste Verletzung meiner Pflicht als Ihre mütterliche Freundin, wollte ich mich durch Ihre momentane Fassungslosigkeit dazu bestimmen lassen, nun auch meinerseits den Kopf zu verlieren und meinen ersten nächstliegenden Impulsen blindlings nachzugeben. Ich bin gern bereit -- falls Sie es wünschen -- an Ihre Eltern zu schreiben. Ich werde Ihre Eltern davon zu überzeugen suchen, daß Sie im Laufe dieses Quartals getan haben, was Sie tun konnten, daß Sie Ihre Kräfte erschöpft, derart, daß eine rigorose Beurteilung Ihres Geschickes nicht nur ungerechtfertigt wäre, sondern in erster Linie im höchsten Grade nachteilig auf Ihren geistigen und körperlichen Gesundheitszustand wirken könnte.

Daß Sie mir andeutungsweise drohen, im Fall Ihnen die Flucht nicht ermöglicht wird, sich das Leben nehmen zu wollen, hat mich, offen gesagt, Herr Stiefel, etwas befremdet. Sei ein Unglück noch so unverschuldet, man sollte sich nie und nimmer zur Wahl unlauterer Mittel hinreißen lassen. Die Art und Weise, wie Sie mich, die ich Ihnen stets nur Gutes erwiesen, für einen eventuellen entsetzlichen Frevel Ihrerseits verantwortlich machen wollen, hat etwas, das in den Augen eines _schlecht_denkenden Menschen gar zu leicht zum Erpressungsversuch werden könnte. Ich muß gestehen, daß ich mir dieses Vorgehens von Ihnen, der Sie doch sonst so gut wissen, was man sich selber schuldet, zu allerletzt gewärtig gewesen wäre. Indessen hege ich die feste Überzeugung, daß Sie noch zu sehr unter dem Eindruck des ersten Schreckens standen, um sich Ihrer Handlungsweise vollkommen bewußt werden zu können.

Und so hoffe ich denn auch zuversichtlich, daß diese meine Worte Sie bereits in gefaßterer Gemütsstimmung antreffen. Nehmen Sie die Sache, wie sie liegt. Es ist meiner Ansicht nach durchaus unzulässig, einen jungen Mann nach seinen Schulzeugnissen zu beurteilen. Wir haben zu viele Beispiele, daß sehr schlechte Schüler vorzügliche Menschen geworden und umgekehrt ausgezeichnete Schüler sich im Leben nicht sonderlich bewährt haben. Auf jeden Fall gebe ich Ihnen die Versicherung, daß Ihr Mißgeschick, soweit das von mir abhängt, in Ihrem Verkehr mit _Melchior_ nichts ändern soll. Es wird mir stets zur Freude gereichen, meinen Sohn mit einem jungen Manne umgehn zu sehen, der sich, mag ihn nun die Welt beurteilen wie sie will, auch meine vollste Sympathie zu gewinnen vermochte.

Und somit Kopf hoch, Herr Stiefel! -- Solche Krisen dieser oder jener Art treten an jeden von uns heran und wollen eben überstanden sein. Wollte da ein jeder gleich zu Dolch und Gift greifen, es möchte recht bald keine Menschen mehr auf der Welt geben. Lassen Sie bald wieder etwas von sich hören und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrer Ihnen unverändert zugetanen

mütterlichen Freundin

Fanny G.

Sechste Szene

_Bergmanns Garten im Morgensonnenglanz_

=Wendla=

Warum hast du dich aus der Stube geschlichen? -- Veilchen suchen! -- Weil mich Mutter lächeln sieht. -- Warum bringst du auch die Lippen nicht mehr zusammen? -- Ich weiß nicht. -- Ich weiß es ja nicht, ich finde nicht Worte ...

Der Weg ist wie ein Pelücheteppich -- kein Steinchen, kein Dorn. -- Meine Füße berühren den Boden nicht ... O, wie ich die Nacht geschlummert habe!

Hier standen sie. -- Mir wird ernsthaft wie einer Nonne beim Abendmahl. -- Süße Veilchen! -- Ruhig, Mütterchen. Ich will mein Bußgewand anziehn. -- Ach Gott, wenn jemand käme, dem ich um den Hals fallen und erzählen könnte!

Siebente Szene

_Abenddämmerung_. Der Himmel ist leicht bewölkt. Der Weg schlängelt sich durch niedres Gebüsch und Riedgras. In einiger Entfernung hört man den Fluß rauschen.

=Moritz=

Besser ist besser. -- Ich passe nicht hinein. Mögen sie einander auf die Köpfe steigen. -- Ich ziehe die Tür hinter mir zu und trete ins Freie. -- Ich gebe nicht so viel darum, mich herumdrücken zu lassen.

Ich habe mich nicht aufgedrängt. Was soll ich mich jetzt aufdrängen! -- Ich habe keinen Vertrag mit dem lieben Gott. Mag man die Sache drehen, wie man sie drehen will. Man hat mich gepreßt. -- Meine Eltern mache ich nicht verantwortlich. Immerhin mußten sie auf das Schlimmste gefaßt sein. Sie waren alt genug, um zu wissen, was sie taten. Ich war ein Säugling, als ich zur Welt kam -- sonst wär’ ich wohl auch noch so schlau gewesen, ein anderer zu werden. -- Was soll ich dafür büßen, daß alle andern schon da waren!

Ich müßte ja auf den Kopf gefallen sein ... macht mir jemand einen tollen Hund zum Geschenk, dann gebe ich ihm seinen tollen Hund zurück. Und will er seinen tollen Hund nicht zurücknehmen, dann bin ich menschlich und ...

Ich müßte ja auf den Kopf gefallen sein!

Man wird ganz per Zufall geboren und sollte nicht nach reiflichster Überlegung -- -- -- es ist zum Totschießen!

-- Das Wetter zeigt sich wenigstens rücksichtsvoll. Den ganzen Tag sah es nach Regen aus und nun hat es sich doch gehalten. -- Es herrscht eine seltene Ruhe in der Natur. Nirgends etwas Grelles, Aufreizendes. Himmel und Erde sind wie durchsichtiges Spinnewebe. Und dabei scheint sich alles so wohl zu fühlen. Die Landschaft ist lieblich wie eine Schlummermelodie -- „_schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein_“, wie Fräulein _Snandulia_ sang. Schade, daß sie die Ellbogen ungraziös hält! -- Am Cäcilienfest habe ich zum letzten Male getanzt. _Snandulia_ tanzt nur mit Partien. Ihre Seidenrobe war hinten und vorn ausgeschnitten. Hinten bis auf den Taillengürtel und vorne bis zur Bewußtlosigkeit. -- Ein Hemd kann sie nicht angehabt haben ... -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- das wäre etwas, was mich noch fesseln könnte. -- Mehr der Kuriosität halber. -- Es muß ein sonderbares Empfinden sein -- -- ein Gefühl, als würde man über Stromschnellen gerissen -- -- -- Ich werde es niemandem sagen, daß ich unverrichteter Sache wiederkehre. Ich werde so tun, als hätte ich alles das mitgemacht ... Es hat etwas Beschämendes, Mensch gewesen zu sein, ohne das Menschlichste kennen gelernt zu haben. -- Sie kommen aus _Ägypten_, verehrter Herr, und haben die _Pyramiden_ nicht gesehn?!

Ich will heute nicht wieder weinen. Ich will nicht wieder an mein Begräbnis denken -- -- _Melchior_ wird mir einen Kranz auf den Sarg legen. Pastor _Kahlbauch_ wird meine Eltern trösten. Rektor _Sonnenstich_ wird Beispiele aus der Geschichte zitieren. -- Einen Grabstein werd’ ich ja wahrscheinlich nicht bekommen. Ich hätte mir eine schneeweiße Marmorurne auf schwarzem Syenitsockel gewünscht -- ich werde sie ja gottlob nicht vermissen. Die Denkmäler sind für die Lebenden, nicht für die Toten.

Ich brauchte wohl ein Jahr, um in Gedanken von allem Abschied zu nehmen. Ich will nicht wieder weinen. Ich bin so froh, ohne Bitterkeit zurückblicken zu dürfen. Wie manchen schönen Abend ich mit _Melchior_ verlebt habe! -- unter den Uferweiden; beim Forsthaus; am Heerweg draußen, wo die fünf Linden stehen; auf dem Schloßberg, zwischen den lauschigen Trümmern der Runenburg -- -- -- Wenn die Stunde gekommen, will ich aus Leibeskräften an Schlagsahne denken. Schlagsahne hält nicht auf. Sie stopft und hinterläßt dabei doch einen angenehmen Nachgeschmack ... Auch die Menschen hatte ich mir unendlich schlimmer gedacht. Ich habe keinen gefunden, der nicht sein Bestes gewollt hätte. Ich habe manchen bemitleidet um meinetwillen.

Ich wandle zum Altar wie der Jüngling im alten Etrurien, dessen letztes Röcheln der Brüder Wohlergehen für das kommende Jahr erkauft. -- Ich durchkoste Zug für Zug die geheimnisvollen Schauer der Loslösung. Ich schluchze vor Wehmut über mein Los. -- -- Das Leben hat mir die kalte Schulter gezeigt. Von drüben her sehe ich ernste freundliche Blicke winken: die kopflose Königin, die kopflose Königin -- Mitgefühl, mich mit weichen Armen erwartend ... Eure Gebote gelten für Unmündige; ich trage mein Freibillett in mir. Sinkt die Schale, dann flattert der Falter davon; das Trugbild geniert nicht mehr. -- Ihr solltet kein tolles Spiel mit dem Schwindel treiben! Der Nebel zerrinnt; das Leben ist Geschmacksache.

=Ilse=

(in abgerissenen Kleidern, ein buntes Tuch um den Kopf, faßt ihn von rückwärts an der Schulter)

Was hast du verloren?

=Moritz=

Ilse?!

=Ilse=

Was suchst du hier?

=Moritz=

Was erschreckst du mich so?

=Ilse=

Was suchst du? -- Was hast du verloren?

=Moritz=

Was erschreckst du mich denn so entsetzlich?

=Ilse=

Ich komme aus der Stadt. -- Ich gehe nach Hause.

=Moritz=

Ich weiß nicht, was ich verloren habe.

=Ilse=

Dann hilft auch dein Suchen nichts.

=Moritz=

Sakerment, Sakerment!!

=Ilse=

Seit vier Tagen bin ich nicht zu Hause gewesen.

=Moritz=

-- Lautlos wie eine Katze!

=Ilse=

Weil ich meine Ballschuhe anhabe. -- Mutter wird Augen machen! -- Komm bis an unser Haus mit!

=Moritz=

Wo hast du wieder herumgestrolcht?

=Ilse=

In der _Priapia_!

=Moritz=

_Priapia_?

=Ilse=

Bei _Nohl_, bei _Fehrendorf_, bei _Padinsky_, bei _Lenz_, _Rank_, _Spühler_ -- bei allen möglichen! -- Kling, kling -- die wird springen!

=Moritz=

Malen sie dich?

=Ilse=

_Fehrendorf_ malt mich als Säulenheilige. Ich stehe auf einem korinthischen Kapitäl. _Fehrendorf_, sag’ ich dir, ist eine verhauene Nudel. Das letzte Mal zertrat ich ihm eine Tube. Er wischt mir die Pinsel ins Haar. Ich versetze ihm eine Ohrfeige. Er wirft mir die Palette an den Kopf. Ich werfe die Staffelei um. Er mit dem Malstock hinter mir drein über Divan, Tische, Stühle, ringsum durchs Atelier. Hinterm Ofen lag eine Skizze: -- Brav sein, oder ich zerreiße sie! -- Er schwor Amnestie und hat mich dann schließlich noch schrecklich -- schrecklich, sag’ ich dir -- abgeküßt.

=Moritz=

Wo übernachtest du, wenn du in der Stadt bleibst?

=Ilse=

Gestern waren wir bei _Nohl_ -- vorgestern bei _Bojokewitsch_ -- am Sonntag bei _Oikonomopulos_. Bei _Padinsky_ gab’s Sekt. _Valabregez_ hatte seinen Pestkranken verkauft. _Adolar_ trank aus dem Aschenbecher. _Lenz_ sang die _Kindsmörderin_, und _Adolar_ schlug die Guitarre krumm. Ich war so betrunken, daß sie mich zu Bett bringen mußten. -- -- Du gehst immer noch zur Schule, Moritz?

=Moritz=

Nein, nein ... dieses Quartal nehme ich meine Entlassung.

=Ilse=

Du hast Recht. Ach, wie die Zeit vergeht, wenn man Geld verdient! -- Weißt du noch, wie wir _Räuber_ spielten? -- _Wendla Bergmann_ und du und ich und die Andern, wenn ihr abends herauskamt und kuhwarme Ziegenmilch bei uns trankt? -- Was macht _Wendla_? Ich sah sie noch bei der Überschwemmung. -- Was macht _Melchi Gabor_? -- Schaut er noch so tiefsinnig drein? -- In der Singstunde standen wir einander gegenüber.

=Moritz=

Er philosophiert.

=Ilse=

_Wendla_ war derweil bei uns und hat der Mutter Eingemachtes gebracht. Ich saß den Tag bei Isidor Landauer. Er braucht mich zur heiligen Maria, Mutter Gottes, mit dem Christuskind. Er ist ein Tropf und widerlich. Hu, wie ein Wetterhahn! -- Hast du Katzenjammer?

=Moritz=

Von gestern Abend! -- Wir haben wie Nilpferde gezecht. Um fünf Uhr wankt’ ich nach Hause.

=Ilse=

Man braucht dich nur anzusehn. -- Waren Mädchen dabei?

=Moritz=

Arabella, die Biernymphe, Andalusierin! -- Der Wirt ließ uns Alle die ganze Nacht durch mit ihr allein.

=Ilse=

Man braucht dich nur anzusehen, Moritz! -- Ich kenne keinen Katzenjammer. Vergangenen Karneval kam ich drei Tage und drei Nächte in kein Bett und nicht aus den Kleidern. Von der Redoute ins Café, Mittags in Bellavista, Abends Tingl-Tangl, Nachts zur Redoute. _Lena_ war dabei und die dicke _Viola_. -- In der dritten Nacht fand mich _Heinrich_.

=Moritz=

Hatte er dich denn gesucht?

=Ilse=

Er war über meinen Arm gestolpert. Ich lag bewußtlos im Straßenschnee. -- Darauf kam ich zu ihm hin. Vierzehn Tage verließ ich seine Behausung nicht -- eine gräuliche Zeit! -- Morgens mußte ich seinen persischen Schlafrock überwerfen und abends in schwarzem Pagenkostüm durchs Zimmer gehn; an Hals, an Knien und Ärmeln weiße Spitzenaufschläge. Täglich photographierte er mich in anderem Arrangement -- einmal auf der Sofalehne als Ariadne, einmal als Leda, einmal als Ganymed, einmal auf allen Vieren als weiblichen Nebuchod-Nosor. Dabei schwärmte er von Umbringen, von Erschießen, Selbstmord und Kohlendampf. Frühmorgens nahm er eine Pistole ins Bett, lud sie voll Spitzkugeln und setzte sie mir auf die Brust: Ein Zwinkern, so drück’ ich! -- O, er hätte gedrückt, Moritz; er hätte gedrückt! -- Dann nahm er das Dings in den Mund wie ein Pusterohr. Das wecke den Selbsterhaltungstrieb. Und dann -- Brrrr -- die Kugel wäre mir durchs Rückgrat gegangen.

=Moritz=

Lebt _Heinrich_ noch?

=Ilse=

Was weiß ich! -- Über dem Bett war ein Deckenspiegel im Plafond eingelassen. Das Kabinet schien turmhoch und hell wie ein Opernhaus. Man sah sich leibhaftig vom Himmel herunterhängen. Grauenvoll habe ich die Nächte geträumt. -- Gott, o Gott, wenn es erst wieder Tag würde! -- Gute Nacht, Ilse. Wenn du schläfst, bist du zum Morden schön!

=Moritz=

Lebt dieser _Heinrich_ noch?

=Ilse=

So Gott will, nicht! -- Wie er eines Tages Absynth holt, werfe ich den Mantel um und schleiche mich auf die Straße. Der Fasching war aus; die Polizei fängt mich ab; was ich in Mannskleidern wolle? -- Sie brachten mich zur Hauptwache. Da kamen _Nohl_, _Fehrendorf_, _Padinsky_, _Spühler_, _Oikonomopulos_, die ganze _Priapia_, und bürgten für mich. Im Fiaker transportierten sie mich auf _Adolars_ Atelier. Seither bin ich der Horde treu. _Fehrendorf_ ist ein Affe, _Nohl_ ist ein Schwein, _Bojokewitsch_ ein Uhu, _Loison_ eine Hyäne, _Oikonomopulos_ ein Kameel -- darum lieb’ ich sie doch Einen wie den Andern und möchte mich an sonst niemand hängen, und wenn die Welt voll Erzengel und Millionäre wär’!

=Moritz=

-- Ich muß zurück, Ilse.

=Ilse=

Komm bis an unser Haus mit!

=Moritz=

-- Wozu? -- Wozu? --

=Ilse=