Frühling

Part 3

Chapter 33,533 wordsPublic domain

Der sehnende Zwang der Elemente aber dichtet sich in unergründlichen Mischungen, gestaltet sich und wird lebendig und seines seligunseligen Geschickes sich bewußt in den unzähligen Generationen ungezählter Lebewesen.

In Milliarden von Kristallen formt sich ihre Sehnsucht und Seligkeit, in Kampf und Widerspiel, verfeinert sich aus dem Nichtorganischen zur ersten dumpfen Lebensregung des Urschleims, wird Pflanze und Tier, wie die Zeitalter sich vollenden und das selige Ziel sich nähert.

Und das Tier wurde im Kreislauf der Entfaltungen erlöst zur Klarheit über sich selbst hinaus im Menschen. Und wie die Jahrtausende sich runden, werden die Elemente im Menschen durch unzählige Zeugungen hindurch zu herrlichen Erlösern, mischten und dichteten sie sich zu Konfuzius und Zarathustra, zu Buddha und Christus, und alle, alle verkünden den einen Trost vom lachenden Ende, das unsterblicher Anfang ist.

Und enger und sehnender treiben und ziehen sich die Weltenbahnen gegen ihren Ursprung hin.

Neue Unruhe neuen Werdens und Erkennens.

Feiner mischen sich die Elemente, und der letzten, hastenden Unrast des Erstarrenden entblühen neue, wissendere Geschlechter.

Sinn und Trost letzter, wilden Leiden, gieriger Genußwut, dumpfer, gellender Verzweiflung tod- und friedereifer Geschlechter und Erkenntnisse ist ein neuer Held und Heiland.

Und der wird schön sein und fein wie ein hellenischer Gott, mit weiten Sonnenaugen. Sein mächtiges Gehirn wird alle Weisheit Buddhas umspannen. Klug ist er und beweglich, ohne Falsch, gut, mild, edel, sich selbst eine Lust, ganz freudige, selbstsichre Kraft. Alle Weisheit wird in ihm zur heitren, spielenden Torheit eines Kindes geworden sein. Und er wird der Kaiser sein, der Kaiser einer goldigen, verjüngten Zeit ...

Verstehst du mich? Dies große Lied und diese große Geschichte?

Unser kleines Lied und unsre kleine Geschichte ist das. Die lachende, lustige Geschichte von zwei Leuten, die sich lieb haben, von dir und mir. Und wir singen sie uns jetzt zu unsrem Spaß so, und wenn wir wollen, werden wir sie morgen mit einem andern Text singen ...

* * * * *

Ich denke, ich liege nun an deiner Brust und schlummre und bin einen süßen Tod gestorben.

Mein Blut ist nun das morgenfreudige Tosen deiner Wälder. Weitgedehnte, hohe, blaue Berge in hundertfacher, freundlich wellender Bildung, tiefe, breite, grüne Täler, blitzende Flüsse und trommelnde, donnernde Wildwasser: das alles bin ich in dir.

Meine Gedanken sind sanfte, blinkende Tautropfen, kleine liebe, rote Blumen und unermeßliche Himmelsfernen, die entflammen in goldblauem Glanz, dunkle Wettertannen und zirpende, flötende Vogellieder, jähes Gestein mit gleißenden Rissen, umgoldet von den erwachten Lichtern der Frühe.

Mich, mich selbst seh ich mit trunkenen Augen. Klar bin ich meiner selbst mir bewußt, und mystisch verhüllt ahn ich mich mit erschauernder Sehnsucht in meiner Unendlichkeit, in dir, als du ...

* * * * *

Höher und höher hebt sich die Sonne über die blauen Wälder und wärmt und lacht und wärmt und zeugt.

Denn jetzt ist die urbestimmte Mischung der Elemente da, die, gewärmt und befruchtet von dieser Sonnensphäre, den übermenschlichen Heiland zeugen und gebären.

Tiefes, tiefstes Geheimnis!

Und doch, wie meine Hand hier auf der grauen Stammborke liegt, spür ich es mit verstehenden, wissenden Schauern.

Und ich fühle, fühle, wie es unzählige Rinnen und Röhrchen und Poren öffnet, in Sehnsucht, in Sehnsucht der lieben Wärme entgegen, wie es gibt und aufnimmt in wonnigen Spannungen und Entladungen.

* * * * *

Und in mir hab ich jetzt den Trost einer unerhörten Selbstschätzung.

Meine Poren saugen die himmlische Glut ein, und wie sie durch mein Blut schauert, weiht sie jetzt mich, mich zu dem Helden, der da ist und kommen soll.

Siegfried bin ich und schlage einen mächtigen alten Lindwurm tot.

Vor mir, in mir krümmt und schlingt und windet er sich mit tausend klammernden Schwänzen und klaffenden Rachen, gebannt, gebannt von meinen lachenden Blicken.

Und wie er sich auch feige windet mit unzähligen schlauen Listen, mir beizukommen: mir bleiben sie nicht verborgen.

Da oben das liebe Licht durchbebt mich mit einem innerlichsten, frohen Gelächter: und dieses Gelächter ist mein Schwert. Mit dem schlag ich ihn tot, den alten müden, verzweifelten Lügner.

Schon blinzeln seine hundert Äugelchen, und immer müder werden seine Kreise, und seine böse Kraft dämmert hinüber in den seligen Frieden der Einheit, der auch ihm bestimmt ist.

Mit tausend Klammern umpreßt er das arme, junge Leben, und die nennen sich ehrbar Gesetze, Institutionen, heilige Vermächtnisse, Staat, Kirche, Sitte, Ehre, Moral, Gott.

Schlau trennt er die Natur, die ewig ungeteilte, in Geist und Fleisch. Sünde nennt er die Liebe und Teufel das Weib.

Tausend schnörklige Phrasen pfaucht und dunstet er mir ins Gesicht, bläst mir tausend verzwickte Neunmalklugheiten ins Ohr und hackt nach mir mit seiner gefährlichsten Tatze, die Gewissen heißt und Pietät.

Aber ich lache und lache nur, und vor meinem Lachen vergeht er in einen dummen, blöden Dunst, vor meinem unwissenden Lachen.

* * * * *

Und ich sehe in ein fernes Tal.

Da lacht im weiten Sonnenglanz ein schönes Wunderland.

Noch verhüllt, leise verhüllt.

Das ist das verlorene, wiedergewonnene Paradies.

Da gehen Hand in Hand Adam und Eva im gütigen Sonnenlicht an breiten klaren Wassern über smaragdene Wiesen.

Da gehen Hand in Hand wir beide, du und ich, im gütigen Sonnenlicht an breiten klaren Wassern über smaragdene Wiesen.

* * * * *

An den stillen Wassern gehen wir hin durch den Garten. Und wir sehen alles Getier, das in den Lüften lebt und im Wasser und auf der grünen Erde, und nennen es mit neuen Namen. Und wir sehen die Menschen, und über sie erlöst nennen wir sie mit neuen Namen und haben an ihnen unser staunendes Ergötzen. Wir sehen Bäume, Sträucher, Kräuter und Blumen und nennen sie mit neuen Namen. Und Lüfte, Winde, Wasser, Sonne, Mond und Sterne nennen wir mit neuen Namen. Denn alles, alles ist nun anders geworden und neu, und du und ich, wir sind zwei dumme Kinder, die spielen und staunen, und gaffen und lernen ...

* * * * *

Du?!

Hörst du mich durch alle deine Masken, deine törichten Masken?

Das ist das Lied unserer Sehnsucht und unserer Ahnung.

Trüb noch, trübe und zag.

Aber ich weiß und will noch ein andres. Das ist das letzte und höchste. Das kümmert sich nicht um Himmel und Rätsel. Das ist das Lied von den Nähen, das Lied von den enthüllten Nähen.

Wann wird seine Zeit gekommen sein?

Wann werden wir wollen?

Leise, leise kommt der Tag und mit ihm die Feigheit und die Angst und -- der Zorn! --

Das Lied

Unter den Sternen hin, hinter den dunklen Bäumen, ziehen Leute und singen ein Lied.

Ich lausche -- mitleidig -- schadenfroh -- versonnen.

Denn in diesem Lied, in diesem schlichten Lied, ist ein Gift und eine heimlich fressende Flamme und die Schönheit einer fernen, fernen Heimat ...

Das wissen sie nicht in ihrer dunklen Fröhlichkeit; aber ich weiß es ...

Denn tief in mir zehrt dieses Gift und frißt diese Flamme und will hervor und leuchten. Und tief in mir ist ein Kreisen und Werden. -- Wessen?

Ach Not, Not halbbewußter Fülle, endlos süße Not!

Ich lausche und sitze und warte, ahne; und meine Augen weiten sich einem köstlichen Gesicht entgegen, das naht und naht, von fern, ganz von fern ...

Denn noch gleitet um mich und in mir und wechselt, unbändig und ungebändigt, ein ewiger, trüber Wechsel des Einzigen.

Not, ewige Not! -- Kommt das Ende? -- Und welches?? ...

* * * * *

An den Sternen hin ziehen die weißen Wolken, und die Winde rauschen; raunen mit lieben, heimlichen Stimmen und kräuseln glitzerndes Laubwerk, schaukeln schwankes Geäst, gleiten mit blinkenden Schauern über die breiten Wasser. Und das Licht durch Nebel und zarten Dunst, durch millionenfältigen Widerstand plumpen Stoffes, nieder durch klare Höhen. -- Das Licht -- das Lied ...

Reimverbunden vier arme Verse und eine simple Weise; ungefüge Stimmen in rauher, unbewußter Andacht.

Aber es ist nichts in allen Nähen und Weiten, nichts, nichts als dieses Lied und eine heimatliche Welt, die nun offenbar wird, und alle die zahllosen Seelen und eine einzige, unendliche Seele.

Nun sind die Höhen und Tiefen und Breiten ein Spiel, und Minuten, Stunden, Tage, Jahre und Jahrtausende ein schelmischer Trug.

Und nur die offenbaren Seelen und im zeitlosen Selbstfrieden die eine, offenbare Seele.

Ich sehe das bunte Spiel der vielen, das die ewige Ruhe der einen ist. Und in mir leben die Schauer der Wiedergeburt ewiger Religion und ewiger Vereinigung.

Dieses zitternde Pappellaub, hoch, schlank, dunkel in das weiße Licht hinein, dieser schimmernde Birkenstamm, traulich geducktes Buschwerk, diese gleitenden Wellen, diese Hand, die ich gespreizt gegen das Licht halte, mit dem Geflecht ihrer Adern, mit ihren wunderlichen Linien, mit Sehnen, Muskeln und Knochen: alles, alles ist das ewige Spiel ihrer Kraft und ihr neckisches Versteck, hinter dem sie sich selbst sucht und jubelnd sich findet und immer, immer wieder findet.

So müde bin ich, so ahnend müde.

Will eine Schranke fallen? -- Willst du mich finden? Will ich mich finden?

Und ein neues Spiel, und immer ein neues und ein schöneres, lustigeres immer?

Fern das Lied -- verklingend mit sehnendem Jubel das Lied ...

Das Lied ...

* * * * *

Und alles wieder still und rauschende Ruhe. Ich fühle, wie jede Fiber in mir zuckt und sich spannt.

Das Ende? Und welches?

Welches auch immer: keins und nie und nimmer ein Ende. Eine Schranke, die fällt; ein Dunst, der verweht; ein jubelndes, lachendes Hervortauchen. -- Wohin?

Weit, unendlich weit ist die Welt, und doch immer und überall einzig du, ich ...

* * * * *

Was wär ich, wär ich diese wilde, rastlose Lust und dieser unermeßliche Jammer? -- Was wär ich, wär ich dieses hinfällige Gestell von Knochen, Fleisch, Muskeln, Sehnen und Nerven und nicht dieses ahnende Sehnen?

Wild ras' ich durch meine Erdenzeiten, durch Mord, Not, Blut, durch zahllose Greuel, durch diese und gegen diese meine fieberwache Endlichkeit.

Betrüge, lüge, morde, hasse; stürze mich in zorniger Verzweiflung in den Wahnsinn tausendfältiger Wollust; rase in meiner Finsternis und strecke mich gierig nach Erkenntnis durch meine Räume und Zeiten; verschlinge und gebäre meine tausend und abertausend schwankenden, entgleitenden, ewig wechselnden Täuschungen von sausenden Welten und ewig unbefriedigten Erkenntnissen; taumele durch die hastenden Zeitläufte meiner Vergänglichkeiten ewig von Jubel zu Verzweiflung, von Verzweiflung zu Jubel; bin blühende und welkende Völker und Reiche; krieche hin in dumpfer Befriedigung und klammere mich an karge, blöde Freuden; verschanze mich hinter Gesetzen, feige und weise gegen mich selbst; betrüge mich selbst und bin der Blödheit meiner engen Sinne ein zerfallender, faulender Haufe Schmutz und ein kleines jämmerliches Ende.

Was wär ich, erkargte sich mein sehnendes Ahnen nicht zwischen tauber Lust und taubem Leid ein paar stille Friedensblumen und wäre nicht der Preis und Sieg aller meiner Verzweiflung und meines heißen rasenden Ringens gegen mich selbst das Wissen von meinem wohlverbürgten Frieden und immer und immer wieder sein endlicher Besitz?

* * * * *

Gelassen seh ich jetzt das grausigste aller Rätsel und beantworte seine dunkle Frage. In unendlichen gelben Wüsten steh ich der uralten bösen Riesenfratze gegenüber und sehe lachend in ihre toten, starren Augen.

Und hier ist all meine Nichtigkeit, mein Stolz und meine hohe Würde:

Ich, ich selbst bin ihr großes, starres Schweigen. Ich selbst bin zu tiefst in mir eine große, weite, schweigende Ruhe, ein dunkel schlummerndes Können und Wissen und doch eine ewig bewegte, milliardenfältige Unrast. Dies beides und doch das eine, einzige: eine große, weite, schweigende Ruhe.

Meine Unrast aber und meine Verzweiflung schreit tausend trübe Fragen in mich selbst hinein, wieder und wieder, ihrer selbst gewiß zu werden und ihres endlosen Wandels, und sich zu finden, immer von neuem, in einer stillen, gefriedeten Einheit.

Meine Unrast aber seid ihr. Meine Unrast bin ich als das ewig und unendlich Vielfältige: als Elemente, Sonnen, Pflanzen, Tiere, Menschen und alle Wesen und Seelen: dies alles und seine unermeßlich zahllosen Einzelheiten und ihre unermeßlich zahllosen Schicksale.

Das alles schreit in mich hinein, findet Antwort und keine, findet ewig Antwort und als seligste Antwort ewig schweigende Ruhe.

Denn aus dem dunklen Urgrund meiner Ruhe und Nichtigkeit tönt ewig und ewig als Antwort auf die wilde Sehnsucht ewiger Frage ihr ewig gleicher Widerhall und nichts, nichts als ihr Widerhall.

* * * * *

Denn dann, wenn je und je am wildesten die alte Frage gellt und an dem uralten, mystischen Geheimnis rüttelt, dann -- Frage und Antwort zugleich -- tönt sie zurück aus den dunklen Weltenfernen ewigen Lichtes und ewiger Gewißheit, und einer wird geboren, der ihr Mund ist: einer, der ist der ewig Wiedergeborene, der Stille, unter dem ewigen Mysterium Duldende, in dem Endliches und Unendliches offenbar wird als das eine, das ewig liebend sich selbst umschließt.

Wo aber in aller Welt je und je er hineingeboren wird in die Endlichkeit, da erhebt sich ein neuer Tag und eine neue Zuversicht. Da jubelt die Freude, da lächelt der Friede, und da rüstet sich ein neuer, junger, todesmutiger Wille und hat eine neue Bahn und ein neues Ziel endloser Betätigung.

* * * * *

Das ist all meine Nichtigkeit, mein Stolz und meine hohe Würde. Denn wenn ich ein Wort vom Frieden weiß, so ist es nichts als eures Unfriedens Widerhall und die irre Frage eurer Verzweiflung. Die tön ich zurück, zu meinem Teil, in ewig stiller Gelassenheit; einer, der treu, schlicht, hingegeben hört, aufnimmt, zusammenfaßt, und der wiedergibt: treu, schlicht, hingegeben.

Das ist mein schauriges und unsagbar seliges Los! Nichts, nichts bin ich, nichts und alles.

Ihr seid ich, ihr! Und ich bin ihr! Du bist ich, ich bin du; und du und einzig du bist meine ganze Würde und meine ganze Nichtigkeit. Das ist die ewige, lachende Erkenntnis und ewig die Morgenröte eines neuen Tages ...

* * * * *

Zwischen mir aber und ihr dunkelt eine Nacht.

Schon bin ich hineingetaucht in ihr weites Grauen. In das Grauen zwischen Anfang und Ende. Sie ist der heimliche Tod, der mich verzehrt.

Sie kommt mit den kühlen Schauern einer schweren Müdigkeit. Sie ist die Feigheit, die bang und zaudernd am Überwundenen hängt. Liebe und Haß, die mich verfolgen, und hundert Gewohnheiten und tote Begriffe, die doch noch leben wollen, und hetzende Zweifel alter Begrenztheit. Und sie ist ein letzter, noch nicht ausgefochtener Kampf und das krasse Gesicht einer alten Lüge, die ewig und ewig wieder mich, den ewig Lebendigen, erschauern macht. Sie ist die grausige Starre eines Kadavers und seine dumpfe, gärende Fäulnis. Sie ist der wild verwirrte, trübe Tumult neuer, geahnter Welten, meiner Feigheit zu weit und zu herrlich, viel zu weit und viel zu herrlich.

Mein Tod ist diese Nacht, mein langes Sterben, der dunkle, trübe Wandel zweier Tage, zweier Tage ...

In diese Nacht und in diesen Kampf tauch ich hinein. Mit fröhlichem, wissendem Mute und mit einer stolzen, kräftigen Seele. Die ist ein Held geistiger Kämpfe, gewaltiger als alle Leibesgewaltigen der Vorzeit.

* * * * *

Langer, langer Weg! Dunkler Kampf! -- Und sein Ziel? -- Ach, Ohnmacht meines armen Wortes! -- sein Ziel ist ein ungeheures Meer des Schweigens!

Da werd ich endlich hineinschwinden, ich und der Kreislauf aller Seelen und Sonnen und alle Unrast.

Ich und alle meine Unrast: Seelen und Sonnen: ich bin dieses Schweigen, und einst werd ich mich ganz als solches erfassen und in mir selbst ruhen.

Das ist mein ewiges Ende und mein ewiger Anfang ...

* * * * *

Wenn die Sterne strahlen, wenn die Lüfte raunen und die letzten, stillen Farben spielen: jetzt ...

Jetzt -- o Qual der Qualen! -- jetzt kenn ich meinen langen Weg, und meiner Blindheit dämmert rosig ein Ziel ...

Schönheit

Sonne! Sonne! In mir treibt die köstliche Unruhe deiner Kraft! In mir dein Lachen, in mir ein heimliches Lachen! Befreit lachen nun in mir alle Menschen, lacht in mir die ganze Welt! Ein einziges goldiges Friedensgelächter lacht mein Herz in alle Fernen hinein!

Alle, alle kommen sie zu einem großen Mahl, mit tausend bunten, wichtigen Meinungen: Gute und Böse, Zweifler und Fromme, stolz und demütig, wissend und einfältig, vornehm und gering, Ausschweifende, Diebe, Mörder -- Alle, alle kommen sie mit fragenden sehnenden ängstlichen Augen, denn sie glauben, daß sie häßlich und sündhaft seien.

Aber wie sie kommen, in breiten Scharen, mit unzähligen dunklen Geheimnissen, mit Gebresten, Lastern, Schwächen, Einbildungen und Lächerlichkeiten -- ein einziges unauslöschliches Gelächter ist es, das sie empfängt, das sie vermehren. In diesem Gelächter aber lebt der bitterste Grimm und das fruchtbarste Mitleid ...

Nun röten sich Gesichter, glätten sich Falten und Runzeln, verschwinden Geschwüre, ergänzen sich Glieder, hellen sich trübe, blöde Augen, runden sich magre Leiber und verjüngen sich ungeschlachte. Und alle sind nun eine einzige selige junge Göttergemeinde.

Jetzt! In mir!

O Wunder! Dummes, fröhliches, freches Frühlingswunder!

Am Graben

Hier, zwischen Schaumkraut und Vergißmeinnicht wollen wir ruhen, im schönen, weichen Gras, am Graben, wo die Kätzchen schaukeln.

Sieh, zwischen den gelben Lilien, zwischen Kuhblumen und weißen Sternchen, im goldigen Gezitter unser Bild.

Da: deine Augen!

So lachend, so jung! So dunkel! ...

Und dein Lachen, durch die weite, selige, strahlende Stille dein helles Lachen.

Näher, und Wange an Wange.

Der Wind, leise, leise in den Binsen, und der kühle Wasserduft herauf.

Wir träumen ...

* * * * *

Sieh, hier lang am Ufer hin! Wie es aufquillt vom braunen Grund in traubigen Gebilden.

Der jungen goldigen Wärme entgegen.

Es will reifen, will sich gestalten.

Sieh, in weicher rauchiger Masse der dunkle Kern.

Uranfang. Ruhe. Vollendung ...

Nein! In der engen, runden, winzigen Wand, millionenfältig ~du~ und ~ich~, und immer ~du~ und ~ich~, unser Widerstreit und unsre Vereinigungen, unser unendliches Spiel ... Windet, krümmt, stülpt sich, wogt im endlosen Wechsel, in der süßen Qual ewigen Wandels; ungeformt und dennoch in unbegreiflichen Gestaltungen, viel zu wunderbar unserem plumpen Begreifen!

Zu wunderbar! Wir uns selbst! Du mir! Ich dir! ...

* * * * *

Du siehst mich an.

Sieh mich an!

Banne mich mit deinen lieben, bösen Augen!

Nun halt ich dich, und Mund an Mund ...

Die Welt um uns mit Nähen und Fernen und ihren Millionen Formen ein Wirbel, ein dummer, dummer Wirbel! ...

Nur hier ...

Alles! Nichts! Gott! ...

Im Heidekraut

I

Auf der Klippe

Hoch oben lieg ich, im Heidekraut, hoch über den dunklen Wäldern, hoch auf sonnenglühendem Geklipp.

Ich denke, ich treibe auf einem endendlosen Meer, Das Spiel seiner Wogen ist das helle Himmelsblau, das unaufhörliche Rauschen und Wühlen des freien Bergwindes in den hohen Kronen, Vogelgezwitscher und wehende Düfte, Summen, Schrillen und Knistern der Käfer, die hundert Geräusche der windbewegten Zweige, blitzende Strahlen und ruhende, gleitende Lichter, wellende Farben m, und das Blinkern und Donnern der Wildwasser -- und meine Gedanken, meine dummen Gedanken ... Mit Strömen von Wärme und Licht rauscht die Welt Lieder durch meine Pulse, dunkle, grausige, süße Lieder der Einheit. Über die blauen Täler hin, in die weite, sonnige Welt hinein schwatzt dich meine Sehnsucht, du liebes, unergründbares Rätsel; neckt sich mit kindlichen Torenworten die uranfängliche Kraft, ihr eigenes Rätsel und ihres eigenen Rätsels Sinn ...

II

Heidekraut steck ich an meinen Hut und wandre. Was ist mein Ziel? Der Ruf eines Vogels glockenhell aus einem tiefen, fernen Grund ...

Unter den tiefen dunklen Wolken

Unter den tiefen dunklen Wolken hin hinein in den fröhlichen Vorfrühlingswind. Die grauen Wellen schäumen über den Kies und in den roten Weiden Zwitschert eine Lerche ihr erstes, eiliges Liedchen:

Goldige Fluten! Blauende Höhen!

Immer, immer mit dem Winde herüber das eilige, helle Zwitschern.

Sonne, liebe Sonne! Du liebes altes schelmisches Auge da oben zwischen der dunklen jagenden, fruchtenden Feuchte! Morgen, morgen verbrausen die wilden Stürme! Morgen, morgen hab ich dich! Morgen jauchzt dein goldiges Gelächter über die Welt ...

Die Vehikel

Gib mir, wo ich stehe!

Nun! Ich bin so ein Allerweltspapa, sitze irgendwo im Mittelpunkte der Welt in einem alten, guten, soliden Sorgenstuhl, von wo aus ich den schönsten, geordnetsten Überblick habe.

Man meint, meine Augen seien ein wenig schwach, mein Gehör ein wenig verschleiert. Das sind so Besorgnisse und Klagen, was weiß ich! jedenfalls Vorurteile.

Ich sitze ja hier vortrefflich, und alles hält sich in bester Ordnung.

Wirklich! Es ist eine ewige, endlose Freude!

Da seh ich viele Millionen goldener runder Wagen, die fahren in weiten, jubelnden Kreisen einem gutverbürgten Ziele zu, fahren die weite, weite Fahrt durch die Welt.

Das ist ein einziger, allerliebster Dummerjungenskrakeel, ein einziger süßer Spektakel!

Da kribbelt es in ewig geschäftiger Unrast, und ich sehe lauter weite lachende Kinderaugen.

Und alles ist ein nimmer endendes Halleluja!

Wie?!

Nun, wie's auch damit sein mag: ich sehe, was ich sehe! -- Millionen, Milliarden lustiger Vehikel meiner Seligkeit, meiner Seligkeit!

Andacht

Sommerabend!

Ich trete vor die Tür, vorm Schlafengehn noch ein wenig Luft zu schöpfen.

Müde laß ich mich auf die Bank nieder, zufrieden.

Nach getaner Arbeit ist gut ruhn.

Mit dämmerbraunen Felderbreiten dehnt sich im Halbkreis weit das flache Land. Die milchweißen Nebel liegen auf den Wiesen, von den Getreidefeldern weht die Kühle den köstlichen Roggenduft herüber, und aus der Ferne schnarren die Rebhühner.

Weit über dem braunen Frieden der Breiten aber dämmert der Himmel mit allen Sternen. Breit schimmert die Milchstraße zwischendurch.

Ich lehne den Kopf in das Weingerank der Mauer, und meine Sinne versinken in dem unendlichen Geglitzer.

»Heilige Nacht! Wie ein Cherub strahlst du!« ...

* * * * *

Versunkensein!

Wer ermißt diese Tiefen?

Innen und außen: kaum sind sie zu scheiden.

Ich bin die lichtgewölbte Weite da oben mit ihren zahllosen Welten. Ich bin das tiefe, süße Dämmern der Breiten, der Duft des Roggens und der tiefbraunen Erdschollen. Ich bin der Ruf der Rebhühner, leises Laubrascheln und hundert feine Geräusche; bin das Gekläff des Hofhundes vom Gehöft drüben; bin der zarte Sternschimmer auf seiner Scheunenmauer; bin die tiefen, schwarzen Schatten.

Und in mir noch eine Sehnsucht?

Augen! Augen! -- Fern, fern weite, große Augen, tiefdunkle!

Immer, immer mit demselben uralten Rätsel! ...

Der Tod

Ich sehe einen lieben Menschen sterben, mir innig verbunden.

Mit einemmal kommt mir das Bild hier in die Dunkelstunde hinein.

Ich sehe ihn auf dem Sofa sitzen. Die Arme hängen schlaff in den Schoß, die Beine hat er, voneinandergespreizt, lang vor sich hingestreckt. Das Gesicht ist fahl, und darinnen glühen die braunen Augen. Mühsam wendet er den Kopf, aber sie sehen nichts mehr. Sein Bart neigt sich auf die Brust, allmählich verröchelt der Atem: er ist tot.