Part 2
Da rauscht und leuchtet buntes Gefieder zwischen dunklen, dichten Wipfeln, da huschen Sonnenstrahlen in träumerischer, neckender Verlorenheit, da sprießen heimlich wunderbare Blumen, und da wogen kostbare Düfte seltener Kräuter über helle Wiesen zu mir her, und wie im Traum geh ich durch milde, heimliche Märchenlichter.
Da klingen aus blauen, sonnenzitternden Dämmerungen glockenreine Melodien, und zierliches Getier schlüpft durch Gras und Laub und blickt mich an mit zutraulichen, klugen Augen.
Und wie ich so auf stillen Waldpfaden hinwandre durch streichelndes Laub und schmeichelnde Lüfte, über blumige Wiesen, und mehr und mehr der Lärm der Welt hinter mir erstirbt, da komme ich zu einer hohen, hohen Mauer, die dehnt sich weithin durch die finstren Schauer himmelanrauschender Edeltannen. So weit ich blicken kann, klettert dunkler Efeu hinauf, und Teufelszwirn ballt sich hernieder in graugrünen Dunstwolken, und dazwischen weit, weithin entfacht mit freundlichen Lichtern unzählige Blüten von Dornrosen.
Aber da ich ein Sonntagskind und ein Berufener bin, weicht das Dickicht willig vor meinen Schritten, und eine Pforte tut sich auf, und sicher und mühelos schreite ich durch das dicke, trotzige Mauerwerk.
Dann bin ich in einer andren Welt.
Heller scheint hier die Sonne, und heimlicher sind die Schatten, klarer die stillen Wasser und fröhlicher das Geriesel lebendiger Bäche, grüner die Wiesen und Hügel. Mächtiger gipfeln sich hier die Wälder in die Wolken; mit heißeren Farben und Düften glühen die Blumen, üppiger und immer üppiger spreizen Pflanzen und Kräuter seltsame Blätter, und in tieferen Farben brennen bei Auf- und Niedergang die Himmelsbreiten. Große, schöne Menschen haben sich hier zusammengefunden, geschwisterlich, ein König jeder in Freiheit und in der Seligkeit weltfernen Glückes.
Kräftiger ist das Mark in ihren Knochen, und freier strahlt ihr Blick der Welt entgegen, und wie der Blitz folgt dem Gedanken die Tat. Geeint leben sie in Freiheit; nicht mit der zagen, feigen, schielenden Neigung der anderen, die sich ärmlich und ängstlich und sich selbst mißtrauend zwischen Gesetzen und Normen hinfristet.
In ewigen Sommertagen leben sie hin, in Festen, himmelanjauchzenden, herrlichen Gleichnissen, wie das Leben treibt und glüht, wie die Lebenssäfte mächtig durch die Adern der Welt brausen und der blöde Staub sich mit der tausendfältigen Pracht berückender Gebilde in die blaugebreiteten Unendlichkeiten faltet ...
Weite, lichte Nacht. Warme, blühende, duftende Sommernacht mit der endlos gebreiteten Pracht der Gestirne.
Tausend Lieder irren unter dem hellen Mond aus Blütenwolken und Laubdämmerungen und ...
Still! Still!
Eine Musik hör ich, nah und fern, in allen Nähen und Weiten, einen einzigen millionenstimmigen Akkord. Das ist das Lied der Kraft. Das ist die Kraft. Das bist du, das bin ich, das ist alles, alles, und die Kraft, die einzige, einige, eine. Und aus ihrem Wandel und Wechsel tönt es mit neuer, ungestümer Lebenslust, das alte, wildfreudige Zornwort: _Ça ira! Ça ira!_ ...
* * * * *
Und andere Weisen hör ich nun. Alte, uralte Lieder. Und doch neu, immer wieder neu und ewig neu.
Und alle das eine: Du, und das Lied von dir.
Und so ist sein Text:
Die Sonne und alle Gestirne: dein Blick. Strahlend, leuchtend, sehnend, hellachend, freundlich, klar, mild, schelmisch verhüllt. Und die Blumen: der Duft deines Körpers. Die ganze, weite Erde: das ist dein Leib. Und das goldige Lebenslicht über den Breiten ist die Wärme deines Leibes, und die milde Luft, weiches Moos und Gras sind seine schmeichelnde, süße Weichheit. Graswogen und alle die vielen, vielen, unendlichen Bewegungen: so gehst du, und so ist das Wogen und Wiegen deiner Glieder. Und wie es singt und flötet und zwitschert und jauchzt: das ist deine Stimme.
Überall, überall bist du und nur du, und nichts ist ohne dich und nichts außer dir. Alles ist dein Bild und dein Gleichnis.
Du bist das liebe Mädel, das mich neulich erfreute. Du bist heute blond, morgen schwarz, übermorgen braun, bist Mann und Weib, Kind und Tier, alles, alles ...
Wie könnt ich deiner jemals überdrüssig werden? Immer und immer wechselst du und erfreust mit tausend wechselnden Gestalten mein liebes, veränderliches Herz.
Und du, du bist in Lust und Pein das drängende, treibende, nimmerrastende Leben hier hinter dieser dünnen Grenze meines Körpers, die nur ein neckender, spielender Schein ist zwischen mir und dir.
Das sind die Lieder, die alten, uralten, immer neuen Lieder, das eine, einzige, das Lied von dir ...
* * * * *
Mein Kopf liegt an deiner Brust.
Und du, goldig, licht, jung, beugst dich über mich.
Mit deiner linden Hand träufelst du mir Heliotrop auf die Stirn. Ich atme den süßen Duft und deinen Atem, der süßer ist als er.
Mein Gesicht fühlt deinen Herzschlag, deinen ruhigen, ruhigen Herzschlag.
Und Auge in Auge, tiefer immer, versinkender.
Leise, leise hernieder zu mir, und leise, leise ich hinauf zu dir. Du lächelst, biegst den Kopf hintüber, und deine Hände drücken sich schwach gegen meine Brust mit schelmischem Drängen.
Und nun: Lippe an Lippe. Lange ... Zwischen halbgeschlossenen Lidern dunkelt dein Blick. Und nichts ist als sein Glanz und eine süße Wärme von dir zu mir.
Frieden. Und aus ihm Kraft, Gedanken, Entschlüsse, lichter, immer lichter, kühner und kühner, und Erkenntnisse ...
Ein Jubel ist in mir, ein ungeduldiger Jubel, der hinauf will, hinauf, bis in den siebenten Himmel hinauf! ...
* * * * *
Was ich hier träume und denke und dichte, das ist nicht mein Verdienst und nicht meine Schuld. Das ist das goldige flammende Rund da oben, das sind die Blumen, die mich umblühen, die Vögel, die mich singend umschweben, Halme und Laub, die mich umrauschen, die Menschen nah und fern, du.
Alles, alles ist dein Verdienst, und wie ich mit dir eins bin, so ist es erst auch meins.
Sind wir denn getrennt: du und ich?
Nicht hier, nicht jetzt. Jetzt, hier sind wir geeint in einem einzigen, weiten, stillen Frieden. Hier sind wir Blume und Baum und Gras, heller Himmel und goldiges Kornwogen, Farben und Vogellied, hier blühst und singst und leuchtest du in mir und ich in dir. Hier bin ich frei ...
* * * * *
Wir beide, wir kennen Augenblicke, Stunden: wunderliche Augenblicke! Wunderliche Stunden!
Was peinigen wir uns mit harten, höhnenden Worten? Was quälst du mich? Was quäl ich dich?
Lirum larum! Ich weiß jetzt eine große, tröstende Weisheit!
Lust ist Qual, und Qual ist Lust, und es gibt und kann in alle Ewigkeit hinein nur eins geben: Liebe, Liebe, Liebe, dreimalheilige Liebe, wechselnd in zwei Gegensätzen und doch einzig, einig und allein Liebe, Liebe, Liebe ...
* * * * *
Wie sich deine Brauen über deinen Augen wölben, ihr Schnitt, ihre Schwingung, der feine, weiße Bogen unter dem dunklen Apfel, dieser Glanz in diesem Rund und diese schimmernden Lichter in das Weiß hinein, diese Nasenflügel und ihr feines Beben, die sanften, runden Linien dieses Gesichtes mit dem milden Spiel von Rot und Weiß, das Gleiten und Biegen dieser Körperformen: das alles, alles spricht von einem bestimmten Schicksal, und dieses Schicksal ist eine lebendige Seele und hat dieses Fleisch, diese Glieder und ihr Verhältnis zueinander geschaffen. Dieses Schicksal aber, diese Seele lieb ich, lieb ich in Mitleid, in Staunen, in versinkender, anbetender, hingegebener Bewunderung ...
* * * * *
Ich simuliere, wie ich dir den Hof mache.
Eine putzige Welt hat der liebe Gott um uns hergerichtet mit artigem Getier und Menschenvolk, zu unsrer Verlustierung sonderbarlichen Treibens beflissen.
Sie fischen und gärtnern, graben, pflügen und bauen Beete und Felder, feilschen und beklatschen sich, bekalkulieren Witterung und Ernte, essen, trinken und schlafen, rechnen sich über heute und morgen hin, schustern und schneidern, zimmern und schmieden, zeugen sich fort und sterben, sind gesund und krank, hassen und lieben sich, und alles ist eine artige, lustige Komödie.
Und Wälder, Felder und Fluren, weitgedehntes Land mit lautem und stillem, mit tausendbuntem Getier: kriechend, hüpfend, springend, laufend, flatternd und schwirrend, mit Blumen und Gräsern, mit tausend bunten Farben und Bewegungen, mit Leuchten, Glitzern und Flinkern ist um uns hergerichtet, uns, uns zur Lust: von dieser Welt bau ich dir träumerische, ausgelassene, viele, viele bunte Lieder in freien Weisen, wie sie mir so durch den Kopf schießen.
Alles, alles, ganz sollst du mich haben; denn das alles war und ist mein liebes, gepeinigtes, lauschendes und schaffendes Herz mit Lust und Leid, Elend und Glück, Haß und Liebe: ein Spiel nun alles, ein närrisches, lustiges Spiel, denn du, du bist in der Welt und in mir beschlossen und eine einzige Wonne, ein einziges, unermeßliches Glück. Und mit diesem ist für alles gesorgt, jetzt und immer und ewig ...
* * * * *
Heute morgen schlenderten wir beide durch die Felder, schaukelten unsere zusammengefügten Hände, sahen uns in die Augen, lachten und waren still, ganz still.
Da haben wir den Frühling gesehn.
Mitten auf dem staubigen Feldweg patschelte er uns entgegen in einem hellrosa Wölkchen.
Er war ein Mosjöh Dreikäsehoch, hatte einen ratzekahl geschorenen, schlohweiß schimmernden Flachskopf und zwischen zwei rotbraunen Posaunenbacken eine höchst naive Stuppsnase, aus der ein Paar perlenklare Talglichtlein sacht auf ein offen Schnäuzchen herniederrannen. Ohne viel Gêne trug er ein blauverschlissen Kittelchen auf seinem nudeldicken Wurstleibchen, vorn hoch, hinten tief, aus dem ein höchst schnuddliges Bein- und Armwerk hervorpendelte.
Seine Hoheit sahen uns mit ein paar großen, tiefblauen Vergißmeinnichtaugen durch und durch und brömselten so viel Unsinn vor sich hin, daß uns ganz wirblicht wurde.
Er ließ sich von dir die Nase putzen, geruhte von mir einen Nickel anzunehmen, und gesegneten Herzens schlenderten wir weiter, weit, weit in die sonnige Klarheit hinein, aus der er gekommen war ...
* * * * *
Anders aber sah ich ihn ein andermal.
Das war vor mancher Woche.
Einsam saß ich in meinem einsamen Zimmer mitten in der großen, großen Stadt.
Die Sterne flammen auf im tiefen Blau, hoch oben über den Dächern, zwischen den milchweißen jagenden Windwolken, den Frühlingswolken, und die roten Abendlichter verglühen still an den langen, langen, dunkelnden Mauern.
Draußen aus der Stille lösen sich Stimmen, und der Wind fängt an mit frischen Stößen das Fenster zu streifen und singt im Rauchfang sein altes Lied.
Es wächst und wächst, und immer voller, immer stärker das frische, fröhliche Brausen.
Wunderlich geht es vom Fenster zur Tür durch das Zimmer mit einem feuchtwarmen Zug.
Und ich schnaufe den Frühling ein, seinen gesunden Odem. Und ich wittre einen Duft wie von Rosenblättern, getragen von den unsichtbaren Fluten. Frisches, taufeuchtes Wiesengras spür ich und den Geruch frischgepflügter brauner Felder, die im sonnigen, lerchenschmetternden Frühnebel dampfen. Und ich höre die freudige Sprache der werdenden Welt, der erwachenden, jungen Kreaturen.
Meine Sinne fahren auf und hin, getragen von dem Brausen, eins, ebbend und flutend mit seinem herrlichen Rhythmus: jetzt aufhorchend, jetzt still in traumhafter Versonnenheit und in neuer, immer neuer Gewißheit auf, in die Höhe; und es packt und durchschüttelt mich in freudetollen Phantasien von der Zukunft.
Und nun bin ich draußen in der äußersten Vorstadt.
Weit dehnt sich das Land hinaus im nächtigen, witternden Zwielicht. Hier ein Netz von baumbepflanzten Wegen, im flachen Land sich verlierend. Bald werden sie Straßen sein, wie die da drin, und die Häuser da und dort, vereinzelt und in Gruppen über das Freie hin verstreut, werden zusammenwachsen zu Stadtvierteln bis hinaus zu den fernen Vororten.
Weite Landstraßen ziehen sich hinaus, und von allen Seiten, durcheinander, aneinanderhin, schnaubende, donnernde, rollende Züge, herein und hinaus in das nächtige Land wie riesige feurige Raupen.
Und nun zackt es sich weit hinter mir mit Dachzinnen und Türmen und ragenden Schornsteinen und verrinnt breit, endlos in trüben roten Dunst, und starrt müde mit seinen tausend und abertausend Fenstern in das freie Land hinein.
Und der Sturm wächst und braust und knattert und pfeift mit den hundert lustigen Stimmen seines wilden Akkordes heran über die brachen schwarzen Schollen, durch Gestrüpp und Geäst, und hinein in die langen, lichtflackernden Straßenzeilen, und all das Lebensblut da drin wallt auf in frischen Gluten, und lebendiger regen sich Millionen Kräfte gegen und durcheinander.
Aus weitem fernen Süden strömen die durchglühten Lüfte her, seitwärts gebogen vom kreisenden Umlauf der Erde, und in ihrem jubelnden Getöse ist es lebendig von Millionen Stimmen und Wundern.
Über der unendlichen Öde der Wüste haben sie geglüht, von reineren Sonnen und Monden durchbebt, über ragenden Palmen und fernen, fremden Gebreiten, über mächtigen Meeren und Strömen und Seen, über der wilden grünen Nacht der Urwälder, durchhallt vom Gekreisch und Gebrüll fremdartiger Tiere, und durchglüht von ungeahnter, leuchtender Pracht, und ein üppig wucherndes Leben haben sie gezeugt.
Und nun tragen sie's herüber mit ihren wildfreudigen Strömen und wirbeln es zu uns her über weite, bäumende Meere, über herrliche Breiten wärmerer Sonnen, über ewig eisige Höhen, ihrer winterlichen Starrheit trotzend, und wirbeln es her mit den fröhlichen Scharen der Vögel und lebendigen Keimen.
Und der Tumult der ewig lebendigen Kräfte wogt herab aus den Höhen in unbegreiflichen Schwingungen und bebt in uns hinein.
Sie zittern hinein in schwarze, ruhende Tiefen, und es beginnt ein Hin und Wieder und Ineinander, und bebt und treibt dunkel unter süßem Zwange, und aus Beben und Treiben und unerforschlichen Mischungen der Elemente werden Keime, und die schwarze, träumende Ruhe ringt sich dem Licht entgegen, dem Licht ...
So spürt ich damals den Frühling.
Sturmlieder brauste er hinein in die langen, flackernden, öden Vorstadtstraßen, wilde, rüttelnde Sturmlieder, und wenn ich recht hörte, hatten sie einen sehr polizeiwidrigen Text ...
* * * * *
Bah! -- Hier lieg ich und strecke mich, ein Tunichtgut und Simulant schlimmster Sorte.
Sämtlicher Laster und Tugenden bin ich teilhaftig. Ich habe mit Christus, dem Herrn, die Leidensnacht in Gethsemane durchlitten, und mit Buddha das innerste Wesen der Welt erkannt. Ich bin geschlechtlos, bin Mann und Weib. Schuldlos bin ich und naiv wie das reinste Kind und erfahren wie der blasierteste Roué! Ich bin Kaiser und Held und der niedrigste Sklave. Der gewandteste, gefährlichste und der blödeste, einfältigste Liebhaber, bin und habe, was ich will.
Jetzt aber bin ich eine große, schöne Blume. Bin Fühlen, ganz, ganz dämmerndes Fühlen. Ich wurzele in einer süßen, feuchten Kühle, und dehne mich sacht in ein laues, fächelndes Schweigen hinein, spreize mich, ringend und nachgebend, mit hundert Formen in sanften, neckischen Widerstand hinein, etwas Heißem, Lichtem sehnend entgegen. Zu oberst leuchte ich vor Jubel, und meine Lust wird eine köstliche Süße. Es schwirrt zu mir her mit bunten, durchsichtigen Flügeln, und ich erschaure in den Wonnen einer leisen, leisen, sanften Berührung ...
Traum bin ich, Traum, ganz Traum und süßes, süßes Verdämmern, Schlummern, Entschlafen ...
* * * * *
Staunendes, erschrecktes Erwachen.
Lange Schatten und müde Lichter. Treiben und wellen mit verglühendem Gekräusel über die Wasser herüber und verblinken in stumpfes Blaugrau.
Goldig versinkende Glut über breitgedehntem, schwarzem Baumgekrissel.
Hoch, hoch drüber aus zartem, zartem Grün ein Sternchen.
Noch eins; noch eins. Viele.
Breite Schatten wogen vom Osten her über die Welt mit den Geheimnissen heimlicher Laute und Gestalten.
Drüben sinken die müden Gluten, sinken und sinken ...
Kühle Schauer vom Wasser her durch leises Geflüster, singendes Plätschern und Murmeln.
Langsam, langsam schiebt sich die Silhouette eines Kahns durch silberspiegelnde Glätte, langsam, langsam den Nebelfernen zu.
Tiefe, tiefe Einsamkeit, Friede, Grauen: meiner Seele zu süß, viel zu süß ...
Rote, warme Lichtlein glimmen fern in niedriger Enge zwischen breit geballten, schwarzen Wipfeln.
Und unter weitentfachter, goldiger Pracht wandre ich mit eiligen Füßen durch weiße Nebel den Lichterchen zu, den armen, glimmenden, heimlichen Lichterchen.
Zu dir, _ma Dame_! Zu dir! ...
Zwielicht
An den himmelhohen Mauern nieder, durch das Fenster, zwischen den Gardinen das erste Morgenlicht.
Leise -- grau -- tot.
Nur hoch oben das arme bißchen Himmel und die drei Sterne.
Und ich liege und brüte und würge an meinem blöden Leid.
Dich will ich! Dich! ...
Und mein Wille und meine große Pein schreit in mir: Dich will ich! Dich! Dich!
Nichts ist in der müden Welt als das Grauen und der Zweifel.
Und du und ich. Du und ich und unsre Sehnsucht.
Und unsre Sehnsucht will neuen Anfang. Unsre Sehnsucht, die nie sterben kann! Nie! --
Wo bist du?! Wie halt ich dich?!
Ich schreie nach dir durch eine einsame, einsame Nacht!
Meine Sehnsucht wird Angst, und meine Angst wird Grimm.
Gib dich mir!!
Du ~mußt~ dich mir geben!! ~Mußt~!!
* * * * *
Wo bist du?!
Überall, überall bist du, und überall flirrt meine Sehnsucht an dir hin.
Mit hundert dummen Masken hast du mich den Tag über geäfft.
Warum?
Du warst die Kinder, die am Brunnen Ringelreihen spielten. Und wie sie sangen und jauchzten, ganz junger, seliger, helläugiger Wahn, da, einen Augenblick, hielt ich dich!
Aber hinter hundert törichten Masken verlor ich dich wieder.
Alt, runzlig, gebückt, niedergezwängt von stummen Qualen wanktest du an mir vorüber, verkrüppelt, häßlich, schmutzig. Du sahst mich an mit schielendem, ausweichendem Blick, mit feigem Haß. Stumpf, im Fron von tausend täglichen Hantierungen, in tausend Gestalten sah ich dich keuchen und gegen deine Sehnsucht ringen. Du schaltest, logst, stahlst, beschimpftest. Du verleumdetest, betrogst, weintest, lachtest, sangst und warst guter Dinge: und immer wolltest du dich um deine Sehnsucht betrügen. Deine Stimme war grell und roh, deine Gebärden rauh und widerwärtig, rauh deine Sprache. Und wieder sanft und mild und weich, und schwoll in köstlicher Fülle von deiner sehnenden Angst.
Hinter tausend dummen, törichten Masken wolltest du dich vor mir verbergen.
Warum?
Meinen Augen bleibst du nicht verborgen.
Tief und scharf sehen sie in dich hinein und sehen deine suchende hastende Angst und deinen Willen, der doch weiß, der ja doch weiß ...
Ach, warum sind wir so feig, du und ich?
Warum bin ich so feig?
* * * * *
Nächtig ist es überall und überall nur tausend irrende, grausige Fragen.
Ach, ich kenne unsre Erlösung!
Denn ich sehe ein Licht, ein fernes Licht, und höre einen Ton, von fern einen feinen, süßen Ton.
Irgendwo seh ich ein Licht, irgendwo hör ich einen Ton, und irgendwo grollt ein Wille.
O, ich kenne unsre Erlösung!
Hier glimmt das Licht! In mir! In dir!
Wenn wir wollen, hellt es alle Nächte und gebiert Millionen freudiger Farben und Formen.
Hier lebt der Ton! In mir! In dir!
Wenn wir wollen, so jauchzt er ungeahnte, nie gehörte Melodien.
Hier grollt der Wille! In mir! In dir!
Und er ist die morgenfrische Kraft neuer, junger, knospender Sinne.
In uns drängt das unermeßliche Glück einer Offenbarung.
Wann soll es hervorbrechen?
Wann lacht es unsre Feigheit zu Tode?
* * * * *
Weichst du mir aus? Weichst -- du -- mir -- aus?!!
Wohin?
Komm! Komm mit!
Weit, weit durch die Nacht! Hinauf zu den Höhen!
Den Höhen! --
Ach, Hohn! Hohn! ...
Oben, hoch oben im weiten Zwielicht.
Hoch oben über den brausenden Wäldern, in der einsamen, schaurigen Frühe.
Hoch über den weißen, toten Nebeln, zwischen dem schwarzen, donnernden Grauen der Tiefen und den kalten, blassen Weiten.
Durch die frühlichtwitternde Öde geht ein Sausen, eintönig ein weites, weites Sausen dumpf über Höhen und durch Schlünde.
Mein Gehör spannt sich ihm nach in alle Fernen hinein, und meine Augen starren in weiter Angst und doch mit mutiger, wollender, zorniger Lust.
Mitten hinein in diesen furchtbaren Einklang.
Das ist die »Harmonie der Sphären«.
Die Harmonie! ...
Komm!
* * * * *
Dort oben die Himmel mit dem Wirrsal ihrer Weltenringe.
Ich fühle das eisige, tiefschwarze Grausen der endlosen Räume.
Ich sehe all die gelben Welten und höre den gräßlichen Tumult ihres Umlaufs. Jahre, Jahrzehnte, Jahrtausende und Jahrmillionen, in die Unendlichkeiten hinein, das gleiche und ewiggleiche kalte, blöde Sausen ihrer Bahnen.
Feuer, Wasser und Elemente, werdender Weltenstoff in den unerhörten Empörungen seiner zahllosen Bildungen. Wogen als weltenweite Nebel, dichten sich und lösen sich wieder und härten sich zu Welten, zeugen, gebären und verschlingen sich wieder, rasen ewig zwischen Werden und Untergang.
Wozu?
Dieses Glitzerpünktchen zu erzeugen, das das erste Licht hier auf dem grauen Gestein weckt? Oder wozu? ...
Und hier, hier unten: immer der gleiche, tote Wechsel von Tag und Nacht, mit demselben Tumult tauber Farben, Formen und Töne? Und ...
Ach, alte Leier!
Soll ich dich wieder und wieder und noch einmal herunterleiern?
Dummes Rätsel! Dumme Zweifel!
Wissen wir nicht unser Glück?
Wissen wir nicht?
* * * * *
O, ich denke, ich sitze da oben unter meinem Buchenstamm, und du bist bei mir. Und du bist in mir eine gelassene Ruhe.
Und du, meine Ruhe, mein Frieden, du: leise, leise machst du die taube Welt lebendig, und mit innerlichstem Jubel seh ich, wie das Licht wird.
Hell, hell wird es in mir von dem lieben Getön eines erwachten Vogelliedes.
Durch die grünen Gründe flötet es herauf und jubelt in der Gewißheit des nahenden Tages.
Ich schlafe, schlafe nun mit weitoffenen Augen, und schlafend seh ich mit weitoffenen, lachenden Augen die große Einheit, die alles ist, die wir sind, du und ich ...
Hinauf seh ich in die Höhe, hinein in die Breite, hinab in die Tiefe und sehe in mich hinein, wo das dreifach gedehnte einig ist, jetzt einig in einer friedevollen Einheit.
Und aus Schatten und Lichtahnungen werden Gedanken in mir und Lieder, laute, fröhliche, ausgelassene, stille, friedevolle Schlummerlieder.
Die sind nun meine Arme, meine weiten, riesenstarken Arme.
Mit denen will ich dich jetzt umfassen, und will dich an mein nun übermütiges, sonnenhelles Herz pressen. Mit denen heb ich dich hinaus über den tausendgestaltigen Zwiespalt unsrer Unrast, trotzig hinaus, hoch, hoch hinauf in einen goldigen, stillen Frieden, dich ...
* * * * *
Hier sitzen wir, du und ich, in Liebe eins, und spielen, und geben dem Getümmel der Welten einen Sinn, der uns genehm ist und der untrüglichste, fröhlichste, ausgelassenste Wahrheit ist.
Aller Welten und allen Lebens Sinn ist er, dieser kleine dumme Sinn, den unsre spielende Liebeskraft ihm gibt, und mutig drängt er sich gegen das große, schaurige Rätsel, und so muß es uns Frieden lassen, dir und mir ...
So aber lacht unser Übermut und fabuliert:
Mit sehnenden und immer sehnenderen Bahnen kreisen die Welten, jede um einen Ursprung uranfänglicher Seligkeit, und alle um einen, im ewigen Spiel ewigen Suchens, Findens und Verlierens.
Der blasse Mond, das stille, verlöschende Lichtwölkchen dort über den westlichen Wäldern, kreist um die mütterliche Erde in der Sehnsucht seiner Elemente nach aufflammender Vereinigung, und sie ist ihm unverweigerlich verbürgt nach unverbrüchlichen, mystischen Gesetzen.
Und die Erde um das liebe, gleißende Rund dort oben in der Sehnsucht ihrer Elemente nach aufflammender Vereinigung, und sie ist ihr verbürgt, unweigerlich, nach den gleichen mystischen Gesetzen.