Part 4
Und ich sehe ihn auf seiner Matratze liegen, mit seinem stillen, weißen Gesicht, in seinem Leichenstaat, schwarze Handschuhe an den Händen. Arme und Beine von sich gestreckt, liegt er da wie ein Hampelmann.
Mich überkommt ein Brüten.
Will mich etwas bange machen?
O, in mir ist eine trotzige Unwissenheit, und die fabelt aus den Tiefen meiner Unruhe ein fröhliches, ausgelassenes Märchen!
Tod! Was kümmerts mich, daß ich sterbe? Mein Tod ist meine letzte Wonne.
Nie wieder leben? Nie wieder leiden! -- Leiden: Kämpfen!
Kampf! O Wonne, ewige Wonne! -- In mir ist ein Auge, das sieht alle meine Endlichkeiten und meine immer erneute, fröhliche Wiederkehr!
Ich bin ich, bin diese meine Endlichkeit, und ich bin Ich, bin mein ewig Unbegriffenes, das ist über Räume und Zeiten und alle Meinungen meiner Endlichkeiten. Mein Endliches ist nichts als eine zitternde Flocke, die auf Seiner urewigen, zeitlos gebärenden Flut schaukelt.
Ewig Ich-Du!
Fühlst, fühlst du das?!
Ewig tauch ich aus den Tiefen Meiner Einheit als ein Endlicher und eine Endliche!
Du, o du, fühlst, fühlst du das?! ...
Das dunkle Tor
Ich weiß ein dunkles Tor. So klein oder so groß es ist, kommt, ihr fröhlichen Kinder! da stoßen wir all unsre Freuden und all unsre Leiden hinein, in leidfroher Lust, in lustbangem Leid, die müden.
Irgendwo, irgendwie ist dahinter ein Jungbad. Wenn sie wieder hervorkommen, die lieben gewaschenen Seelchen, zu uns, in die Sonne, so gibt es eine neue Lust! ...
Was es doch ist!
Dir geht es schlimm, mir nicht besser! O wärs am Ende!
Aber hier ist mein, dein Leid, meine, deine Sehnsucht, und hier ist ein drittes, Notwendiges!
Was ist es?
Ist es ein Keimchen, das noch sprießen muß? Ist es ein Sonnenstäubchen, das noch wirbeln muß? Ist es eine Blume im Mai, eine Flocke im Winter, ein bunttaumelndes Blatt im Herbst, ein Staubkörnlein am Sommerweg?
Was ist es? Wenn es nicht wäre, wäre die Welt am Ziel! Wenn es nicht wäre, läge die Welt in Trümmern! Mein, dein Muß und Zwang! --
Was ist es doch?
Zwischen Anfang und Ende müssen wir ihm befohlen sein! ... Der Neugeburt eines Mückleins wohl, das noch zum Licht will ...
Glück
Goldene Träume träumt die Not und die laute Torheit!
In blauen Fernen erdämmern Welten der Verheißung, erdämmert das verkündete Reich des Friedens!
Aber Millionen dunkler Stimmen kommen und gehen, Stimmen der unbefriedigten Not und der Gerechtigkeit, Klagen, daß nur der Traum des Traumes Erfüllung! ...
Küsse mich!
Wir sehen uns an und lachen!
Unser sind tausend Traumwirklichkeiten, und mehr! Denn uns gehört ein gegenwärtiges kluges Glück und fromme Stunden der Erfüllung, der ewigen, einzigen! ...
Mondlicht
Eine Phantasie
Was ich schreibe, das schreibe ich von mir selbst, und wer es liest, der mag nach Belieben denken, er lebe es in sich selbst. Immer ist ich ich und du und gar umfangreich! ...
Ich halte Dunkelstunde bei einer Zigarre.
Lange cremefarbene Gardinen mit feinen cremefarbenen Spitzen vor einem breiten, hohen Fenster. Und dazwischen, drüben über dem Dachfirst, steht hell der große runde Vollmond und lugt silberblau in meine Stube.
Mir wird so närrisch zumut, und ich fange an zu phantasieren.
Es ist wie eine religiöse Anwandlung.
Ich denke, ich bin der eine, der Wanderer von Anbeginn, liege hier still und höchst modern auf meinem Ruhebett und schaffe mir ein Divertissement.
Ich habe eine gar ruhige, umfassende Laune; viel, viel paßt in sie hinein. Selbst ermeß ich nicht ihre dunkelsten Tiefen! --
* * * * *
»Schwester du vom ersten Licht, Bild der Zärtlichkeit in Trauer ...«
O Mond! O Hell-Dunkel! O lichte Nacht!
Ich denke, du bist es, eine Ferne, die hier hereinschaut, und ich phantasiere mit dir fromm das alte Märchen von unserer Ewigkeit.
Weißt du noch? Weißt du auch?
O weite Fahrt! O wogende wechselnde Welt!
Du mein goldener Dämon! Mein Wille und meine Sehnsucht! Wie mit einem Strahl aus deinem fernen Auge, neckisch, sehnend, grüßt es mich, dunkel ...
* * * * *
Religion ...
Leben, Verwesung! Blüte und Welken!
Ich träumte es in zwei Träumen.
Es war eine herrliche, grausige Fahrt durch ein endloses Meer, durch Milliarden geheimnisvoller Gebilde mit unzähligen Landungen und Abschieden.
Und es war ein Heben und Sinken, hinauf in Himmel blutwarmen, kraftfröhlichen, liebegewaltigen Lebens, hinab in fade, schauerliche Verwesung; und hinauf hinab, hinab hinauf!
Und das ist unser ewiger Wandel und unsere Einigung! ...
* * * * *
Laß! Komm!
Hier!
Drüben auf dem Tisch im blauen Traumlicht steht eine Amphora.
Wir machen uns Hellas zu eigen.
Säulenpracht und heiligheitre Tempelschöne. Im holden Bann des Dreiklangs umspinnt uns unser altes Lied mit goldklaren Melodien.
Der edle Faltenwurf langer, lichter Gewänder. Die Spiele der Olympien, das schöne Gleichmaß heller, athletischer Gliederpracht.
Aber dein Auge, immer und nur! Tief, klar -- dunkel! ...
* * * * *
Und jetzt sind wir in Indien, in der alten, uralten Heimat!
Eine fremde, wunderlich üppige Vegetation; seltsam glühende Blumen mit wundersamen Düften. Dunkelhäutige Menschen mit dunklen Weisheiten. Die mystische Pracht und Gliederung der mächtigen Tempel. In ihrem blauen Dämmer zwischen heimlicher Farbenglut, funkelnden Steinen und Metallen riesige, starre Götzenbilder, Spiele unserer Träume von uns selbst und unsrem ewigen Schicksal. Zimbelklang und seltsame Tänze und Künste und der Wahnsinn der Begnadeten.
Aber nur immer ich und du und unser süßes, tiefes Geheimnis! ...
Immer mein, dein Fliehen und Finden!
* * * * *
Nun ist hier unser Rhodus, und hier tanzen wir! Hier!
Da sind die hohen Häuser, und hier ist unsre Stube und dieses gegenwärtige Leben! ...
Ist es nicht ein schönes Märchen, das Märchen von dir und mir? ...
Nachthimmel
Hoch in den Höhen, weit über den nachtdunklen raunenden Gärten funkeln alle Gestirne. Die Liebe, die ewige Liebe hat zu tun! Hilft, hilft, daß die Welten stieben! Und ich versinke staunend in dem mystischen Grauen eines unendlichen Trostes!
Druck der Roßbergschen Buchdruckerei in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription:
Die Originalausgabe des Buches ist in Frakturschrift gesetzt. Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit ~Tilde~, Text in Antiqua mit _Unterstrich_ markiert.