Fremde Straßen

Part 9

Chapter 93,794 wordsPublic domain

Endlich nahm mein Leben eine andere Richtung. Die Studien waren vollendet, ich gewann an der Universität zu G. eine Privatdozentenstelle. Ich fühlte mich ruhiger und ernster werden und begann mit tieferen Absichten nach dem schönen Geschlechte auszublicken. Eine Advokatentochter war, mit der ich Verkehr anzubahnen suchte. Zur selben Zeit erhielt ich den Brief, welchen ich noch in der Tasche trage.

Prag, am 20. Juni 1884.

»Verehrter Professor!

Wohl kaum darf ich hoffen, daß Sie sich noch erinnern an eine unaufmerksame und störrische Schülerin, welcher Sie stenographischen Unterricht erteilten. Wie saßen wir doch so fromm und dumm beisammen! Ach, lange, lange ist es her! Die Stenographie habe ich gottlob vollständig vergessen, wozu auch hätten wir Frauen den Mund und manchmal sogar einen frisch roten, wenn wir uns nur aufs Schreiben verlegen wollten! Weniger habe ich des jungen Lehrers vergessen, der war stramm wie ein Leutnant und schüchtern wie ein Mädchen in der Fibelklasse. Heute wird wohl das eine noch zutreffen, aber das andere sicherlich nicht mehr. Möglicherweise hat sich auch bei der kleinen Schülerin seither einiges geändert, denn sie lebt in den Jahren, die wie Champagner prickeln. Keine Wirtin, die aller Welt aufwartet mit dem Stengelglase, die aber gern ihrem ehemaligen Lehrer den Labetrunk reichen möchte, falls er ihn von ihrer Hand nähme. Das Leben ist, ach, so flüchtig, und manche Frucht, die in kindischen Jahren sehnsuchtsvoll gesäet worden, reift so spät! Aber nicht zu spät.

Ist Ihnen nie gesagt worden, daß ein junger Professor Reisen machen, die Welt genießen und auch Prag sehen müsse? Ach, so halten Sie sich doch daran! und das Wichtigste ist, daß Sie in Prag sich nach Ihrer Schülerin umsehen und mit ihr einen ganzen Abend lang von alten schönen Zeiten plaudern! Ach, wie wird das hübsch sein! Sie dürfen mit Ihrem Besuche aber durchaus nicht so lange warten, bis Sie ehrwürdig werden. Und damit nicht noch mit dem törichten Schreiben soviel Zeit vergeht, schließe ich rasch; das Weitere ist Ihre Sache.

Ihre

Josefine Stachari.«

Noch ist die genaue Adresse angegeben.

Jetzt war mir etwas eigentümlich zumute. Das ganze nun zur Leidenschaft gesteigerte Fühlen für die geheimnisvolle und doch so offenherzige Dame ward in mir wach. Ich setzte mich hin, schrieb einen Brief, in dem ich mit heftigen Ausdrücken der Ungeduld mein Kommen anzeigte. Der Brief selbst war eine so ungestüme Umarmung, daß ich ihn nach der zweiten Durchsicht zerriß. Der Weg von G. bis Prag ist kein Spaziergang zu einem Stelldichein, aber hatte ich nicht schon seit langem im Sinn, nach dem schönen Dresden, nach dem großen Berlin zu reisen? Dabei ließe sich Prag ja sehr leicht machen. Ich bekämpfte jetzt mein Temperament und schrieb der Dame mit einer den Zuständen durchaus nicht entsprechenden Ruhe, daß ich vorhätte, demnächst auf einer größeren Reise Prag zu berühren, bei welcher Gelegenheit ich nicht verfehlen würde, sie aufzusuchen.

Wenige Tage später war von ihr der zweite Brief da:

»Liebster Herr Professor!

Diese Aufregung! Diese Freude! Diese Angst! Ich kann mich kaum fassen, ich kann es nicht glauben, daß es sein soll, Sie hier zu sehen. Es wäre zu herrlich! Ich habe Ihnen so viel mitzuteilen, anzuvertrauen; aber Sie müssen mir versprechen, ritterlich zu sein gegen ein hilfloses Weib, dessen verzagendes, seliges Herz Ihnen entgegenschlägt. Ach wie lange war die Zeit, wie einsam war mir oft unter meinen Blumen! Ihr Schreiben hat mich über alle Maßen glücklich gemacht, haben Sie Dank! Und kommen Sie rasch, setzen Sie sich auf den nächsten Zug, fahren Sie Tag und Nacht, ich vergehe vor Ungeduld, Ihnen mein Glück an den Busen zu legen. Sagte mir meine Ahnung doch schon lange, daß ich mich an Ihnen nicht täusche, daß Sie nicht täuschen können, mein teurer, mein lieber Freund. Nur müssen Sie nichts Arges von mir denken über meinen unbändigen Freimut, ich bin ein Weib. Die Stunde, wann Sie mich finden, kennen Sie, es ist unsere Stenographenstunde wie vor fünf Jahren. Fünf Jahre jünger bin ich geworden durch Ihren Brief, haben Sie nochmals Dank und eilen, eilen Sie zu Ihrer Freundin

Josefine Stachari.«

Für eine Portion war das genug. Mir wurde fast unheimlich. Für ein nettes Abenteuer baute sich die Sache fast zu groß auf, das läßt sich nicht so leicht abhaken, wie es angehakt ist. Das war nun doch einmal ein Weib, wie ich im müßigen Ideale mir es oft gedacht hatte, ein in heiliger Leidenschaft lohendes, alle Konvenienzen kühn verachtendes, heldenhaft liebendes Weib. Daß mittlerweile in meiner Erinnerung auch ihr Bild wundersam reizend und schön geworden war, habe ich dir ja schon gesagt.

In den ersten Tagen der Ferien packte ich meinen Koffer und reiste Tag und Nacht der alten Königsstadt Prag zu. Es war mir zumute wie auf einer Brautfahrt. Es war doch zu rührend, wie sie meiner gedacht, wie sie auf mich gewartet hatte, bis ich in der Lage war, ein Weib heimzuführen. Und selbst, daß sie von mir fortgezogen, war das Werk einer großen Seele. Sie wollte uns gegenseitig die Reinheit hüten, sie wollte mich frei lassen, frei leben und frei wählen.

Unsere Stenographenstunde war nachmittags von fünf bis sechs Uhr gewesen. Zu Prag ins Hotel gekommen, war mein erstes, durch einen Boten ihr meine Ankunft anzuzeigen, und daß ich mich an demselben Tag um fünf Uhr bei ihr einfinden würde. Hierauf reinigte ich mich sorgfältig von dem Staube der Reise, nahm ein Mahl zu mir und bereitete mich vor auf den Besuch.

Punkt fünf Uhr schellte ich an der Tür ihrer Wohnung. Ein schmuckes Stubenmädchen erschien, um zu öffnen, fragte leise, ob ich der Herr aus G. sei und führte mich dann in ein dunkelgehaltenes Gemach. Es war fast üppig eingerichtet und die Blumen und Rosen schienen mir noch prangender zu blühen und noch betäubender zu duften, als vor Jahren. Da glitt sie auch schon auf mich zu, in weißem Hauskleide war sie, sank mir an die Brust und flüsterte: »Sie sind's! Gott, wie mir das Herz pocht!« Dann schluchzte sie und wir saßen auf einem Sofa. Obzwar wenig Licht fiel auf ihr Antlitz, so sah ich doch, daß dasselbe etwas rundlicher geworden war, und ihre Wangen schienen mir noch blasser und ihre Augenwimpern noch schwärzer und ihr Mund noch röter als vor Jahren. Und weil durch die leidenschaftliche Begrüßungsszene auch ihre schwarzen, seidenweichen Haare locker geworden waren und nun niederrollten auf ihre wogende Brust, so war sie unbeschreiblich schön. Vor den schweren Fenstergardinen stand ein rundes Tischchen, an das mit einem Kettlein ein Papagei gefesselt saß, der fortwährend krächzte.

»Ach!« flüsterte sie, »der Vogel freut sich auch, daß Sie gekommen sind. Und Sie sind so stattlich und schön geworden, oh, ich bin wahnsinnig vor Glück!« Dabei nahm sie meine Hände und preßte sie heftig.

»Ach, Freund!« hauchte sie, »Sie bringen mir die schönen Tage der ersten Jugend zurück!« Und da ich kaum eines Wortes mächtig war, so fuhr sie mit unendlichem Reize fort zu plaudern von vergangenen Zeiten, von dem Leben in G., von ihrer Kindheit, die herbe gewesen, von dem Glücke, das nun gekommen. Ich merkte nicht auf das, was sie sprach, ich hörte nur ihrer Stimme süßen Klang, ich fühlte nur den Atemhauch aus ihrem Munde -- mir verging das Denken und urplötzlich rissen meine Arme sie wild an mich, um sie zu küssen ... In demselben Augenblicke fuhr sie kreischend auf und stieß mich heftig zurück.

»Mein Herr!« rief sie mit vor Zorn fast erstickter Stimme, »das ist abscheulich!« dann stürzte sie zur Glocke mit dem Ruf: »Mein Gemahl! Mein Gemahl!«

Da trat aus dem Nebenzimmer ein schlanker, hagerer, brauner Mann im feinsten Salonanzuge.

»Gott, o Gott!« schluchzte das Weib und preßte ihre Hände ins Gesicht: »Diese abscheuliche Frechheit! Züchtigen Sie ihn! Meine Freundschaft so zu mißbrauchen! Eine harmlose Plauderstunde über vergangene Zeiten! Von meinem Glück wollte ich ihm erzählen! Und er schändet's, der wahnsinnige Bube! -- O Gott, meine Nerven ...!«

Der braune »Gemahl« stand immer noch an der Tür und drehte seinen langen Schnurrbart. Ich hatte mich von meiner Überraschung eher erholt, als es mir heute selbst erklärlich ist. Ich war ausgestanden und wartete einstweilen darauf, was der Gemahl sagen würde. Da dieser weder einen Revolver noch einen Dolch ergriff, sondern sich nur an mir und seiner rasenden Frau ergötzte und verschmitzt schmunzelte, so trat ich einen Schritt an ihn und sagte: »Es ist kein übles Abenteuer. Wem gehört sie aber nun! Sie, mein Herr, werden Gemahl genannt, und ich werde durch glühende Liebesbriefe aus dem fernen G. herbeigeholt!«

»Hat Alte wieder Dummheit gemacht!« schnarrte der braune Mann mit fremdartiger Betonung, dann zog er sich wieder in sein Zimmer zurück und lehnte die Tür zu.

Eine kochende Hölle im Herzen, starrte ich das Weib an. Sie sank mit vollendetem Faltenwurf ihres Kleides zu meinen Füßen nieder und schluchzte: »Ach, verzeihen Sie mir! teurer Freund! Ich bin namenlos unglücklich!«

Mit der Fußspitze schob ich sie von mir. Ohne ein Wort zu verlieren, ging ich zur Tür hinaus. --

Seither -- so dünkt mich fast -- bin ich wesentlich klüger. Wenigstens kann ich dir Unterricht erteilen über den Begriff: Kokette, den du etwas flüchtig zu überspringen pflegst.

Ein Jünger Darwins.

Es möge sich unter dem Begriffe »Gott« jeder das Seine denken; wie man ihn verliert und wie man ihn findet, ich bin davon ein Beispiel aus vielen. Ich werde nicht philosophieren -- die Sache geht mir zu sehr an's Herz.

Ich bin der Sohn eines niederösterreichischen Landwirtes. Nach einigen absolvierten Gymnasialklassen in Wiener-Neustadt kam ich auf die land- und forstwirtschaftliche Anstalt in Hermsdorf. Von Haus aus hatte ich eine sehr religiöse Erziehung genossen, wozu auch noch meine empfindsame Gemütsart kam. Daß mir bei jedem Abschiede meine Eltern gute Lehren gaben, brav zu bleiben und auf Gott nicht zu vergessen, bin ich jedoch nach und nach so gewohnt geworden, daß es gar keinen Eindruck auf mich mehr machte. Ich fand es im Grunde ja doch so selbstverständlich, für was hielten sie mich denn, wenn sie mir zutrauen konnten, unbrav zu werden und Gott zu vergessen!

Einen ganz anderen Eindruck hingegen machten eines Tages, als ich wieder ins Institut abreiste, auf mich die Worte unseres alten Pfarrers, der in der Volksschule mein Katechet und Beichtvater gewesen und dem ich als Knabe in der Dorfkirche ministriert hatte. Der saß in einem Ledersessel und zog mich neben sich nieder auf einen Stuhl und hielt mich an der Hand -- die seine war völlig kühl -- und sagte zu mir ungefähr folgendes: »Mein Sohn, so oft du fortgehst, befällt mich eine Bangigkeit. Wenn ich dir ins Auge schaue, da ist so viel Vertrauen d'rin. Du gehst munter in die Welt, es ist schön draußen, du wirst vieles Gute lernen, sie wird dir allerlei große Aufgaben stellen und allerlei Vergnügungen anbieten -- und eines Tages wirst du gewahr werden, daß du den kindlichen Glauben an Gott nicht mehr hast.«

So sagte er, ich wurde hierauf fast erbost und rief: »Niemals, Herr Pfarrer, ich lasse mich nicht verführen, und meine Religion lasse ich mir nicht rauben, so wahr --«

Ich hob den rechten Arm, er drückte mir ihn sanft zurück und sagte: »So behüte dich Gott!«

Dann ging ich hin und war ganz glücklich im Bewußtsein meiner Frömmigkeit und meiner Festigkeit, und schaute in die besonnte Landschaft hinaus, wo alles so lebendig und freudenvoll war im Blühen, Glänzen und Jubilieren, und ich erinnerte mich auf jener Wanderschaft an den Ausspruch: Die Welt ist ein Transparent Gottes.

Zu jener Zeit war ich siebzehn Jahre alt. Ich hatte den Ruf eines gesitteten, fleißigen Schülers; die Kollegen und die Lehrer und die Bücher und vielerlei Welt waren um mich, viele Freunde hatte ich, und ein paar kleine, kindische Feinde, aber niemand und nichts machte den geringsten Versuch, mich vom Glauben abwendig zu machen. Im Gegenteile, weil ich strebsam und ordentlich und stets munter war, so wurde ich anderen als Beispiel aufgestellt. Wenn ich dann allein war in meinem Zimmer, spät abends vor dem Einschlafen oder an hohen Festtagen, gedachte ich Gottes und meiner Eltern mit dem gleichen Herzen.

In den Studien stieg ich auf: Geographie, Astronomie, Zoologie, Botanik, Mineralogie. Hatte mir doch mein alter Pfarrer gesagt, das Studium der Schöpfung Gottes sei auch ein frommes Werk. In freien Stunden gab ich mich gerne mit Dichtern ab, mit den besten, die wir haben: mit Klopstock, Körner, Herder, Schiller, Lessing, Goethe. Wohl sah ich manches in verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Augen an. So hatte Faust für mich nicht weniger als drei Stücke. Als ich ihn das erstemal las, ergötzte mich darin der Spuk und der possierliche Teufel, der schließlich den Doktor in die Hölle holt; bei einem späteren zweiten Lesen interessierte mich vor allem die Liebesgeschichte mit Gretchen. Das drittemal -- da war ich schon weit -- sah ich nichts als den Philosophen Faust. In der Naturgeschichte weiß ich nicht, wann ich das Brücklein übersprang von den alten Gelehrten zu den modernen. Es ist ja eigentlich keine scharfe Grenze. So geht es sachte hin, es ist manches fremd. Der Katechet und der Lehrer der Naturgeschichte hatten keine Berührungspunkte mehr, das fiel mir anfangs gar nicht auf.

Einmal, als ich zu Hause auf Ferien war, kam der alte Pfarrer auf Besuch und blätterte ein wenig in meinen Lehrbüchern. Sagte aber kein Wort, sondern war herzlich wie immer. Nicht mehr war es der Pflichteifer, der mich zum fach- und naturgeschichtlichen Studium trieb, sondern das wirkliche Interesse an ihm; ich las alle einschlägigen Werke, die ich bekommen konnte, selbst wenn sie weit über das Ziel unserer Fachstudien hinausgingen. Endlich bei einem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen über Abstammung und Vererbung im Tierreiche sah ich's, wo ich war. Ich war mitten im Darwin.

Jetzt wissen sie vieles von mir, was ich damals noch selbst nicht wußte. Also gut, Tiere und Pflanzen stammen aus ganz wenig Urformen her, vielleicht aus nur einer Urzelle! Und die Wesen züchten und entwickeln sich im Kampfe um's Dasein. Das ist was neues, aber es leuchtet ein. Doch das höchstentwickelte Tier, bei dem knüpft ja der Mensch an! Und die ganze Organisation des letzteren zeigt unwiderleglich, daß der Mensch in vielen tausenden von Jahren aus dem Tierreiche herausgewachsen ist. So erzählte man mir Dinge, die nicht waren?! -- Die neue Lehre dehnt sich mit ihren Grundsätzen durch unendliche Zeiten und Räume. Und nirgends von Gott die Rede? Nirgends eine Spur von ihm? Was ist das? -- In meiner Bedrängnis schrieb ich dem alten Pfarrer, ich sei in eine große Verwirrung geraten, die Naturgeschichte stimme mit der Bibel nicht und im Weltall wäre mir Gott abhanden gekommen.

Der gute alte Mann tat ganz harmlos und schrieb zurück, meine Beängstigung sei einerseits ein Beweis von der tiefen Religiosität meines Gemütes, andererseits aber eine Mahnung, wie sehr ich in diesen Dingen auf der Hut sein müsse. Mein Zweifel -- wenn er die augenblickliche Stimmung so nennen wolle -- sei übrigens ganz grundlos. Daß man die Bibel nicht wörtlich, sondern gleichnisweise zu nehmen habe, sei oft genug gesagt worden, und so stimme sie, deuche ihm, wirklich mit dem von mir angeführten Systeme. Wissenschaftliche Forschungen könnten sich weit ausdehnen, aber endlich seien sie doch nur etwas Menschliches, also Unvollkommenes und Begrenztes. Und außerhalb dieses menschlichen Spielraumes -- der im Vergleiche zur Unendlichkeit doch ganz armselig wäre -- hätte Gott Raum genug, wenn es die Herren Gelehrten schon nicht zugeben wollten, daß er in der Seele seiner Geschöpfe sei.

Auf diesem Karren schleifte ich meine Religiosität noch eine Weile fort. Doch als es immer weiter in die Erkenntnis und immer tiefer in's Leben hineinging, sah ich endlich ein, es wäre umsonst. Der kindliche Glaube war nicht mehr zu halten. Der Gott, der sich denken ließ, war nicht der Gott meiner Väter.

Ich dachte viel an das Oberhaupt der neuen Schule. Alt-England ist ein gut katholisches Land, Darwin's Familie hat einen hochgeachteten Namen, der Gelehrte selbst ist ein makelloser Charakter, von dessen Seelenadel so manches erzählt wird. Wie kann es möglich sein, daß solch ein Mann eine Lehre ausbildet, die von keinem Gott weiß! -- Das kann nicht möglich sein.

In einem persönlichen Gespräche mit dem alten Pfarrer teilte mir dieser zu meinem Troste mit, daß er vernommen habe, Darwin sei ein guter katholischer Christ, seine Lehre werde nur schlecht verstanden und falsch ausgelegt. Für den Augenblick leuchtete mir das wieder ein. --

Meine Fachstudien waren beendet. Ich kam auf ein großes Gut in Mähren als Praktikant. Das war im Jahre 1880. Kurze Zeit darauf starb meine Mutter. Noch sterbend hatte sie gesagt, sie lasse mich, den fernen Sohn, grüßen und bei Gott im Himmel wollten wir uns alle wieder zusammenbestellen.

Was nun in mir für ein Leid anhub! Meinem priesterlichen Freunde klagte ich alles. Er war erschüttert und wußte mir nichts mehr zu sagen, als ich solle beten und arbeiten.

Arbeiten, ja, Tag und Nacht, bis zur Erschöpfung. Draußen auf den Feldern und in den Wäldern ging ich umher, solange ein Licht am Himmel, und legte selbst Hand an den Pflug, an das Schnittscheit, und in halben Nächten saß ich bei meinen Rechnungen und theoretischen Ausarbeitungen. Aber beten? Gebete sagen kann man, wann man will, aber beten nicht. O Mutter, Mutter, daß du mir auf ewig solltest genommen sein!

Und in einer solchen Nacht, da draußen ein leiser Nachtwind rieselte in der Linde, und im Hause alle so ruhig und süß schliefen, als wäre Himmel und Erde für sie eine sanft schaukelnde Wiege -- da kam mir plötzlich der Gedanke: Bei Bibel und Priestern klopfe ich vergebens an. Nur der mir den Glauben geraubt hat, kann mir ihn wieder zurückgeben.

Ich zündete das ausgelöschte Licht wieder an und schrieb an Charles Darwin zu Down in England.

Ich stellte ihm meine Bedrängnis vor und bat ihn um Aufklärung, was er von Gott halte, was. er von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele denke? -- Den Brief sandte ich am nächsten Tage ab. Zwei Wochen darauf hatte ich Antwort, die aber so kalligraphisch geschrieben war, daß ich die Handschrift des großen Gelehrten darin nicht vermuten konnte. Darwin entschuldigte sich durch eine zweite Person mit seinem Alter, mit seiner Kränklichkeit, mit der Bürde seiner wissenschaftlichen Arbeiten; er sei außerstande, die schwierige Frage zu beantworten.

Also, er läßt mich sitzen. Er hat mich beraubt um meine Labnis und läßt mich in der Wüste verschmachten. Er hat seine Weltberühmtheit -- die tausend Herzen, die da brechen, kümmern ihn weiter nicht.

Als ich jedoch -- denn das war mir wie angetan -- wieder in den Schriften des Forschers las, stellte ich mir die Frage: Ist es bei ihm die Lockung des Ruhmes? Soll es nicht vielmehr -- so wie ja auch bei mir -- der Drang nach Wahrheit sein? Und wie wäre es möglich, daß ein Forschergeist so groß und so tief sein kann, wenn nicht Gott mit ihm ist? Und war in seinem Schreiben nicht von einer +schwierigen+ Frage die Rede? Er müsse über diesen Punkt also doch was zu sagen haben und sehr viel, wenn es sich in einem gewöhnlichen Briefe nicht beantworten ließe. -- Es mag seine Kränklichkeit noch so groß sein, wenn es ein Seelenheil gilt, da muß er die Frage beantworten und sollte es ein Buch werden.

So habe ich dem Gelehrten noch einmal geschrieben, habe ihm vorgestellt, daß mein Heil von seiner Antwort abhänge, daß er es seinem Jünger schuldig sei, das Gewissen zu beruhigen, daß der Forscher, nachdem er so viel gesagt, nicht zurückschrecken dürfe davor, das letzte Wort auszusprechen, daß ich dieses letzte Wort für eine Offenbarung halten wollte, und daß es, fiele es aus, wie immer, mich aus der peinigenden Ungewißheit reißen und beruhigen würde. Ich bat inständig, wie der Verschmachtende um einen Trunk Wasser bittet, mir wie ein sterblicher Mensch dem sterblichen Menschen offen und treu anzuvertrauen, was er von Christus und seinen Offenbarungen, und also auch von der Unsterblichkeit der Seele halte.

Am elften Tage nach der Absendung dieses meines zweiten Briefes kam ein Schreiben, dessen Schriftzüge und Namensunterschrift als die des großen Forschers erkannt werden. Das Schreiben lautet:

»Down, 5. November 1880.

Lieber Herr!

Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von schlechter Gesundheit, und ich kann nicht Zeit gewinnen, Ihre Frage vollständig zu beantworten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt beantwortet werden kann. Wissenschaft hat mit Christus nichts zu tun, ausgenommen insoferne, als die Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen. Was mich selbst betrifft, so glaube ich nicht, daß jemals irgend eine Offenbarung stattgefunden hat. In Betreff aber eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich selbst die Entscheidung treffen zwischen widersprechenden, unbestimmten Wahrscheinlichkeiten.

Ihr Wohlergehen wünschend, bleibe ich, lieber Herr, Ihr hochachtungsvoller Charles Darwin.«

Seine Meinung hatte ich nun. Was half sie mir? Sie setzte seinen Werken die Krone auf. Er war gottlos.

Was wäre schließlich aber daran gelegen? Hätte ich mich von ihm nur freimachen können. Das konnte ich nicht. Seine Lehre hielt mich gefesselt, wie eine geschehene unerbittliche Tatsache. Ich versuchte mich mit Studium wieder auszugleichen, ging sogar auf eine berühmte deutsche Universität, um zu sehen, wie andere mit der Sache fertig werden. Ich hielt es aber nicht lange aus, kehrte zurück und suchte in meiner unerleuchteten Trostlosigkeit einen andern Weg. Das Gegengewicht, das mich bisher vor dem Niedersinken zur Erde bewahrt hatte, war verloren, ich war ein Leib ohne Seele. Nun kamen schon die Stunden, in denen ich solche Menschen beneidete, die imstande sind, des Nächsten Glück spielend zu ihrem eigenen Vorteile auszunützen. Das eben sind ja die wohlorganisierten Menschen, die den Kampf ums Dasein siegreich bestehen und in ihrer Gattung den Egoismus zu immer größerer Vollkommenheit ausbilden.

Ich trachtete zwischen meinem Wissen und Leben eine Harmonie herzustellen, nämlich indifferent in moralischen Dingen, also schlecht zu werden. Aber hierin hatte der Alte ja auch wieder recht: du kannst nicht besser und nicht schlechter sein als du bist.

Statt schlecht zu werden, wurde ich krank. Ich vermochte in eine Welt, in der nichts dahintersteckt, keinen Wert zu legen. Wo andere sich balgen um die Früchte des Augenblickes, dort wurde ich gleichgültig gegen alle Genüsse, deren letztes Ziel die Enttäuschung ist. Die Nervenspannungen wurden lax, ich begann abzuwelken. Weil just der Winter war, so sagten gutmütige Menschen, das Frühjahr würde mir Besserung bringen. Andere flüsterten -- und die hörte ich am liebsten -- bis die Bäume ausschlügen, würde ich's überstanden haben.

Es kam das Frühjahr. Und zwar nicht an einem Tage, aber in einer und derselben Woche starb in meiner Heimat der alte Pfarrer und zu Down bei Kent in England Charles Darwin. Ich lebte weiter. Meine Phantasie wurde noch einmal tätig, ich stellte mir vor, wenn sich der alte Gentleman doch geirrt hätte und wenn die beiden Hingeschiedenen in der Ewigkeit sich begegneten, was sie wohl sagen würden zueinander?

Mein Zustand verbesserte sich nicht, ich fühlte wirklich, daß ich keine Seele mehr hatte, nur mitunter Nervenstimmungen, die mir wehe taten. Wer mich sah, der gab mir einen guten Rat, um gesund zu werden, und einer meiner ehemaligen Kollegen riet mir geradezu -- und pries es als das sicherste Mittel meiner Rettung -- ich sollte mich verlieben. Das Weib würde mich schon wieder Gott erkennen lernen. Einstweilen sollte ich ins Gebirge gehen, um in der reinen kräftigen Luft körperlich zu erstarken.