Part 10
Den letzteren Vorschlag, den auch mein Vater, ein geborener Tiroler, sehr unterstützte, befolgte ich in der Tat, ich zog in's Pustertal und habe dort den Sommer zugebracht. An flache Gegenden gewohnt, fühlte ich mich anfangs im engen Gesichtskreise zwischen hohen Bergen noch mehr gedrückt, hingegen taten mir die Menschen wohl. Zuerst überkam mich freilich eine unbeschreibliche Wehmut, als ich bei ihnen die liebe Gottesgläubigkeit und die Harmonie des Gemütes wiederfand, die mir verloren gegangen war, aber allmählich bekam ich Anwandlungen, daß ich das Glück meiner Person überhaupt nicht mehr als Hauptsache in Betracht zog, sondern leidlich zufrieden war, wenn ich's an anderen sah.
Als die kalte, regnerische Zeit des Septembers kam, wurde mir übler und ich trachtete milderen Gegenden zu. Da vollzog sich außer und in mir ein Ereignis.
Vom Gebirge kommend harrte ich bei einem Bahnhof des Etschtals auf den Zug, der mich nach Italien bringen sollte. Als der Zug im Bahnhofe stillstand, wurden alle Passagiere aufgefordert, auszusteigen, der Zug könne nicht abgelassen werden, da südlich von Trient das Hochwasser einen Damm zerstört habe. Wie lange Verspätung? fragte man. Der Verkehr nach dem Süden überhaupt eingestellt! war der Bescheid.
So wollte ich nach Norden, der Heimat zufahren, was konnte ich dabei verlieren? Der Zug gegen Innsbruck wurde abgelassen. Er war groß und sehr überfüllt. Alle Fenster waren besetzt, denn da konnte man interessante Dinge sehen. Der Regen floß in Strömen und immer von neuem sank schweres, finsteres Gewölke an den Berghängen nieder, wallte, braute und staute sich in den Kesseln, als wollte es die Felsen sprengen. Jede Wand hatte ihre weißen Adern, die hundertfältig niedergingen. Das waren die Wasserfälle. Hier sprangen sie in Bogen, dort in breiten Bändern, dort in dünnen Schleiern. Aus den Schluchten donnerten braune Fluten, die dort und da mit beängstigender Gewalt an den Bahnkörper schlugen. Der Fluß war an den meisten Stellen ausgetreten, die Talsohle glich streckenweise einem trüben See, aus welchem Bäume, Hügel, einzelne Gebäude, Zäune und Wegsäulen ragten. Hier stand das Wasser ruhig, dort schoß es in breiten, verzweigten Adern heftig dahin. Mitten durch führte unser Bahndamm, auf welchem der Zug langsam und heftig pustend dahinfuhr. Ich war gegen meine Reise gleichgültig gewesen, aber je zweifelhafter nun das Weiterkommen wurde, je lebhafter wünschte ich es.
Bei einer nächsten Station gewannen wir die tröstliche Versicherung, daß die oberen Gegenden weniger gelitten hätten und die Bahn fast durchwegs unbeschädigt sei. Wir kamen glücklich ins Pustertal, doch hier wurde es grauenhafter und endlich waren wir glücklich an einem Punkte, wo wir nicht vorwärts und nicht mehr rückwärts konnten. Vor uns hatte die rasende Rienz den Bahnkörper durchbrochen und die Schienen standen wie eine Riesengabel in die Luft hinaus. Hinter uns sahen wir eine Brücke niederbrechen. Ein mächtiger Fichtenstamm samt Astwerk und Wurzel mit Erdballen hatte sich herangewälzt und schmiegte sich an einen der Brückenpfeiler fest. Alsbald staute sich weiteres Gestämme, das empörte die Wasser, die heute keinen Widerstand kannten, und einer der Pfeiler begann zu krachen, das hielt noch ein paar Minuten stand, endlich aber wankte alles und brach Joch um Joch langsam nieder.
Der Zug stand. »Wir haben Rasttag,« rief einer der Schaffner. Zur einen Seite hatten wir die Berglehne, zur andern die überflutete Talschlucht. Wir konnten einige Männer beobachten, Touristen mochten es sein, die jenseits am Felshange hinkletterten, weil die Straße unter Wasser war. Wir mußten, ob jammernd, lachend oder fluchend, unsere Behausung endlich auch verlassen und in Wind und Regen unser Fortkommen suchen. Der leere Zug schob sich langsam zurück auf eine gesichertere Stelle. Ich kroch den Berg hinan, und insoferne der Nebel Ausblick gestattete, sah ich neue und grauenhafte Verwüstungen. Da unten war ein Seitental, in welchem gerade ein Haus zusammenfiel. Aus dem Trümmerhaufen stob zuerst Rauch, es schien sich ein Feuer zu entwickeln, welches aber gar bald gedämpft war, weil alles ins Wasser niedersank und sich auf demselben fast sanft auseinanderlegte. Am Ufer schossen Menschen hin und her, schlugen die Hände zusammen, hantierten planlos mit langen Stangen herum, und ein Weib wollte ins Wasser springen, um eine ertrinkende Ziege zu retten, wurde aber noch rechtzeitig zurückgehalten.
Ich trieb mich einen Tag lang herum, immer von Wasser und Erdbrüchen verhindert und abgelenkt und selbst am Leben bedroht. Ich hatte damals begreiflicherweise keinen Sinn für die Großartigkeit der Natur, die mich Würmchen mit ihren ungeheuren Gewalten umgab. Heute weiß ich, daß mir eine solche Größe in diesem Leben wohl kaum mehr begegnen wird. Endlich kam ich zu einem Hofe, der auf festem Grunde einer Höhung stand. Aber er war angepfropft von Leuten, die im Tale ihr Haus und Habe verloren hatten. Das war ein Weinen und Klagen! Die einen kauerten halbnackt in den Winkeln, daß ihre Kleider trocknen mochten; die anderen verschlangen in Heißhunger Nahrung, die ihnen die gastlichen Bewohner reichen konnten. Aber die Bäuerin sagte: »Helf Gott, wir werden bald selber nichts mehr haben!«
Hier konnte ich also nicht bleiben.
Nach einer schlechten Nacht, die ich in einem Heustadl zubrachte und in der ich inne wurde, was eine gute Nacht wert ist, kam ich wieder zum See der Rienz hinaus; man konnte nicht mehr sagen: Tal, denn es war ein See, der heute, da ich dieses schreibe, noch nicht abgelaufen ist und vielleicht gar nicht ganz ablaufen kann, weil Lawinen die Schluchtpässe verlegt haben. Mitten im See, aus dem die Dächer von Hütten, Mühlen und Holzsägen ragten, wovon eins ums andere verschwand, mitten in diesem weiten Gewässer auf einer schmalen, langgestreckten Insel sah ich ihrer sechs oder acht Männer, die mit verzweiflungsvollen Gebärden um Hilfe riefen. Ich fand nach langem Suchen Leute zusammen, die mit einem kleinen Floße jene Männer retteten. Sie hatten einen Tag früher den Flußdamm verteidigt und waren dabei, weil weiter oben eine Wehre brach, plötzlich vom Wasser eingeschlossen worden. Eine furchtbare Nacht hatten sie verlebt auf dem schmalen Damm, von welchem Stück für Stück weggeschwemmt wurde. Zwei weitere Genossen, die bei ihnen gewesen, hatten sich in der Finsternis der Sturmnacht von ihrer Seite verloren, waren zugrunde gegangen, ohne daß es von den übrigen bemerkt worden.
Nun erfuhr ich auch, daß diese Gegenden von aller Welt abgeschnitten waren. Alle Täler bis hinaus nach Lienz, bis Defereggen und Oberdrauburg wären verheert. Aus dem Eisacktale brachte einer, der auf Umwegen übers Gebirge kam, Nachricht von den schrecklichen Verwüstungen, die dort und südlicher im Etschtale bei Bozen, Trient und in der Meraner Gegend angerichtet seien. Und alle Straßen und Eisenbahnen vernichtet, alle Telegraphenleitungen zerrissen. Ganze Dörfer und Städte überschwemmt, zum Teile eingestürzt, fortgerissen. Wie viele Menschen schon ums Leben gekommen und bei dem fortwährenden Steigen der Wasser noch ums Leben kommen würden, das sei nicht annähernd zu sagen. Aus manchen Engtälern sei gar keine Nachricht gekommen, aber das Wasser hätte unerhörte Massen von Getrümmer hervorgeschwemmt. Wie es den Leuten ergehe, das wisse Gott. Man begreife nicht, woher all das Wasser kommen könne, die Regenfluten allein könnten es nicht ausmachen. Allerdings gehe ein Wind, als wären die Dolomiten lauter heiße Öfen, der schmelze Schnee und Eis auf den Gebirgen. Aber es scheine, als sei in den Tauern und in den weißen Bergen (Dolomiten) und in den Trientiner Alpen und im Ortlergebirge und überall die Flut aus der Erde hervorgebrochen, wie es bei der Sintflut gewesen, und es sei nicht abzusehen, was daraus noch werden solle!
Während die Leute zusammenstanden, um diese Posten zu hören, läuteten sie in den Nachbardörfern, die teils im See standen, fortweg Sturm, und es vergrößerte sich auch für diesen Ort, der hart am Berghange lag, die Gefahr. Man räumte die Häuser aus, aber jetzt kam die Dorfgasse herauf das braunrote Wasser gewallt. »Das Wasser rinnt aufwärts!« riefen die Kopflosesten, »da ist alles aus.«
Aus den Häuserräumen hörte man das Quirln und Gurgeln des Wassers, das Niederbröckeln von Mauerwerk; dann wieder ein Knattern und Schmettern einstürzender Wände und Dächer. Bei den Häusern schrien die Leute, auf den Anhöhen röhrten und blökten die Haustiere, und über alles hin war das dumpfe Tosen.
Ein Weib kam durchs Wasser gesprungen: das Spital sei hin, die Kranken müßten ertrinken, wenn man ihnen nicht zu Hilfe käme. Jetzt fiel es mir ein: da könntest du ja helfen! Wir trugen die Kranken in die Kirche hinauf, die höher stand. Aber auch einen Toten schleppten sie jetzt herbei, einen jungen Burschen, der seine mühselige Großmutter aus der überschwemmten Kammer gerettet und dabei den Tod gefunden hatte. Die Gerettete war ohnmächtig, die übrigen Mitglieder der Familie erhoben ein lautes Klagen. Da trat ein alter Mann zur Gruppe und rief: »Was beweint ihr den da! Der ist der Glückliche. Wir sind die Unglücklichen!« Wer einen Blick in die Gegend hinaus tat, der konnte wohl verstehen, wie's gemeint war.
Der Himmel war finstergrau, aber die Berge standen jetzt rein bis zu ihren weißen Gipfeln. Im dunkelbraunen See spiegelte sich ihr Bild. Von den entwaldeten Lehnen gingen ununterbrochene Erdlawinen nieder, als wäre »die Erde rinnend geworden«, wie sich einer ausdrückte.
Kaum hatten sie den Ertrunkenen in die Totenkammer gelegt, erscholl -- so gut es durch das Tosen der Wasser hörbar war -- neues Jammergeschrei. Ein Kind hatten die Wellen fortgerissen, die Mutter desselben lief mit herzbrechenden Hilferufen hin und her, keiner wollte sich ins wallende Wasser wagen, und das Leiblein wogte schon dem reißenden Hauptstrome zu.
Jetzt kam's über mich. Kannst du schwimmen? rief ich mir selber zu, nicht? So lern's! -- Und stürzte mich in's Wasser. -- Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer steinernen Treppe, und um mich waren Leute und vor mir kniete ein Weib und beschwor mit gerungenen Händen, unter Tränen schreiend, alles Glück des Himmels auf mich herab. Andere Weiber beschäftigten sich mit dem geretteten Kinde, einem Mädchen von fünf bis sechs Jahren. Und während auf das unselige Dorf immer neue Wassermassen anbrausten von allen Seiten, und die Leute in heller Verzweiflung um ihre Existenz rangen, war ein überglückliches Wesen da, dem seine ganze kleine Habe zugrunde gegangen, das als Bettlerin saß an den Stufen des Kirchentores und das nimmer satt werden konnte, sein wiedergefundenes Kind jubelnd zu herzen und zu küssen.
»Das ist er!« schrie sie und zeigte auf mich, »o, schaue ihn an!«
Und der Blick, den das kleine Mädchen auf mich geworfen, ist mir tief gegangen.
Ich habe es dann nicht mehr gesehen. Ich trug noch mein Weniges zu den Schutz- und Rettungsarbeiten bei, bis am dritten Tage das Wasser zu fallen begann, und wir alle erschöpft zur Rast sanken. --
Später habe ich nach Tagen mühevollen Wanderns in Kärnten den Punkt erreicht, wo das Eisenbahngelaß die versprengten und verschlagenen Reisenden und Touristen wieder in Empfang nehmen konnte.
Und als ich glücklich daheim in meinem Hügellande saß, da machte ich die Wahrnehmung, daß ich nicht mehr krank war. Nicht mehr krank und nicht mehr schwermütig, sondern so jung und munter, als ich's einst gewesen.
Jetzt prüfte ich mich, was denn die furchtbare Leere, die Darwin in mein Gemüt gerissen, wieder ausgefüllt haben möchte. Ich fand's nicht, so sehr ich nachdachte. Vielleicht daß das große Unglück, welches ich miterlebte, mich wieder ins Gleichgewicht gebracht, wie es ja bisweilen geschehen soll, daß Pessimisten und Verzweifler gerade durch eine schwere Gefahr und Not wieder zur Achtung des Lebens bekehrt werden. Aber wenn ich mitunter so vor mich hinträumte, da sah ich in der Dämmerung meines Herzens, wo einst das »ewige Licht« wie vor dem Altare gebrannt hatte, zwei Sternlein schimmern -- und das waren die Augen des geretteten Kindes.
Ehre.
»Herr Kreisrichter, ich bitte auf ein Wort!«
»Nun, nun, lieber Herr Seelader, was bringen Sie mir denn noch so spät?«
»Auf ein Wort!«
»Und so aufgeregt?«
»Es ist etwas Wichtiges. Sie werden erstaunen, Herr Kreisrichter. Ich muß bitten, daß Sie mich festnehmen lassen!«
»Aber, Seelader! Solche Späße!«
»Es ist kein Spaß. Bei Gott nicht. Sie müssen mich einsperren. Sogleich! Ich habe einen Freund ermordet. Den Johann Hallsteiner. Den Sohn der alten Hallsteiner, die heute gestorben ist.«
»Was? den Johann Hallsteiner haben Sie ermordet? Aber lieber Freund, was fehlt Ihnen denn? Der Johann Hallsteiner ist ja schon seit Jahren tot.«
»Ich habe ihn erschossen. Ich werde alles beweisen. Ich zeige es jetzt an. Es ist die Zeit gekommen. Herr Richter, Sie haben einen Schuldigen vor sich!«
Nun war der Kreisrichter in der Tat erschrocken, denn der junge Mann sah in diesem Augenblicke wirklich aus wie ein Mörder. Ganz verstört, blaß, wirr. Der Richter klingelte und befahl dem eintretenden Diener: »Schnell zum Doktor Grohbach. Er soll sofort kommen!«
»O nein, Herr Richter,« sagte Seelader, »krank bin ich nicht. Ich bin ja ruhig, sehen Sie mich nur an, es ist die Wahrheit, was ich sage.«
»So kommen Sie,« sprach der Kreisrichter freundlich und suchte den jungen Mann am Arm zu nehmen. »Ich werde Sie in Ihre Wohnung begleiten.«
»Sie sind immer gut gewesen gegen mich und sind es auch jetzt,« sagte Seelader. »Aber es ist anders geworden. Ich darf nichts mehr annehmen. Ich werde diese Nacht noch in meinem Zimmer zubringen, wenn Sie mich nicht in den Arrest tun wollen, morgen jedoch zum Landesgericht gehen. Der Verantwortung wegen sollten Sie mich aber sogleich da behalten. Es wäre besser, Herr Kreisrichter!«
Unter warmem Zureden brachte dieser den jungen, aufgeregten Menschen in sein Dachzimmerchen, empfahl ihn angelegentlich der Mietfrau und schickte den Arzt.
Dann eilte er nach Hause.
»Denkt euch, Kinder!« sagte der Kreisrichter bei dem Abendessen zu seiner Familie, »mein Amtsschreiber, der Seelader, ist erkrankt.«
Die älteste Tochter, Fräulein Ludmilla, horchte auf.
»Und das schwer, unheimlich erkrankt,« fuhr der Richter fort. »Ein Gehirnleiden. Ich muß nur erst zu Doktor Grohbach schicken, was er an ihm gefunden hat. Kommt der Arme heute abends -- eben erst vorhin -- zu mir und bittet mich in höchst aufgeregter Weise, ich solle ihn festnehmen lassen, er habe seinen Freund Hallsteiner erschossen.«
Fräulein Ludmilla legte Messer und Gabel weg.
Die Frau Richterin sagte: »Du scherzest doch, Mann!«
»Ich weiß wohl, daß der Selbstmord seines Freundes ihm nahegegangen ist damals,« sagte der Richter, »aber nach Jahren -- es mag ja fünf oder sechs Jahre seit jener Geschichte mit dem Hallsteiner her sein -- könne doch, meint man, aus diesem Grunde eine Gehirnstörung nicht mehr zum Ausbruche kommen. -- Wie war das nur gleich, damals?«
»Der Postbeamte Johann Hallsteiner,« sagte nun die Frau, »hatte -- so viel ich mich erinnern kann -- sich eine Veruntreuung zu Schulden kommen lassen und in dem Augenblick, als man ihn festnehmen wollte, sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.«
»Richtig, und ich entsinne mich, wie sein Freund Seelader, der war damals noch Student, am Grabe des Verscharrten einen lauten Schwur getan haben soll, die Ehre des Freundes zu retten, seinen Tod zu sühnen, oder so etwas.«
»Dann hast du ihm doch zur kleinen Stelle verholfen, die er heute noch einnimmt.«
»Er wird demnächst avancieren. Einen fleißigeren und gewissenhafteren Schreiber habe ich nie gehabt. Dazu ein stiller, eingezogener Mensch, bescheiden und liebenswürdig --«
Fräulein Ludmillas Wangen blühten wie Rosen im Mai.
»Als Student soll er's ja flott getrieben haben, bis die kleine Erbschaft seiner Eltern dahin war,« bemerkte die Frau Kreisrichterin. »Man glaubt nicht, wie vorteilhaft ein Mensch sich ändern kann, wenn er in das Geleise der Arbeit kommt. Und rührend war es, wie er die armen Eltern seines unglücklichen Freundes unterstützte, sich selbst alles versagte, um von seinem geringen Gehalte die siechen, verlassenen alten Menschen zu versorgen. Als vor einigen Monaten der alte Hallsteiner starb und heute die Frau, habe ich mir gedacht: Jetzt wird der gute Seelader auch aufatmen können und sein Gehalt für sich selber anwenden.«
»Es muß ihn doch der Tod der alten Frau so sehr erschüttert haben,« meinte der Kreisrichter.
»Wahrlich, ein leiblicher Sohn kann nicht besser gegen seine Eltern sein, als der Amtsschreiber es gegen die alten Hallsteiner-Leute gewesen,« sagte die Frau des Kreisrichters. »Nur fällt mir jetzt ein Wort auf, das er vor einigen Tagen, als er bei uns speiste, gesagt hat. Als er hörte, daß das Befinden der Frau Hallsteiner sich verschlimmert hatte, sprach er plötzlich: Mir scheint, nun werde ich bald Feierabend bekommen.«
»Am Ende ist doch etwas dahinter,« meinte der Richter und begann, dieweilen er seine Pfeife stopfte und in Brand steckte, über mancherlei nachzusinnen.
Und also hatten sie zusammen sich über den jungen Mann unterhalten, der sich als Mörder gestellt hatte. Fräulein Ludmilla war völlig still dagesessen. Sie hatte sich in ihre Häkelarbeit vertieft. Auf einmal stand sie auf und ging rasch zur Tür hinaus.
Die Frau seufzte. Der Richter sagte: »Morgen früh sogleich will ich die Geschichte untersuchen. Am Ende ist doch etwas daran.«
* * * * *
Die Nacht war schlaflos vergangen. Max Seelader hatte sich samt seinen Kleidern ins Bett gelegt. Seine paar Sachen hatte er schon gestern in einen Sack getan und sie nicht mehr ausgepackt. Nur eine kleine Photographie war aus der Tasche hervorgeholt und auf das Tischchen neben seinem Lager gestellt worden. Ein Mädchenkopf, das Original haben wir schon gesehen.
Zur Stunde, als der Kreisrichter im Amte zu erscheinen pflegte, ging der junge Mann hin zu ihm und sagte: »Da Sie mir mein Recht vorenthalten wollen, so reise ich jetzt zum Landesgericht, das ich um Strafe bitte. Teurer Herr! Vor Ihre Familie darf ich nicht mehr treten. Ich danke allen für alles Gute, ich sage Ihnen Lebewohl. Verzeihen --«
Er stockte.
»Jetzt lasse ich Sie aber nicht fort, lieber Seelader,« sprach der Richter, »daß bei Ihnen etwas nicht richtig ist, sehe ich nun. Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie mir ruhig das Anliegen, welches Sie drückt.«
»Ich danke Ihnen. Aber Beichte und Freundeszuspruch können mir nicht viel nützen. Es wird besser sein, wenn auch Ihre Herren Adjunkten anwesend sind. Und der Arzt, damit sichergestellt wird, daß ich nicht geisteskrank bin.«
»Sie wollen also ein förmliches Verhör. Gut, es soll geschehen.«
Nach wenigen Minuten stand der junge Mann vor dem Gerichte, und nach einigen einleitenden Vorfragen begann er also zu sprechen:
»Meine Eltern waren Gewerbsleute in N., sie wollten, nachdem ich das Gymnasium absolviert, auch mich für ihren Stand abrichten. Als sie starben, war ich frei und benutzte die Erbschaft, um in die Stadt zu gehen und zu studieren. Nicht so sehr wissensdurstig war ich, aber nach dem lustigen, ungebundenen Studentenleben plangte es mir. Und ein solches habe ich geführt, fünf Jahre lang. Die Kommerse, die Kneipen, die Mensuren und dergleichen machten mir viel Spaß, ja nahmen mein Wesen in Anspruch. Für einen wirklichen Gewinn hielt ich das Bewußtsein und das Hochhalten der Ehre, wie solches außer bei den Soldaten und Studenten in keinem Stande eigentlich entschieden und leidenschaftlich genug gepflegt wird. Ich will mich weiter darüber nicht auslassen, ich habe nur oft gesagt: es ist etwas Schönes, wenn ein junger Mensch seine Ehre höher wertet, als alles auf der Welt. Schon im zweiten Jahre meiner Studentenschaft hatte ich einen Kollegen aus der hiesigen Stadt kennen und achten gelernt, und bald entwickelte sich zwischen uns eine innige Freundschaft. Er war der Sohn armer Eltern, mußte freilich mehr ans Lernen denken, als ans Burschenleben, und einer Stellung zutrachten, in der er sich und seine Eltern ernähren konnte. Das hinderte den wackeren Johannes nicht, die Studentenideale zu hegen und zu pflegen, und besonders die Burschenehre ging ihm über alles. Auf mehreren Mensuren bewies er seinen Mut, und in einem Duelle trat er für die beleidigte Ehre eines Freundes ein. Dieser Freund war ich. Es handelte sich um nichts weiter, als um einen boshaften Spott, den ein mir mißgesinnter Bursche in meiner Abwesenheit mir angetan. Johannes forderte ihn auf Pistolen. Am zerrissenen Kinnbacken trug er zeitlebens ein Merkmal seiner tapferen Freundschaft. Natürlich schloß uns dieser Handel noch enger und unzertrennlicher aneinander und ich schwor ihm, über seine Ehre ebenso zu wachen, als er über die meinige gewacht und als ich über meine eigene wachen kann. Und sollten wir vom Schicksal einmal voneinander getrennt werden, und sollten wir in was immer für eine Lage versetzt werden, unsere gegenseitige Ehre wollten wir behüten wie unser Leben, ja unendlichmal mutiger und glühender, als unser Leben. -- Was sonst an Studentenangelegenheiten, Ehrensachen und Freundschaftsbeweisen war, kann übergangen werden. Ich weiß, was hier zu erzählen ist. Johannes hatte seine Studien vollendet und erhielt eine Anstellung als Postbeamter. Trotzdem brach er nicht mit den lustigen Kreisen, in denen er sich früher bewegte, ja, er erschloß sich noch neue. Man hielt ihn auch fest in denselben, denn er war ein heiterer, angenehmer Gesellschafter, und nach den langweiligen und verantwortlichen Stunden in der Amtsstube hatte er Zerstreuung nötiger als je. Es gab kleine Gelage mit Minnescherzen, mit Glücksspiel und anderen Lustbarkeiten. Wir bewohnten zusammen ein Zimmer und es fiel mir auf, daß er häufig in später Nacht nach Hause kam. Einmal habe ich ihm etwas darüber gesagt, er antwortete, daß weder seine Berufs- noch seine Kindespflichten darunter Schaden litten, wie ich auch tatsächlich nie eine Klage über ihn hörte und wie ich auch wußte, daß seine mühseligen Eltern, die damals auf dem Lande lebten, in ihrem Johannes den Ernährer und Beschützer anbeteten. Also ging es eine Weile, und plötzlich war das Verhängnis da.«
Seelader unterbrach sich und trocknete mit dem Taschentuche seine Stirn.
Nach einer Weile sagte der Richter: »Nun, erzählen Sie weiter.«
»Schon seit einiger Zeit hatte ich bemerkt,« so fuhr der junge Mann fort zu sprechen, »daß mein Freund Johannes einen kleinen, scharfgeladenen Revolver bei sich trug. -- Wozu denn so etwas? fragte ich ihn einmal. -- Man kann nicht wissen, antwortete er, ob man nicht plötzlich in die Lage kommt, seine Ehre zu retten. -- Das war mir dunkel. Ich hielt es im Scherze gesprochen und dachte: er hat amtlich mit Geldsachen zu tun, es kann ja eine Waffe vorgeschrieben sein. Im ganzen gefiel mir aber an Johannes etwas nicht mehr so recht, und ich konnte mir doch keine Rechenschaft darüber geben, was eigentlich an ihm unangenehm, oder vielmehr unheimlich war. Bei allen, die ihn kannten, stand er in hoher Achtung und von jedem, der mit ihm umging, ward er geschätzt als guter Kamerad. -- Und nun kam diese Nacht.«
»Wünschen Sie vielleicht ein Glas Wasser?« unterbrach einer der Adjunkten den Erzähler, weil dieser erregt zu sein schien.