Fremde Straßen

Part 11

Chapter 113,726 wordsPublic domain

»Ich weiß wohl, was ich tue,« fuhr Seelader fort. »Mit dem, was ich jetzt zu bekennen habe, vernichte ich mich. Und das will ich auch, darum stehe ich da. -- Sie sehen, ich bin nicht aufgeregt, bin meiner Sinne vollkommen mächtig, und es wird sich leicht weisen, daß jedes Wort, was ich spreche, richtig ist. So etwas merkt man sich ganz genau. -- Es war in der Nacht vom elften bis zwölften Februar 1885. Johannes war wieder spät nach Hause gekommen und schlief sehr fest. Ich schlief nicht so fest und hörte es sogleich, wie jemand an unsere Tür klopfte. Da es wiederholt pochte, so stand ich auf, nachzusehen, was es gäbe. Vor der Tür stand der Hausherr in flüchtig übergeworfenem Mantel und teilte mir flüsternd mit, daß er Auftrag habe, den Herrn Johannes Hallsteiner zu wecken. Es scheine etwas Besonderes dran zu sein, im Vorsaal sei ein Gerichtsbeamter und auf der Treppe stünden zwei Gendarmen. -- Fast zu Tode erschrak ich und dann dachte ich: Was erschrickst du denn? Ein Irrtum liegt vor, den wollen wir gleich aufklären. Doch als ich draußen mit dem Gerichtsbeamten redete und den Verhaftsbefehl sah, gab's keine Ausflucht mehr und ich machte mich erbötig, den Gesuchten zu wecken und vorzubereiten, ohne daß mir auch nur eine Ahnung dämmerte, um was es sich handeln könne. Ihn im Schlafe überfallen, das würden sie doch nicht wollen. Als der Beamte vom Hausherrn sich die Versicherung geben ließ, daß die Fenster unseres Zimmers vergittert wären und auch sonst eine Möglichkeit des Entkommens nicht denkbar sei, durfte ich ins Zimmer zurücktreten. Die Türe hinter mir legte ich ins Schloß, zündete Licht an und weckte den Freund. -- Johannes, sagte ich, du sollst aufstehen, es fragt jemand nach dir. Er war sonst keiner von denen, die sich schnell aus dem Schlafe aufzuraffen vermögen, aber jetzt schießt er empor, und wie ich ihm die Art des nächtlichen Besuches andeute, wird er blaß. -- Johannes, um des Himmels willen, was ist das? frage ich. -- Du siehst es ja, antwortet er ganz heiser. Hierauf stürzt er in den Winkel hinter meinen Schrank, reißt etwas aus der Tasche seines Rockes, kauert sich nieder, wimmert, wehrt mit der Hand mich, den Hinzueilenden, ab und schleudert endlich den Revolver von sich. Ich hebe die Waffe auf und sage heftig: Was hast du getan? -- Er fällt mir um den Hals: Hilf mir, Freund, es ist alles aus. Schulden, Spielschulden. Meine Ehre! Die Ehre mußte ich retten. Geld unterschlagen. -- Ohnmächtig muß ich geworden sein in dem Augenblicke, denn als ich mich finde, ist er angezogen und macht sich bereit. An der Tür pocht es ungeduldig. -- Noch einen Augenblick, bitte ich! ist mein Ruf, dann zum Freunde: Johannes, so gehst du nicht fort. In dieser Begleitung nicht! -- Dann rette mich, sagt er und blickt hilfesuchend um sich. -- Du hast in deinem Amte Geld veruntreut? sage ich und es kocht in mir, wild, rasend wild ein unbeschreiblicher Aufruhr, da, +das ist deine Rettung+! und drücke ihm den Revolver in die Hand. Er schaudert zurück und lacht hohl auf: das habe ich ja auch so gemeint. Seit einem Jahre trage ich ihn bei mir in der Tasche. Wenn's zum äußersten kommt, einen Fingerdruck. Und jetzt, +jetzt fehlt mir der Mut+! O, zertritt mich, die feige Bestie, speie mich an! Auf den Schuß habe ich gerechnet, für den schlimmsten Fall, mitten in Lust und Freuden habe ich auf den Schuß gerechnet, und jetzt fehlt mir dazu der Mut! hast du ein solches Scheusal schon gesehen? -- Als er so ruft, mir geht's durch alle Glieder. Schreck, Zorn, Mitleid gräbt in mir. Ich presse seine Faust zusammen, daß ihm die Waffe nicht entfallen kann. Bebend an allen Gliedern, schluchzend bitte ich ihn: Freund, geliebter, einziger Freund, verlasse dich selber nicht zu dieser Stunde. Sühne deine Schuld, rette deine Ehre, ich beschwöre dich! Du kannst nicht mehr weiterleben, du +kannst+ nicht, Johannes, du bist ehrlos, verloren! Rette dich! Nur einen Funken Wille, nur einen Funken! Schließe die Augen, denke nichts, denke, es ist ein Traum, drücke los! Du mußt, Johannes, du +mußt+! -- Ich kann nicht! stöhnt er. O Gott, ich kann nicht, ich kann nicht! -- Draußen machen sie bereits Anstalt die Tür einzubrechen. Mein einziger, mein liebster Mensch! flehe ich, bei allem, was uns heilig war auf dieser Welt, laß dich nicht forttreiben wie einen gemeinen Dieb. Mach ein Ende! Ich zwinge dich! -- Er will den Revolver auf den Boden fallen lassen, ich drücke ihn zurück in seine Hand, will die Mündung gegen ihn wenden, seinen Finger krümmen auf den Hahn -- wir ringen, die Tür kracht unter dem Zwängeisen. Wir ringen heiß, da knallt der Schuß, und Johannes sinkt zu Boden. -- Die Ehre ist gerettet! Ich habe mein Wort gehalten! denn ich -- ich habe losgedrückt! Ich habe ihn erschossen. Die Kugel drang unter dem Kiefer hinein nahe an der Narbe, die er bei jenem Duell meinetwegen davongetragen. Kaum es geschehen ist, stürzen sie zur zertrümmerten Tür herein. -- Zu spät, sage ich, er hat sich erschossen! Ich habe vergebens mit ihm gerungen um den Revolver. -- Dann haben sie ihn in die Totenkammer getragen. -- Und ich, wie ich allein bin und vor mir die Blutlache sehe, da schreit es in mir: Was hast du getan? der Ehre wegen ein Mörder, ein Lügner geworden! Welcher Ehre wegen! Sage, verdammter Wicht, was entehrt denn? Entehrt das Stehlen anvertrauter Gelder, oder entehrt erst der Gendarm? Nicht was dein Gewissen sagt, ist dir die Hauptsache, sondern was die Leute sagen! Von solcher Art ist die »Ehre«, der du bisher alles geopfert hast, deine Zeit, dein Studium, deine Begeisterung, deinen Freund, deine Seele. -- Also rief es in mir, aber dieser Ehrbegriff, dieser verfluchte Ehrgeiz war noch nicht tot in mir, er rang mit meinem Gewissen, wie ich vorher mit dem Freunde gerungen. Du mußt dich als seinen Mörder nennen und deine Strafe leiden, mahnte das Gewissen. -- O Schande! Schande! rief der Ehrgeiz, ein Meuchelmörder, ein Lügner, ein Schurke zu sein! -- Höllische Pein litt ich in jenen Tagen. Dann ward mein Freund von Professoren zerschnitten, daß sie die Ursache seiner Tat fänden. In einer Anwandlung von Geistesverwirrung, sagten sie. Dann ward mein Freund hinausgetragen hinter das Lazarett und unter der Mauer eingescharrt. Als ich seine alten, nun ganz verlassenen Eltern sah, und wie die Mutter an seiner Grube zusammensank und sein Vater an der Krücke und mit weißem Haar fast stumpfsinnig auf den Sarg starrte, da wußte ich, was zu tun war. Ein Ausgleich wurde geschlossen zwischen meinem Ehrbegriff und meinem Gewissen. Zur Stunde faßte ich den Entschluß, mich nicht anzuzeigen, sondern mein Leben und Streben denen zu widmen, welchen ich den Sohn geraubt habe. Und erst wenn sie gestorben sein werden und meiner nicht mehr bedürfen, dann will ich hingehen und mich dem Gerichte stellen. Also schwur ich es, und das auszuführen war nun meine Ehrensache. Es ist das eine andere Ehre und ein anderer Ehrgeiz, mein Gewissen ist damit einverstanden. Mein kleines Vermögen war erschöpft, den letzten Rest schickte ich den Eltern meines Freundes. Ohne mein Studium vollendet zu haben, trachtete ich nach einer Stellung, um Brot zu erwerben. Endlich bekam ich die Schreiberstelle hier beim Kreisgerichtsamte, und da ich nebenbei in freien Stunden jüngeren Schülern Unterricht gab, so ward es mir möglich, außer für meine persönlichen Bedürfnisse, für das Greisenpaar zu sorgen. Unerträglich war es mir, wenn ich gelobt wurde deswegen, daß meine Treue zum unglücklichen Freunde so groß wäre. Es war, als ob man einen am Galgen Baumelnden lobte, daß er es so hoch gebracht habe. -- Seine Eltern selbst lebten stumpfsinnig und freudlos dahin und nahmen das, was ich ihnen geben konnte, als das, was es ja auch ist, als etwas Selbstverständliches. Mein Gewissen war nie zur Ruhe gekommen, und nur wenn ich darbte, um den alten Leuten um so mehr schicken zu können, wurde es für den Augenblick milder gestimmt. Trost gab mir der Himmel auch an guten Menschen, die er mich finden ließ, und es waren Anzeichen vorhanden, daß ich einmal glücklich, sehr glücklich werden könnte. Aber ich durfte das Glück nicht annehmen. Es war Ehrensache, ich durfte es nicht annehmen. So unausstehlich, so häßlich war ich mir geworden, daß ich fast mit Lust und Gier die Buße trug, um mich einst selbst wieder achten zu können. Nach fremder Achtung, nach fremder Leute Meinung über mich hörte ich nicht mehr aus, für solche Ehre bin ich unempfindlich geworden. -- Das alles sage ich zu meiner Verteidigung, damit man sehe, wie es mir Ernst war. -- Nun sind die zwei alten Leute gestorben. Ich habe keine Verpflichtung mehr. Und nun ist es an der Zeit, meine Tat einzubekennen und mich dem Urteile der Gerechtigkeit zu übergeben.«

Max Seelader schwieg.

Die Richter blickten einander an. Ein solcher Fall war ihnen noch nicht vorgekommen. Zum Glücke brauchten sie darüber nicht abzuurteilen. Feucht waren des Kreisrichters Augen, als er aufstand, dem jungen, jetzt auf seinem Platze schier zusammengeknickten Menschen die Hand auf die Achsel legte und sprach: »Haben Sie noch etwas zu bestellen, so tun Sie es. Ich will dann mit Ihnen zum Landesgerichte fahren. Ihre Geschichte gehört vor die Geschwornen.«

* * * * *

Über Max Seelader findet demnächst im Landesgerichte die Hauptverhandlung statt. Lieber Leser, solltest du dabei einer der Geschworenen sein -- welches Urteil würdest du fällen?

Die Vierzehnte.

Am Freitag bin ich also nicht abgereist zum Karneval in die Stadt.

»Reise Samstag früh,« hatte meine Mutter vorgeschlagen, und so reiste ich Samstag früh. Ich bin nicht abergläubisch, aber wenn man bei Unglücksfällen nachdenkt: fast allemal sind Vorzeichen nachzuweisen, die mit den Ursachen in geheimnisvollem Zusammenhange stehen.

Ich reiste Samstag früh und war zu Mittag in der Stadt. Daß ich im Gedränge des Bahnhofes mit dem Rockknopf an der weißen Schnur eines ~pompe funèbre~-Mannes hängen blieb, war mir für den Augenblick ärgerlich. Was hat dieser Mensch auf dem Bahnhofe zu tun? Ein Bahnhof ist keine Leichenhalle, außer, wenn mit dem Zuge ein Toter ankommt, was, wie ich später erfuhr, damals allerdings der Fall gewesen. Ich war mit einem Toten auf den Karneval gereist! Ich bin nicht abergläubisch, aber den Knopf trennte ich mir selbstverständlich sofort vom Tuche.

Im Hotel nahm ich zwei gassenseitige fein möblierte Zimmer; es ist zwar auf eine besondere Häuslichkeit nicht zu rechnen, wenn man Welt sehen will, aber wohnen will man doch auch. Man erhält Besuche, und selbst wenn's nur für den Friseur wäre -- stets das Dekorum, sage ich, gegen jedermann das Dekorum.

In bezug auf Salonanzüge, die ich mir sofort verschaffen mußte, wies man mich in das große Kleidermagazin »zum Uhu«. Ein Ballkleidermagazin »zum Uhu!« Ich bitte Sie! Abergläubische Leute müßte das Schild schon in vorhinein zurückschrecken; ich ärgerte mich bloß über die Geschmacklosigkeit und wählte ein anderes Geschäft.

Theater, Museen, Konzerte -- Fastenkost, nichts als Fastenkost. Tanzen, springen, rasen, leben! Die Leute sind sozusagen lebendig und wissen doch nicht, was leben heißt. Mit den Elitebällen wollte ich den Anfang machen, abwärts geht's leicht und nach der Mahlzeit, bildlich gesprochen, wo man etwas pikanten Käse liebt, nehme ich noch etwas »Orpheum« oder »Elysium« usw.

Am zweiten Tage erhielt ich Einladung in ein bekanntes Haus zum Diner. Ich bin im ganzen nicht für häusliche Zirkel hierhergekommen, derlei kultiviert man auf dem Lande zur Genüge. Doch, einmal kann man ja annehmen.

In der Familie waren -- wie ich wußte -- ein paar hübsche Kinder von achtzehn aufwärts. Vortrefflich, das weiht in die Gesellschaft, in die Verhältnisse des diesjährigen Faschings ein. Man lernt das Feld kennen, auf dem man siegen will und wird. Ich dekorierte mich mit einer Rosenknospe, die ich ins Knopfloch steckte, und begab mich ins Haus, in das ich geladen war. Am Eingangstore begegnete mir eine alte Frau. Man braucht nicht abergläubisch zu sein, um von einer solchen Begegnung an der Stufe eines Hauses, in dem man sich unterhalten will, unangenehm berührt zu werden. Ich kehrte um, fuhr noch ein paar Straßen auf und ab, um dann das zweitemal ins Haus zu treten.

Der Empfang war überaus herzlich. Vor allem überraschte mich die Wohnung. Man hat auf seinem Landgut auch Komfort, aber +diese+ Eleganz -- ich war überrascht! Die Gesellschaft war nicht groß, aber glänzend, blendend -- reizende Mädchen darunter. Man ist nicht blöde; das Buch vom »guten Ton in der Gesellschaft« hat man im Kopf, man ist sattelfest in der Kunst des Tanzmeisters, in der Konversation, im Courmachen, kurz in allen ritterlichen Fertigkeiten eines Löwen. Man geht zu Tische; mir schneit der Zufall, nein, mein Glück, eine junge, entzückende Dame an den Arm, die ich an ihren Sitzplatz führe. Die alten Bekannten waren alsbald vertraulich; die sich bisher fremd gewesen, verstanden sich und es entwickelte sich jene ungebundene Munterkeit, die eine Gabe des Himmels ist, eine seltene Gabe, die keiner dem andern spenden kann, wenn sie nicht von selbst kommt. In feinen Kreisen kommt sie von selbst. Es ist doch ein anderes Leben in der Stadt als auf dem Dorfe. Alles so gebildet, so aufmerksam, so geistvoll! Es geht nichts über die Stadt.

Als wir im besten Schnabulieren waren -- ich zertrennte just ein Stück Filet du Boeuf und sann mir dabei Artigkeiten aus, die ich meinen Beisitzerinnen sagen wollte -- sprang die Hausfrau von ihrem Sitze auf und ihr Blick irrte schreckerfüllt über die Tischgesellschaft hin.

»Was ist?« war meine Frage an die Nachbarin. Man wird unruhig, auf allen Gesichtern Bestürzung. »Was ist geschehen?« fragte ich.

»Dreizehn!« hörte ich murmeln. »Dreizehn Personen an der Tafel!«

Alles sprang auf, aber die Hausfrau bat, daß man sich beruhige und vorläufig wieder an die Plätze begebe, damit das Unglaubliche nochmals untersucht werden könne.

Wir setzten uns wie auf glühende Kohlen. Die Dame des Hauses, die mir zur Linken saß, zählte von sich aus links hin die Anwesenden -- es waren genau dreizehn -- und ich war der dreizehnte.

Ein frivoler Patron war da, der meinte ganz unverfroren, er halte die Zahl dreizehn bei Tische nur in dem einen Falle für fatal, wenn bloß für zwölf gekocht worden. Eine solche Bemerkung unter Gebildeten verdient, daß sie einfach ignoriert werde -- und das wurde sie.

Hingegen rief die Hausfrau: »Unbegreiflich, es ist doch für fünfzehn gedeckt!«

Jetzt zählte meine schöne Nachbarin zur Rechten, indem sie von sich aus nach rechts hin vorging, es waren ganz genau dreizehn, und ich war der dreizehnte.

Was war zu tun?

Am ganzen Leibe zitternd, erbot ich mich, an einem Extratischchen Platz nehmen zu wollen.

»Na, das fehlte noch!« rief man.

Allsogleich wurde ein Diener zu einer Frau Müller, Apothekerswitwe im dritten Stock, geschickt:

Ob Frau von Müller nicht das Vergnügen machen wolle, heute bei uns zu speisen, dann möchte sie aber die Güte haben, sofort.

Der Bote kam zurück: Frau Müller wisse nicht wie sie zur Ehre käme, sie danke verbindlichst, aber es sei ihr momentan ganz unmöglich.

»Das ist noch ein Glück,« bemerkte eine Tochter des Hauses, »eine Apothekerin! Mama weiß nicht, wo sie den Kopf hat.«

»In der Tat,« sagte die Hausfrau, »es gibt Augenblicke im Leben, wo man trotz allem die Geistesgegenwart verlieren kann. Johann, gehen Sie ins Kinderzimmer, ich lasse Fräulein Antonia ersuchen, sie möchte mit uns speisen, aber sogleich!«

Nach wenigen Augenblicken trat Fräulein Antonia ein, ohne Festkleid, ohne Schmuck, ein junges, einfaches Wesen, das geräuschlos am untersten Ende der Tafel Platz nahm. Man beachtete sie nicht weiter und das Mahl nahm seinen Fortgang. Da die natürliche Heiterkeit jedoch einmal gestört war, so mußte die gemachte dran, ist für den Notbedarf auch nicht übel, weil man sie in der Stadt ganz leidlich zu imitieren weiß. Ich konnte mich aus einer gewissen Beklommenheit gar nicht mehr herausarbeiten. Die Anzeichen für meinen Karneval spielten sich nicht gut. Ich war mit meinem jungen Leben in die Stadtluft gesprungen, um -- der dreizehnte zu sein. -- Wenn man nachdenkt, es trifft immer zu -- der dreizehnte an einer Tafel stirbt. Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein. -- Doch es ist ja vorbei, bei Tische sitzen vierzehn. Ich schaute verstohlen zwischen Weinflaschen, kunstreichen Blumenvasen und silbernen Obst- und Backwerkaufsätzen hin gegen das Fräulein Antonia, das fast hilflos und unbemerkt unter den lauten, rede- und eßgewandten Herrschaften dasaß.

»In der Not frißt der Teufel Fliegen,« flüsterte meine stets geistreiche Nachbarin zur Rechten.

»Übrigens,« setzte die Hausfrau bei, um ihre Maßregel doch auch noch zu entschuldigen, »es ist ein braves, anständiges Mädchen, das ich erst vor wenigen Monaten vom Lande bezog. Die Tochter eines kleineren Beamten, die mir für meine jüngste Zucht empfohlen worden ist. Es fehlt ihr noch Schick, wie Sie sehen, aber mein Gott, man muß noch froh sein, heutzutage eine ehrliche und verläßliche Person zu bekommen.«

Wie ich aber so hinschaute auf das Mädchen, das mit dem glattgekämmten braunen Haar still und bescheiden zwischen den in aller Buntheit und mit allem Raffinement aufgeputzten Frauen dasaß, ohne Befangenheit und Geziertheit die Gabel handhabend und bisweilen mit ihrem großen Auge ruhig und mild aufschaute, da kam mir der vertrackte Gedanke: das wäre mir die liebste von allen.

Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein.

Bei dem Aufruhr, den der Champagner verursachte, wollte das Mädchen heimlich sich davonmachen. Ich merkte es und säumte nicht, mit meinem Glase zu ihr zu treten und mit ihr anzustoßen.

»Gegen die Lebensretterin muß man stets galant sein,« hörte ich hinter mir sagen; das verletzte mich, ich weiß nicht warum. Ich stieß mit dem Mädchen doppelt herzlich an und schaute ihr ins Auge.

Dann entschwand sie. --

An den verschiedenen Vorzeichen war aber doch was. Mir war der Fasching verdorben. Ich war überall dabei, man kann sagen, ich machte Glück -- aber mir fehlte das Animo. Es war verrückt, ich dachte an die vierzehnte. Sie war nirgends dabei, aber sie saß in meiner Seele, geradeso hold und bescheiden, wie sie dort bei Tische gesessen. Das hat man davon.

»Bist du in einem Hause zur Mahlzeit geladen worden, so mache einige Tage nach derselben in dem betreffenden Hause eine Visite, gemeinhin die Verdauungsvisite genannt,« so heißt es im »Buch vom guten Ton«. Mir wäre es lieb gewesen, wenn der gute Ton zehn solche Visiten verlangt hätte. Übrigens war ich in der Familie auch ohne Vorschrift willkommen und die Töchter wurden von Tag zu Tag liebenswürdiger. Aber das meinte ich nicht. Durch ihre Vermittlung wurde ich zu Hausbällen geladen, wo sie vortanzten und wo sie mich bei den Damenwahlen höchlich auszeichneten. Aber das meinte ich nicht. Endlich luden sie mich nochmals zum Speisen; ach, wie hätte ich gewünscht, daß wir wieder dreizehn zu Tische säßen! Doch es waren unser bloß fünf Personen. -- »Der engste Familienkreis,« wie die Hausfrau so anmutend sagte. Aber das meinte ich nicht.

Ich machte die unmaßgebliche Bemerkung, daß in den Familienkreis doch auch die kleineren Kinder gehörten. Die Töchter erröteten über diese Bemerkung. Aber das meinte ich nicht.

Bei der nächsten Visite verfehlte ich beim Fortgehen in meiner Gedankenlosigkeit die richtige Tür und stand plötzlich im Kindszimmer. Mitten unter den fröhlichen Kleinen -- fröhlich mit ihnen -- saß meine Vierzehnte.

Ein halbes Jahr später habe ich sie aus demselben Gemache geführt. Ein weißer Schleier umrahmte ihr liebes Angesicht, ein Myrtenzweig lag auf ihrem Haar.

* * * * *

Diese Zeilen schreibe ich heute -- am Vorabende unseres silbernen Hochzeitstages. Tag für Tag sitzen wir zu +dreizehn+ an unserem Tisch: Sie, ich und die elf Kinder. Man braucht darum nicht abergläubisch zu sein: aber welch ein Glück, so zu seinen dreizehn mitsammen zu speisen!

Der Taubstumme.

Das war an einem Wintertage. Ich fuhr von der Hauptstadt mit dem Eilzuge in eine Provinzstadt hinaus. Es war eine sechs Stunden lange, öde Fahrt. Die dicht beeisten Fensterscheiben vermeinten weiß was zu verhüllen, und wenn man sich an denselben ein Flecklein freihauchte oder freikratzte, so sah man draußen den Nebel und die bereiften Telegraphenstangen -- sonst auch nichts. Ich saß im Nichtraucherabteil zu vieren und, theoretisch genommen, hätte es recht ergötzlich sein können, denn es waren unser zwei Herren und zwei Damen. Aber du lieber Gott, die Damen vertreten zusammen ein volles Jahrhundert und der Herr kauerte tief in seinen Pelz vergraben und gab kaum ein Lebenszeichen von sich.

Schon als ich beim Einsteigen zufällig auf die Stiefelspitze des männlichen Gegenübers getreten war, benützte ich das sittige: Pardon! um gleich mit ein paar anzüglichen Bemerkungen über das Zusammenpferchen und die Unbehaglichkeit des Reisens im Winter ein Gespräch anzuknüpfen. Der Mann schaute mich mit seinen großen Augen betrübt an und hüllte sich schweigend in seinen Pelz.

Hingegen griff das Jahrhundert, welches auch schon fest saß, die Leine auf und gab der Mutmaßung lebhaften Ausdruck, daß Nebenabteile sicherlich ganz leer sein würden, daß aber die Herren Kondukteurs die nicht sehr löbliche Gepflogenheit hätten, dieselben usw. Es herrscheten hier überhaupt Unzukömmlichkeiten, die man auf ausländischen Bahnen nicht usw. -- Und wie eben die Unterhaltung im Gelaß ähnlicherweise angeht.

Bei der Kartenvisitation fragte der Schaffner, ob wir in N. ~table d'hôte~ zu speisen wünschten. Ich und ein halbes Jahrhundert bejahten sofort, das andere halbe war stark unentschieden und entschloß sich endlich für die Karte. Mein Gegenüber, der apathische Mann im Pelz, schaute den Schaffner jetzt fragend an, mit einem gewissen ängstlichen Blick -- ob hier etwas nicht in Ordnung sei, oder was der Mann wolle?

Dieser deutete uns noch durch ein Zeichen mit der Hand an, daß mit dem Herrn im Pelze etwas nicht richtig sei -- und schloß dann das Abteil.

»Man tut doch immerhin am besten, ~table d'hôte~ zu speisen,« bemerkte ich hernach, um mit dem Herrn anzubinden, »man wird dabei am raschesten bedient und das Speisen ~à la carte~ bedeutet doch nur ein Gabelfrühstück im Vergleich mit dem in der Regel guten und verhältnismäßig reichhaltigen Mahle; die Preise unterscheiden sich nicht wesentlich.« Als mein Gegenüber sah, daß ich zu ihm spreche, deutete es durch eine klar zu verstehende Gebärde und durch einen gröhlenden Ton an, daß es nicht höre und auch nicht den Gebrauch der Sprache habe, und mummte sich -- da es in der Tat recht frostig war -- noch tiefer in seinen Pelz.

»Also taubstumm!« murmelte ich.

»Ach, der Arme!« -- »Ach, der gute, arme Mann!« hauchten die beiden Frauen und schenkten ihm einen Blick, der überreich war an Teilnahme und Wärme.

Der Bedauernswürdige war ein noch jugendlicher hübscher Kopf mit schwarzem Schnurrbärtchen und blassen Wangen, eine jener interessanten Typen, in denen sich Schönheit und Schmerz so rührend vermählt hat. Meist schloß er die Augen, und dann war es freilich nur mehr der Tastsinn allein, durch welchen er mit der Außenwelt zusammenhing. Aber er tastete nicht.

»Ein so hübscher, feiner Kopf!« meinte die eine der Frauen.

»Und reist allein!«

»Wie weit er wohl reisen mag?«

»Nach G., soviel ich früher an seinem Billett sah.«

»Für den Notfall kann ich ihm auf dem dortigen Bahnhofe behilflich sein,« war meine Bemerkung, »denn auch ich fahre bis G.«