Fremde Straßen

Part 12

Chapter 123,772 wordsPublic domain

Nun war ein reeller Gesprächstoff gegeben. Wir besprachen das traurige Geschick der Taubstummen und ich kam mit dem Jahrhundert bald darüber in Zwiespalt, was vorzuziehen sei, taubstumm oder blind sein. Ich entschied mich gewiß ganz unbedacht für das Taubstumme, denn das Gesicht geht mir über alles. Meine Seele sitzt im Auge, mir liegt die Schönheit der Welt im Lichte, in der Farbe. Des Menschen Wort ist mir entbehrlich, genug, wenn ich seinen Blick sehe. Was ich zu sagen habe, ist wenig; auch ist mein Wort als das des Fremden den meisten gleichgültig, jeder hört sich selbst am liebsten. Und was durch mein Auge einzieht, das bringt genug Stoff für ein reiches, inneres Leben und ich bleibe gesammelt, bleibe Eins mit mir. Zum Auge kann viel weniger Jammer eingehen als zum Ohre, und mit dem Auge kann ich viel weniger Unrecht tun als mit der Zunge. So bleibt der Taubstumme glücklicher und besser, als etwa der Blinde.

»Aber bedenken Sie doch, bester Herr!« so drang jetzt das ganze Jahrhundert auf mich ein und führte gegen meine Ansicht die gewichtigsten Gründe ins Treffen. Durch das Gehör komme alle Lehre und Erziehung in den Menschen, und so wie sich ohne Gehör die Sprache nicht bilden könne, so blieben auch alle anderen Sinne zurück und man werde nicht sagen können, daß der Taubstumme um so besser sehe, während man vom Blinden wisse, daß er in der Regel ein schärferes Gehörorgan und einen ausgebildeteren Tastsinn habe, als der Sehende. Der Blinde führe ein reicheres und schöneres Geistesleben, während der Taubstumme zumeist stumpfsinnig, verschlagen, mißtrauisch und unzufrieden sei.

Ich bekam nachgerade Respekt vor den beiden Frauen. »Und bedenken Sie,« fuhr die eine fort, »von der Musik, die den höchsten Rang in der Kunst einnimmt, die bildend und veredelnd bis in die Seele dringt, von der Musik gar nichts zu haben!«

»Ein ganzes langes Leben ohne Vogelsang!« gab die andere zu bedenken.

»Ein Leben ohne Strauß!« rief die eine.

»Singt der Strauß?« fragte die andere.

»Nein, aber er geigt.«

»Ah so, der Wiener Strauß.«

»Und was in der Menschenkehle steckt!« rief die eine. »Ach: wenn ich daran denke! Gestern war ich in der Oper, in Lohengrin.«

»Wildmann soll wunderbar gesungen haben.«

»Unvergleichlich! Unvergleichlich! sage ich. Bei dem überfülltem Hause war es mir mit Mühe und Protektion gelungen, einen Galeriesitz zu gewinnen, von dem aus ich kaum auf die Bühne sehen konnte. Ich war trotzdem glücklich, und bei diesem Gesang, ich gestehe es, daß ich ein wahres Gebet tat: O Gott, ich danke dir für seine Stimme, ich danke dir für mein Ohr!«

Mit heller Begeisterung sprach sie's; dem Taubstummen mußten unsere lebhaften Mienen auffallen, er schaute der Dame, ich möchte sagen, wortdurstig auf den Mund, als hätte er's denken können: Ich verlangte Opern nicht, wenn ich nur die Worte der Menschen hören könnte! --

Ein seltsames Mitleid erfaßte mich für den armen Mann und die Dame setzte bei:

»Wie das traurig ist! Sterben zu müssen, ohne Wagner gehört zu haben!« --

In N. angelangt, wollte ich meinem stummen Nachbar etwas zu essen verschaffen, aber er sprang selbst auf, nahm am Schänktisch Schinken und Bier, warf dafür den Betrag hin, setzte sich wieder ins Abteil und vermummte sich in den Pelz.

»Er weiß sich doch zu helfen,« sagte eine der Frauen.

»In den Taubstummen-Instituten genießen solche Leute heutzutage ja eine beinahe vollkommene Ausbildung.«

Und sie hielten der Humanität ihres Jahrhunderts eine gebührende Lobrede.

»Ein wunderschöner Mensch!« hauchte eine der Frauen, in das Anschauen des Unglücklichen versunken.

Dann war davon die Rede, ob er etwa gar verheiratet sei, oder ob Taubstumme überhaupt heiraten dürften; ein gesundes Mädchen; ob sich der Zustand auch auf die Kinder fortpflanze.

»Bleiben natürlich nur auf +einem+ Ohre taub,« war eine Ansicht.

»Und stumm nur die Knaben,« gab ich zu, »bei Frauen ist überhaupt dieser Mangel schwer zu denken.«

So spielte sich das Gespräch, dann kam anderes dazwischen, auch jene Müdigkeit, der bei längerer Fahrt jeder Reisende, er mag anfangs auch noch so frisch gewesen sein, anheimfällt. Schien es doch, als hätte uns der Taubstumme angesteckt, bis wir endlich um die Abenddämmerung in den Bahnhof von G. einfuhren.

Das Jahrhundert reiste, nachdem ich mich recht artig von ihm verabschiedet hatte, weiter; ich suchte dem aussteigenden Taubstummen behilflich zu sein, dieser war dann in der Menschenmenge rasch verschwunden.

Ich hielt mich in G. mehrere Tage auf, doch bekam ich den Reisegenossen nicht mehr zu sehen und ich vergaß auch bald der kleinen Gesellschaft im Gelaß. Dachte selbst nicht an die schönen Aussprüche der einen Dame über den Sinn des Gehörs und über die Musik, als ich eines Abends ins Theater zur Oper »Aïda« ging. Diese meine Lieblingsoper hatte ich schon in verschiedenen Ländern gehört, wozu ich noch bemerken will, daß mich gerade die italienische Aufführung im Vaterlande des Komponisten am wenigsten befriedigte. Diese überaus ergreifende und originelle Musik wollte mir in dem hüpfenden Tempo des Welschen nicht behagen; selbst Meister Verdi soll sie erst in der getragenen Weise der Deutschen recht liebgewonnen haben.

Als weiteres Motiv meines Theaterbesuches war der Opernsänger Wildmann, der eben in G. gastierte. Ich hatte meinen Platz im zweiten Parterre, und als der Vorhang aufging, war ich sowohl von der geschmackvollen Ausstattung als auch von der guten Besetzung der Oper an dieser Provinzialbühne angenehm überrascht. Wildmann als Radames wurde mit einem wahren Beifallssturme begrüßt und als ich -- es war das erstemal -- seinen in der Tat herrlichen Tenor hörte, mußte ich des wunderlichen Ausspruches gedenken: O Gott, ich danke dir für mein Ohr! -- Doch, die Züge des Sängers! Die ganze Gestalt -- wo war ich der schon begegnet? Ich wurde unruhig, ich bohrte meine Augen mit aller Anstrengung in das Opernglas, und im ersten Zwischenakte tauschte ich meinen Platz für einen des ersten Parterres um, daß ich noch besser sehen könne.

Hier sah ich's denn auch noch besser. Und sah es: der berühmte Opernsänger Wildmann war niemand anderer, als mein Taubstummer vom Eisenbahnzug.

War's möglich? Das weiß ich nicht, aber es war. Auf der Bühne geht ja oft genug das Unmöglichste vor -- doch was sollte einer gerade mit dieser Maske bezwecken? Sonnenklar war's mir bald: nicht hier, nein, dort im Gelaß hatte er Komödie gespielt. Doch warum? Für den Kunstgenuß war mir der Abend verdorben. Wildmann sang hinreißend, und er riß das Publikum zum rasenden Beifall hin -- aber mich wurmte der Taubstumme. Dieser Taubstumme, der das feinste Gehör hatte im ganzen Reiche, und die herrlichste Stimme!

Kaum daß das Sterbelied der Eingemauerten verklungen war, eilte ich auf die Bühne, ich mußte den Mann sprechen, ich mußte ihn sprechen hören zu mir, mir gegenüber in nächster Nähe. Ich mußte ihm meine Freude zujubeln darüber, daß er nicht taubstumm war.

Der Regisseur sagte mir, Herrn Wildmann würde ich nach dem Theater im »Hotel Dachstein« finden. Ich ging ins genannte Hotel, in dessen Silbersalon die Künstler, Schriftsteller und anderen Schöngeister von G. sich einzufinden pflegen. Da saß nun auch bald inmitten einer munteren Gesellschaft mein Opernsänger und war der munterste von allen.

Ich saß abseits an einem Tische und beobachtete mir das laute, lustige Treiben des Theatervölkleins, in welchem jeder und jede so voll Geisteselektrizität war, daß während des Klapperns mit Messer und Gabel, während des Gläseranstoßens mit schäumendem Weine die Funken des Witzes wie lebhaftes Kleingewehrfeuer hin und wieder über den Tisch sprangen.

Endlich -- als sich die Gesellschaft im Saale ein wenig zu lichten begann und auch von den Theaterleuten sich einige verabschiedet hatten -- stand ich auf, trat zum Künstlertisch, nannte meinen Namen und bat in höflicher Weise, ob ich es wohl wagen dürfe, mich für den Rest des Abends dem glänzenden Kreise einzureihen, wie ein Glaskrystall unter Diamanten.

Ich sei willkommen, sagten einige ziemlich gelassen und rückten mit den Stühlen. Herr Wildmann aber rief: »Der Tausend, das ist ja mein Reisegefährte!«

»So ist es,« sagte ich mich verneigend.

»Dann habe ich mich gefaßt zu machen auf einen Angriff,« lachte der Sänger.

»Allerdings beabsichtige ich etwas, was mir damals nicht gelungen ist, nämlich Sie zur Rede zu stellen. Es freut mich, Herr, es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, und ich bewundere den ausgemachten Schauspieler, der in Ihnen steckt.«

»Ja,« sagte Herr Wildmann lustig, »man verlangt von den Opernsängern eben, daß sie auch ein wenig Schauspieler seien.«

»Diese Verstellung! Dieser betrübte Blick zum Beispiel, als ich damals ins Abteil stieg!«

»Erklärlich auch ohne Verstellung. Sie sind mir nämlich auf das Hühnerauge getreten.«

Die Gesellschaft war aufmerksam geworden und wußte bald, um was es sich handle, und sie lachte.

»Wir haben Sie in der Tat für einen Taubstummen gehalten,« sagte ich.

»Ich weiß es,« lachte der Opernsänger, »ist aber Ihre Schuld, oder hätte ich Ihnen gesagt, daß ich's bin! Übrigens -- Prosit!« Er schob mir ein perlendes Stengelglas zu: »Prosit!«

»Übrigens,« fuhr er dann fort, »daß ich nicht allein +spreche+, sondern daß ich Ihnen auch Wahrheit sage! Ich habe es auf meinen häufigen Eisenbahnfahrten darauf abgesehen, für taubstumm gehalten zu werden. Erkennt man mich nicht und gelingt es mir, die Mitreisenden zu täuschen, so erwachsen mir aus meiner taubstummen Rolle unschätzbare Vorteile. Erstens schone ich meine Stimme, die unter dem steten Gepolter des Zuges nicht gewinnen würde, zweitens vernehme ich manches lehrreiche Gespräch, das man sonst in seinem Leben nicht wieder zu hören bekäme, köstliche Bemerkungen über die gehörlose Person, mitunter auch die freimütigsten Urteile über Theater und Oper und über den Sänger Wildmann, wie das eben auch bei unserer gemeinsamen Fahrt der Fall war. Allerdings kann man dabei auch Dinge zu hören bekommen, bei denen man nur herzlich bedauert, nicht wirklich taubstumm zu sein. Ich schmeichle mir, einige Menschenkenntnis zu besitzen, die mir wahrscheinlich länger treu bleiben wird als meine Stimme und aus der ich noch einmal Kapital zu schlagen gedenke. Wem verdanke ich sie? Den Stunden, da ich schwieg und scheinbar nicht hörte.«

»Vielleicht werde ich es Ihnen nachmachen,« war meine Bemerkung.

»Sie sind auch Künstler,« sagte er, »versuchen Sie's. Wohl dürften Sie ruhig bleiben, wenn man Ihre Bilder lästert; aber wenn man dieselben mit Enthusiasmus preist, und es kommt kein Glanz in Ihr Auge, dann erst sind Sie Meister der Verstellungskunst. Versuchen Sie's, es ist nicht leicht.« -- --

Der Sänger und der Maler wurden an demselben Abende Freunde zu einander und verlebten mitsammen noch eine köstlich heitere Stunde, bis es ersterer endlich an der Zeit fand, die Kammer zu suchen und sieben Stunden lang wirklich taubstumm zu sein.

Hauptmann Fortner und seine Frau.

Hauptmann Fortner besaß so ziemlich alles, was Glück genannt wird unter den Menschen. Er hatte -- und das sage ich voraus -- ein lebensfrohes und naturfreudiges Herz. Sein Name war umleuchtet vom Glanze einer Heldentat. Er erfreute sich an einem schönen Weibe, an einem frischen, aufgeweckten Kinde. Nur eine Kleinigkeit fehlte ihm, die aber nötig ist, um dem Leben so recht nachlaufen zu können: anstatt des rechten bluteigenen Beines hatte er einen hölzernen Stelzfuß. Freilich war er auf dieses Stück Birkenholz stolzer als auf alle seine übrigen Glieder zusammen. Bei der Erstürmung von Serajewo hatte er den Fuß verloren und den Heldenglanz gewonnen. Aber dieses empfindungslose Stück Birkenholz schmerzte ihn mehr als alle übrigen Glieder zusammen, und es waren doch etliche darunter, die häufig durchzuckt wurden von rheumatischer Erinnerung an Bosnien. Das hölzerne Bein hatte ihn verdammt zum Ruhestand in jungen Jahren, die härteste Verdammnis, welche ein Soldatenherz zu treffen vermag.

Doch mochte Hauptmann Fortner deswegen mit dem Schicksale nicht viel hadern. Er hatte sein Opfer redlich gebracht, und sein im Grunde weiches, friedliebendes Gemüt bequemte sich zum beschaulichen Pensionistenleben. Die Winterszeit in der Stadt war gerade nicht nach seinem Sinne. Er ging zwar auf Stelzfuß und Krücke wacker spazieren -- denn Stubenhocken, das war seine Sache nicht -- aber die mitleidigen Blicke waren ihm zuwider, und er ließ seinen Schnurrbart so martialisch auswachsen und schaute so scharf und finster drein, daß seine kampflustige Miene die mitleidigen Herzen zurückschreckte. Anders war es im Sommer, wo er mit seiner kleinen Familie auf einem Dorfe zu wohnen pflegte, in einem weiten Talkessel, der mit schönen Bergen und dunkelnden Wäldern umgeben war. Da konnte er sich erfreuen an den Verrichtungen fleißiger Arbeiter, denen er oft stundenlang vergnüglich zusah, konnte sich ergötzen an der landschaftlichen Natur, zu der er Jahr für Jahr größere Neigung empfand.

Seine Frau Emma harmonierte in all diesen Dingen lange Zeit ganz mit ihm, nur daß ihre gesunden Glieder noch weiter ausholen wollten und konnten. An den zahmen Spaziergängen durch Wald und Wiese fand sie nicht Genügen; mit zweien ihrer Brüder hatte sie einst eine Hochgebirgswander gemacht, und die ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Da sie ihren Knaben in der Pflege einer verläßlichen Kindsfrau wußte, so versäumte sie keine Gelegenheit, um sich Gruppen anzuschließen, die auf einen oder den anderen Berg stiegen, wie solche sich im Hintergrunde des grünen Gaues gewaltig erhoben. Sie sei verliebt in die hohen Berge! so sagte sie selbst, weil eine Frau alles, was ihr gefällt, mit der Liebe zusammenspannt. Der Hauptmann schaute manchmal der wohlausgerüsteten munteren Gesellschaft ein wenig betrübt nach. Das Herz tat ihm weh darob, daß er keinen der ins Land hinausleuchtenden Alpengipfel mehr erreichen konnte, und es tat ihm weh, daß -- doch genug der Wehmut für einen Soldaten! Sie ist tapfer und kommt ihm wohlbehalten wieder zurück.

Also geschah es eines Tages, daß ein Bruder von Frau Emma, der Reserveleutnant war, einige junge Leute mitbrachte aus der Stadt in das Dorf; unternehmungslustige Studenten. Sie wurden natürlich dem Herrn Hauptmann Fortner und seiner jugendlichen Frau Gemahlin vorgestellt und von diesen eingeladen zum Kaffee. Bei dem Kaffee entstand der Plan zu einer Besteigung des Hochschwab. Allgemeiner Jubel; nur der Hauptmann schwieg und dachte: Mußt dich eben begnügen damit, andere in Bergeslust zu wissen. Am Abende desselben Tages, während seine Frau ihm wie gewöhnlich das Rauchzeug zurecht tat, stülpte sie ihren weichen Arm ganz leicht auf seine Schulter: »Nicht wahr, lieber Mann, du hast nichts dagegen, wenn ich morgen mit von der Partie bin?«

»Wohin?« fragte er rasch.

»Die auf den Hochschwab geht. Gelt, dir ist es recht?«

Der Hauptmann stopfte seine Pfeife und sagte nichts. Ihm war zumute, als ob ihm jetzt etwas sehr Unangenehmes passiert wäre, und er konnte oder mochte sich doch keine Erklärung geben, weshalb er seine Frau nicht mit der Partie wissen wollte. Sie hat ja recht, hat zwei gesunde Füße und die Berge sind ihre Freude. Warum nicht? Der kleine Fritz zu Hause ist geborgen und versorgt. Allein ...

»Wirst du dich denn auch unterhalten mit den weltfremden Leuten?« fragte er sie fast zärtlich.

»Die werden mich wenig kümmern,« antwortete die Frau, »ich gehe nur mit meinem Bruder Hans. Und am Abende, sagen sie, können wir wieder zurück sein.«

»Es wird etwas spät werden,« bemerkte der Hauptmann kleinlaut. Weil sie betrübt war, daß er keine bestimmte Antwort gab, sagte er endlich: »Ja, ja, Weibchen, wenn es dir Vergnügen macht, gehe nur.«

Am nächsten Morgen wollte er ihr noch Verhaltungsmaßregeln sagen, denn für den Hochschwab kam sie ihm etwas zart und unerfahren vor. Doch als er aufwachte, war sie längst schon fort und ihr leeres Bett hatte nur die herzige Unordnung der verschobenen Decken und Kissen, in welchen stellenweise noch der Eindruck ihres Körpers zu sehen war. Schon um drei Uhr morgens, so erzählte die Kindsfrau, wären die jungen Herren draußen gewesen, aber bevor sie noch am Fenster klopften, sei die gnädige Frau flink und leise aus dem Bette gesprungen und kurze Zeit darauf schon vollkommen marschfertig mit ihnen gegangen. Im Wirtshause wäre Tee gekocht worden und dann habe man die Gesellschaft vom Waldschachen her, wo sie angestiegen, noch munter lachen gehört. Es müßten lustige Leute dabei sein, und über Studenten stehe einmal nichts auf.

Als einst bei Serajewo der Arzt dem Hauptmann Fortner mitgeteilt, daß er sich für alle Zukunft mit einem einzigen Beine werde behelfen müssen, war ihm ein wenig weh geworden ums Herz. Aber so nicht wie jetzt, so weh nicht wie jetzt. Der Zeiger der Uhr stand auf sechs, noch fünfzehn Stunden oder länger, bis sie wieder da sein wird. Mißmutig suchte er sein Holzbein anzuschnallen, es wollte nicht recht gehen, die Kindsfrau machte sich erbötig, ihm dabei zu helfen, er wies sie fast unwirsch zurück zum Knaben und bediente sich zur Not allein.

Im Laufe desselben Vormittags, als der Hauptmann unter der Linde saß, kam der Fleischerknecht mit dem großen Hunde des Weges; ein Kalb wurde herangezerrt und gehetzt. Der Hund sprang hinten drein, bald links, bald rechts, bellte heftig und tat, als ob er dem Kalb in die Beine schnappen wollte, so oft es sich weigerte zu gehen.

»Mylord, setz ab!« rief der Bursche dem Treibhund zu; da stellte dieser augenblicklich seine Arbeit ein und der Fleischer band den lockergewordenen Strick sorgfältig um den Hals des Tieres.

»Die Schwabengeher werden schon hoch oben sein!« rief er so nebenbei dem Hauptmann zu.

»Hast du sie gesehen?«

»Bei der zweiten Fölzbrücke sind sie mir begegnet,« berichtete der Bursche, »sind ihrer aber nicht mehr alle. Der Herr Leutnant hat in der Hütte zurückbleiben müssen.«

»Mein Schwager?«

»Hat sich beim Zaunstiegel den Fuß so stark verstaucht, daß es aus war.«

»Ist doch meine Frau bei ihm geblieben?« fragte der Hauptmann.

»Die Geißer-Gretel gibt ihm Umschläge.«

»Und meine Frau?«

»Sie werden jetzt schon hoch oben sein. -- Na, vorwärts. Pack an, Mylord!«

Unter Gekläffe trappelte es weiter, und der Hauptmann blieb an der Linde zurück. Aber er war aufgestanden. Vor allem ließ er einen Wagen einspannen und fuhr zur Hütte in der Fölz. Dem Herrn Leutnant ging's nicht am schlimmsten, er war schon wieder davon, aber nicht auf den Hochschwab, sondern, wie ein Halter schmunzelnd dartat, in die untere Fölzsteinalm, wo die kraushaarige Geißer-Gretel ihre Ziegen hütete.

Im Herzen des Hauptmanns wütete ein heißer Zorn. Er machte allen Ernstes den Versuch, das Gebirge hinanzuklettern, es ging nicht. Er fuhr zurück ins breite Tal, und auf einer Anhöhe stieg er aus und starrte hin in die Wände. Die Wände waren hoch und ätherblau, die Spitze des Gebirges, die weit dahinter lag, war nicht einmal seinem Auge erreichbar. Wenn er an die Beschwerden dachte, die von den Touristen etwa zu überwinden waren, als hartes Klettern, Sonnenbrand, Durst, Sturm, Frost, Erschöpfung, da wurde ihm leicht und tröstlich; wenn er sich aber vorstellte, wie sie auf grünen Matten rasteten, oder in Felsnischen saßen, aßen, tranken, scherzten, da wollte er vergehen vor Qual. Am Nachmittage suchte er bei seinem Kinde Linderung des Gemütszustandes. Der Knabe war im dritten Lebensjahre und trieb allerlei Ergötzlichkeit mit seinen hölzernen, rot angestrichenen Türken, mit seinen kleinen Zehen, mit des Vaters Schnurrbart und Nase, der Vater scherzte überlaut mit dem Kinde, blickte dabei immerfort auf die Uhr, die es heute so gar nicht vorwärts brachte.

»Papa!« sagte der Kleine plötzlich, »werden die Studenten Mama wieder zurückbringen?«

Gegend Abend stand er immer nur am Fenster. So oft er auf der Gasse Schritte oder einen Wagen hörte, steigerte sich seine Spannung. Zum Nachtmahl bestellte er ihr Lieblingsgericht, Forellen mit Artischocken. Es ward neun Uhr, es ward zehn Uhr, sie kam nicht. Die Nacht war finster und schwül, manchmal leuchtete ein matter Blitzschein auf. Der Hauptmann legte sich zu Bette, aber als der Tag anbrach, hatte er noch kein Auge geschlossen. Am Vormittage stellte sich sein Schwager Hans ein, der sehr aufgeweckt war und versicherte, daß sein Fehltritt über die Zaunstiegel sich schon wieder bekehrt habe.

»Zum Teufel, wer kümmert sich um deinen Fehltritt!« rief der Hauptmann, »wo meine Frau ist, will ich wissen.«

»Sind sie noch nicht da?« fragte der Leutnant überrascht. »Also müssen sie in den Fölzerhütten übernachtet haben.«

»Mensch!« sagte der Hauptmann und umklammerte mit ehernen Fingern den Arm des Schwagers, »Mensch, hast du denn wirklich keinen Hauch einer Ahnung von dem, was Frauenehre ist!«

»Mit solchen Begriffen, lieber Freund, plagt sie sich selber nicht,« antwortete Schwager Hans. »Bei Hirtinnen nimmt man's nicht so genau.«

»Und was man so Ritterlichkeit nennt unter Brüdern,« sagte der Hauptmann mit niedergedämpfter Wut. »Du hast dich zum Begleiter meiner Frau, deiner Schwester, gemacht und hast sie fremden jungen Männern überantwortet. Die einzige Dame mit Studenten auf einer Bergpartie, in Alpenhütten ... Man muß Sägespäne im Kopfe haben ...«

»Na, erlaube mir!« fuhr der Leutnant auf, »in diesem Tone lasse ich von meiner Schwester nicht sprechen!«

»Den Spieß umkehren! Auch gut!« rief der Hauptmann seiner nicht mehr mächtig. »Kuppler!«

Der Leutnant schoß auf dieses Wort wie von einer Feder geschleudert in die Luft. In demselben Augenblicke erhoben sich vor dem Hause fröhliche Stimmen. Die Touristen waren da. Keine allzugroße Müdigkeit sah man ihnen an, sie waren fröhlich und die junge Frau Hauptmännin war trotz der Schäden, die sie an ihrer Kleidung trug, lustig bis an die Grenze der Ausgelassenheit. Die jungen Herren verabschiedeten sich vor der Tür von der Frau, die sie noch an ein Versprechen erinnerte, bei einer nächsten Partie wieder ihre Kameraden zu sein.

Warum gehen sie heute nicht ins Haus, die jungen Herren? Warum treten sie ihm heute nicht unter die Augen?

Hauptmann Fortner hatte sich zurückgezogen auf seine Stube, er hätte es gerne gesehen, wie sich seine Frau beim Wiedersehen des Kindes benahm, er hätte gerne erfahren, ob sie nicht Ungeduld habe, den Gatten zu begrüßen. Sie kam aber nicht, sie zog in ihrem Gemache das zerfahrene Gewand aus, sie zog einen Sonntagsstaat an und machte sorgfältig Putz. Endlich hielt er es nicht mehr aus, er trat bei ihr ein und fragte kurz: »Was wird denn heute noch sein?«

»Warum?« fragte sie, wie über seine Frage befremdet.

»Bekommen wir Besuch, oder machst du welchen?«

»Ah, du meinst, weil ich ein frisches Kleid angezogen habe? Mein Gott, soll ich nicht mehr ein anständiges Gewand am Leibe tragen?«

Trotzig? Wie? Auch die dreht den Spieß um, dachte der Hauptmann, aber das wird mich nicht irremachen.

»Emma,« sagte er mit Aufwand aller Fassung, »du scheinst von mir Vorwürfe zu befürchten, weil du mir mit den deinen zuvorkommen willst.«

Alsogleich richtete sie sich auf und fragte: »Wieso?«

»Sei ganz unbesorgt,« entgegnete er, »Vorwürfe werde ich dir nicht machen. Aber das wirst du dir merken: heute bist du das letztemal mit fremden Leuten auf einer Landpartie gewesen.«

Sie blickte ihn betroffen an.

»Außer in meiner Gesellschaft wirst du keinen Fuß mehr in die Welt setzen.«

»Deine Gefangene also,« entgegnete sie. »Es ist wohl ein Verbrechen, auf den Berg zu steigen. Es geht zwar alles hinauf, nur die Philister nicht. Und die Krüppel nicht. Ich will mein junges Leben --«

»Kein Wort mehr! -- Du hast weder Takt noch --« Er sprach das Wort nicht aus.

Sie war still. Mit einer Handarbeit machte sie sich zu schaffen.

»Ich werde keine Landpartie mehr machen,« schluchzte sie in ihr Spitzentuch hinein. »Ich will vergessen, was das ist, auf einem Berg zu sein. Ich werde zu Hause bleiben. Das werde ich tun, ich verspreche es.« Und sie weinte kläglich.

Er verließ ihr Zimmer, denn lange wäre es ihm nicht möglich gewesen, fest zu bleiben. --