Part 13
Seit diesem Tage war es schon eine Weile her. Der Schwager Hans hatte anfangs fast Duellgedanken gehegt, sich endlich aber dafür entschieden, nicht mehr in das Haus des Hauptmanns zu gehen, solange dieser ihn nicht ausdrücklich zu sich bitte. Der Hauptmann bat ihn aber nicht zu sich. Sein Verhältnis zur Frau war äußerlich wie früher. Von der Alpenpartie war nicht ein Sterbenswörtchen mehr gesprochen worden. Nur der Kindsfrau war eines Tages eine anzügliche Bemerkung über die schönen Studenten entschlüpft, das kostete ihr den Dienst. Der Hauptmann zahlte ihr auf der Stelle den Monatslohn aus und sie war entlassen. Frau Emma war seit jenem Tage in der Tat nicht hundert Schritte vom Hause fortgegangen. Sie saß immer, auch beim schönsten Sommersonnenschein, in ihrem Zimmer oder im Hofraum neben dem Hühnerstall und stickte altdeutsche Zieraten in Tisch- oder Bettwäsche.
Anders der Hauptmann. Ob heller Sonnenschein den weiten Talkessel füllte bis zum Überschäumen, oder ob schwere Wolken über dem Tale lagen, wie ein eherner Deckel mit Arabesken, den Hauptmann zog's hinaus. Mit mühseligem Schritte ging's voran, aber sein Antlitz war erfüllt von Naturfreude, und sein Auge war offen für alle Vorgänge in Flur und Wald und Wasser und Stein und am hohen Himmel. Dann saß er am Feldrain und blickte hinaus in das Bergrund, dessen Linien mit einem Ätherhauche sanft verschleiert waren, so daß die Felshäupter und Almkuppen doppelt weit entfernt und doppelt hoch erschienen. Und der Grund des Tales lag da wie ein Schachbrett mit den durch graue Holzzäune geteilten Quadratchen seiner grasgrünen Wiesen und strohgelben Felder; darauf die Figuren der Höfe und Baumgruppen und der alten Burg, die auf einem Felskopfe stand. In der Sohle Tiefe lag eine weiße, stellenweise breit auseinanderquellende Sandriesel, in der sich jetzt ein winziges Bächlein schlängelte, fast verschmachtend wie eine Forelle auf dem Trockenen. Der Hauptmann freute sich an all der Augenweide, aber in seine Freude klang leise, ganz leise ein Glöcklein des Schmerzes. -- Dann humpelte er durch das feuchte Dunkel des Waldes, wo der Hauch der Germen und der Genzianen und der Zyklamen war. Was das Herz frisch wurde mitten in diesem ungeheuren Neste des Lebens! Doch, das Glöcklein in ihm klang fort, leise, aber immer und immer. -- Wäre ich nicht allein! so quoll es einmal hervor zwischen seinen Lippen, denn im Grunde erträgt ein reges Herz die Freude nicht weniger schwer allein, als das Leid. Und die Natur, wenn sie in ihrer allebendigen Stille unter uns, über uns daliegt, um uns webt und leuchtet, eine ewige Harmonie der Kräfte auf der Wage unendlicher Räume, nur zum kleinsten Teil wahrgenommen, erfaßt von unseren Sinnen -- sie wirkt schier beklemmend auf die Seele. Unsere Glücksahnung und Wohlempfindung darüber, daß wir ein Teilchen dieser vollkommenen, unzerstörbaren, unendlichen Größe sind, wird getrübt durch das Bewußtsein, daß es unmöglich ist, das Ganze, zu dem wir gehören, zu überschauen und zu begreifen. Uns beginnt zu bangen vor den allewigen Gewalten, so sehr ihre Erscheinungen unsere Sinne auch entzücken mögen, und wir fliehen zu geliebten Menschen, bergen unser zitterndes Herz an einer fühlenden Brust.
Etwas unstet stolperte unser Hauptmann dahin, wenn solche Gedanken und Empfindungen ihn bewegten. Da war es auch, daß er am See stand. Er setzte sich auf einen stumpfkantigen Stein, der von der Felswand niedergebrochen war und schaute hin auf die glatte Tafel, die mittendurch einen Sprung hatte, der eine Teil war der tiefschwarze Spiegel des Fichtenwaldes, der andere des lichten Himmels. Wie freundlich und wie kurz ist der Weg zu allen diesen Schönheiten, und wie leicht ist er zu gehen; ein wahrer Genuß für den, der gesunde Füße hat. Und doch ist niemand da, und die Bäume und die Steine und die rieselnden Ufer sind einsam, und der Mensch, der hier sitzt und hinausschaut ... Muß man denn immer voller Mühe und Gefahr und anderen Args hoch hinaufsteigen ins tote Gestein? Ist die Schönheit denn nicht am schönsten, wenn man mitten in ihrem urheiligen Wehen und Weben steht? -- Sie weiß es nur nicht, wie leicht sie das alles haben könnte, und sie sitzt zwischen Mauern wie eine Gefangene.
Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. Mitten aus der stimmungsvollsten Landschaft ging er fast zornig fort und nach Hause. Seine Frau saß im Hofe, neben der Scheunenstiege auf einem Sockel und stickte. Nach drei Seiten waren die Mauern, an deren Ecken Strohhalme wirr niederhingen und Spinnenweben klebten. Die vierte Seite war von einem Holztore geschlossen, über das ein Stückchen Himmel hereinblaute. Emma wollte nicht einmal dieses kümmerliche Stück Ätherblau sehen, sie schaute auf ihre Arbeit und stickte. Die Magd fegte mit einem Besen den Hof aus, der Staub umwirbelte die Frauengestalt; sie hüstelte und kehrte sich nicht daran. Also trat der Hauptmann an sie heran und sagte mit freundlicher Stimme: »Emma, heute sollten wir doch zusammen einen kleinen Spaziergang unternehmen. Es ist zu himmlisch draußen. Komm!«
Sie bückte sich nach einer Nabel, die aber gar nicht hinabgefallen war, und antwortete ganz leichthin: »Nein, ich bleibe zu Hause.«
Er schwieg und ging allein wieder hinaus. Am nächsten Tage nahm er seinen Knaben mit, der aber hockte mitten auf der sonnigen Straße hin und beschäftigte sich mit Steinchen und Käfern und der Hauptmann blieb doch allein mit seiner Freude an der großen landschaftlichen Natur und mit seinem Drange, sie mit einem lieben Menschen teilen zu können. --
So war es in diesem Sommer und so war es im nächsten Sommer. Der Hauptmann ging allein und mühselig in der Gegend umher und Frau Emma saß daheim in den engen Mauern ihres Hauses. Sie sagte kein Wort davon, daß sie auch einmal hinaus möchte. In unbewachten Stunden aber war zum Fenster hinaus ihr Auge sehnsuchtsvoll gerichtet nach den Zinnen des Hochschwab, die über den Waldungen niederleuchteten. Da trat der Hauptmann wieder einmal zu ihr hin und sagte: »Liebes Kind, wenn du wüßtest, wie schön es ist da draußen auf dem Feldpfade, da drüben im Walde, am See!«
»Ja, ich kann mir's denken,« sagte sie und stickte.
»Auch dieser Sommer wird bald dahin sein,« fuhr er fort, »und du hast wieder nichts gehabt vom Landleben.«
»Ich bin ganz zufrieden hier im Hause,« war ihre Antwort.
»Aber es wäre so nett, wenn wir säßen da oben unter dem Ahorn und ins weite Tal hinausschauten und plauderten, und Fritz spielte neben uns im Grase oder sammelte Beeren.«
»Nimm ihn nur mit,« sagte sie, ohne aufzublicken. »Ich warte, bis er so groß ist, daß man mit ihm Alpenpartien machen kann.«
»Muß es denn gerade eine Alpenpartie sein?« fragte er, sogleich ärgerlich.
»Das muß es nicht,« sprach sie, »darum sage ich ja, daß ich zu Hause bleibe.«
Also ging er wieder allein davon. Dieser Sommer war besonders einladend zu Spaziergängen. Die morgendlichen Wiesen voll Taues, die mittägigen Wälder voll Blumenduftes und Schmetterlingsgegaukel, die abendlichen Schluchten voller Lichtspiele. Und die Vollmondnächte mit ihrem stillen, fast überirdischen Zauber -- dem einsamen Menschen wurde immer nur weh' im Herzen. Blumen pflückte er, Waldfrüchte sammelte er und brachte sie heim seinem Weibe.
»Ah, wie hübsch!« sagte sie, »danke dir!« legte den Strauß neben sich hin und stickte.
Einmal brachte er sie bis zum Baumgarten. Sie saß unter einem Apfelbaum und arbeitete. Manchen kurzen Blick tat sie hinaus zwischen den schlanken Stämmen und dem luftigen Laub in die freie, mit silberigem Duft gesättigte Gegend, er merkte ihr an, wie wohl ihr war und sein Entzücken darüber, er vermochte es nicht zurückzuhalten.
Da sagte Frau Emma plötzlich: »Ich glaube es wird kühl,« raffte ihre Sachen zusammen und ging hinab zum Hause.
So war es Sommer für Sommer. Frau Emma saß in ihrem Zimmer oder im Hofe, der Hauptmann strich mit seinem Stelzfuße über die Matten, über sonniges Heideland, in schattenfrische Gründe. Fritz wuchs heran, ward ein aufgeweckter Junge, blieb aber, wenn er auf den Schulferien zu Hause war, weder bei der stickenden Mutter in der Stube, noch ging er mit dem beschaulichen Vater. Er suchte Kameraden, mit denen er auf die Bäume kletterte, auf hohen Stelzen gehen, in den Bächen Krebse fangen und andere Knabenlust hegen konnte.
Zehn Jahre war er alt, als eines Tages seine Mutter zu ihm sagte: »Daß du doch den ganzen Tag herumlaufen kannst! Wirst du denn nicht müde?«
Der Junge blickte sie verwundert an; müde sein, er wußte nicht, was das wäre. Noch am Abende wollte er nicht ins Bett, aber als er endlich drin lag, schlief er auch schon.
»Wenn du gar nicht müde wirst, so kannst ja mit mir einmal auf den Hochschwab gehen!« sagte die Mutter.
Da jubelte Fritz auf, klatschte in die Hände, hüpfte vor Freude auf einem einzigen Fuß herum und jauchzte: »Auf den Hochschwab! Auf den Hochschwab!«
Darüber freute sich nun auch der Hauptmann. Zwar äußerte er anfangs einiges Bedenken, das aber gründlich niedergeschlagen wurde. Sie würden sich einen Führer nehmen, wenn es sein müsse, übrigens wisse sie -- Frau Emma -- auf den Bergen wohl Bescheid. Die Vorstellung, daß seine zwei liebsten Menschen den großartigen Naturgenuß haben würden und er selbst sozusagen durch die Augen seines Weibes und seines Kindes die Welt wieder einmal vom hohen Berge aus anschauen könne, trug in dem Hauptmann den Sieg davon. Er versorgte sie mit allem Notwendigen und ließ sie gehen.
Und in einer kalten Tagesfrühe, als der Morgenstern aufstieg über den Bergen des Mürztales, verließen Mutter und Sohn das Haus. Ein Träger ging mit ihnen, der jedoch nach einigen Stunden überflüssig wurde, denn als sie auf den Höhen waren, hatten sie den Mundvorrat zum Teile aufgezehrt und die Überkleider angezogen. Was gab es da noch viel zu tragen! Die Frau nahm die Ledertasche an sich und schickte den Träger zurück.
Hauptmann Fortner saß wieder auf seiner kleinen Anhöhe, blickte zum Hochschwab empor wie einst, und dachte seinem Weibe nach wie einst. Aber heute nicht mit Trauer, sondern mit frohem Stolze. War doch er selbst bei ihr in seinem frischen, tapferen Söhnlein; an Seite dieses Ritters wußte er sie gerne. Und auf den Träger und Führer konnte man sich wohl auch verlassen. Also saß er da den lieben langen Tag über und genoß die Alpenherrlichkeit, als wäre er oben mit seinen lieben zwei Menschen. Am Abende wollte er ihnen dann entgegenfahren durch das Hochtal, denn die Rückkehr war noch für denselben Tag bestimmt. Aber am Mittage kam der Führer zurück und berichtete, sie wären allein oben und hätten ihn zurückgejagt. Für das erste kam jetzt ein Donnerwetter über den Mann, der seine ihm Anvertrauten verlassen hatte; dieser aber entgegnete, er hätte gemeint, den Weibern müsse man ihren Willen lassen. Und sie würden ja gar nicht auf die Spitze des Schwab wollen, sondern sich wahrscheinlich auf die grüne Alm hingelegt haben. Auch habe er andere junge Leute oben gesehen, die Kohlröslein und Edelweiß gesucht. Gegen Abend würden alle wohlbehalten wieder herabkommen. -- Für das zweite ließ der Hauptmann sofort einspannen und fuhr durch das Hochtal hinauf, soweit der Weg fahrbar war. Als dieser in einer breiten Sandhalde sich verlor, stieg der Hauptmann, aus und wollte es mit der Krücke versuchen, emporzusteigen. Da kamen sie herab. Einige Knaben waren es, Hirten und Bauernjungen, und mit ihnen auch der Fritz.
»Seid ihr da?« rief ihnen der Hauptmann entgegen.
»Ich will nicht fahren, Papa!« schrie Fritz, »wir wollen zu Fuß gehen und Krebse fangen. Ich bin gar nicht müde.«
»Wo ist die Mutter?« fragte er.
Da stutzte der Junge.
»Mama wird ja voraus sein,« sagte Fritz. »Der,« er deutete auf einen anderen Knaben, »der hat gesagt, daß sie voraus ist.«
Hierauf erzählte Fritz: Als sie oben an den Felsen gewesen, habe er die Knaben gesehen, die im Gewände Blumen gesucht hätten. Er habe sie gekannt und sei zu ihnen hingelaufen, und sie hätten einen Hut voll schöner Rosen gefunden. Dann sei ein anderer Bub gekommen und habe gesagt, Mama wäre wohl schon hinabgestiegen, und dann wären sie auch eilends hinabgegangen. -- So war der Junge nun da und die Mutter nicht mit ihm. Dem Hauptmann ging es kalt wie Stahl ins Leben. Da er gesehen, daß es für ihn unmöglich war, hinanzuklettern, fuhr er eilends zurück ins Tal und bot Leute auf, sein Weib zu suchen. Am späten Abend stiegen sie an, aber am nächsten Morgen waren sie noch nicht zurück. Fritz schlief in derselben Nacht so fest und süß, daß in dem verzweifelten Vater ein Haßgefühl erwachte gegen sein eigen Kind, das so sorglos und leichtsinnig sein konnte, die Mutter auf wildem Berg zu verlassen und dann daheim im Federbette gottlos ruhig zu schlafen.
Am nächsten Mittag war noch niemand zurück. Am darauffolgenden Abende kam einer der suchenden Männer, um zu fragen, ob sie nicht etwa doch schon zu Hause sei.
»Unseliges Kind!« rief der Hauptmann, den Knaben rüttelnd, er wollte ihn würgen und küssen zugleich. -- Unseliger Mann! so widerhallte es dumpf in ihm. -- Denn die Ahnung war zur Vermutung, diese zur Wahrscheinlichkeit, diese zur Gewißheit geworden: Sein Weib war geflohen, entführt. Alles war angespielt gewesen, sie hatte den arglosen Knaben im Gebirge wohl fortgeschickt, war von dem Buhlen sicher schon erwartet worden unter den Wänden, war mit ihm jenseits in die Gegend der Salza davongeeilt, nach dem Österreicherland, in die weite Welt. Also endet's mit dieser Ehe ...
Herr Hauptmann, wir bitten um Urlaub. Bevor wir das Schlimmste annehmen, wollen wir uns doch selbst auf die Suche machen nach der Frau.
Als Frau Emma den Träger zurückgeschickt hatte, stieg sie mit dem Knaben munter die Matten an. Sie hatte Mühe, Fritz vorwärts zu bringen, an jeder Blume, an jedem Käfer blieb er hängen. Nur das, was greifbar, faßbar, fangbar und tragbar war, machte dem Knaben Lust, alles andere war für ihn nicht da. Endlich kamen sie in das Gebiet der Steine. In wuchtigen Blöcken, in sandigem Schutt, in starrenden Wänden waren sie da. Ringsum steile, zerrissene Felsen. Sie waren in ein Kar hinaufgegangen und in einen Hochkessel hineingekommen, wo kein Halm und kein Zirm mehr stand -- alles kahl und starr. Sie kehrten um, bogen um eine Wandrippe, und da war es, daß Fritz die Knaben sah drüben am grasigen Hang zwischen Zirmbüschen und grauen Steinen. »Gemsen! Gemsen!« hatten sie geschrien, da begann Fritz zu laufen und zu klettern und in wenigen Minuten war er bei den Knaben. Die Mutter freute sich anfangs, daß er Genossen gefunden, sie setzte sich auf einen Stein um zu warten, bis sie herüberkämen vom Hang. Dann wollte sie sich mit ihrem Jungen auf den weiteren Anstieg machen. Sie kamen aber nicht, und als die Frau endlich aufstand, um über den Zirmbusch hinüberzuschauen, waren sie nicht mehr zu sehen.
Nun begann sie zu rufen nach dem Fritz. Die Rufe schlugen an die Felsen. Der Knabe kam nicht und war nicht zu sehen und nicht zu hören. Jetzt begann ihr plötzlich bange zu werden. Sie hub an, zwischen dem Gezirm hinzuhuschen, mit Händen und Füßen über Felsklötze zu klettern, in großen Sprüngen von Stein zu Stein zu setzen. Sie kam an den grünen Hang, wo früher die Knaben zu sehen gewesen, sie sah und hörte keinen. Sie blickte in die Tiefe, wo es wie ein dunkelgrüner See lag, es war ein Zirmschachen; nirgends ein Mensch. Sie kletterte anwärts in einer steinernen Runse, wohin konnten sie anders sein, als da hinauf, denn an beiden Seiten waren die Wände. Sie kam in eine Wandfalte hinein, in der Schutt und Schnee lag: auf dem Schnee war keine Spur eines Menschenfußes. Jetzt suchte sie zu einem Felsrücken hinanzuklettern, um weiteren Blick zu gewinnen. Aber als sie auf dem Grate stand, war vor ihr ein zweites Grat, das noch schärfer hervorsprang und ihr also wieder die Aussicht deckte. Sie kroch über die breite steile Runse auf allen Vieren quer hinüber, sie arbeitete sich empor an den starren Felsrücken. Der Blick war jetzt frei in ein tiefes Felsental, an beiden Seiten finster ansteigendes Gewände, auf den Zinnen Nebel, in den Tiefen Schatten. Hart vor den Füßen der Frau ein schwindelerregender Abgrund. Und von ihrem Fritz keine Spur. Schon bluteten ihr Hände, Füße und Knie, aber keine Müdigkeit. Sie wollte den Weg, den sie gekommen zurückeilen, verlor aber die Richtung. Sie kam an eine Stelle, wo noch ein kleiner Vorsprung war, dann aber der Grund, auf den man einen Fuß stellen konnte, jäh aufhörte. Sie wollte zurück, sah aber, daß sie aus einem Abgrund heraufgeklettert, an dem der Rückweg unmöglich war. Nun, da stand sie oben. Wie in der Kirche ein Heiliger an der Wand, so stand sie da oben, konnte nicht weiter. Alle Glieder zitterten ihr, auf der Stirn kalter Schweiß, blaue Flammen, rote Funken vor den Augen, sie sank hin aufs scharfe Gestein.
Als Frau Emma wieder wach wurde, wußte sie nicht, wo sie war, glaubte zu träumen, griff mit der Hand nach links, nach rechts, um ihr Bettgewand zu tasten. Kaltes feuchtes Gestein. Jetzt besann sie sich mit heißem Schreck ihrer Lage. Ringsum Nacht, am Himmel Sterne. »Fritz!« schrie sie gellend. Er war nicht da. Sie sprang auf, um trotz der Dunkelheit hinabzusteigen, sie glitt aus und rasch ging's in die Tiefe.
Als sie das zweitemal erwachte, loderte vor ihr ein Feuerbrand. Die Sonne war emporgestiegen, Frau Emma lag in einem Zirmstrauch, halb noch getragen von den buschigen Armen. Allmählich kam sie zu sich. Da sah sie, es war alles verloren. Denn hier, wo sie lag, war seit der Weltschöpfung kein menschlicher Fuß noch gestanden, es konnte an den senkrechten Wänden keiner heran und keiner davon. Wie das hier alles hübsch beisammen ist: zu Füßen das Grab für den Leib, zu Häupten der Himmel für die Seele. Grausig schön standen die hohen Felsen ringsum in Morgenglut und grausig einsam! -- Und dort draußen, weit hinter den kahlen, niedrigen Riffen blaut das Waldland. Sanft und weich wie eine Wiege liegt der Talkessel zwischen zahmen, waldigen Bergen. Frau Emma hatte ihre Taschen ausgesucht nach Brotkrumen, denn der Mundvorrat war unterwegs geblieben. Dann blickte sie empor die senkrechte Wand über ihrem Haupte, ob nicht ein Striemlein Wassers herabrinne. Wie war alles dürr! Sie wußte wohl, dieser lechzende, klebende Gaumen mit dem widerlich bitteren Geschmack war der Anfang vom Sterben. -- O lieb Gelände dort draußen mit den Auen, mit deinen heimlichen Wäldern! Voller Leben! Voller Leben! Und ich konnte dich verschmähen, du heiteres Paradies! -- Mein Mann! Wie hat er unzähligemale meine Hand gefaßt! Jetzt kann ich diese treue Hand nicht mehr erreichen! Allein ließ ich ihn wandeln zwischen Blumen und frischen Wäldern hin und mein Sinn war steinernes Hochgebirge. Jetzt bin ich in dir, du furchtbare tödliche Welt. Dort unten war Liebe, Freude, Glück in hundertfachen Formen, ich habe alles versäumt. Verliebt in das Hochgebirge! Habe ich nicht einmal damit geprahlt? Nun vergehe ich in dir. Mein Mann, mein Kind, mein junges Leben! -- In solch herzversengenden Gedanken verging Stunde um Stunde. Und als die Sonne hoch über den starren Zinnen stand, und der Fels glühte und das verlassene Menschenherz im Verschmachten war, da lebte das Auge noch einmal auf. Sind dort unten im Kar nicht schwarze Punkte, die sich bewegen? Das bereits entfliehende Leben, stürmisch drängt es wieder zurück ins Menschenwesen. Als ob nie eine Müdigkeit, nie ein Verschmachten gewesen wäre, so erhebt sich das Weib über dem Zirm und winkt mit dem weißen Tuche und ruft: »Hier! Hier! Ferdinand!« Nicht mehr das Kind ruft sie, den Mann ruft sie, denn all ihr Fühlen und Sehnen und Lieben ist zurückgekehrt zu ihm. Und ihre einzige, alleinzige Erquickung zu dieser Stunde das Bewußtsein, daß sie ihn nie betrogen.
Was Menschen vermögen, wenn es gilt, einen der Ihren zu retten! Koste es was es wolle, und wäre es ein Fürstentum. Und Wunder wirkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit, es überwindet die äußere starre, herzlose Natur. -- Schon zu dämmern begann es, als die Stricke geschleudert wurden von Fels zu Fels, von Kante zu Kante heran bis zum Zirmstrauch, zur Felsenbrust, um ihr dieses verzagende Menschenleben noch abzuringen. Bei Fackelschein wurde sie hinabgetragen und um Mitternacht lag sie auf dem taufeuchten Rasen der Matte und schlief. Und als wieder der Morgen dämmerte, lag sich das Ehepaar unter krampfhaftem Schluchzen in den Armen und daneben in seinem Bettchen schlief göttlich leichtsinnig der blühende Knabe.
Also ist es geschehen und also hat Frau Emma erfahren, daß die Waldberge besser und schöner sind, als die Felsen, und daß der Mann verläßlicher ist als das Kind. Und dem Hauptmann ist es eingefallen, daß es vielleicht nicht allemal gut ist für den Ehegatten, gleich das Schlimmste zu befürchten, wenn die Frau aus seinem Bereiche tritt.
Frau Emma ist nicht mehr auf den Hochschwab gegangen, weder mit Studenten, noch mit ihrem Knaben. Sie ist an heiteren Sommertagen auch nicht mehr in ihrem Zimmer gesessen oder im staubigen Hofraum. Arm in Arm mit ihrem Manne, und gleichsam seine Krücke, ist sie gegangen über die blumigen Auen, durch die grünen Wälder und entlang am stillen blauen See. Ein Glück ist gekommen über beide, von dem sie in langen Jahren keine Ahnung gehabt. Wenn sie im Tale so dahinwandelten, mußte Frau Emma nur eins vermeiden -- den Blick auf das Gebirge des Hochschwab. Denn wenn sie hinter den Waldkuppen die kahlen Felsriesen aufragen sah, da wurde ihr übel.
Scheintod.
Bis zum Jahre 1869 lebte ich in der Residenz, wo ich an der technischen Hochschule als Assistent im physikalischen Kabinett und später als Professor tätig war. Im Jahre 1869 wurde ich zum Bürgerschuldirektor im Landstädtchen B. ernannt. Im Vorfrühling des besagten Jahres übersiedelte ich mit meiner Familie an den neuen Bestimmungsort. Meine Familie bestand aus der Gattin, mit der ich im neunten Jahre vermählt war, ferner aus zwei Kindern, einem Knaben von sieben und einem Mädchen von sechs Jahren. In B. bezogen wir eine geräumige und freundliche Wohnung und richteten uns fröhlich ein. Ich hatte mir in der Residenz die nötigen physikalischen und chemischen Instrumente nebst einer kleinen Sammlung von Mineralien, Schmetterlingen, Käfern und ähnlichen Dingen erworben, wie sie jeder Schulmann besitzen soll. Ich stellte diese Gegenstände in meinem geräumigen Arbeitszimmer auf; meine Gattin schmückte die Fenster mit ihrem kleinen Herbarium und freute sich der reinen Sonnenstrahlen, die hier nicht mehr von großstädtischem Staub und Nebel zurückgehalten wurden, sondern hell und lieblich auf die zarten Pflanzen und jungen Bäume fielen.
Die Kinder ergötzten sich an dem Vogelgezwitscher vor den Fenstern, hüpften um die Mutter, wenn sie emsig die neuen Verhältnisse ordnete, sprangen in meinem Arbeitszimmer herum, waren stets geschäftig und gelehrsam, und der Knabe versuchte manches Instrument, das ich in den Stand setzte und einübte, auch zu handhaben, und zu seinem Jubel häufig mit Erfolg.
Am glücklichsten waren die Kinder, wenn wir die Elektrisiermaschine spielen ließen, deren Strom uns durchzuckte und die Haare gegen Berg trieb. Bald verstand es der Kleine, selbst die Batterie vorzubereiten und das Experiment auszuführen.
So waren wir alle recht heiter und ich ahnte nicht, welche Schrecken und welcher Jammer in diesem Hause sobald über mich kommen sollten.