Fremde Straßen

Part 14

Chapter 143,743 wordsPublic domain

Meine Gattin, von Natur aus etwas schwächlich und nervös, zuvor kaum einmal aus der gewohnten Atmosphäre der Großstadt gekommen, fühlte sich z. B. gleich in der ersten Zeit, wahrscheinlich infolge der schärferen Luft und der häufig wechselnden Temperatur, angegriffen. Sie achtete es nicht, bestellte, als der Schnee geschmolzen war, den kleinen erworbenen Garten -- glücklich darüber, ihren Lieblingswunsch erfüllt zu sehen und endlich einmal einen Hausgarten zu besitzen. Wie kurz war ihre Freude! -- Am 18. März fiel sie plötzlich ein heftiges Fieber an, am 19. konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. In der ersten Zeit ihrer Krankheit lag sie in steter Fieberhitze und zweimal in Delirium; in der letzten Zeit war sie ruhiger, weil erschöpft, und oft lag sie stundenlang in einem ohnmachtähnlichen Zustande. Von den beiden Ärzten des Städtchens war fast immer einer am Bette der Kranken; am sechsten Tage der Krankheit, als eine Art Krisis eingetreten zu sein schien, telegraphierte ich an einen der berühmtesten Ärzte der Residenz, Professor R. Dieser langte noch an demselben Tage ein; ein Konsilium wurde abgehalten und als Resultat desselben mir bedeutet, daß ich mich wohl für alle Fälle gefaßt machen müsse.

Professor R. reiste wieder ab, nachdem er der Patientin ein hoffnungsreiches und mir ein trostloses Wort zugeflüstert hatte. Ich kam nicht vom Bette der Gattin; sie schlummerte zumeist, nur manchmal schlug sie die Augen plötzlich wie erschreckt auf, blickte hastig um sich, sah mich dann betrübt an, oder tat mir wohl auch den Gefallen, ein wenig zu lächeln. Sie sagte mitunter einige Worte, die ganz deutlich und verständig waren, und verfiel dann bald wieder in den Schlummer. Ihre Gesichtsfarbe war sehr blaß geworden, nur bisweilen waren rote Flecken auf ihre Wangen, auf ihre Stirn gehaucht. Der Puls war auf 134 und 140 Schläge in der Minute.

Die Kinder waren vom Krankenzimmer abgesondert; die Kranke fragte mehrmals nach ihnen, ich gab ihr die besten Auskünfte über das Wohlbefinden der Kleinen, und so beruhigte sie sich stets.

Am 26. März in der Morgenstunde war's, als sie mit größerer Entschiedenheit als sonst nach den Kleinen verlangte. Wir sagten, sie schliefen noch.

»So weckt sie auf!« sagte sie mit heller Stimme, »ich muß sterben und will noch einmal meine Kinder sehen!«

Mir fuhr das Wort wie ein Messer durch's Herz.

Die Wärterin brachte die Kinder herein.

»O, kommt, ihr armen Wesen!« rief ihnen die Mutter halb aufgerichtet mit ausgestreckten Armen entgegen, »ihr habt keine Mutter, ihr lieben Kinder, ihr lieben Kinder!« Sie herzte und küßte den Knaben, das Mädchen und wieder den Knaben, und ein Tränenstrom ergoß sich über die Wangen.

Die Wärterin wollte die Kleinen wieder entfernen, allein die Kranke wehrte sich dagegen, preßte das Mädchen an ihren Mund, den Knaben an ihr Herz; mit sanfter Gewalt wollte man ihr sie entreißen, da rief sie laut: »Ich lass' sie nicht, ich lass' sie nicht von mir! -- Jesus, Maria und Josef!« Mit diesem Schrei sank sie zurück auf die Kissen.

Wir stürzten um sie zusammen, sie war regungslos, ihr Auge war starr. Die Pflegerin wollte ihr einen Taschenspiegel an den Mund halten, wahrscheinlich, um die Atemlosigkeit zu bezeugen. Ich erinnere mich nur noch, daß ich ihr den Spiegel aus der Hand schlug -- weiter weiß ich nicht mehr, was in jener Stunde vorgegangen ist. --

Als ich wieder erwachte, saß ich im Lehnstuhl eines anderen Zimmers; der Doktor stand neben mir und aus meinem entblößten Arm rieselte ein Blutquell ins Becken.

Der Aderlaß soll nötig gewesen sein. Bald besann ich mich auf alles, was geschehen war, und verlangte nach meiner Frau. Sie hielten mich zurück, versuchten mich zu trösten und vorzubereiten.

»Lasset das,« sagte ich, »ich weiß ja, daß sie tot ist. Ich will auch jetzt nicht zur ihr; lasset mich allein oder bringt die Kinder zu mir.«

Sie ließen die Kinder herein. Diese erzählten mir sogleich mit aufgeweckten Mienen, daß in meinem Arbeitszimmer Leute beschäftigt seien, die Wände und die Kästen und die schönen Instrumente mit schwarzen Tüchern zu verhängen. -- Von meinem Arbeitszimmer ging die Tür in den Vorsaal, darum hatten sie es zur Aufbahrung der Toten gewählt.

Ein paar Freunde suchten mich zu einem Spaziergange in den Frühlingstag zu bewegen. Ich fühlte das Bedürfnis, die Tote zu sehen und an ihrer Bahre zu beten. Eben als ich eintrat, hatte sie der Totenbeschauer verlassen; noch war die Leinwand zurückgeschlagen von ihrem Haupte. Ich meinte, sie schlafe, ich wollte anfangs nicht glauben, daß sie tot sei. Zubald nur sah ich die bläuliche Blässe ihrer Lippen, das starre, gebrochene Auge zwischen den halbgeschlossenen Lidern; ich befühlte ihre kalten, erstarrten, fast bleifarbigen Hände.

Ich wankte aus dem Zimmer, aus dem Hause, ging hinaus vor die Stadt und wandelte in halbbetäubtem Zustande. Spät gedachte ich meiner Kinder und eilte meiner Wohnung zu. Die Kinder waren bereits zur Ruhe gebracht; sie waren ja so früh geweckt worden. Dann waren sie an diesem Tage auch viel im Freien und im Hause selbst herumgesprungen und hatten sich manches Gegenstandes zum Spiele bemächtigt, der ihnen sonst versagt gewesen war. Sie hatten keine eigentliche Aufsicht, waren sich selbst überlassen, und so war dieser Tag ganz nach ihrem Geschmacke. Zwar soll das Mädchen dem Brüderchen wohl einmal den Vorschlag gemacht haben, in das schwarze Zimmer zu gehen und die Mutter zu wecken. Der Knabe mochte den Vorschlag auch ausführen haben wollen, verweilte jedoch am Mineralkästchen, an dem er das Tuch zurückzog und die Steinchen auseinanderlegte. Gerade wollte sich der Kleine auch an den elektrischen Apparat machen, um Funken zu erzeugen, wie er das wohl von mir oft gesehen hatte -- als er aus dem Bahrzimmer entfernt wurde.

Mir hat man das erst später erzählt, weil es für sich doch nicht wichtig schien.

Am andern Morgen war mein erster Gang wieder zur Bahre. Die Blumen, die man in das Zimmer gestellt hatte, dufteten stark, die Lichter brannten still -- an der Toten war keine Veränderung eingetreten; genau so, wie gestern, war sie auch heute zu sehen; die Zeichen der Verwesung hatten sich noch nicht eingestellt. Ich küßte ihre Stirn, dann kniete ich nieder und zog -- wie es Sitte ist -- ihr den Brautring vom Finger. Als das geschehen war, tauchte ich die kalte Hand wieder über ihre Brust hin, auf der ein Kruzifix lag -- dann ging ich davon und mich in das Unvermeidliche fügend, suchte ich so viel Ruhe und Kraft zu gewinnen, um das Begräbnis anzuordnen. Sie hätten es auch ohne mich gemacht. Auf dem Friedhofe war bereits das Grab fertig; der Schreiner zimmerte am Sarge; der Singverein hielt die Probe der Trauerlieder ab und mehrere Frauen des Städtchens sandten Kränze.

Ich kehrte wieder zu meinem Hause zurück. Auf dem Betschemel vor der Bahr kniete mancher Fremde, dem es wohl im Gesichte zu lesen war, daß ihn nicht sowohl Teilnahme als vielmehr Neugierde hergeführt hatte. Dann kamen andere, beteten, flüsterten oder fuhren sich mit dem Sacktuch über die Augen, besprengten die Leiche mit geweihtem Wasser und gingen wieder davon. Zuweilen war gar niemand zugegen, und aus der geöffneten Tür starrte das Totenbild in den öden Vorsaal.

Ich ging auch davon. Ich mied die Menschen und ging gegen den Wald und dorthin, wo der Fluß über eine Wehr stürzte. Das Rauschen des Wassers tat mir wohl. Ich lag stundenlang am Ufer. Dann fielen mir wieder meine armen Kinder ein, die verlassen waren unter fremden Leuten in jenem Hause, in dem die tote Mutter lag.

Ich eilte heimwärts. Ich eilte über die Treppen zu meiner Wohnung hinan. Kein Mensch war da; selbst die Magd war ausgegangen, um irgend etwas zu holen. Es wären -- dachte ich -- wohl auch die Kinder mit ihr. Ich nahte der offenen Tür, die zur Bahre führte, und sah es bald, da drinnen war Unordnung angerichtet. Von der einen Wand, wo in den Kästen die physikalischen Apparate standen, war der schwarze Tuchverschlag herabgerissen. Einer der Kästen war geöffnet und die Elektrisiermaschine stand auf dem Fußboden. Das Mädchen hockte dabei und blickte besorgt auf seine Fingerchen. Der Knabe war zur Leiche emporgeklettert und kicherte. Und was ich nun sah, das ist über alle Beschreibung grauenhaft. Die Gesichtszüge der Toten zuckten und verzerrten sich, sie schlug die Augen auf und ihre Lippen bebten wie im Krampfe.

Ich glaube, daß ich im ersten Momente, da ich diese Erscheinung sah, über die Treppe hinabgestürzt bin und nach Hilfe gerufen habe. Sofort aber kam mir der Gedanke, sie ist wieder erwacht. Ich eilte in das Zimmer zurück. Das Mädchen auf dem Boden hielt die Maschine in Bewegung und ich sah, wie von dieser die Drähte um die Hand der Toten gewunden waren. Ich hörte das Knistern des elektrischen Stromes; der Knabe lachte laut, als das Antlitz und endlich auch das Haupt der Mutter sich mehr und mehr bewegte.

Mein erstes war, daß ich die Bahrleuchter umstürzte, der Aufgebahrten das Kruzifix von der Brust entfernte; dann riß ich sie empor, daß ihr Haupt an meinem Busen zu lehnen kam. Jetzt eilten schon Leute herbei, die vor Entsetzen aufschrien, mich für wahnsinnig hielten, bis sie an der Totgeglaubten die Lebenszeichen sahen.

Was nun folgte, weiß ich nicht; was in mir vorging, kann ich nicht erzählen; fast war mir wirklich zumute, alles sei Blendwerk und ich wäre in die Nacht des Wahnsinns gefallen.

Als die Wiedererwachte dann in ihr, oder vielmehr in mein Bett gebracht war, da man das ihre schon zerstört hatte, brachte mir ein Amtsbote ein gefaltetes Stück Papier. Es kam aus der Sanitätskanzlei. Es war der Totenschein meiner Gattin.

Die Kinder hatten ihre scheintote Mutter durch den elektrischen Strom zum Leben erweckt. Sie wurden nun ins Verhör genommen. Unbeaufsichtigt, wie sie waren, hatten sie sich in das Bahrzimmer begeben, hatten, unbekümmert um die Leiche, die Instrumente hervorgeholt, von welchen sie gestern verscheucht worden waren, und gedachten heute besonders am elektrischen Apparat, der stets der Gegenstand ihrer Wünsche gewesen war, ihr Mütchen zu kühlen. Sie wußten das Ding nach dem, was sie von mir gesehen haben mochten, trefflich in den Stand zu setzen. Anfangs mußte das Mädchen die springenden Funken aushalten, und tat es so lange, bis ihm die Fingerchen verbrannt waren. Hierauf belud sich der Knabe selber so lange, bis ihm alle Haare zu Berge stiegen. Und schließlich kam den Kindern der Einfall, die schlafende Mutter zu elektrisieren.

Noch vor Mitternacht dieses merkwürdigsten Tages meines Lebens war nach vielen entsprechenden Mitteln und Maßregeln die Wiedererstandene zu ihrem vollen Bewußtsein gekommen. Ihre Hände waren wieder weich, ihr Auge war wieder lebendig und klar, doch blickte sie verwirrt. Ich hätte ihr mögen an die Brust sinken und ihr die Wucht, welche in meinem Gemüte lag, ausschütten; die Ärzte aber beschworen mich, jede Aufregung zu vermeiden und es in allem ganz so zu halten, wie mit einem gewöhnlichen Kranken.

Nach Mitternacht verfiel sie in einen ruhigen Schlaf, aus dem sie gegen Morgen wieder erwachte. Sie suchte mit den Augen mich, wendete sich ein wenig zu mir und sagte: »Mein Freund, jetzt ist doch alles gut. Aber das ist ein schwerer Traum gewesen; -- den möchte ich nicht ein zweites Mal träumen!« Und hierauf erzählte sie, es sei ihr gewesen, als läge sie auf der Bahre -- viele Stunden lang. Man habe Anstalten getroffen, sie zu begraben, man habe schon den Sarg in das große Zimmer getragen; sie habe die Lichter der Bahre gesehen, habe jedes Geräusch, jedes Wort, das in der Nähe gesprochen wurde, ganz genau gehört, sei aber nicht imstande gewesen, einen Laut oder auch nur das mindeste Lebenszeichen von sich zu geben. Sie habe schon das gräßliche Geschick, lebendig begraben zu werden, vor Augen gehabt. Am schrecklichsten sei ihr das herzerschütternde Weinen ihres Gatten gewesen, der ihr schließlich den Ehering vom Finger gezogen habe. -- Als sie dieses erzählte, hob sie ihre Hand gegen das Auge und stieß den Schrei aus: »Wo ist der Ring? Mein Gott, wo ist der Ring!«

Wir selbst alle im tiefsten Herzen erschüttert, suchten sie zu beruhigen, ihre Hand wäre in der Krankheit abgemagert, der Ring müsse zufällig vom Finger geglitten sein und würde sich leicht finden.

»O, nein, nein!« rief sie, »das ist kein Traum gewesen! Ich bin auf der Bahre gelegen!« Und sie verbarg ihr Gesicht mit den Händen und verfiel in ein solches Zittern und Beben, daß ihr ganzer Körper sich schüttelte und wir sie mit kräftigen Armen im Bette niederhalten mußten.

Die fürchterliche Aufregung, in der sie weinte, um Hilfe rief, mit Gewalt von dem Lager wollte und laut betete, dauerte etwa eine Stunde lang. Dann trat plötzlich die Abspannung ein.

Noch an demselben Tage, fast genau vierundzwanzig Stunden nach ihrem Erwachen aus dem Scheintode, ist sie gestorben.

Wieder versuchten wir den elektrischen Strom, aber vergebens. Die Geheimnisse der Natur sind unerforschlich; ich veranlaßte, daß noch einmal die Kinder den elektrischen Strom sammelten und leiteten -- vergebens; die Schläferin wachte nicht wieder auf. Wir legten sie nicht mehr auf die Bahre, wir ließen sie auf dem Sterbebette ruhen, bis sich -- und das dauerte nicht lange -- die ersten Symptome der Verwesung einstellten.

Dann war das Begräbnis.

Nicht in jenes Grab ließ ich sie senken, das bestimmt gewesen war, die Scheintote aufzunehmen. Eine neue Stätte wurde ihr bereitet.

Möge sie im Frieden ruhen!

In der Einsam.

»Liebe Schwester!

Weil Du seit unserem Abschied, und das ist rund ein Jahr her, keine Nachricht von mir bekommen hast, so wirst Du wohl denken, daß ich nicht mehr am Leben bin. Und möchtest leicht recht haben. Wunder wäre es keins. Wenn ich Dir nur gefolgt hätt', wie Du abgeraten hast, jetzt weiß ich erst, was ich trotz allem Unglück gehabt hab daheim. Zur selben Zeit hab ich's alleweil nur besser haben wollen, jetzt möcht ich gar nichts mehr, wie sterben, und wie damals so kann ich auch jetzt meinen Wunsch nicht erreichen. Bei mir heißt's einzig nur warten und leiden, ewig wird's wohl nicht dauern und wenn's einen Himmel gibt, und ich komm einmal hinein, so verlang ich mir nicht mehr, als wie meine Heimat und meine Leut.

Das Land wo ich jetzt bin, heißt Brasilien und ein Vergleich mit daheim ist wohl keiner zu machen. Ich mag gar nicht anheben zu erzählen, wie anders es da ist. Ich tu in einer Sumpfgegend Wassergräben graben seit einem halben Jahr und verdiene mir dabei mehr Geld, als ich brauch, weil die Arbeit mein Liebstes ist, daß ich nicht verzage, und nach Unterhaltung und Vergnügen frag ich nimmer. Denk' Dir, meine gute Schwester, ich bin allein. Meine liebe kleine Angerl ist nimmer bei mir und das muß ich Dir erzählen, weil's mir noch immer 's Herz abdrucken will. Ich schreib mich hart, aber wenn ich noch lange warten tu, so kann ich gar nicht mehr, weil man hier die deutsche Sprache vergißt. Lernt dafür auch keine andere, wenn man mit keinem Menschen umgeht, wie sie da -- aber nit von der besseren Gattung -- aus allen Ländern zusammenkommen.

Aber das ist alles nichts. Das trifft andere auch so. Ich hab mein eigenes Unglück, das für einen einzigen Menschen zu schwer ist. Und doch hab ich schon tausendmal Gott gedankt, daß mein Weib das nimmer erlebt hat. Freilich, wenn sie noch tät leben, kunnt vieles anders sein, kunnten vielleicht gar noch in der Heimat sein, allzwei mit dem Kind. Das weißt ja alles, nur von unserem armen kleinen lieben Dirndel weißt Du's nicht.

Ist es nicht gerade an ihrem achten Geburtstag gewesen, wie wir von Triest abgereist sind? Du hättest sehen sollen, wie sie in ihrem blauen Kattunröckel gehüpft ist und die Handeln zusammengepatscht hat vor Freud: Nach Amerika! nach Amerika! Wie sie in allem ihrer Mutter ähnlich gewesen ist, so hab ich ja immer gesagt, die wachst auf zu meinem Trost und ist's auch im fremden Land: wo dieses Kind bei mir ist, da bin ich daheim. Also unterwegs. Viele haben die Seekrankheit bekommen, die kleine Angerl immer pumperlgesund und voller Faxen, daß oft ein Schock Matrosen umhergestanden ist auf dem Zwischendeck und sich mit dem lustigen Kind unterhalten. Ernsthaft ist sie nur worden am Abend, eh wir auf unseren Bündeln eingeschlafen sind und sie ihr Gebet für die Mutter gebetet hat. Einmal, wie ich drei Tage lang im Fieber bin gelegen, ist sie nit von mir gewichen, hat mir alles so gut und so gescheit zugetragen und versorgt wie eine Große -- ganz wie ihre Mutter, wenn ich krank gewesen bin -- und hat mich mit ihrem lieben Plaudern aufgeheitert und hat mir das Haar gekämmt mit den zarten Fingerln und hat immer einmal ein schnelles Küssel getan auf meine Stirn. Oft sind die Offiziere stehen geblieben und haben uns betrachtet, und die kleine Angerl ist so der Liebling geworden von allen, daß uns eine eigene Kammer angewiesen worden ist, obschon ich nur fürs Zwischendeck gezahlt gehabt hab.

Aber für so ein rühriges Wesen, wie ein gesundes achtjähriges Kind, ist ein Schiff viel zu klein; auf die Leitern aus Strickwerk, wie es überall ausgespannt, ist sie hinaufgeklettert, bin oft in Ängsten gewesen, es kunnt ihr was geschehen; die Matrosen haben gelacht über den »kleinen tapferen Kerl«, und schad, daß es kein Bub wär. So sind wir schon vier Wochen auf dem Wasser gewesen, nichts als Wasser und nichts als Wasser. Immer einmal in weiter Fern ein Schiff, wunderselten der Streifen einer Insel, der aber bald wieder vergangen ist. Die Stürme, die ich, wie Du weißt, so gefürchtet, sind nicht arg gewesen, und mein kleins Mädel hat immer hell gejauchzt, wenn sie Papierballen ins Meer geworfen hat, die nachher aus den Wellen lustig auf und nieder gewuppt sind. Oder hat sich gefreut über die Seemöven, die unserem Schiff nachgeflogen, oder über die Delphine und andere Tiere, die aus dem Wasser aufschnellen. Aber endlich, wenn alles ruhig ist gewesen und immer das gleiche, immer das gleiche, da hat das Mädel doch angefangen zu fragen: Vater, wann kommen wir denn nach Amerika?

Und da ist's gewesen, daß am Segelmast ein schweres Tau gespannt wird. Es dröhnt und summt, so scharf wird es gespannt. Da reißt es entzwei, schnellt auf das Deck nieder und trifft mein kleines Dirndel am Kopf. Das tut einen kurzen Schrei, taumelt hin, zu Boden -- und vorbei ist's gewesen. Ich versteh's nit, wie ich das heut so ruhig ausschreiben kann.

Meine liebe Schwester! Unsere kleine Angerl hat's getroffen. Alles ist zusammengelaufen und der Schiffsarzt hat zwei Stunden lang gearbeitet. Es ist umsonst gewesen. Wie ein weißes Engerl ist sie dagelegen auf einem großen Bündel Garn, weiß bis in den Mund hinein zu den weißen Zähnlein und die Augen halb geschlossen und nichts mehr zu ihrem Vater, kein Hauch und kein Blick. Kühl und immer kälter ist ihr Handerl geworden in der meinen, bis sie mich endlich haben weggebracht -- weiß nit, was dann gewesen ist.

So viel weiß ich wohl, daß ich noch einmal gestanden bin unter dem Mast und hingeschaut hab auf das gerissene Tau, das mein Dirndel erschlagen hat und jetzt wie eine tote Schlange dagelegen ist. Und hab umhergeschaut, auch auf die Garnbündel hin -- und ist nit mehr dagewesen. Ins Meer habt ihr mir's geworfen! soll ich geschrien haben und nachspringen wollen über Bord. Sie haben mich gehalten und gesagt, mein Kind tät in der Kabine liegen. Und ist's gelegen auf seinem Bett, und kalt und das liebe Gesichtl ist schon fremd gewesen. Da hab ich wohl dran glauben müssen.

Und immer sind Leut um mich gestanden und all auf dem großen Auswandererschiff haben mich gekannt und untereinander gesagt: Das ist der Vater von dem erschlagenen Kind.

Sonst ist es Brauch auf den Schiffen, daß man die Toten ins Meer senkt, weil wir aber nicht gar weit von einer Insel gewesen sind, hat der Kapitän angeordnet, daß dort mein Dirndel sollt begraben werden. Auf einem Boot sind wir ans Land gefahren, unser drei Mann mit der Angerl. Eingewickelt in Segeltuch ist es gewesen und mit einem weißen Band umbunden, und vorn an der Brust ein hölzernes Kreuzl geheftet, das eine Auswandererfrau gespendet hat. So auf die fremde Insel. Es ist eine kleine unbewohnte Insel gewesen und aus dem Sand stehen ganz weiße Felszacken auf, die wir aus der Ferne für Segel gehalten haben, aber es sind turmhohe Steinriffe wie in unseren Alpen. Und hab ich auf der Insel eine Grabstatt gesucht für mein Dirndl. Am Ufer ist Sand -- da nicht. Weiter hinten sind die Bäume und Sträucher, die in diesen Gegenden wachsen, auch schöne wilde Rosen -- hab ich schon wollen den Spaten einhauen, und ringelt sich eine zischende Schlange an den Stiel, und hab ich mir gedacht, da nicht. Vor den Schlangen hat sie immer so arg Entsetzen gehabt. Bin ich weiter gegangen auf der Insel, über Sand und Muschelboden und Steine und über das Geschlinge der Pflanzen. Wilde Vögel hab ich pfeifen und andere Tiere schreien gehört, oft ganz in der Nähe gröhlen wie Schweine, aber keines gesehen. Und dieweilen die zwei Kameraden bei der Angerl Wacht gehalten, bin ich die Felsen hinaufgestiegen und hab gesucht nach einem Platzl, wo wir rasten könnten. Zwischen drei oder vier Steinzinken ist so eine enge Stelle und da hab ich angefangen zu graben in dem verwitterten Gestein. Ist einer von den zweien heraufgekommen, hat mir wollen helfen. Nein, laßt mich, ich mach das allein. Ganz warm und heil ist mir worden bei dieser Arbeit, seit mein Weib in der Ewigkeit ist, hab ich ja das Bettherrichten besorgt. Immer einmal hab ich mich aufgerichtet, meine Ellbogen an den Spatenstiel gestützt, hinausgeschaut auf das weite Meer und gedacht: Ist doch das ein seltsames Geschäft, auf einer fremden Insel im Meer sein Kind eingraben! -- Gegen Abend ist es fertig gewesen; schön ist das Ding nicht worden, aber tief. Sie haben das Angerl hinausgetragen und hinabgelegt und hab ich ihnen die Schaufel aus der Hand genommen: zudecken wollt ich schon selber. Sie möchten zurückgehen auf das Schiff und ich tät mich bei ihnen und allen tausendmal bedanken für die christliche Lieb. Zum Angerl hab ich keinen Abschied hinabgerufen, weil ich mich daneben wollt niedersetzen auf einen Stein und sitzen bleiben, so lang es Gottes Willen ist. Die zwei Kameraden sind aber nicht von mir gegangen und ich sollt schnell machen, weil das Schiff wollt weiterfahren. Auf mich braucht ihr nicht zu warten, mein Verbleiben ist hier. Sie haben mir noch Zeit gelassen, haben ein paar Vaterunser gebetet, haben mich nachher an den Armen genommen, einer links und einer rechts, und haben mich fortgeschleppt von meinem kleine Dirndel. Das ist in der Einsam zurückgeblieben. Am Strand hab ich noch einmal umgeschaut auf die weißen Felszacken; vom Schiff aus hab ich noch einmal zurückgeschaut auf die Felsen, wo mein Kind ruht ganz allein zwischen den Steinen und wilden Tieren und wie es der Vater, mit dem es so freudig ist ausgezogen, treulos verlassen hat -- allein auf dem Weltmeer.