Part 15
So, meine Schwester, hab ich's müssen erleben. Du bist ja selbst Mutter, denk, es wäre Dein Kind. Denk's nit, Schwester, es ist wie sieben Messer in der Brust. Zehnmal habe ich mich hingesetzt, um Dir's zu schreiben, aber vor lauter Jammer nit können. Jetzt klage ich nicht mehr, jetzt, wenn der Feiertag kommt, setze ich mich auf einer Berghöhe nieder und schau hinaus aufs Meer, nach der Gegend, wo jene Insel liegt. Santa Maria haben sie die Matrosen geheißen, aber Du findest sie auf keiner Karte, sie ist zu klein. Und ich kann sie von meinem Berg aus nimmer und nimmer sehen, sie liegt viel hundert Meilen weit im Meer.
Von der Zeit nach dem Unglück weiß ich nicht viel zu sagen. Auf dem Schiff bin ich krank geworden, nach Wochen ins Südamerika gekommen. In der großen Stadt Rio de Janeiro, im Spital bin ich achtzehn Wochen krank gelegen. Ein deutscher Kaufmann hat sich um mich angenommen, bin nachher auf seiner Schiffsreede in Arbeit gewesen, bis ich mit einem Kameraden aus Böhmen in die Teichgräberei gekommen bin, wo jetzt mein Aufenthalt ist. Meine Adresse ist zu machen an den Herrn Wilhelm Klinde, Kaufherr in Rio de Janeiro, von dort bekomm ich den Brief schon, aber weiß nicht, wie lang's mit mir so fortgeht. Ich hab halt vor, bei einer guten Gelegenheit nach Santa Maria zu reisen, aber es ist kein Schiff, das dahin geht und wenn eins nicht zufällig dahin kommt, wie damals unser Auswandererschiff, so tun sie's überhaupt nicht. Also schläft unser Angerl dort verlassen und wenn es am Jüngsten Tag aufsteht, wird es wohl verwundert um sich schauen, daß es allein ist. Mein Gott, solche Gedanken sind hart. Vor etlichen Tagen sind es zweihundert Meter Länge gewesen, was ich gegraben hab. Ist mein Führnehmen gewesen, ich rast mich paar Tage aus. Aber es hat nicht sein können, so hab ich alleweil ihre Stimme gehört: Vater, Vater! Kommst denn gar nimmer zu mir, laßt mich ganz allein! Daß ich wieder zum Arbeiten hab müssen anheben, wenn ich nicht verrückt werden will. Denk mir oft, 's Beste wäre, so lange und ohne Aufhören arbeiten, bis du hinfallst und nichts mehr weißt von der ganzen Welt. Im Himmel wirst sie wohl finden. Aber, liebe Schwester, ich bin halt nicht genug Christ, und kann's nimmer aus dem Kopf bringen, daß das Angerl auf der Insel liegt mit Leib und Seel und auf den Vater wartet. Und tausendmal bereue ich, daß ich meines Kindes Grab verlassen hab.
Jetzt hab ich Dir mein Kreuz geschrieben, helfen kann mir wohl niemand. In andern Stücken geht's mir nit schlecht, aber das ist alles nichts. Mein einziger Trost, daß alles einmal ein Ende nimmt. Ich schließe mein Schreiben und sage: Gott zum Gruß, liebe Schwester. Ich wünsche, daß es Dir gut soll gehen in der lieben Heimat.
Dein getreuer Bruder
Mathias.«
So lautet der Brief, der vor etwa drei Jahren eingelangt ist an die Frau Johanna Loregger, Beamtensfrau im großen Eisenwerke Donawitz bei Leoben. Was hat Frau Johanna bitterlich geweint um den armen Bruder und das liebe kleine Angerl. Dann schrieb sie ihm einen Brief, daß er heimkommen möchte. Im Eisenwerk fände er Arbeit gegen guten Lohn, und sie, die Schwester, wolle ihm sein Kreuz tragen helfen. Da auf diesen Brief keine Antwort kam, so schrieb sie ihm nach einem Jahre das zweitemal und schickte ihm Reisegeld. Dasselbe kam nach fünf Monaten zurück, mit dem Bescheid, daß Adressat nicht auffindbar sei.
Da ließ Frau Johanna eine Messe lesen für seine arme Seele. Aber es war nicht das Ende, plötzlich kam von Bruder Mathias wieder ein Brief. Gut sah er nicht aus, dieser Brief. Er bestand aus verschiedenen zufälligen Papierstücken, wie man sie findet, oder lange im Sack umherträgt. Mit schlechtem Bleistift waren sie beschrieben und dann in einen gelben halbsteifen Bogen eingeschlagen und mit einem schwarzen Bindfaden zusammengebunden. Eine Freimarke trug der Brief nicht, hingegen eine Menge Poststempel, weil der Name Steiermark zu unleserlich geschrieben war.
Und dieser Brief hat folgenden Wortlaut:
»Auf Santa Maria.
Eh' das Schiff abgeht, Schwester, will ich Dir noch paar Zeilen schreiben. Werden wohl die letzten sein auf dieser Welt, wollen uns nichts draus machen. Meinen Brief vorigen Jahres wirst Du erhalten haben, wo ich Dir geschrieben, daß mir unser Angerl auf der Reise verunglückt ist. Jetzt ist mein Wunsch erfüllt. Ich bin bei meinem Dirndl. Mit dem Geld, was ich mir hab' verdient in Brasilien, hab ich ein Boot mit sechs Matrosen aufgenommen und sind zweiundzwanzig Tag gefahren. Gemeint hab ich schon, sie wär nimmer zu finden, die liebe Insel Santa Maria. Und weil auch schlechte Fahrt, so wollten die Matrosen umkehren. Bin ich grob worden und sie müßten ihr Wort halten, da haben sie mich ins Meer werfen wollen. Ich bitt noch um Geduld für drei Tag. Es ist so um Weihnachten gewesen, aber die Tage sind hier ganz anders und zum Christabend wollt' ich bei meinem Kind sein. Und schau, dasmal hat mich Gott nit verlassen, endlich sind die weißen Felsen aufgetaucht an der Kimmung. Wie wenn ich auf die Heimatserden tät treten, so ist mir gewesen, wie ich auf den Sand gestiegen bin. Meine mancherlei Sachen auf dem Rücken, habe ich die Matrosen abgelohnt und gesagt, sie möchten zurückfahren, oder hin, wohin sie wollten, um mich hätten sie sich nimmer zu kümmern.
Liebe Schwester, und dann bin ich landwärts gegangen über Sand und Muscheln und über die Schlinggewächse hin den weißen Felsen zu. Ich glaub, seit wir dazumal fort sind, ist kein Mensch hier gewesen. Kein Menschenfuß, nur wilder Tiere Spur. Wie dazumal, als ich sie allein gelassen, so still und ewig weit ist der blaue Himmel. Ich steig schnell zwischen den Zacken hinauf, als ob ich noch kommen müßt, eh sie aufwacht. Kann Dir nit sagen, Schwester, wie glückselig mir ums Herz ist gewesen. Jetzt komm ich zum Platzl hinauf und jetzt sitzt auf dem Grab ein Tiger. Ein großer wilder, gefleckter Tiger sitzt auf dem Grab meiner Angerl. Zuerst hat er den Kopf hingelegt gehabt auf dem Boden, wie er mich wahrnimmt, hebt er ihn und glotzt mich schreckbar an und setzt langsam die Tatze vor, als wollt er aufspringen und mich zerreißen. Meine Pistole hab ich im Bündel und kann sie nicht lösen; ist auch zu wenig für ein solches Tier. Ein Glück, daß das Boot noch nicht fort ist, so lauf ich hinab und sie möchten kommen und das wilde Tier umbringen. Alsdann sind sie hinauf, der Tiger ist immer noch gelegen auf dem Grab und einer hat den Revolver auf ihn dreimal abgeschossen. Das Tier ist aufgesprungen, ein paarmal um die Felszacke herumgeschlichen und dann jäh auf den Matrosen her. Der wäre verloren gewesen, wenn nicht der zweite und der dritte zuspringen und mit dem Tiger schaudervoll ringen tät, daß ich gemeint, nimmer könnten wir uns erwehren. Selber über und über blutend, haben sie ihn mit Messern endlich tot gestochen. Ist gelegen auf dem steinigen Grab, die Steine ganz rot, und hat seine Tatze hingelegt, als wollte er im Tod noch was beschützen. Und ist's mir zu Sinn gekommen: Jetzt hast du ihren getreuen Hüter umbringen lassen. Und hab ich ein grenzenloses Herzleid gehabt, daß dieses Tier wegen seiner getreuen Wacht hat sterben müssen. Unten im Sand wird es begraben, während ich an seiner Stell auf dem Grab Dir diese Zeilen schreibe. Die Matrosen werden den Brief mitnehmen und ich werd mich häuslich einrichten auf dieser Insel bei meinem lieben Dirndel. Mir ist so absonderlich, weiß nicht wie. Die Sachen, die ich mit hab, werden eine Weil reichen, nachher will ich auf der Insel Früchte suchen und Fische fangen und wie der Robinson, weißt Du, von dem wir als Kinder das Buch gelesen haben, hausen, so lang es Gott gefällt. Wie gut werd ich schon in der heutigen Nacht schlafen bei ihrem Bett und auf einmal wird sie das Handerl ausstrecken, mir um den Hals legen und sagen: Vater, Vater! bist doch gekommen zu deinem Dirndel.
Leb' wohl, liebe Schwester, und wenn Du einmal auf den Kirchhof gehst, wo mein Weib ruht -- wir lassen sie grüßen.
Mathias.«
Der Kammerdiener.
Der junge Mensch war allenthalben bekannt, hier und dort. Daß man ihn aber auch irgendwo +kennen+ gelernt hätte, dazu blieb er nicht lange genug auf einem Flecke. Er war hüben und er war drüben, und immer hatte er ein schwarzes Tuchgewand an und über der Weste eine goldene Uhrkette hängen, die mitunter ziemlich locker wog, es war eben nicht stets dieselbe. Die Hemdkrägen waren nicht immer so weiß, als sie zum schwarzen Anzuge gut gestanden wären, so daß es schien, der junge Mann wechsle öfter die Uhrketten, denn die Wäsche. Wohl trug er gerne gestreifte Hemden, denn wenn der Schmutz hübsch in Reihen und Quadrätchen eingeteilt ist, so hat er auf das Auge doch immerhin eine freundlichere Wirkung. Die Hauptaufmerksamkeit wendete der junge Mann wohl seinem Haar zu, das war von Natur fast pechschwarz und immer so fein gefettet und geglättet, daß es den Weibern als Toilettespiegel hätte dienen können.
Seine Eltern waren unbekannt; er selber soll, aus einem Dorfe an der galizischen Grenze stammend, sich in einem Erziehungsinstitute befunden haben, wo es ihm aber nicht gefiel, denn er floh daraus. Es war jemand, der braverweise die Christenpflicht vorschützte, um dem Drange seines Herzens genüge zu tun und den jungen Menschen nicht versinken zu lassen. So wurde Julian wieder eingefangen und in ein anderes Institut getan. Dort hatte man ihm das Entfliehen so gottlos schwer gemacht, daß er es vorzog, die Sache so einzurichten, daß sie ihn selber fortjagten. Er kam in die Gegend, wo die Sommerresidenz des Grafen Borgstam stand; der Graf war ein alter Sonderling, ein morscher Rest des alten Adelsgeschlechtes gleichen Namens, der fast einsam dasaß inmitten seiner ausgebreiteten Güter. Er interessierte sich für den hübschen, intelligenten Burschen, stattete ihn aus und half ihm in ein Militärinstitut. Das fand Julian nicht wohlgetan und eine Weile später sah man ihn mit einer Schauspielertruppe durch das Land ziehen. Da war er schon zwanzig Jahre alt; aber bald bekam er den Komödiantenteint im hohen Grade. Seine Wangen fielen ein, seine Gesichtsfarbe wurde fahl, fast grünlich-grau, seine Augen brannten scharfzackig. Seine schlanke Gestalt war zweifach geknickt, einmal in den Knien und einmal am Nacken. Der schwarze Anzug wurde nicht mehr gebürstet.
Graf Borgstam, der sich nun einmal diesem Menschen zugewandt hatte, wollte ihn nicht aus den Augen lassen. Ein so wohlgebildeter und wohlgearteter junger Mann! Er nahm den Julian zu sich als Kammerdiener. Der Graf war betagt und durch mancherlei Mesalliancen und abenteuerliche Lebensperioden hindurch glücklich dort angekommen, wo man müde und einsam dasteht. Diese Einsamkeit war um so unheimlicher, je größer sein Reichtum und je mehr der Wohldiener ihn schmeichelnd umkrochen. Doch sammelt sich immer noch ein Restchen Weichmut und Wärme in einem alten Herzen, wenn es scheinbar auch schon ausgebrannt ist, und dieses Restchen kam dem neuen Kammerdiener nicht schlecht zu statten. Julian erholte sich bald, seine Wangen blühten und sein Rückgrat strebte wieder der aufrechten Richtung zu. Bei der freundlichen Behandlung, die er im Schlosse genoß, kamen auch seine geistigen Anlagen rasch zum Vorschein. Die Lust zum Vagabundieren war weg und obgleich in eine gewisse Disziplin gesteckt -- denn der Graf war sein alter Soldat -- heimte sich Julian rasch ein, zeigte Anhänglichkeit zu seinem Herrn und nach zwei Jahren war er mehr oder weniger der Vertraute des Grafen, und der Kammerdiener bekam selbst wieder einen Diener zugeteilt.
Den Winter verlebte der Graf in der Hauptstadt, wo er eines der vornehmsten Palais besaß, das aber in seinen größten Teilen unbewohnt blieb, weil der Herr nur einen kleinen Hausstaat zu führen pflegte und es auch sein alter Adel und dessen Verhältnisse verlangten, daß das Gebäude nicht praktisch verwertet werde, sondern mitten in der lebenslustigen Stadt still und ernst wie in ein düster-gewaltiges Monument, an das alte Herrengeschlecht erinnernd, dastehe.
Julian war also des Grafen rechte Hand geworden, so daß diesem der übrige Haustroß mehr oder minder überflüssig erschien und er sich von demselben räumlich abzusondern liebte. Der Graf pflegte allabendlich einen alten General bei sich zu sehen, mit dem er ein Tarockspielchen machte und ein paar Flaschen Wein ausstach. Vor Mitternacht wurde dem Gaste aus dem Hause geleuchtet und der Graf stieg bisweilen schon etwas schlaftrunken zu seinem Schlafzimmer empor. Julian verschloß alle Fenster und Türen der Vorgemächer, hatte noch die Aufgabe, dem Herrn im Entkleiden zu helfen, ihm irgendein Buch auf den Nachttisch zu legen zur Lektüre, damit sich's leichter einschläft, und sich dann im Vorzimmer selbst zu Bette zu legen.
Da war es eines Tages, daß, als der Graf schon im Bette lag und just das Buch weglegen wollte, Julian ins Gemach trat.
»Was willst du?« fragte der Graf.
»Euer Gnaden das Licht auslöschen,« war die Antwort; da stand er schon am Bette und in seiner Faust hielt er den Griff eines scharfblinkenden Hirschfängers.
Der Graf richtete sich rasch empor, der Kammerdiener griff ihm an die Gurgel und preßte ihn auf das Kissen zurück.
»Sie wissen, Herr, um was es sich handelt,« sagte Julian ganz leise, indem er Sorge trug, daß die Spitze des Messers dem vor Schreck stöhnenden alten Manne vors Auge kam. »Erschrecken Sie aber nicht so sehr, Sie werden ihr Leben mit einem einzigen Worte retten. Sie waren mir stets ein guter Herr und ich bitte Sie inständigst, ja nicht den mindesten Schrei zu versuchen. In der Notwehr bin ich alles imstande.«
Tiefe bodenlose Frechheit des Anfallenden gab dem Grafen das Bewußtsein der Ruhe wieder. Er wehrte sich nicht, er starrte dem Burschen nur wunderlich ins rollende Auge.
»Was -- bedeutet denn das, Julian?« fragte er.
»Sagen Sie mir nun einmal ganz ruhig, wo Sie die Schlüssel zur Geldkasse haben.«
»Laß mich los, Unglücklicher!«
»Herr, wenn Sie lärmen wollen!« Der Bursche machte die Miene des Zustoßens.
»Ich meine nur,« fuhr der Graf fort, »wenn du mich nicht losläßt, so kann ich nicht zu Worte kommen. Daß ich nicht Lärm schlage, magst du glauben, dafür ist mir mein Leben zu lieb, und du würdest zehnmal durchs Fenster entspringen können, bevor man zu Hilfe käme. Ich sehe deinen Vorteil recht gut ein.«
»So werden Sie mir die Kasse öffnen.«
Der Graf hatte sich nun vollends gesammelt. »Julian,« sagte er mit einem Humor, den man dem alten Herrn für eine solche Situation nicht zugetraut hätte, »da du dich so gut sichergestellt und auch, wie ich nun sehe, die Pistolen entfernt hast und selbst die Klingelschnur durchgeschnitten, da wir uns recht still verhalten und es noch viele Stunden dauert, bis im Hause der Erste aufwacht, so können wir die Sache ganz bequem machen und alles miteinander wohl überlegen, denn du mußt zugeben, daß es etwas Wichtiges ist, was du vorhast. Ich versuche nicht, dir davon abzuraten, aber ich gebe dir zu bedenken, ob dein Weg bis nach Amerika, -- und einen andern kannst du wohl nicht wählen -- auch vorbereitet genug ist, daß du ihn von diesem Fenster aus schnurgerade nehmen kannst!«
»Das ist meine Sache, nur habe ich keine Zeit zu verlieren. Also!«
»Ach ja, die Schlüssel! Aber ich fürchte, daß, wenn du die Kasse geräumt haben wirst, dir doch nichts anderes übrig bleibt, als mich tot zu machen. Und insoferne ich väterlich für deine Zukunft besorgt bin, sage ich dir: du könntest gar nichts Schlimmeres tun, als mich zu ermorden!«
»Sie höhnen mich!« knirschte der Kammerdiener, der als Angreifer nun weit erregter war, als der Angegriffene.
»Stoß zu!« sagte der Graf, immer noch ruhig auf seinem Bette liegend, »stoß zu, wenn du's gratis tun willst!«
Das wollte der Bursche allerdings nicht, und fast irre gemacht durch das Verhalten des Grafen, verlangte er in bittendem Tone die Schlüssel zur Kasse.
»Julian!« sagte der Graf und wollte den Burschen an der Hand fassen, während der aber durchaus nicht gesonnen war, von seiner wehrhaften Stellung auch nur den geringsten Vorteil aufzugeben.
»Du hast recht, Julian,« fuhr der Graf fort, »ich gestatte dir, daß du mich fesselst, aber den Mund laß mir frei, ich habe dir einiges zu sagen, was für dich nicht unwesentlich ist. -- Dort in der Ecke steht die Kasse, die Schlüssel kann ich dir auch angeben, ja selbst die geheimen Kunstgriffe, ohne welche das Ding nicht zu öffnen ist, möchte ich dich lehren, allein du würdest über den Inhalt des Schrankes enttäuscht sein. Zumeist sind es Papiere, mit denen ein Flüchtling nichts anzufangen weiß, das vorhandene Bargeld dürfte dich zur Not nach Neuyork bringen, aber nicht weiter. Und in diesem Lande wird nach meinem Tode das Gericht ein Testament öffnen, das schon seit sechs oder sieben Monaten geschrieben ist und in welchem der unglückliche Graf Borgstam, als der letzte, seinen Kammerdiener Julian Zellenbach zum Universalerben einsetzt. Ein Duplikat des Testamentes wirst du in der Kasse finden.«
»Wir werden uns überzeugen.«
»Gut, Junge. Aber was nützt das? Ich sehe es ein, du meinst, du könntest jetzt nicht mehr zurück.«
»Sie sehen es selbst ein, Herr Graf.«
»Vielleicht aber doch, wenn wir die Sache erörtern. Denn es wäre jammerschade, wenn du über die Flucht wegen der Kleinigkeit die dir einst rechtmäßig zufallenden Güter im Stiche lassen müßtest.«
»So töricht bin ich nicht, daß ich mich durch solche Märchen hinhalten lasse,« sagte der Kammerdiener in verschmitztem Tone.
»Es tut mir leid,« fuhr der Graf fort, indem er sich unter dem drohenden Messer nun einmal ein wenig zurecht rückte, »ich würde dich gerne von der Richtigkeit meiner Worte überzeugen, aber du bist ein toller Junge und stoßest aus Angst schließlich doch noch deinen leiblichen Vater nieder.«
Das Bekenntnis war heraus, allein es wurde darum die Unterhaltung nicht wesentlich gemütlicher.
»Ich habe mancherlei an dir erlebt, mein Sohn,« fuhr der Graf fort, »und ich habe dir außerdem noch mancherlei zugetraut; allein ein Raubmörder, das berührt mich unangenehm. Man kann Leute töten und Güter konfiszieren, so viel man will, aber auf ritterliche Weise, wie wir's getan haben. -- Doch dir mangelte die standesgemäße Erziehung und ich habe dich leider aus den Augen gelassen und jahrelang aus den Augen verloren; was ich konnte, habe ich dann ohnehin getan.«
Nun war denn doch der scharfe Hirschfänger in der Faust des Kammerdieners etwas locker geworden. Er trat einen Schritt vom Bette zurück und sagte mit heiserer Stimme: »Erheben Sie sich und zeigen Sie mir das Dokument, denn Sie werden begreifen, daß ich mich sichern muß.«
»Daran tust du wohl. Nur möchte ich wissen,« sagte der Graf und machte Anstalten, aufzustehen, »ob dir niemals eine Ahnung gekommen ist von unserer -- Zusammengehörigkeit?«
»Mag sein,« antwortete der Bursche, »momentan handelt es sich aber darum, daß ich mich assekuriere. Hierher, wo ich Sie jetzt habe, dürfte ich Sie sobald nicht mehr kriegen.«
»Das Vernünftigste ist, du gehst zu Bette,« so nun der väterliche Rat, »und keine Seele soll wissen, was in dieser Nacht zwischen uns vorgefallen.«
»Aber Sie werden umso sicherer daran denken, mein Herr, und werden mich enterben oder mich aus dem Wege schaffen, auf welchem ich Ihnen nun unbequem sein muß.«
»Ich sehe, daß du klug bist, mein Sohn. Doch dürftest du beruhigt sein, wenn ich dir meine, deine Geschichte, insoferne du sie nicht kennst, mitteile.«
»Die kümmert mich nicht und möchte für mich dabei kaum mehr Ehre herauskommen, als für Sie. Was? Sie haben ein schönes, armes Weib ins Unglück gebracht, damit wird's beginnen.«
»Ich habe sie versorgt.«
»Sie ist verachtet worden und zugrunde gegangen.«
»Weißt du's?«
»Das ist leicht wissen, weil es der gewöhnliche Gang ist. Und die Leichtsinnigsten kommen immer noch am billigsten.«
»Auch du wirst dich nicht zu beklagen haben.«
»O klagen, Papa! Lieber nehm' ich mir meinen Teil und schweige.«
»Schweigen, das glaube ich.«
»Ich könnte ja in der Tat eine Rührszene aufführen,« meinte nun der junge Mann, »und ausrufen: Tausendmal besser für mich, ein Bauer hätte mich auferzogen, als daß ich hin- und hergeworfen worden bin zwischen Dorf und Stadt, zwischen Schule und Kaserne, einmal Geld im Überfluß, einmal gar keins, verkommen, verdorben -- verdorben!«
»Vergißt es wohl nicht, daß ich dich in mein Haus nahm und hielt wie ein liebes Kind?«
»Warum haben Sie das nicht getan, so lange es noch früh genug gewesen? Sie haben mich verhehlt. Sie hätten Ihr eigen Herz und Gewissen bis an's Lebensende betrügen können, weil es das Dekorum verlangt. -- Ha, so könnte ich Komödie spielen, wenn mir die ganze Teufelei nicht verflucht gleichgültig wäre. Nur wollen Sie keine kindliche Liebe, oder wie das Zeug heißt, von mir verlangen!«
»Ich verlange gar nichts von dir, mein Junge, als Klugheit,« unterbrach ihn der Graf, »aber du wirst dieselbe auch an mir erklärlich finden. Wir befinden uns jetzt beide in einer schlimmen Situation. Öffne ich dir die Kasse, um die Urkunde zu zeigen, so wirst du fürchten, ich könnte nach solchem Zwischenfall das Testament gelegentlich widerrufen und wirst das mit geeigneten Mitteln beizeiten zu verhindern suchen. Öffne ich nicht, so ist deine Sache unsicher, ja verloren.«
»Und Sie werden die Notwendigkeit begreifen, daß ich für meine persönliche Sicherheit sorge und zwar radikal ...« So der Kammerdiener.
Mittlerweile hatte sich der Graf ins Nachtkleid gehüllt, an der Wand umhergetastet, um scheinbar nach den Schlüsseln zu suchen. Der Kammerdiener folgte jeder seiner Bewegungen und dabei war er doch ratlos und wußte nicht, was er unter sotanen Verhältnissen zu tun hatte. Sie waren gegenseitig gebunden, wo sich's um Konvenienz, Dekorum und materiellen Vorteil handelte, aber nicht gebunden, wenn es auf Leben und Sicherheit ankam. Der Augenblick war kritisch und Julian umklammerte wieder fest und entschlossen die Mordwaffe.
Da pochte es draußen an eine Tür.
»+Auftreten die Tür! Rasch herein!+« rief der Graf mit voller Stimme. Da krachte das Getäfel. Julian brach ein, die Waffe entsank seiner Hand. Das vom Grafen durch einen heimlichen Druck an der Wand gerufene Gesinde stürzte herein, der Portier voraus.
»Kommt uns zu Hilfe,« sagte der Graf, »dem Julian ist schlecht geworden. Bringt ihn in's Krankenzimmer, schafft ihm Beistand, und es sollen die Nacht über Leute bei ihm sein.«
Den Hirschfänger hatte er, während er den Befehl gab, mit dem Fuße unter das Bett geschnellt. Der auf ein Fauteuil gesunkene Kammerdiener ließ sich hinaustragen und der Graf schloß die Tür und war nun allein in seinem Gemache.
Am nächsten Morgen war der Kammerdiener, um frische Luft zu schöpfen, ins Freie gegangen und -- nicht mehr zurückgekommen. »Julian hat recht,« meinte der Graf, »seine Gesundheit ist angegriffen, er sucht ein südliches Klima auf.«
Der Millionär.
Das war vor dem Klosterkeller am See. Draußen glitzerte das Gewässer, jenseits desselben baute sich das Hochgebirge mit den Gletscherschildern, und an meinem Brettertisch, in der grünen Nacht der Lindenschatten, funkelte im Glas der goldene Wein doppelt freundlich. Wahrlich, die Klöster brauchen nicht zu fürchten, von der Erde vertilgt zu werden, solange sie gute Weine geben. Und die Juden werden niemals zur Herrschaft der Herzen gelangen, so lange jüdische Weinagenten uns mit jenem Gesüff verfolgen, wie man es in allen Schenken der Straße zu finden, zu trinken und zu verfluchen pflegt.