Part 16
Der Klosterwein hat schon manchen zur katholischen Religion bekehrt, und ich selbst schwor zu jener Stunde im Klosterpark, daß in einem solchen Weine die Wahrheit liegen müsse. Auch das Bauernvolk war sicherlich derselben Meinung, das an den übrigen Brettertischen unter den Linden herumsaß, Wein trank, kecke Gespräche führte und Lieder sang.
Auf einmal unterbrach einer der Burschen sein Lied, stieß die Nachbarn mit dem Ellbogen und sagte: »Schaut, dort geht er! Dort drüben geht er wieder!«
Die Augen wendeten sich gegen eine Landzunge hinaus, an deren Strand ein schwarzgekleideter Mann hinschritt. Er trug, soviel man von der Ferne ersehen konnte -- enge Beinkleider und ein kurzes schwarzes Wams. Und da er den Stock so an die linke Seite preßte wie einen Degen, gemahnte er fast an den Faust, wenn er im dunklen Samte neben Mephisto dahinschreitet. Über die Schulter hatte unser Wandler am Gestade ein graues Reisetuch geworfen, wie es so die Engländer ins Land gebracht haben. Und auf dieser Gestalt saß ein roter Punkt. Das war der rot bebartete und rot behaarte Kopf, der keine Bedeckung trug.
Ganz hart am Wasser ging der Mann hin, blieb mitunter stehen, als ob er in den See starrte, und schritt dann zögernd fürbaß.
»Er will schon wieder!« rief die Kellnerin.
»Und getraut sich nicht!« lachte einer der Bauern.
»Gebt acht, vielleicht springt er doch hinein!« sagte ein dritter.
»Man soll ihm einen Krug Wein schicken, vielleicht bringt ihn das auf andere Gedanken,« rief ein vierter.
»Steht sein gestriger noch auf der Tafel,« sagte die Kellnerin.
»Seinen heutigen schreib auf die meine,« sagte einer der Zecher.
»Ist gehupft wie gesprungen,« lachte die Kellnerin, »du zahlst auch nicht.«
»Ich zahl' wie die Klosterbrüder zahlen: Gott vergelt's! Im nächsten Jahr soll er wieder gedeihen.« So keck redete der Zecher d'rein. Hierauf schossen sie zusammen, die Bauern und Hirten und Waldleute, die an den Tischen saßen. Der Krug Wein wurde dem Schwarzen nachgeschickt, kam aber wieder zurück, der Wandler am Gestade war nicht mehr zu finden.
Als sich die bäuerlichen Gäste verlaufen hatten, fragte ich die Kellnerin, was es mit jenem Manne denn für eine Sache sei?
»Eine traurige,« antwortete die Kellnerin und griff an die Stirne: »Er muß +da+ nicht recht sein. Er steigt schon etliche Tage in der Gegend um, sagt, er will sich umbringen und hat die Courage nicht dazu. Einmal ist er schon in den See gesprungen, muß ihm aber zu naß gewesen sein, weil er sich wieder herausgearbeitet hat. -- Da kommt der Pater Anton, der weiß mehr von ihm. Küss' die Hand, Hochwürden. Gleich bring' ich's.«
So die Kellnerin und lief davon, um dem Ankömmling den gewohnten Trunk zu holen. Der Pater in schwarzem Talar, um die Mitte einen weißen Strick, setzte sich zu mir, gab einen freundlichen Gruß und schaute mich mit seinem runden Gesichte gemütlich an. Wir waren uns also schon verknüpft; ich wollte etwas von dem rätselhaften Manne wissen und der Pater wußte etwas von ihm. So war bald angehakt und der Priester erzählte mir. Etwa eine Woche zuvor sei weiterhin an der Felswand ein fremder Mann aus dem See gezogen worden, nachdem ihn der Fischer um Hilfe rufen gehört. Dann habe der Gerettete dem Retter heftige Vorwürfe gemacht, daß er ihn nicht habe ertrinken lassen, sei ihm ausgerissen, wieder ans Wasser gelaufen, dort aber am Ufer zusammengebrochen. Hierauf habe man den Armen ins Kloster gebracht, dort geatzt und mit Kleidern versehen, denn seine Gewandung sei nur mehr in schmutzigen Fetzen am Leibe gehangen. Im Alter wäre er noch kaum über dreißig Jahre, wer oder was er sonst sei, das wäre nicht aus ihm hervorzubringen, allem Anscheine nach ein Mensch aus gutem, reichem Hause, aber einer Irrenanstalt entsprungen. Bei einem Mahle, an dem er im Kloster teilgenommen, habe er sich als Feinschmecker erwiesen. Sein Benehmen sei ein merkwürdiges Gemisch von Höflichkeit und Trotz, manchmal flackere etwas, wie übermütige Lust in ihm auf, dann sei er wieder tief niedergeschlagen, starre oft bewegungslos lange Stunden in Abgründe, in das Wasser, sitze mitunter in der Tischlerwerkstatt und starre die Werkzeuge an. Einen Revolver habe er anfangs bei sich getragen, der sei ihm abgenommen worden. Dann wandle er traumhaft umher, man sehe ihn drüben an der steilen Wand, man sehe ihn oben auf den Höhen, man sehe ihn draußen bei den Klostermühlen und am Wasserfalle und an der Brettersäge, wo er seine Augen in das Getriebe vertiefe. Dann wieder laufe er in das Dickicht oder werfe sich auf den Erdboden und klammere sich mit krampfhaften Fingern an den Rasen. Man sei ihm mit der Religion gekommen, dabei wäre er bewegungslos wie ein Taubstummer geblieben; aber einmal habe er auf den Feldern einem pflügenden Bauer zugeschaut und habe dabei angefangen, herzbrechend zu schluchzen und habe sich in die frische Furche gelegt und habe sein Gesicht in die Erde gepreßt, daß der Bauer gar nicht gewußt, was er sich davon denken solle. Einmal am Abend habe er sich bei den Klosterbrüdern bedankt für die Herberge und Gastfreundschaft und gesagt: Morgen, wenn die Sonne aufgeht, bin ich nimmer. Aber als die Sonne ausging, war er doch noch und schlich von den Leuten abseits; da habe man gesehen, wie er sich mit einem Stein an den Kopf schlug, daß helles Blut niederrann über das Gesicht; dann wimmere er, und endlich, wenn er etwas zu essen bekäme, zeige er wieder guten Appetit. Der Abt sage nun, länger sehe er dem Manne nicht mehr zu, er lasse ihn abliefern in die nächste Irrenanstalt.
Derlei hatte mir Pater Anton mitgeteilt, und dabei war es in mir unruhig geworden.
»Die Leute sagen,« setzte der Pater bei und trank aus seinem Krug, »die Leute sagen, es sei der leibhaftige ewige Jude.«
»Mag wohl sein, zum mindesten ein Stück von ihm.« -- Bald nachher nahm ich Abschied vom Kloster und zog meiner Wege.
Ich strich bergauf und talab im Gebirge umher und dachte unterwegs viel an den sonderbaren Mann und hoffte ihm sogar zu begegnen. Das geschah aber nicht, und so wendete sich mein Herz von dem Grauen einer umnachteten Seele wieder der lichten Herrlichkeit der Hochgebirgswelt zu.
Sonst pflegte man die Klöster in gesegnete Gegenden der Hügelgelände hinzubauen; aber der Erbauer dieser Pfaffei hatte das unwirtliche Hochgebirge vorgezogen. Die Liebe zu solchen wilden Gegenden konnte zu jener Zeit der Klostergründungen nicht Ursache gewesen sein, denn diese Liebe war in alten Zeiten nicht so in den Menschen wie heute. Eher war es der Schutz, den die wilden Berge vor feindlichen Einfällen gewährten, in Hinsicht darauf diese Stätte gewählt worden. Oder die Sache fing etwa mit einer Einsiedelei an, oder einem Jagdschlößchen, das die Priester eines fernen Klosters hier erbaut hatten; zum Jagdschlößchen kam eine Kirche, zu dieser kamen Andächtige, es huben Wunder an zu geschehen, der Wallfahrer wurden von Jahr zu Jahr mehr, die Kirche wurde vergrößert, ständige Priester mußten sich niederlassen, und es erwuchs ein Kloster, das von dem, was die Gläubigen herbeitrugen und was das ferne Mutterkloster abwarf, reichlich gedieh.
Und so konnte die Abtei des heiligen Antonius ganz behaglich daliegen zwischen den Wänden. Sie lag -- von oben herab gesehen -- mit ihren weißen vielfensterigen Mauern, mit ihren zwei roten Kuppeltürmen, mit den Wirtschaftsgebäuden und Baumgärten reizend am Gestade des Alpsees, und hinter ihr war ein kleiner fast ebener Boden von grünen Matten und Fichtenwäldern. In Urzeiten mochte auch diesen von schroffen Felswänden eingeengten Boden der See bedeckt haben; heute ist er wie ein lieblicher Garten, an zwei Seiten bestanden von der Schutzmauer. Diese Schutzmauer ist mehr als fünftausend Fuß hoch, und im Winter hat das Kloster neun Wochen lang keinen Sonnenstrahl. Stellenweise steigt der blauende Wald streckenweit hinan in das steile Gebirge, am See hin ragen die Wände fast senkrecht empor. Oben sind sie scharf abgebrochen, und wie sich dort das Gebirge zurückzieht und im Hintergrunde zu neuen Massen großartig aufbaut, das kann man vom Tale aus nicht sehen.
Wer jedoch oben steht auf einer der Kanten des Vorgewändes, dem schwindelt einerseits vor der Tiefe unter sich, in welcher der See wie eine braune, ins Gebirge eingezackte Spiegeltafel daliegt und daneben im dunklen Grün die lichten Würfelchen des Klostergebäudes -- und andererseits vor der Höhe über sich, in welcher die grauen zerklüfteten Bergwuchten stehen, von deren Häuptern und Hochmulden der versteinerte Schnee niederleuchtet. Diese Felsmassen setzen sich nicht zusammen aus einzelnen Stücken und Schichten, sie haben nicht die Art des Zersprungenen, Zerbröckelnden; in geraden und glatten Linien gezeichnet, so stehen die ehernen quadratischen Blöcke da, mancher im Durchmesser von mehreren tausend Fuß; so liegen ihrer zwei und drei oder noch mehr übereinander und die obersten Zinnen überragen die Gebirgswelt und schauen in ihren äthergrauen Flächen weit hinaus in die Lande.
Das Gewände jenseits des Sees hat mehr den Charakter des Unregelmäßigen und Plumpen, es baut sich in Kegeln aus, von deren Schründen gelblichweiße Schutthalden niedergehen und sich zwischen grünen Wäldern und grauen Klötzen ausböschen in den See. Selten ist das Bild ganz rein, entweder die Gipfel stechen in die Wolken hinein, oder es liegt der Nebel in den Tiefen und die Berge steigen scheinbar, jeder für sich, wie aus einem grauen Meere auf. Oder es schwimmen in der feuchten Luft die Nebelfetzen in halber Höhe hin, hängen wie Wetterfahnen an den Wänden oder dampfen im Morgensonnenschein aus den Steinhäuptern hervor und lösen sich in Äther.
Scheinbar hat der Beschauer die Felswände sich ganz nahe gegenüber, aber wenn er nach Gemsen ausschaut, so sieht er dunkle kleine Punkte, wie Steinflöhe -- das sind freilich die Gemsen, aber sie zeigen nur, wie groß der Abstand, wie riesig die Verhältnisse sind, in welchen sich der Beschauer selber wie ein nichtiger Steinfloh vorkommen muß.
Auf solchem Standpunkt wird der Wert des menschlichen Lebens stark verschoben, entweder es verliert gegenüber diesen ungeheuren Naturgewalten alle Bedeutung, oder es stellt sich als Erkenner und Genießer der Natur hoch über sie und ermißt an der seelenlosen Außenwelt seine göttliche Überlegenheit.
Als ich in solchen Gedanken dahinging hoch am Grate des Gewändes, das senkrecht in den See hinabtauchte, sah ich plötzlich unter mir auf einem schmalen Felsvorsprung einen Menschen liegen. Er lag in seiner schwarzen Kleidung ausgestreckt auf dem Rücken wie eine Leiche und ich wähnte auch anfangs, es wäre der nun tote Fremdling, den ich ein paar Tage früher unten am See gesehen. Es war aber der lebendige, wie mich eine Bewegung desselben belehrte. Es war eine Bewegung mit dem Arm, wie bei dem Erwachen aus einem traumschweren Schlaf. Ich erschrak vor dieser Bewegung mehr, als früher vor dem leblosen Bilde, eine einzige Wendung des Körpers, und er mußte in die Tiefe stürzen.
Diese Bewegung wurde vermieden, der Mann richtete sich sorgfältig empor und kletterte mit Geschick, aber auch mit Zittern und Zagen einem Gemssteige entlang quer heran zur Zinne. Mit einem Sprunge stand er auf der flachen weiten Matte und atmete auf. Dann blickte er wirr um sich und wollte davoneilen.
Ich trat rasch zu ihm und redete ihn an: »Sie können vom Glücke sagen, daß Sie heil heraufgekommen sind!«
»Jawohl,« antwortete er gedämpft und säumig, »ich kann vom Glücke sagen. Ich kann vom Glücke sagen!«
»Wollen Sie nicht mit mir kommen, lieber Herr,« lud ich ihn ein, »unten im Kloster erwartet man Sie.«
»Wer erwartet mich?« schnauzte er auf, »mich hat niemand zu erwarten, verstehen Sie? Die Pfaffen sollen mir meinen Revolver wiedergeben.«
»Das sollen sie auch,« sagte ich, »wer im Gebirge reist, muß eine Schußwaffe haben. Sehen Sie, ich habe auch so etwas.«
Damit zog ich mein Terzerol aus der Tasche, er blickte es mit gierigen Augen an und fragte, ob es geladen sei?
»Dreifach. Ich pflege es im Gewände loszubrennen, ich ergötze mich am Echo.«
Hierauf ging er mit mir und wies mehrere Stellen, die ein vielfaches Echo hatten. Dabei merkte ich, daß er mit der Gegend einigermaßen bekannt war und es war überhaupt vernünftig und unauffallend, was er sprach, und stand es zu seinem verwahrlosten Wesen, zu seinem verstörten Gesicht im Widerspruch. Das lange rote Haar und der volle Bart, der das blasse eingefallene Gesicht wie eine Wildnis umwucherte, war verworren und es klebten Baumnadeln und Sandkörner daran.
Da er keinen Hut hatte, so fragte ich ihn, ob selbiger denn vom Winde entführt worden wäre?
»Ha, ha,« lachte er, »alles frägt nach dem Hute, als ob der Hut das wichtigste wäre an einem Menschen. Ja, es ist mir einmal einer auf dem Kopf gesessen. Vielleicht schwimmt er unten im See, wenn Sie ihn haben wollen.«
»Mir geht's nicht um den Hut,« war meine Entgegnung, »aber wenn ich Sie nach Ihrem Kopf gefragt hätte, wer weiß es, ob Sie mir Bescheid gegeben!«
Auf das antwortete er nichts, sondern ging still vor mir her, der Steig zwischen dem Gestein und Gezirme war sehr schmal. Plötzlich -- wir waren so weit in das Hochplateau hineingekommen, daß man nicht mehr zum See und zum Kloster hinabsehen konnte -- blieb mein Begleiter stehen, kehrte sich um gegen mich und sagte: »Wenn Sie klug wären, hätten Sie mich jetzt von hinten niederschießen müssen.«
»So? Sie halten mich für einen Banditen?«
»Ei, was Sie denken!« rief er und legte seine Hand wie besänftigend auf meinen Arm. »Sie sind ein braver Mann und gerade darum sollten Sie an mir ein gutes Werk tun. Ich bin ein Tor, ich bin dem Wahnsinn nahe, aber ich weiß noch ganz genau, was ich will und habe das Endziel meines Lebens nicht aus den Augen verloren. Leider Gottes, es geht mir nach dem Worte der Schrift: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.«
Er setzte sich auf einen breiten Stein, der schief aus der Erde hervorragte. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen zweiten Stein und bot dem Gefährten meine Feldflasche an.
Er tat daraus einen durstigen Zug und der Klosterwein brachte seine Mitteilsamkeit in ganz ungeahnter Weise zum Rieseln. Nachdem er mehrmals getrunken, sagte er: »So ist das jetzt schon der dritte Monat, seit ich Almosen nehme. Wer hätte sich das je gedacht, daß die Liebe zum elenden Leben stärker sein soll als der Stolz des Millionärs, als die Weltverachtung eines alten Lumpen! Wer hätte sich das gedacht! Aber ich sage es: das ist noch das Erbärmlichste unter allem Erbärmlichen am Menschen, daß er feig ist -- eine feige Bestie. -- Also im Kloster erwartet man mich!«
»Und spricht von Ihnen,« setzte ich bei, »und ich muß gestehen, daß auch ich seit ein paar Tagen oft an Sie denke.«
»Sie denken an mich. Das ist schön.«
»Nach dem, was man von Ihnen erzählt, vermute ich, daß Ihnen die Leute übel mitgespielt haben.«
»Die Leute, meinen Sie! Wenn das wäre, so könnte ich mich rächen!« rief der rätselhafte Mann lebhaft und wühlte mit den Fingern in seinem Vollbart, was er allemal tat, so oft er in Erregung kam; »leider bin ich es selber, der mir schlimm mitgespielt hat und den ich nun mit dem Tode bestrafen soll, weil er einen Menschen zugrunde gerichtet hat -- sich selber.«
»Daß Sie der guten Gesellschaft angehören, ist mir kein Zweifel,« sagte ich.
»Der guten Gesellschaft!« lachte er auf.
»Ihrer Aussprache nach sind Sie ein Wiener.«
»Nur ein halber. Ein geborener Prager, studierte in Berlin. Als mein Vater starb, war ich dreiundzwanzig Jahre alt und Erbe einer Million. Allsogleich hub ich ein standesgemäßes Leben an, machte Streiche, ward relegiert und ging nach Wien. In Wien lebt sich's flotter, das Studium gab ich auf, nachdem ich zweimal gefallen war. Ich fand Genossen, die hatten einen guten Grundsatz, der gefiel mir: Die Million verjuxen und sich dann erschießen!«
Mit zynischer Gebärde wühlte er wieder in seinem Bart, als wäre ihm das eine wie das andere zur Lust, schlenkerte die Arme aus, schnalzte mit den Fingern und wieherte: »Die Million verjuxen und sich erschießen!«
»Hoffentlich,« so warf ich im Scherze ein, »waren Sie wie die liebe Jugend, diese ist leichtsinnig und pflegt ihren Grundsätzen nicht treu zu bleiben.«
»Den ersten Teil meines Grundsatzes habe ich auf das Gewissenhafteste befolgt,« versicherte er. »Ich habe jeden Tag meinen Tausender in die Welt geworfen, habe Lakaien, Pferde, Freunde, Freundinnen gehabt, habe alles versucht, was sie Genuß heißen; ein dreijähriger Hexensabbat war's, teils in Wien, teils in Petersburg, teils in Baden-Baden und Homburg. Oh, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte! Es war anfangs ganz ergötzlich, aber eher als man denken kann, eine Last, ein Ekel zum Erbrechen. Das Geld mußte fliegen Tag für Tag, die Langweile tat sich auf wie ein Abgrund, ich schleuderte Unsummen hinein, manche Stunde fraß das Jahreseinkommen eines Ministers, und die Langweile war nicht zu töten. Es gibt nichts, woran ich mich nicht übersättigt hätte, noch bevor ich es eigentlich genossen. Es ist mir heute alles nebelhaft, ich sehe nur zu Tod gehetzte Pferde, rollende Würfel, üppige Gelage, Weiberbusen mit Schaumwein getauft, blasse Gesellen im Nachtaumel des Katzenjammers. Und nie hätte ich geglaubt, daß die Welt für eine Million so arm ist an Genüssen. Das ewige Einerlei des ruhelosen Wandelns, des Schnaubens und Schnappens nach Neuem, Pikanten. Die Sinne wurden stumpfer, ich verschmachtete fast in der Öde des Reichtums.«
»Haben Sie denn nicht Reisen gemacht, waren Sie nicht auf dem Meere, in Ägypten?« so meine Frage.
»Ich war überall, aber nur als Raubtier,« antwortete er, »ich sah nicht den Wald, ich sah nur das Reh und den Hirschen. Ich sah nicht das Hochgebirge, nur den Adler und den Lämmergeier; ich sah nicht den klaren Alpfluß, die hohe See, nur die Fische drinnen, und fangen, töten, an mich reißen -- sonst wußte ich von nichts. Ja doch! Eines Tages, es war auf dem Wege von Salzburg nach Berchtesgaden, brach mir auf der Straße ein Wagenrad, und während des Aufenthaltes beim Dorfschmied sah ich, wie das Weib des Schmiedes, das auf dem Acker Kartoffeln jätete, zur Jause in der heißen Tageszeit ein Krüglein Wein vom Wirtshaus holen ließ. Eben will sie sich d'ranmachen, da kommt ein alter Mann des Weges gehumpelt, der setzt sich vor der Schmiede auf die Bank, trocknet sich den Schweiß und sagt nichts. Jetzt kommt das Weib mit dem Weinkrug, ladet den Alten ein, sich daran zu laben, er bedürfe der Labe notwendiger als sie. Da geht mir ein Licht auf: Der Wein ist doch ein großer Genuß, wenn man Durst hat, aber das Almosengeben muß ein noch größerer sein, sonst würde ihn das Weib nicht dem Trunke vorziehen. Den Genuß kann ich mir verschaffen. Ich lasse alles Bettelvolk der Gegend zusammenrufen, alte Männer und Weiber, Krüppel, Kretins, und sage: Jedes bekommt einen Taler, wenn es über den Wassergraben springen mag, in dem der Hammerbach rinnt. Ha, wie die Joppen und Röcke fliegen, den meisten glückt der Sprung, etliche fallen kreischend in den Bach. Auch diese sollen ihren Taler haben, sage ich, wenn sie mir auf den Anger ein Ballett aufführen, während die Kleider am Zaun trocknen. Da ist etwas. Ein alter Mann kommt auf mich zu, spuckt mir ins Gesicht, dann eilen sie hinweg.«
Ich war aufgestanden.
»Es ist weit mit mir gekommen,« fuhr er fort, »aber niemals hätte ich geglaubt, niemals, meine Schande jemandem so ins Gesicht sagen zu können. Wenn das nicht die größte Schamlosigkeit ist, so ist es Mut, und wahrlich, den hätte ich zu brauchen. -- Nach wenigen Jahren war die Million dahin und ich floh vor den Gläubigern. Und nun -- das Erschießen! -- Wer eine Million verpuffen will, der soll sich zuvor prüfen, ob er nicht zu feig ist für die Konsequenzen; sonst geht er einem Leben entgegen, einem verdammten Leben, das ärger ist als der Tod und das Fegefeuer.«
Er schwieg, ich ebenfalls, denn ich wußte in der Tat nicht recht, was hier zu sagen war. Zu sagen sehr viel, aber wo ein unglückliches Menschenherz mit im Spiele ist, da muß man die Worte mit Bedacht wiegen. Die Wahrheit und die Vernunft und die Moral sind oft zu rücksichtslos; den Sünder richtet man am besten auf, wenn man als Sünder zu ihm spricht.
Der Mann war in sich zusammengesunken, als habe ihn der Schlaf übermannt. Plötzlich fuhr er empor und starrte mich erschrocken an.
»Habe ich nicht den Hahn eines Revolvers knacken gehört?« fragte er.
»Der Stoppel dieser Feldflasche hat gepafft,« antwortete ich, »wollen Sie sich bedienen?«
»Ich kann mich nicht bedienen,« war seine Entgegnung, »wenn ich aber einmal fest schlafe und Sie jagen mir die Kugel durch den Kopf, so bedienen Sie mich am besten.«
»Sie sind nicht klug!« sagte ich und wahrlich, ich hätte was Klügeres sagen können.
»Ein Bettel um die Kugel!« lachte er. »Das Leben verachten und nicht den Mut haben, es zu enden! Vom Sonnenlicht übersättigt und vor dem Grabe schaudernd! Eine Million verpuffen und sich erschießen! Wie leicht ist's gesagt. Ich setze mir das Feuerrohr an den Kopf, zehnmal, oh, weit öfter, aber mein Finger, der am Hahn lag, gehorchte mir nicht, ich schleuderte die Waffe von mir. Ich hing am Hanf und habe die Schlinge gelockert. Ich nahm Gift und flehte den Arzt um Gegengift an. Ich sprang ins Wasser. Es wäre gut gewesen, da kommt der Klosterbruder. Immer habe ich gehört, von den Pfaffen komme nichts Gutes; nie habe ich mich mit ihnen eingelassen und hab' es doch erfahren. So ziehen sie mich aus dem See. Nun übe ich mich in Mut und suche meine Schlafstelle da drüben an der Seewand, vielleicht stürze ich einmal unbewußt hinab. -- Des Menschen Leben bläst der leise Windhauch aus. Steht's nicht so in einem alten Buche? Oh über die Hypochonder! Wenn sie ahnten, wie schwer das Leben abzuschütteln ist! Ausgelebt haben und nicht sterben können!«
»Wie alt sind Sie?«
»Achtundzwanzig Jahre.«
»Und wollen ausgelebt haben?« fragte ich. »Freund, Sie mögen den Abschaum des Lebens kennen gelernt haben, aber das Leben nicht. Mit einer Million kauft man sich kein Leben, noch weniger ein Glück. Sie müssen gerungen haben ums tägliche Brot, sie müssen einmal aus einer schweren Krankheit genesen sein, Sie müssen Gutes empfangen und Gutes gegeben haben, Sie müssen sich ein Haus gebaut haben, und einen geliebten Menschen gefunden und einen geliebten Menschen sterben gesehen haben, um zu wissen, was Leben ist. Sie haben noch nicht gelebt. Auf Ihrem Herzen liegt der Rost der Übersättigung, den müssen sie herausbluten, und es wird wieder jung sein. Sie haben bisher nur ihre rohesten Sinne gefüttert, den eigentlichen Menschen in sich haben Sie wahrscheinlich noch gar nicht entdeckt. Sie haben jene Anlagen noch gar nicht entdeckt, deren Betätigung und Befriedigung erst das Glück gibt. Das Sehen des Schönen in der Natur, das stille und beständige Bedienen der Mitmenschen, das Wiedergenießen ihrer Achtung, das Bewußtsein erfüllter Pflicht, das, mein armer Freund, sind weit tiefere und feinere Lebensgenüsse als jene tierischen, die Sie mit Ihrer unseligen Million erkauft haben.«
Der Mann tat eine Bewegung mit der Hand, als wollte er damit sagen: Das gäbe es für ihn nicht.
Ach du arme, zerfressene Seele, wie hat dich der Materialismus zugerichtet!
»Sie müssen nicht glauben, daß ich hier bei Ihnen sitze, um mich von Ihnen beschulmeistern und bedauern zu lassen!« sagte der Mann, indem er aufstand. »Ich habe mit Ihnen nicht angebunden, Sie haben es mit mir getan. Gehen Sie hinab und sagen Sie den Pfaffen, sie mögen mich nicht erwarten und mit Seelenmessen ließe sich an mir nichts verdienen. Ihr seid alle Wichte! Alle! Adieu!«
Nun eilte er davon, zwischen Zirmsträuchern hin und schaute gar nicht mehr um. Ich war nicht Samaritan genug, um ihm zu folgen; ich hatte nicht das demütige Trostwort gefunden, welches der Sünder zum Sünder spricht. Schwer verstimmt stieg ich niederwärts gegen den See.