Fremde Straßen

Part 17

Chapter 173,897 wordsPublic domain

Das war die erste Begegnung mit diesem Menschen in den Tiroler Bergen. Später ergab sich Gelegenheit, mit seinen Schicksalen näher bekannt zu werden. Er hieß Friedrich Kürbaum mit Namen und war der einzige Sohn eines Prager Bankiers. Mit seinen Studienjahren und seiner Million verhielt sich's so, wie er selbst angedeutet hatte. Es wären aus der unsauberen Zeit wunderliche Einzelheiten zu erzählen. Es war ein Leben ohne Kopf und Herz, es war das Welteinsaugen eines menschgewordenen Polypen. Das beste an seiner Million war, daß sie endlich zur Neige ging; mit dem Ringen um die Existenz und der Angst vor dem Untergange kamen wenigstens menschliche Regungen in seine Brust. Es ging ihm das Bewußtsein auf, ein Leben verloren zu haben und das verlorene Leben wie ein unerlöstes Gespenst weiterschleppen zu müssen durch alle Entbehrungen und Demütigungen hin, und wie sozusagen sein Gewand und sein Leib stückweise von der gemarterten Seele abfallen müsse, bevor sie ihr Dasein aufgebe.

Mit solchem Jammer trat der durch Überfluß und Übermut entherzte Verschwender gleichsam wieder in die Rechte der Menschheit ein.

Lange strich er um im Gebirge; es war, als banne ihn die Größe oder als bedürfe er für seine innere Wildheit und Zerrissenheit die Wildheit der äußeren Natur. Planlos strich er um. Hier bettelte er um den Tod, dort bettelte er um Leben. Es war der allerärmste Bettler, der je in dieser unwirtlichen Gegend umhergestiegen.

Einige Tage war es nach unserer Begegnung auf der Zinne der Seewand, als Friedrich Kürbaum im Walde zu einem halb verfallenen Holzbaue kam. Einst mochten Kohlenbrennerleute darin gewohnt haben, wenigstens war vor der Hütte ein runder Platz mit Kohlenlösche, aus der Nesseln und anderes Krautwerk wuchsen. -- Wenn er sich in diese Hütte einschlösse, die Fenster und Löcher verstopfte, mit Kohlenresten darin ein Feuer machte, um daran zu ersticken! -- Mit diesem Gedanken vielleicht stieß Kürbaum den Bretterverschlag auf, der die Tür bildete, und trat in den Raum. Sofort merkte er, wie sich in einem Winkel der Hütte etwas bewegte und eine Stimme war: »Mein Gott hat mich erhört, Friedrich! Wie danke ich dir, daß du uns aufgesucht hast!« Dann hörte er nur noch Schluchzen.

Als sich seine Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt hatten, sah er im Winkel auf Heu ein junges Weib kauern, am Busen ein kleines Kind; Er erkannte sie sofort. Vor Jahresfrist auf einer Reise in die Schweiz war er ihr das erstemal begegnet in einem Flecken bei Innsbruck. Ein frisches, unschuldiges Landmädchen, das war noch etwas Ungewöhnliches für ihn. Das Schmuckkästchen half nicht, wie beim Gretchen, der Weltling mußte all seine Verstellungskünste aufbieten, um sie zu gewinnen. Nach zwei Wochen zog Herr Kürbaum lustig weiter und hatte das süße Naturkind auch bald vergessen.

Floriana jedoch hatte auf ihn gewartet, anfangs mit Inbrunst, später mit Bangen, endlich in Verzweiflung. Als sie vor ihrem Vater das Geständnis tat, wurde er rasend. Das Mädchen floh ins Etschtal, wo ein Oheim von ihr lebte, dort fand sie zur Not Unterstand für die schwersten Tage, aber des Oheims Weib hielt es der Armen stündlich vor, daß sie hier nicht daheim sei, und so nahm sie das Kind, um damit wieder ihrem Elternhause zuzuwandern. Sie bettelte sich von Tal zu Tal, bis sie vor Erschöpfung endlich nicht mehr weiter konnte und in jener Waldhütte liegen blieb.

Das hatte Floriana nun dem Manne erzählt, oft unterbrochen durch ihre Schwäche und das Weinen vor Freude, daß er erschienen.

Kürbaum war ratlos, was hier zu tun oder zu sagen sei.

Um einen Schluck Wasser bat sie ihn; er, der einstige Verschwender, hatte nun nicht einen Schluck Wasser, um sie zu laben, er war selber dem Verschmachten nahe. Da bot sie ihm ein Körbchen mit Heidelbeeren, die sie gesammelt hatte.

»Friedrich,« sagte sie dann, »hier ist das Kind, Frieda hab' ich's geheißen. Sieh es an. Sieh doch auch mich einmal an. Bin ich denn so verdorben, daß du mich nicht mehr erkennen kannst? Das Kind mußt du hüten, daß es groß wird und brav. Ich glaube, bei mir ist's zum Sterben.« Er wendete sich ab. Sie faltete die Hände: »Friedrich! Auf der Welt ist es so schön und bist ja du wieder bei mir! Ich mag nicht sterben. Noch so jung und schon auf die Totenbahr.«

Er blieb stumm. Nicht einmal die Kraft der Verstellung hatte er mehr, um ihr ein beruhigendes Wort zu sagen.

Das Kind, in Lumpen gehüllt, schlief an der schwerwogenden Brust des Weibes.

»Wenn die Türe offen wäre!« sagte Floriana. Er öffnete sie. Das Abendrot lag draußen auf den Bäumen.

»Nicht wahr, die Waldluft, die soll ja gesund sein!« sagte sie.

»Gewiß,« versetzte er.

»Meine Eltern laß ich grüßen. Auch den Vater,« fuhr sie wie traumhaft fort. »Aber nicht wahr, mein lieber Mann, du machest mich gesund. Du bist ja ein großer Herr. Du hast mir Geld gaben wollen. Nichts wünsch' ich mir als die liebe Gesundheit. Ich will dir keine Last sein, nur leben laß mich. Mein junges Leben, nur das verlang nicht von mir!«

»Das meine gebe ich für dich!« rief er aus. »Nimm es! Nimm es!«

Sie haschte nach seiner Hand: »Du bist gut, Friedrich!« hauchte sie und legte ihre Wange zärtlich an seine Hand und streichelte sie, »ich hab's ja gewußt, daß du gut bist. Kreuz mußt du mir keines setzen auf das Grab. Aufs Kind denkest du ja und mich mußt du vergessen. Es wäre kein gutes Gedenken. Du wärest brav geblieben und ich bin dein Unheil geworden.« Sie schwieg, hielt ihren rasselnden Atem ein, um zu horchen: »Hörst du es? Hörst du es?«

Auch er horchte, nichts war, als der stille Abendfrieden.

»Die Glocken läuten,« sagte sie leise.

Es war keine Kirche weit und breit und die Kapelle, die draußen an der Straße stand, hatte keine Glocke.

»Es ist schon die Gebetstunde,« sagte sie müde und legte über dem Kinde an der Brust ihre Hände aneinander, »sie läuten zum Englischen Gruß, bete ein Vaterunser, Friedrich!«

Er neigte den Kopf, aber er betete das Vaterunser nicht, denn er wußte nicht, wie es lautete. Sie betete still und er saß neben ihr bewegungslos, wie hingebannt. Im traumhaften Zustand starrte er zur Türe hinaus, das Gold der Wipfel begann zu erblassen, die lichten Äste und Steine verdämmerten mählich und in dem Schatten sang ein einziger Vogel weiche, kurz abgebrochene Töne.

Das Weib war noch immer still und betete.

Herr Kürbaum hatte eine Empfindung wie nie bisher in seinem Leben, es war, als ob in seiner Seele etwas zu tauen beginne. Dieses junge Weib. Und -- »sie +ihn+ verführt!« Du heilige Büßerin Unschuld! -- Mit +diesem+ Weibe leben! Es muß ja groß sein, das Glück zu leben, wenn es selbst der Ärmste, Verlassenste nicht lassen will.

Als der Mann sich niederbeugte gegen ihr Angesicht, um zu sehen, ob die Betende nicht in den Schlummer gesunken sei, da sah er's.

Er rüttelte sie, er rief sie laut beim Namen. Sie war dahin ...

Da besann er sich nicht lange. Ein Tatentschluß. Vielleicht das erstemal im Leben. Er nahm eine Kohlenschaufel, die neben anderen verrosteten Geräten in einer Ecke lehnte, und ging, um draußen zwischen den Bäumen ein Grab zu graben.

Er grub und schaufelte mit Hast, aber der Moosboden war zähe, die Baumwurzeln waren hart und wollten nicht weichen. Erschöpft. Dieser Leib, dem er eine Million zum Fraß geworfen, vermochte nicht einmal eine Grube zu schaffen für ein armes Wesen, das seinetwegen gestorben war. Ohnmächtig an Seele und Leib, und nicht sterben können!

Erschreckt fuhr er auf. In der Hütte begann das Kind zu schreien. Es war erwacht, es war ihm nicht behaglich an der toten Brust.

Herr Kürbaum wankte hinein und hob das Kind auf. Die Mutter wollte es nicht lassen, ihre Arme schlangen sich starr um den Säugling. Aber als er das junge warme Leben nun an seiner Brust hielt, das Kind mit dem rosigen Antlitz, da ging eine Flut in sein Herz.

* * * * *

Noch in derselben Nacht ist er mit dem Kinde davongegangen. Ein verspäteter Jäger begegnete ihm, dem teilte er mit, daß in der Waldhütte ein Toter liege, der zu begraben sei.

Er selber mit dem Kinde fand nach langem Irren Herberge und Atzung in einem kleinen Hause, das an einem Steinbruche stand. Dort lebte ein betagtes Weib, das kurze Zeit früher ihren Mann und Ernährer durch den Tod verloren hatte. Der war Steinschläger und Kalkbrenner gewesen. Bei einem Steinsprengen durch Pulver war ihm ein Felsstück an das Haupt geflogen.

»Es ist halt so traurig in meinem Hause,« sagte die Witwe.

»So wollt Ihr mir vielleicht das Kind abnehmen?« fragte Kürbaum, nachdem er in Kürze die Schicksale desselben mitgeteilt.

»Es wäre recht,« antwortete die Witwe, »aber der Tod hat mir das Tuch vom Tisch gezogen.«

»Wenn ich für Euch steinbrechen wollte?« fragte der Mann.

»Das wäre gut, aber das Steinbrechen allein lohnt sich nicht. Mein Mann hat auch noch die Kalkbrennerei betrieben. Man verkauft den Kalk jetzt gut hinaus nach Zirlschlag.«

»Und wenn auch ich die Kalkbrennerei betriebe? Und den Erwerb brächte ich Euch, damit Ihr mir dieses Kind pfleget?«

»Ja, dann sind wir handelseins,« sagte die Alte und machte einen Handschlag. »Aber -- mit +dieser+ Hand wollt Ihr Steine brechen?«

Einige Zeit mußte er sich von der alten Witwe pflegen lassen, bis er imstande war, sein Vorhaben zu versuchen.

Und dann geschah es, daß ein Mann, der die vornehmste Erziehung genossen hatte, der zu Lebzeiten seines Vaters zwölf Jahre lang allerlei Wissenschaften betrieben, der hierauf eine Million zu erben bekommen, daß dieser Mann bei einem Halbkretin in die Schule gehen mußte, um sich und seinem Kinde das Brot zu erwerben.

Der schiefäugige, halbtaube Knecht des Verstorbenen unterwies Herrn Kürbaum, wie man den Eisenschlägel handhabt, wie die Steine am richtigsten zertrümmert werden, daß sie nicht zu groß und nicht zu klein bleiben, wie man sie in Prismen schichtet und mißt und verrechnet; unterwies ihn in der Kalkbrennerei, welche Gattung von Stein man nimmt, wie man heizt, röstet, löscht usw.

Kürbaum hätte es nicht ausgehalten, seine ganze Natur bäumte sich oft auf gegen solche Dinge, aber wenn er das Kind sah, das ihn bisweilen so treuherzig munter anblickte, da gewann er innere Kraft, und mit dieser stählte sich allmählich auch die äußere. Sein Wille erstarkte und rang mit seinen Neigungen, die auch wieder zu erwachen begannen. Ein paarmal drohte ihm das Unterliegen. »Nur den tausendsten Teil von dem, was ich der Langweile und dem Laster in den Rachen geworfen, und das Kind wäre geborgen!«

Nach und nach stellten sich auch Freuden ein. Das Kind lächelte, streichelte mit dem Händchen seine bebarteten Backen, faßte den Lederschild seiner Mütze und lallte: »--ut!«

Die Pflegemutter verstand: »Hut«, der Vater wußte es besser: »Mut!« Und er gewann ihn ganz zu eigen. --

Nach einer Weile vernahmen die Fratres des Klosters zum heiligen Anton am See, daß der wunderliche Mensch, der seinerzeit aus dem See gezogen worden war, draußen in den Träusundbergen bei einem Steinbruch wacker arbeite. Nach näher eingeholten Erkundigungen ließ der Abt an ihn folgendes Briefchen schreiben:

»Eine Million verjuxen und sich erschießen! Wie jämmerlich! -- Aber eine Million verjuxen, dann Steine schlagen, das ist tapfer! Das Kloster braucht gegenwärtig einen Straßenmeister. Wollen Sie die Stelle haben, so mögen Sie sich melden.«

So steht es heute. Friedrich Kürbaum ist wohlbestellter Straßenmeister und bewohnt mit seinem heranblühenden Töchterl und der alten Witwe das im Schweizerstil gebaute kleine Haus, das rechterhand der Straße steht, wo sie sich gegen den See hineinbiegt und ins enge Klostertal. Vom Fenster aus sieht man die Seewand und die im Hintergrunde aufragenden Felsriesen.

Ist das alles? fragt ihr. Und der Mann soll Straßenmeister bleiben?

Ihr winkt mißmutig ab? So stark sei niemand? -- Was wollt ihr denn? Der Mann hat trotz aller Schwäche die Hochschule bestanden -- die Schule des Elends. Das, was andere suchen und erjagen, hat er hinter sich, die Million. Er weiß, wie hohl sie ist, und diese Erfahrung gibt dem nun Geläuterten Ruhe und Weisheit für den Genuß des kleinen, innigen Lebens in der großen Natur.

Philippus der Hasser.

Das war ein Unhold, dieser Philipp in der Lacken, Gott, das war ein Unhold!

Er soll kohlschwarzes Haar und feuerroten Bart gehabt haben und dieses ungewöhnlichen Aussehens wegen allein schon gefürchtet worden sein. Sein Geschlecht war in dem Tale der Friesen, das breit und fruchtbar ist, uralt angesessen. Der Name »in der Lacken«, den es trug, stammte von seinem Hofe her, der wie eine kleine Ritterburg auf der Insel eines großen Teiches stand, damit er geschützt sei gegen die Feinde, von denen besonders der Philippus rings umgeben war. Die Leute nannten den Teich in verachtender Weise die Lacken, und der Philipp mit seinem Anwesen war ihnen wie die Kröte drin, aber das sagten sie nicht laut, denn der Mann war seines Reichtums und seiner zahlreichen Untergebenen wegen sehr mächtig und sehr böse.

So wie der Philippus das Haar eines Romanen und den Bart eines Germanen trug, so ähnlich mochte auch sein Blut mit den Eigenschaften der beiden Völker gemischt sein. Manchmal, wenn die guten Seiten mehrerer Völker zusammenkommen, gibt es herrliche Menschen; wenn gemischte Eigenschaften sich wieder mischen, entstehen unberechenbare Charaktere; und wenn die schlimmen Neigungen verschiedener Rassen sich vereinen, dann werden Ungeheuer geboren, wie sie aus ungemischtem Blute kaum hervorgehen können.

In Philippus hatte sich vereinigt die religiöse Entartung der Romanen und der Germanen: die Schwärmerei des Katholizismus und die Grausamkeit des Heidentums. Er war, so bildete er sich selbst ein, strenger Christ, er betete, er fastete, er hüllte sich an Sonn- und Feiertagen in einen grauen Büßermantel, in welchem er sich auf dem Kahne über den Teich rudern ließ und in welchem er in der Kirche nächst dem Hochaltare auf dem Betstuhle kniete. Er übte die strengste Enthaltsamkeit und verlangte solches auch von seinen Untergebenen. Nur eines vergaß der fromme Philippus, er vergaß der Liebe. Weil er aber doch ein heißes Herz in der Brust hatte, das imstande war, gewaltig zu pochen, so hegte und pflegte er statt der Liebe den Haß. Bei einem harten Oheim soll er erzogen worden sein und nie einen Hauch der Liebe erfahren haben. Also stand er einsam wie ein starrer Halm auf herbstlicher Heide. Selbst die äußere Natur haßte er und wollte sich an ihr rächen, wenn es regnete im Heuen oder windete in der Kornblütezeit. Öfter als einmal sah man's, wie er mit seiner Peitsche wütend in die Luft hineinhieb, daß es pfiff, um Wind und Wetter zu züchtigen, und einmal befahl er es sogar seinen Knechten, daß sie mit ihren Heugabeln gegen den Regen dreinstechen sollten. Sie taten es, kam aber nichts dabei heraus, als daß sie naß wurden. Wo es nicht sein Vorteil heischte, mit Menschen zu verkehren, da floh er sie. Lebenslustige Männer verabscheute er, liebebedürftige Weiber verachtete er, und Kinder waren ihm eine wertlose Sache, über die er auf der Gasse hinwegschritt wie über junge Hunde und Kaninchen, die man nur nicht zu Tode tritt, weil die Eigentümer darob Lärm schlagen würden. Philippus war natürlich Hagestolz geblieben, im ganzen aber hatte er sich doch so gehalten, daß männiglich sagen mußte: Er ist ein Ehrenmann! Gegen seine Blutsverwandten, gegen jedermann, der ihm nichts Übles tat, war er kalt wie ein Stein in der Bergschlucht; wenn ihm aber Böses geschah oder wo er es sich nur einbildete, daß jemand ihm Böses wolle, da begann es zu glühen und zu kochen in ihm, sein Blut schoß zurück in die Brust, daß sein Antlitz ward blaß wie Lehm und seine Fingerspitzen kalt wie Eiszapfen. Aber aus seinen kleinen Augen zuckte es in grünlichen Strahlen. Und vor einem steinernen Christusbilde, das unter der Eiche seines Hofes stand, klammerte er die Finger aneinander zu einer Doppelfaust, und flehte mit aller Inbrunst des Glaubens um Rache. In dem schönen Tale der Friesen gab es Leute, die harmlos sich des Lebens freuten in Spiel und Tanz -- er haßte sie. In einem Nachbarsdorfe lebte ein alter Mann, von dem die Sage ging, daß er der lutherischen Lehre anhänge. Diesen Mann kannte Philippus gar nicht persönlich, aber er haßte ihn so sehr, daß er nächtelang schlaflos war und darüber nachsann, was er dem »Scheusal« Schlimmes zufügen könnte. Am meisten aber haßte er einen Karrner. Dieser Karrner war in einem kleinen Eisenwerke desselben Tales angestellt, um mit einem Schubkarren Holzkohlen von dem Schoppen in die Schmiede zu befördern, wofür er einen Tagelohn erhielt, von dem er mit seiner großen Familie sehr kümmerlich lebte. Diesen Menschen haßte der Philippus über alle Maßen. Warum? Hätte er sich gefragt, er würde nicht Antwort haben geben können, denn der Karrner war ein harmloser, sanftmütiger Mensch, der niemandem ein Leides tat. Aber Philippus hatte den Drang, seinen allgemeinen Menschengroll auf eine Person niederzulegen. Der Karrner war ein armer Mann, noch dazu ein fremder, vielleicht sogar ein Andersgläubiger. Er war vor Jahren als Fremdling in das Tal gezogen und hatte sich dort eingeheimt. Aber man wußte nicht, woher er kam, und weß Abstammung er sei. Der Philippus war eines Tages zum Richter und zum Prälaten gegangen und hatte die Ausweisung des Karrners begehrt.

»Hat Euch der Mann Unrechts zugefügt?« fragte der Richter.

»Nicht mir allein,« rief der Philippus, »uns allen fügt er himmelschreiendes Unrecht zu, denn er ist da, er zehrt von unserem Korn, er trinkt von unserem Wasser. Warum soll den Erwerb, Kohlen zu führen, nicht einer der Einheimischen haben? Warum ein Fremdling?«

»Was geht das Euch an, Philipp?« fragte der Richter, »wollt Ihr Euch um die Karrnerstelle bewerben?«

»Es gibt keine Gerechtigkeit mehr,« knirschte der Philippus, verließ mit knarrenden Schritten das Richteramt und begab sich zum Prälaten.

Vor diesem ließ er im Beutel Geld klingen und stellte ihm vor, daß der Josue das Verderben der Leute sein würde, wenn man ihn nicht fortweise, denn er sei sicherlich kein Christ. Solcher Mensch gebe ein arges Beispiel, wie man auch als Unchrist leben könne, ohne vom Blitze erschlagen zu werden, und er gebe das noch weit schlimmere Beispiel, daß der Mensch sozusagen seine Pflichten erfüllen könne, ohne Christ zu sein. Wäre der Josue ein schlechter Hund, ein Räuber und Mörder, so könne man ihn ganz gut in der Gegend belassen als Exempel, was ein Unchrist ist. Weil er aber zu den sogenannten braven Leuten gehöre, eben darum müsse er fort. »Es darf keiner brav sein, der Unchrist ist!« schrie Philippus.

Der Prälat lächelte ein wenig. Dann sagte er: »Lieber Philippus! Euer Eifer um die Ehre der christlichen Kirche ist ganz löblich, vorerst aber wird es nötig sein, daß Ihr selber Christ werdet. Prallet nicht auf, mein Freund! Ihr seid vom höllischen Haßteufel besessen, und Christus, unser Herr, hat gesagt, liebet euch untereinander, liebet auch eure Feinde! Darin unterscheidet sich ja eben unsere Religion von den Religionen der Heiden und Juden, daß sie Liebe ist. Darum eben ist die christliche Religion göttlich, darum verwandelt sie in ihrer Hand den Stein zu Brot und das Brot in den Leib des Herrn, weil sie lautere Liebe ist. Darum verwandelt sie den tierischen Menschen zum sittlichen, zum hochgesinnten, uneigennützigen, opferfreudigen Kinde Gottes, weil sie lautere Liebe ist und Liebe verlangt überall. Viele Tausende von Jahren bestand das Menschengeschlecht vor Christus schon; zahllose Religionen lebten auf, gingen nieder, in den Menschen war das Gesetz des Eigennutzes, des Hasses, der Rache oder des stumpfen Hinsiechens an Herz und Geist. Da kam unser himmlischer Christ mit der Liebe. Und keine Religion hat die Menschen so hoch gehoben, als die christliche; die Milde, das Wohlwollen, der Friede, die Weltfreude auch, und das irdische Glück in seiner reinen Form, die ganze menschliche Gesittung, die in den Besten der Gegenwart Ausdruck findet, all das ist ein Werk des Christentums. Der Christ haßt das Laster, die Verworfenheit als den bösen Feind, aber den Menschen als solchen, sei er wer immer, den haßt er nie. -- Nein, lieber Philippus, der Josue ist ein fleißiger Arbeiter, ein braver Mensch, so viel ich weiß, der niemandem etwas Böses tut, den wollen wir nicht verjagen. Wollt Ihr ihm schon zeigen, daß der Christ höher stehen kann, als etwa der Heide, so geht hin und schenkt ihm einen Beutel mit Geld für seine armen Kinder.«

Sehr erbost verließ der Mann den Priester, die Treppe herab noch wiederholt das Wort »Pfaffe!« murmelnd. Wußte er doch, daß in den alten Schriften, die er besaß, ganz anderes zu lesen stand. Die Zauberer, die Hussiten, die Juden, die Lutherischen verbrannt auf dem Scheiterhaufen! Das waren noch schöne, gottwohlgefällige Zeiten.

Unterwegs mußte Philippus an dem Eisenwerke vorbei; auf der Brücke des Hammerbaches begegnete er dem Karrner Josue mit der Kohlenladung. Mit heftigem Stoße prallte er an ihn, so daß der Karrner über die geländerlose Brücke in den Bach stürzte. Dann eilte er leicht wie auf Flügeln davon und rieb sich die Hände und ein Wohlgefühl war in ihm, wie er es noch nicht oft genossen hatte.

Aber am dritten Tage, als er das Begräbnis des ertrunkenen Josue erwartete, ward Philippus zum Richter gerufen und dort stand der Karrner lebendig und ganz wieder trocken. Der Josue klagte ihn an. Philippus verteidigte sich: Natürlich war es nicht absichtlich, sondern ganz zufällig geschehen, daß er auf der Brücke an den Karrner gestrichen, der mit seiner ungebührlich breiten Fuhr die ganze Brücke eingenommen; der Karrner sei aber ein so maßlos boshafter Mensch, daß er absichtlich in das seichte Wasser gesprungen sein müsse, um nachträglich zu behaupten, er wäre hinabgestoßen worden. Nicht allein, daß er, Philippus, vollkommen frei von Schuld sei, verlange er auch eine Züchtigung dieser niederträchtigen Kreatur.

Der Richter war aber von der eigentlichen Gesinnung Philipps so überzeugt, daß er ihn auf drei Wochen in den Kerker führen ließ wegen mutwilliger Gefährdung des Lebens eines anderen.

Das ist dem Philippus, genannt Philipp in der Lacken, passiert. Nun kann man sich denken, daß sein Haß und seine Rachgier im kühlen, feuchten Aufbewahrungsorte nicht verkümmerten, und in der Tat, als er wieder an das Sonnenlicht kam, war er abgemagert bis zum Gerippe und sein langes schwarzes Haar und sein langer roter Bart war wirr und wüst und stellenweise schimmelig. Das Fasten und das harte Lager konnten ihn nicht so heruntergebracht haben, denn derlei Bußübungen waren ihm nicht fremd, aber der Haß! Der Haß, dieses Ungetüm, hatte, als es an fremden Körpern nichts zu beißen fand, sich gegen den eigenen gekehrt und in ihm unbarmherzig genagt und gewütet. Philippus zog sich zurück auf seinen Hof in der Lacken und ließ sich lange nicht mehr sehen. Er las in seinen alten Schriften, und weil das »Vaterunser« ihm viel zu matt und weich schien, so erfand er sich für seine Person ein eigenes Gebet, das er an jedem Morgen und an jedem Abende mit größter Inbrunst sprach. Das Gebet war voller Kraft und Glut, es lautete:

»Herrgott, Allmächtiger im Himmel! Strafe die Unchristen und die Fremdlinge und die Kinder der Welt und alle meine Widersacher. Strafe meine Feinde. Zermalme sie mit Deiner Faust, zertritt sie mit Deinem Fuß, daß das Eingeweide fahr' aus ihrem verfluchten Leibe. Ich bete Dich an, o heiliger Rächer! Lichter aus reinem Wachse sollen brennen vor Deinem Tabernakel! Laß Dein rosenfarbiges Blut nicht umsonst geflossen sein für mich, töte meine Feinde! Gib, daß sie erblinden im Walde und in den Abgrund stürzen! Sende Deinen Blitz an die Tore ihrer Häuser, daß sie den Ausweg nicht finden und im Feuer umkommen! In ihr Trinkwasser gieße die Pest! Rufe die Kriegsheere der Erde, daß sie metzelnd Dein Reich befreien von dem Unzücht! Herrgott, mich, Deinen treuen Diener, lasse nicht zu Schanden werden. Amen.«

Also war die Andacht Philipps, aber es war ihm leichter, nur solange er betete; denn es geschah nichts von allem, was er flehte, seine Wut war nichts als die Waffe des Ohnmächtigen.